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Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)

Teil III – Hasardeure (2)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Ha!“ Albrax’s Axt trennte einen Unterarm vom Rest des Körpers. Blut schoß durch die Luft. „Huh!“ Die Axt wirbelte in der Luft herum und drang dann tief in den Oberkörper des Söldners ein. „Hehe!“ Mit dem metallischen Endstück des Stils wehrte er gekonnt den Schwerthieb einer Söldnerin ab und ging ohne Unterbrechung zum Gegenangriff über. „Nimm das!“ Sofort sank sie auf die Knie, als sich Albrax‘s Axtblatt tief in ihre Hüfte schob. „Klonk!“ Mit der Wucht eines wasserbetriebenen Stampfwerks hämmerte Albrax seinen Helm gegen ihre Stirn. Sie wurde nach hinten über geschleudert und stand nie wieder auf.  „Was für ein Spaß!“, intonierte er auf der Suche nach einem neuen Gegner. Seine Brüder und Schwestern kämpfen noch gegen die inzwischen dezimierten Söldner, die entgegen seiner Erwartung bis aufs letzte Blut kämpften. Was ihn insgeheim ein kleines bisschen freute, denn im Hinterherrennen war er nicht so gut. Zumal es sich für einen Hochkönig nicht geziemte, einem fliehenden Feind nachzustellen. Dafür gab es schließlich Armbrüste. Albrax erblickte Kalkarib, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Er humpelte und wehrte sich mühsam gegen einen Söldner mit einem Breitschwert. Albrax verließ die Kampfreihe der Zwerge, welche sofort von seinen Brüdern und Schwestern geschlossen wurde. Seine knubbeligen Finger griffen nach etwas an seinem Gürtel, als er hinter den Reihen der Angroschim langging. Der junge Wüstensohn hatte Mühe mit seinem Gegner, was wohl an seiner ihn benachteiligenden Verletzung lag. Albrax‘ Arm beschrieb einen Halbkreis, als er durch die Luft zuckte. Im nächsten Moment schaute aus dem Oberschenkel des Söldners der Griff einer Wurfaxt heraus. „Aaaagh!“, brüllte dieser, der sich fortan auf Paraden beschränkte, da Kalkarib in die Offensive ging. Den schnellen Bewegungen des Novadis war der verletzte Söldner nicht gewachsen. Es dauerte keine zehn Momente, bis er seinen Gegner überwältigt hatte und auch dieser Söldner zu Boden ging. Als Kalkarib seinen Khunchomer am Wappenrock des Mannes abstrich, erblickte er den neben ihm stehenden und unter seinem grauen Bart breit grinsenden Hochkönig. „Mir erschien das gerechter“, brubbelte er plötzlich mit roten Pausbäckchen und zuckte kurz mit den Achseln. Was bei einem Zwerg mit seinem Format so aussah, als würde eine gedrungene Eichentruhe den Versuch unternehmen hüpfen zu wollen. Albrax hatte ihm bei seinem Kampf geholfen, in der er seinen Gegner eine ähnliche Verletzung zufügte wie die, die er hatte. Auf diese Weise konnte er seinen Gegner selbst überwinden und seine Ehre erhalten. Kalkarib blieb keine andere Wahl als „Danke“ zu sagen. „Gern geschehen Junge.“ Albrax zwinkerte ihm zu und beide blickten über das Kampffeld. Die Angroschim hatten inzwischen ohne ihn den Sieg errungen, alle Söldner waren besiegt. Die beiden Männer blickten daher zur Anhöhe, wo noch kurz zuvor Sieghelm den Anführer der Gruppe die Stirn geboten hatte. Sie waren nur zwanzig Schritt davon entfernt, und im schwachen Fackelschein der Nacht konnten Sie nicht alles klar erkennen, aber was sie dort sahen, ließ sie beide den Atem anhalten.

Baron Markwart hüstelte und grinste noch immer, als er sich erhob und ausreichend Abstand zwischen sich und Sieghelm brachte, um mit der scharfen Seite seines langen Warunker Hammers den Kopf vom Torso des Ritters trennen zu können. Sieghelms Krämpfe waren noch immer so stark, dass er absolut gar nichts dagegen ausrichten konnte, nicht einmal ein Stoßgebet an die Herrin drang ihm über die Lippen. Das einzige, was er tun konnte, war ihm nicht die Genugtuung zu geben, die Angst in seinen Augen zu sehen, weshalb er sich dafür entschied, selbige zu schließen. Es war ohnehin besser, so würde er die tödliche Klinge nicht kommen sehen. Er dachte an seine Familie, an seinen Vater Parzalon, den er nun nie wieder sehen würde und zu dessen Hilfe er eigentlich unterwegs war. Er dachte an seine beiden Brüder, Traviahold und Torion. Sein kleiner Bruder Traviahold hatte inzwischen eine Familie gegründet und war sogar Abt eines eigenen Klosters. Torion, der ebenfalls eine Familie hatte, setzte die Blutlinie fort und befand sich wohl gerade im Familiensitz in Dettenhofen. Wie er wohl reagieren wird, wenn die Nachricht kommt, das sowohl er, als auch ihr gemeinsamen Vater ihr Leben auf dem Schlachtfeld gelassen hatten? Immerhin wird er dadurch Baron von Dettenhofen. Während ihm seine Gedanken durch den Kopf schossen, bemerkte Sieghelm nicht, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Anscheinend ließ sich Markwart viel Zeit und kostete seinen Sieg in vollen Zügen aus. Da berührte ihn plötzlich etwas an der Wange, etwas kaltes und gleichwohl weiches. Er riss die Augen auf, und was er sah, konnte er nicht glauben. Es war Adellinde, die ihm ihre rechte Hand auf die linke Wange legte, während sie die andere Hand mit ein paar Kornähren zur Faust geballt auf Markwart richtete, der doch tatsächlich davon angewidert zurückwich. Ein göttlicher und kaum wahrnehmbarer Glanz lag auf der Aura der zierlichen Priesterin. Sieghelm wusste nicht, ob er das wirklich sah, oder ob das an dem Gift lag, das er eingeatmet hatte. Adellinde sprach dann mit seidiger Stimme und ihre Worte beruhigten ihn: „Habt keine Angst. Ich bin bei euch, Herr Ritter.“ Wobei ihre Stimme sich für ihn wie göttliches Harfenspiel anhörte. Und tatsächlich, seine Angst verflog. Für einen klitzekleinen Moment lächelte sie ihn an, was Sieghelms Herz höher springen ließ. Er wollte ihr danken, ihr irgendetwas sagen, doch er konnte nicht. Dann schloss sie die großen blauen Augen und sprach: „Heiliger Therbûn, mögest Du diesen Gläubigen leiten! Gnädige Peraine, schenke diesem Gläubigen Gesundheit!“ Während ihrer Worte wurde ihre Handfläche angenehm warm. Dann erhob sie sich und stellte sich breitbeinig zwischen ihm und Markwart verteidigend auf. Ihre Faust war dabei noch immer auf den schwarzen Ritter gerichtet. Sieghelm wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, Markwart zurückzudrängen, aber er bewunderte ihren übermenschlichen Mut, sich ihm alleine und nur mit ein paar Kornähren bewaffnet zu stellen. Er spürte wie die Betäubung aus seinen Gliedern wich und er wieder Kontrolle über seine Muskeln bekam. Die Krämpfe ließen nach, doch an ihre Stelle trat erschöpfter Schmerz, als hätte er den Hindernisparcour in der Kriegerakademie zum dritten Mal absolviert.

„Glaubst du wirklich, dass du mich damit aufhalten kannst, du hübsches Ding?“, bellte Markwart wütend, dessen Gesichtsausdruck immer verzerrter wurde. „Ich bin Adellinde, ergebene Dienerin Peraines, und es war mein Tempel und es waren meine Brüder und Schwestern in Perz, die du geschändet hast“, erklärte sie. Ihre sonst so zarte Stimme war plötzlich durchdrungen von Entschlossenheit. Es war kein Funken Wut in ihr und kein Zorn lag auf ihrem Gesicht. In Markwarts Gesicht hingegen glomm unterdessen die Erkenntnis, dass sie hier war, um seine Taten in Perz zu vergelten. „Aaaaahh, du willst Rache, Mädchen.“ Als er das Wort ‚Rache‘ aussprach, wuchs wieder ein hämischen Grinsen auf ihm an. „Nein“, konterte sie kühl, was Markwart überraschte. „So, wie eine Eiche, in der die Spitze eines Pfeils steckt, keine Rache gegenüber dem Pfeil verspürt, so verspüre auch ich keine. Stattdessen lebt der Baum damit weiter und überwuchert den Fremdkörper. Peraines Güte ist größer und beständiger, als das kurzlebige und verderbende Gift, das dir Mishkhara schenkt, Paktierer.“ Für einen kurzen Moment wusste der Baron darauf nichts zu erwidern. Stattdessen griff er nach seinem Warunker Hammer und ging zum Angriff über. „Dann stirbst du hier! Dummes Ding!“ Adellinde hatte noch immer nichts zu Verteidigung, außer ihre paar Kornähren und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er würde sie mit einem einzigen Hieb spalten. Markwarts Mimik war eine Mischung aus süßem Schmerz und Freude, als er das Axtblatt von weit hinter sich schwang und über ihrem Kopf niederschießen ließ, denn noch immer war ihm nicht wohl in ihrer Nähe, aber er freute sich gleichzeitig, seine Arbeit in Perz vollenden zu können. Da knallte ein Donnerschlag über die Anhöhe, der alles, bis auf ein kaum hörbares ‚Nein!‘ eines wiedererstarkten Reichsritters übertönte. Mit aller Kraft und noch immer unter erschöpfenden Schmerzen hatte sich Sieghelm hinter ihr hochgestemmt, mit Custoris ausgeholt und mit der Wucht eines Auerochsen, der gegen ein Scheunentor rannte, gegen den Hieb des Barons geschlagen. Die Klingen kreuzten sich nur knapp vor Adellindes Gesicht, die nicht einmal mit der Wimper zuckte. Funken, Holz- und Metallsplitter spritzten in alle Richtungen, als der Paktierer zurücktaumelte. Der Kopf seines Hammers flog im hohen Bogen davon, Sieghelms Hieb war so stark gewesen, dass er glatt den langen Stil am Metallteil durchtrennt hatte. Markwart hielt nun nur noch einen abgebrochenen Stecken in der Hand. Seine Kampfhaltung ließ zu wünschen übrig, als sich Sieghelm lautstark prustend und mit blutunterlaufenden Augen schützend vor Adellinde schob. „Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Sieghelm, der Mühe hatte, die Worte auszusprechen. Markwart blickte verbittert auf das ausgefaserte Ende seines Steckens und warf ihn dann missmutig zur Seite. „Wollt ihr es so beenden? Nennt ihr das rondrianisch, einen Unbewaffneten zu erschlagen?“, spottete er und spieh dabei mehrere Klumpen Spucke aus. Er hatte recht, auch wenn er ein Paktierer war, es lag keine Ehre darin, einen Unbewaffneten zu erschlagen – und rondrianisch war es allemal nicht. Dann sah Sieghelm eine Lösung. „Dort ist ein Waffenständer, wählt eure Waffe und ich schenke euch einen raschen Tod, wie es sich für einen Adeligen gebührt.“ Mit der Spitze seines Anderthalbhänders deutete er auf einen nahen Waffenständer in dem Äxte, Streitkolben und Kriegshämmer standen. Markwart rümpfe angewidert die Nase, als er die Waffen erblickte. „Wir wissen beide, das ihr mir im Kampf überlegen seid, ich habe euch auf dem Mythraelsfeld kämpfen sehen, was soll das ganze also?“ Sieghelm schnaufte verächtlich und setzte dann mit ernster Stimme zu einer Erklärung an. „Wenn ihr euch nicht wie ein Adeliger verhaltet und sofort zu einer Waffe greift, dann werde ich euch wie einen Gemeinen behandeln. Ich lasse euch gefangen nehmen, werde euch an den Händen fesseln lasen und werde euch hinter meinem Pferd im Galopp über die Reichsstraße ziehen, bis von euch nur noch ein blutiger Klumpen übrig ist.“ Das hatte gesessen. Auch wenn Baron Markwart ein Paktierer war, aber so wollte auch er nicht sterben. Bei Markwart zeichnete sich blutrünstiger Hass auf seinem zerfledderten Gesicht ab. Widerwillig holte er sich einen zweihändigen Kriegshammer und stellte sich dann kampfbereit auf. „Ich muss euch bitten, nun etwas zur Seite zu treten, euer Gnaden. Ich übernehme wieder“, sagte Sieghelm mit sanftmütiger Stimme rücklings gewandt zu Adellinde, die ihre Haltung kein bisschen verändert hatte. Sie nickte nur, senkte die Faust und trat dann ein paar Schritte zurück. Augenblicklich verschwand auch die glitzernde Aura von ihr. „Gute Entscheidung, Euer Hochwohlgebohren.“ Sieghelm nickte seinem Kontrahenten anerkennend zu.

„Ich muss ihm helfen!“, sagte Kalkarib besorgt im novadischen Akzent. Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, eilte er auf die Anhöhe los. Doch er wurde jäh in der Bewegung unterbrochen. Der Hochkönig, der sich trotz Kalkaribs Bewegungsmoment keine Haarbreite bewegt hatte, hatte ihm am Handgelenk gepackt und hielt ihn an Ort und Stelle fest. Der Novadi blickte ihn ernst an, warum in Rastullahs Namen hielt der Zwerg ihn davon ab, Sieghelm zur Hilfe zu eilen? Es war offensichtlich, dass nicht nur er, sondern auch Adellinde in Gefahr waren. „Ganz ruhig, mein Junge.“ Albrax‘ Stimme war zugleich beruhigend und bestimmend. „Diesen Kampf muss er alleine bestehen.“ „Seht ihr denn nicht, wie er dasteht? Er ist verletzt!“, konterte Kalkarib im Tonfall eines Kindes. Albrax ruckte am Arm des Novadis, der daraufhin aufhörte zu zappeln. Mit sehr ernster Miene sah der alte Zwerg dem großen Novadi in die Augen. Seine buschigen grauen Augenbauen wippten dabei auf und ab. „Ja das ist er, aber es ist ein rondrianischer Kampf – und wenn ich etwas über Rondra in den letzten 200 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann, das es egal ist, wie der Kampf ausgeht, solange er rondrianisch bleibt.“ Mit den letzten Worten ließ Albrax‘ den Novadi los, der Mühe hatte, sich aufgrund seines verletzten Beins zu fangen. Doch vom durchdringenden Blick des Zwergen konnte er sich nicht lösen. Kalkarik dachte nach, es lag viel Weisheit in den Worten des kleines Mannes. Er selbst verstand nicht viel von den Zwölfen, aber auch er hatte ein Ehrgefühl. „Sieh es wie den Kampf eben, wie würde es dir ergehen, wenn ich den Mann meine Wurfaxt in den Kopf und nicht in sein Bein geworfen hätte – oder willst du mir unterstellen, dass ich das nicht gekonnt hätte?“  Beim letzten Satz schob Albrax trotzig sein bärtiges Kinn nach vorne. „Nein, keineswegs!“ Kalkarib machte eine abwehrende Geste. Albrax‘ Haltung entspannte sich wieder, und nach einem kurzen Moment zwinkerte er dem Novadi zu. Sofort lächelte das Gesicht hinter der knolligen Nase wieder. Kalkarib wurde einfach nicht schlau aus dem Zwerg. Aber er hatte Recht, es war eine Angelegenheit der Ehre, ihn den Kampf alleine austragen zu lassen. Einerseits blickte er den Zwerg nun noch immer etwas wütend an, da er von ihm aufgehalten wurde, aber andererseits war er dankbar, dass er ihn daran erinnert hatte. Während das Donnern von Custoris begann, gingen die beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die Anhöhe hoch, um dem rondrianischen Tanz zuzuschauen.

