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Sendschreiben an den Vogt von Hammerschlag

Spichbrecher-Wappen-Weiß

Praios und Rondra zum Gruß, ehrenwerter Baduar Raul Vogt von Hammerschlag

ich nehme an, dass Euch mein Schreiben vor einigen Wochen bereit erreicht hat, und ihr über die Umstände meines plötzliches Verschwindens informiert seid. Ich habe heute Baburin erreicht, welches – wie ihr sicherlich wisst – die Grenze zum Mittelreich bildet – ich werde hier wohl einige Umläufe verweilen, da mich andere Verpflichtungen hier eine Zeitlang binden. Darüber hinaus findet hier derzeit ein Turnei zu ehren der Leuin statt, welches ich beizuwohnen gedenke.

Sobald das Turnei beendet und meine Verpflichtungen abgeschlossen sind, werde ich zu meiner Heimat Darpatien reisen. Ein Besuch meines Junkernguts stand sowieso an. Ich habe vor dort mindestens einen Mond lang nach den Staatsgeschäften zu sehen und mich um wichtige Belange kümmern zu können. Solltet ihr mich während dieser Zeit versuchen wollen zu erreichen, wendet euch an das Junkerngut Hochstieg in der Baronie Dettenhofen.

Meinen Dienst als Hauptmann der Infanterie werde ich, sobald ich wieder in der schönen Stadt Hammerschlag ankomme, mit gewohnt gewissenhafter Hand aufnehmen. Bitte lasst Leutnant Pagol von Senfes ausrichten, dass er bis dahin dafür Sorge zu tragen hat die Einsatzbereitschaft der Lanze auf dem Niveau zu halten welches ich bei meiner ungewollten Abreise hinterlassen habe.

Bis dahin verbleibe ich mit rondrianischem Gruß,

Euer Hauptmann und Junker Sieghelm Gilborn von Spichbrecher zu Hochstieg – Baburin, 23. Hesinde 33 Hal

Der erste Schnitt ist immer der tiefste

Spichbrecher-Wappen-WeißEs ist ein kühler und leicht windiger Abend am 22. Hesinde 1026 BF. Ein flinker Dackel schnellt aus den Eingang eines Gehöfts, gefolgt von einem großgewachsenen Krieger mit breiten Schultern. Der Dackel mit dem Namen Pagol stobt zu einem Busch und bellt verspielt, vermutlich hatte er eine malwieder eine aranische Katze verjagd. Hinter ihm, mit schlendernden Schritt, lief der darpatische Junker. Seine Gedanken galten dem bevorstehendem Turnei und seiner damit bevorstehenden Prüfung im Umgang mit den Waffen.  „In zwei Tagen …“ hauchte er, während er immer wieder kontrollierenden zu den Büschen schaute in denen sich Pagol anscheinend einer kleinen Hetzjagd hingab. „Das heißt ich habe gerade mal einen Tag zum trainieren, viel zu wenig – ich bin aus der Form.“ Sieghelm resignierte ein wenig als er im gehen nach und nach jede Faser seines Körper streckte und dabei seine Knochen knarzen und ächzen zu hören glaubte. Seine Gedanken verliefen sich etwas in den verschiedenen Techniken und Methoden um in kurzer Zeit wieder zur alten Form zurückzukommen, er musste an seine Zeit an der Akademie in Rommilys denken, allem voran an Schwertmeister Perainor von Bregelsaum, der wohl Sieghelms meist verhasster und zugleich bester Ausbilder im Waffengang war.

Es war stets die selbe Aussage des Schwertmeisters, nachdem der junge Sieghelm mit einem älteren und überlegenen Schüler gekämpft und nach einem langem und ausgeglichenen Kampf dennoch unterlegen war. Der Darpate erinnert sich noch genau an das Gesicht des Mannes, der Bart fein gestutzt und die Wangen blank rasiert, eine lange Narbe über dem linken Auge und ein leicht welliger schwarzer Bürstenschnitt. Sieghelm fühlt sich in die Zeit zurück versetzt als er im Staub des Übungsplatzes lag und Meister von Bregelsaum mit hinter den Rücken verschränkten Armen zu ihm herantrat um mit enttäuschtem Blick zu ihm herabzublicken. „Es war ein guter Kampf.“ flüsterte Sieghelm, doch seine Stimme verlor sich dabei im kühlen Wind.

„In einem Kampf Mann-gegen-Mann wird kein zweiter Preis vergeben“ – Schwertmeister Perainor E. von Bregelsaum

Der Junker seufzte. Pagol kam derweil mit etwas hinkendem Bein zurück aus dem Gebüsch. Er sah zu dem Dackel herab und musste unweigerlich wieder an den Satz seines ehemaligen Lehrers denken, doch diesen Verwarf er sofort und er bückte sich zu seinem geschätzten Kameraden herab um sich dessen Verletzung etwas näher anzusehen. „Nur ein kleiner Kratzer, das wird schonwieder – es ist keine Schande auch Mal der Unterlegene zu sein.“ Siehelm Sprach dabei die Worte so aus, dass er sie selbst gut hören konnte um sich von deren Inhalt zu überzeugen.

Auch Azina hat sich bei dem Turnei angemeldet – dachte er. Warum sie das wohl getan hat? Sie ist durch und durch eine Firungläubige, doch welches Interesse könnte sie haben an einem Rondragefälligen Turnier teilzunehmen? Sieghelm dachte an die äußeren Veränderungen die seine alte Freundin Azina seid ihrer letzten Begegnung durchgemacht hatte, und auch an den reich verzierten Runenspeer – eine wahrlich prächtige Waffe. Waren dies vielleicht die Gründe dafür? Bisher hatte der Hauptkamm keine Zeit gefunden sie auf alldies anzusprechen, doch die Zeit würde noch kommen. Irgendetwas in Azina war anders, sie wirkte kühler und berechnender. Sie hatte einst ihre Familie hinter sich gelassen, nun war sie hier und dennoch zieht es sie wieder fort, trotz des desolaten Zustands des Hofes.

