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Mein ist die Rache

Azina liegt auf ihrem provisorischen Lager im Zimmer des Sahib Selem auf einem bunt zusammen gewürfelten Kissenarrangement und lässt ihre Gedanken an den letzten Tag Revue passieren.

Es amüsiert mich schon ein wenig, dass Jane mit der Karawanenführung Schwierigkeiten hat. Sie kennt den Weg nicht. Weiß nicht um die Gefahren. Und traut sich nicht einmal mit einer Bande gerüsteter Strolche zu sprechen. Nein da schickt sie den überforderten Handlanger ins Feld, der ebenso wenig von Diplomatie versteht, wie ein Eisgolem. Nun zugegeben, ich bin mir nicht sicher, ob ich selbst das alles gewusst und gekonnt hätte. Für Jane spricht auf jeden Fall, dass sie selbstlos ihr eigenes Pferd zur Verfügung stellte, als das des Töpfers zusammenbrach. Und zumindest das Aushandeln der Preise kann sie eindeutig besser als ich.

Sanft übermannt der Schlaf die junge Falknerin. Als sie jäh durch Bakkus’ Gebell aufschreckt. Rasch springt auf und greift nach ihrem Speer. Sie lauscht in die Nacht, bereit den zu erstechen, der sie alle bedroht.

Nichts geschieht, kein Laut drang an ihre Ohren.

Die anderen Frauen entdecken ein Seil vor dem Fenster und schauten wagemutig hinab und hinauf. Delia meint, dass dort jemand weggelaufen sei. Sie fliegt auf ihrem Stab einige Kreise über der dunklen Karawanserei, kehrt jedoch ergebnislos zurück.

Nun gut, dann werde ich mal die Torwache alarmieren, damit sie die Wachen verstärkt. Und die Seile entfernt. „Wartet hier, ich gehe die Wache alarmieren.“

Gesagt, getan. Sie rüstet sich rasch aus und schleicht durch die menschenleeren Flure.

„Ruhig Bakkus, wir wollen doch niemanden aufwecken.“ Den Stress möchte ich uns ersparen. Habe keine Lust endlose Diskussionen zu führen. Die Wache soll hier mal diskret aufräumen.

Schnurstracks geht Azina auf das Tor zu. Plötzlich erhebt ich sich zwischen den Kisten der Karawanenwagen eine Gestalt und schlendert auf sie zu.

„Hey da! Was wollt ihr zu nächtlicher Stunde hier draußen?“

Wüst beschimpft der Fremde die Aranierin. Einen Feigling nennt er sie. Und fordert sie zum Kampf um die Ehre für seinen ermordeten Bruder.

Oh man, nicht schon wieder einer aus dieser Familie. So langsam sollten sie es leid sein ihre Söhne zu opfern. Selbst wenn sie uns eines Tages erwischen, sind ihre Opfer doch in der Mehrzahl.

Ungestüm greift der Säbelträger trotz vorgestrecktem Speer an. Gekonnt hielt Azina Ihre längere Waffe dagegen und lässt ihn voll in den Speer rennen. Ihr Stoß war so heftig, dass er sich Flüche speiend seine üble Wunde hält. Völlig außer sich vor Zorn und Schmerz hebt er erneut den Säbel und versucht Azina direkt zu attackieren. Im Blutrausch gefangen, war es ihm nicht möglich den zweiten mächtigen Stoß abzuwehren. Seine eigene Wucht treibt den Speer tief in seinen Bauch. Blut spritzt aus der klaffenden Wunde. Stöhnend und fluchend geben die Knie des Mannes nach und lassen seinen Torso nach hinten kippen. Behände tänzelt Azina herum, um nicht mitgezogen zu werden. Der Speer steckt tief in seiner Brust. Mit einem Ruck befreit die Siegerin ihre besudelte Waffe und beginnt den Toten mit flinken Fingern zu durchsuchen.

Der auftauchende Wachposten der Karawanserei zieht sich aus Angst vor Familienrache in seinen Turm zurück. Mit vereinten Kräften hieven Delia und Azina die Leiche über die Außenmauer. Anschließend lassen sie sich von einem Jungen, der bei ihrem blutverschmierten Antlitz fast in Ohnmacht gefallen wäre, Wasser und Tücher bringen, um sich das Blut von Körper und Kleidung zu waschen. Anschließend zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück, nachdem sie dem Hausherren Bericht über den Tumult erstatteten.

Hört das denn niemals auf? Wie viele Menschen müssen noch wegen dieser Narretei sterben? Es ist doch sinnlos. Sie können uns nicht überwinden!!!

Zufrieden gleitet Azina in einen erholsamen Schlaf über.

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Gedanken der Azina

Alles auf Anfang

Azina seufzte schwer als Jane mit strenger Selbstachtung sprach: „Tja, wer wollte wohl sonst die Führung übernehmen?“ Die junge Falknerin zieht sich zurück und beobachtet das geschäftige Treiben der Menschen auf dem Platz der, in ein mildes Licht gehauchten Karawanserei. Vor allem die verschleierte Söldnerin hat es ihr angetan. Sie folgt ihren eleganten Bewegungen während sie über ihre eigene Situation nachdenkt.

Wieder einer mehr, der meint mich herumkommandieren zu können. Dabei rühmt sie damit, die Menschen richtig einzuschätzen. Sie widerspricht Frauen verachtenden Novadis nicht – hat ja eh keinen Sinn -, bandelt mit waffenstarrenden Söldnern an und verhandelt die Preise mit Karawansereibesitzern aus – Kunststück, aus dem Buch ablesen kann ich auch – . Nur mich scheint sie nicht als das wahrzunehmen was ich bin.

Azina seufzte erneut.

Nun gut. Wie alle anderen zuvor, wird auch sie lernen, wie die Dinge laufen. Ich habe Zeit.

Immerhin war sie erfolgreich bei der Suche nach Begleitschutz, während ich mir ne ordentliche Portion Zittabar zu Gemüte zog. Daher können wir am morgigen Tag weiterziehen. Ich denke, ich werde mal versuchen Adaque frei fliegen zu lassen. Wenn ich das richtig beurteile, wird er mir folgen oder mir, auf meiner Schulter sitzend, Gesellschaft leisten. Oder beides abwechselnd.

Ich schätze heute passiert nicht mehr viel. Da kann ich ja ein paar Waffenübungen durchführen. Hauptsache es schaut elegant aus, damit ich mich nicht blamiere, wenn ich den Speer so und so schwinge.

Vermeintlich elegant schwingt Azina ihren bänderbehafteten Speer durch die Lüfte und vollzieht dabei ein paar mehr oder weniger gezielte Stiche auf eine bestimmte Stelle. Dabei achtet sie darauf, dass sich die Bänder nicht verheddern.

Ich bemerkte neulich, dass sich meine ursprüngliche Strategie nicht auszahlen wird. Man kann mit dem Speer nicht wirklich parieren. Es ist mehr ein zurückweichen, denn gegenhalten. Das verkompliziert die Sache ein wenig. So kann ich einen Gegner nicht wirklich bekämpfen. Zurückweichen und Waffen abfangen kann ich recht gut, aber sonst? Ich treffe einfach nicht gut genug. DA!!!

Schnell sticht Azina zu … und verfehlt ihr anvisiertes Ziel

Mist!

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Gedanken der Azina

Der Weg zurück

„Folgt mir!“

Mit einer Fackel in der einen und die Zügel von Janes Pferd in der anderen Hand reitet Azina gen Naggilah. Der Tross der Karavane des verletzten Sahib Selim folgt ihr dicht auf den Fersen. Angestrengt späht sie in die Dunkelheit und versucht Weg, Ziel und Gefahr gleichermaßen im Blick zu behalten. Die Silhouetten der verräterischen Söldner verblassen bereits am Horizont.

