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Teil IX – Bestimmung (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Gneisor

Ser Gneisor, sein Knappe Ingmar und der wie Brangane aussehende Dämon standen gemeinsam im Zentrum des Burghofs. Über ihnen prasselte ein rubinfarbener Strahl aus Magie gegen eine blau schimmernde Wand, die die Limbusverzehrerin schützte. Langsam aber sicher stemmte sie sich über ihnen dem Strahl entgegen und die drei unter ihr konnten die Szenerie gut beobachten. „Halrik scheint sie gut hinzuhalten. Wenn du wirklich das kannst, was du behauptest, dann sag uns, wie wir dir dabei helfen können!“, intonierte Ser Gneisor. Er verließ die Kampfhaltung und deutete auf das Spektakel über ihnen. „Was euer Gelehrter da vollbringt ist gewaltig, doch ist er im Umgang mit der Vortexmagie noch zu unerfahren, um Sara’kiin besiegen zu können“, antwortete Brangane im Plauderton. Alle drei blickten nach oben, direkt über Ihnen sahen sie, wie Sara’kiin mit der einen Hand – in der sich auch ihr Stab befand – von sich gestreckt die magische Wand aufrecht hielt und mit der anderen Hand einige zackige Gesten formte. „Was tut sie da?“, entfuhr es Ingmar. Die Antwort auf seine Frage folgte auf dem Fuße. Direkt hinter ihr öffnete sich ein vertikaler Spalt in der Luft, gerade groß genug für sie selbst. Geschwind schlüpfte sie hindurch und verschwand, als ihr Stab als letztes den Spalt passierte, schloss er sich hinter ihr wieder. Wohin sie verschwand und ob sie dank Halriks Zauber Schaden genommen hatte, war nicht ersichtlich. Die magische blaue Wand zerbarst in tausend kleine sich auflösende Splitter, unter dem anhaltenden Druck des roten Strahls. Die dabei entstehende Druckwelle drückte Ingmar, Brangane und Gneisor wie Zinnsoldaten unter der Last eines Stiefels zu Boden. Der Marschall, der mit angebrochenen Rippen und einem gebrochenen Arm schon schwer genug angeschlagen war und noch dazu Probleme beim Atmen hatte, wurde so heftig zu Boden gedrückt, dass er erneut die Besinnung verlor.

Wie aus sehr weiter Entfernung hörte er eine Stimme. Sie war so weit fort, dass er sie weder einer Person zuordnen konnte, noch dass er ihren Inhalt verstand. Schmerz glimmte, wie ein an einem heißen Praiostag frisch abgebrannter trockener Weizenacker, in seiner Brust. Ihm war schwindelig, nur mit Mühe gelang es ihm ganz langsam die Lider zu öffnen. Er bewegte sich, was er an den klappernden Schritten festmachte, die immer lauter wurden. Und daran, dass der Schmerz in seiner Brust in immer wiederkehrenden regelmäßigen Intervallen kam. „Er hält uns nur auf“, hörte er eine Stimme sagen, die klar weiblich klang. „Ohne ihn wären wir schon alle tot – auch du schuldest es ihm“, sagte im unerschütterlichen Tonfall eine jüngere Stimme, die Gneisor seinem Knappen zuordnen konnte. „Ich schulde ihm gar nichts! Ich mache das nur, damit ich einen weiteren Fleischsack zwischen mir und Sara’kiin habe, der geopfert werden kann“, polterte der Dämon in Gestalt der Ritterin zurück. Inzwischen wurde Gneisor klar, dass sie Stimme zu Brangane gehörte. Und jetzt bemerkte er auch, in welcher Haltung er sich befand. Er wurde von ihr, oder besser gesagt, ‚es‘, über der Schulter getragen! Der Dämon musste über gewaltige Kraft verfügen, denn Gneisor trug noch seine komplette Rüstung. Zusammen genommen, wogen er und seine Rüsung über 100 Stein. „Der ‚Fleischsack‘ kann wieder alleine gehen“, hauchte er mit hohler Stimme aus. Sofort machte Brangane halt und setzte den Ritter ruckartig ab. Ingmar übergab seinem Ritter sofort wieder seinen Anderhalbhänder. Gneisor sah sich um, sie befanden sich im Burgfried auf einer mittleren Etage eines Treppenabsatzes. „Wie geht es euch, Ser?“, erkundigte sich Ingmar im besorgten Ton. Gneisor nickte nur in Richtung des Jungen, für mehr war jetzt keine Zeit – und sein Zustand war in Anbetracht ihrer Situation auch mehr als irrelevant. Hastig, wohl etwas zu hastig, zog er Luft ein, woraufhin das Feuer in seiner Brust wieder stärker wurde. Als er ausatmete, hörte er ein leises Pfeifen. Ihm selbst war bewusst, was bedeutete, eine oder mehrere seiner Rippen hatten seine Lunge durchbohrt und diese füllte sich nun nach und nach mit seinem eigenen Blut. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, bis er nicht mehr atmen und einfach tot umfallen würde. „Wir müssen weiter. Vorran!“ Brangane und Ingmar verloren keine Zeit und eilten sofort los, sie hatten allem Anschein nach ein Ziel und der Marschall folgte ihnen, so gut er konnte. Er konnte und wollte nicht einfach an seinem eigenen Blut ersticken, sondern wenn. dann in einem rondrianischen Kampf fallen.

Die Treppe innerhalb des Burgfrieds stellte sich für den Ritter als schwerste und vielleicht auch letzte Hürde in seinem Leben heraus. Mit jeder Stufe brannte das Feuer in ihm so heiß, dass er glaubte innerlich zu verbrennen. Er spuckte unterwegs mehrmals Blut, stolperte und kratzte mit den Rüstungsteilen gegen die Wände und Treppenabsätze. Ingmar, der aufgrund seiner Treue zu seinem Herrn nicht anders konnte, ließ sich zurückfallen und half ihm, indem er ihn stützte. Brangane machte keine Anstalten noch einmal zurück zu sehen und nach den beiden zu schauen und die beiden Männer hatten zu viel Stolz, um einen Dämon um Hilfe zu bitten. Sie beide wusste,n wie das hier für den Marschall enden würde, doch beide waren auch rondrianisch genug, um nicht aufzugeben. Denn noch gab es hier Feinde und noch hatten sie im Namen der himmlischen Leuin einen Auftrag zu erfüllen. Und nichts würde Ingmar mehr das Herz brechen, als seinen Herrn auf einer Treppe sterben zu sehen. Wenn er schon unbedingt zu Boron gehen musste, dann doch wenigstens in einem Zweikampf, und dabei wollte er ihm helfen. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, schallte Branganes Stimme auffordernd von weiter oben durch den Treppenaufgang. „Ich lasse euch hier nicht zurück, Ser!“, brachte Ingmar unmissverständlich zwischen zusammengebissenen Zähnen zu seinem Herrn hervor, während sein Kopf zur Stütze unter Gneisors linken Arm hing. Der Knappe erahnte nämlich schon, welchen pathetischer ‚Lass mich zurück und geht ohne mich weiter‘-Unsinn in den Augen seines Herrn aufblitzte. Gneisors Gesicht war ein einziger Wasserfall, sein sonst so ordentlicher Bart, eine feuchte Wand aus zerrissenen Lianen, an dessen unteren Enden überall Tropfen hingen. Unter seinem nassen Bart kam ein kurzes Grinsen hervor. „Ingmar … das würde … ich dir doch … nie antun. Hier … zu sterben“, flapste er. „Ihr solltet besser nicht reden, Herr.“ Stille folgte, in denen sie wieder fünf Stufen schafften. „Ich sah dich sterben … Ingmar.“ Der Knappe antwortete nicht, da er nicht wusste worauf sein Ritter hinaus wollte. „Vorhin, vor der … Bibliothek … das Ding … hat dein Gesicht … aufgeschlitzt wie eine Arange … du bist leblos … zu Boden … gefallen.“ Gneisor hustete feucht und spuckte wieder einen Flatschen Blut aus. Ingmars Augen wurden tellergroß, er wusste nicht, wovon er da redete, er konnte sich nicht daran erinnern. „Halrik … er … muss dich … geheilt haben.“ Sie erreichten die letzte Etage. Es war ein kleiner Raum, voll mit Fässern voller Pfeile, Bogenständern und ein paar flachen und hohen Kisten mit Wimpeln und allerlei anderem Tand. Ingmar verstand nicht, warum sein Herr ihm das erzählte oder ob er begann zu halluzinieren.
Von Brangane war keine Spur zu sehen. Sie musste wohl schon die Leiter nach ober zur offenen Dachluke genommen haben. Die beiden blickten zur Leiter, zeitgleich war ihnen bewusst, dass Ser Gneisor es in seinem Zustand da nicht herauf schaffen würde.

Teil IX – Bestimmung (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Halrik

Die Kraft der puren und ungezügelten Magie, die aus Halriks beschworener rötlicher Lichtkugel in seine Hand schoss, wurde nicht schwächer. Sie hielt an, fünf Sekunden, zehn Sekunden, fünfzehn Sekunden … ein permanenter gleißender Strahl, so funkelnd rot, dass man ihn für einen einzigen riesigen Rubin hätte halten können. Nur an der Stelle, an der er auf das bläuliche Schimmern des magischen Schildes traf, zerfaserte er wie ein im Sturmwind flatternder Wimpel zu allen Seiten aus – und das Schild kam näher. Die Limbusverschlingerin, die aufgrund der spektakulären Vereinigung von aufeinanderprasselnder Magie kaum mehr zu sehen war, drückte den roten Strahl langsam, Schritt für Schritt, immer weiter zurück. Dann, wie ein Lichtstrahl der plötzlich eine seit Stunden anhaltende dicke Wolkendecke durchbrach, zerbarst das blaue Magieschild in abertausende kleine bis zum verschwinden glimmende kleine Splitter. Der rote Lichtstrahl konnte nun seinen Weg ungehindert fortsetzen, prallte mit voller Wucht gegen einen dahinter liegenden Wehrturm und binnen eines Lidschlags explodierte er in einer gewaltigen und lauten Explosion. Zerborstene Feldsteine, Mörtel, Holzsplitter und zerfetzte Balken wurden mit einer unbeschreiblichen Wucht aus der Festungsanlage herauskatapultiert. Nichts davon flog, trotz der gewaltigen Kraft des Lichtsstrahls in den Innenraum der Festung. Als dieser dann hindurch war und seinen Weg nun bis an den Ereignishorizont der Kuppel fortsetzten konnte, war der komplette obere Teil der Wehrturms abgerissen und regnete als als zerfetzte Stein- und Holzmasse im Außenbereich der Festung ab. Dann endete der Zauber abrupt. Der rubinfarbene Strahl endete und auch sein magisches Surren verschwand. Halrik senkte seine nunmehr leere Hand, von Sara’kiin war nichts mehr zu sehen, sie war in der gewaltigen Kraft des Zaubers aufgelöst worden. Der junge Studiosus war kaum mehr zu erkennen. Seine Haut war aschfahl und durchzogen von tiefschwarzen fingerdicken Adern, in seinen Augen war kein Weiß mehr zu sehen und sein Haar so schütt, dass es nur noch als ein silbriges Glitzern auf einem ansonsten kahlen Haupt zu erahnen war.