Sieghelm, der noch immer unter Erschöpfungsschmerzen litt, war schwerfälliger als sonst. Und Baron Markwart steckte noch immer in einer ihm weit überlegenden Rüstung. Er wusste jedoch, dass solange eine Dienerin Peraines anwesend war, es keinen Sinn mehr hatte, auf seine giftigen Paktgeschenke zurückzugreifen. Es musste es also in einem Kampf Mann gegen Mann austragen. Es war keinesfalls Sieghelms schönster Kampf den er je ausgefochten hatte, aber in seiner Vorstellung blickte die donnernde Göttin trotzdem in diesem Moment auf diese Anhöhe, und sah mit Wohlwollen dabei zu, wie er – ihr Auserwählter – einen Paktierer Mishkhara auf rondrianischem Wege besiegen würde. Rundherum versammelten sich die Zwerge, Kalkarib und Adellinde – der so entstehende Kampfplatz war ergo groß genug für die beiden Kontrahenten. Der Reichsritter tauchte jedoch so sehr gedanklich in den Zweikampf ab, dass er seine Freunde um ihn herum nicht wahrnahm. Begleitet nur vom sanften Knistern der Fackeln und in ihrem schwachen Schein, rang der Reichsritter des Greifenthrons zu Gareth den Paktierer unter Aufbringung großer Schmerzen nieder. Markwart von Graufenck aus Eslamsbrück, Baron von Taubrimora, verstarb im ritterlichen Zweikampf in einem Wäldchen nahe Perz, erschlagen von Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher – so würde es zumindest in die Geschichtsbücher eingehen. Der Kampf war auch rondrianisch, doch zwischendurch hatte der Baron Sieghelm etwas zugeflüstert, was sonst niemand anderes vernahm, was ihn anschließend in einen blutrauschartigen Zustand versetzte. Letztlich waren Albrax und drei weitere Zwerge gezwungen Sieghelm von Markwart herunter zu ziehen, als dieser mit dem Knauf seines Schwerts nur noch blutige Klumpen in den Boden stampfte, wo einst das eingefallene und kranke Gesicht des Barons war. „Hoffen wir, das Rondra rechtzeitig weg geschaut hat“, sagte Adellinde mit besorgter Stimme noch zu Albrax, als die beiden zu Sieghelm schauten, nachdem dieser sich beruhigt hatte und an einem Baum gelehnt die blutigen Klumpen Gehirn des Barons von den Händen wischte.

Wenig später, als die Angroschim den Kampfplatz aufräumten und Sieghelm um einen Moment der Ruhe bat, trat Adellinde an den auf dem Boden sitzenden Kalkarib heran. Sein linker Oberschenkel war inzwischen angeschwollen und schmerzte so sehr, dass er nicht mehr stehen konnte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich bei ihm und kniete sich zu ihm nieder, während sie schon begann in ihrer Stoffumhängetasche zu kramen. „Mich hat ein Streitkolben getroffen“, sagte er nur. Er hatte außerdem ein paar kleine Blessuren, hier und dort ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmes. „Was habt ihr vor?“, schob er noch interessiert hinterher, da er schon ahnte, was sie machen wollte. Doch würde er keinesfalls eine Ungläubige, und schon gar nicht eine unverheiratete Frau, seinen Oberschenkel berühren lassen. Sie fingerte aus der Tasche ein paar Kräuter und ein Salbendöschen. „Zieht eure Hose aus“, sagte sie. Da zuckte Kalkarib und sprang im Sitzen auf und ab, dass ihm sein Bein noch mehr wehtat. „A-Auf keinen Fall!“ Adellinde belegte Kalkarib mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ernsthaft?‘ „G-Gebt mir die S-Salbe und die K-Kräuter, ich mach das alleine“, stotterte er, was in Verbindung mit dem Novadi-Akzent besonders putzig für Adellinde klang. Er versuchte ihr beides aus den Händen zu reißen, doch sie drehte sich so ein, dass beides hinter ihrem Körper war und er sie nicht erreichte. „Was genau ist euer Problem?“ Ihre Blicke trafen sich und Kalkarib wusste nicht, wo er anfangen sollte.
‚All das!‘ wollte er ihr entgegen rufen, doch fand alles nur in seinem Kopf statt: ‚Weil ihr eine unverheiratete Frau seid! Weil ich verheiratet bin! Weil das ganz nah an meinem Schoß ist! Weil ihr eine Ungläubige seid! Weil ihr so jung seid! Weil ihr so hübsch seid! Weil‘ …“Muss ich euch erst besinnungslos schlagen, damit ich euch behandeln kann? So könnt ihr nicht stehen, und schon gar nicht gehen. Und Ser Sieghelm braucht euch nun mehr denn je, seht ihn euch an! Soll euer Stolz der Grund dafür sein, dass er so bleibt und beim nächsten Kampf vor die Hunde geht?“ „A-Aber…“ „Kein Aber! Nun lehnt euch zurück – ich kann es auch besonders schmerzhaft für euch machen, damit ihr nicht sagen könnt dass es angenehm war. Und nun lehnt … euch … zurück!“ Adellindes blaue Augen wurden so groß wie Unauer Glasperlen. Irgendwo im Hintergrund glaubte Kalkarib einen Zwerg kichern zu hören. Er hatte keine andere Wahl, die Verletzung war so stark, dass er ohnehin bald besinnungslos werden würde, wenn sie unbehandelt blieb und dann wäre er ihr ausgeliefert. Also lehnte er sich zurück und versuchte bei Besinnung zu bleiben, damit er Delia später erzählen konnte, was genau sie gemacht hatte.

Teil III – Hasardeure (2)

Teil III – Hasardeure (1)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Überzahl der Söldner und die schlechten Sichtverhältnisse ließen die Situation für Albrax, die Zwerge und Kalkarib zwar nicht aussichtslos, aber als schwere Hürde erscheinen. Überraschenderweise gingen die Söldner koordiniert vor, was die Lage zusätzlich erschwerte. Die Zwergengruppe hatte ihre Formation geändert, inzwischen standen sie in einer Reihe Seite an Seite und boten somit eine geeinte Linie gegen die Überzahl an Gegnern, an dessen einen Ende sich Kalkarib eingereiht hatte. Beide Seiten tauschten ein paar prüfende, aber nicht allzu ernst gemeinte Stiche und Hiebe aus, es waren die klassischen ersten Versuche auszuloten, wie fähig die andere Seite war und wo ihre Schwachstellen lagen. Kalkaribs besorgter Blick ging dabei immer wieder durch die Reihen zu Sieghelm und dem schwarzen Ritter, die sich noch immer abwartend in sicherer Entfernung gegenüberstanden und anscheinend miteinander sprachen.

„So sieht man sich wieder“, sprach der fremde Ritter in geschwärzten Plattenteilen. Seine Stimme war kehlig und rau, wie von jemanden, der kürzlich eine schwere Atemwegsentzündung durchgemacht hatte. Seine Worte machten Sieghelm neugierig und er beschloss sich standesgemäß vorzustellen, damit sein Gegenüber wusste, wer ihn zu Boron schicken würde. „Ich bin Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, ich streite im Namen Rondras für Königin und Kaiserreich – und mit wem habe ich die Ehre die Waffen zu kreuzen?“ Sieghelms Höflichkeit war keineswegs ernst gemeint, gehörte aber zum normalen Adeligensprech. Der ältere Ritter, dessen Gesicht von einer Kettenhaube eingerahmt wurde, hatte ein eingefallenes Gesicht und tiefe Falten um seine braunen Augen. „Ich bin Markwart von Graufenck, Baron von Eslamsbrück. Ich war in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld und habe gesehen, wie ihr den erhobenen Amagomer den Blutigen in den Staub getreten habt. Meine Glückwünsche, ich konnte ihn eh nicht ausstehen.“ Sieghelm dachte nach, seine Kenntnisse über die besetzten Gebiete waren begrenzt. Da fiel es ihm wieder ein. „Eslamsbrück, das liegt in der Grafschaft Tobimora“, stellte er fest. „Wir nennen es jetzt Taubrimora. Doch genug geplaudert, lasst uns zur Sache kommen“, schloss  Markwart von Graufenck und nahm wieder eine Kampfhaltung ein. „Sehr gerne, euer Hochwohlgeboren“, bestätigte Sieghelm, ging ebenfalls ein eine Kampfhaltung über und richtete die letzten Worte vor dem Zweikampf an Rondra, in dem er etwas nach oben schaute: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, Herrin.“ Der Warunker Hammer des Ritters und Custoris begegneten sich klirrend in der Luft. Mit jedem Schwung seiner Waffe ertönte ein den Kampfplatz überschallender Donner. Da Sieghelms aktuelle Rüstung dem des vollplattierten Ritters unterlegen war, musste Sieghelm nicht nur vorsichtig sein, er musste auch versuchen seine Schläge gezielt zu setzen, da er sonst nur Plattenteile einbeulte. Sieghelm wusste, ein Warunker Hammer, dessen andere Seite mit einer scharfen Axtklinge versehen war, konnte mit genügend Schwung verheerenden Schaden anrichten, die Langwaffe war beliebt bei Söldnern, da man mit ihr sowohl gegen Plattenträger, als auch leichte Rüstungen gut gewappnet war. Der stachelige Hammerkopf eignete sich gut, um Plattenteile jeder Art zu knacken, während das lange Axtblatt genügte, um gegen weiche Ziele vorzugehen. Sieghelm trug aktuell nur Kettenteile, weshalb beide Seiten der Waffe für ihn gerade gefährlich waren. Zu guter Letzt hatte der Hammer am Ende einen tödlichen, zehn doppelfinger langen Eisendorn, wenn auch selten eingesetzt, konnte ein geübter Kämpfer diesen überraschend zum Einsatz bringen und damit seinen Gegner aufspießen.

Zurückhaltend, da die eigene Sicherheit gerade im Vordergrund stand, beschränkte sich Sieghelm zuerst darauf zu verteidigen, um taxieren zu können, wie gut sein Gegenüber mit der Waffe umzugehen wusste. Den ersten paar Schwüngen des Barons wich Sieghelm aus. Mit jedem Hieb legte sein Gegner mehr Kraft hinein, was Sieghelm fortwährend dazu zwang Paraden setzen zu müssen. Dem Reichsritter war klar, dass sein Gegner genau wusste, was er vor hatte. Er würde also versuchen seine wahren Fähigkeiten zu verbergen und sie erst zeigen, wenn er sich in einer Vorteilhaften Position sah. Sieghelm musste Baron Markwart also eine überzeugende Schwachstelle anbieten, die ihm dazu verlocken würde, gekonnter zuschlagen zu wollen, damit Sieghelm wiederrum diese exponierte Haltung auszunutzen vermochte.

Während sich der Reichsritter und der Baron von Taubrimora einen taxierenden Schlagabtausch leisteten, war der Kampf, der in unmittelbarer Nähe unterhalb der kleinen Anhöhe stattfand, weniger taktisch. „Für jeden Zwei“, hatte der Hochkönig der Zwerge mit vor Selbstsicherheit geschwellter Brust gesagt. Zuerst war sich Kalkarib nicht sicher, ob der Zwerg witzelte oder ob er es ernst meinte, denn er hatte bisher wenig Erfahrung im Umgang mit den Angroschim. Die mit rauem Kampfgebrüll untermalten Axthiebe der Zwergengruppe ließen den Wüstensohn jedoch vermuten, dass der Hochkönig seine Aussage tatsächlich ernst meinte. Sofort beschloss auch Kalkarib zum Angriff überzugehen, zum einen wollte er sich vor Sieghelm und den Zwergen keine Blöße geben, und zum anderen war die überschäumende Selbstsicherheit des Hochkönigs inspirierend für ihn. Kalkarib musste es mit zwei Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Einer von Ihnen trug einen Streitkolben und ein kleines Rundschild, auf dem die Zähne eines Wolfs aufgemalt waren. Der andere hatte einen ihm einen Reichweitenvorteil bietenden Speer. Letzterer stellte sich knapp hinter den mit dem Streitkolben und wurde vom Schild des anderen gedeckt. Es war eine simple, aber dennoch effektive Kampfhaltung der beiden Söldner. Kalkarib war, da er nur einen Khunchomer und keinen Schild führte, in jeder Hinsicht unterlegen. Sie waren zu zweit, besser bewaffnet und zu allem Überfluss auch besser gerüstet. Doch Kalkarib hatte den Glauben an Rastullah auf seiner Seite, was aus Sicht des Wüstensohns den Vorteil der beiden zu genüge ausglich. „Allah maei. Satamut huna!“, fauchte er auf der Sprache der Novadi seinen Gegnern entgegen, um sie zu verunsichern. Für einen kurzen Moment zuckten sie tatsächlich zusammen, denn selbst Söldner der Warunkei fürchteten die Flüche der Novadis. Kalkarib ließ eine rasche Abfolge von Streichen und Hieben auf den Schildträger los, die ihn dazu zwangen in die Parade zu gehen. Die Schneide des Khunchomers regnete dabei pochend und Holzsplitter stobend auf dem Schild hernieder. Währenddessen suchte der Speerträger einen Moment, in der Kalkarib gerade ausholte, um zuzustoßen. Die Spitze des Speers durchstieß den wüstenfarbenen Kaftan von Kalkarib und verfehlte ihn damit knapp. Das war der Moment auf den Kalkarib hingearbeitet hatte. Er visierte sein Ziel an und zuckte mit dem Khunchomer blitzschnell hindurch. Die letzten fünf Finger der gewölbten Klinge schnitten sich mühelos durch den weichen Hals des Speerträgers. Noch während der Söldner Kalkarib mit weit aufgerissenen und ungläubigen Augen anstarrte und zu spät realisierte, dass das schneidige Geräusch der Luft nicht Bishdariel, sondern die Klinge des Wüstensohns war, hiebte der andere mit seinem Streitkolben nach ihm. Kalkarib versuchte auszuweichen, doch der Speer verhakte sich in seinem Kaftan und hielt ihn an Ort und Stelle. Ein betäubender Schmerz durchzuckte seinen linken Oberschenkel, als ihn der Kopf des Kolbens dort traf. Das Bein gab nach und Kalkarib ging auf die Knie. Der Speerträger hatte seine Waffe inzwischen los gelassen und hielt sich nun rückwärts taumelnd und blutgurgelnd den Hals. Der andere Kämpfer hatte sich jedoch gefangen und wurde rasend vor Wut. Während Kalkarib den Schmerz im Oberschenkel versuchte zu ignorieren, kam der Kopf des Streitkolbens erneut auf ihn zu. Zweimal musste Kalkarib die kraftvollen Hiebe aus der benachteiligten Position ablenken, was den Schmerz im Bein jedoch noch mehr befeuerte. Da stürzte sich der Söldner plötzlich und unerwartet auf ihn. Mit dem Rundschild voran warf er sich auf Kalkarib, der dieses Manöver wahrhaftig nicht hatte kommen sehen. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, erneut brüllte der Schmerz in Kalkaribs Bein so intensiv, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er den Söldner mit hasserfülltem Blick über sich sitzen. Das Schild drückte er auf Kalkaribs Brust und rechter Schulter und hielt damit seinen Waffenarm fixiert. Kalkarib versuchte unter dem Druck des Schilds seinen Khunchomer zu bewegen, doch gelang es ihm nicht. Der Söldner holte zum finalen Schlag aus, Kalkarib blieb keine Wahl, er zückte ohne darüber nachzudenken den Waggif, das kleine geschmückte Messer, und stach damit ziellos zu. Die schlanke gekrümmte Klinge zwängte sich mühelos zwischen den Kettengliedern hindurch und verschwand bis zum Schaft im Brustkorb des Söldners. Es verstrich ein langer Moment, in dem alles verharrte und nichts geschah. Selbst den Kampflärm drumherum nahm Kalkarib nicht mehr war. Da hustete der Söldner plötzlich und Blut rann über seine Lippen. Der Streitkolben rutschte aus dessen Hand und plumpste zu Boden. Die Gelegenheit nutzend, schob er den Mann mit Hilfe des Schilds von sich runter. Es schepperte als er neben ihm zu Boden ging, mühsam rappelte sich Kalkarib auf – der Schmerz in seinem linken Bein war noch immer da. Als er seinen Familien-Waggif aus der Brust des Mannes zog, schaute ihn dieser ungläubig an, bevor ihm die Augenlieder ein letztes Mal zufielen. „Rastullah ich danke dir“, murmelte er in seiner eigener Sprache und strich das Blut von der Klinge des Waggifs. Da ließ ihn plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei zusammenzucken. Der Novadi realisierte, dass der Kampf zwischen den Angroschim und den Söldnern noch immer in vollem Gange war, auch wenn sich ihre Überzahl inzwischen dezimiert hatte. Humpelnd ging Kalkarib der Zwergengruppe entschlossen zur Hilfe.