Zusammen mit dem leicht hinkenden Pagol lief der Hauptmann um das Gehöft herum, seine Gedanken galten nun dem Ereignis vor dem Dreitempel in Baburin. Selten hatte er die Nähe des Schwerts und Schilds Alverans so sehr gespürt wie in dieser eindrucksvoller Tempelanlage. Er musste auch an die Worte der Knappin der Leuin denken. Beinahe hätte Sieghelm an seinen eigenen Taten gezweifelt und den Willen seiner Göttin missinterpretiert. Allem voran zeigte dies Sieghelm jedoch, dass er noch kein Schwert der ehrvollen Donnergöttin war, seine Geschicke wurden nicht von ihr gelenkt, er ist und war nur ein einfacher Krieger der versucht seiner Göttin nach seinen bescheidenen Möglichkeiten gefällig zu handeln. Doch war er weiterhin Fehlbar – und das alles trotz des Amuletts das er bei sich trug. Die Geweihte hatte ihm zwar seinen Zweifel an seiner Tat bezüglich Muhalla nehmen können, doch warum die Herrin ihm diesen Schmerz gesandt hatte, vermochte sie ihm nicht zu erklären.

Die kommenden Tage würden Herrn von Spichbrecher jedoch noch erleuchtung bringen, da war er sich sicher, denn er hatte es irgendwie im Gefühl dass etwas großes Bevorstand.

Spaziergang auf dem Hof – Oder: Ein neuer Anfang

Am späten Nachmittag des 7. Hesinde erreichte die Reisegruppe, bestehend auf Fräulein Pedderson, Fräulein von Quell, dem achtbaren Herrn Muhalla, dem Angroschim Beremosch und der Scharlatanin Radajahna wieder das Gehöft, welches sie vor knapp einer Woche verlassen hatten um nach dem aranischen Edelmann zu suchen. Sieghelm saß hoch zu seinem Ross und bog gerade auf den kleinen Weg ein der zu dem Haus führte, als er seinen treuen Weggefährten bereits bellen hörte: Pagol. Schnell wie Rondras Donner flitzte der kleine Dackel über den staubigen Weg den Rückkehrern entgegen. Sieghelm stieg von seinem Pferd ab, ging in die Hocke und empfing seinen treuen Freund mit herzlichen ausgebreiteten Armen. Pagol hüpfte hin- und her, bellte vor Freude und schlabberte seinem Herrchen durch das Gesicht. „Jaja, ist doch gut – Herrchen ist wieder da. Jaaaa – und es geht ihm gut!“ Der Junker hatte Mühe den Dackel zu beruhigen, schon lange waren Herrchen und Hund nicht mehr so lange voneinander getrennt. Er streichelte und liebkoste den kleinen Kleffer etwas mehr als er es sonst tat und stand dann, als sich der Hund etwas beruhigt hatte, wieder auf.

Während Fräulen Pedderson und Fräulein von Quell auf einem Pferd gerade an ihm vorbei ritten, blickte Sieghelm zu dem Gehöft, wo Fadime – die Gutsbesitzerin – gerade dabei war mit Sahiba Alhina und Delia aus dem Haus herauszutreten um die Wiederkehrenden zu empfangen. Auch um Muhalla und Radajahna wurde sich gekümmert, Beremosch ließ es sich, als Kammerdiener des achtbaren Herrn, nicht nehmen sich sofort um deren Wohl zu sorgen. Sie war also doch da – dachte sich der Streiter der Leuin, und meinte damit natürlich die aranische Hexe, die vor einigen Tag nach dem Verwandlung Hjaldars plötzlich verschwunden war. Der Darpate wollte schon fast die nächste Rettungsaktion anleiern, ließ sich jedoch von Fräulein Pedderson Worten beruhigen, dass sie bestimmt nur zum Gehöft geflogen sei wo sie dann bestimmt auf alle warten würde.

Der Hauptmann von Hammerschlag nutzte die Gelegenheit einen kurzen Spaziergang mit Pagol einzulegen, in dem Drunter-und-drüber würde es schon keinem auffallen – dachte er sich – machte sein Pferd am Zaun fest und schlenderte davon.

Pagol folgte seinem Herrchen auf Schritt und Tritt, immer wieder sah der betagte Dackel dabei zu seinem Herrchen auf, wobei sich der Junker nicht ganz wohl fühlte. „Schau nicht so … „ murrte er, doch der Dackel ließ sich von dem kläglichen Versuch dem Gespräch auszuweichen nicht beirren. Stattdessen blickte er jetzt sogar noch mehr und – Sieghelm hätte es schwören können – strenger zu ihm auf, fast schon so als würde er sagen wollen: ‚Was nun, Siggi?‘ Sieghelm konnte sich des langen Blickes seines stummen Gefährten nicht länger erwehren  und wurde weich: „Was sollte ich denn machen?“ platzte es plötzlich aus ihm heraus, wobei er sich hilflos gestikulierte. „Sie war einfach so verschwunden am nächsten morgen … hatte sich davon gestohlen wie eine feige aranische Katze. Ich hatte keine Gelegenheit mit ihr zu reden.“ Was folgte, war eine längere Zeit des Schweigens. Pagol vermied es jetzt zu seinem Herrchen aufzuschauen, stattdessen schnupperte er desinteressiert an einem Busch oder an einem alten Zaunpfahl. Das Pagol ihn nun quasi ignorierte, gefiel dem Streiter Rondras jedoch ebenfalls nicht. „Sie hat mit ihrem Verhalten uns alle in Gefahr gebracht! Am liebsten hätte ich sie für ihr Verhalten sofort gemaßregelt – so wie man es mit mir tat wenn ich in der Akademie einen Fehler begangen hatte. Fehler bei denen man andere in Gefahr gebracht hatte waren die schlimmsten! Meister Bregelsaum kannte da keinen Spielraum!“ Pagol blieb, so wie sein Herrchen, aufgrund des längeren Erklärungsmonologs stehen und starrte ihn nur Mimikfrei an. „Jetzt schau nicht so! Sie … Argh!“ Sieghelm ballte die Fäuste und stieß ein wütendes knurren aus. Als Pagol den Kopf etwas schief legte, hatte er gewonnen: „Jaaa gut …“ raunte der Darpate kleinlaut. „Sie hatte nur SICH in Gefahr gebracht dadurch …“ Pagol hechelte zufrieden. „Aber ist es nicht meine Aufgabe auf ALLE meiner Reisegruppe aufzupassen?“ Der Leutnant erleichterte sich an eine Zaunpfahl. Sieghelm seufzte, und schlurfte dann, wissend dass sich Pagol nicht auf so eine Diskussion einlassen würde, weiter.