Es kehrte Ruhe ein auf Festung Friedstein. Kein Todes- oder Kampfgeschrei mehr, kein Klackern oder schrilles Zirpen von Abscheulichkeiten. Halrik überblickte von seiner erhöhten Position den Burghof, in dem mehrere Leichen und tote jenseitige Geschöpfe lagen. Er hatte es geschafft, Sara’kiin die Limbusverschlingerin war besiegt, oder gebannt – ganz egal – sie war fort und das allein zählte. Doch noch waren sie nicht sicher, denn sie waren noch immer in der Zeit gefangen, solange sie sich im Innern der Kuppel befanden. Doch eins nach dem anderen. Halrik dreht sich in der Luft und schwebte auf den höchsten Punkt der Festung. Es war die selbe Position, bei der die Katastrophe heute ihren Lauf genommen hatte, als er – zusammen mit seinen Büchern – auf Ser Gneisor stieß und ihm von seiner Erkenntnis berichtete, dass Sara’kiin sich hier auf der Sphäre befindet. Genau dort, wo alles ihren schrecklichen Verlauf nahm, sollte es auch enden – dachte er sich und ließ sich auf dem obersten Turm der Niederrungenfestung nieder.
Er füllte seine Lungen noch einmal mit Luft, die geschwängert war von den Gerüchen nach menschlichem Blut, der zähflüssigen Masse, die in den Körpern der Abscheulichkeiten steckte, die nach Schwefel roch und dem Geruch nach Ozon. Letzterer war durch die ungezügelte Magie entstanden, die er erzeugt hatte. Dann hob er seine Arme in die Höhe und formte damit einen Kelch. Sein Zauber würde sich gegen den unsichtbaren Wall richten, um diesen Ort wieder dem Vortex zu entreißen: „Ausghairm banna áit.“ sprach er aus. Seine Worte kamen dabei ganz natürlich über seine inzwischen pechschwarzen Lippen. Weit über ihm, am Ereignishorizont, zuckten plötzlich Blitzartige Gebilde über den Kuppelrand. Sein Zauber zeigte Wirkung. Halrik wurde lauter: „Ausghairm banna áit!“ Wieder zuckten Blitze, die Risse in dem Membran hinterließen, über den Kuppelrand. Sein Zauber half, er würde ihn nur noch ein paar mal wiederholen müssen und dann wäre die Kuppel zerstört. Erneut setzte er an: „Ausghairm ban …“ Halriks Stimme versagte plötzlich mitten im Wort in einem hellen Krächzen. Da er nicht wusste warum, versuchte er es erneut, doch kein Ton drang aus seinem Mund, dafür schossen ihm aber tiefrote Spritzer über die Lippen, die er vor sich in die Luft versprühte. Verwundert blickte er den Tropfen hinterher. Was war geschehen? – fragte er sich. Hatte er etwa zu viel Magie verwendet? Aber das war unmöglich – schoss es ihm wieder durch den Kopf. Ein Ruck fuhr ihm durch den Körper, verwundert blickte er an sich herab und senkte die Arme. Ein spitzes, vor Blut triefendes Stück Unmetall ragte aus seiner Brust heraus. Er spürte keinen Schmerz, nur einen sanften, kaum spürbaren Druck. Begleitet von einem metallischen Kratzen, das über Knochen fuhr, zuckte das Stück Unmetall wieder aus seinem Körper heraus. Halrik dreht sich um und vor ihm stand ein jenseitiges Geschöpf. Der Körper gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. Nur die Hände, die Füße und der Kopf waren eingehüllt in dunkles Metall. Zacken und dunkle Sigillen waren daran eingearbeitet, im rechten Panzerhandschuh lag eine kurze, dolchartige und filigran dünne Klinge, von der Blut – sein Blut – tropfte. Halrik wollte etwas sagen, er nahm all seine Kraft zusammen, um gegen den Pfropfen an Blut in seinem Hals anzukämpfen. Er hüstelte und gurgelte und dann spuckte er einen Klumpen zähflüssigen Blutes aus. Mit absterbenden Stimme brachte er mit letzter Kraft hervor: „Matral?!“

Teil IX – Bestimmung (1)

Burghof

Mit dem Burgfried im Rücken, schwebte der Studiosus zwölf Schritt über dem Boden über dem zentralen Platz. In seiner Linken hielt er noch immer mit Leichtigkeit den dicken aufgeklappten Folianten. Seine rechte Hand streckte er nach der Jenseitigen. Seine Finger formten dabei eine auf sie gerichtete Kralle, als würde er nach ihr greifen wollen. Allem Anschein nach hatte Sara’kiin ihn noch nicht bemerkt, denn sie machte keinerlei Anstalten sich ihm zuzuwenden. In aller Ruhe flüsterte Halrik zwei magische Worte, so langsam und ruhig, als würde er jede Silbe genießen. Seine blauschwarzen Lippen bewegten sich nur wenig, als sie ein kaum hörbares „Liathróid chumhacht“ formten. Zwischen seinen Fingerspitzen begann sich ein rasch vergrößerndes rötliches Schimmern zu formen. Binnen weniger Lidschläge war das Schimmern zu einer rötlichen Lichtkugel herangewachsen, dass an seine Fingerspitzen reichte und das Licht, welches die Kugel ausstrahlte, war stark genug, dass sie nicht nur Halriks graue Robe, sondern auch den Burgfried im Rücken des schlanken Studiosus in ein rötliches Schimmern tauchte. Dann ertönte ein dumpfer Knall und aus der Lichtkugel schoss ein gleißend hellroter und armdicker Strahl in Richtung der Limbusverschlingerin. Als der Strahl den Körper der ehemaligen Eismagierin erreichte, stoben unzählige kleine Lichtfunken in alle Richtungen. Der Strahl traf sie mit der Wucht eines Baustammes und schob sie ruckartig durch die Luft. Der Lichtstrahl hörte nicht auf, Sara’kiin wurde bis an den Rand der Festungsmauern gedrückt, doch dann endete ihre unfreiwillige Reise durch die Luft plötzlich. Eine Wand als blauem Licht drückte sich zwischen den roten Strahl und sie selbst. Die Energie des roten Strahls prasselte in einem langanhaltend dumpfen Ton gegen die unsichtbare Mauer der Zauberin. Das helle Licht und die sich in alle Richtungen verteilenden Lichtfunken überlagerten den Ort des Geschehens so sehr, dass Sara’kiin dahinter verschwand.

Währenddessen am Boden des Burgfrieds, erreichten Sir Gneisor und sein Knappe den am Boden liegenden Metallhaufen von Brangane. „Brangane!?“, brüllte Ser Gneisor ihr, in der Hoffnung, dass sie den Sturz überlebt hatte, zu. Noch ehe der Marschall und sein Knappe die Ritterin erreichten, verwandelte sich unter ihren erschreckten Augen das Metall der Rüstung in eine zähflüssige dunkle Masse. „Was bei Rondra?!“, stieß er aus und hielt seinen Knappen schützend zurück, da dieser gegen ihn gegen gelaufen war. Unter ihren Blicken verwandelte sich der Körper der Frau samt der Rüstung in eine lichtverschluckende schwarze Masse. Dann nahm sie wieder Form an, Arme und Beine bildeten sich, auch die Rüstung und das Schwert nahmen wieder Gestalt an und zuletzt erhielt alles wieder Farbe. Vor den beiden stand wieder Lady Brangane, die keinerlei Kampfspuren davongetragen hatte. „Keine Zeit für lange Erklärungen …“, begann Lady Brangane hastig, deren Stimme leicht schnarrte. „Ich bin nicht die, für die ihr mich gehalten habt.“ Auch wenn Ser Gneisor rechter Arm schwer verletzt war, so ging er trotzdem in eine verteidigende Kampfhaltung über – sein Knappe stellte sich tapfer neben ihm. „Was im Namen der Götter bist du dann und wo ist Lady Brangane?“ brachte der Marschall zwischen zusammengebissenen Zähnen fordernd hervor, da es ihm sichtbar viel Kraft kostete trotz des gebrochenen Arms und der geborstenen Rippen in die Kampfhaltung zu gehen. „Ich bin hier, um die Limbusverschlingerin aufzuhalten, mehr ist jetzt nicht wichtig“, sagte Brangane noch immer mit einem Schnarren in der Stimme, als würden ihre Worte als Erklärung genügen. Gneisor und Brangane musterten sich gegenseitig, so als würden beide ihre Chancen gegenüber dem anderen abschätzen. „Das ist ein Diener des vielgestaltigen Blenders, Ser – wir können dem Ding nicht vertrauen“, rief Ingmar dazwischen. Gneisor überlegte. Es war das erste Mal, dass er einem Dämon und noch dazu einen viergehörten Auge in Auge gegenüberstand. Bei der Schlacht an der Trollpforte, vor sechs Götterläufen, hatte er aus der Entfernung ein paar beschworene Dämonen gesehen, allesamt waren sie von schrecklicher Gestalt. Sie mähten ihre Männer und Frauen zu hunderten nieder. Doch das waren alles Dämonen aus den kriegerischen Domänen. Dieser hier, so sich Gneisor erinnern konnte, war kein Kämpfer, sondern ein Dämon aus Amazeroths Gefolge, ein Genius und Blender und kein Streiter. Doch das machte ihn nicht minder gefährlich. Doch das alles erklärte nicht, wieso er hier war. Gneisor versuchte sich an die Lehrstunden in Hochstieg zu erinnern. Seine Exzellenz Nehazet hatte, noch bevor sie nach Friedstein kamen, ihm und den anderen wichtigen Persönlichkeiten des Ordens über den Sphärenkrieg aufgeklärt. Auch wenn er es damals kaum glauben wollte, so erzählte der Südländer davon, dass auch die Dämonen die Jenseitigen zum Feind hatten und es unter Ihnen ebenfalls Auserwählte geben soll. Amazeroth der Weltenbrenner war einer von ihnen. Sollte etwa dieser Dämon aus Amazaroths Gefolge auch einer sein?

