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Azinas Verbleib III

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Die Prüfung

Sie kehren als Meister und Schülerin zur Hütte zurück. Ehe Azina sich wieder zur, dringend nötigen, Ruhe bettet, möchte sie Bakkus‘ Leichnam einen Besuch abstatten. Mit zusammengepressten Lippen und zitternden Fäusten betrachtet sie ihren treuen Jagdhund einen Augenblick lang schweigend.

„Was machst du nur? Was sollte das? Ach Mensch Bakkus!“ Sanft streichelt sie seinen Kopf. Krault ihn hinter den Ohren, wie er es so gerne mochte. „Ich danke dir! … Ich danke dir für die Zeit, die ich an deiner Seite verbringen durfte. Ruhe in Frieden mein kleiner Freund. Möge deine Beute dir in Firuns ewigen Jagdgründen niemals entkommen.“ Ergriffen segnet sie seinen Leichnam ihrem Herrn, schlägt ein Boronsrad und deckt ihn mit zitternden Händen wieder zu. Zwei stumme Tränen entrinnen ihren trüben Augen. Traurig wendet sie sich ab.

Ein leises Stöhnen aus der Ecke des Schuppens schreckt sie aus ihren Grübeleien. Ihr Blick fällt auf Garnan, der gelassen im Türrahmen steht. Misstrauisch nähert sie sich der Quelle des Geräusches. Dort in einer Nische liegt Shakriin Boran besinnungslos auf einem Fell. Er ist ebenfalls schwer verletzt und verarztet worden. Garnan beobachtet die Tulamidin ganz genau, als sie vor dem Trollzacker umständlich in die Knie geht und seine körperliche Verfassung begutachtet.

Woher seine Verletzungen wohl herrühren? Vielleicht hat er noch weitere Eiszapfen abbekommen, ohne dass ich es mitbekam. Ist das die Antwort auf die Frage, warum ich noch lebe? Sie seufzt schwer. Ich trage dir meinen Verlust nicht nach Shakriin. Ich kann mir vorstellen, was du fühlst. Wir sind alle Narren und lassen uns blenden. Du von deiner Wut und ich von meiner Naivität. Nun haben wir mit dem Leben unserer Kameraden dafür gebüßt. Denn auch du hast große Verluste erlitten. Ich hoffe, du kannst mir vergeben, dass ich deine Gefährten tötete. Jedoch mussten wir uns verteidigen! … Erhol dich erst einmal. Wir werden uns später unterhalten. Vielleicht gibt es einen Weg uns gegenseitig zu helfen. Gemeinsam werden wir einen Weg finden die verschwundenen Personen zu retten.

Am nächsten Morgen geht es ihr schon etwas besser. Sie kann wieder einigermaßen laufen und lässt sich von Garnan, eingehüllt in ihre Winterkleidung und bewaffnet mit ihrem Speer, zu einer Lichtung im Wald führen, inmitten jener ein großer flacher Findling liegt. Garnan nennt ihn geheimnisvoll Schwanenthron. Er erklärt ihr knapp und bedeutungsvoll: „Wer im Einklang mit der Natur ist, dem schadet sie nicht. In drei Tagen komme ich wieder.“ Mit diesen Worten lässt er sie zurück. Unschlüssig, was sie nun tun soll, steht sie noch einige Zeit untätig da. Schließlich setzt sie sich – einer Eingebung folgend – im Schneidersitz auf den Felsen. Der Speer ruht waagerecht auf ihren Oberschenkeln, während sie versucht ihren Geist zu leeren und an nichts zu denken.

Im Einklang mit der Natur. Erinnert sie sich an seine deutungsschweren Worte. Sie versucht zunächst ihrer Umgebung zu lauschen. Lange sitzt sie da und horcht auf die verschiedenen Geräusche des verschneiten Waldes. Doch sie kann nichts festhalten. Sie wird unruhig. Sie spürt die Kälte immer stärker, bis sie schließlich von ihren Gedanken Besitz ergreift und ihre Meditation unterbricht. Sie schaut sich irritiert um. Sie sitzt noch immer auf dem Felsen. Sie hat jegliches Zeitgefühl verloren. Über dem Wald leuchten die Sterne am wolkenlosen Himmel. Sie versucht die Kälte zu ignorieren; sie aus ihren Gedanken zu verbannen und schließt erneut die Augen. Dieses Mal versucht sie sich an etwas Einfacherem. Sie konzentriert sich nur auf eine einzige Sache: Das Rauschen der Bäume im stetigen Wind. Es gelingt ihr tatsächlich, sich auf das Rauschen einzustimmen und sämtliche anderen Geräusche auszublenden. Zwar spürt sie die Kälte noch immer; doch sie ist nicht mehr allgegenwärtig. Sie beherrscht nicht mehr ihr Sein. Nach einer kleinen Weile unterbricht ein leises Geräusch die scheinbare Monotonie des Waldes. Es sind langsame Schritte, die im Schnee knirschen. Irgendetwas nähert sich ohne Zögern der Lichtung. Was mag das wohl sein? Sie schalt sich innerlich und versucht auch dieses Geräusch auszublenden und wieder nur das Rauschen der Bäume wahrzunehmen. Vor dem Schwanenthron verstummen die Schritte und plötzlich spürt sie, wie sich etwas Warmes, einem Mantel gleich, um sie legt. Nach einer Weile weicht die Kälte aus ihrem Körper und ein Gefühl der Wonne durchströmt sie. Nun gelingt es ihr, sich vollkommen auf die Natur einzustimmen. Sie ‚ fühlt‘ das sanfte Wiegen der Tannen nun mehr als sie es hört. Lange sitzt sie so da. Wie lange weiß sie nicht. Doch die Anstrengung beginnt ihren Tribut zu fordern. Sie ist müde. So unterbricht sie die Trance und öffnet die Augen. Erstaunt sieht sie Elfenbein um sich liegen. Vorsichtig streichelt sie ihm den Hinterkopf. Er lässt sie gewähren und kuschelt sich sogar noch enger an sie. Zufrieden tut sie es ihm gleich und schläft ein.