Es verging wieder etwas Zeit, zusammen erreichten sie das Ende des Feldes. Das Gehöft war noch zu sehen, doch inzwischen schienen alle Wiederkehrenden sich im Haus eingefunden zu haben. Auch Sieghelm Pferd wurde vom Zaun abgemacht und in den Stall gebracht. Als Sieghelm sich über alldies versicherte hatte, machte er einen Knick Querfeldein.

„Weißt du Pagol, diese Angelegenheit zwischen Radajahna und Muhalla ist wirklich …“ Sieghelm stockte und suchte nach einem passenden Wort: “ … kompliziert. Einerseits verstehe ich Muhalla, sie ist seine wahre Liebe – doch seine Eltern verlangen von ihm das er eine ihm völlig Fremde ehelicht.  Welchen Bund sie wohl begehen würden? Der Phexbund wäre wohl am wahrscheinlichsten. Aber ob das im Sinne von Azina wäre? Schon immer wurden die Ehen von den Eltern arrangiert, nur in den seltensten Fällen ging es dabei tatsächlich um Liebe, vielmehr um Ländereien, Bündnisse, Macht und Geld.“ Sieghelm blieb mitten auf dem beackerten Feld stehen und stieß einen kleinen Stein von dannen. „Ich glaube nicht das Azina ihn wirklich ehelichen möchte. Bestimmt will es die Familie so, und wenn Muhalla sich dazu entscheiden sollte die Ehe platzen zu lassen, dann würde er damit beide Familien diffamieren und entehren.“ Der Junker schnaufte nachdenklich, während er erneut einen Stein mit dem Fuß wegkickte. Pagol sah dabei nur gelangweilt hinterher, er wusste nicht genau ob dies nur klägliche versuche von seinem Herrchen waren mit ihm ‚Fang-das-Stöckchen‘ zu spielen oder ob sein Herrchen nicht wusste was ein Stöckchen überhaupt war. „Das beste … „ begann der Darpate dann mit einem leicht verschwörerischem Unterton. “ … wäre es eigentlich, wenn Muhalla unterwegs etwas zustößt und verschwindet.“ Woraufhin ein bellen des Dackels zu vernehmen war … womöglich weil Sieghelm erneut einen Stein, anstatt eines Stöckchens beschleunigt hatte.

Gedanken an die Heimat

Es war Nacht. Nur ein laues Lüftchen wehte über die Felder des Hofes, während der Darpate einsam auf einem Baumstumpf saß und in die Ferne blickte. Sein Blick war gen Firun gerichtet, wo seine Heimat – das Fürstentum Darpatien – nicht mehr allzu weit entfernt lag. Viele Götterläufe waren inzwischen vergangen seit er einst von dort aus aufgebrochen war um sich im Reich ein Namen zu machen. Sieghelm zog einen langen Atem durch die Nase ein, er glaubte die saftigen Wiesen seines Landes schon fast riechen zu können.

Zu seinen Füßen lag Pagol, der stolze Dackel des Junkers. „Kannst du das riechen, Pagol? Darpatien …“ und dabei sprach er den Namen auf eine Art und Weise aus, als wäre es das schönst auf ganz Dere. “ … es ist nicht mehr weit. Nachdem wir den Achtbaren Herrn Muhalla in Barburin an Azina saba Belima übergeben haben, ist es nur noch ein Katzensprung bis ins Fürstentum.“ Sieghelm Blick ging wieder in die Ferne. Er seufzte. Er musste an seine zwei Brüder denken, Torion und Traviahold – was ist wohl inzwischen aus ihnen geworden? Ob Torion wohl inzwischen die Staatsgeschäfte des Vaters weiter übernommen hat? Und ob sich Traviahold – ganz gemäß seines Namens – inzwischen weiter der Traviakirche zugewandt und Priester geworden ist? Sieghelm musste auch an sein Junkerngut denken. An Hochstieg, wie sich die Landschaft des kleines beschaulichen Dorfes im Tal der Berge sanft um den Fluss Hard schlengelt. Er dachte auch an seine kleine Festung, an die Hardpassmine, das Gasthaus „Schlägel & Eisen“ – ja ganz besonders an das Gasthaus, die ein oder andere Nacht hatte er sich dort um die Ohren geschlagen. Sieghelm hatte gerade erst seinen Ritter verloren und war noch mit der Verarbeitung der Dämonenschlacht beschäftigt, als sich die gute alte Wirtin Jadwina seiner annahm. Ohne sie – wenn man es so rückwirkend betrachtet – hätte er die Zeit wohl nicht überstanden. Sie war es auch die ihm als erstes auf die Idee gebracht hatte das Land zu bereisen um auf andere Gedanken zu kommen. Jadwina leistete wohl die Arbeit, die sonst ein Deuter Bishdariels getan hätte.

„Wollt ihr nicht rein kommen, es ist schon spät?“ hörte Sieghelm eine Stimme hinter sich und fuhr herum, er war so sehr in seinen Gedanken versunken, dass er sie gar nicht hatte kommen hören. Es war Fadime, die Besitzerin des Hofes. „Ich …“ begann Sieghelm etwas stotternd. “ … komme gleich. Ich muss noch über die heutigen Ereignisse nachdenken und den morgigen Tag planen.“ antworte er ihr, wobei ihm für einen kurzen Moment ein Lächeln über die Lippen flog. „Natürlich, ich lasse euch eine Kerze an, damit ihr auf Euer Zimmer finden könnt – Gute Nacht.“ sprach Fadime und dreht sich dann um.„Gute Nacht, Fadime.“

Mit seinem Seufzer wandte sich der Junker wieder seiner Gedanken zu. Es war wirklich ein Ereignisreicher Tag. Es gab einen Kampf, der – den Göttern sei es gedankt – ohne Verluste auf eigener Seite verlief, die Gefährten wurden schwer verletzt, und das alles nur wegen der verschmähten Liebe zwischen dem Achtbaren Herrn Muhalla und dieser Scharlatanin Radajahna. Sieghelm schimpfte innerlich über den Händler, hätte er sich doch nur eher ihm anvertraut – dann hätte er besser darauf reagieren können. Dobra war nur ein Handlanger, der wohl mit Hilfe von Radajahne aus dem Gefängnis in Zorgan entkommen konnte. Doch warum wurde Muhalla dann von Dobras Leuten am heutigen Tage angegriffen? Wenn der Scharlatanin wirklich so viel an ihm läge, dann würde sie es nicht riskieren das er verletzten werden würde. Oder war es vielleicht nur Dobras persönliche Rache für den Misslungenen Entführungsversuch in der Karawanserei in Zorgan? Leider würden sie ihn nicht mehr fragen können, denn Dobra erlag seinen Verletzungen und weilt nun in Borons Hallen. Der Hauptmann dachte über das weitere vorgehen nach. Eine wirklich sehr interessante und überraschende Komponente bildete Hjaldar – der Gjalskerländer aus dem fernen Norden, der ehemals Adeptus Nehazet als persönliche Wache diente. Ihn hatte wohl niemand mehr auf der Rechnung, aber es war nur allzu klar das er irgendwann weiter ziehen würde. Immerhin war Adeptus Nehazet schon lange nicht mehr in Hammerschlag, und jemand wie Hjaldar würde nicht brav wie ein Haustier darauf warten das sein Herrchen zurückkommt.