Ehe weitere Worte gewechselt wurden, griff Brangane mit einer Hand zu ihrer Brust. Sie griff in sich hinein, wie eine Hand die in einen Teich hineinlangte. Sie zog aus sich selbst ein ovales Amulett und hielt es den beiden Kämpfern entgegen. Auf dem Amulett war das Zeichen Amazeroths in Zhayad-Ligatur zu sehen. „Ich bin die Auserwählte Iribaars. Und solltet ihr entgegen meiner Erwartung jetzt nicht spontan eure Auserwählte Hesindes aus euren Burgkeller herausholen, so bin ich die einzige hier, die Sara’kiin Einhalt gebieten kann. Also entweder tretet ihr jetzt beiseite und lasst mich meine Arbeit machen oder ihr schluckt eure Vorbehalte herunter und helft mir dabei, eure sterblichen Hintern zu retten.“

Teil VIII – Interludium (2)

Vidkun

„Ich erachte die Quelle als unzuverlässig“, raunte Vidkun, während er in stolzer Haltung seine dünnen Arme in die Hüften stemmte. Er war an die zwanzig Götterläufe jung, trug einen Wappenrock in den Farben seiner Herrin, einen dunkelblauen Gambeson und einfache Lederteile zum Schutz gegen einfache Hieb- und Stichwaffen. Seine dünnen blonden Haare fielen ihm zur Hälfte ins Gesicht. Auch wenn er noch sehr jung aussah, so konnte ein aufmerksamer Beobachter in seinen dunkelbraunen Augen einen Charakter ausmachen, der viel älter und erfahrener war, als der Körper, in dem er steckte. Ihm gegenüber stand eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. „Du zweifelst an mir?“, zischte eine weder weiblich noch männlich klingende Stimme unter der Kapuze. „Nicht an dir, sondern an der Glaubwürdigkeit deiner Quelle – aus welchem Grund sollte uns …“, versuchte Vidkun es im beschwichtigenden Tonfall, doch er wurde mit einer abschneidenden Geste der verhüllten Gestalt unterbrochen „ … weil wir den gleichen Feind haben, Vidkun – gerade du solltest das am besten wissen.“ Der Junge wandte sich ab und besah sich den Innenraum des Heuschobers in dem die beiden nun schon einige Momente zusammen standen. Von draußen drang heiteres, unbedarftes Lachen durch die Spalten der Bretter. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Er drehte sich wieder zu der verhüllten Gestalt. „Nun gut, nehmen wir einmal an, dass die Quelle uns nicht hereinlegen will – so wie sie es schon immer getan hat – dann hieße das, dass ich allein etwas gegen ihren gefallenen Anker ausrichten kann. Denn ihre Streiterin befindet sich zur Zeit am Hofe in Gareth und ich trage Iribaars Spiegel.“ „Ganz genau“, bestätigte die Kutte zischend. „Sag es mir noch einmal: Warum in Amazeroths Namen soll ich diesen Haufen unbedeutender Wesen retten?“ Vidkun glaubte so etwas ähnliches wie ein schweres Atmen aus dem Innern der dunklen Kutte hören zu können. „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele weitere Jahre im Dunkeln umherirren.“ Vidkun prustete verächtlich. „Sie sind uns wirklich noch so weit hinterher…“, sprach er und schweifte damit etwas vom Thema ab, als er daran dachte, wie wenig der Orden wusste und wie engstirnig sich dieser Schutzorden bisher in seinen Augen verhalten hatte. Für ihn hatten die Bewohner der 3. Sphäre in der langen Zeit, in der ihr gemeinsamer Feind bekannt war, schlichtweg zu wenig erreicht. Der Orden war seines Erachtens der erste Versuch mit Aussicht, etwas Konstruktives zu werden. Wenn sie doch nur jemanden mit mehr Verstand als Muskelmasse an die Spitze gewählt hätten. Vidkun dachte für einen kurzen Moment darüber nach, ob es vielleicht auch nur ein windiger Zug war, den lenkbaren Ritter zum Oberhaupt zu machen, während die klugen Köpfe aus dem Hintergrund agierten und sich damit selbst nicht zur Zielscheibe machten. Besaßen die Bewohner dieser Sphäre etwa doch mehr Verstand als er ihnen zutraute? Die Kutte nickte nach Vidkuns Aussage. Der junge Knecht setze seinen Gedankengang fort: „Jetzt müssen wir also schon – wie sagt man hier – Amme für sie spielen und ihnen dabei helfen, zu Erkenntnissen zu gelangen, zu denen sie schon vor Jahren selbst hätten kommen sollen?“ Von draußen erklang ein Ruf, so als würde jemand gesucht werden. Die verhüllte Gestalt und Vidkun blickten kurz zur Seitentür des Schobers. „Mach dir keine Sorgen, ich habe dafür gesorgt, dass er tief und fest schläft.“ Vidkun deutete auf eine der Pferdeboxen in denen im Schatten ein junger Mann lag, der genauso aussah wie er. Ein Pferdeknecht der Greifenfurter Ritterin. Vidkun stutzte plötzlich. „Sagtest du in zwei Tagen? Ich hörte wie die Ritterin sagte, dass sie erst in drei Tagen an Burg Friedstein ankommen würden.“ Die Kutte nickte wieder. „Dann bleibt mir wohl keine Zeit. Ändern wir unseren Plan ab. Ich werde mich mit Iribaars Spiegel der Limbusverschlingerin stellen und den Studiosus retten.“ Die Kutte nickte wieder und sprach dann zischend: „Du wirst wohl deine Tarnung vor Ort aufgeben müssen. Die Schutzritter werden es nicht verstehen.“ Vidkar musste grinsen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Ha, meinst du sie würden mir glauben, wenn ich Ihnen sagen würde, dass unsere Quelle ihre Göttin Hesinde ist, welche uns diese Informationen zukommen ließ und uns dazu brachte ihnen zu helfen? So engstirnig wie sie sind, würden sie es nicht verstehen.“ Wieder erklang der Ruf, doch dieses Mal fordernder. „Ich werde mir etwas überlegen, wie ich vor Ihnen in schon zwei Tagen an Burg Friedstein sein kann, ohne dass es auffällt. Wir sehen uns, wenn das alles hier vorbei ist.“ „Der Prächtige wird dich mit Wissen segnen“, zischte die androgyne Gestalt unter der Kutte und löste sich dann in einen verwehenden schwarzen Nebel auf. Vidkun, der in Gestalt des Knappen war, blieb alleine zurück. Er änderte seine Haltung, ging nun etwas gebückter mit zusammengekrümmten Schultern. Viel weniger stolz und selbstsicher, sondern so wie es sich für einen jungen Pferdeknecht gehörte: unterwürfig. „Hey ja, ich komme, Lady Brangane!“, rief er laut, im unsicheren Tonfall, durch die Bretter des Schobers. Vidkun hatte bereits einen Plan.

Teil VIII – Interludium (1)

Brangane

Es war an einem schönen Feuertag im Peraine, als die Bewohner vom Eilingshof das ruhige Donnern von zahlreichen herantrabenden Pferdehufen vernahmen. Zwei Lanzen Berittener, in den Dörflern unbekannten Farben, näherten sich. Auf dem trockenen Karrenweg lösten sich von den zahlreichen Hufen der Pferde große Staubwolken, die über die frisch gewachsenen Hirsefelder wehten. Auf dem Hofplatz, der gleichzeitig Treffpunkt und Warenumschlagplatz war, eilte eine ältere Magd geschwind in eines der flachen mit Reet bedeckten Fachwerkhäuser. Zwei Winhaller bellten aufgeregt und flitzten auf dem Hof hin und her. Hastig wurde ein Karren mit leeren Fässern zur Seite geschoben. Die herannahenden Reiter, die aufgereiht wie auf einer Perlenschnur hintereinander ritten, denn der schmale Weg bot nicht mehr Platz, erreichten donnernd den Hof. Sofort scherten die Pferde zu beiden Seiten aus und bildeten die Formation eines Halbkreises. Die Muskeln der Pferde zitterten noch, als der Staub des trockenen Wegs bis in den Hof hineingetragen wurde und Jahan Eiling, der Besitzer des Hofs, nach draußen zu den Berittenen kam. Der Dunst fing sich in seinem schwarzgrau meliertem dichten Bart. Er hielt sich ein geblümtes Tuch vor den Mund, was die ältere Magd hinter ihm nicht tat, weshalb sie im Gegensatz ihm husten musste.

„Beruhige die Hunde“, wies er die die Magd mit ruhiger Stimme an und ging dann auf das Zentrum der Reiterlanzen zu.  Noch während die Winhaller Wolfsjäger energisch bellten, trat Jahan Eiling zu dem schwarzen Greifenfurter Kaltblut mit dem dünnen Aalstrich auf der langen Stirn. Selten hatte Jahan Eiling ein so prächtiges Pferd gesehen, zumal sie nur in der Baronie Hexenhain nahe Greifenfurt – also weit weg von hier – gezüchtet wurden. Mit ruhiger Hand tätschelte er den Kopf des Pferdes, berührte achtsam den weißen Aalstrich und sah dann zum Reiter auf. „Es ist ein langer Ritt von Greifenfurt nach Hammerschlag. Eure Pferde sehen müde aus, gerne könnt ihr hier Rast machen. Doch erlaubt mir die Frage zu stellen, was euch hierher führt?“ Jahan Eilings Stimme war ruhig und sein Tonfall ehrlich interessiert. Seine buschigen Augenbrauen tanzten angestrengt über seinen Augen auf und ab, da sich der aufgewirbelte Staub sich noch immer nicht gelegt hatte und er mühsam zum Reiter aufschauen musste. Wortlos griff der Reiter in seine Satteltasche und fingerte eine Depeschenhülse hervor, um sie dem alten Mann zu reichen. „Ein Schreiben von seiner Exzellenz Nehazet“, beschrieb Jahan Eiling als er die Hülse öffnete. Er las den Inhalt des Schreibens und sagte: „Festung Friedstein befindet sich hinter dem Wäldchen – ihr könnt die Wehrtürme von hier aus schon sehen. Dort könnt ihr auch Sir Gneisor antreffen.“ Jahan Eiling deutete mit einer Hand in Richtung der untergehenden, rot glühenden Praiosscheibe.  „Dies hier ist nur ein einfacher Hof, Lady Brangane.“ Den Namen der Reiterin entnahm er dem Schreiben, welches von seiner Exzellenz Nehazet ibn Tulachim persönlich geschrieben und gesiegelt war. Die Reiterin öffnete das Schutzvisier ihres Helms und vom Vorschein kam das markante Gesicht der jung gebliebenen Kriegerin aus Greifenfurt. „Ich danke dir …“ sie machte eine fragende Pause. „Nennt mich Eiling, Jahan Eiling.“ Der alte Mann lächelte mit einem Mundwinkel. „… Eiling. Das Angebot die Pferde tränken zu lassen, nehme ich dankend an. Wir machen nur kurz Rast und werden dann weiter.“ Zu den zwei Lanzen gewandt sagte sie dann im lauten Befehlston: „Absatteln! Tränkt die Pferde – ihr habt zehn Momente – dann reiten wir weiter.“

Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn stieg ebenfalls von ihrem Pferd ab und übergab Jahan Eiling die Zügel ihres Pferdes. „Gib gut auf sie acht“, intonierte sie. Ihre leichte Reiterrüstung hatte viel Staub und Dreck vom Reiten gefangen und bevor sie Friedstein erreichte, wollte sie wieder ordentlicher aussehen. Mit einem Wink ließ sie einen Waffenknecht herankommen, der ihre Rüstung abputzen sollte. „So sauber wie letztes Mal“, ordnete sie mit befehlsgewohnter Stimme an. Ihr Knecht stutzte, nickte dann und wollte gerade loseilen, um das Rüstungspflegeutensilien zu holen, da bemerkte Lady Brangane seinen Blick und hakte nach: „Was schaust du so, Junge?“ Der junge Knecht, der nur einen simplen Wappenrock in ihren Farben trug, zögerte mit der Antwort. Augenscheinlich war er verunsichert. „Raus mit der Sprache!“, tönte Brangane im scharfen Ton hinterher. „Es … es … es steht mir nicht zu euch zu korrigieren, euer Wohlgeboren, aber ich habe eure Rüstung noch nie gereinigt“, widersprach der Knecht im ehrfürchtigen Ton. Lady Brangane kramte kurz in ihren Gedanken. Sie war sich sicher, dass ihre Rüstung schon einmal, kurz vor Ferdok, von ihrem Knecht gereinigt wurde. „Du hast nahe Ferdok meine Rüstung gereinigt. Daran erinnere ich mich genau. Ich musste die Rüstung nicht einmal ausziehen dafür.“ Der Knecht blickte verwirrt hin und her.  Hatte er es etwa wirklich vergessen? Doch etwas selbstsicherer antwortete er dann: „Nein, Herrin – das war ich nicht.“