Ich habe ja erwartet, dass die Rückreise nach Shirdar kein Vergnügen wird, nun wo Delia vorauseilte, Rowin seiner Liebe andernorts frönt und dieses Fräulein Peddersen mit uns reist. Für Nehazet scheint es ja eine willkommene Abwechslung zu sein. Nun hat er endlich einen Gesprächspartner. Und ich muss ja nicht ständig bei den Beiden verweilen. Da kommen mir die Pflichten eines Söldners sehr gelegen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Was sich jedoch die Söldner von Sahib Selim erlaubten, widerspricht ganz klar dem Kodex. Verrat ist unverzeihlich. Und Mord vergeltungswürdig. Ich bin sicher Salem hat irgendwo einen Sohn der Blutrache nehmen wird. Das kennen wir ja schon. Hoffentlich lernt er – sollte er überleben – was durchaus wahrscheinlich ist, da sogar Nehazet seine heilenden Hände im Spiel hatte – dass er seine Männer besser bezahlen muss. Nur zufriedene Männer sind gute Männer. Und Frauen!

Naggilah … nur ungern möchte ich dorthin zurück. Ich sehe ein, dass Salem ein ordentliches Lager benötigt. Auch sehe ich ein, dass die gefangenen Verräter überführt gehören. Aber ich sehe nicht ein, warum wir dafür Bey Raffim persönlich belästigen müssen. Leider besteht Nehazet darauf. Ist es doch – wie er sagt – eine gelungene Wiedergutmachung des Schadens, wenn wir ihm zwei neue … Arbeiter … bringen. Sollen sie meinetwegen machen was sie wollen, ich bleibe in der Karawanserei und werde mich ein wenig erholen. Zwar konnte ich keinen Stoß mit dem Speer landen, aber ich wurde auch nicht verletzt. Ich sollte ein wenig trainieren. Aber nicht mehr heute.

Ich kann die Sterne sehen. Welch trügerische Ruhe.

Azina schaut auf den Tross hinter ihr. Die Händler sehen besorgt, aber auch wütend aus. Einige wuseln herum und lassen die notdürftig umgepackten Waren neu organisieren. Andere sitzen gedankenverloren und zusammengesunken auf ihrem Kutschbock. Als Azina sich wieder umdreht schwirren die Worte ihrer Tante erneut ihn ihrem Kopf herum.

Sie hat nicht viel gesagt. Aber sie hat Recht! Ich muss mich meinen Pflichten stellen, ganz gleich was geschieht. Das duldet keinen Aufschub mehr. Ich muss zurück nach Aranien! Jedoch besagt die Ehre, dass ich diesen Auftrag zunächst beende und Nehazet sicher zum Emir bringe. Im Anschluss werde ich mir Arbeit in einer Karawane nach Barburin suchen und die Zedernstraße ein weiteres Mal bestreiten. Vielleicht kann Sahib Selim ein gutes Wort für mich einlegen, um mir einen besseren Stand zu verschaffen.

Haltet aus. Ich werde kommen. Versprochen.
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Gedanken der Azina

Ewig seid verbunden

Nehazets Untersuchung bei Delia schien von Erfolg gekrönt zu sein. Zumindest konnte ich das auf seinem Gesicht lesen. Eine Verstimmung über ein unlösbares Problem sieht anders aus. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, konnte er bisher alles lösen. Im akutem Fall fehlten ihm wohl erneut die Ressourcen, sodass er den feindlichen Zauber nicht sofort brechen konnte. So lenkte ich Delia ein wenig mit den Tieren des Traviatempels ab, während Rowin und Demeya sich draußen vor dem Brunnen immer noch in den Armen wiegten.

Später erklärten Demeya und Rowin uns, dass sie bereits am nächsten Tag den Bund der Travia eingehen möchten. Delia schien ganz entzückt und wuselte hin und her. Ich selbst blieb ganz ruhig. Kein bisschen aufgeregt. … nun ja. Firun mag mir verzeihen, dass ich mich dieses eine Mal von den Festlichkeiten habe ein wenig hinreißen lassen. Ist ja auch ein freudiger Anlass, oder?

Geschwind schnappte ich mir Demeya, während Delia und Rowin den entsprechenden Schmuck besorgten, und zerrte sie gegen ihren Willen zum nächsten Kleidungsstand und ließ sie einige schöne Kleider anprobieren. Mit dem Geld der Halbschwester von Onkel Omar kaufte ich ihr das schönste Kleid, welches der Händler auf Lager hatte. Beschämt wollte sie es zunächst nicht annehmen. Unsinn! Dies ist mein Geschenk zum Bunde an euch. Also so nehmt es.

Außerdem war es nicht mein Geld, welches ich dafür hergab. Ich werde, noch bevor wir abreisen, meiner Tante einen Besuch abstatten und mich bei Ihr bedanken. Bestimmt hat sie auch einen Auftrag für mich, den ich für sie auf meinen Wegen erledigen kann, um mich ein wenig zu revanchieren.

Der Traviabund fand am nächsten Tag zur ersten Praiosstunde statt. Eine herrliche Zeremonie. Prachtvoller Blumenschmuck hing überall. Demeya überstrahlte mit ihrer Schönheit engelsgleich selbst das Funkeln des prunkvollen Praiostempels. Der Gong jenes Tempels verblasste im Angesicht der stillen Erhabenheit. Die obere Mutter hielt zusammen mit ihrem Mann eine wunderschöne Bundrede, die jeden Anwesenden in den Schwur einbezog und zur Bestätigung aus voller Kehle „So sei es.“ rufen ließ.

Nur Nehazet wurde von einer Traviadienerin rüde zum Schweigen gebraucht, als er es wagte seine Stimme zum falschen Zeitpunkt mit unangebrachten Worten zu erheben.

Rosa Blüten säumten des Paares Weg. Adaque flog freudig kreischend eine Ehrenrunde in der Blütenpracht. Alle wünschten dem Paar lautstark alles Glück dieser Welt und winkten den beiden ergriffen zu.

Auf der anschließenden Feier wurde viel getanzt und gelacht. Delia fand sich urplötzlich in den Armen eines markanten Mannes wieder und tanzte mit ihm, wie ich es noch nie zuvor sah. Mir ward ganz heiß bei diesem Anblick. Nehazet fachsimpelte schließlich mit dem Bengel, dem ich des Magiers Buch entriss. Selbst Bakkus schien sich zu amüsieren. Freudig sprang er zwischen den Menschen umher. Selbst ich tanze ganze zwei Mal.

Zwischendurch fiel mein Blick immer wieder zu Rowin und Demeya. Wie glücklich sie aussahen. Eng umschlungen wiegten sie im Takt zur Musik. Ab und zu klopfte ihnen jemand auf die Schultern oder sprach ihnen Glückwünsche aus. Ich wusste: der Abschied war nicht mehr fern. Ich wünsche euch viel Glück. In Ewigkeit seit mit Freude verbunden. Wir werden uns wieder sehen, da bin ich ganz sicher.

Zum Skandal des Abends sorgte ausgerechnet Nehazet, als er sich mit einer gut aussehenden Fremden auf seine Stube zurückzog. Ich bezweifelte von Anfang an, dass es das sein kann, was es zu sein schien und wovon die Partygesellschaft wohl fest überzeugt war. Nein, bestimmt handelte es sich um eine rein fachliche Konservation! So musste es sein. Wie es der Zufall so wollte, musste ich noch einmal Nehazets Zimmer betreten, um Adaques Bauer zu holen. Dabei lernten Delia und ich seine Gesellschaft kennen: Eine wirklich gut aussehende junge Dame. Etwas zu sehr zugeknöpft, wie ich fand. Auch die Kleidung sprach von einem gewissen Stil. Und der weiße Sonnenschirm erst. Na ja. Gut, sie scheint sehr gebildet, sodass nun klar war, was die beiden zusammen taten, auch wenn uns die irreführenden Worte jenseits der Tür anderes Glauben machen wollten.

Erschöpft legt sich Azina auf ihre Schlafstätte.