Als sich Sieghelm vorstellte wie Hjaldar durch die Straßen von Hammerschlag marschierte, schoß es ihm durch den Kopf – Hammerschlag! Inzwischen mussten die Leute dort glauben das er tot sei, es sei denn der erste Brief den er verfasst hatte war inzwischen angekommen. Sieghelm hatte es bisher nicht geschafft einen zweiten Brief zu verfassen und nach Hammerschlag zu schicken. Sobald er Barburin erreichen würde, würde er einen Brief aufsetzen – Hammerschlag musste wissen, dass Hauptmann von Spichbrecher noch unter den Lebenden weilt und bald zurück sein würde!

Offiziere auf See

Der Junker stemmte seine Arme auf die Reling der Zedrakke, welche den klangvollen Namen Al’Azila trägt. Er ließ seinen Blick über die weitere See streifen wo in der Ferne die Praiosscheibe begann aufzugehen. Einer der Matrosen erzählte ihm, dass man diesen Teil von Efferds Wogen das „Perlenmeer“ nennt. Sieghelm vergewisserte sich, dasskein anderer um ihn herum war bevor er wieder dazu ansetzte mit seinem kleinen aber treuen Weggefährten zu sprechen:

„Das muss wohl deine erste Reise auf hoher See sein, Pagol.“ Der Junker sag zu seinem Dackel herab, der sich neben ihm an sein Bein kauerte. Sie waren bereits seit zwei Tagen unterwegs, und noch immer schien sich der Hund nicht an den wackelnden Untergrund gewöhnt zu haben. „Mir liegt es auch nicht, als Darpate bevorzuge ich einen festen Stand, und den kann man hier wahrlich nicht bekommen.“ Pagol jaulte wieder leise und sah an seinem Herrchen herauf, Sieghelm entgegnete mit einem wissendem Nicken.

Zehn Momente später, kam es zu einem weiteren Dialog zwischen den beiden, doch diesmal waren die Ereignisse im Balash am Ongalo das Thema: „Kannst du dich noch an den Kampf erinnern den ich mit diesem Wilden ausfechten musste? Wie haben die anderensie doch gleich genannt … achja … Ferkinas. Der Krieger den ich in einem ehrvollem und rondragefälligen Zweikampf besiegt habe, war nicht älter als dreizig Götterläufe, und er galt als Veteran. Soweit ich das verstanden hatte, wollten die anderen Wilden das er stirbt, und zwar in einem Kampf damit er einen ehrvollen Tod bekommt anstatt an der Last des Alters zu sterben.“ Sieghelm machte eine Pause und sah wieder angestrengt in die Ferne des Ozeans. „Es kommt, die Leuein möge mir verzeihen, unserem Glauben sehr nahe, findest du nicht?“ Pagol machte keine Regung und gab auch keinen Ton von sich. Sieghelm besah sich seinen treuen Weggefährten kurz an als würde er auf eine Reaktion warten um dann wieder auf die See zu schauen und dabei nachdenklich auf der Unterlippe zu kauen, welche durch die salzige Seeluft spröde geworden war. „Ein ehrvollen Tod in einem ehrvollem Zweikampf – ich sollte mal Fräulein Pedderson fragen ob diese Wilden vielleicht sogar eine Abwandlung von Rondra anbeten, oder ob es einfach nur Zufall ist.“ Sieghelm seufzte kurz.

„Wo wir schon bei dem Fräulein sind, was hältst du von ihr, Pagol? Sie scheint mir eine recht vertrauenswürdige und zuverlässige Dame zu sein die weiß was sie will. Wir haben – auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten mag – viele Gemeinsamkeiten, und damit meine ich nicht nur unsere gemeinsame mittelländische Herkunft die uns immer wieder mal über die Sitten und Gebräuche dieses Landes schmunzeln lassen.“ Sieghelm drehte sich von den Reling weg und kniete sich nun zu Pagol herunter um ihm sein kleines Köpfchen anzuheben um somit seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Wir sind beide Zielstrebig, wir wollen beide diejenigen die sich nicht selbst helfen können unterstützen, wir sind beide studierte Mittelländer, wenn auch verschiedener Zweige.“ Pagol kniff die Augen zusammen und jaulte kurz mit zusammengebissenen Zähnen. Sieghelm ließ sein Köpfchen wieder los, so dass er sich wieder zusammenrollen konnte. „Und außerdem sind wir beide Diener der Götter – sie dient der Wissenden, ich der Streitenden. Ich denke, dass sie auf weiteren Reisen nützlich sein kann, zumal sie sich auch noch gut mit Adeptus Nehazet versteht, ihre Fachgebiete scheinen sich gut zu ergänzen – und wir beide wissen, dass Männer und Frauen wie der Herr Adeptus und das Fräulein Männer wie uns brauchen, um sie vor den Gefahren dieser Welt zu beschützen.“ Sieghelm stand wieder auf um erneut auf die See blicken zu können, die Praiosscheibe war inzwischen fast komplett aufgegangen. „Ich werde Sie einladen mich in Hammerschlag besuchen zu kommen wenn alldies hier vorbei ist, ich bin mir sicher, dass ihre Fähigkeiten noch von Nutzen sein werden.“

Erkenntnis

15. Travia 1026 BF

Sieghelm hiefte sich etwas schwerfällig auf den alten klapprigen Gaul herauf, sein Bein schmerzte, trotz der professionellen Behandlung von Fräulein Pedderson, immernoch etwas. Er warf einen Blick in die Runde, offenbar waren alle bereit aufzubrechen und so blies Sieghelm zum Aufbruch. Nach wenigen Schritten kam Sieghelm Delias Satz in Erinnerung: „Der Hund sollte bei der Wüstenhitze mit seinen kurzen Beinen nicht so lange strecken laufen.“ Der Junker murrte kurz und ließ sich von einem der Dörfler dann den kleinen Pagol hoch aufs Pferd heben. Der Dackel hechelte stark, sein Fell war sandig und seine Pfötchen waren leicht gereizt.