Teil VII – Märtyrer (3)

Auf den Wällen – Brangane

Mit flinken Füßen eilte die Kriegerin die steinernen Stufen des Wehrturms hinab. Von oben, durch die Dachluke, tönten noch kurz Schmerzens- und Hilfeschreie, doch die Ritterin eilte unbeirrt weiter.  Sie erreicht eine Zwischenebene, welche als Aufenthaltsstube genutzt wurde. Ein paar Regale, Kisten, Kleidertruhen und Schlafstätten standen hier geordnet auf der Zwischenebene. Der Treppenabgang, der weiter nach unten in den Burghof führte, befand sind auf der anderen Seite des Turmrunds. Also rannte Brangane weiter, vorbei an Kisten und Truhen. Plötzlich brach eine der Türen auf, Holz splitterte ins Innere und flog nur knapp an der Ritterin vorbei. Eine der niederen Abscheulichkeiten quetschte sich flink durch den gedrungenen Eingang herein und begann sofort mit seinem außerderisch schrillen Geschrei. Brangane hatte keine Wahl, die Bestie befand sich zwischen ihr und dem Treppenabgang, also machte sie sich bereit und stellte sich sofort kampfbereit auf. Die Bestie verlor keine Zeit und stürmte instinktiv – wenn man davon ausgeht, dass diese Wesen so etwas wie einen Instinkt besaßen – auf Brangane zu. Diese machte im rechten Zeitpunkt einen Schritt nach vorne und presste mit ihrem Schild gegen die tödlichen Fangarme, wobei es unnatürlich laut schepperte. Dann hieb sie mit ihrem Rabenschnabel zu. Der erste Schlag verfehlte sein Ziel nur knapp und kratzte sinnlos über den Chitinpanzer. Die Bestie schrillte auf, doch Brangane schien es nichts auszumachen. Einer der Fangarme versuchte sich am Schild vorbei zu buxieren, doch Branganes Kampfposition war zu geschickt, um sie zu erreichen. Wieder schlug sie zu, dieses Mal zwischen zwei der wehrhaften Panzerplatten. Es knackte laut, als der lange Dorn des Rabenschnabels ins Innere des Wesens eindrang. Die Abscheulichkeit stieß hölzernes Geklapper aus, ehe es von Branganes Rabenschnabel zur Seite gezerrt und gegen einen Schrank geschleudert wurde. Die Bestie prallte so heftig gegen den Schrank, dass dieser unter seiner Last zusammenbrach und einstürzte. Dutzende Gegenstände, Tonkrüge und kleinere Kisten purzelten heraus, zerbrachen und verursachten ein heilloses Durcheinander, ehe sie den nunmehr leblosen Körper des Wesens bedeckten. Branganes Weg war nun frei, sie hielt sich nicht länger auf und setzte ihren Weg fort.

Eine Ebene tiefer hörte sie wieder das schrille Geschrei und Geklapper einer der skorpionähnlichen Abscheulichkeiten. „Bitte, helft mir!“, schrie eine weibliche Stimme. Der Ruf galt Brangane und kam von einer älteren Stallhelferin die zitternd einen Schürhaken, den sie sich wohl schnell zur Verteidigung gegriffen hatte, vor sich hielt. Die Abscheulichkeit direkt vor ihr schien die ältere Frau zu verhöhnen oder auf den rechten Moment zu warten, denn bis auf den Schürhaken gab es eigentlich keinen Grund zu warten. Branganes Blick ging zur Tür zum Hof, der Weg war frei, denn die Stallhelferin und die Abscheulichkeit waren auf der anderen Seite des Turmrunds. „Herrin, bitte! Hilfe!“ Die Stimme der Frau vibrierte vor Furcht und Verzweiflung im Angesicht ihres drohendes Endes. Brangane verlor keine Zeit und rannte – ohne die Frau eines Blickes zu würdigen – schnurstracks auf die Tür zur. Das Zerreißen von Fleisch und Gelenken, gepaart mit Todesschreien, die in ein blutiges Gegurgel endeten, drangen noch zu den Ohren der Ritterin herüber, ehe sie den Ausgang des Wehrturms erreichte.

Der Geruch von Blut und Schweiß wehte kühl über den Wehrhof, als Brangane ihn erreichte. Hier und dort kämpften auf den Wällen und im Innenhof Infanteristen und Bogenschützen gegen die Abscheulichkeiten. Rötliche Blitze zuckten über das Zentrum des Hofes in etwa zehn Schritt Höhe, als die Gestalt von Sara’kiin dort aus einer Art Riss erschien. Als sie komplett hindurchgeschwebt war, schloss sich der Riss mit einem dumpfen Ton. Sara’kiin, der gefallene Anker Saria Fuxfells, schwebte dort in der Höhe. Schwarzweiße Gewänder hüllten sie ein. An den Füßen, Händen und auf dem Kopf trug sie jedoch dunkelschwarzes zackiges Metall, so dass man weder Gesicht noch andere Stellen ihres Körpers sehen konnte. In der linken Hand hielt sie einen gewundenen weißen Stab mit blauen Einschlüssen. Niemand, außer wohl Sara’kiin selbst, wusste, warum sie dort in der Mitte der Festung schwebte. Wie eine Feldherrin, die über das Schlachtfeld blickte, schien auch sie dort, in sicherem Abstand zu allen, der sicheren Eroberung der Festung Friedstein zuzusehen.

Brangane machte eine paar Schritte ins Zentrum des Hofs, sie musste dabei an zwei Leichen von Abscheulichkeiten vorbei laufen. Ihr Blick ging nach oben, Sara’kiin hatte sie wohl noch nicht entdeckt. „Suchst du mich?! Ich bin hier unten!“, brüllte Brangane so laut sie konnte über den mit Kampflärm gefüllten Hof. Sara’kiins eisenbewehrter Kopf blickte herab und als sie Lady Brangane erblickte, drehte sich ihr Körper in der Luft ihr zu. Das heißt, ihr Schwebezustand verlagerte sich von einer stehenden in eine fast liegende Position. Dann streckte sie ihren weißen Stab aus und eine blau wabernde Kugel der Macht schoss direkt auf Brangane zu. Rasch hob die Ritterin ihr Schild über sich und ging leicht in die Hocke. Als die blaue Kugel auf das Schild prasselte, donnerte eine mächtige Explosion über den Hof. Blaues Licht, feine Blitze und wabernde Energie ergossen sich rund um das Schild, doch Brangane blieb wie durch ein Wunder unbeschadet stehen. Noch ehe sie das Schild senken konnte, flog ein weiterer blauer Energieball heran. Erneut donnerte er auf das Schild der Ritterin und drückte sie tiefer in den Boden des Hofs hinein. Auch dieses Mal waberte blaues Licht kugelartig um sie herum und kleine Blitze zuckten zu den Seiten. Brangane zog ihre Füße aus den Furchen, die der Druck auf ihren Körper verursacht hatte. Sie senkte das Schild, streckte sich und blickte zu Sara’kiin stoisch empor. Mit Hohn in der Stimme rief sie: „Mehr hast du nicht drauf? Ich bin enttäuscht!“

Da ihr Blick auf Sara’kiin gerichtet war, sah Brangane die niedere Abscheulichkeit, die sich ihr rasch näherte, nicht kommen. Mit einem Satz flog sie auf die Ritterin zu und riss sie mit der Wucht eines heraneilenden Stiers um. Das stachelbesetzte Maul biss sich tief in Branganes linke Seite, noch im Flug packten die beiden Fangarme der Bestie die Unterarme der Ritterin und verbissen sich darin. Die Abscheulichkeit kam auf Branganes Körper mehrere Schritt von der Position zuvor entfernt zum Liegen. Während das stachelige Gebiss sich tief in den Torso der Ritterin fraß und sie damit fixierte, zogen die mehrgelenkigen Fangarme ruckartig an ihren Unterarmen. Kein Laut drang aus Branganes Mund, während die Bestie auf ihr begann sie auseinander zu reißen. Doch so sehr die Abscheulichkeit auch zog, die Arme blieben am Körper der Ritterin dran, auch der Rabenschnabel und das Schild blieben stoisch in ihren Händen. Plötzlich krochen schwarze Tentakel, erst kleine und dann größere, um den Körper der Abscheulichkeit und begannen sich über ihr zu treffen, binnen eines einzelnen Lidschlags erwuchs auf dem Chitinpanzer der Bestie eine schwarze Masse, diese wuchs immer weiter und bildete rasch Extremitäten aus. Der Körper Branganes verschwand unter der Bestie, auch ihr Schild und der Hammer waren fort und ein durchweg schwarzer Körper, der einer Frau mit Rabenschnabel und Schild glich, hiebte mit einer gewaltigen Kraft auf den Schädel der Abscheulichkeit ein. Der Panzer zerbrach und die Abscheulichkeit streckte leblos alle Extremitäten von sich. Die schwarze Masse erhob sich und nahm plötzlich Farben an – es war der Körper von Brangane, der dort wieder – ohne jedwede Art der Verletzung – stand. „Ist das alles was du kannst? Komm her und stell dich mir!“, brüllte Brangane, die mit finsteren Blick wieder nach oben schaute, als wäre nichts von Belang passiert.

Sara’kiin schwebte herab und landete einige Schritt entfernt von Brangane auf dem Boden. Ihre Bewegungen waren, trotz ihrer bösartigen Gestalt, fließend und grazil. Anscheinend hatte die ehemalige Magierin des Konzils der Elemente einige ihrer Eigenschaften beibehalten.

„Iribaar und ich haben lange auf diesen Moment gewartet – erfüllen wir unser Schicksal und bringen es zu Ende“, sprach Brangane mit bedeutungsvoller Stimme, ehe sie sich bereit machte gegen den gefallenen Anker der Hesinde zu streiten. Der Kampf, den die beiden ausfechteten, konnte von nur wenigen – und dann auch nur zu Teilen – beobachten werden, da die meisten eher damit beschäftigt waren sich selbst gegen niedere Abscheulichkeiten zu wehren. Sara’kiin, die ihre außerderische Magie einsetzte, wechselte häufig die Position, sie verschwand quasi im Nichts, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie warf zahlreiche blaue Energiebälle, die allesamt an Branganes Schild abprallten. Immer wieder zwang Brangane sie in den Zweikampf, doch diese pendelte ihre Schläge immer wieder mit elfengleicher Grazilität aus. Im Laufe des Gefechts kamen zwei Abscheulichkeiten Sara’kiin zur Hilfe, doch Brangane gelang es, beide mit gezielten Hieben auszuschalten. Irgendwann schaffte die Jenseitige ein Täuschungsmanöver, welches Brangane nicht kommen sah. Sie erschien nach einem Verschwinden nicht wie üblich irgendwo hinter ihr, sondern direkt über ihr. Der weiße, blau durchsetzte Stab traf Brangane am Kopf und brachte sie ins Straucheln. Den winzigen Moment der vorteilhaften Position nutzte Sara’kiin, um einen Bindungszauber auf sie zu werfen und sie damit zu umschließen, ehe sie sich fangen konnte. Dann hob sie Brangane an und schwebte mit ihr in die Höhe, denn Sara’kiin hatte etwas mit ihrer Gefangenen vor.