Auf der kleinen Anhöhe wurde der Kampf zwischen dem alten Baron von Taubrimora und dem Ordensmeister inzwischen ernster. Auch wenn keiner von beiden bisher einen Treffer hatte landen können, so hatten sie beide viel über das Kampfverhalten des anderen gelernt. „Wollt ihr mich ermüden, Ritter?“, spottete Baron Markwart, dem das Getänzel begann zu langweilen, mit belegter Stimme. „Ich helfe euch gerne dabei, euch zur letzten Ruhe zu legen, euer Hochwohlgeboren“, konterte Sieghelm mit spitzer Zunge. Doch Markwart ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, ganz im Gegenteil, er schmunzelte sogar ob der Aussage Sieghelms. „Ihr kämpft so zaghaft wie die Akoluthinnen bei der kläglichen Verteidigung ihres Perainetempels in Perz“, sprach er in rauem Ton und ließ den Warunker Hammer erneut rotieren. Sieghelm wich den Schlägen mühelos aus. „Ihr brüstet euch mit euren Schandtaten!?“ Sieghelms Stimme kippte vom spöttischen ins ernste, auch er hatte langsam genug davon. Als der Baron begann sich mit den Gräueltaten in Perz zu profilieren, wurde ihm übel und wütend zugleich. „Ich habe die zwei jungen Akoluthinnen zwei Mal auf dem Altar gepfählt – und ich kann euch sagen – bei einem davon hatten auch sie ihren Spaß.“ Das ekelhaft schmutzige Grinsen auf den faltigen Lippen des Barons, als er beschrieb was im Tempel geschah, ließ den Reichsritter erzürnen. Die Vorstellung, was dieser widerliche alte Bastard den Bewohnern von Perz angetan hatte, war schon fürchterlich genug, doch dass er nun auch noch begann zu beschreiben wie er den Tempel schändete, kochte es in Sieghelm hoch. „Schweigt!“, brüllte Sieghelm und beschloss dem alten Mann jetzt und hier sein verdientes Ende zu setzen. Der Reichsritter schwang in mächtigen Kreisen Custoris, Donner grollte über das Wäldchen und mit wütend angewidertem Blick machte er Schritt für Schritt nach vorne. Markwart wurde in die Parade gezwungen und wich zurück. Er ließ Sieghelms Schläge ins Leere laufen, während das widerwärtige Grinsen auf seinen Lippen nicht verging. Er hatte seinen Kontrahenten nun da, wo er ihn haben wollte. Es verlangte schon sehr viel Kühnheit oder auch Wahnsinn, um sich Sieghelms Ausfall und Abfolge von Schwüngen entgegen zu stellen, wahrscheinlich besaß Markwart beides, als er plötzlich stehen blieb und Sieghelm weiter auf sich zukommen ließ. Durch die Verkürzung der Distanz, rammte Custoris Stärke donnernd auf die linke Schulterplatte des Barons. Der Plattenpanzer gab ächzend unter der Kraft nach und Markwart spürte wie ihn die Klinge durch die Rüstung hindurch traf. Er federte die Wucht mit den Beinen ab und blieb so, Angesicht zu Angesicht zu seinem Angreifer stehen. Während Sieghelms Gesicht vor süßem Zorn strahlte, überkam Markwart aus dem tiefsten Innern eine aufsteigende Übelkeit. Erst gluckste es in seiner Brust, dann in seinem Hals und als würde er ein dickes Knäuel Haare, wie ein Greifvogel das Gewölle ausspuckte, hervorbringen, drang plötzlich aus seinem Mund ein ohrenbetäubendes Rülpsen, gefolgt von einer giftgrünen Wolke, die zuerst über Sieghelms Gesicht, und dann dessen ganzen Körper waberte. Der Reichsritter, der eben noch entzückt von seinem Treffer war, erschrak und atmete einen tiefen Schwall von der übelriechenden Wolke ein. Er taumelte reflexartig zurück und auch ihm wurde sofort speiübel. Mit jedem Schritt, den er tat, spuckte und schniefte er. Es gelang ihm geradeso die Selbstbeherrschung aufzubringen, sich nicht zu übergeben. Auch seine Augen tränten für einen Moment, was Sieghelm dazu veranlasste, Custoris schützend vor sich zu halten, falls Markwart vorhatte, seinen Moment der Blindheit auszunutzen. Doch der Baron von Taubrimora blieb an Ort und Stelle stehen, er rückte seine Schulterplatte zurecht, wischte sich den Mund ab, als hätte er gerade von einer fettige Schweinshaxe abgebissen und letztlich formte sich ein überlegenes und wissendes Lächeln auf seinem Gesicht. „War das alles was ihr könnt, Herr Ritter?“ Markwart wischte sich imaginären Staub von der Brust, während er seinem Gegner erneut spottete. Sieghelm brauchte einen kurzen Moment, doch dann hatte er sich wieder gefangen, die Tränen vergingen und den Geschmack nach verdorbenen Fleisch hatte er erfolgreich ausgespuckt. „Ich habe noch gar nicht angefangen!“ Sieghelm umklammerte Custoris noch fester und ging mit mehr Entschlossenheit auf Markwart zu. Unterwegs zu ihm erfassten ihn plötzlich Schmerzen in Beinen und Armen, als hätte ihn ein Zauber getroffen. Sein rechtes Bein verkrampfte so stark, dass es sich zusammenzog und Sieghelm das Gleichgewicht verlor. Mit aller Macht hielt er Curtsoris fest, als er zu Boden ging und er am ganzen Körper heftige Schmerzen und unkontrollierte Zuckungen hatte. Er unterdrückte den Schmerz, um nicht loszuschreien, wer auch immer ihn verzaubert hatte, er wollte dem Angreifer nicht die Blöße geben zu schreien. Doch was geschah mit ihm? Er sah Markwart langsam näher kommen, der seinen Warunker Hammer lässig über die Schulter geworfen hatte und noch immer das süffisante Grinsen in Gesicht hatte. Er konnte nichts dagegen unternehmen, die Krämpfe und Zuckungen waren zu stark, dass er schon genug damit beschäftigt war, nicht die Besinnung zu verlieren. „Dadurch, dass ich den Peraine-Tempel schändete…“, begann Baron Markwart mit seiner krächzenden Stimme im Plauderton, „ …verlieh mir meine Gottheit mehr Macht als zuvor.“ Er strich sich dabei wie beiläufig über eines der Zeichen auf seiner Rüstung, was Sieghelm erst jetzt als das Zeichen Mishkharas erkannte, der Dämonin der Missernten und der Pestilenz. Sieghelm wurde sofort, allerdings viel zu spät, klar, weshalb der alte Baron seit Kampfbeginn an so ruhig geblieben war. Er hatte einen Pakt mit Mishkhara geschlossen, weshalb er es nicht nötig hatte mit Sieghelm in ein rondrianisches Gefecht zu gehen. Er hatte dank seines Pakts die Macht und Zugriff über zahlreiche wirkungsvolle Gifte. Sieghelm öffnete den Mund, er wollte ihn verfluchen, seine Göttin anrufen oder um Hilfe rufen, doch außer sehr leises Glucksen drang nichts aus seinem Mund, denn auch seine Stimmbänder verkrampfen so sehr, dass er nicht einmal mehr das tun konnte. 

Markwart, der sich sicher war, dass Sieghelm ihm nichts mehr anhaben konnte, kniete sich zu ihm nieder, um ihm besser ins krampfende Gesicht blicken zu können. Er wollte den Moment seines Sieges in vollen Zügen auskosten. Es war das zweite Mal, dass Sieghelm das eingefallene Gesicht des alten Mannes von so nahem sehen konnte. Unter der Kettenhaube, die sein Gesicht einrahmte, konnte er rote entzündete Haut ausmachen und auch seine Zähne, die so Gelb und dünn waren wie Kornähren, standen weit voneinander entfernt in dem kranken Kiefer des Paktierers. Sieghelm hatte all die Zeichen übersehen, er hatte sich zu sehr auf das Kampfverhalten des Mannes konzentriert, dass er keinen Blick für dessen Symbole auf der Rüstung oder die Zeichen des Paktes hatte, die ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben standen. „Ich habe eine Idee, ich werde euch meine Ländereien in Taubrimora zeigen“, begann Markwart erneut, dieses Mal in einem absurden Ton, als würde er mit einem Kind sprechen. Seine krächzende und entzündete Stimme – die ebenfalls ein Zeichen war, das Sieghelms übersehen hatte – machte es jedoch makaber. Mit jedem Wort, das er aussprach, wurde sein Grinsen breiter und breiter: „Ich werde euren hübschen Kopf auf einen Speer aufspießen und durch mein Land tragen.“

Teil III – Hasardeure (1)

Teil XII – Epilog

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Zwischen Eilingshof und Burg Friedstein

Sie waren schon zu hören, noch bevor man sie sah. Der Boden bebte unter den Füßen zweier berittener Lanzen, die gerade in den Weg hinter dem Wäldchen einbogen und von der untergehenden Praiosscheibe weite Schatten auf die Hirsefelder neben sich warfen. Angeführt von einer Kriegerin in leichter Reiterrüstung, die auf einem schwarzen Greifenfurter Kaltblut ritt, näherten sie sich der Niederrungenfestung Friedstein. Als sie einen guten Blick auf das Gemäuer bekamen, hob die Kriegerin den Arm und die zwei Dutzend Reiter kamen binnen von wenigen Lidschlägen zum Stehen, nur die Staubwolke, die sie dabei aufwühlten, flog noch etwas weiter. An die Seite der Kriegerin ritt einer ihrer Männer, ihr engster Berater, und öffnete sein Visier. „Euer Wohlgeboren.“ Seine Stimme klang rau und alt, hatte aber seine militärische Stärke behalten. Im epischen grauen Oberlippenbart des Mannes fing sich der Staub des Weges, als er zu seiner Herrin herüber sah. Diese hatte ebenfalls ihren Helm geöffnet und blickte mit tief ernstem Blick zur Festung. „Niemand hatte erwähnt, dass sich die Festung in einem derart heruntergekommen Zustand befindet“, merkte sie in einem skeptischen Tonfall an und meinte damit den geschliffenen Turm und die zum Teil eingerissenen Wehrmauern. Der schnauzbärtige Berater musste zwinkern, als er sich die Festung ansah, seine Augen waren nicht mehr die besten, aber eine geschliffene Festung erkannte er noch gut genug. „Ich habt Recht, euer Wohlgeboren. Ein katastrophaler Zustand“, bestätigte er, strich sich durch den Bart und schniefte den Staub aus seiner Knollennase. „Für einen Erkundungstrupp ist es zu spät, wenn dort noch jemand ist, hat er uns schon längst kommen hören.“ Lady Brangane legte ihre mit Reiterhandschuhen gekleideten Hände lässig auf das Horn des Sattels und schaute zu ihrem alten Weggefährten herüber. „Und der Büttel Jahan Eiling hätte uns wohl davon berichtet, wenn die Festung angegriffen worden wäre.“ „Ich sage, man hat uns die Wahrheit über den Zustand der Festung vorenthalten, euer Wohlgeboren“, versuchte der alte Kämpfer in militärischem Tonfall zu erklären. Er war von Anfang an nicht von dem Ansinnen seinen Herrin, dem Orden beizutreten, begeistert gewesen und hatte den ganzen Weg hierher nur Schlechtes daran gefunden. „In Nandus Namen, genau darum brauche ich euch, Baltram. Ihr lasst mich hin und wieder meine Befehle und Entscheidungen überdenken.“ „Stets zu Diensten, Lady Brangane“, brummte Baltram zackig. Für einen Moment kehrte Ruhe ein und die beiden Kämpfer sahen sich von weitem Festung Friedstein genauer an, auch wenn für Branganes Berater das Gemäuer nur wie ein verschwommener grauer Fleck aussah. Im Hintergrund nutzen einige der Reiter inzwischen die kleine Pause um einen Schluck aus ihren Wasserschläuchen zu nehmen.

Baltram konnte die anhaltende Stille kaum aushalten, weshalb er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd nach vorne traben ließ, zwei weitere Reiter schossen sofort aus der Lanze zu ihm nach vorne und flankierten ihn schützend. „Dann gehe ich euch mal ankündigen“, rief Baltram noch ungeduldig und war auch schon außer Hörreichweite. Lady Brangane blieb lässig in ihrem Sattel sitzen und blickte ihrem erfahrenen Berater mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinterher.