„Dies ist wahrlich kein guter Ort für einen Dackel und einen Darpaten, nicht wahr, Pagol?“ raunte der Junker etwas lauter als gewollt und sah sich, kaum das letzte Wort ausgesprochen, auch schon etwas erschreckt um da ihm in Erinnerung kam dass die anderen ja bemerken könnten dass er mit seinem Hund redet. Sieghelm gab Rohal einen kleinen Klaps um sich so von der Gruppe ein wenig abzusetzen.

„Sei froh dass du draußen geblieben bist – auch wenn du aufhören solltest dich im Sand so viel herumzutollen, das ist nicht gut für dein Fell.“ sprach er und zupfte dem Hund ein paar Sandkörner aus dem Fell. Pagol ließ es mit einer nüchtenen Gelassenheit über sich ergehen. „Mich dolcht, dass diese Angelegenheit größere Ausmaße annehmen wird als anfangs angenommen. Der Adeptus hatte anscheinend tatsächlich einen guten Grund mich hierher zu … bestellen.“ Pagol jaulte aufgrund der etwas unsanften Fellpflege kurz auf. „Ja Pagol – wie dich – lässt es mich auch jetzt noch bis ins Mark erschaudern an den Gedanken an diese Reise.“ Sieghelm schüttelte sich unwillkürlich kurz und setzte dann seinen Gedanken fort: „Dieser Magier hatte ein Zepter – eines was wohl stärker ist als er selbst – und es wurde entwendet, es gilt jetzt also dieses zu finden. Doch wo sollen wir in diesem gottverlassenen Land bloß anfangen? Es könnte überall sein … hinter dieser Düne dort …“ Sieghelm machte ein kurzes Nicken in die Richtung des Sandhügels auf der rechten Seite. „… in den tiefen der nächsten Krypta, in irgendeiner Kiste tief vergraben – oder vielleicht sogar hoch oben auf einem Magierturm. Wer weiß das schon.“ Der Hund in seinem Schoß machte vorsichtig die Augen zu und legte sein Köpfchen auf den Unterarm seines Herrn. Sieghelm blickte zu seinem Hund herab – ein lächeln flog über sein Gesicht und sogar ein zufriedener Seufzer überkam seine Lippen. „Ja du hast recht, Pagol – jetzt ist erstmal Zeit für eine Rast. Rondra wird uns morgen dorthin leiten wo das Zepter sich befindet, denn dort wo der Kampf ist, wird auch das Zepter sein.“

Und so ritt seine Wohlgeboren von Spichbrecher mit seinem Hund im Arm weiter den Sonnenuntergang entgegen.

Um die Karawanserei

14. Travia 1026 BF

Die Praiosscheibe steht hoch am Horizont. Sieghelm ging mit seinem treuem Dackel Pagol eine kleine Runde spazieren, sein Weg führte ihn um die Mauer der Karawanserei herum. Die Luft war für den wesentlich gemäßigtere Temperaturen gewohnten Krieger viel zu trocken und zu heiß. Immer wieder musste er sich den Schweiß von der Stirn wischen, selbst Pagol schien diese Temperatur nicht zu mögen.

„Ja, es ist viel zu heiß hier – und die Landschaft ist ebenfalls alles andere als ein schöner Anblick. Es sieht so aus, als hätte die gebende Göttin dieses Land verlassen … ein wahrlich Gottloses Land.“ Ächzte Sieghelm und sah dann wieder zu seinem Dackel, der ihm seinerseits immer wieder mal eines angestrengten Blickes würdigte. Der Junker dachte über die Ereignisse der letzten Tage nach: Mittels eines Winddschinns ließ Adeptus Nehazet ihn mehrere hundert Meilen durch das Land transportieren. Irgendeinen wichtigen Grund musste das ganze ja haben, ansonsten hätte Nehazet ihn nicht holen lassen – und schon gar nicht auf diese perfide Art und Weise. Was jedoch viel schockierender ist, ist die Tatsache dass Nehazet nun der Schlafkrankheit anheim gefallen ist – und die einzige Verbindung die Sieghelm hier hatte waren zwei ihm unbekannte Frauen die sich als „Gefährten“ des Adepten bezeichneten.

„Was hältst du denn von denen, mh? Die eine scheint mir eine achtbare Dame zu sein, Fräulein Pedderson – wahrlich sowohl von Hesindes als auch von Rahjas gaben gesegnet. Ja zugegeben … ich war ein wenig Forsch zu ihr, aber wer kann es mir schon verdenken, ich wurde soeben mehere Hundert Meilen durch das Land geflogen und meiner neuen Heimat entrissen … und noch dazu in dieses Trostlose von den Göttern verlassene Land.“ Währenddessen verrichtet Pagol an der Karawansereimauer sein Geschäft, was Sieghelm dazu veranlasst stehen zu bleiben und nachdenklich zu schnaufen.„Ich kann verstehen dass jemand wie der Adeptus sich mit ihr umgeben hat, wahrscheinlich haben sie über allerhand Philosophie, die hohe Rechenkunst und derlei Schöngeisterei gesprochen … aber was ist mit diese Feldschererin? Wie passt sie in das Bild …“ Der Junker blickt in die weite Ebene hinaus, als ob dort in der Ferne die Antworten auf seine formulierte Frage lag. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich Nehazet je für eine Frau interessiert hat … also … im Sinne einer Frau als solches, du verstehst mich doch – oder?“ Pagol sah sein Herrchen verständnislos an, während er gemütlich neben ihn her trottete. „Ich möchte wahrlich nichts schlechtes über ihn sagen, mein Vierbeiniger Freund, aber der Adeptus ist nicht gerade der Typ Mann dem man zutraut im Sinne der berauschten Göttin mit einer Frau das Zimmer zu teilen.“ Sieghelm räusperte sich verlegen und sah kurz verlegen zu Pagol herab. „Wie dem auch sei – zurück zu dem wo der Ochs das Wasser lässt – diese Gegend hier ist nicht nur trostlos, sondern auch noch höchst unzivilisiert. Der Wirt … also dieser schmierige Besitzer dieser, wie nennen sie es? Karawanserei? Also dieser Schenke … die noch nichteinmal einen einzigen Stuhl besitzt … die Götter stehen mir bei und mögen mir Geduld geben … also, wo war ich? Achja … dieser Wirt ist der vertretende Vogt des hiesigen Beyrouns? Was sind denn das für Verhältnisse? Ich kann wahrlich verstehen wieso das Mittelreich dieses Land hier aufgegeben hat …“