Teil VII – Märtyrer (2)

Im Innern

Sir Gneisor besah sich den Körper des jungen Studiosus genau. Sein Erscheinungsbild hatte sich drastisch verändert. Seine rosafarbene Haut, die ihn stets jugendlich hat wirken lassen, war einem blassen Teint gewichen, der von dunklen Adern durchzogen war, welche sich sowohl in den Unterarmen als auch am Hals vom Rest der Haut absetzten, wie Steineichenbalken in einem gekalktem andergastischen Fachwerkhaus. Die hellblauen und neugierigen Augen des Abkömmlings des Hauses Tarnel waren ebenfalls dunkel geworden, wie Obsidian, umgeben von einem elfenbeinfarbenden Bett, starrten sie stoisch am Ritter vorbei. Die Gesichtszüge des Jungen schienen im Moment der Gleichgültigkeit erstarrt. Keine Neugier, keine Furcht, kein Schalk und kein jugendhaftes Feuer war mehr im blassen Gesicht zu sehen. Auf dem linken Unterarm des Jungen lag ein aufgeklappter dicker Foliant. Sir Gneisor konnte aufgrund der Lage des Foliants nicht erkennen, um welches Buch es sich handelte.

„Halrik?!“ testete Sir Gneisor mit Vorsicht, aber dennoch fester Stimme an. In der Erwartung eine unwillkommene Reaktion herauf zu beschwören, umklammerte er das Heft seines Anderthalbhänders noch fester. Augenblicklich drehten sich die obsidianfarbenden großen Augen des Jungen zum Ritter. „Sir Gneisor.“ Es lag kein Ausdruck in der unverändert klingenden Stimme. Der Ritter wusste nicht, sollte es seine Frage, eine Feststellung oder gar ein Hilferuf sein. Hinter Gneisor positionierte sich Ingmar, der Knappe des Ritters. Auch er machte sich für einen Kampf bereit. „Halrik, bist du es?“ versuchte es Gneisor erneut, legte jedoch dieses Mal mehr Sanftmut in seine Stimme, so als würde er zu seinem Sohn sprechen. „Ja. Ich bin es“, entgegnete dieser knapp, ohne auch nur einen Hauch von Mimik zu zeigen. „Wir werden noch immer angegriffen und müssen hier raus. Hast du einen Weg gefunden?“ Der Ritter entschied sich, die unwichtigen Teile zu überspringen und gleich zur Sache zu kommen. Womöglich gelang es ihm auf diese Weise zu Halrik durchzudringen. Die Lider des Jungen klapperten mehrmals, als würde er aus einem Tagtraum erwachen. Erschrockene, fast schon ängstliche Mimik flog über sein Gesicht. „Ja, ja … es gibt einen Weg. Friedstein wurde in den Vortex gerissen. So beginnt alles.“ „Wie können wir es rückgängig machen?“ Gneisor lockerte sich etwas, anscheinend war noch genug von Halriks Geist in dem von Dunkelheit durchsetzten Körper. Er fragte sich kurz, ob Halrik wusste, wie er aussah und was mit ihm geschehen war. Doch dann erinnerte er sich an seine eigene Kriegerausbildung. Meist wurden Verletzungen im Rausch des Kampfes einem erst dann bewusst, wenn man darauf hingewiesen wurde. Das Gleiche könnte auch mit Halrik geschehen. Und dieses Risiko konnte und wollte er jetzt nicht eingehen. „Hier im Vortex, sind die Götter abwesend – sie alle. Sie haben keine Macht über diesen Ort, denn sie sind es, die unsere Welt beschneiden und uns die Macht nehmen. Hier … ist die Magie noch frei, denn ALLES ist Magie. Materie, Zeit, Leben … einfach alles … und man kann sie lenken. JEDER kann sie lenken.“ Begeisterung flammte in Halriks dunklen obsidianfarbenden Augen auf, wie ein Kind, dass voller Stolz von seinem ersten Ritt auf einem Steckenpferd berichtet.  „Doch wie hilft uns das, Halrik?“  unterbricht Sir Gneisor die Euphorie des Jungen. Die Gesichtszüge des blassen Halriks erhärten wieder. „Mit … Wortzauberei … wenn man die Worte richtig ausspricht, SIND sie Magie. Ich vermag Burg Friedstein wieder aus dem Vortex nach Dere zurückholen.“ Gneisor glaubte Enttäuschung im letzten Satz des Studiosus zu hören. Der Marschall erkannte: Halriks Geist begann zu korrumpieren. Er musste jetzt an seinen gesunden Menschenverstand und seiner tief innewohnenden Güte appellieren. „Dann rette uns alle, alle die die dir wichtig und teuer sind, und hilf uns, Burg Friedstein und seine Bewohner zu retten!“ „Ja“, hauchte Halrik knapp, und dieses Mal war seine Enttäuschung stark zu spüren, sogar so stark, dass Ingmar es bemerkte. Gneisor hörte, wie sich sein Knappe noch immer nicht gelockert hatte und noch weiter bereit war anzugreifen. „Also gut, was musst … was müssen WIR tun, Halrik?“ Halrik sah nach oben, als könnte er durch die dicken Mauern der Festung hindurchblicken. Vielleicht konnte er es sogar? „Sara’kiin selbst ist der Anker der die Festung hier im Vortex hält – wir müssen sie ausschalten. Dann kann ich uns zurück nach Dere bringen.“ „Dann gehen wir es an, auch wenn uns die Götter hier nicht beistehen können, so können wir trotzdem für sie streiten.“ Die pathetischen Worte des Ritters ließen Halrik kurz zusammenzucken. Dann machten sich die drei auf, den Burgfried zu verlassen. Von draußen drang noch immer leichter Kampflärm, es war also noch nicht vorbei und noch hatte keine Seite gewonnen. Solange es also Menschen gab, die bereit waren ihr Leben geben und ein Schwert zu führen, gab es noch Hoffnung, dachte Gneisor.

Der Marschall, sein Knappe und der Studiosus eilten durch die dunklen Flure des Frieds. Die Tür zum Burghof war offen, im Eingang lag ein Infanterist, sein rechter Arm war ausgerissen und eine dicke Blutlache hatte sich über die Steine ergossen. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen, im Moment seines Todes hatte er wohl mit ansehen müssen, wie ihm sein Arm ausgerissen wurde. Die drei drückten sich am schmalen Eingang an der Leiche des Mannes vorbei nach draußen. Sie hielten alle sofort an, der Lärm des Kampfes war hier viel deutlicher zu hören, als im Innern. Instinktiv stellten sich der Ritter und sein Knappe Kampfbereit um den Studiosus auf. „Dort!“ rief Halrik und deutete in die Luft. In der Mitte des Burghofs schwebte in zehn Schritt Höhe eine abscheuliche Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Stoffe und einem metallenen Helm mit sich nach oben hin verjüngenden Spitzen. Ein blau waberndes Leuchten ging von ihrer Hand aus und hielt die nur wenige Meter von ihr entfernte Ritterin Brangane in einem festen magischen Griff. Die Luft zwischen ihnen vibrierte, so dass alles miteinander verschwamm. „Das ist Sara’kiin“, sagte Halrik fast schon ehrfürchtig, und im gleichen Moment traf sie ein Pfeil von der Seite. Das blaue Band erlosch ruckartig und der Körper von Brangane fiel wie ein nasser Sack zu Boden. „Nein!“ brüllte Gneisor, der sofort seine Kampfposition aufgab und auf sie zueilte noch ehe sie den Boden berührte. Ingmar blickte kurz zwischen Halrik und seinem davoneilenden Ritter hin und her, um dann treu hinter seinem Herrn her zu rennen und Halrik alleine stehen zu lassen. Ein tödliches Scheppern klapperte über den Burghof, als der Körper von Brangane samt ihrer Rüstung auf dem Boden aufkam.

Halrik beleckte mit seiner schwarze Zunge seinen Zeigefinger und blätterte in aller Ruhe eine Seite in dem Folianten um. Sein Blick huschte über die Zeilen und dann sprach er: „Snámhphointe.“

Teil VII – Märtyrer (1)

Auf den Wällen – Gustav

Der Kampflärm, die verzweifelten Schreie und das aus einer anderen Welt stammende Gekrächze der Jenseitigen war weniger geworden. Aus irgendeinem Grund, den Gustav nicht verstand, rückten keine Wesen mehr heran. Er und seine verbliebenen, überall auf der Festung verstreuten, Männer und Frauen hatten nur noch mit wenigen Gegner zu tun. Die grauen Steine der Festungsanlage waren inzwischen blutgetränkt. Teils lagen einzelne Körperteile herum, welche von den Abscheulichkeiten kurz zuvor abgerissen und wie kaputtes Tongeschirr weggeworfen wurden. Die kleine Festung Friedstein war Schauplatz eines Massakers geworden.

Gustav, ein junger Infanterist mit dem Namen Tarnelius und eine Bogenschützin mit dem klangvollen Namen Elfa standen im Innern eines Wehrturms zusammen. Tarnelius, den alle nur ‚Tarn‘ nannten und Elfa hatten Gustav aus der unmittelbaren Gefahrensituation gerettet. Sein Fuß, der noch immer stark blutete und nur noch ein matschiger Stumpf war, hinderte ihn daran aktiv in das Kampfgeschehen einzugreifen. So saß Gustav mit den Rücken an die Mauer gelehnt und mit seinem vor schwarzem Saft triefenden Schwert in der Hand zwischen den beiden. Um sie herum lagen die Leichen von fünf jenseitigen Bestien, welche die drei – oder vielmehr die zwei – gemeinsam erledigt hatten. Die Idee, sich in die Enge des Wehrturms zurückzuziehen, kam von Gustav, denn so vermochten sie es aufgrund der dicken Mauern und der beengten Verhältnisse sich taktisch gut aufzustellen, dass sie es immer nur mit einem der Wesen gleichzeitig aufnehmen mussten. „Ich habe nur noch zwei Pfeile im Köcher“, brach Elfa das Schweigen mit einem Blick in ihren Köcher, der an ihrer Hüfte befestigt war. Der Wohklang in ihrer melodischen Stimme wirkte unreal in Anbetracht ihrer momentanen Gefahrensituation. „Ich habe vor der Tür dort einen vollen Köcher gesehen“, antwortete Tarn mit gegensätzlich rauer Stimme. Er vermied es darauf hinzuweisen, dass der volle Köcher zu einem zerfetzten Körper eines Freundes gehört, der dort vor wenigen Augenblicken zu Boron gegangen war. Gustav besah sich seinen blutigen Fuß, es war unmöglich damit zu laufen, doch hier zu bleiben war auch keine Option. Auch wenn sie sie hier vorerst sicher waren – doch draußen waren noch die anderen und es war ihre Aufgabe sie zu beschützen. „Dann gehen wir jetzt da raus. Elfa, reich mir den Besen dort.“ Die Bogenschützin griff nach dem Besen und gab ihn, ohne die Tür aus den Augen zu lassen, an Gustav weiter. Er winkelte das heile Bein an und brach ihn über das Knie – so dass er kürzer wurde. „Tarn, hilf mir hoch.“ Der Infanterist griff Gustav unter den Arm und hievte ihn hoch, Gustav klemmte sich die Borsten des Besens unter die linke Schulter und stützte sich auf den gekürzten Besenstiel auf. Über sein Gesicht fuhr dabei mehrmals ein sichtbarer Schmerz. Es kostete ihm nicht nur viel Mühe und schmerzte, sondern schränkte ihn auch sehr in seiner Bewegungsfähigkeit ein. „Wird es …“, begann Tarn zu fragen. „Es muss gehen“, brachte Gustav zwischen zusammengebissenen Zähnen schmerzverzerrt hervor. „Und jetzt los, erst zum Köcher – und dann nach den anderen sehen.“

