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Bestehen der Prüfung
Gemeinsam mit Elfenbein kehrt sie ergriffen zum Schwanenthron zurück. Dieses Mal fällt es ihr ungleich leichter, sich mit geschlossenen Augen durch das dichte Unterholz fortzubewegen. Ohne hinzusehen, setzt sie sich erneut mit überkreuzten Beinen auf den Felsen und verschmilzt gedanklich mit der Natur. Nach nur kurzer Zeit explodiert die gesamte Umgebung um sie herum in leuchtendem Blau. Sie ‚sieht‘, wie sich das Meer der Bäume im Winde wiegt. Sie hört eine wohlklingende Melodie, die von diesem Wald ausgeht. Sie beginnt sich in ihrem Takt zu wiegen, geht in Gedanken von Baum zu Baum und tanzt im Gleichklang mit der Natur. Es ist ein schönes Gefühl. Nie war sie ihrer Geliebten Natur näher. Fasziniert saugt sie die Eindrücke in sich auf.
Doch plötzlich, auf ihrem mentalen Weg über die Schönheit, unterbricht etwas die Harmonie des Waldes. Weit entfernt sieht sie ein verheerendes Ungleichgewicht. Der Gleichklang ist dort verzerrt. Als sie ihre Aufmerksamkeit auf die Quelle der Unreinheit richtet, erstrahlt direkt vor ihr der Rote Riese in einem brennenden Rot. Nervöse Energieblitze zucken um ihn herum. Aus seinem Bauch dringen blutrote Schlieren, wie aus einer klaffenden Wunde. Abrupt wird ihr Bewusstsein auf die Lichtung zurückgeschleudert. Keuchend reißt sie die Augen auf und realisiert nur langsam, was vorgefallen ist. Ihr trüber Blick sucht den Roten Riesen. Stumm liegt er da. Und doch … etwas regt sich. Sie ist beunruhigt. Sie zittert am ganzen Körper. Sie spürt nun auch den Schmerz des Waldes. Erst jetzt fällt ihr auf, dass Elfenbein nicht mehr bei ihr liegt. Es ist kalt. Er fehlt ihr. Es ist, als wurde ein Teil von ihr genommen.
Einer Eingebung folgend und weil sie zuvor zwischen den Klängen der Melodie auch die gegenwärtige Kälte gespürt hat, die von den Pflanzen besitzt ergreift, erhebt sie sich und schlurft müde und erschöpft zu einem der Bäume, die dem eisigen Wind in besonderen Maße ausgesetzt sind. Sie zieht den kalten Baum in eine hingebungsvolle Umarmung. Ihren Kopf bettet sie gegen den Stamm. Fast scheint es ihr, als seufzte der Baum, doch es könnte auch Einbildung sein, hervorgerufen durch ihren Wunsch, seinen Schmerz zu lindern.
Wie lange sie geschlafen hat, weiß sie nicht. Als sie erwacht, ist es Tag. Sie schaut sich nach Elfenbein um. Die frischen Spuren zeugen davon, dass er zwischendurch hier vorbeigekommen ist. Gerade wollte sie sich erneut auf den Felsen setzen, um ihre Meditation fortzusetzen, als sie ein ungutes Gefühl beschleicht. Eine finstere Ahnung reift in ihr heran. Stirnrunzelnd beschließt sie, den Spuren zu folgen, um sich seines Verbleibes zu vergewissern. Sie vermisst ihn schrecklich. Vermisst seine Wärme, seine Verspieltheit und seine Zuneigung. Ja, sie mag diesen riesigen Wolf, der eine solche Lebensfreude ausstrahlt. Ganz im Gegensatz zu Ebenholz, der irgendwie kalt zu sein scheint. Wie sagte Darnan vor ein paar Tagen?: “Firun wollte euch sterben lassen. Nicht umsonst ward ihr der Kälte erlegen. Ifirn hat euch gerettet.“ War Elfenbein jener weiße Wolf? Elfenbein, der Ifirn im Wesen so ähnlich ist?
Sie packt Firuns Speer und folgt den Spuren ihres neuen Freundes. Die großen Pfotenabdrücke sind im Schnee gut zu erkennen. Sie läuft noch nicht lange, als sie Stimmen vernimmt. Raue Stimmen, die über etwas diskutieren. Sie bleibt stehen und schließt konzentriert die Augen. Ihre neue Wahrnehmung tastet sich vorwärts – zwischen den blauen Baumstämmen hindurch bis sie wieder auf ein rotes Leuchten fällt. Rasch tasten ihre Sinne die Konturen ab. Da liegt Elfenbein im Schnee. Schmerz breitet sich in ihr aus. Rote Blitze zucken aus seiner linken Flanke. Da, wieder diese Stimmen. Vor Elfenbein stehen drei zerlumpte Männer und entscheiden gerade, dass sie den anmutigen Wolf für ihren Eintopf verwenden möchten. Zorn durchflutet sie. Ihr Griff um den Schaft des Speeres wird fester.
