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Teil IV – Momentum

Die Praiosscheibe hing weit hinter den Wolkenfetzen und ließ diese so rot aufglühen, dass man den Eindruck bekam, dass der Himmel bluten würde. Überall auf den Zinnen der Festungsmauern hatten die Bogenschützen und frisch ausgebildeten Infanteristen ihren Platz gefunden. Gustav schritt die Reihen der jungen und alten Soldaten und Rekruten ab. Er spürte, dass viele von Ihnen Angst hatten – sie wussten zu wenig und gleichzeitig zu viel, um keine Angst zu haben. Auch Gustav war nicht in alle Geheimnisse eingeweiht worden, doch eins war ihm klar – denn er hatte sich oft mit dem schmalen Studiosus unterhalten, der sehr redselig über die Jenseitigen war – wenn wirklich der Vortex für diesen Wall verantwortlich war, dann war mit dem, was folgte, nicht zu spaßen. Gustav ertappte sich dabei, wie er an seinem Glücksbringer herumfingerte, den er als Amulett um seinen Hals zu hängen hatte. Es war eine kleine Schnitzerei aus Zedernholz, die eine löwengesichtige Frau zeigte – die Heilige Thalionmel. Gustav hatte das Figürchen mal auf dem Markt in Hammerschlag erstanden. Ein Krämer aus dem Ausland hatte sie ihm verkauft. Hilf mir Thalionmel und lass mich heute nicht sterben, doch wenn es sein muss, dann ehrenhaft bei der Verteidigung gegen einen übermächtigen Gegner – so wie du einst. Gustavs stilles Gebet ging rasch. In einem der kleinen Wehrtürme umschloss er die kleine Figur mit der ganzen Hand und hielt für einen Moment inne. Dann ging er weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er wollte nicht, dass die Soldaten sehen, wie er betete, denn er glaubte, dass würde ihnen ihr Vertrauen ihn ihn rauben.

Gustav erreichte die Position, an der Lady Brangane Posten bezogen hatte. Er sah noch, wie der in grau gehüllte Studiosus sich verneigte und rücklinks ehrfürchtig den Platz räumte. Offenbar war der ‚kurze Exkurs‘ gerade beendet worden. „Ich kann nachempfinden wie euch nun zumute ist, MyLady“, brummte Gustav im Versuch, sich mit ihr zu verbrüdern und versuchte unter seinem dichten Bart ein Lächeln zu zeigen, doch vergebens. Gustav spielte auf den Moment an, als auch er den ‚kleinen Exkurs‘ über den Vortex von Halrik bekommen hatte. Ihm war danach schwindelig geworden – und zu allem Überfluss wurde auch noch sein Weltbild durcheinander gebracht. So recht wollte er all das jedoch nicht glauben, denn immerhin gab es keine handfesten Beweise dafür. Selbst jetzt zweifelte er am Wahrheitsgehalt dieser ganzen Vortexgeschichte. Ja, er gestand sich ein, dass es Dinge gab, die seinen Geist überstiegen, aber dass es irgendwo eine Kraft gab, die so mächtig war, dass sich die Götter davor fürchteten, das bezweifelte er. Auch jetzt war er sich noch nicht sicher – vielleicht hatte dieser seltsame Wall nur wieder etwas mit einem misslungenen Zauber zu tun. Die Festung Friedstein war schon einmal von einem misslungenen Zauber gebeutelt worden, warum nicht auch dieses Mal? „Beim heiligen Pferdeschwanz Yppolitas, du weißt nicht, wie mir zumute ist“, entgegnete Lady Brangane trocken im neutralen Tonfall, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Gustav wusste nicht, wie er diese Antwort bewerten sollte und entschied sich daher für ein ergebenen und einfaches: „Wie ihr wünscht, MyLady.“

Gustav blickte über die gedrungenen Zinnen hinüber zum Firmament, der Anblick der roten Wolken und der glühenden, fast untergegangenen Praiosscheibe war berauschend. Doch dann traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Die Wolkenfetzen, sie sahen vorhin genauso aus. Hastig suchte er die ferne nach Hinweisen ab, ob sich etwas verändert hatte. Doch sowohl die Praiosscheibe, als auch die Wolken, sahen noch genauso aus, wie zu dem Zeitpunkt, als er in der Ratskammer stand. Durch das Fenster der Ratskammer hatte er vom Kartentisch aus einen guten Blick nach draußen – und das gesamte Firmament hatte sich nicht ein bisschen verändert. „Beschissene Magie“, entfleuchte es ihm. Brangane sah ihn nur mit einem fragenden Blick an. „Die Praiosscheibe“,  begann er zu erklären, „… sie hat sich seit vorhin nicht bewegt. Der ganze scheiß Himmel hat sich nicht bewegt. Die Wolken sehen noch genauso aus, wie vorhin, als wir in die Ratskammer gegangen sind.“ Gustavs bürgerlich fäkaler Ausdruck schien Lady Brangane nicht zu stören, sie blickte nur ihrerseits zum Firmament „Ich kenne mich damit nicht so aus, aber du hast recht.“ Antwortete sie. Gustav nickte ihr – oder vielmehr sich selbst – zustimmen zu. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, was genau Brangane mit ‚damit kenne ich mich nicht aus‘ meinen konnte, wurde die Ruhe durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Sichtung!“