Tarn führte den kleinen Trupp an, seinen Schild schützend voran. Gleich darauf folgt Elfa, die geschmeidig im Seitschritt hinter dem kräftigen Infanteristen hinterher glitt und dabei die ganze Zeit einen Pfeil auf der Sehne behielt. Gustav bildete die Nachhut. Sie kamen nach draußen, gleich wurde der Kampflärm wieder lauter. Sie stiegen dabei über die blutigen Überreste eines Bogenschützen. Elfa zog in einer flüssigen Bewegung mehrere Pfeile aus den Köcher und schob sie in den ihrigen. Da hörten alle drei ein zischendes Kreischen in ihrer direkten Nähe. Gustav blickte instinktiv hoch, auf den Zinnen des Wehrturms, direkt über Ihnen, lauerte eine sprungbereite Abscheulichkeit. „Verfluchte Scheiße!“, fluchte er lautstark, denn das letzte war er sah war, dass das Wesen auf ihn herabstürzte und es dunkel wurde. Gustav bekam einen heftigen Schlag gegen den Kopf und sank benommen zu Boden. Er hörte noch dumpf, wie Tarn Kommandos rief. Auch die angenehme Stimme von Elfa vernahm er, doch ihm selbst war schwindelig vor Schmerzen. Als er wenige Augenblicke später wieder zu sich kam, sah er, wie Tarn und Elfa auf der Festungsbrüstung gegen die Abscheulichkeit kämpften. Die Bogenschützin hockte zwischen zwei Zinnen auf der Mauer und ließ gerade einen Pfeil von der Sehne, während Tarn mit Schwert und Schild sich gegen das Biest erwehrte. Ein Pfeil steckte schon im Rumpf – lange konnte Gustav nicht weggetreten gewesen sein. Er war fest entschlossen zu helfen, mit der Hand tastete er nach dem Besenstiel. Phex sei Dank fand er ihn auch. Mit aller verbliebenden Kraft hievte er sich an der Außenmauer und mit Hilfe des Steckens empor. Wieder durchfuhr ihn ein zuckender Schmerz als er instinktiv versuchte seinen zerstörten Fuß zu belasten. Elfas Finger fuhren von der Sehne, der Pfeil surrte durch die Luft und traf das Biest zwischen zwei Panzerplatten und verschwand fast gänzlich darin. Die Abscheulichkeit kreischte, Tarn trennte mit einem schwungvollen Hieb einen der Fangarme ab, schwarzer Saft drang aus der Wunde und tränkte seinen Wappenrock und das Vieh kam zum Erliegen, ehe Gustav herankam.

„Gut gemacht. Wir müssen …“, begann Gustav, doch dann sah er, wie sowohl Tarn als auch Elfa erschrocken ins Zentrum der Festungsanlage blickten. Dort, in der Mitte von Burg Friedstein, schwebte in zehn Schritt Höhe, einer schlanke Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Kleider. Der Stoff, so es denn Stoff war, wallte ebenfalls schwebend in der Luft an ihr herab. Der Kopf steckte in einem schwarzen, helmartigen Gebilde mit sich nach oben hin verjüngenden Zacken.  In der rechten Hand hielt das Wesen einen gewundenen Stab, während die linke Hand wie eine Klaue geformt war. Ein hellblau flimmerndes Zauberband ging von der Krallen aus und waberte zu einer anderen Person herüber, welche ebenfalls schwebte. Dort, in der Luft fixiert, war Brangane. Ihre Arme und Beine lagen an ihrem Körper und wirkten wie dort festgebunden, dennoch hielt sie ihren Anderhalbhänder noch immer fest. Das bläulich glühende Band bildete um Brangane herum so etwas wie eine feste Fessel, die sie umschlungen hatte. „Was bei allen Göttern …“, entfuhr es Tarn. „Elfa, denkst du, du kannst das Wesen dort von hier aus treffen?“  „Ja, mit Sicherheit“, entgegnete sie Gustav selbstsicher. „Dann nimm sie unter Beschuss. Tarn – sei ihr Schild und achte darauf, dass sich ihr keines dieser Mistviecher auflauert. Wir müssen Brangane helfen.“ Tarnelius positionierte sich neu, Elfa legte einen Pfeil auf die Sehne und begann zu zielen. Gustav war dazu verdammt Zaungast zu sein und zuzusehen. Er versuchte Branganes Situation besser einzuschätzen und kniff die Augen etwas zusammen. Zu seinem Erschrecken sah er, dass sich die Ritterin nicht nur im Zaubergriff des Wesens befand, sondern auch kleine schwarze Pusteln und Tentakel auf ihr befanden, die Zauberweberin begann wohl ihren Körper zu deformieren.

Der Pfeil surrte von Elfas Bogensehne und traf wie von Firun höchst selbst gelenkt im unteren Rücken von Sara’kiin ein. Fast schon unerwartet, erlosch das bläulich glühende Zauberband, woraufhin Brangane wie von einem Seil losgeschnitten zu Boden fiel. Daran hatte Gustav nicht gedacht, zehn Schritt sauste die gerüstete Ritterin in die Tiefe. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, als die drei sahen wie die an die 100 Stein wiegende Frau inklusive Rüstungsteilen tödlich fiel. Es schepperte Laut als sie auf dem Boden aufschlug. Kettenteile barsten, Nieten sprangen und Plattenpanzer verkeilten sich. Gustav stockte der Atem. Es musste schon an ein Wunder grenzen, dass Lady Brangane diesen Sturz überlebte. Doch es blieb keine Zeit daran zu denken, denn Sara’kiin wandte sich, als würde sie sich zu einer lästigen Fliege herumdrehen, den dreien zu. Elfa, die entweder feist oder toll war, hatte jedoch schon den nächsten Pfeil von der Sehne gelassen. Doch dieses Mal prallte er lautlos von einer unsichtbaren Zauberkugel ab, die Sara’kiin umbarg.  „Wir haben seine volle Aufmerksamkeit“, tönte Elfa mit glockenheller Stimme, der jetzt auch noch der Schalk im Nacken stand. Sara’kiin streckte den dreien ihren Stab zu, ein blaues Pulsieren ging von dem Stab aus und dann gebar dieser eine dunkelblaue Kugel der Macht, welche auf die drei zuflog. Das Folgende geschah alles binnen eines einzigen Lidschlags. Gustav drückte sich gegen die Mauer des Wehrturms, Tarn sprang in die andere Richtung zur Seite und Elfa machte einen Satz nach hinten und ließ sich hinter die Zinnen fallen. Die blaue Kugel der Macht traf die Burgzinnen und löste eine verheerende Sprengung aus. Mehrere Steine zerplatzten und schossen als kleine Geschosse in alle Richtungen. Gustav wurde von mehreren kleinen Stücken getroffen, eine Flut aus kleinen Steinen spickte und traktierte ihn an allen Stellen seines Körpers. Der Schmerz, den die unzähligen Treffer verursachten, als sie seine Rüstung und sein Fleisch durchschnitten, war unbeschreiblich hell und präsent. Warmes Blut sickerte über seine Augen, er blinzelte. Er sah noch, wie ein großes Stück der Festungsmauer herausgesprengt war. Elfa, die sich hinter die Zinnen hat fallen lassen, musste herabgestürzt und unten ihr Ende gefunden haben – Tarnelius lag auf dem Rücken und regte sich nicht. Der allumfassende Schmerz raubte ihm die verbliebene Kraft. Er sackte auf die Knie und fiel ungebremst vornüber auf die Splitter der Festungsmauer. Den dabei verursachten Schmerz spürte er schon gar nicht mehr, denn er hatte die Augen geschlossen und sich der nahenden Umarmung Borons hingegeben. Sein letzter Gedanke galt Thalionmel, das löwengesichtige Zedernholzamulett um seinen Hals lag direkt unter seiner blutigen Wange. Es war das letzte, was Gustav Biberbart spürte.

Teil VI – Blut und Tot (3)

Bibliothek

Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umblätterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Geräusch vernahm, welches jeder, der Bücher liebte, bis ins Mark erschüttern ließ. Durch unachtsames oder zu zügiges Umblättern entstand immer wieder das reißende Geräusch. Doch in Anbetracht ihrer Situation war es notwendig. Es ist nur eine Abschrift, es ist nur eine Abschrift – dachte sich Halrik jedes Mal wie ein Mantra, das man sich aufsagte, um sich selbst zu beruhigen und zwar jedes Mal, wenn er das Geräusch von reißendem Papier vernahm. Der Foliant trug den Namen „Jenseits der Sphären“ und hatte keinen bekannten Autor. Es war kein aus einer Feder stammendes Buch oder eine Sammlung verschiedener Abhandlungen – es war vielmehr eine unsortierte und wie zufällig zusammengeschobene Ansammlung von Tagebucheinträgen, Beobachtungen und kurzen Essays. Es gab weder ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis, noch ein Glossar oder Stichwortverzeichnis – es waren nur sehr viele Seiten kruder Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun hatten. Auch auf dem zweiten Blick ergab nicht jeder Teil einen Sinn. Ein Grundverständnis vom Vortex musste schon vorhanden sein, um auch nur einen Ansatz verstehen zu können, worum es in dem Folianten ging. Es war auch nicht konkret vom Vortex die Rede – ganz im Gegenteil, das Wort Vortex tauchte kein einziges Mal in dem Buch auf. Häufiger war von einem „Strudel“, „dem Weltenbaum“ oder den „Verstoßenen“ die Rede. Dass Sara’kiin die Limbusverschlingerin sich hier in Aventurien befand, war auch eher eine Theorie, die Halrik hatte – einen genauen Beweis dafür hatte er nicht. In drei nicht zusammenhängenden Erzählungen des Buches waren Beschwörungsrunen und Symboliken zur Herbeirufung von sogenannten ‚Strudelbewohnern‘ beschrieben worden. In einem gab es sogar konkrete Bilder. Er hatte die Beschreibungen und die Bilder mit den Symbolen verglichen, die Ser Gneisor zusammen mit Geron von Varnyth bei der Eroberung der Festung gemacht hatten. Es gab eine Menge Übereinstimmungen und Hinweise darauf, dass das Ritual vollzogen wurde. Daraus schloss er, dass sich Saria Fuxfell, die nun unter dem Jenseitigen Namen Sara’kiin bekannt war, herbeigeholt wurde.

