„Folgt mir!“
Mit einer Fackel in der einen und die Zügel von Janes Pferd in der anderen Hand reitet Azina gen Naggilah. Der Tross der Karavane des verletzten Sahib Selim folgt ihr dicht auf den Fersen. Angestrengt späht sie in die Dunkelheit und versucht Weg, Ziel und Gefahr gleichermaßen im Blick zu behalten. Die Silhouetten der verräterischen Söldner verblassen bereits am Horizont.
Ich habe ja erwartet, dass die Rückreise nach Shirdar kein Vergnügen wird, nun wo Delia vorauseilte, Rowin seiner Liebe andernorts frönt und dieses Fräulein Peddersen mit uns reist. Für Nehazet scheint es ja eine willkommene Abwechslung zu sein. Nun hat er endlich einen Gesprächspartner. Und ich muss ja nicht ständig bei den Beiden verweilen. Da kommen mir die Pflichten eines Söldners sehr gelegen, um nicht den Verstand zu verlieren.
Was sich jedoch die Söldner von Sahib Selim erlaubten, widerspricht ganz klar dem Kodex. Verrat ist unverzeihlich. Und Mord vergeltungswürdig. Ich bin sicher Salem hat irgendwo einen Sohn der Blutrache nehmen wird. Das kennen wir ja schon. Hoffentlich lernt er – sollte er überleben – was durchaus wahrscheinlich ist, da sogar Nehazet seine heilenden Hände im Spiel hatte – dass er seine Männer besser bezahlen muss. Nur zufriedene Männer sind gute Männer. Und Frauen!
…
Naggilah … nur ungern möchte ich dorthin zurück. Ich sehe ein, dass Salem ein ordentliches Lager benötigt. Auch sehe ich ein, dass die gefangenen Verräter überführt gehören. Aber ich sehe nicht ein, warum wir dafür Bey Raffim persönlich belästigen müssen. Leider besteht Nehazet darauf. Ist es doch – wie er sagt – eine gelungene Wiedergutmachung des Schadens, wenn wir ihm zwei neue … Arbeiter … bringen. Sollen sie meinetwegen machen was sie wollen, ich bleibe in der Karawanserei und werde mich ein wenig erholen. Zwar konnte ich keinen Stoß mit dem Speer landen, aber ich wurde auch nicht verletzt. Ich sollte ein wenig trainieren. Aber nicht mehr heute.
Ich kann die Sterne sehen. Welch trügerische Ruhe.
Azina schaut auf den Tross hinter ihr. Die Händler sehen besorgt, aber auch wütend aus. Einige wuseln herum und lassen die notdürftig umgepackten Waren neu organisieren. Andere sitzen gedankenverloren und zusammengesunken auf ihrem Kutschbock. Als Azina sich wieder umdreht schwirren die Worte ihrer Tante erneut ihn ihrem Kopf herum.
Sie hat nicht viel gesagt. Aber sie hat Recht! Ich muss mich meinen Pflichten stellen, ganz gleich was geschieht. Das duldet keinen Aufschub mehr. Ich muss zurück nach Aranien! Jedoch besagt die Ehre, dass ich diesen Auftrag zunächst beende und Nehazet sicher zum Emir bringe. Im Anschluss werde ich mir Arbeit in einer Karawane nach Barburin suchen und die Zedernstraße ein weiteres Mal bestreiten. Vielleicht kann Sahib Selim ein gutes Wort für mich einlegen, um mir einen besseren Stand zu verschaffen.
Haltet aus. Ich werde kommen. Versprochen.
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Gedanken der Azina