Etwa zur selben Zeit eilten Ser Gneisor und der junge Knappe Ingmar scheppernd durch die Treppengänge der Wehrfrieds. Die Erkenntnis, dass sich die Außenwelt seit dem unsichtbaren Wall nicht weiter bewegt hatte, hatte Ser Gneisor die Hoffnung genommen, dass Hilfe von außen kommen würde und ihn hektisch werden lassen. ‚Abwarten‘ war nun nicht mehr die Strategie, sondern Handeln – irgendetwas – und wenn es das falsche war. Aber sie mussten etwas tun. Wenn die Außenwelt sich nicht veränderte, das Innere aber schon, waren sie in einer anderen Zeit gefangen. In voller Plattenrüstung waren die beiden Männer nicht ganz so schnell unterwegs, doch dafür umso lauter. Bei ihrem Weg nach unten rannten sie fast einen Diener über den Haufen. „Entschuldigung!“, rief Ingmar noch kurz, als das silberne Tablett des Dieners nicht minder scheppernd zu Boden fiel. Sein Anstand befahl es ihm, auch wenn es in Anbetracht der Situation und seines Standes nicht nötig war. Gneisor eilte voraus, er erreichte gerade den letzten Treppenabsatz, als er mit der ganzen Wucht seines Gewichts, plus das seiner Rüstung, gegen etwas gegen schepperte. Doch Gneisor hatte mehr Bewegungsmoment als das getroffene Objekt. Der Ritter kam nur kurz ins Straucheln, fing sich dann aber an einem massiven Fackelhalter ab. Bücher und Pergamentrollen stoben unkontrolliert durch den Gang – die in eine graue Robe gehüllt Gestalt flog mit der Wucht eines Baumstamms der von einem Stapel rollte gegen – den Göttern sei Dank – weiches Kanapee im Gang. Es rumpelte und schepperte, einzelne Blätter aus den Büchern zerrissen in der Luft und gingen wie Federn langsam nieder. „Aaaauuu!“, quiekte Halrik, der mit Schmerzen in allen Gliedern zu Boden sank. Ingmar sauste an seinem Herrn vorbei, er eilte zu Halrik und half ihm auf. „Bei der Leuin, geht es euch gut?“, erkundigte er sich besorgt. „Auu! Die Leuin hat rein gar nichts damit zu tun!“, keifte Halrik in einem ungewohnt aggressiven Ton zurück, doch ein leichtes Wimmern hing noch in seinem Unerton. „Entschuldigt euch lieber bei der Herrin des Wissens, dass ihr so ein heilloses Durcheinander verursacht habt. Seht euch das an!“ Seine eigene Prellung ignorierend, stürzte sich Halrik auf die zerfledderten Pergamentrollen und zerknautschen Ledereinbände. Auch Ser Gneisor hatte sich wieder gefangen und hob eins der Bücher auf. Seine Finger tasteten über einen zerdrückten Buchrücken. „Halrik, du musst die Abschrift aus der alten Senne weiter durchsehen – wir haben ein Problem“, begann der Marschall. „Die Abschrift ist, Hesinde sei Dank, gut verschlossen und sicher vor marodierenden Rittern in der Bibliothek.“ Ser Gneisor blickte verdattert zu dem Studiosus. Hatte der Junge ihn etwa gerade angefahren? Er lernte heute ganz neue Seiten des jungen Gelehrten kennen. Ser Gneisor entschloss sich, den Seitenhieb zu übergehen, es gab jetzt weitaus wichtigeres. „Ich komme gleich zur Sache, der Raum und die Zeit um uns herum wurden angehalten. Die Praiosscheibe bewegt sich nicht mehr. Wir können ergo auf keine Hilfe von außen hoffen. Du musst in den alten Schriften nachsehen, ob darin etwas dergleichen schon einmal erwähnt wurde und wie wir es beenden können.“ Während Ingmar weiter beim Einsammeln der Schriftrollen half, streckte sich Halrik langsam hoch, den Schmerz in seiner Hüfte weiter ignorierend. Sein Blick traf den des Ritters. „Im Namen der Zwölfe … das ist …“ „Lösbar!“, warf Gneisor ein, noch bevor Halrik antworten konnte. „Und du bist unser einziger Mann hier, der diese Schrift lesen und die Bücher entziffern kann – DU – Halrik – wirst uns hier rausholen.“ Ser Gneisor trat auf den Gelehrten zu und legte seine in Plattenhandschuhe gehüllten Hände auf dessen schmale Schultern, die darunter verschwanden. Der Blick des Ritters durchdrang die äußere dünne Hülle Halriks und traf ihn direkt ins Mark.

Ich?! Ausgerechnet ich soll für die Rettung aller verantwortlich sein? – Durchschoss ein Gedanke den Studiosus. Gneisors Worte packten Halriks Ehrgeiz am Kragen und schüttelten ihn wach. „Ich muss in die Bibliothek.“ sagte er ernst. Ser Gneisor war froh, den Knaben wieder auf Spur gebracht zu haben und nickte ihm anerkennend zu. „Geh, wir werden draußen bei der …“ begann Ser Gneisor, doch er wurde vom Ruf des Knappen unterbrochen. „SER!“ die Stimme des Knappen vibrierte förmlich. Halrik und Gneisor blickten erschrocken zu ihm, er stand ein paar Schritt neben Ihnen in Richtung eines Fensters. Der Knappe ließ die Pergamente und Schriftrollen fallen und griff gerade nach seinem Kurzschwert. Das rotorange Licht im Gang verfinsterte sich, als sich ein mächtiges, abscheuliches Wesen durch die Fensteröffnung drückte.

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