Die Seiten flogen genauso wie Halriks Finger über einzelne Textpassagen. Er suchte nach Stichwörtern, welche vielversprechend klangen: „Zur Entschwörung der Jenseitigen ist mir nichts bekannt.“ Der Finger flog weiter: „ … der Schleier zwischen den Welten ist löchrig, niemand vermochte …“ Seiten wurden hastig geblättert, Papier riss: „ … wir zeichneten ein neuneckiges Zauberzeichen und in jede Ecke …“ Der Finger rutschte bis ans Ende des Absatzes: „ … in die neunte Ecke das Symbol der Kraft. Was uns fehlte, war …“ Erneut suchten Halriks Finger die Ecke um die Seite umzublättern. Ein brennender Schmerz fuhr in seinen Finger. Er besah ihn sich, Blut quoll aus dem Zeigefinger hervor, denn er hatte sich am Papier geschnitten. Normalerweise hätte er jetzt – die Seiten schützend – nach einem Verband gesucht, doch dafür hatte er keine Zeit. „Hesinde verzeih mir“, murmelte er und blätterte die Seiten um, dabei beschmierte er alles was er anfasste mit seinem Blut.

Plötzlich hörte er durch die Bibliothekstür Kampfgeräuschte. Er zuckte kurz auf und blicke herüber, sie waren so laut, dass er dachte, dass die Jenseitigen schon hinter ihm standen. Doch die Tür war unversehrt – noch. Es war Ser Gneisors Stimme, die er hinter der Tür vernehmen konnte. Sie opferten dort draußen ihr Leben, um mich zu schützen. Halriks Flut an Gedanken hörte nicht auf. Er musste jetzt etwas finden und zwar sofort. Rote Linien zogen sich wild über die Seiten, als Halrik weiter nach Anhaltspunkten suchte und dabei sein Blut quer über die Abschrift verschmierte. Der Schmerz zu wissen, dass er dabei das Buch verschandelte, wich dem Schmerz, der in ihm aufkam, als ihm immer mehr bewusst wurde, dass ihm die Zeit davonrannte und alle sterben würden. Halrik blätterte erneut um und überflog die Zeilen. „ … dort ist Magie allgegenwärtig …“ eine Blutrote Linie zog sich quer über die Seite. „ … denn alles dort IST Magie – Grenzenlos“ Halrik konnte nicht anders, er wusste nicht wie das helfen sollte, trotzdem las er weiter, als wäre da eine Stimme in ihm die ihm sagte: Das ist es! Er las die Seite zu Ende, Wort für Wort, jede Zeile verschlang er und nahm sie in sich auf. Auch die nächste Seite las er durch – er verdrängte dabei die immer lauter werdenden Kampfgeräusche. Er gab sich ganz dem Inhalt des Buches hin und verlor sich darin. Zeit und Geschehen um ihn herum wurden Bedeutungslos. Plötzlich ergab alles einen Sinn, sollte es wirklich so einfach sein? Er schlang beide Arme unter den Folianten, hob ihn an und bewegte sich zur Bibliothekstür. Von draußen vernahm er immer lauter werdendes metallisches Scheppern. Er öffnete die Bibliothekstür und schritt mit dem Folianten hinaus auf den Gang.

Zu Halriks Füßen lag Ser Gneisor, seine Rüstung war verbeult und zerkratzt. Blut quoll aus mehreren Stellen an seiner Rüstung hervor. Fünf Schritt entfernt erblickte er die schwarze Abscheulichkeit, die beiden Kämpfer hatten ihr schwer zugesetzt. Zwei Arme fehlten und der schädelähnliche Teil war zersplittert, aber dennoch hatte es kein bisschen von seiner furchteinflößenden Aura und tödlichen Kampfkraft verloren. Das vertikale Maul des Wesens flatterte schwarze Klumpen verspritzend auf, als es einen gellenden Schrei ausstieß. Halrik atmete. Zwischen zusammengedrückten Lippen, zog er kühle, nach Eisen schmeckende Luft ein. Er füllte seine Lungen, bis sie ganz voll waren. Sein Blick fixierte das Vortexwesen. Es kam näher und holte mit seinem Oger ähnlichen Arm zum Schlag aus. Halrik legte den Foliant auf den linken Arm, während er die rechte, blutverschmierte, Hand hob. Die Handfläche dem Wesen entgegen streckend, wartete er noch einen Moment. Das Vortexwesen war nun nah genug, um ihn zu erreichen. Der Ogerarm holte aus und sauste ihm mit aller Kraft entgegen. Halrik sprach mit ruhiger Stimme: „Ta‘rian!“ Der Arm des Abscheulichkeit schlug mit voller Wucht ein, es schepperte und knisterte, doch Halrik blieb unversehrt. Der Arm des Wesens schlug mit der Kraft von drei Ochsen gegen Halriks Hand und prallte dort ab, als hätte es gegen eine Wand geschlagen. Die Abscheulichkeit taumelte einen Schritt von der Gegenwucht zurück, es war jedoch entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Erneut holte es aus. Halrik änderte die Haltung seiner Hand und formte einen Trichter. Er sprach: „Croen tân!“ Noch ehe die Abscheulichkeit erneut zuschlagen konnte, leckten plötzlich dunkelrote Flammen aus der schwarzen Außenhaut des Wesens heraus. Es sah aus wie Feuer und doch war es keins. Die gesamte Oberfläche des Vortexwesens war von einem Moment auf den anderen davon überzogen – er unterbrach seinen Angriff und schrie schrill auf.  Es taumelte hilflos zurück. Halrik machte einen entschlossenen Schritt auf das Wesen zu. Die Form seiner Hand änderte sich erneut. Er sprach: „Dyrnu!“ Ein dumpfes und lautes Pochen durchdrang den Flur, als die Abscheulichkeit, wie von einem rollenden Baumstamm getroffen, nach hinten geschleudert wurde und prasselnd zu Boden ging. Die dunkelroten Flammen hinterließen auf ihrem Flugweg kleine glühende Kügelchen in der Luft die binnen eines Lidschlags verglommen. Halrik ging weiter voran. Erneut sprach er: „Dyrnu!“ – doch dieses Mal etwas lauter. Das Vortexwesen hatte keine Zeit sich zu erholen, erneut wurde es wie eine Puppe, die an einem Faden gezogen wurde, durch die Luft geschleudert und bis hindurch zum Fenster gestoßen. Das Mauerwerk dort zerbrach von der Wucht, die das Wesen mit sich brachte. Fels- und Mauersteine zerstoben in alle Richtungen – doch anstatt gemäß ihrer eigentlichen physikalischen Eigenschaften herunter zu fallen, blieben sie alle in der Luft hängen und verharrten an Ort und Stelle und die brennende Abscheulichkeit mit ihnen.

Halrik ging langsam weiter und stand nun neben Ingmar. Das Gesicht des Knappen war aufgeschnitten und nicht mehr zu erkennen. Reglos lehnte er direkt neben ihm an der Mauer. Der Studiosus wandte sich ihm zu, kniete sich hin und besah sich das Gesicht des Jungen. Dann strich er mit seiner Hand über die blutverschmierten Haare des Knappen und sprach dabei „Ia‘chau“. Binnen einen Lidschlags schlossen sich die tiefen Verletzungen in seinem Gesicht, das Blut verschwand, als würde es wie von einem Schwamm aufgezogen werden und die gesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Halrik erhob sich und drehte sich wieder zu der Abscheulichkeit, die noch immer außerhalb der Festung, von schwebenden Felsenteilen umgebend, schwebend verharrte und brannte.

Ingmar erwachte, er zog erstmal viel Luft in seine Lungen und öffnete die Augen. Er musste sich erst orientieren und sah sich um. Er musste einen Moment weggetreten sein, dachte er sich und suchte nach Orientierung. Da sah er seinen Herrn nur einige Schritt weiter am Boden liegen. „Ser!“ rief er besorgt und rappelte sich hastig auf. Als er ihn erreichte, erwachte auch Ser Gneisor gerade aus seiner Besinnungslosigkeit. „Ser! Was ist geschehen? Wo ist das Vortexwesen?“ sprach Ingmar hektisch und zog an Gneisors Arm um ihn aufzuhelfen. „Was bei Golgari … Ingmar?!“ Gneisor starrte seinen Knappen an, als hätte er gerade eben einen Toten gesehen und zog unwillkürlich seinen Arm zurück. Gneisor musste daran denken, dass wenn man stirbt, einem nahestehende und ebenfalls tote Personen, einem beim Übergang helfen wollen. „Nein Boron, noch nicht!“ rief Gneisor trotzig und versuchte sich selbst aufzurappeln, doch sein rechter Arm, der abstrakt vom Unterarmgelenk abstand, hinderte ihn daran. Ein pochend heißer Schmerz fuhr bis hoch in seine Schulter und sagte ihm ganz deutlich: Du bist noch nicht tot. „Ingmar … du … dir geht es gut, bei den Zwölfen!“ Gneisors überraschter Blick irritierte Ingmar. „Ihr müsst aufstehen, Ser … ich helfe euch.“ Ingmar überging die Aussage und zog erneut am heilen Arm des Marschalls. Dieses Mal ließ er sich helfen und beide Männer erhoben sich. Gneisor versuchte seine Gedanken zu ordnen, er war sich sicher, dass er Ingmar hatte sterben sehen – oder hatte er sich etwa geirrt? Sein Blick suchte sein Schwert. Er unterdrückte seinen Schmerz im rechten Arm und machte ein paar Schritt den Gang entlang, wo er seinen Anderthalbhänder liegen sah. Er bückte sich danach und griff mit der linken Hand nach dem Heft des Schwerts.

Da stand er plötzlich vor Ihnen, als wäre er aus dem nichts aufgetaucht. Studiosus Halrik, in der linken einen dicken Foliant haltend und die rechte darauf gelegt. „Halrik! Du lebst … wo ist … “  platze es aus Ser Gneisor heraus, der erst mitten im Satz realisierte, dass sich der schmale Studiosus verändert hatte. Beide Männer hielten Inne und Ser Gneisor packte den Heft des Schwerts fester.

Teil VI – Blut und Tot (2)

Im Innern

Scheppernd schlug die Klinge des Anderthalbhänders auf die Panzerplatte der Abscheulichkeit ein. Ser Gneisor hatte eigentlich versucht den schon lädierten Schädel zu treffen, doch der Kreatur gelang es die Schulter rechtzeitig hoch zu ziehen und als Block zu benutzen.  „Zurück!“, bellte Gneisor, der Ingmar davon abhalten wollte, den geplanten Zangenangriff auszuführen. Die beiden Streiter kämpften nun schon gewiss zehn Momente mit dem Vortexwesen, dabei hatte sie sich immer weiter vorwärts in Richtung Bibliothek bewegt – und jetzt waren sie nur noch zehn Schritt von der massiven Eichentür entfernt. Sowohl Ser Gneisor, als auch der Knappe, waren an der Grenze ihrer Ausdauer angelangt – beide prusteten und der Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Zusätzlich setzte Sir Gneisor die schwere Wunde im Oberschenkel, die er sich gleich zu Beginn zugezogen hatte, inzwischen sehr zu und behinderte ihn in seiner Bewegung. Der brennende und heiße Schmerz, wurde inzwischen zu einem betäubend kalten. Das heraussickernde Blut ergoss sich über den gesamten Flur und hinterließ eine lange Spur. Auch der Knappe war nicht unbeschadet geblieben, zu der dicken Beule in der Brustplatte, kam eine Schnittwunde am linken Unterarm sowie eine Platzwunde am Kopf. Der Kreatur gelang es ein weiteres Mal Ingmar mit der – wenn man es so nennen mag – ‚Rückhand‘ gegen die Wand zu schleudern. Sein Kopf prallte dabei gegen die Steinwand und zu der dabei entstehenden Platzwunde gesellte sich inzwischen ein betäubender Kopfschmerz.