Wenig später, die Praiosscheibe war inzwischen nur noch ein roter Helm am Firmament, erreichten beide Lanzen die verwüstete Festung. Überall lagen zerfetzte Leichen herum und Unmengen an Abscheulichkeiten lagen teils zusammengekrümmt, teils zerstückelt im Staub des Hofs oder auf den Wehrmauern herum, als wäre der Kampf gerade erst vorbei. Nachdem Baltram seine Herrin an der Festung angekündigt hatte, brauchten sie einen Moment, um die Tore zu öffnen, denn die Torwächter waren ebenfalls tot. Tarnelius, der überlebende Infanterist, interessierte sich sehr für Heraldik, weshalb er das Wappen der Greifenfurterin sofort erkannte und allein aufgrund der Menge der Reiter für echt hielt und sie einließ.

Die zwei Lanzen Berittener durchschritten gerade die offenen Burgtore, als sich ein durch zahlreiches Krächzen ankündigender Schwarm Raben über die Festung flog und überall auf den Zinnen niederließ. Sie deuteten es als ein Wirken Borons und ließen sie gewähren, als sie still verweilten und die Ankunft der zwei Lanzen beobachteten. Der Tod war über diese Festung gekommen, und alle empfanden es nur als recht, dass nun die Boten des Stillen kamen, um die zahlreichen Seelen abzuholen.

Die dumpfe und beklemmende Stimmung, die über der Festung hing, wurde nur gelegentlich von Würgegeräuschen unterbrochen, da ein paar der Reiter die Beherrschung verloren und sich übergeben mussten. Nicht nur wegen des starken Geruchs nach frisch vergossenen Blut oder aufgeschlitzter Eingeweide, sondern auch wegen des rohen und fürchterlichen Grauens, dass hier eben gerade geschehen war. Sofort gab Lady Brangane den Befehl mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Elfa, Tarn und noch zwei weitere überlebende Festungssoldaten organisierten zusammen mit den Reitern, die sich dazu in der Lage empfanden, sofort die Aufräummaßnahmen.

Lady Brangane, Baltram und der Knappe Ingmar fanden sich daraufhin im Rittersaal der Festung ein, der, den Göttern sein Dank, gänzlich verschont geblieben war. Ingmar hatte inzwischen einen Großteil seiner zerschlissenen und störenden Rüstung abgelegt. Er setzte sich mit den beiden weitaus älteren Personen an den Kopf der Rittertafel, er selbst belegte dabei, bewusst oder unbewusst, den Sitz des Burgherrn. Ohne das die Zwei Nachfragen mussten, begann er sofort zu erzählen, was hier geschehen war, ungeschönt und ohne ein einziges Detail auszulassen, schilderte er die Ereignisse von der Ankunft der falschen Brangane, der Entdeckung Halriks, dem Auftauchen des gefallenen Ankers, bis hin zum finalen Kampf auf dem Burgfried. Baltram und Brangane hörten nur zu, sie hatten keine Zwischenfragen, sie warteten nur still ab und ließen sich die unglaubliche Geschichte bis ins Detail erzählen. Ihre Mienen wurden dabei immer missmutiger und ernster. Als Ingmar die falsche Brangane erwähnte, horchten sie beide kurz auf und Baltram nahm sein Notizheft und kritzelte schnell ein paar Worte darauf, um sie seiner Herrin zuzuschieben. Diese nickte nur wissend und lauschte dann weiter den Ausführungen des ehemaligen Knappen.

Fast eine halbe Stunde verging und die Praiosscheibe ging inzwischen unter. Zwischendurch entzündeten sie ein paar Kerzen im Rittersaal, um nicht in völliger Dunkelheit weiterreden zu müssen. „ … und dann kamt ihr an die Burgmauer.“ Ingmar nickte zu Baltram, als er seine Erzählung endete. „Es ist ein Segen, dass ihr gerade jetzt kommt, um uns in unserer Not zu helfen. Ich wünschte nur, ihr wärt hier gewesen, bevor der Dämon uns erreichte.“ Schwermütig schloss Ingmar damit seinen Bericht und suchte auf dem Tisch nach einem vollen Krug Wein, um sich die vom Erzählen trocken gewordene Kehle zu befeuchten, doch vergebens, er war leer. „Zuerst möchte ich euch mein Bedauern über den Verlust eures Ritters und Marschalls dieser Festung mitteilen“, begann Brangane, die ihre Hände auf dem Tisch zusammengefaltet hatte. Ihre Brauen waren tief in das Gesicht gezogen und bildeten eine gerade Linie. „Ich danke euch auch für euren umfassenden Bericht, junger Herr. Ihr konntet uns damit helfen, ein Rätzel aufzuklären. Dieser hautwechselnde Dämon muss unter uns gewesen sein und sich als einer meiner Waffenknechte ausgegeben haben. Denn nur so lässt sich erklären, weshalb mein Waffenknecht sich nicht daran erinnern konnte, meine Rüstung mehrmals geputzt zu haben – und das noch, während ich sie an hatte. Allein wenn ich daran denke, dass mich ein Dämon berührt hat, um meine Gestalt anzunehmen, lässt es mich erschaudern.“ Baltram nickte deutlich und nahm dann sein Notizheft zurück. Das war es, was er seiner Herrin aufgeschrieben hatte. „Ich wurde auf Geheiß von Ordensmeister Nehazet hierher überstellt, und ich werde mein Wort halten und mich und meine Mannen dieser Festung zuteilen und … das was davon übrig ist … schützen.“ Brangane rührte dabei mit dem Zeigefinger in der Luft und legte die Hände dann wieder zusammen. „Ich erkenne euch als kommissarischen Verwalter der Feste Friedstein an, da ich als Heermeisterin und nicht als Marschallin hierher bestellt wurde. Ich lege euch nahe, ein Schreiben an Ordensgroßmeister Sieghelm zu verfassen, was ihr mit Sicherheit ohnehin vorhattet. Die Ordensmeister müssen über das hier Geschehene in Kenntnis gesetzt werden – zumal ihr eine wichtige Gefangene im Kerker habt. Die Meister können dann darüber bescheiden, wie es hier in der Feste weitergeht. Bis dahin unterstelle ich meine Männer unter euren Befehl, junger Herr.“ Wenn ihr Berater Baltram etwas gegen die Entscheidung seiner Herrin hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sein epischer grauer Schnauzbart zuckte nur kurz und er strich ihn sich dann seine Knollennase rümpfend glatt. „Eure Weisheit wird nur noch von eurer Ehrenhaftigkeit übertroffen, Lady Brangane“, antwortete Ingmar, der sich an die Lehren über ritterliche Tugenden erinnerte. Baltram, der aufgrund seiner Erfahrung wohl ein besseres Auge für gefüllte Krüge hatte, schnappte sich einen eben solchen vom Tisch und füllte sofort zwei Zinnkelche mit Wein. Brangane bedeutete ihm dabei, dass er sich auch einen eingießen sollte, was er dann dankend tat. Alle drei, beginnend mit der Ritterin erhoben sich aus ihren Stühlen und erhoben ihre Becher. „Auf die Gefallenen, möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein“, toastete Brangane Ingmar zu. Dieser zögerte kurz, da er sofort an Ser Gneisor denken musste, als die Ritterin ‚die Gefallenen‘ erwähnte und für einen kurzen Moment in Melancholie versank. Er wünschte sich, dass er ebenfalls einen Toast aussprechen konnte, doch genau in diesem Moment musste er daran denken, dass ihn sein eigener Ritter in den Tod hatte stürzen lassen. „Auf die Gefallenen“,  brachte er mit bitteren Tonfall über die Lippen. Gemeinsam kippten die drei den schweren Koscher Wein herunter und besiegelten damit ihr weiteres Vorgehen.

Brangane begann sofort ihrem Berater ein paar direkte Anweisungen zu geben, dabei ging es um den geschliffenen Turm und auf der ganzen Festung verteilt liegenden Leichen und Abscheulichkeiten. Ingmar vernahm zwar ihre Worte, doch als er sich wieder in den Burgherrensessel fallen ließ, versank er tief in ihm. Nur am äußeren Rand seiner Wahrnehmung hörte er ein paar Wortbruchstücke, zu sehr war er mit seinen Gedanken und der Verarbeitung der Ereignisse beschäftigt. Ihm wurde klar, dass er gestorben war – zwei Mal. Einmal im Burgfried vor der Bibliothek und einmal zerschellte er auf den äußeren Randklippen des Frieds. Sein eigener Herr, sein vertrauter und langjähriger Ritter, hatte ihn in den Tod stürzen lassen. Er wurde von ihm zugunsten eines Dämons geopfert. Wahrscheinlich hatte Halrik erneut seine Magie eingesetzt, um ihn im Anschluss zu retten. Doch warum ihn und nicht Gneisor oder die zahlreichen anderen Menschen? Diese und noch andere Fragen nagten an ihm, während er in den leeren Zinnbecher starrte und mit der Neige darin herumspielte indem er ihn in der Hand rotieren ließ.

„Kommt, junger Herr – ihr wollt bestimmt ein paar erbauliche Worte an meine – verzeiht – eure Mannen dort draußen richten. Sie können es gut gebrauchen und damit wird es auch offiziell.“ Mit diesen Worten holte Lady Brangane Ingmar aus seinen Gedanken. Baltram und sie waren inzwischen aufgestanden. Wie lange hatte er wohl einfach nur so da gesessen? ‚Erbauliche Worte‘, sagte sie, die könnte er jetzt auch gut gebrauchen, dachte er sich und griff nochmal nach dem Krug Wein. „Geht schon vor, ich komme gleich nach.“ Er goss sich noch einen ordentlichen Schank ein und schaute dann wieder in den Becher, bevor er ihn in einem Zug hinunterstützte. Die beiden Neuankömmlinge blickten sich kurz einander wissend an und Baltram zog dann an dem Arm seiner Herrin, ehe sie etwas sagen konnte. Auf dem Weg nach draußen fühlte sich der alte Schnauzbärtige Kämpfer dem Jungen für einen kurzen Moment tief verbunden. „Gebt ihm den Moment, Herrin“, erklärte er beschwichtigend. Er musste an seine eigene Vergangenheit und die zahlreichen Verluste enger Vertrauter denken. Auch er hatte ihren Tod in zahllosen Schenken danach mit ebenso zahllosen Litern Bier und Wein ertränken müssen. Baltram wusste, dass jedoch nicht jeder wieder aus der Trauer herausfand, manche Narben saßen einfach zu tief. Er beschloss ein Auge auf den Jungen zu haben, anscheinend war dies sein erster herber Verlust.

Teil XI – Leben und Tod (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Aus Vidkuns rechter Hand wuchs ein langes blankes Schwert und er konzentrierte sich darauf, wieder eine einzelne äußere Form anzunehmen. Die brodelnde und schwefelnde Stelle an seiner linken Schulter würde er dennoch nicht verstecken können. Die Gestalt wurde jünger und schlanker, er war nun Anfang 20 Götterläufe jung, trug einen dunkelblauen Gambeson und eine einfache Lederrüstung. Er hatte blondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und auf dem Wappenrock, den er trug, prunkte das Hauswappen von Lady Brangane. Vidkun war nun wieder der junge Knecht, als er die Informationen von der verhüllten Gestalt vor zwei Tagen entgegennahm, er hielt diese Form für diesen Moment am passendsten. Über den Rand der Zinnen erhob sich der vom Vortex verzerrte Halrik, noch immer war sein Gesicht mit dunklen, ja fast schon schwarzen Adern überzogen, der Rest seiner Haut war aschfahl und seine Augen glichen großen Obsidiansteinen. Er schwebte langsam über die Zinnen, während er in seinen Händen vor der Brust den leblosen und zerschundenen Körper des Knappen Ingmar hielt. Seine Rüstteile hingen zerfetzt von ihm herab, ebenso wie Teile seines Körpers, die beim Aufschlag auf die scharfkantigen Felsen von der schieren Wucht des eigenen Gewichts zerschmettert wurden.

„Es ging dir nie um das Wissen, dass du den Spährenbewohnern hier bringst…“, begann Vidkun mit der Stimme des jungen Knechts, die jedoch ein wenig metallisch klang. „…nicht wahr? Es ging dir allein darum, dass ich Sara’kiin vernichte.“ Vidkun hatte Halrik schon als die verhüllte Gestalt aus dem Heuschober erkannt, kurz nachdem er ihm den Dolch in den Rücken gestochen hatte. Vidkuns Kontaktperson und Halrik waren ein und dieselbe Person. Vor zwei Tagen im Heuschober, hatte Halrik Vidkun beauftragt den jungen Studiosus zu retten. Er hatte also seinen eigenen Rettungsplan initiiert, doch Vidkun wäre nicht ein Meister der Blendung, wenn er nicht sofort erkannt hätte, dass es Halrik gar nicht darum ging sich selbst zu retten. Halrik hatte ihn benutzt, ihn getäuscht. In Wahrheit wollte er nur, dass er sich nach Burg Friedstein begab, um Sara’kiin zu stellen und zu vernichten – weil es im Moment niemand anderen gab, der es hätte tun können. Halrik schwebte auf die Planken des Burgfrieds und legte Ingmars zerschlagenen Körper sanft ab. Da er nicht antwortete, sprach er weiter: „Du warst also hier als Sara’kiin diese Burg zerstörte und alle darauf tötete und bist entkommen.“ Er machte eine kurze Pause und sah wie Halrik sich neben den Leichnam kniete und zu ihm aufschaute. „Alle außer mir wurden getötet.“, begann der Studiosus mit sanfter Stimme. „Ich trat gegen sie an, so wie auch dieses Mal. Und sie gewann, ebenfalls wie dieses Mal. Mit meinem Wissen über den Vortex konnte ich beim ersten Mal jedoch entkommen. Ich brauchte dich, um das Geschehene zu verändern.“ Halrik ließe Hände über Ingmar gleiten, als würde er einen Segen vorbereiten. Die Gesichtszüge von Vidkun in Form des jungen blonden Knechts wurden wütend. Er wusste, dass er benutzt wurde, aber das Halrik es auch so ganz unverhohlen zugab, machte ihn noch wütender. „Sie sind auch dieses Mal alle verreckt, es scheint mir nicht so, als hättest du irgendetwas bewirkt oder verändert. Mich für deinen Plan zu benutzen war nutzlos!“ Vidkun spottete ihm und lief aufgeregt auf und ab. Er konnte es noch immer nicht fassen: Er, der Meister des Intrigenspiels, wurde selbst hereingelegt, und das auch noch von einem jungen Fleischling. „Das ist nicht richtig.“, entgegnete Halrik und strich mit den aschfahlen und von schwarzen Adern überzogenen Händen über den zerschundenen Körper des toten Knappen. Für einen kurzen Moment blickte er nach oben, die Vortexkuppel war kurz davor zusammenzubrechen, er musste sich also beeilen, solange die Wortzauberei noch funktionierte. Er bemächtigte sich wieder dieser und sprach den Zauber, den er schon im Innern der Festung gesprochen hatte, erneut: „Ia’chau“ Die zahlreichen Verletzungen im Körper des Jungen schlossen sich, das Blut verschwand, Knochen verbanden sich und auch das Fleisch wuchs wieder zusammen. Das Gesicht des Jungen, was kurz zuvor nur noch ein verunstaltetet Blutklumpen war, war wieder zu erkennen. Es schien fast so, als würde er ruhig schlafen. Die zerfetzte Rüstung des Knappen blieb jedoch so zerstört wie zuvor. Kettenteile blieben zersprungen und die Plattenteile verbeult, doch der Körper des Knappen wurde mittels Halriks Wortzauberei geheilt. Vidkuns Lippen wurden schmal und er schüttelte den Kopf. „Was findest du nur an diesem Jungen?“,platzte es aus ihm heraus, doch dann hat er eine Erkenntnis und er fuhr fort: „Es ging dir um ihn, richtig?“ Während sich Halrik erhob, sah er herüber zu der kopflosen Sara’kiin, dessen Körper sich immer mehr auflöste und ihre wahre Gestalt preisgab. Saria Fuxfell, die Eismagierin, war schon gut zu erkennen. „Er muss leben“, antwortete Halrik knapp und mit einem Tonfall, als würde seine Antwort einfach alles erklären.