Der Hauptmann der Infantrie schlenderte mit seinem Dackel um die letzte Ecke der Karawanserei. Eine kleine Böhe trug eine Prärieknäuel heran, welches der Junker angewidert ansah um dann anschließend einen kleinen Bogen darum zu schlagen. „Wichtig ist nur das Adeptus Nehazet wieder gesund wird, und das dieses Dorf hier von dieser Gefahr bewahr wird … so Gottlos die hier auch alle mir erscheinen mögen, so ist es doch im Sinne der Leuin wenn ich dieses sich selbst überlassene Dorf und dessen bewohner Beschütze, der hiesige Beyroun wird es mir mit sicherheit Danken das ich ihm sein Land, seine Untertanen seine Häuser und somit auch sein Einkommen gesichert habe. Der kampf gegen diese riesige Arachnoide Gestalt war wahrlich ein guter Kampf – bleibt abzuwarten was und noch erwartet … ja vielleicht sogar dieser Aslaban selbst … komm Pagol, lass uns rein gehen und einen Brief an den Bey aufsetzen.“

(Sendschreiben)

 

Ein gar denkwürdiger Tag

Noch früh am Morgen, als die Praiosscheibe gerade begann sich über den Dächern der Häuser der Stadt Ferdok zu erheben,  stemmte sich Junker Sieghelm G. von Spichbrecher aus seinem Bett. Das Schlafgemach dass ihm die hochachtbare Dame ai Tamerlein zu Verfügung gestellt hatte war prunkvoll und stilvoll eingerichtet, ganz wie es Sieghelm aus frühenen Zeiten gewohnt war, auch wenn er inzwischen – spätestens zu seiner Zeit an der Kriegerakademie – einen kargeren Lebensstil gewohnt war.

Er beeilte sich mit der Morgentoilette und dem anschließenden Ankleiden um auf keinen Fall seinen großen Tag zu verpassen, dem Tag an dem er – Junker Sieghelm Gilborn von Spichbrecher zu Dettenhofen, Absolvent der Kriegerakademie der Feuerlilien zu Rommilys, ein bedeutendes Artefakt der Praioskirche an die Geweihtenschaft des Götterfürsten übergeben  würde. Ein letztes Mal prüfte er seine Kettenteile, seinen Wappenrock und seine Schwerter auf ihre akkurate Sauberkeit und verließ dann das Anwesen der Hochachtbaren Dame um seinen kleinen Gefährten Pagol, seinen Jagddackel, abzuholen.

Entgegen Sieghelm Erwartung waren die Straßen an diesem morgen bereits sehr belebt, geschäftiges Treiben  herrschte auf den gestampften Stadtpfaden. Romo und Gilbert, die zwei Mannen seiner Infanterieeinheit standen ebenfalls, wie bereits am Abend zuvor befohlen,  bereit.

“Praios zum Gruße die Herren.” grüßte Sieghelm die beiden Männer die in die teils blauen Wappenröcke der Stadt Hammerschlag gehüllt waren. Rumo fuhr herum und entgegnete den Gruß des Junkers. Sieghelm baute sich währendessen auf, atmete tief ein und setzte zu einer wohl überlegten und pathetischen rede an: “Ihr dürft stolz sein an diesem Tage jenem ehrwürdigen Moment beiwohnen zu dürfen, welcher euch heute zuteilwerden wird. Ihr werdet noch euren Enkelkindern von jenem Tag erzählen an dem ihr dabei gewesen wart, als der damalige Junker Sieghelm Gilborn von Spichbrecher zu Dettenhofen, den erhabenen Praiosschild – ein Artefakt des Ersten Alverans  – aus den Händen des bösen entrissen hat um es wieder in den rechtmäßigen Besitz der Kirche zurückzuführen.” “Ohja, ich kann es kaum erwarten.” sprach Rumo und unterdrückte dabei ein Gähnen, Gilbert hingegen schien etwas begeisterter und hing an Sieghelms Lippen. “Ganz bestimmt, Herr – dürfen wir der Feierlichkeit beiwohnen?” Sieghelm setzte ein Lächeln auf und schaute verwegen an seinen beiden Mannen vorbei  – als der Junker noch mehreren Sekunden nicht auf die Frage von Gilbert reagierte setzte er nach: “Herr Junker? Verzeihung?” “Was? Achso, ja – natürlich.” Sieghelm wurde aus seiner sichtlichen Gedankenverlorenheit herausgerissen – denn in seinem Tagtraum war er bereits bei seinem Ritterschlag Zuhause in Rommilys. “Lasst und gehen, dort hinten stehen die Wachen der Hochachtbaren Dame bereits auf uns – zusammen mit der Truhe mit dem Artefakt.” Sieghelm ging mit seinen Mannen zusammen zu der Eskorte von Nahema ai Tamerlein, die sie ihm freundlicherweise für die Begleitung zum Tempel zur Verfügung gestellt hatte. Zusammen mit den Wachen der Dame, seinen beiden Leuten aus der Infanterie, als auch dem Gelehrter Herrn Nehazet und der werten Azina ging es dann auf zum Praiostempel – natürlich war Pagol auch dabei.

Während des kleinen Marschs, ließ Sieghelm die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal vor seinen geistigen Auge Revue passieren: Leider konnte der Ring der Hesinde nicht gerettet werden, dieser vermaledeite Papagei hatte es doch tatsächlich geschafft den Ring zu bekommen und mit ihm davon zu fliegen, doch aus irgendeinen Grund schien die Hochachtbare Dame davon nicht allzu entrückt, ja schon fast Leidenschaftslos – und überhaupt schien sie irgendwie alles nicht wirklich zu tangieren. Sieghelm wurde aus der Frau nicht schlau, und dieser mystische Schleie der sie umgab, wurde nur noch mehr durch die Tatsache geschürt, dass sie Praiosartefakt einfach so wieder her gab. In der Reliquienkammer des Frau hingen und standen einige Kostbarkeiten, zudem stellte sie der Gesellschaft das Schild als “Aus der Khôm-Wüste geborgen” vor – was es wohl damit auf sich hatte? Sieghelm würde mehr darüber in Erfahrung bringen müssen wenn das Schild irgendwann offiziell präsentiert wurde und man ihn erneut zu einer Rede anhielt.