Ser Gneisor stand wie ein Fels zwischen der Kreatur und der Bibliothek, während Ingmar sich derweil hinter sie begeben hatte um ihr gelegentlich ‚Nadelstiche‘ setzen zu können. Doch bisher blieb die erhoffte Wirkung ihrer Treffer aus. Sie zertrümmerten den Schädel, stachen ihre Klingen tief in den Körper und zerschlugen die großen Stachel auf seinem Panzer, doch es machte keinerlei Anzeichen der Ermüdung oder gar der Verletzung. Es kämpfte unermüdlich und unerbittlich weiter – was nicht gerade zur Moral der beiden Krieger beitrug.

„Wir müssen es von der Bibliothek fernhalten, koste es was es wolle!“ befahl Ser Gneisor mehr zu sich selbst, als zu seinem Knappen. Er brachte seinen Bihänder zwischen sich und dem wuchtigen, ogerähnlichen Arm. Das Metall kratzte über den Panzer und der Angriff der Abscheulichkeit flog unwirksam am Ritter vorbei. „Aber wie? Es ist unverletzbar!“ raunte Ingmar von hinter der Kreatur und stach noch einmal zu, doch wieder blieb eine Reaktion aus. An der letzten Abzweigung hatten beide Krieger versucht die Abscheulichkeit in eine andere Richtung zu lenken, doch vergebens. Es schien, als hätte es sich die Bibliothek zum Ziel gesetzt. Die zwei kleinen, fast schon verkümmert wirkenden Ärmchen griffen nach hinten. Ingmar wich ruckartig zurück und entkam damit ihren rasiermesserscharfen Krallen. Der obere Körper der Kreatur drehte sich nach hinten, die wuchtige Schulterplatte kam dabei nach vorne und Ser Gneisor bekam einen Blick auf die linke Flanke. Da kam ihm ein Geistesblitz. „Ich habe eine Idee – gib mir dein Schwert!“ „WAS?!“, bellte Ingmar entsetzt zurück, der glaubte die Aufforderung seines Ritters missverstanden zu haben. „Gib mir dein Schwert, Ingmar!“ wiederholte er, während er einen weiteren Schritt nach hinten machen musste um einen erneuten Hieb des starken Arms auszuweichen. Ingmar tat wie ihm geheißen, lugte hinter dem massiven Körper der Abscheulichkeit hervor und in einem günstigen Moment, warf er das  Kurzschwert mit dem Heft voran durch den Gang. Ser Gneisor gab sein Anderthalbhänder in die rechte Hand und fischte mit der linken das Kurzschwert behände aus der Luft. Sofort ließ ihn seine Kriegerausbildung eine an seine Bewaffnung angepasste Kampfhaltung einnehmen. Das Hauer besetzte Maul des Wesens flatterte auf, als es erneut ein unwirkliches Kreischen von sich gab. Dicke Brocken schwarzen Speichelns flogen dem Ritter dabei entgegen. Ser Gneisor nutze den Moment, um im Gedanken sein nun folgendes Kampfmanöver noch einmal durchzugehen. „Rondra steh mir bei …“, hauchte er und umklammerte die Hefte der beiden Schwerter noch etwas fester. Er machte einen Schritt nach vorne, der kühle und betäubende Schmerz in seinem Oberschenkel wurde sofort wieder glühend heiß. Mit dem Bihänder schlug er von oben auf die Kreatur ein. Die Abscheulichkeit tat das, womit Ser Gneisor gerechnet hatte, es hob den Ogerarm zur Verteidigung. Während die Klinge auf den Panzer schepperte, brachte er das Kurzschwert zum Einsatz. Er tauchte unter dem Arm hinweg, nutze die lange Klinge als Abwehr und dabei kam er an der Flanke des Wesens vorbei. Sein Ziel konnte er deutlich vor sich sehen. Die Kreatur bemerkte jedoch Gneisors Manöver und drehte sich seinerseits mit dem Ritter mit, doch es hatte anscheinend nicht mit dem Knappen gerechnet. Dieser sprang der Kreatur mit der Spitze seines Dolches voran in dessen Rücken. Die Klinge schlug Ingmar in die Stelle, wo Menschen das Schlüsselbein hatten – nur eben von hinten. Mit beiden Händen krallte sich der Knappe an den Griff des Dolches und mit seinen Füßen umklammerte er einen eisernen Fackelhalter, um so die Abscheulichkeit für einen kurzen Moment an Ort und Stelle zu binden. So war es Ser Gneisor möglich, sich weiter um die Kreatur herum zu bewegen. Das Kurzschwert stach er mit der Spitze voran in die Flanke und schob es dann mit aller Kraft so lange weiter, bis es an der Position war, wo er es haben wollte. Die Klinge rutschte Mühelos durch den Körper der Kreatur, denn Ser Gneisor hatte in der Flanke der Abscheulichkeit eine Art Schlitz ausgemacht, welcher sich zwischen zwei Panzerplatten ergab. Da sich die Panzerplatten so weit überlappten und aneinander rieben, würde das Schwert auf keinen anderen Weg herausrutschen können. Ser Gneisor schob das Kurzschwert tiefer, so weit, bis es an die kleine Parierstange stieß – auf diesem Ende des Schwerts, war es nun also fixiert.  Die Abscheulichkeit schrie wieder schrill auf, die beiden Ärmchen griffen ungelenk nach Ingmar, während der riesige Arm versuchte Ser Gneisor zu treffen, doch der massive Schulterpanzer schränkte dessen Bewegung so ein, dass er nicht an Gneisor herankam. Der Fackelhalter an dem sich Ingmar mit seinen Füßen klammerte, gab unter der enormen Last nach, das Metall zersprang und Ingmar rutsche den Halt verlierend und den Dolch loslassend an dem Vortexwesen herab – dabei fuhr einer der beiden  Ärmchen über Ingmars Gesicht, die Krallen schnitten mühelos tief durch das weiche Fleisch. Ser Gneisor bekam all dies nicht mit, denn er verfolgte weiter sein Manöver. Mit Aller Kraft drückte er die Kreatur in Richtung einer Tür. Seine Schulter stemmte er dafür in dessen Seite, während er den Griff des Kurzschwerts weiter mit einer Hand festhielt. Der wiederaufflammende Schmerz in seinem Oberschenkel und die zitternden Knie, veranlassten ihn dazu zu schreien, er brülle den Schmerz und die letzte Kraft aus sich heraus, das Manöver musste einfach gelingen! Die Spitze des Kurzschwerts voran, trieb er das Metall in das harte Holz der Tür. Ein hohles scheppern tönte durch den Wehrfried als die Klinge in die Tür eindrang. Sofort löste sich Gneisor von der Kreatur und machte einen weiten Schritt zurück. Die Abscheulichkeit war mit dem Kurzschwert seitlich an die Tür fixiert. Die beiden kleinen Arme wurden dabei gegen das Holz gequetscht und durch den Schulterpanzer, war auch der Wirkungsbereich des Ogerarms eingeschränkt. Sofort packt er den griff seines Bihänders wieder mit beiden Händen, jetzt würde er der Abscheulichkeit ein Ende setzen können.

„Sehr gut Ingmar! Wir haben es geschafft.“, lobte er seinen mutigen Knappen mit einem befriedigenden Lächeln auf den Lippen. Mehrere verwundbare Stellen offenbarten sich dem erfahrenen Krieger. Er machte einen kurzen Blick zu Seite, um sich zu versichern, dass sein Knappe bei ihm war, doch Ingmar war es nicht. Ser Gneisors Kopf drehte sich weiter, er folgte der Blutspur auf dem Boden. Ingmar lehnte mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und überall war Blut. Das Gesicht des Knappen glich einer aufgeschnittenen Melone. Sein Gesicht war so voller Blut, dass es in dünnen Fäden auf die hohlen Hände des Knappen herablief. Zwei Blutfützen bildeten sich bereits in der doch so kurzen Zeit darin. Ser Gneisor bekam ein Schock. Er hörte nicht, wie die Abscheulichkeit versuchte sich von der Tür zu lösen. „Ingmar …“ hauchte Gneisor schwach, sein Unterkiefer bebte. Was habe ich getan? – dachte er sich und wandte sich zu ihm um. Drei lange und tiefe Schnitte zogen sich quer durch das Gesicht des Jungen, der eine hatte Ober- und Unterlippe aufgetrennt und das Nasenbein zerschmettert, ein anderer hatte die Wange aufgeschnitten und das rechte Auge des Knappen perforiert. Dort, wo das Auge war, war jetzt nur noch ein blutiger und klebriger Klumpen. Ingmar war, trotz der schweren Verletzung, jedoch noch am Leben und bei Bewusstsein. Er brachte keinen Ton hervor. „Es, wird alles wieder gut.“, sprach der Ritter im Tonfall eines Vaters, der gerade zusehen musste, wie sein Sohn sterben würde. „Für Rondra.“, brachte Ingmar nuschelnd und blubbernd hervor und dann erschlafften seine Glieder.

Es krachte, als sich die Abscheulichkeit von der Tür löste, denn das dünne Metall des Kurzschwerts, konnte der jenseitigen Kraft Wesens nicht ewig standhalten. Das schrille Kreischen, holte Ser Gneisor wieder zurück ins hier und jetzt. Erneut brüllte er, er brüllte sich alle Wut aus dem Leib und letzte übermenschlich viel Wucht in seinen Hieb. Das Schwert schlug in die Schulter mit den kleinen Ärmchen ein, traf zwischen zwei Panzerplatten und trennte beide Arme vom Rest des Körpers ab. Das Schwert, seinen Weg unbeirrt fortfahrend, hatte so viel Schwung, dass Ser Gneisor die Kraft nicht abfangen konnte, es schlug funkenschlagend auf dem Steinboden ein. Normalerweise hätte sich der Ritter niemals in eine derart unterlegende Position gebracht, denn er war nun in einer Verneigenden Haltung vor dem Vortexwesen, welches gerade zum Schlag mit seinem kräftigen Arm ansetzte. Der Marschall konnte nichts dagegen tun, als ihn der Ogerarm der Abscheulichkeit durch das Gesicht fuhr und ihn drei Schritt durch den Flur katapultierte. Die Klinge des Ritters prasselte zu Boden, Knochen knackten und der Körper des Mannes schlug so lautstark auf dem Boden auf, als hätte man ein dutzend Eimer den Flur heruntergeworfen.

Unbeirrt davon, dass ihm zwei der drei Arme fehlten, ging die Abscheulichkeit weiter voran.  Schwarze, dicke Flüssigkeit quoll aus der klaffenden Wunde hervor, wo die beiden krallenbesetzten Ärmchen waren. In fünf Schritt Entfernung zur Bibliothek war die Tür zur Bibliothek, sie stand offen – denn im Gang davor stand Halrik von Tarnel mit fester und entschlossener Miene, auf seinen Händen ruhte ein aufgeschlagener Foliant.