Sie beide hörten plötzlich Geräusche aus dem Burgfried unter ihnen. Es waren Stimmen. Halrik und Vidkun sahen sich an. „Anscheinend haben doch noch welche überlebt“, spekulierte Vidkun, der nicht allzu begeistert klang. „Wir müssen nun fort von hier.“ Halriks Stimme erschien endgültig und duldete keinen Widerspruch. „Warte … wo wirst du hin? Du kannst nicht zurück in unsere Sphären. Sie würden sich aufspüren und finden, und du wärst eine Gefahr für alle die dich umgeben“, fragte Vidkun in fast schon besorgtem Tonfall, der sich schon darauf konzentrierte, sich erneut zu verwandeln. Halrik schloss seine obsidianfarbenden Augen und antwortete: „Ich werde im Vortex bleiben, ihn studieren und mich zur rechten Zeit wieder an euch wenden.“ Dann sprach er zwei Worte, die Vidkun nicht vernahm, da er sich gerade verwandelte. Halrik verschwand, er löste sich einfach auf und war hinfort. Vidkun hingegen nahm die Gestalt eines weißköpfigen Adlers an und erhob sich mit zwei mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte, um binnen Lidschlägen durch die immer größer werdenden Spalten in der Vortexkuppel zu verschwinden.

Als er gerade hindurch war, flog die Dachluke des Burgfrieds auf und sowohl Tarn, als auch Elfa, sprangen kampfbereit heraus. „Sie ist fort. Und wer zum Geier ist das?“, stieß Tarnelius im rauen Tonfall aus. Seine Rüstung und sein Wappenrock waren zerschlissen und in seinem Gesicht waren zahlreiche Kratzer. Mit der Spitze seines Schwerts zeigte er auf die am Boden liegende Magierin Saria Fuxfell. Elfa, die ebenfalls einiges abbekommen hatte und einen dicken Verband am linken Arm und um die Hand trug, entspannte ihren Bogen, als sie zu Ser Gneisor ging, um seine Lebenszeichen zu prüfen. Sie legte zwei Finger auf eine Stelle an seinem Hals. „Oh, bei den Göttern. Der ist hinüber.“ Ihre glockenhelle Stimme war dabei keineswegs spöttisch, sie meinte es genau so, wie sie es sagte: Gneisors Seele war schon hinüber gegangen in das Totenreich. „Der hier lebt noch!“, rief Tarn, der gerade Ingmars Lebenszeichen prüfte. „Bei Ingerimm, sieh dir nur seine Rüstung an, komplett zerstört und kein einziger Kratzer – ein Wunder“, fügte er noch an, als er Ingmar an der Schulter ruckelte, um ihn aufzuwecken. Ingmar, der Knappe des Marschalls der Festung, stöhnte, als er rüde aufgeweckt wurde. Er blinzelte und blickte in das von Verletzungen gezeichnete Gesicht des erfahrenen Infanteristen. „Was … wo … ich sollte …“, brachte er schwach und verwirrt hervor. Tarn schloss daraus, dass er wohl mächtig eins auf den Kopf bekommen haben musste und noch etwas verwirrt war. „Ganz ruhig junger Herr, ihr müsst gestürzt sein.“ Tarn wusste nicht, wie viel Wahrheit in seiner Aussage lag. „Ich sollte Tod sein – schon wieder“, hauchte Ingmar und versuchte aufzustehen, doch die zerbeulte Rüstung hinderte ihn daran. Tarn rollte mit den Augen. „Man man man, ihr müsst wohl ganz heftig was abbekommen haben. Ihr phantasiert, junger Herr.“ Tarn reichte dem jungen den Arm, um ihm aufzuhelfen. Er zog ihn hoch, es klapperte, quietschte und kratzte metallisch, als er den Knappen aufrecht hinstellte und noch ein paar Momente stabilisierte. Tarns Blick fiel kurz auf den toten Ritter. Er wusste nicht, ob der Knappe es schon wusste und beschloss es ihm sofort zu sagen. Besser er erfuhr es jetzt, als später. „Ich muss euch etwas sagen, junger Herr … euer Ritter …“, begann er mit so viel Einfühlsamkeit, wie er besaß, da wurde er von Elfas schneidiger Stimme im Befehlston unterbrochen. „Tarn! Lass den Jungen und hilf mir hier.“ Tarnelius prüfte noch kurz, ob es der Knappe schaffte alleine zu stehen und ging dann mit einer entschuldigenden Geste zu Elfa herüber, die mit gespannten Bogen vor der erwachenden Magierin stand. Das Ende ihres Pfeils war dabei auf ihr Gesicht gerichtet. „Nimm ihr den Stab ab.“,befahl sie weiter.Tarn wollte schon protestieren, immerhin wussten sie nicht, wer sie ist, und sie richteten gerade einen Pfeil auf eine Magierin, doch da erkannte auch er sie: „Das ist … das ist …“,stotterte er. „Saria! Die ehemalige Herrin dieser Festung und gefallener Anker Hesindes“, brachte Elfa Tarns Satz mit einer anschließenden Erklärung zu Ende. Sie lag da und hatte sich etwas aufgerichtet, ihr weißer Magierstab lag in Griffreichweite zu ihr, doch Elfa hielt sie in Schach. Tarn näherte sich ihr vorsichtig und fingerte ihr dann den Stab weg. „Was hast du mit ihr vor?“, erkundigte sich Tarn bei Elfa, in seiner Stimme lag Besorgnis. Die Augen der Bogenschützin waren feine Schlitze, als sie auf die Gesichtsmitte der Magierin zielte. Sie antwortete nicht, man sah nur, wie die Wut über all das Verderben, das sie als Sara’kiin über sie gebracht hatte, in ihr hochkochte. Elfas Finger lockerten sich von der Sehne, da hallte plötzlich Ingmars Stimme über den Burgfried: „Sie soll leben!“, quietschend und klappernd schloss er zu den beiden auf. „Sie soll uns Rede und Antwort stehen. Sie weiß mehr über den Vortex, als wir alle, sogar mehr, als die Großmeister. Legt ihr den Praioskragen an, legt sie in metallene Fesseln und bringt sie in den Kerker … und lasst sie nicht aus den Augen.“ „Jawohl, Herr“,antworteten Elfa und Tarn im Gleichklang. Nach dem Tod von Ser Gneisor war er nun wohl der neue Herr von Festung Friedstein.

Teil XI – Leben und Tod (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Kurz zuvor im Innern des Burgfrieds

Lady Branganes Füße flogen die steinernen Stufen den Burgfrieds hoch. Die Schnelligkeit mit der die voll gerüstete Frau über die Treppenstufen hinter sich ließ, erschien unnatürlich. Einen Absatz tiefer hörte sie den schwer verletzten Ser Gneisor keuchen und japsen. Er war trotz der Hilfe seines Knappen viel zu langsam. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ brüllte sie und ihre Stimme hallte im Treppenaufgang mehrmals wieder. Einen kurzen Moment hielt sie an, lehnte sich über das Geländer und wartete auf eine Antwort, doch sie blieb aus. Sie musste weiter, sie hatte keine Zeit zu verlieren und der schwer verletzte Fleischsack wäre ohnehin keine Hilfe im Kampf gegen Sara’kiin. Sie hatte eine Mission: Sie musste Halrik retten. Er war – so hatte es die verhüllte Gestalt gesagt – wichtig für die Bewohner der 3. Spähre. Brangane, oder besser gesagt Vidkun, war ein Quitslinga, ein Dämon der Imitation aus der Domäne Amazeroths. Wenn er etwas sehr gut, ja fast schon perfekt konnte, dann war es Beobachten und Imitieren, weshalb er nicht nur eine geradezu perfekte Auffassungsgabe, sondern auch eine ausgesprochen gutes Gedächtnis hatte. Während Branganes Füße wieder über die Treppenstufen schnellten, erinnerte er sich jedes Wort seines Auftraggebers:  „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele Jahre im Dunkeln umherirren.“

Sie erreichte die oberste Etage des Burgfrieds, nun trennte sie nur noch eine Leiter von dem Dachebene, von dem aus sie Halrik am besten erreichen konnte. „Ich muss ihn retten“ – immer wieder schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf, doch wie sie das anstellen sollte, war ihr noch nicht klar. Während sie die Leiter erklomm, wurde es draußen still. Der magische Kampf zwischen Sara’kiin und dem Studiosus pausierte wohl, oder war er gar beendet? War sie etwa zu spät? Der Studiosus konnte nicht gewonnen haben, denn er war nicht derjenige, der Sara’kiin besiegen konnte. Er konnte sie schwächen, ja, aber nicht besiegen. Das vermochten nur sie und die Auserwählte Hesindes. Die Stille bedeutete also nichts Gutes. Entweder hatte Sara’kiin den jungen Mann in Stücke gerissen, oder Halrik war es gelungen sie für einen kurzen Moment zu Schwächen, doch dann, befand er sich in noch größerer Gefahr, denn dann wog er sich in trügerischer Sicherheit. Egal was geschehen war, sie musste zügig weiter.

Vorsichtig drückte sie die Dachluke auf und lugte zwischen dem schmalen Spalt hindurch. Sie erblickte den Studiosus, er stand in seiner grauen Kutte mit dem Rücken zu ihr auf dem Burgfried und reckte seine Arme einen Kelch formend gen Kuppel. Von Sara’kiin war keine Spur. Es war Halrik also für einen kurzen Moment gelungen sie zu schwächen und nun nahm er arrogant an, dass er sie besiegt habe – dieser mittelländische Hundsfott. Angereichert mit der Macht des Vortex aber trotzdem beschränkt durch den Geist eines naiven Kindes. Wieder hallten die Worte der verhüllten Gestalt in ihrem Kopf wieder: Du musst ihn retten! Doch wie sollte sie das anstellen? Sie musste ihn vor Sara’kiin schützen, und das konnte sie nur, indem sie die Limbusverschlingerin besiegte. Denn im Moment war ER für sie zwar keine Bedrohung, aber dennoch ein sehr lästiger Störenfried, dem sie sich mit Sicherheit als erstes zuwenden würde.

Vorsichtig und vollkommen lautlos schob Brangane die Dachluke etwas weiter auf. Währenddessen begann Halrik zu sprechen: „Ausghairm banna áit.“ Blitzartige Gebilde zuckten über den Kuppelrand, als er die Worte mit hoch erhobenen Armen aussprach. Vidkun wusste, jetzt war der Moment gekommen an dem er etwas tun musste. Sara’kiin würde sich die Zauberei des Jungen nicht lange mitansehen und in Kürze wieder erscheinen. Er konnte sich aber auch nicht Sara’kiin offen stellen – er war kein Kämpfer, sondern ein listenreicher Blender der aus dem Verborgenen agiert. Außerdem, selbst wenn er sich ihr in Gestalt von Brangane stellen würde, wäre er aus Sicht von Sara’kiin noch immer nicht der gefährlichste Gegner und ihre Angriffe würden sich weiter auf Halrik richten. Da hatte der Dämon plötzlich einen Gedankenblitz: Was, wenn er Halrik aus dem Spiel nehmen würde, wie eine Figur die man vom Brett nehmen würde, um nicht zur Zielscheibe des Gegners zu werden?

Als Brangane öffnete Vidkun die Dachluke, und als Matral, dem gefallenen Anker Borons, schloss er sie wieder. Vidkun war nun in gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. An Stelle des Bihänders der Kriegerin, war dort nun ein schlanker, nadelartiger Dolch in seiner rechten Hand. Auch wenn Vidkun selbst keinerlei Organe besaß, so kannte er sich mit ihnen sehr gut aus. Er wusste genau, welche Organe wichtig zum Überleben waren, wo die sich befanden, wie sie sich im Innern wandten und was passierte, wenn man sie gezielt punktierte. Auch wenn sich Halriks Körper aufgrund des Einflusses des Vortex inzwischen verändert hatte, so mussten seine Organe noch immer die gleichen Funktionen haben, wie zuvor. Um Halrik zu retten war Vidkun gezwungen ihn vorübergehend auszuschalten. Und damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe! Er würde Halrik nicht nur sprichwörtlich ‚vom Brett nehmen‘, er würde der Limbusverschlingerin sogar vortäuschen, auf ihrer Seite zu sein. Vielleicht würde sie den Köder schlucken und es würde ihm gelingen, nah genug an sie heran zu kommen, um bei ihr einen tödlichen Stich zu setzen. „Ausghairm banna áit“, sprach Halrik zum zweiten Mal und die Blitze am Rand der Kuppel wurden immer größer. Der Junge war wirklich talentiert – dachte sich Vidkun und schaute sich seinen Rücken sehr genau an. Mit den Augen sezierte er ihn und legte eine Route fest, die sein schlanker Dolch nehmen musste, um ihn so zu verletzten, dass es so aussah, als ob er tödlich verletzt worden wäre, er den Stich aber überleben würde. Es bedurfte also einem Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Nur einen halben Fingerbreit zu tief, oder zu weit rechts, links, oben oder unten gestochen, und Halrik würde bei Bewusstsein bleiben, oder schlimmer noch: sterben.

Halrik setzte zum dritten mal an: „Ausghairm ban …“ Da stach Vidkun in der Form von Matral dem Jungen ruckartig von hinten in den Rücken. Die schlanke Klinge fuhr mühelos durch dessen Körper und trat vorne wieder aus. Der Dolch verursachte ein ganz leises matallischess Kratzen, als er durch die Brust de Jungen, vorbei an Rippen, fuhr und dabei dessen Lunge an einer fatalen Stelle punktierte. Matral zog an dem Dolch und er flutsche mühelos aus dem Körper des Studiosus heraus. Die Klinge hatte seiner Meinung nach den richtigen Weg genommen, Halrik musste also in Kürze zusammenbrechen – die Verletzung war schwer genug, um ihn sofort auszuschalten, doch würde er sie überleben, was Vidkun Zeit gab, sich zuerst um Sara’kiin zu kümmern.

Halrik ließ still die Arme sinken und drehte sich nach seinem Peiniger um. Vidkuns Darstellung von Matral war so, dass sein Gesicht vollkommen verhüllt war und er auf dem Kopf einen mit metallischen Zacken gekrönten Helm trug – so wie alle Jenseitigen Anker. Er hatte also keine für außenstehende erkennbaren Augen, und doch trafen sich für einen kurzen Moment der Blick von Halrik, dessen Augen obsidianfarbene Steine waren und Matral, der das Gesicht des Jungen nun das erste Mal erblickte und es sofort wiedererkannte. Das Gedächtnis eines Quitlinga-Dämons, vergaß nämlich nie ein Gesicht, auch wenn es so verunstaltet war, wie das von Halrik.