Morgen soll es also sein. Morgen beginnt ein weiterer Abschied …

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Gedanken der Azina

Zurück im Kreise

Nach den ganzen Anstrengungen und Strapazen der letzten Tage, dachte ich, ich kann mir nun ein wenig Ruhe gönnen und Adaque und mich pflegen. Es gibt auch Einiges mit Onkel Omar zu besprechen. Ich möchte ihm einen Brief mitgeben, bevor er nach Aranien reist. Das heißt, falls er nach Aranien reist. Nun, ist es leider so, dass sich die Ereignisse wieder einmal überschlagen. Delia ist verschwunden! Nicht, dass dies das erste Mal wäre. Nein, sie scheint in dieser Hinsicht sehr unkonstant oder unvorsichtig zu sein. Wir suchten die alle bekannten gemeinsamen Orte ab. Das Teehaus, wo ich Rowin fand und mit ihm zusammen auf Nehazet wartete, das Hospital, indem Sie arbeitete und den Traviatempel, wo die Schwestern sehnsüchtig auf den Adeptus’ Ankunft warteten. Kaum erblickt, ward er sogleich mit erlesenen Stickereien betraut. Ich beschäftigte mich nach dem Mittagsmahl mit Stall- und Tierpflegearbeiten bis Delia hier eintreffen solltet. Ich schulde Rowin Dank dafür, dass er mir den Khumschomer überließ, den er in den Katakomben der Arena erbeuten konnte. Die Waffe selbst ist nichts außergewöhnliches, leicht schlechter als mein aller Khumschomer, den ich von einst von Palmeya als Dank erhielt. Aber die Scheide! Die Scheide ist verziert mit den Runen des Kor. Ich bin gespannt, was diese Aufmachung noch für einen Nutzen haben wird. Als Rowin zur zweiten Praiosstunde beim Tempel eintraf und sich wunderte, dass Delia noch nicht da ist, machte ich mir doch langsam Sorgen um ihr Wohl. Rasch befragte ich Rowin, wo sie war und wo sie hingegangen sein könnte: „Vom Heim Demeyas ging sie Richtung Teehaus“. Nur kam sie dort nicht an. Da ich schon Bekanntschaft mit einigen zwielichtigen Gestalten von Keshal Isig machte, vermutete ich das Schlimmste. In aller Eile befreiten wir Nehazet aus der Runde Näherinnen und machten uns auf dem Weg. Inzwischen kannte ich mich in fünf der Stadtteile recht gut aus. Das trifft bedauerlicher Weise nicht auf Nehazet und Rowin zu, die sich wieder einmal verliefen. Erstaunlich, dass Nehazet damals vor uns in Hammerschlag ankam. Muss eine glückliche Fügung gewesen sein. Wie auch immer. Jedenfalls fanden die Beiden die Schlafstatt nicht. Es kam der Vorschlag, Demeya doch bei ihrer Arbeit in der Teppichknüpferei aufzusuchen. Wir wollten sie lediglich für einige Stunden ausleihen, als uns klar wurde, dass sie eine Sklavin ist. Natürlich machte ich mir im Vorfeld Gedanken darüber, wer diese Demeya nun sei. Hörte ich gar Erstaunliches über sie. Sie schlug beispielsweise einen Sklavenhändler nieder und führte meine Gefährten durch den Untergrund zur Arena. Nicht schlecht. Als ich endlich Ihrer angesichts wurde, fiel es mir wieder ein: Vor drei Tagen beobachtete uns eine Frau aus dem Hintergrund. Sie schlicht stets von Stand zu Stand und warf kurze Blicke zu uns herüber. Ich dachte, dass sie mir vielleicht bei den Übungen mit Adaque zusah. Erst spät erkannte ich, dass nicht ich, sondern der gute Rowin verantwortlich für ihr Interesse war. Ja, warum auch nicht. Der Händler Hairam, dem sie gehörte, erwog die Möglichkeit sie zu verkaufen. Aus gespieltem Interesse erkundigte ich mich nach dem Kaufpreis. Fünf Marawedi nannte er. Zwar, das ist zwar um einiges geringer als das, was ich für Onkel Omar bezahlte, jedoch noch zu viel für unsere bescheidenen Mittel. Nehazet zückte kurzerhand - ich weiß gar nicht, woher er die schon wieder hatte - eines der hochherrschaftlichen Rollsiegel hervor und bot dieses als Tausch an. Er lobpreiste die Möglichkeit mit diesem Siegel Einfluss in Shirdar zu erlangen. Er schlug mit Handschlag und Entlassungsurkunde ein. Nun gehört Demeya Magier, der wiederum die Urkunde an Rowin weiterreichte, welcher es in den Tiefen seines Brustpanzers verbarg. Draußen fielen sich die Beiden in die Arme und küssten sich. Hach ja, so schön kann Liebe sein, ich vergaß, wie schön das anzusehen ist. Azinas Gedanken schweiften zu Igan … Delia hat auch keine Scheu, sich der Liebe hinzugeben. Bei Firun, DELIA!! Geschwind eilten wir zu Demeyas Heim. Während sie ihre Habe zusammenpackte, ließ ich Bakkus an Delias Sachen Witterung aufnehmen. Auf Kommando stürmte er los. Wir hinterher. Die Spur führte zum Palast der Al’Achami. Oh nein, da kann nur noch Nehazet helfen. Brav stelle er sich in die Reihe der Wartenden. Sein vorgetragenes Begehr ließ das, als Ohr anmutende, Gebilde völlig kalt. Erst als Demeya sich dazwischen warf und sagte, dass wir einen Sklaven zu verschenken hätten, öffnete sich das Lichtgeflutete Tor zu einem großen blendenden Saal. Ein Magier auf einem fliegenden Teppich, der sich selbst als „Pförtner“ auswies, versperrte uns den Weg und frage erneut nach unserem Begehr. Nun hatten wir keinen Sklaven zu verschenken, sondern forderten die Freilassung unserer Hexe. Da dem nicht entsprochen wurde, bot sich Demeya als Austausch für Delia an. Natürlich verwehrte sich Rowin dieser Möglichkeit und gab die Papiere für Sie nicht heraus. Ich überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Aber außer dem Pförtner den Khumchomer quer über das überhebliche dreinblickende Gesicht zu ziehen, fiel mir nichts ein. Das hätte auf der Stelle unser aller Tod bedeutet. Hilflos sah ich mit an, wie sich Demeya hingab und Rowin in sich zusammenbrach. Draußen ließ sich Rowin weinend an einer Statue nieder. Ich vermochte ihm keinen Trost zu spenden. Nur der Schwur nach Rettung entglitt meinem Mund. Nach einer quälenden Stunde erschien Delia fröhlich aus dem Licht. Übel kahl geschnitten und mit Fesselspuren an den Gliedern fragte sie, warum wir so gedrückter Stimmung waren. Natürlich versuchten Nezahet und ich ihr zu erklären, was passiert ist. Nehazet mehr sachlich und ich eher persönlich, aber sie ließ sich auf nichts ein. Ihre Erinnerung wiegt stärker als unsere Aussagen. Freiwillig soll sie sich nach Unterfeld begeben haben, um sich die Haare zu schneiden. Also bitte. Das kann nicht einmal sie selbst sich abnehmen. Jedoch konnten wir Zweifel sähen, der sie sichtlich durcheinander brachte. Wir ließen Rowin zurück, der, unfähig sich zu bewegen, seinen Gefühlen freien Lauf ließ. In Gedanken schmiedete ich bereits Pläne für die Befreiung seiner Liebsten. Nur brauchte ich dazu unbedingt Delia. Daher führten wir sie zurück zum Traviatempel, wo wir uns nach einem kurzen Abendmahl schlafen legten. Delia schlief unruhig. Unschlüssig, was zu tun ist, nahm ich sie behutsam in meine Arme. Am nächsten Morgen untersuchte Nehazet Delia ausführlich magisch. Sie bat mich, in der Ecke zu warten, bis er sein Wirken beendet hätte. Sie ruht mit geschlossenen Augen auf Knien vor dem Adepten. Ich schaute leicht gelangweilt, weil sichtbar rein gar nichts passierte, aus dem Fenster. Was ich dort zu sehen bekam, ließ mich meinen Augen kaum trauen. Dort ließ gerade Rowin zwei Eimer mit Wasser fallen, die ihren Inhalt zu seinen Füßen entließen. Ihm Gegenüber stand tatsächlich Demeya. In schlaffer Haltung versuchte sie an ihm vorbei zu kommen, doch der Schwertgeselle hielt sie fest und schüttelte sie sanft. Erneut unternahm sie einen zaghaften Versuch sich loszueisen. Das Bild scheint sich zu verändern, das klare Wasser auf dem Pflaster färbt sich langsam rot und beginnt zu lodern. Zuckende Flammen umspielen das Paar. Über dem Brunnen brodelt ein Kessel. Der Blickrand verschwindet, alles konzentriert auf die Beiden vor dem … nein, in dem … Herdfeuer. Während Nehazets rhythmische fremde Worte in weite Ferne rücken, beginnt Rowin zu zittern. War es aus Erregung? War es aus Zweifel? Oder war es überwältigende Liebe. Mit einem Ruck bewegt er seinen Kopf auf den Ihren zu. Ein Kuss, strahlend, wie die aufgehende Sonne löste die familiäre Szenerie in Luft auf. Wirbelnde Farben kreisten noch einmal um sie, ehe sie verblassten. Ungläubig starrte Rowin in Demeyas wache Augen. Als sie sich endlich regt, schloss er sie fest in seine Arme. Danke Travia. Danke für ihr beider Glückseeligkeit. Viel Glück euch Beiden. Euer Weg zeichnet sich mir klar ab. Herumzureisen ist nicht mehr euer Ziel. Folgt nun frohgemut Travias heimischen Weg. Möge euer Glück niemals schwinden. Erfreut, doch zugleich traurig, wendet sie den Blick von den Beiden ab. Ihre Miene wird wieder ernst, doch ein leichtes, kaum vernehmbares, Lächeln umspielt ihre geschlossenen Lippen. ______________________________
Gedanken der Azina