Neben dem Krieger hüpfte Pagol, der treue Dackel, an den Beiden seines Herrchens neugierig empor. “Was hast du denn, Pagol?” fragte Sieghelm und blieb für einen Moment stehen – wodurch der gesamte Trott, bestehend aus mehreren Wachen ebenfalls zum erliegen kam. Pagol bellte kurz auf und sah bittend zu seinem Herrchen auf. Sieghelm schaute sich um und entdeckte einen Marktstand der abgehangene Würste verkaufte. “Achso – ich verstehe.” sagte er, und dann zu der Eskorte: “Einen Moment, es kann gleich weiter gehen.” Sieghelm ging zu dem Stand und erwarb zwei der leckersten und besten Würste die der Stand zu bieten hatte – eine für sich, und eine für Pagol. Danach ging er weiter.

‘Wie in Praios Namen konnte der Gestaltwandler es nur schaffen Wein zu trinken ohne sich zu verflüssigen? Wir hatten doch die Information von dem Geweihtes des Praios, dass Alkohol ihn in seine natürliche Form verwandeln würde?’ – dachte der Baronssohn und drehte dabei nachdenklich die Wurst zwischen den Fingern hin- und her. ‘Irgendwo in der Stadt muss außerdem noch ein toter Roban Grüntal liegen, da der Gestaltwandler ja seine Form angenommen hat – ich muss der Stadtgarde noch Bescheid geben. Ob Ulwine Neisbeck, die Händlerin, wohl mit zu diesem Komplott gehört? Immerhin haben wir aus ihrem Kontor das Schild entwendet, wusste sie etwa davon? Aber wenn ja, wieso hatte der Gestaltwandler dann nicht versucht das Schild selbst zu bergen? Nein Nein, Frau Neisbeck wird davon nichts gewusst haben, außerdem würden sich die Bannstrahler wohl bald ihrer annehmen da sie immerhin das Schild heimlich transportierte.’

Diese, und noch viele weitere Gedanken gingen dem Junker durch den Kopf, auf dem Traviaplatz, welcher vor dem Praiostempel ist, machte die Eskorte dann für einen Moment halt, Sieghelm war nämlich wieder stehen geblieben und blickte zu der erhabenen, prächtigen und großen Kirche des Götterfürsten empor. Es war ein Bauwerk von wahrer Anmut und Größe, die Fenster waren hochgezogen und mit Bleiverglasungen versehen, die Mauern dick und kräftig, und auf der Spitze prunkte das güldere Symbol Praios, das immer wachende Auge, schon als Kind war Sieghelm fasziniert von der Bauweise der Praioskirchen, denn auch in Rommilys gab es ein sehr prächtiges Bauwerk. Da fiel Sieghelm erneut das Gespräch mit dem Gelehrten Herrn Nehazet ein, der doch tatsächlich Phex an Praios Stelle setzen wollte, an die Stelle des Götterfürsten – welch ein Frevel!

“Gelehrter Herr – seht dieses Gebäude und lasst euch von seiner Gewaltigkeit und Kraft einfangen – und nun sagt erneut das ihr immer noch davon überzeugt seid, dass der Fuchsgott tatsächlich der wahre Götterfürst sei – denn im Gegensatz zu diesem Bauwerk, welches dem Herrn Praios geweiht ist, sind die Gebäude des Herrn Phex Kaschemmen und Spelunken.”

Glaubensprüfung

Schwere Schritte waren aus Sieghelms Zimmer zu vernehmen, immer wieder marschierte er auf und ab, die Hände zu Fäusten geballt und streng hinter seinem Rücken verschränkt, darüber grübelnd wie man weiter vorgehen sollte – die Praiosscheibe war schon seit vielen Stunden unter gegangen und Boron hatte Ferdok in seinem festen Griff.

“Bei Famerlor, wieso hab ich mich nur dazu überreden lassen das Schild hierher zu bringen … “ schnaufte Sieghelm und starrte dabei auf die Dielen des fensterlosen Zimmers. “… Hätte ich doch nur darauf bestanden es in den Praiostempel bringen zu lassen, wie soll ich gegenüber dem Praiosdiener nur Begründen das ich es zu dieser Dame gebracht habe wenn ich doch in Göttlicher Mission gehandelt habe – das widerspricht sich doch!” wütend stampfte Sieghelm auf, irgendwie war er Sauer, jedoch auf sich selbst, denn er schuldete der jungen Adeligen aus dem Land der Ersten Sonne etwas, immerhin hatte sie ihm erst vor kurzem das Leben gerettet und wie konnte er ihr da die Bitte abschlagen das Schild zuerst hierher zu bringen. “Die Tempel des Götterfürsten sind des Nachts verschlossen, also konnte ich das Praiosschild gar nicht dorthin bringen – ja – das klingt plausibel.” Sieghelm redete mit sich selbst, doch seine Begründung wirkte noch nichtmal für ihn selbst allzu Überzeugend als er die Worte aussprach. “Ach hol mich doch der Söldner der Niederhöllen.” fluchte er und ließ sich auf der Kante des Bettes nieder das man extra für ihn in das Zimmer bringen ließ, er fingerte nach seinem eisernen Rondraamulett und umschloss es mit seiner kräftigen Hand. “Sturmherrin, steh mir bei in dieser schweren Zeit – lass mich nicht verzagen und gib mir Kraft dies zu überstehen – ich erbitte deine Hilfe, gib mir die nötige Ausdauer Standhaft zu bleiben und den Glauben richtig gehandelt zu haben.” Seine Hand umschloß das Amulett ganz fest, so als könnte er die Kraft die er benötogte aus dem Amulett heraus pressen um die er bei seinem Stoßgebet seine Göttin bat. Anschließend schnaufte der Junker wieder missmutig, am liebsten hätte er sein Schwert gezogen und etwas damit entzwei geschlagen, doch seine Disziplin und der feste Glaube daran das der Verlust der Selbstkontrolle der erste Schritt in die Niederhöllen war, verhinderten dies. Also tat er was er immer tat wenn sich der Frust in ihm angestaut hatte, er kramte sein Waffenpflegeset hervor und säuberte und Schliff, seine in letzterzeit zu oft unbenutzten Schwerter, dies würde ihn beruhigen – hoffte er.