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.

Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Vidkuns Plan war aufgegangen, die Limbusverschlingerin sah ihn als einer der ihren an und Halrik war vorrübergehend ausgeschaltet, und so Amazeroth will, würde er auch trotz ihres Hiebs lange genug überleben, dass er genug Zeit hatte, den gefallenen Anker Hesindes zu vernichten. Matrals Blick ruhte jedoch noch immer auf dem zerschundenden Körper des Jungen, auch wenn sein Plan funktionierte, musste er erstmal verstehen, wie es sein konnte, dass Halrik die Person war, für die er ihn hielt.

Teil XI – Leben und Tod (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochselstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Durch den von der blauen Explosion ausgehenden Druck flog der Knappe Ingmar hoch über die Zinnen des Burgfrieds. Er hatte sich schützend vor seinen Ritter geworfen, da er wusste, dass dieser die Druckwelle aufgrund seiner Verletzungen nicht aushalten würde. Noch im Flug muss Ingmar an die Worte seines Herrn denken – war er wirklich dort unten in den Gängen des Burgfrieds gestorben? Hatte Halrik ihn wiederbelebt? Es waren die Gedanken eines Jungen, der sein Leben in den letzten Momenten vor seinem Tode an sich vorbeiziehen sah. Ingmars Körper beschrieb eine hohe Flugkurve, weshalb er nicht sofort über die Zinnen stürzte, zuerst schlug er samt seiner Rüstung scheppernd auf der Kante einer Zinne auf, Knochen brachen und dumpfer Schmerz brachte Ingmar bis an den Rand der Ohnmacht. Ohne Kontrolle über seinen Körper rutsche er über den Rand hinweg und stürzte in die Tiefe. Dort waren nur spitze Felsen und scharfkantiges Geröll … niemand der hier herabfallen würde, würde den Sturz überleben. Ingmar sah die Felsen näher kommen, da wurde sein Fall ruckartig unterbrochen. Am äußeren Rand seiner Wahrnehmung, denn Ingmar war aufgrund der Schmerzen noch immer kurz vor der Ohnmacht, hörte er die Stimme seinen Herrn. Er konnte seine Worte nicht verstehen. War es etwa so? Stirbt man auf diese Weise? Sehr langsam und mit den Worten der Menschen in den Ohren, die einem wichtig waren? Doch die Stimme wurde lauter und Ingmars Besinnung kehrte zurück. „Nimm, meinen Arm!“, brüllte Gneisor blubbernd. Ingmar blickte durch verschwommene Augen nach oben. Der Marschall hatte Ingmar am linken Arm gepackt und lugte mit hochroten Kopf und bluttriefenden Mund zwischen den Zinnen hervor. Mit seinem nicht gebrochenen Arm war es Gneisor irgendwie gelungen, rechtzeitig zu den Zinnen zu kommen und Ingmars tödlichen Sturz in die Tiefen zu verhindern. Seine Brust klemmte er hinter die Kante und hielt den Jungen somit in der Luft. Doch Gneisor war zu schwer verletzt, um Ingmar alleine hoch zu ziehen. „Ich lass dich nicht erneut sterben, Junge!“ Gneisors Worte wurden begleitet von zahlreichen Blutspritzern, die auf den Knappen hernieder regneten.

Ingmar sah, wie die Umrisse seines Ritters plötzlich bläulich aufglommen. Er rief seinem Herrn zu: „Ser! Hinter euch!“ Auch Ingmar musste husten, der Aufprall auf den Zinnen hatte ihn mehrere Rippen gekostet und nun fiel auch ihm das Atmen schwer. Den Arm den Gneisor zu packen bekam war ebenfalls gebrochen – er spürte ihn schon gar nicht mehr. Gneisor lugte hinter sich, und was er sah, ließ ihn verzweifeln. Aus irgendeinem Grund hatte Sara’kiin Matrals letzten Stich überlebt, sie schwebte einen halben Schritt in der Luft, überall aus ihr heraus quoll – ja quasi floss – die schwarze Flüssigkeit. Mit einer Geste hielt sie Vidkun in der Form von Matral einige Schritt von sich entfernt in einer glitzernden blauen, jedoch stark flackernden Kugel in der Luft gefangen. Sie war stark angeschlagen, das sah man ihr an. Sara’kiins Körperhaltung war gekrümmt und ihr Zauber flackerte, doch noch hatte sie nicht genug und Vidkun würde sich nicht alleine aus dieser Position befreien können. Zu allem Überfluss begann die Limbusverschlingerin am Ende ihres Stabes eine blaue Kugel der Macht gedeihen zu lassen. Gneisor war sofort klar, dass war eine dieser Angriffe mit der sie den Wehrturm zerstört hatte. Solch vernichtende Magie wäre selbst für einen Dämon aus der Domäne Amazeroths tödlich.

Der Marschall der Feste musste über das Schicksal entscheiden. Wenn er seinen treuen Knappen dabei half, sich wieder hoch zu ziehen, würde er dafür im Gegenzug Vidkun nicht retten können. Sara’kiin würde, wenn auch geschwächt, mit einem einzelnen Angriff den Dämon in Stücke reißen. Doch wenn er dem Dämon helfen wollte, musste er Ingmar los- und in den sicheren Tod stürzen lassen.  Er müsste einen geliebten und gottesfürchtigen Menschen opfern, um einen mehrgehörnten Dämon zu retten. Gneisor sah zwischen der immer bedrohlicher werdenden Szene zwischen Vidkun und Sara’kiin und seinem Knappen hin und her, der gerade versuchte mit dem anderen Arm nach ihm zu greifen. Das Schicksal lag wortwörtlich in seinen Händen.

Zuvor, kurz nachdem die blaue Kugel aus Licht explodierte und eine Druckwelle über den Burgfried ging, hatte sich Vidkun in Form von Matral unter die Zinnen gekauert. Die Druckwelle erfasste ihn und drückte ihn weiter in die Ecke zwischen Planken und Stein. Doch die Welle ging zu großen Teilen über ihn hinweg und so blieb er unverletzt. Als er wieder aufschaute, war Sara’kiin fort. Gneisor rannte gerade zum Rand der Wehrmauer, wo mit einem ohrenbetäubenden Scheppern Ingmar nieder ging und dann über die Brüstung in den sicheren Tod rutschte. Aus einem ihm unbekannten Instinkt heraus, sprang Vidkun auf, um Gneisor und Ingmar zur Hilfe zu eilen. Blind sprang er Ihnen entgegen, doch kurz bevor er Gneisor erreichte, wurden seine Füße vom Boden abgehoben und ein eiskalter Griff umschlang seinen ganzen Körper. Das blaue Licht erfasste ihn, zog ihn zurück, fort von Gneisor und Ingmar und hob ihn in die Luft. Als sich sein Körper in der Luft langsam drehte, sah er sie: Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Wie konnte er nur so dumm und unaufmerksam sein, dachte er sich. Ganz so schnell, würde eine Vortexkriegerin nicht sterben, es würde schon noch etwas mehr brauchen. Er ärgerte sich über sich selbst. Wenn er nicht blindlings hätte helfen wollen, sondern fokussiert geblieben wäre, dann wäre ihm dieser Fehler nicht passiert und er hätte Sara’kiins Wiedererscheinen rechtzeitig bemerkt. Doch nun ist es zu spät, sie mag zwar schwer angeschlagen sein, doch noch hatte sie nicht genug und von seiner Position aus würde er nichts unternehmen können. Da sah er, wie die ehemalige Eismagierin begann, einen blauen Ball aus Licht am Ende ihres Stabes zu formen. Ihm wurde rasch klar, dass dies sein Ende sein würde. Noch nie in der Geschichte seiner Existenz hatte ein Wesen dieser Sphäre einem Dämon geholfen, geschweige denn ihm das Leben gerettet. Auf Gneisor konnte er also nicht zählen. Vidkun schloss die Augen, er wollte Sara’kiin nicht die Genugtuung geben in seine verzweifelten Augen zu blicken, während sie ihn mittels ihres Zaubers in tausend Stücke zerriss.

Das Knistern der Macht, das von der blauen Kugel ausging, wurde immer lauter, als Vidkun beschloss, die Augen zu schließen und sich seinem Schicksal zu ergeben. Er hörte, wie sich die zerstörerische Kraft von ihrem Stab löste und auf ihn zubrauste. Er spürte, wie zersetzende und zerstörende Kraft seine Schulter traf und auflöste. Der Ruck war so heftig, dass er nach hinten gerissen wurde und das Gefühl hatte, zu fallen. Das zersetzende Gefühl breitete sich aus, da schlug er plötzlich auf den Planken des Burgfrieds auf. Er war kurz benommen, wusste nicht wie er die Eindrücke einordnen sollte. Blinzelnd öffnete er nach einem Moment die Augen, seine Schulter blubberte und dampfe, es roch nach Schwefel und sie zersetzte sich nach und nach, aber ihm erschien in Anbetracht der Situation seine Verletzung als zu gering für das, was er eigentlich erwartete. Der Wind trug einen langen, dünner werdenden und markerschütternden Schrei über den Wehrfried, Vidkun erkannte ihn: Es war der vom in den Tod fallenden Knappen Ingmar. Vidkuns Augen schauten durch gelblichen, schwefelhaltigen Rauch hindurch als er sah, wie Gneisor, mit dem Willen einer Löwin, sein Anderthalbhänder durch die Luft schwang. Vor ihm kniete Sara’kiin, ihr linker Arm lag abgetrennt, ihren Stab noch immer in der Hand haltend, am Boden und des Ritters Hieb fuhr mit allerletzter Kraft auf ihren Hals herab. Die Klinge schnitt sauber durch ihren weißen Mantel und ihren Hals, wie eine heißes Messer durch ein Stück Gänseschmalz. Ihr Kopf flog trudelnd durch die Luft und landete pochend auf den Planken. Durch den Schwung der Klinge, die unerbittlich weiter ging, wurde Gneisor herum geschleudert und umgerissen. Er hatte so viel Schwung in diesen finalen Hieb gelegt, dass er ihn nicht kontrollieren konnte. Er fiel wie ein nasser Sack zu Boden und blieb in seiner eigenen Blutlache liegen. Vidkun, dessen Schulter sich immernoch zersetzte und gelblich dampfe, erhob sich langsam. Seine unterschiedlichen Formen verschwammen nun miteinander. Teile seines Körpers waren Matral, andere
wiederum Brangane und wieder andere zeigten Gneisor. Nur das Gesicht blieb größtenteils das von Brangane, als er zum Marschall herüberschlurfte. Vidkun konnte nicht fassen, was dieser Mensch getan hatte. Er hatte Ingmar, seinen treuen Knappen, geopfert, um ihn zu retten.

Der kopflose Körper von Sara’kiin war zur Seite gekippt und lag nun regungslos auf den Planken – sie war endlich besiegt. Vidkun wusste, dass er ihr Herz zwar perforiert und er damit den tödlichen Stich gesetzt hatte, doch war sie dadurch nicht sofort besiegt. Ihr Vortexherz ließ sie noch ein paar Schläge lang weiter agieren, was ihr allerdings – wie man sah – genug Zeit gab, noch zu einem letzten Angriff über zu gehen. Gneisors Rettungstat war, wenn auch sehr heroisch anmutend und wahrscheinlich einmalig in der Geschichte, dumm und sinnlos. Sie wäre ohnehin binnen weniger Lidschläge gestorben, auch wenn sie ihn selbst noch dabei mitgenommen hätte. Und wäre Vidkun hier gestorben, wäre es für immer – denn von dieser Vortexebene hätte er nicht auf die Dämonensphäre zurückkehren können.

Mit nach Schwefel dampfender sowie Blasen schlagender Schulter und sich ständig verändernder Gestalt stelle sich Vidkun über den am Boden liegenden Marschall. Dieser von den Göttern gesegnete Krieger war noch immer am Leben, doch sein Funke, war kurz davor zu erlischen. Er spuckte Blut und das Rasseln, das aus seinen Lungen drang, wurde immer nasser, er war kurz vor seinem Ende. Vidkun sah ihn an, das Gesicht von Brangane zeigte eine Mischung aus Wut und Mitleid. „Du dämlicher Fleischsack. Warum müsst ihr Rondrianer euch immer als die Helden aufspielen, sag es mir!?“ Gneisors Blick suchte Vidkun, es schien, als wäre Bishdariel gerade dabei ihn abzuholen. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er etwas sagen, doch außer einem feuchten Husten brachte er nichts mehr hervor. Vidkun konnte nicht anders, er musste es einfach fragen. Er musste es wissen, bevor er starb. Er kniete sich zu ihm herunter und packte ihn am Kragen. „Warum hast du das Leben deines Knappen gegen meins gegeben?“ Der Blick des Marschalls traf den von Vidkun, und in seinem letzten klaren Moment, huschte ihm ein blutiges, aber dennoch süffisantes Grinsen über die Lippen. Fast sah es so aus, als würde Gneisor die Kraft aufbringen etwas zu sagen, doch kein Laut drang über seine Lippen. „WARUM?!“, brüllte Vidkun ihn mit metallisch schnarrender Stimme an. Ganz langsam verflog Gneisors Grinsen. Er schloss die Augen, sein Atem verflachte sich und sein Körper erschlaffte. Als Vidkun ihn losließ, war es totenstill.

Sein Blick ging zu Sara’kiin, ihre Vortexgestalt begann sich aufzulösen, was ein gutes Zeichen war, denn es bedeutete, dass sich auch die Zeitkuppel, in der sie sich befanden, auflösen würde. Er blickte zum Horizont – und tatsächlich – überall waren leuchtende Flecken zu sehen. Die Vortexglobule begann sich allmählich aufzulösen. Wenn Vidkun eine Lunge gehabt hätte, wäre ihm jedoch genau in diesem Moment der Atem gestockt, denn erst jetzt fiel ihm auf, dass Studiosus Halriks Körper fort war. Sofort wuchs aus Vidkuns rechter Hand ein langes blankes Schwert. Der Kampf war gewonnen, doch die Schlacht war anscheinend noch nicht vorbei.

Teil X – Schicksal (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Die Feldsteine und Brockensplitter des Wehrturms sprengten in alle Richtungen davon. Sara’kiins blauer Zerstörungszauber machte aus dem einst stolzen Turm in Windeseile eine Ruine. Doch die zersprengten Teile des Turms in dem sich Tarn und Elfa befanden, flogen nicht einfach nur zur Seite weg – sie blieben in der Luft hängen als hätte Satinav höchstpersönlich ihnen befohlen nicht weiter zu fliegen. Vidkun, der noch immer in der Form von Brangane war, Gneisor und Ingmar waren inzwischen am Zinnenrand des Burgfrieds angekommen und mussten hilflos mitansehen, wie die Limbusverschlingerin den Wehrturm in Schutt und Asche zerlegte.