Schwer erkämpfte Siege

Danke Firun, dass du mir in diesen schweren Stunden beistandest. Danke auch dir Praios, dass die Gerechtigkeit siegen konnte. Einen besonderen Dank gilt vor allem Adaque, der sich so tapfer schlug und mich vor dem Untergang bewahrte.

Mein Onkel ist gerettet, Sefira zur Rechenschaft gezogen, die Ehre verteidigt. Ein wenig schmerzt sie der Gedanke an ihre Dschadra. Die Bänder durfte sie abnehmen. Sie sollen nun Ihr Zeichen sein. Braun-weiß. Weiß-baun.

Kurz bevor sie die Augen schließt, durchlebt sie im Geiste noch einmal die Ereignisse des Tages, während Omar al alam bereits erschöpft im tiefen Schlaf versinkt. Ihr Gehirn malt wandelnde Bilder an die bunten Tücher.

Die untergehende Sonne wirft weite Schatten über den Balkon, als die Kontrahentinnen nacheinander vortreten, um eine Herausforderung im Kampf Mensch/Falke vs. Mensch/Falke auf Leben und Tod auszusprechen. Während das verschriene, in gewöhnliches braun gekleidete, Straßenmädchen an der Etikette kläglich scheitert, erntet die Edle Huldigung und Sympathie. „Sonne dich in deinem Ruhm solang du noch kannst“, scheint der Blick der Einfachen zu sagen.

Der fette Mondsilberwesir lässt bebend das reich bestickte Taschentuch fallen. Kaum berührte es den Boden des Balkons hoch über den Dächern von Fasar, der ersten Stadt der Menschen, grellt ein markerschütternder Schrei aus der Kehle von Sefiras Blaufalken. Schützend stellt sich Azina mit erhobener Dschadra vor Adaque. Die braun-weißen Bänder flattern im Wind. Erst spät bemerkt sie, dass es sinnlos ist, da der gegnerische Falke, wie aus dem Nichts auftaucht und sie angreift. Sie schickt nun ihren Falken ebenfalls in den Kampf, während sie sich mit Inbrunst und Hilfe des Axxeleratus aus ihrem Armreif in den Kampf stürzt, um jenen so schnell wie möglich zu beenden. Verwundert über die doch sehr starken Fähigkeiten ihrer Konkurrentin, tauscht Azina alsbald ihre Stangenwaffe gegen Khumschomer und Linkhand aus. Dabei bemerkt sie, was sie bereits ahnte. Auch Sefira steht unter Stärkungszaubern. Der Magus in der Ecke brabbelt die ganze Zeit seinen Händen gut zu. Intuitiv hetzt sie ihren treuen Jagthund Bakkus auf den Magier. Ein ziellos in die Luft geschossener Feuerball zeugt von dessen Erfolg, während der Kampf der Tierbändigerinnen ungehindert fortschreitet. Erbarmungslos schlagen die beiden Frauen, die sich noch aus Kindestagen kennen, aufeinander ein. Ihre Falken bekämpfen sowohl sich gegenseitig, als auch den jeweils menschlichen Gegner. Mehrfach rettet Adaque seiner Herrin das Leben, indem er sich in Sefiras Kopf festkrallt, ihr die Sicht nimmt, oder ihren Kopf nach hinten zieht. Nur einmal gelingt es dem anderen Falken, sich in Azinas Lederarmschiene festzukrallen. Dem Dolchstoß entgeht der Falke jedoch.

Sie können sich beide kaum noch auf den Beinen halten. Aus mehreren Schnitten blutend versetzt Azina Sefira schließlich einen Streich quer über die Brust. Stöhnend sackt Sefira zu Boden und bleibt schwer atmend liegen. Mit erhobenen Waffen steht Azina über ihr, unschlüssig, was sie tun soll. In der Zeit vor dem Kampf, ging ihr diese erhoffte Situation mehrfach durch den Kopf. Das Blut rauscht durch ihr Gehirn, wie das Abwasser der Kanäle dieser verfluchten Stadt. Zähflüssig und blubbernd. Ihre Schläfe pocht schmerzhaft. Die Menge beginnt verhalten zu rufen: „Töte sie, töte sie.“ Die Falken rauschen heran und setzen sich auf ihre Herrinnen. Der Mondsilverwesir – höchstpersönlich – erhebt sich schwerfällig von seinen Kissen. Er reckt den Arm nach vorne und deutet mit dem Daumen nach unten. Das Todesurteil. Ein Raunen geht durch die Menge. Azina zögert, scheinbar unschlüssig, was sie tun soll. Im Geiste geht sie noch einmal die Möglichkeiten durch:

  1. Sefira töten; Konsequenzen: Rachegelüste getilgt, Gerechtigkeit siegt, Familie vor ihr sicher, der Menge entsprochen, Rachegelüste ihrer Familie geweckt, Jagd zu Ende gebracht, Stärke bewiesen, jemand hilflosen gemeuchelt, schlechtes Gewissen
  1. Falken töten; Konsequenzen: Rachegelüste ungetilgt, hilfloses Tier gemeuchelt, Familie nicht sicher, der Menge widersprochen, Reguläres Ende, Sefiras Wut angeheizt; Schwäche gezeigt, schlechtes Gewissen
  1. niemanden töten; Konsequenzen: Rachegelüste ungetilgt, Gnade vor Recht, Familie nicht sicher, der Menge widersprochen, Schwäche gezeigt, sich selbst treu geblieben

Die Rufe der Menge werden lauter. Mit einem Ruck setzt Azina Sefira ihren praiosgeweihten Khumschomer an die Kehle. Entsetzen steht in Sefiras Antlitz geschrieben. Azina beugt sich zu ihr hinunter. Ihre Lippen beben als sie haucht: „Dein Leben für das meiner Familie!“ Erst als Sefira „ja“ flüstert, lässt die Siegerin von der Geschlagenen ab, erhebt sich und stellt sich entschlossen der raunenden Menge entgegen.