Am nächsten Morgen macht ihr Elfenbein ein gefangenes Kaninchen zum Geschenk. Sie nimmt es dankbar an. Anschließend nimmt sie es mit Hilfe ihres Speeres aus und entfacht umständlich ein Feuer aus trockenen Ästen im Schatten des Findlings. Sie gart das Fleisch gewürzlos auf offener Flamme. Elfenbein tut sich erst an den Innereien gütlich und erhascht später noch eine knusprige Keule.

Nach dem Mahl kuscheln sie sich wieder auf den Felsen und versuchen sich gemeinsam auf die Umgebung einzustimmen. Aber so recht mag ihr das dieses Mal nicht gelingen, obwohl ihr Elfenbein genügend Wärme spendet. Also stehen sie auf und vergnügen sich, angestiftet vom lebhaften Elfenbein, spielerisch im Schnee. Ihr fällt zwar auf, dass er sich ihr und ihrer Verletzungen zuliebe sehr zurückhält. Aber es macht ihr nichts aus. Denn sie hat so viel unverfänglichen Spaß, wie schon lange nicht mehr.

Völlig außer Puste nimmt Azina wieder auf dem Felsen Platz. Es fällt ihr nun sehr leicht, sich auf die inzwischen wohlbekannten Baumwipfel zu konzentrieren. Erneut spürt sie die wogenden Kronen mehr als sie sie hört. Fast sogar meint sie sie zu ‚sehen‘. Kurze blaue Lichtblitze tauchen vor ihren geschlossenen Augen auf. Langsam, sehr langsam, kann sie erahnen, wo die Lichtblitze herkommen. Sie stammen von den Bäumen selbst! Es scheint, als fahren sie an den Konturen der Äste entlang. Sie konzentriert sich nun verstärkt auf einen einzelnen Baum. Und schon nach kurzer Zeit kann sie ihn beinahe komplett wahrnehmen. Plötzlich taucht in der Ferne ein greller roter Blitz auf, der sie aus der Konzentration reißt. Elfenbein springt beherzt vom Felsen und deutet ihr ihm zu folgen. Wagemutig schließt sie erneut die Augen während sie langsam weiterläuft. Der weiße Wolf führt sie zielstrebig und sicher durch das dichte Gehölz. Hier und da stößt sie sich zwar an Zweigen und stolpert über Wurzeln. Doch mit der Zeit scheint es, als würde sie den Hindernissen instinktiv ausweichen. Auch hier scheinen blaue Blitze die Konturen der Bäume nachzeichnen. Fasziniert staunt sie über diese neue Ansicht.

Erneut flammt der intensive rote Blitz auf. So intensiv, dass sie erschrocken die Augen aufreißt. Was sie sieht, lässt beinahe ihr Herz still stehen.

Nicht einmal vier Schritt vor ihr erhebt sich ein gewaltiger Hippogriff drei Schritt in die Höhe. Sein rasiermesserscharfer Schnabel ist blutverschmiert. Die kräftigen Flügel schlagen bedrohlich auf und ab und erzeugen einen starken Luftzug, der ihr die Feuchtigkeit aus den aufgerissenen Augen treibt. Seine krallenbewehrten HippogriffVorderbeine fuchteln wild in der Luft herum. Alles in ihr schrie nach Rückzug. Sie geht langsam in die Hocke und legt ihren Speer auf den Boden. Doch der Hippogriff macht keine Anstalten sich zu beruhigen. Immer wieder schlägt er mit den Flügeln und kreischt markerschütternd. Ihr ist bewusst, dass ein einziger Schlag von ihm ausreichen könnte, um sie außer Gefecht zu setzen. Ihr ganzer Körper steht unter Spannung als sie sich vorsichtig rückwärts bewegt.

Sie geht etwa 15 Schritt nach hinten und setzt sich auf einen Baumstumpf. Das Mischwesen beäugt sie zunächst noch misstrauisch, labt sich dann schließlich doch weiter an seiner Bergziege. Die junge Jägerin schließt die Augen. Ihre Hand sucht Kontakt zu Elfenbein. Sogleich gelingt es ihr, sich auf die Umgebung einzustimmen. Sie konzentriert ihr Bewusstsein auf das mächtige Wesen vor ihr. Nach und nach, beginnen rote Energieblitze die Silhouette des Hippogriffes nachzuzeichnen. Sie spürt die unbändige Kraft, die von dieser beindruckenden Kreatur ausgeht, als sie immer wieder ihren Schnabel in das Fleisch ihrer Beute schlägt und große Stücken herausbricht und im Ganzen verschlingt.

Als der Hippogriff fertig ist, schaut er sich noch einmal prüfend um und erhebt sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Lüfte. Azina schaut ihm ergriffen nach. Ein Hippogriff? Hier in den Trollzacken? Welche Geschichte mag damit zusammenhängen? Vielleicht sehen wir ihn bald wieder.

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Azinas Gedanken

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