Plötzlich regt sich der Speer. Er beginnt zu pulsieren. Er versucht Verbindung zu ihr aufzunehmen. Er … Er möchte geworfen werden! Grimmig starrt sie die eisblaue Waffe an. Soll dieses Mal Firun seine Tochter retten? Ohne weiter zu überlegen, reißt sie den Arm nach hinten und … sieht ihr Ziel klar vor Augen: die rot umrandeten Silhouetten flackern vor ihren geschlossenen Lider auf und ab … sie wirft, wirft, wie sie noch nie geworfen hat, hoch über die niedrigen Tannen hinweg.
Und verfehlt ihr Ziel: Den Schritt Platz zwischen den Männern und Elfenbein. Stattdessen bohrt sich die lange scharfe Speerspitze von oben direkt in die Schulter eines Mannes, der daraufhin laut aufschreit. Sie sieht noch, wie sich die anderen beiden erschrocken umschauen und sich bereit machen sich zu verteidigen, als sie auch schon unbewaffnet nach vorne durch das Dickicht spurtet.
Der Bogen eines kleingewachsenen Banditen zuckt unschlüssig hin und her ehe Azina zwischen den Bäumen hervortritt. „Haltet ein! Ich bin die Botin Firuns! Es war ein Versehen! Lasst mich nach der Wunde sehen.“ Sagt sie und schreitet mit erhobenen Händen langsam auf sie zu. Der Getroffene windet sich am Boden, der Speer steckt tief in seiner Schulter. Die anderen beiden wenden sich ihr mit gezogenen Waffen zu und fragen barsch nach ihrem Begehr. Als sie zu einer Erklärung ansetzt, bedauert sie, dass sie ihren Speer nicht mehr in den Händen hält, als, völlig unvermittelt, ein schmatzendes Geräusch, gefolgt von einem lang gezogenen Schmerzensschrei zu hören ist. Die drei Stehenden starren verblüfft auf den Speer, der geradewegs in Azinas ausgestreckte Hand fliegt. Während die junge Jägerin ihn noch ungläubig anstarrt, nehmen die Männer brüllend Reißaus. Ihren verblutenden Kameraden lassen sie zurück. Azinas Brustkorb hebt und senkt sich heftig. Verwirrt steht sie einfach nur da. Erst ein Winseln von Elfenbein holt sie in die Gegenwart zurück. Rasch eilt sie zu ihm, zieht den Pfeil gekonnt heraus und verbindet die Wunde notdürftig mit ihrer eigenen Winterkleidung – Fell auf Fell. Für den armen Mann kam jede Hilfe zu spät. „Erneut ein Opfer. Es tut mir leid.“ Sie schlägt ein Boronsrad über den Verstorbenen und bedeckt ihn notdürftig mit Schnee. Dann kehren sie langsam zum Schwanenthron zurück. Unterwegs verwischt sie ihre Spuren sorgfältig. Am Thron angekommen versucht sie sich halbherzig noch einmal daran, das Geschehene zu wiederholen: Sie wirft den Speer über den Felsen hinweg in den Schnee und versucht ihn mit einer einladenden Geste zurück zu holen. Doch nichts passiert.
Sie zieht eine Schnute, lässt den Speer einfach im Schnee stecken und setzt sich erneut auf den Felsen. Dieses Mal, mit Elfenbein an ihrer Seite, gelingt es ihr, sich vollkommen mit der Natur zu vereinen. Sie selbst wiegt gemeinsam mit ihrem Bewusstsein im Takt zur Melodie des Waldes. Sie kann nicht nur die Bäume und den Wind wahrnehmen, sondern auch die Lebewesen, die sich in diesen Wäldern aufhalten. Sich selbst sieht sie nun als Teil dieses Waldes. Sie lächelt. Jetzt weiß sie, was die Elfen und Druiden wahrnehmen. Es ist vollkommen!
Erneut belastet etwas ihre Konzentration. Der Rote Riese! Wieder zucken rote Blitze aus seinem Bauch heraus. Der Berg weint. Und nicht nur der Berg. Auch die angrenzenden Bäume und der Schnee scheinen unter der verderbten Last zu flackern. Eine einzelne Träne läuft ihre Wange hinab, so intensiv ist der fremde Schmerz, den sie fühlt, dass selbst ihre eigene innere Kälte aufweicht.
Knirschende Schritte lenken ihre Aufmerksamkeit vom Berg ab.
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Azinas Gedanken