Entsetzt starrt der Wesir sie an. Azina kniet nieder und erwartet ihr Schicksal nachdem sie sagte: „Verzeiht euer Hochwohlgeborenen, aber ich vermag eine alte Freundin nicht zu töten.“. Die Menge tuschele aufgeregt. Gebannt starren alle auf den dicken Gastgeber. Schließlich nickt er zaghaft. Als keine weitere Reaktion erfolgt, erhebt sich Azina schwankend, sammelt ihre Habe ein und schreitet erhobenen Hauptes von der Plattform.

Ein Scharlatan erklärt sich bereit Azina bei der Versorgung ihrer Wunden zu helfen. Statt auf ihr Gemach geführt zu werden, lässt sie sich von einem Offizier eine Erlaubnis ausstellen, über die Erhabenenbrücke zur Gladiatorenarena zu gelangen.

So schnell ihr verletzter Körper sie trägt, überquert Azina die Erhabenenbrücke zum Stadtteil Keshal Isig. Es ist das Armenviertel der Stadt. Überall lungern Abscheulichkeiten herum. Geiern nach Ihrer Habe und Ihrem Körper. Unwirsch stößt sie das Ungeziefer mit der Dschadra davon und setzt erhobenen Hauptes ihren Weg fort. Schon in der Ferne kann sie die kleine Gruppe finsterer Gestalten erkennen, obgleich Mond und Sterne nur spärliches Licht im dunkelsten Stadtteil von Fasar spenden. Sie wappnet sich mental der unliebsamen Konfrontation und nickt den Männern nur respektvoll zu, als sie an ihnen vorbei zu schreiten versucht. Natürlich wollten sie sie nicht einfach so gehen lassen. Mit strenger kalter Miene beantwortet Azina all ihre Fragen. Zunächst fragten sie sie, ob sie etwas benötigte, Drogen oder dergleichen. Zeitverschwendung. Natürlich sind sie es, die etwas von ihr möchten. Ein Zeigen auf den abgeschnittenen Lederriemen ihres ehemaligen Geldbeutels, kann die Gauner zumindest davon überzeugen, dass sie kein Geld bei sich trägt. Zum Glück beschließen sie, ihr lediglich den Boron geweihten Säbel abzunehmen, da es eine „sehr schöne Waffe sei“. Natürlich war sie schön. Sie stammt von Borongeweihten aus den schwarzen Landen. Eine dunkle Aura geht von ihr aus. Nicht verwunderlich, dass sie ihnen gefällt. Zwar  will einer der Männer noch mehr von ihr, aber ein anderer entlässt aus ihrer Gewalt. Einmal tief durchatmen.

An der Arena angekommen, versperren ihr zwei ungemütliche Wachleute den Weg. Während der Eine ihr Begehr im Inneren des Gebäudes vorträgt, pult sich der andere gelassen mit einem Hakendolch den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Mit allerhöchster Wachsamkeit betretet Azina den Vorraum, wo sie Adaque und ihre Waffen zurücklassen muss.

Die zähen Verhandlungen mit dem Buchhalter kosten Azina, ihre drei verbliebenen Waffen, ihre 5 Marawedi von Omar und den Schuldschein des Bannstrahlers aus dem Bornland für die Mission in den Schwarzen Landen. Letztlich kann sie die Freiheit für Omar al alam erkaufen und wird sogleich geschwind zu den Blutgruben geführt, um ihn vor dem Tode zu bewahren. Die fünfte Welle der Sklaven tritt jeden Augenblick gegen die kampferprobten Gladiatoren an. Der erste Gong ertönt. Verzweifelt sucht sie in dem Menschenhaufen nach ihrem Onkel. Auf ihren Ruf nach ihm, erhält sie von Angst gequälte Zusicherungen von den falschen Leuten, die sich nach ihr recken, um dem Gefängnis zu entkommen. Trotzig brüllt Azina sie an, sie mögen beiseite treten.  Mehrfache Warnungen und Todesdrohungen werden ignoriert. Erst als sie einer armen Seele den geschenkten schartigen Säbel in den Bauch rammt, nehmen die Gepeinigten endlich Abstand vom Gitter, sodass der am Boden liegende Omar zu sehen ist. Der dritte Gong ertönt. Die Gatter öffnen sich. Schnell teilt sie den Wachleuten die Position des Freigekauften mit. Er rührt sich nicht. Das Gitter wird nach vorn geschoben, die Sklaven werden ins Freie getrieben. Spitze Schreie gehen durch Mark und Bein. Ihren Ekel zurück haltend, den Blick fest auf ihren Onkel gerichtet, feuert sie die Todgeweihten an, zu kämpfen. „Wenn ihr schon sterbt, dann sterbt ehrenhaft und kämpft! Für Rhondra!“ Ein Großteil der Sklaven greift zu den Waffen und rennt ins Freie, wo die erbarmungslosen Gladiatoren ihr blutiges Werk verrichten. Azina bedauert um die Toten. Jedoch kann sie nichts für sie tun. Beschämt wendet sie den Blick ab und hilft den Wächtern Omar aus der Zelle zu holen. Erst nachdem sie festgestellt hat, dass er noch lebt, schließt sie ihn endlich in die Arme.

Fort, nur Fort von den Schreien und dem Reißen von Fleisch, ist das einzige an was sie denken kann. Gemeinsam tragen sie den Bewusstlosen nach oben in den Vorraum. Dort reicht sie ihm etwas Wasser und hat Mühe ihn zu beruhigen. Zu groß sind seine Ängste über ihre Sicherheit.

In ihrem erschöpften Zustand ist es Azina unmöglich, ihren Onkel bis zur Erhabenenbrücke zu tragen. Außerdem sähe das Gesindel auf den dreckigen Straßen von Keshal Isig in den Beiden leichte Beute. Der Torwächter, der sie in die Arena ließ und der ihr half Omar dort raus zu holen, schaut sie schon die ganze Zeit mit einem merkwürdigen Blick an. Kälte und Brutalität sind aus seinen markanten Gesichtszügen verschwunden. Zweifel und Besorgnis sind dort nun zu lesen. Er fasst sich und seinem Stolz ein Herz und trägt den ehemaligen Sklaven zur Erhabenenbrücke. Azina musste ihm versprechen, dass sie niemanden erzählt, was er „weiches“ getan habe. Gerührt tut sie etwas, was sie noch nie getan hat…

Beim Abschied, am Aufgang der Brücke, spricht sie für ihn einen Segen Firuns. „Mögest du standhaft bleiben und dein selbst bewahren.“, fügt sie in Gedanken hinzu. Sie erfährt nicht, ob er den Segen zu würdigen weiß, denn er wendet sich ab und läuft zurück zur Arena. Leicht geknickt, wie ihr scheint. Vielleicht sieht man sich unter anderen Umständen wieder. Sei stark, mein brutaler Freund.

Die Wachleute unterstützen sie bei der Rückkehr zum Turm des Mondsilberwesirs. Auf dem Zimmer angekommen, legt sie Omar al alam vorsichtig nieder. Sie prüft noch einmal seine Atmung und seinen Zustand. Zufrieden nickend, legt auch sie sich in die weichen Kissen „Welch ein Glück.“ denkt sie.

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Gedanken der Azina

Das kann nicht sein!

Nein! Das kann nicht sein! Er ist ein Gelehrter!

*Tränen rinnen Ihr über das Gesicht*

Da hat dieses Weibstück tatsächlich, meinen Onkel als Sklaven an die Gladiatorenarena verkauft. Und das, obwohl er ihr lange Zeit wertvolle Dienste leistete. Und das nur, um mich zu kränken und diesen albernen Wettstreit zu gewinnen. Wie kindisch und niederträchtig und …

*sie drückt den Schaft ihrer Dschadra so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstehen*

… und …UND … und so sinnlos. Ich hoffe Delia tut Alles, um ihn vor diesem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Ich vertraue ihr, sie wird es schaffen. Da bin ich sicher.

„Und nun sehen wir …“ Die Stimme des Ausrufers rückt für Azina in weite Ferne. An die Wand gelehnt überdenkt sie ihre Möglichkeiten.

Ich werde mich um Sefira kümmern müssen. Aber was soll ich nur tun?