„Macht euch bereit, sie wird gleich wieder zu uns kommen“, ermahnte Brangane die anderen mit einem leichten Schnarren in der Stimme. Nachdem der Turm zerstört war, verschwand Sara’kiin wieder, begleitet von einem leisen entropischen Knistern, in einem Vortexspalt. „Macht euch bereit!“, rief Gneisor und eilte mit den anderen zurück zur Mitte des Burgfrieddaches. Sie stellten sich alle drei Rücken an Rücken, die Klingen kampfbereit erhoben, um auf diese Weise so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit verstrich quälend langsam, nur das pfeifende Röcheln vom schwer angeschlagenen Gneisor und das angespannte Atmen des Knappen Ingmar waren zu hören. Von Brangane war kein Laut zu vernehmen, denn Vidkun konzentrierte sich nicht mehr darauf, die perfekte Illusion zu erzeugen, weshalb er es nicht mehr für nötig hielt, ein Atmen eines fleischlichen Wesens zu imitieren. Für einen kurzen Moment musste Gneisor genau darüber nachdenken. Es erschauderte ihn, dass er Seit an Seit mit einem Dämon gegen einen gemeinsamen Feind stritt. Doch im Moment hatte er keine andere Wahl.

Es knisterte wieder und aus einem lilafarbenen Vortexspalt schwebte sie nur einige Schritt von der anderen entfernt heraus, Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Noch immer tödlich Grazil und unheilvoll anmutig, schwebte sie vor den anderen in der Luft. Pechschwarze und zähe Flüssigkeit drang aus den Wunden ihres Oberkörpers und besudelte ihr einst reinweißes Gewand. Die drei Streiter veränderten ihre Kampfformation und stellten sich ihr gegenüber auf – nun hieß es drei gegen eins. „Dieser Kampf ist für dich, Rondra“, murmelte Gneisor und hob seinen Anderthalbhänder, den er nur noch mit einer Hand schwingen konnte, da der andere Arm gebrochenen in einer Schlaufe hing. Obwohl er der Angeschlagenste von allen dreien war, war er doch der Erste, der auf Sara’kiin zuging. Todesmutig stürzte er voran, Ingmar folgte mit seinem Kurzschwert und auch Vidkum flankierte ihn schützend.

Der Kampf dreier Schwertträger gegen eine einzelne Stabträgerin wäre unter normalen Umständen wohl rasch erzählt. Doch dies war keine profane Stabträgerin, dies war der gefallene Anker Hesindes – eine gestählte und magische Vortexkriegerin gegen einen schwer angeschlagenen Kämpfer, einem jungen unerfahrenen Burschen und einen nicht gerade kampfaffinen Vertreter aus der Domäne des vielgestaltigen Blenders. Und doch, hätte den Kampf jemand von außen betrachten können, hätte er ihn als anmutigen Tanz der Klingen bezeichnet. Alle drei, Gneisor, Ingmar und Brangane schlugen mit allen Mitteln der Kampfkunst auf Sara’kiin ein, doch ihre unnatürliche Gewandheit, gepaart mit ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit und dem gekonnten Umgang ihres Stabes wich sie dem Großteil der Hiebe aus, lenkte sie mit ihrem Stab im letzten Moment ab oder erlangte sogar eine vorteilhafte Position. Hatte sie erst einmal eine solche erreicht, setzte sie sofort zu einem tötlichen Schlag an – doch fuhr jedes Mal einer der anderen dazwischen, um sich unter Inkaufnahme eigenen Verletzungen dem anderen das Leben zu retten. Im Gegenzug gelang es den dreien trotzdem die Limbusverschlingerin hier und dort zu treffen und zumindest augenscheinlich zu verletzen. Alle drei bekamen dabei jedoch zahlreiche Blessuren und Platzwunden. Niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Tanz der Klingen ging, und hätte die himmliche Leuin es mitansehen können, hätte sie sich diesen Kampf, der einem Gebet an sie gleichkommt, bestimmt nur zu gerne angesehen. Während dieses Gleichstandes, bei dem es keinem der beiden Seiten gelang einen Vorteil zu erkämpfen, beobachtete, ja fast schon studierte der Dämon Amazaroths ihren Widersacher genau. Welcher, wenn nicht ein Dämon der Imitation, war zu einer nahezu perfekten Beobachtungsgabe in der Lage. Vidkun fiel auf, dass Sara’kiin immer wieder versuchte Gneisors Schwäche, den gebrochenen Arm zu ihrem Vorteil auszunutzen. In mitten des Schwerttanzes fasste Vidkun daher den Entschluss, diese Schwäche ihres Mitstreiters, zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wie vier Löwinnen, die umeinander tanzten und stritten, sprangen auch die vier Kämpfer umeinander her und wechselten ständig die Positonen. Nach einer Abfolge mehrere Schläge und Hiebe von Brangane, drehte sie sich so weg, dass sie Gneisors schwache Körperseite öffnete. Sofort machte Sara’kiin eine vorbereitende Bewegung, um diesen Moment der Schwäche zu nutzen, da nutze Brangane ihre von ihm vorhergesehen Bewegung und schlug ihr mit der Fehlschärfe gegen den zackenbewehrten Helm. Ein metallisches Scheppern erklang und für einen sehr kurzen Moment wirkte sie benommen. Doch anscheinend war Branganes Hieb nicht stark genug, noch immer stand Gneisor in einer unvorteilhaften Position da. Ingmar stand zu weit entfernt, um seinem Herrn beizuspringen und Gneisor wäre selbst nicht in der Lagegewesen, sich von dieser Seite zu verteidigen. Sara’kiin schien diese Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie wich einem Hieb von Ingmar aus, drehte sich um die eigene Achse und rotierte mit ihrem Stab so, dass sie Gneisors verzweifelten Streich, sich aus der nachteilhaften Position zu bringen, an ihrem Stab mühelos ablenkte. In den Augen des Marschalls zeichnete sich entsetzte Verzweiflung ab, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war, denn sowohl Ingmar als auch Vidkun konnten ihm in diesem Moment nicht beispringen. Sara’kiin ließ ihren Stab wieder wie eine Windmühle rotieren und schlug dann nach der Seite von Gneisors gebrochenen Arm. Es lag viel Wucht in dem Schlag, es sollte Gneisors letzter Hieb werden, den er einstecken würde. Doch im letzten Moment zog Gneisor den Arm ruckartig aus der Schlinge, packte den Stab und brachte ihn mitten im Bewegungsmoment zum Erstarren. Noch während niemand verstand, was gerade geschah, formte sich auf den Lippen unter Gneisors Bart ein schelmisches Lächeln. Ein schlitzendes Geräusch war zu hören und ein kurzer Ruck durchfuhr Sara’kiins Körper, als eine schmale Klinge in Gneisors rechter Hand zwischen die Unmetallplatten in ihrem Leib stieß. „Stirb endlich!“, fauchte Gneisor mit fremder leicht schnarrender Stimme. Hinter Sara’kiin half Ingmar dem echten Marschall von Burg Friedstein gerade auf die Beine und hielt ihm davon ab, sofort auf Sara’kiin zu stürzen. Er spuckte Blut und hustete beim Versuch stehen zu bleiben. Vidkun hatte, nachdem er die Limbusverschlingerin mit der Fehlschärfe getroffen hatte, sich selbst in die Position von Gneisor gebracht und ihn dafür zur Seite gestoßen. Er hat seinen Platz eingenommen und ihr eine schwache Seite offeriert, die keine war. Vidkun beschloss die Form von Gneisor aufzugeben und verwandelte sich wieder in Matral, dem das süffisante Grinsen im Gesicht eh besser stand. Er presste den schmalen Dolch in seiner rechten Hand noch ein bisschen tiefer und es knackte im Innern des Vortexkriegerin. Ein Zucken durchfuhr ihn – Vidkun hatte endlich die Stelle getroffen die er erreichen wollte.

Erst begann es leise, doch es wurde rasch lauter, so dass es jeder auf dem Burgfried hören konnte. Von Sara’kiin ging ein bedrohliches Surren aus. Matral zog die Klinge aus ihren Körper, wobei ein großer Flatschen schwarzer Flüssigkeit auf den Planken landete. „In Deckung!“, rief er und entfernt sich mit einem beherzten Sprung von ihr. Gneisor, der gerade erst aufgestanden war, war im Moment alles andere als agil und duckte sich nur, während sich Ingmar mit seinem ganzen Körper schützend vor seinem Ritter warf. Binnen eines Lidschlags wurde das Surren so laut, dass es ohrenbetäubend wurde, eine blaue glänzende Aura schwoll um Sara’kiin an, die in einem ohrenbetäubenden entropischen Knall explodierte. Als sich die blaue Aura entlud und das Surren damit endete, stob die Druckwelle bis weit über die Zinnen hinaus.  Ingmar, der mit Abstand der Leichteste war und im Moment die größte Körperfläche bot, wurde von ihr gnadenlos erfasst. Wie eine Puppe, die an Fäden gehalten wird, wurde er durch die Luft gezogen und flog im hohen Bogen bis über die Zinnen.

Als Matral, der sich unter die Zinnen geduckt hatte, wieder die Augen öffnete, war Sara’kiin fort.


Teil X – Schicksal (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

„Du verschandelst dir dein schickes Kleidchen“, spottete Vidkun mit Branganes Stimme. Seine Lippen formten ein hämischen Grinsen, als er mit der Spitze des Anderthalbhänders auf die linke Seite von Sara’kiin zeigte. Noch immer trat eine dicke schwarze Flüssigkeit aus, Vidkun hatte sie schwer verletzt, doch sein tödlicher Stich wurde von irgendetwas in ihrem Innern vom Herz abgelenkt. Die Limbusverschlingerin zeigte keine Regung auf Vidkuns Versuch, sie zu provozieren. Sie hob die linke Hand, welche begann in Gänze blau zu leuchten. Vidkun, der noch immer die Gestalt von Brangane hatte, wusste, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, zum Angriff über zu gehen. Er stieß sich auf den Hacken ab und mit dem Schwert voran eilte er auf sie zu. Sara’kiin machte mit der linken Hand eine Bewegung, die man nur als ‚Ausschütteln‘ bezeichnen konnte. Mit voneinander abgespreizten Fingern schüttelte sie ihre blau lumineszierende Hand aus, von der sich fünf fingergroße spitze und eisige Zapfen lösten und in Richtung Vidkun schossen. Dieser hob jedoch das Schwert, so dass drei der Zapfen gegen die Klinge und die Parierstange prasselten, doch zwei gingen durch, einer flog nur knapp an seiner Schulter vorbei, doch der fünfte traf ihn in die linke Schulter. Vidkun nahm Schwung und hieb zu. Die Klinge knallte auf den Stab und schabte an ihm entlang. Sara’kiin drehte sich um die eigene Achse, nutze den aufgenommenen Schwung und ließ den Stab rotieren. Vom abgelenkten Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht, richtete sich Vidkun neu aus. Sara’kiins Stab surrte horizontal durch die Luft und schepperte auf seinen linken Rippenbogen, so stark, dass der Brustharnisch zerbeulte. Im gleichen Moment schlug Vidkun erneut zu, das Schwert ging auf ihr nieder und als sie sich erneut wegdrehte, spritzten schwarze Tropfen ihren Bluts umher. Sara’kiin erwartete einen weiteren Schwerthieb, doch im letzten Moment verlagerte Vidkun das Gewicht des Schwertes und schlug aus kurzer Distanz mit der Parierstange nach ihr. Die Stange traf sie am Kopf, ee klonkte metallisch, wie bei einer kleinen Glocke und sie taumelte nach hinten. Vidkun setzte nach, verwandelte in Windeleile sein Anderthalbhänder wieder in einen kurzen schmalen Dolch und suchte die verwundbare Stelle. Er überbrückte die Distanz mit einem beherzten Sprung und stach zu. Er traf, doch nicht das was er wollte. Im letzten Moment hatte Sara’kiin sich wieder gefangen und mit ihrem Stab lenkte sie die Klinge ab. Die Spitze zerschnitt ihr die rechte Brust und wieder einen Teil ihrer Kleidung. Dicke Tropfen schwarzen Blutes schossen Vidkun ins Gesicht. Er blinzelte und für einen kurzen Moment wurde er blind, er wusste, dass er sie verfehlte hatte und musste wieder Distanz gewinnen. Sara’kiin schlug mit ihrer Faust gegen den blauen Zapfen, der in seiner Schulter steckte und trieb diesen damit noch tiefer in ihn hinein. Ein lauter Schmerzensschrei erklang aus Branganes Mund, der keineswegs weiblich, sondern viel dunkler und rauer klang. Denn es war Vidkun, der dort von einer Schmerzenswelle erfasst wurde. Sara’kiin verschwendete keinen Moment, sie nutze Vidkuns schwachen Moment aus und richtete ihre Hand wieder Trichterförmig auf ihn aus, welche dann begann blau zu glimmen. Vidkuns Körper löste sich erneut vom Boden. Wissend darum, was geschehen würde, verwandelte er seinen kurzen Dolch in eine lange Klinge und schlug damit seitwärts ungezielt vor sich umher. Die Spitze des Anderthalbhänders verfehlte Sara’kiin dabei nur knapp. Gepackt von Sara’kiins Schwerelosigkeitszauber, würde er nichts ausrichten können. „Du verdammtes Biest!“, keuchte seine düstere und hohl klingende Stimme, da er seine Kraft nun nicht mehr dafür aufwandte die perfekte Illusion von Brangane aufrecht zu halten. Tief in seiner linken Schulter steckte der blau leuchtende Zapfen, von ihm ausgehend zogen sich schwarze Adern wie dunkle Wurzeln über seinen Körper, dabei machten sie zwischen Kleidung, Haut und Rüstung keinen Unterschied, denn auf magischer Ebene betrachtet, war es eh alles Vidkuns Körper.