Gassi in Ferdok

“Wieso schauen die alle nur so komisch, beim heiligen St. Leomar” flüsterte Sieghelm, während Pagol der stolze Dackel, gemächlich neben seinem Herrchen daher stolzierte. “Ich verstehe es auch nicht, Pagol – eigentlich hätte dieser unter diesem Zauber stehende Meuchler mich doch angreifen müssen? Und jetzt bin ich das Gespött der Stadt, der Junker aus Hammerschlag der einen Mann der sich nicht wehrte umgeschlagen hat um seine Ehre wiederzugewinnen.” Pagol sah nur ausdruckslos zu seinem Herrchen auf und schnupperte danach am Wagenrad eines Karrens, Sieghelm blieb wartend stehen. “Dieser ganze Zauberkram ist mir zuwider, wie soll denn da in Rondras Namen seine Ehre Verteidigen? Kannst du mir das mal sagen?” Der Dackel hob eines seiner kleinen Stummelbeinchen und sah dann erlösend in der Gegend umher, während der Besitzer des Karrens die Schandtat entdeckte und gerade zum losbrüllen ansetzte als sich Sieghelm zu dem Mann umdrehte. “Gibt es ein Problem, Fuhrmann?!” brachte Siegheln zwischen den Zähnen hervor und sah den rundlichen Mann scharf an, dieser schüttelte nur ängstlich den Kopf und verdrückte sind prompt, Pagol und Herrchen flanierten weiter: “Und dann noch diese Phexgesindel – einen ehrenwerten Händler der Güter verkauft kann ich ja verstehen – aber die Wahrheit zu verschweigen obwohl man sie kennt, wenn es um die Aufklärung eines Mordfalles geht – das kann und werde ich nicht dulden können – schon schlimm genug das ich als angehender Ritter und demütiger Diener der Herrin Rondra zu soetwas zurückgreifen musswo die Guten Sitten aufhören, müssen die Gesetzte anfangen – in Praios Namen man sollte diesem Gesindel per Gesetz dazu verpflichten ihre Informationen Preis zu geben.”

Wenig später bog Sieghelm zusammen mit Pagol um eine Ecke und erreichte somit das Hafengelände. Ein Hafenarbeiter der eine schwere Kiste trug wäre fast über den Dackel gestolpert und beschwerte sich lautstark mit unflätigen Worten über den Vierbeiner. “Achte auf deine Worte, Gesindel! Du hast es hier mit dem Jagdhund des ehrenwerten Junkers Sieghelm Gilborn von Spichbrecher zu Dettenhofen zutun, und nun scher dich weg bevor ich dir Beine mache!” Mit den lauten Worten und der Hand am Heft des Schwertes funkelte Sieghelm den Hafenarbeiter hinterher, der sich daraufhin ganz schnell verdrückte ehe er in Schwierigkeiten gerät. “Schau dir an wie weit es gekommen ist, Pagol – der Zerfall der guten alten Garethischen Sitten, und das hier im Mittelreich. Wo kommen wir denn hin wenn das Gesindel noch nicht einmal mehr auf den persönlichen Jagdhund eines Edlen achtet und Respekt zeigt?” Pagol erschnüffelte frischen Fisch der an einem Stand in der Nähe angeboten wurde und tapste so schnell ihn seine Beine trugen dorthin. Sieghelm, nun etwas beeilt, ging hinterher. Der Dackel hüpfte bei dem Fischstand kurz in die Höhe, jedoch aufgrund seiner angeborenen Größe nicht allzu hoch und sah dann bettelt zu seinem Herrchen. “Willst du einen Fisch? Sollst du bekommen … eine Salzarele für meinen Hund, bitte.” Die Verkäuferin drehte sich um und holte einen sichtlich schon ein wenig älteren und nicht mehr ganz frischen Fisch hervor und packte ihn auf ein Stück alten Aventurischen Boten “Eine Salzarele für ihren Hund, 2 Kreuzer, der Herr.” sagte die Frau und tat damit einen großen Fehler, denn sie hatte mitgedacht. Sie dachte sie würde dem Herrn einen gefallen tun wenn sie einen älteren und damit günstigeren Fisch verkaufte, da er ja nur für einen Hund sei. Sieghelm, der den für ihn offensichtlichen Betrugsversuch entdeckte wurde daraufhin ungehalten: “Wollen Sie Pagol vergiften? Ich bat Sie um eine Salzarele und Sie fischen diesen alten Fisch aus ihrem vergleichweise frischem Angebot? Wo ist Ihr Sinn für die guten Sitten geblieben? Komm Pagol, wir kaufen hier nichts …” Pagol, der sich soben noch die Zähne beleckte in Erwartung des leckeren Fischs, schaute nun verdattert zwischen seinem davonstampfenen Herrchen und dem Fisch hin und her, den die noch viel mehr konstanierte Verkäuferin nun zurücklegte. Letztendlich entschied sich der Hund dann doch seinem Herrchen nach zu laufen, da dieser Erfahrungsgemäß nach einem solchen Aktion etwas viel größeres und viel leckeres für ihn kaufte.

“Tut mir leid mein kleiner, aber dein Herrchen ist zur Zeit etwas angespannt und erregt, die Umstände sind schwierig und ärgerlich – die letzten beiden Kämpfe die ich Austrug waren alles andere als zu meiner Zufriedenheit, ein rondrianischen Gefecht stellte sich als Lachnummer heraus, als ob ich ein Gaukler wäre! Und der davor war ein feiger Mordanschlag auf mich mitten in der Nacht, in Phexens Nacht! Ich sehne mich nach einem echten Kampf, von Angesicht zu Angesicht … wo man seinen Gegner klar erkannt und ihn mittels Strategie und Kraft besiegen kann – aber in einem Land wie diesem wo nur Lug und Trug Herrschen, werde ich das wohl vergeblich suchen.” Sieghelm sah hinaus zum Hafenbecken wo noch immer der Strudel den Schiffen den Weg blockierte, während Pagol in der ferne einen rot-violetten Paradiesvogel auf einem Häuserdach entdeckte und wieder Hunger bekam.