Wenn ich jetzt gegen sie antrete und gewinne, wird sie meine Familie auf immer quälen oder sie gar töten lassen.

Wenn ich jetzt gehe, kann ich vielleicht das Leben von Onkel Omar selbst retten, aber meine Ehre und vor allem die Ehre meiner Familie wird endgültig zerstört. Ich darf sie nicht im Stich lassen, nicht schon wieder! Sefira wird meine Eltern so oder so quälen … aber sie wird sie vielleicht am leben lassen, wenn ich weg bin und nicht Zeuge ihres Triumphes werden kann. Sie wird warten, bis ich mit eigenen Augen sehe, was mit ihnen passiert.

Wenn ich sie gewinnen lasse, leidet Adaque darunter. Nicht er sollte diesen abscheulichen Kampf ausfechten, sondern …

„Straßenmädchen! STRAßENMÄDCHEN! AZINA!!!!“

… ich.

Sie fasst einen Entschluss.

 

to be continued in game

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Gedanken der Azina

Liebe Eltern

Liebe Mama, lieber Papa,

ich bin es, Azina, eure verlorene Tochter. Macht euch bitte keine Sorgen, denn mir geht es gut.

Es schmerzt mich, dass Ihr durch meinen Weggang so Vieles erleiden musstet. Es tut mir sehr sehr leid. Die Schande, die ich über euch und die Familie gebracht habe, war einfach zu groß, als dass ich es verdient hätte noch länger bei euch zu leben. Ich wäre euch nur zur Last gefallen. Nach unseren Sitten war ich wertlos und entehrt. Ich konnte meinen vorherbestimmten Weg nicht beschreiten. Also floh ich aus meiner geliebten Heimat, um in der Ferne ein neues Glück zu suchen.

In den letzten Jahren bin ich eine Andere geworden. Das kleine aufgeregte Mädchen mit einem Faible für Tiere und Pflanzen ist im Begriff in einer starken Kriegerin und Jägerin zu verschwinden. Die Liebe zu meinen tierischen Gefährten ist jedoch, nach wie vor, ungebrochen. Aus dem kindlichen Faible ist eine tiefe seelische Verbindung geworden. Anfangs Falkie und nun Bakkus, den ich nach einem verstorbenen Kameraden benannte, gaben mir den Halt die schweren Zeiten zu überstehen.

Am Anfang meiner Flucht, stand die Suche nach einer wohlhabenden Familie. Jedoch lehrten mich die harten Jahre der Unabhängigkeit eine andere Lebensweise. Um zu überleben musste ich sowohl körperlich als auch geistig härter und stärker werden, als ich es als vornehme Edelfrau je vermocht hätte. Schmutz und Schlamm entstellten mein Antlitz. Blut besudelte meinen Körper. Und ich war nicht mehr fähig und würdig, mich einem (wohlhabenden) Mann hinzugeben. Eine Schande! Ich traute mich nicht, euch zu schreiben. Ich konnte nichts, was für euch vom Wert war, vorweisen. So dachte ich traurig. Erst Onkel Omar, den ich dank glücklicher Fügung in Fasar antraf, belehrte mich eines Besseren. Mein Leben, meine Gesundheit und meine Freiheit, sind die Dinge, die ich vorweisen kann. Es ist nicht viel, aber mehr als Ihr, wie ich hörte, zu hoffen wagtet.

Ich möchte euch nun, von Anfang an, von meinen Erlebnissen und Taten erzählen, damit ihr wisst, was mir in den letzten Jahren wiederfuhr.

Das erste Jahr verdingte ich mich als Viehtreiberin, Tierpflegerin, Zureiterin und ähnlichen. Es war das schwierigste Jahr, da ich kaum Erfahrung mit Menschen der verschiedenen Schichten hatte. Es war die Zeit in der ich lernte mit der Waffe umzugehen, um sich der zahlreichen Banditen und Schändern zu erwehren, die meiner bedrohten. Ich traf auf viele Personen unterschiedlicher Herkunft. Auf einen mittelländischen Rondrageweihten namens Tornado, auf Dara, eine mittelländische Bogenbauerin, auf den schmucken Waldmenschen Bakus und einem merkwürdigen Elfen, dessen Name mir leider entfiel. Von diesem Tage an, waren meine Zeiten als sklavenähnliche Dienerin vorbei. Ich schloss mich diesen Leuten an und erlebte viele aufregende und gefährliche Abenteuer.

Zunächst waren es nur Botendienste für wenig Kupfer und Heller. Später gesellten sich Aufklärungsmissionen und Händlerschutz für ein paar Silber hinzu. Wir zogen durch das ganze Mittelreich. Besiegten Harpyien, vereitelten Pläne niederträchtiger Magier, schlugen dreiste Strolche, verhandelten mit Trollen, erlösten einen ganzen Wald von dämonischer Pervertierung durch eine Druidenhexe und trafen andere fabelhafte Wesen.

Mich traf eine Vision, die mein Leben entscheidend verändern sollte. Die Sinne schwanden mir und in einem nebenumwaberten Steinreis erschien ein fremder Kaputzenmann, der einige unverständliche Worte an mich richtete. Als wir wieder zu uns kamen, trug ein jeder von uns ein göttlliches Amulett. Tornado erhielt das Amulett der Rondra, Dara unerwartet das Amulett des Phex. Ich selbst trug von nun an, ein weißes Amulett mit einem Bergkristall – das Zeichen Firuns – auf meiner Brust. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten und stellten Nachforschungen an. Jedoch konnte uns niemand sagen, was dies bedeutet. Die Spekulationen liefen darauf hinaus, dass wir in irgendeiner Form von den Göttern erwählt wurden. Aber das Zeichen Firuns in meinen Händen? Damals schien ich mir nicht würdig es zu tragen. Ich war noch recht kindlich zu mir und meiner Umwelt. Doch die Ereignisse stählten mich zusehends.

Mit der Zeit gesellten sich weitere Personen meiner Gemeinschaft hinzu, während einige andere verschwanden. Bakus wurde von heimtückischen Rassisten hinterhältig ermordet, während Tornado von Rondras Kirche beantsprucht wurde. Der mysteriöse Elf entschwand eines Tages ungesehen. Zu Bakus Ehren, nannte ich den kleinen nivesischen Steppenhund, den ich auf der Straße fand Bakkus. Ich bildete ihn mit der Zeit zum Jagdhund aus. Inzwischen ist er ein treuer Gefährte.

Dara und mir schlossen sich der edle Schwertgeselle Igan und ein verarmter ehemaliger Sklave aus Al’Anfa namens Conner an. Gemeinsam erklärten wir die mysteriösen Phänomäne um Burg Siegstein, in der Baronie Hammerschlag auf, tranken mit einer Kräuterfrau Tee und sprachen mit den ehrwürdigen Druiden des Eises, deren Sippe brutal geschlachtet wurde. In dieser Gegend und zu dieser Zeit, befand sich auf Burg Siegstein ein, mit Runen geschmückter, weißer Speer. Das Artefakt Firuns! Hell erleuchtete er den modrigen Keller, als ich ihn das erste Mal in den Händen hielt. Eine Welle der Kraft durchflutete meinen Körper. Ich fühlte mich vollständiger. Ich lernte diese mächtige Waffe zu führen.

Die hochwohlgeborene Palmeya benötigte dringend Geleit und Schutz auf ihren steinigen Weg über den Rashtulswall nach Aranien. Ihr feindlich gesinnter Hofmagier erschwerte unseren Weg. In einem Kampf mit kreischenden Haryien an einem steilen Abhang verlor ich unglücklich den Runenspeer. Der starke Leibdiener Palmeyas hingegen verlor bei den Kämpfen sein Leben. Schwer angeschlagen, vollbrachten wir das Unmögliche und brachten Palmeya zurück in Ihre Residenz. Ich war der Heimat näher denn je und beschloss euch zu besuchen. Ich wusste nur noch nicht, was ich euch sagen sollte. Denn noch immer fühlte ich mich nicht bereit dazu. Die Schande lag noch greifbar in der Luft.

Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Der erzürnte Hofmagier schickte uns mit einem Zauber in das Bornland. Falkie blieb dabei in Aranien zurück. Außer mir vor Zorn und Wut trat ich die Reise zurück gen Praios an. Ich hoffte, dass Falkie den Weg zurück zu euch finden würde und ich ihn bei meiner Rückkehr wieder sehen werde.

Im Bornland trafen wir auf den Horasier Nicolo de Castelani. Mit seiner Hilfe erhielten wir nun offizielle Aufträge von hohen Gesellschaften. Nach einigen kleineren örtlichen Gegebenheiten, schickte uns ein Bannstrahler in die schwarzen Lande, um einige geheime Schriften zu holen, die den Umbruch der Herrschaft in dem verfluchten Land bedeuten sollte. Noch auf dem Hinweg befreiten wir ein Dorf von einem blutrünstigen Vampir. Wir erbeuteten schließlich die geheimnisvollen Schriften und flohen aus dem Land.

Ein verwirrter Magier namens Melami entsprang direkt auf unserem Pfad aus einem Portal gefolgt von einem Eisgolem. Nachdem wir diesen niederstreckten, bot uns der Magus einen Auftrag in seiner Heimat an. Wir ahnten nicht, dass diese Heimat sich südlich des Dschungels befand. Al’Anfa war unser Ziel. Wir sollten einige Zutaten besorgen, die Melami benötigte, um uns für einen Kampf gegen einen Eisdrachen zu rüsten. Beinahe endete ich als Feld-Sklavin. Nur mit Glück entging ich diesem Schicksal. Mit Zaubertränken ausgestattet stahlen wir dem Drachen ein Ei, welches der Sphärenwanderer Melami benötigte. Am Ende schickte er uns zurück in die Mittellande in die Nähe von Hammerschlag. Nicolo bekam eine Stellung als Voigt für die Ländereien von Hammerschlag. Wir blieben einige Zeit in der Nähe. Unsere Wohnstatt war die Burg Siegstein. Die lokalen Phänomene ließen uns keine Ruhe. Ein Magier mit dem Kurznahmen Adeptus Nehazet ay Yashualay von Punin Alam el Ketab Rohaldor ibn Tulachim ibn Rashim ibn Reshim ibn Al’rik al’Fessir ibn Abu ibn Abdul ibn Rohal ibn Dschelef ay Yalaidim ibn Ali ibn Zulhamin al’Tulam ibn … usw. und der Hauptmann der Stadtwache Sieghelm Gilborn von Spichbrecher wurden uns von der Baronie zur Seite gestellt, um die merkwürdigen (magischen) Phänomene zu untersuchen.

Einen Djin, versteinert von einem Orkschamanen in einem zwergischen Bergwerk, der die Luft in den Kammern verseuchte, brachten wir nach Burg Siegstein, um ihn zu untersuchen. Wir überwältigten eine Horde marodierender Orks, welche die Gegend unsicher machten. Tote Elfen mit abgeschnittenen Ohren und Elfenpfeile in einer zerstörten Zwergensiedlung, entfesselten beinahe einen Krieg zwischen den Zwergen und den Elfen auf dem Boden Hammerschlags. Wir handelten einen Frieden aus. Dreiste Goldkistendiebstähle eines ganzen Banditenringes klärten wir auf. Ein orangegewandeter Blutmagier aus fremden Sphären ließ nicht mit sich reden. Verwitterte mit Ranken umwachsene Wächterstatuen vor einem blühenden Druidengrab griffen, von uns allarmiert, ein, aus einem Pferdeleichnam entsprungenes, Dämonengeschöpf an. Blutige Dämonenaustreibungen folgten mit Hilfe einer Hexe auf dem Fuße. Wir sammelten die herzzerreißenden Tränen einer kleinen Fee, um ein magisches Ritual zu vollziehen.

Wichtige Geschäfte führten uns gen Firun nach Ferdok, wo wir an einem hochherrschaftlichen kultivierten Ball teilnahmen. Auf jenen Ball entlarvten wir einen diebischen maskierten Verräter. Der Kopf der Bande, ein intelligenter Papagei, entkam uns leider. Wir freundeten uns mit einer süßen Schelmin an, die auf dem Ball einiges an Schabernack trieb. Einen göttlichen Gegenstand befreiten wir aus unwürdigen Händen und übergaben ihn der Kirche.

Im Keller der einer untergegangen Magierakademie verfolgte uns ein Steingolem, so hoch wie die Mauern der Tunnel und so hart wie der Fels der Erde. Von ihm getrieben gelangten wir durch phantastische Limbusreisen zu unglaublichen Orten. Auf der Lichtung der schluchzenden Fee betraten wir wieder aventurischen Boden. Die Erinnerung an jene Orte verschwimmt allmählich im Nebel der Vergessenheit.

Wir verteidigten ein Gasthaus gegen den Angriff dämonenbeeinflusster Vögel und erneuerten den Bann auf einem der Gefäße Rohals.

Nach einiger Zeit nahmen Nehazet und ich eine Karavane nach Khorestan. Mit dabei diente als Wachschutz der Schwertgeselle Rowin. Der regierende Emir beauftragte Nehazet, den Staudamm dazu zu bringen, erneut Wasser zu spenden. Die Hexe Delia und der Schwertgeselle Rowin schlossen sich uns an. Der Damm wurde einst magisch versiegelt. Die Suche nach den verlorenen Ritualgegenständen führte uns bis nach Fasar, wo ich Onkel Omar traf, der mir von eurem Unglück erzählte. Ich entschloss mich mit unendlichem Wehmut, diese Zeilen zu schreiben, um euch nicht länger mit Ungewissheit zu quälen.

Stets traf ich auf meiner Reise wohlhabende Männer. Doch die teils grausamen Ereignisse und die Lehren Firuns ließen mich erhärten. Es ging so weit, dass ich in Khorestan als Achmad Sunni gehandelt werde. Die Dschadra, die ich einem Sklavenhändler im Kampf abnahm, tat ihr Übriges zu dem Erscheinungsbild dazu. Mit solch einem Ruf und Ansehen verdingte ich mich als Wächterin für Marktstände und Begleitschutz für Karavanen.

Meine Reise ist noch nicht beendet, meine Mission noch nicht erfüllt. Große Aufgaben liegen noch vor mir. Firuns Wille wird mich leiten. Macht euch bitte keine Sorgen. Ich habe mächtige Verbündete, die mir in der Not beistehen. Vergrämt euch nicht meine geliebten Eltern, ich bin in Gedanken stets bei euch. Werde wieder gesund Mama, damit ich dich bei meinen baldigen Besuch in die Arme schließen kann.

Firun zum Gruße.

in Liebe eure,

Azina saba Belima

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Brief von Azina an ihre Eltern

Verwirrt und Eiskalt mit erhitztem Gemüt

Wie lange denn noch? Wenn man bedenkt, dass wir die gleiche Strecke noch einmal zurücklegen müssen, wird mir ganz trist zumute.

Leider konnten wir nicht länger im Hause des Rafim bleiben. Das Essen war vorzüglich und das Nachtlager weich und bequem. Aber irgendwie haben wir es geschafft, seinen Unmut auf uns zu ziehen. Delia meinte, es liegt daran, dass wir den Ostflügel verwüsteten und eines seiner Schoßtierchen töteten. An beides kann ich mich, dank des Rauschkrautes und der Gürkchen, nicht so recht erinnern. Wir wohnten einem Gauklerfest auf dem Palasthof bei. Eine ausgesprochen gesellige Runde, auf Kissen gebetteter, Edelleute. Diese harmlose Situation endete irgendwie in einem Fiasko. Zwar erzählte mir Delia davon, aber so recht glaubwürdig klingt das nicht. Aber was ist das schon – glaubwürdig. Zumindest  bin ich bereit dieser Geschichte mehr Glauben zu schenken, als den angeblichen Falschgeldprüfern. Niederer Wicht, blinder Gauner, elender Dieb unter dem Deckmandel eines dämlichen Staates! Und mich – MICH – nannten sie Dieb, Gesindel und Übleres, nur weil ich mich in Fasar unwissentlich auf dem Pfad der Privilegierten aufhielt. Pff! Gesocks ohnegleichen. Zwar hätte ich mit meiner bescheidenen Abstammung prahlen können, aber das habe ich gar nicht nötig. Nur schwer konnte ich die Fassung wahren, um diesen ungehobelten Gardisten, nicht doch rein zu würgen! Ich sehe, das Training macht sich bezahlt. Firun wäre stolz auf mich.