Vidkun vernahm wieder ein metallisches Scheppern, er spürte wie der Schwerelosigkeitszauber von ihm abfiel und er erneut zu Boden stürzte, doch dieses Mal nicht so hoch wie bei letzten Mal. Trotzdem schlug er mit einer großen Wucht auf den hölzernen Planken auf, so dass es laut krachte. Als er die Augen öffnete, landete neben ihm ein verbeulter Pfeil. Ein kurzes Lächeln flog über seine Lippen. Diese Bogenschützin war wahrlich ein Segen für ihn, weshalb er beschloss, sie später zu verschonen. Als er die Augen hob, war Sara’kiin mit dem Rücken zu ihm gewandt. Der Pfeil musste sie mehr ins Strauchelt gebracht haben, als er zuerst annahm. Doch das Geschenk nahm er gerne an. Der Anderthalbhänder verwandelte sich wieder in den kurzen Dolch, als sich Vidkun aufrichtete, um sie von hinten zu überraschen. Da tauchte eine lange Klinge über Sara’kiins Kopf auf und schlug mit großer Gewalt in ihrer Schulter ein. Ein männlicher Kampfschrei dröhnte über den Burgfried und hinter Sara’kiin kamen Gneisor und Ingmar zum Vorschein. Vidkun verlor keine Zeit darüber nachzudenken, wie bei Amazeroths Willen es der angeschlagene Krieger doch hier hoch geschafft hatte. Mit einem Satz schoss Vidkun nach vorne und presste sich dicht hinten an Sara’kiins Körper. Mit der Klinge in der linken Hand stach er erneut unter ihrem Rippenbogen zu, er suchte einen Weg zu ihrem Herzen. Vidkun lenkte und drückte das Heft der Klinge gleichzeitig, während sich die schmale Klinge durch ihr Inneres bohrte. Die Spitze traf die Stelle von der sie das letzte Mal abgelenkt wurde, doch dieses Mal war er vorbereitet und er drehte das Heft so, dass er daran vorbeikam. Da donnerte Gneisor Anderthalbhänder auf Sara’kiins Brust, ihr Körper wurde von der Wucht heruntergedrückt und zu Boden geschleudert. „NEIN!“ entfuhr es Vidkun wütend, als seine Klinge – kurz vor dem Ziel – aus ihr heraus rutschte. Sara’kiin fiel, doch sie fiel nicht zu Boden, sie verschwand darin, denn im Boden öffnete sich ein Spalt und verschluckte sie. Ehe die anderen reagieren konnten, war sie verschwunden. „Du Idiot!“, bellte Vidkun mit dunkler dämonischer Stimme dem Marschall zu, dem der Schweiß auf den Stirn stand. „Ich hatte sie fast, misch dich nicht ein du nutzloser Fleischhaufen!“, polterte er weiter, griff sich an den blauen Zapfen in seiner Schulter und riss ihn mit einem metallisch hohlen Schmerzenschrei aus sich heraus. Kaum hatte er ihn weggeschleudert, verging er sofort. „Gern geschehen“, antwortete Gneisor mit schwacher pfeifender Stimme und hustete sofort etwas Blut. Er hatte Mühe aufrecht zu stehen, die Klinge hielt er halbhoch mit einer Hand, denn sein anderer Arm war gebrochen und hing in einer improvisierten Schlaufe. Ingmar kam hinter seinem Herrn zum Vorschein, auch er war Kampfbereit, doch auch ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er sah sich suchend um.

„Wo ist sie hin?“, fragte Ingmar. „Im Limbus, oder dem, was dem Limbus gleich kommt hier im Vortex. Keine Sorge, sie taucht gleicht wieder auf. Sie kann da nicht allzu lange bleiben.“ In Vidkuns metallischer Stimme lag Spott, als auch er sich zu den anderen begab. Instinktiv bildeten die drei einen Kampfkreis, bei dem sie die Rücken einander zu wandten. „Wie habt ihr den Fleischsack hier herauf geschafft? Da ist eine beschissene Leiter.“ „Ich habe mit den Kisten eine Treppe gebaut.“ Ingmars Antwort erstaunte Vidkun so sehr, dass er sich dieses Mal ein spottendes Kommentar verkniff. „Schluss jetzt!“, brüllte Gneisor pfeifend, der ob der lauten Stimme gleich wieder Blut hustete. „Wenn du das hier überlebst, könntest du in Vinsalt als Bühnenkünstler auftreten: Der Fleischsack mit der verschluckten Pfeife. Das wird ein riesen Erfolg!“ Stille folgte, trotz den bissigen Kommentars. Die Ruhe zerriss, als sie eine Explosion hörten. Sofort eilten alle zum Rand, um an den Zinnen herunter zu blicken. Sara’kiin schwebte in luftige Höhe und warf mehrere Zauber auf den Wehrturm direkt neben ihnen. Mit jedem Treffer explodierte erneut ein Teil von ihm. Steine flogen am Stück und zersplittert über dem ganzen Wehrhof. Der Turm, auf dem Tarnelius und Elfa waren, wurde von Sara’kiin in Kürze niedergerissen – von den beiden fehlte jede Spur.

Teil X – Schicksal (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.
Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Sara’kiin ließ ihren Stab noch zwei mal rotieren und endete dann ruckartig in einer eleganten Haltung hinter ihrem Handgelenk. Matrals Kopf war in Richtung des Studiosus gedreht. Von seiner schlanken und kurzen Klinge tropfte noch immer dessen Blut auf das Holz. Aus irgendeinem Grund wandte er seinen Blick nicht von ihm ab. Im Innern des dunklen metallischen Helms, den Matral trug, waren keine Augen oder geschweige denn irgendeine Mimik zu sehen, die Aufschlüsse hätten geben können, über das, was im Kopf des gefallenen Ankers vorging. Sein Blick ruhte auf dem Jungen, der jedoch keineswegs mehr wie der junge Studiosus Halrik aussah. Seine gesamte Gestalt hatte sich seit seinem ersten Vortexzauber verwandelt. Seine Haut war aschfahl, überzogen von fingerdicken schwarzen Adern, sein Haar so dünn, dass es silbrig glänzte und seine Augen so groß und dunkel wie Obsidiansteine. Doch warum ruhte Matrals Blick auf seinem gebrochenen Körper? Empfand er eine abartige Version von Genugtuung? War es der prüfende Blick des Mörders auf sein Opfer, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot war? Matrals Körper bewegte sich nicht von der Stelle, und doch drehte er sich im Innern der tiefschwarzen Kleidung. Sein Körper schien sich in Richtung Halrik zu wenden und loszueilen. Doch dann verharrte er in dem Bewegungsmoment. Es schien als hätte er instiktiv auf ihn zu eilen wollen, doch noch ehe er den ersten Schritt machen konnte, hielt er sich selbst an Ort und Stelle fest.

Plötzlich schepperte ein metallischer Ton über die oberste Stelle der Festung, gefolgt von einem unkontrolliert driftenden Pfeil, der über die Zinnen trudelte. Matrals Momentum unterbrach und sein Kopf wandte sich zum Ursprung des Geräusches. Vor ihm neigte sich Sara’kiin leicht zur Seite, eine kleine, kaum erkennbare glänzende Scharte war auf ihrem metallischen Zackenhelm zu sehen, der noch weiter abgeknickt war als der Rest ihres Körpers. Da surrte ein zweiter Pfeil heran und verfehlte sie nur knapp. Er schoss an ihr vorbei und flog ungehindert auf der anderen Seite wieder herab. Die Limbusverschlingerin fing sich und streckte sich wieder. In einer anmutigen Bewegung ließ sie ihren Stab um ihre eigene Körperachse rotieren und schwebte nur eine Handbreit über den Boden in die Richtung des Urspungs der Pfeile zum Rand der Zinnen gegenüber von Halrik.

„Wir haben wieder seine Aufmerksamkeit“, intonierte die glockenhelle Stimme der Bogenschützin Elfa, als sie ihren nächsten Pfeil auf die Sehne legte. Da sie nicht wusste, dass Sara’kiin ursprünglich eine ‚Sie‘ war, und mal davon abgesehen, dass man nicht weiß, ob es im Vortex so etwas wie Geschlechter gab, sah sie Sara’kiin weiterhin als ‚Er‘ an. Neben ihr stand der deutlich gezeichnete Infanterist Tarnelius mit einer breite Platzwunde über dem linken Auge. Auch er hielt einen Bogen in der Hand, doch seine kräftigen Finger hatten es schwerer, mit den filigranen Pfeilen zu hantieren, als die schmalen und flinken seiner Kameradin. „Scheiß Pfeile“, meckerte Tarn mit tiefer Stimme, da er Schwierigkeiten hatte, den Pfeil einzunocken. Elfas zweiter Pfeil surrte los. Die zwei hatten die Explosion überlebt, wenn auch beide sichtlich angeschlagen waren. Sie standen auf einem Wehrturm, der etwa fünf Schritt niedriger war, als der höchste Punkt der Festung, auf der sich die Jenseitigen befanden. Elfas zweiter Pfeil hätte, so er denn seine Flugbahn hätte fortsetzen können, erneut Sara’kiins Kopf getroffen, doch nur wenige Fingerbreit davor schlug er gegen ein blau aufglitzerndes Schild und trudelte dann zerbrochen hinab. Während die Bogenschützin ihren dritten Pfeil aus dem Köcher fischte, gelang es dem Infanteristen endlich seinen zweiten einzunocken. „Er ist wieder geschützt“, seufzte Elfa, setzte aber ihr Handeln unbeeindruckt fort. Sara’kiin streckte ihnen ihren Stab entgegen, an dessen Ende erneut eine blaue Kugel entstand. „Achtung!“, brüllte Tarn, als er begann auf sie zu zielen und sah, was sie vor hatte. Aufgrund des Winkels konnten Elfa und Tarnelius nur den Oberkörper der Magierin sehen, da der Rest hinter den Zinnen verborgen war. Hinter dem schwarzweißen Gewand tauchte eine weitere, sehr dunkle Gestalt auf, die ebenfalls wie ein Jenseitiger aussah: Matral.
Die blaue Kugel am Ende des Stabes löste sich von ihm und flog zügig auf Elfa und Tarnelius zu. „Jetzt!“, rief die Schützin. Tarn und sie machten einen kleinen Sprung und tauchten ins Innere des Turms hinab. Sie hatten die Luke offen gelassen und sich direkt hinter ihr gestellt, um rasch in Deckung gehen zu können. Über ihnen wurde für einen kurzen Moment alles in ein helles Blau gehüllt. Sie hörten, wie die Kugel über sie hinweg sauste, während beide eine Ebene tiefer im Wehrturm landeten und nach oben blickten. Die erwartete verheerende Detonation blieb aus. Fragend blickten sich beide einander an, doch dann ertönte sie, jedoch klang sie so, als wäre sie viel weiter weg und ihr Turm blieb, zu ihrer Überraschung, unbeschadet. Die Magierin musste sie schlichtweg verfehlt haben. „Daneben?!“, war Tarns kurzer Kommentar, in seiner Stimme lag sowohl Verwunderung, als auch Erleichterung. Elfa vergeudete keinen Moment, sprang an die Leiter und kletterte erneut nach oben. „Los, wieder hoch!“

Es machte ein metallisches Schaben, so als würde man mit einer scharfen Klinge über einen Wetzstein fahren, als Matral seine kurze und schlanke Klinge aus Sara’kiin heraus zog. Beim schwungvollen Ruck spritzte eine schwarze Flüssigkeit heraus und befleckte damit den weißen Teil ihres Gewands. Er nutzte das Überraschungsmoment und stach erneut zu, beim ersten Mal hatte er ihr den schmalen Dolch von hinten dort hinein getrieben, wo Menschen ihren unteren rechten Rippenbogen hatten. Doch sein Stich wurde in ihrem Innern von irgendetwas abgelenkt, eigentlich wollte er die Stelle treffen, wo Menschen ihr Herz hatten, doch stieß die Spitze des Dolchs gegen irgendetwas gegen und wurde somit abgelenkt. Dieses Mal veränderte er den Eintrittswinkel etwas, doch Sara’kiin bewegte sich so schnell und gleichwohl anmutig, dass seine Klinge sie gänzlich verfehlte und nur ihr Gewand zerschnitt. Sein metallischer Faustpanzer pochte nutzlos gegen ihre Flanke. Er sah die Bewegung des bereits in Rotation gebrachten Stabes zu spät kommen, er wollte sich noch ducken, doch traf er ihn von vorne gegen den Helm. Es schepperte laut, Matrals Kopf wurde nach hinten weggerissen und sein Körper folgte ihm. Er wurde mehrere Schritt durch die Luft geschleudert und ruderte mit seinen Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Tatsächlich fing er sich und blieb mit kratzenden Stiefeln auf den Planken stehen. Sara’kiin, aus deren Flanke eine schwarze und ölige Flüssigkeit quoll, drehte sich zu ihm um. Erneut ließ sie den Stab in einer aberwitzigen Geschwindigkeit um ihren eigenen Körper rotieren, um dann schlagartig in einer Kampfbereiten Haltung zum Stillstand zu kommen.

Nachdem sich Matral gefangen hatte, änderte auch er seine Haltung. Er schob die linke Schulter und das linke Bein vor, drehte seinen Oberkörper ein und bot somit weniger Angriffsfläche. Seine Hände umschlossen beide das Heft des Dolchs und er hielt ihn so vor sich, als wäre es ein großes Schwert – was in Anbetracht der Tatsache, dass er einen kurzen Dolch in seinen Panzerhänden hielt, jedoch lächerlich aussah. Plötzlich schlug die dunkle und enge Kleidung von Matral so etwas ähnliches wie Blasen, zuerst waren es nur ganz wenige, doch innerhalb eines Lidschlags wurden es dutzende, und zwar auf seinem ganzen Körper, die gesamte Oberfläche und auch der kurze Dolch des gefallenen Ankers des Boron veränderte sich. Der kurze Dolch wuchs brodelnd an, wurde länger und massiger. Kontur, Farbe und Material verschwommen miteinander und verwandelten sich. Farben erschienen, das Metall wich einer menschlichen Hautoberfläche und unter dieser brodelnden Masse kam das sehnige Erscheinungsbild von Brangane aus Greifenfurt zum Vorschein. Als der Verwandlungprozess abgeschlossen war, stand sie in einer, für einen Kämpfer mit Anderhalbhänder, typischen Haltung dar. Ein verschmitztes Grinsen flog ihr über die Lippen. Sie trug wieder die für sie typische glänzende Plattenrüstung, den blauroten Wappenrock ihres Hauses und langes, zu einem strengen Zopf gebundenes, dunkelbraunes Haar. Mit Schalk in der Stimme sprach sie: „Überraschung.“

Branganes, oder vielmehr Vidkuns Artefakt verstärkte dem eines Quitslinga eigene Fähigkeit des Gestaltwandelns um ein vielfaches. Ein Quitslinga konnte zwar eine ihm beliebigen äußere Form annehmen, doch blieb sein Körper im Innern weiterhin eine zähflüssige Masse, die nur durch eine Veränderte Außenhaut in Form gehalten wurde. Trennte man Körperteile ab oder würde man ihn einer magischen Visitation unterziehen, würde man sein wahres Ich erkennen. Iribaars Spiegel gab ihm jedoch die Macht, jedem genau das zu zeigen, was er oder sie glauben und sehen wollte, bis in die absolute Perfektion. Es würde jeder Untersuchung standhalten, sowohl profan, magisch als auch klerikal, denn es veränderte nicht nur ihn, sondern die Wahrnehmung des Beobachters – in diesem Fall – sogar die der Jenseitigen. Iribaars Spiegel ließ ihn als den perfekten gefallenen Anker des Boron erscheinen, und das nicht nur äußerlich. Erst als Vidkun Sara’kiin den Dolch in die Seite stach, zerbrach die perfekte Illusion von Matral, wurde inkonsistent, denn kein Jenseitiger würde einen anderen Jenseitigen angreifen.

So standen sie sich nun Gegenüber: Sara’kiin, die Limbusverschlingerin, der gefallene Anker Hesindes und auf der anderen Seite Vidkun, der Auserwählte Amazeroths. Ein ungleiches Paar, die eine bewandert in der Magie und dazu fähig den Limbus ganz nach ihrem Belieben für ihre Zwecke zu nutzen, und der andere ein Wesen der Verhüllung, ein Meister der Täuschung und Tarnung, der die Wahrnehmung eines jeden Wesens nach seinen Wünschen beeinflussen konnte.