Die Ohrfeige von Rowin ließ eine Kaltherzigkeit in mir aufkommen, wie noch nie zuvor. Ich machte ihm leise aber unmissverständlich klar, was es bedeutet, Hand an mich zu legen. Ein erneuter Frevel seinerseits wird in einem Kampf enden! So recht ist mir immer noch nicht bewusst, warum er dies tat. Er wäre der Einflussmagie des Dämons sicherlich ebenfalls erlegen. Und selbst wenn, so schlimm war meine Frage nach seinem Zustand nun auch wieder nicht, als das es diesen miesen Ausraster rechtfertigt. Es zeigt vielmehr seine wahre Natur und seine Meinung über meine Person. Ich werde ihn aus emotionaler Distanz im Auge behalten.

Immerhin bemühte er sich hinterher um Milderung. Er brachte mir zur schwersten Mittagshitze eine süße wässrige Melone. Auch gab er mir für meine, mit Blasen und Schwielen übersäten, Hände etwas Verbandsmaterial. Die Salbe von Delia verrichtet ein gutes Werk, ich sollte auch Ihr etwas Gutes tun.

Die Schmuck-Händlerin war sehr zufrieden mit mir. Sie bedankte sich sogar überschwänglich für meine Wachsamkeit. Zu schade, dass ich den gestohlenen Ring nur mit Glück zurück erobern konnte. Sonst fiele meine Freude sicherlich ein wenig größer aus. So richtig großartig war meine Leistung nicht. Mit doppelter Wachsamkeit leistete ich mir selbst gegenüber etwas Wiedergutmachung. Nebenbei konnte ich mir ein paar Kniffe des Feilschens aneignen. Die werde ich sicherlich noch benötigen, zumal ich davon bisher keine Ahnung hatte. Ich kaufe halt, was benötigt wird.

Adaque, der kleine Falke, macht mir ein wenig Sorgen. Wie soll ich für ihn aufkommen? Ich kann ihn ohne eine Leine nicht fliegen lassen. Und selbst mit einer solchen, wird es schwer ihn an mich zu gewöhnen, sodass er mir so frei folgt, wie dereinst Falkie. Morgen muss ich mir erst einmal einen Falknerhandschuh, eine feste leichte Leine und etwas Trockenfleisch besorgen, während Nehazet das Medallion findet. Soll er doch seinen Alleingang fortsetzen. Ist mir gleich. Überdies hat er schon einige Male Desinteresse an mir gezeigt. Erst der Gang zum Emir von der Karawane weg, dann die Sache mit dem Spiegel und nun der Vorfall mit der Brücke. Hat keine Ahnung, aber setzt seinen Willen durch. Inzwischen kenne ich ihn und weiß, dass er so ist, wie er ist. Aber es ermüdet ungemein. Warum begleite ich ihn überhaupt? In welcher Weise bin ich ihm verpflichtet? In gar keiner! Sehen wir, wie weit er kommt. Die Belohnung wird sowieso nur er selbst vom Emir erhalten. Ich bin gespannt, wie diese Angelegenheit abwickelt.

Lieber stürze ich mit Delias schmucken Ferkina die Festung des unrechtmäßigen Herrschers, als das ich ihm Wasser bringe!

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Gedanken der Azina

Träume

Von Albträumen geplagt wirft sich Azina auf ihrem seidenen Himmelbett hin und her.

Falkie … wo bist du nur … geht es dir gut … ? Ach, ich mache mir was vor. Selbst wenn ich ihn finde, in diesem weiten Landstrichen. Selbst, wenn er noch lebt. Kaum wird er mich wieder erkennen. Zu lang dauerte unsere Trennung nun schon an.

Huch? Wo bin ich? … Ach ja, im Palast dieses eingebildeten Magiers. Er scheint ein gebildeter und mächtiger Mann zu sein. Und zu langweilen vermag er auch noch. Selbst seine Diener sind so spannend wie die Predigten Praiosgesannter. Einzig seine dressierten Blaufalken wecken mein Interesse. Erstaunlich, dass er gerade mich bat, sich um sein kleines Problem zu kümmern. Ich bin sicher, dass er oder sein Falkner sich darum kümmern können. Warum also fragt er mich? Sicher nur, um mich zu demütigen. Mir vorzuführen, wie gering meine Künste sind. Aber ich werde ihm zeigen wozu ich fähig bin! Und wenn ich damit einem kleinen Vögelchen einen Gefallen tue, bin ich bereit mich diesem Test zu unterziehen.

Zunächst ist es gut, einige Tage hier zu verbringen. Nehazet wird sich auch wohl kaum mit einem Abend zufrieden geben. Für ihn ist dieser Ort ein wahr gewordener Traum. Nur noch übertroffen von der verborgenen Bibliothek. Dass sein Gesprächspartner ein befremdlich gesinnter Magier ist, scheint ihn nicht zu stören. Andernfalls störte ihn das bei Malum auch nicht, und das, obwohl er offensichtlich etwas Unredliches im Schilde führte. Allem voran ist und bleibt er ein „Collegus“ des geschätzten Adeptus. Jedenfalls gibt uns allen der hiesige Aufenthalt die dringend benötigte Zeit uns zu erholen. Es scheint nicht sein Ziel zu sein uns zu töten, das hätte er längst getan. Er kann uns auf viel „amüsantere“ Art und Weise vernichten. Und wenn wir schon sterben, dann können wir vorher einmal diesen Traum vom unermesslichen Reichtum genießen. So schön flauschig das Bett und so schön die Dekoration. Aber so schrecklich sind diese Skulpturen. Was vermögen Ihre Augen zu sehen? Lieber nicht daran denken.

Ob es hier eine Möglichkeit gibt zu trainieren? Rowin spricht immer von der Angriffstaktik namens Finte. Aber vielmehr träume ich davon, wie man mehrere Gegner gleichzeitig abwehrt. Bewaffnet mit einem Speer kommt so schnell keiner an mich heran. Ideal, um Durchgänge zu verteidigen, während beispielsweise Nehazet allmächtige Magie wirkt. Die Gegner zu erledigen ist zweitrangig. Das tun andere schon ausgezeichnet. Aber es ist ein jemand von Nöten, der die Gemeinschaft gegen eine Übermacht zu verteidigen vermag. Außerdem erfreut es mich, andere an langer Waffe verhungern zu lassen. Mal sehen, wie ich ihn davon überzeugen kann, von seiner fixen Idee Abstand zu nehmen. Immerhin geht es ihm wieder viel besser. Nicht schlecht, was Magie so bewirken kann. Einen Schädelbruch innerhalb von zwei Tagen zu kurieren ist eine traumhaft gute Arbeit. So konnte er das Duell gegen die verfeindete Sippe persönlich führen. Selbstverständlich hätte auch ich den Herausforderer besiegt, auch wenn Rowin anderer Meinung ist. Aber er hätte sich nicht wohl dabei gefühlt, mich kämpfen zu lassen. Also ließ ich ihn gewähren, das stolze Kriegerherz, um mich armes Frauenzimmer zu beschützen. Nur Geduld Azina, deine Stunde wird kommen.

Aber nun sollte ich versuchen noch ein wenig zu schlafen.

Langsam und sanft gleitet Azina in die Welt der Träume über. Umringt von tausenden Vögeln gleitet sie mit Falkie durch die tiefschwarze Nacht … die Vögel … sie greifen an … das Gefäß des Rohal … ist … NEIN … FALKIE … FLIEH … NEEEEIIINNNN … … …

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Gedanken der Azina