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Azinas Verbleib V

hier ist der vorherige Teil

Gefährten

Sie weiß, dass Garnan sich nähert, ehe sie ihn sieht und öffnet die Augen. Zur Antwort auf ihre ungestellte Frage, ob alles zu seiner Zufriedenheit sei, nickt er nur wohlwollend und bittet sie, ihm zu folgen. Bei der Hütte angekommen, erkundigt sie sich nach Borans Zustand. Es gehe ihm gut, meint er, doch für Gespräche sei es noch zu früh. Sie brauche außerdem ihre Konzentration für die morgige Aufgabe. Sie wird noch früh genug mit ihm sprechen können. Überhaupt werden beide noch eine Weile bei ihm bleiben und voneinander lernen.

Auf dem Felsplateau angekommen, stockt er und sieht sich nach Elfenbein um. Einen Augenblick lang schauen sie sich in die Augen, ehe er an Azina gerichtet sagt: „Elfenbein wird dich von nun an auf deinen Wegen begleiten. Er gehört jetzt zu dir, wie Ifirn zu Firun gehört und mildernden Einfluss auf ihn ausübt.“ Azinas Blick huscht zu Elfenbein. „Wenn er denn möchte …“ Eine Welle von Zuneigung durchflutet sie als er auf sie zu sprintet. Sie breitet die Arme aus und zieht ihn in eine innige Umarmung. „Gib gut auf ihn acht!“ ermahnt der Alte sie. „Das werde ich! Bei Ifirn, das werde ich!“

Am nächsten Morgen treten sie im Hof vor die Zielscheiben. Zunächst weist Garnan sie an, den Speer wurfbereit zu halten. Stundenlang. Ab und an kommt der alte Mann mit einer dampfenden Tasse Tee herbei und korrigiert hier und da ihre Haltung. Ihre Augen sind geschlossen; sie konzentriert sich mit Hilfe ihrer neu gewonnenen zweiten Sicht auf das nahe Ziel. Elfenbein sitzt an ihrer Seite und stärkt ihre Konzentration. Nun vermag sie es, das Ziel näher an ihr Bewusstsein zu rücken. Sie sieht den schwarzen Punkt der Zielscheibe genau vor sich. Jederzeit könnte sie den Speer nach vorn schleudern und ihn mitten ins Schwarze versenken. Doch erst als Garnan ihr endlich das Zeichen gibt, schleudert sie den Speer mit aller Kraft nach vorn, wo er tatsächlich in der Mitte der Scheibe stecken bleibt. Als sie ihre Augen öffnet, entfernt sich das Ziel wieder von ihr. Sie schwankt ein wenig unter den plötzlichen Eindrücken. Es scheint, als erleichtere die zweite Sicht ihre Fähigkeit, das Ziel zu finden.

Zufrieden lässt Garnan sie den ganzen Tag trainieren. Auch das Zurückrufen des Speeres funktioniert nun zuverlässig. Sie steht gerade an der Klippe, wo er vor wenigen Tagen mit einem Pfeil das unmögliche Ziel traf und konzentriert sich auf den Wind, der in verwirrenden Bahnen an ihr vorüberpfeift, als dieser stete Fluss blauer Energie plötzlich unterbrochen wird: 

Ein rotes Flimmern taucht zwischen den Baumwipfeln auf. Etwas Großes fliegt in einiger Entfernung an ihr vorüber. Sie ist noch dabei das wunderschöne Tier zu betrachten, als jäh aufflammender Schmerz sich in ihr Bewusstsein schiebt. Der Hippogriff wankt und trudelt zu Boden.

Erschrocken rennt sie zur Hütte. Doch Garnan ist nicht da. So eilt sie nur mit Elfenbein an ihrer Seite zur vermeintlichen Absturzstelle. Dank ihrer zweiten Sicht findet sie das hektische rote Flimmern zwischen den Bäumen zielsicher. Aufgeregt schlägt der Hippogriff mit den Flügeln hin und her. Feinde kann Azina in nächster Umgebung keine entdecken. So versucht sie sich dem majestätischen Tier vorsichtig unter Aufbietung all ihrer Kenntnisse über Vögel und Pferde zu nähern. Elfenbein wetzt davon. Azina spürt, dass er eine Idee hat und setzt ihren Versuch den Hippogriff zu beruhigen fort. Ein gefiederter Pfeil ragt direkt vor ihr aus seiner rechten vorderen Flanke heraus. Sie weiß, nur ein einziger Hieb mit dem krallenbewehrten Vorderbein und sie könnte verloren sein. Elfenbein kehrt zurück und birgt einen Hasen im Maul, den er Azina in die Hand drückt. Sie hält dem Hippogriff mit der offenen Hand die Beute hin, hoffend, dass er nicht zu ungestüm zupackt. Skeptisch beäugt er das Angebot mit schief gelegtem Kopf, ehe er blitzschnell und zielsicher zuschnappt. Sie zögert keine weitere Sekunde, macht einen Satz nach vorn und zieht den Pfeil mit einem Ruck heraus. Ihr darauf folgender hektischer Seitensprung bringt sie nicht mehr außer Reichweite der mächtigen Schwingen und so wird sie einige Meter davon geschleudert. Schwer atmend bleibt sie am Boden liegen und betrachtet das Pferdewesen, das sich nun auf die Hinterläufe gestellt hat und wild kreischt. „Flieg, mein Freund, flieg.“ Ermuntert sie ihn. Doch … er beruhigt sich wieder und betrachtet sie interessiert und … ja, und dankbar.

Lächelnd schließt sie die Augen, um seine Gefühle in sich aufzunehmen, als vor ihr eine Explosion auftaucht. Der Berg am Horizont spuckt schmerzende rote Blitze. Ihr Bewusstsein rast auf den Roten Riesen zu, durch den Eingang nach unten und sieht, wie ihre Freunde vor etwas davon laufen. So unvermittelt die Vision auftaucht, so rasch ist sie hinfort. Keuchend zieht sie scharf Luft ein. Elfenbein stupst sie mit seiner Nase an. Etwas zieht sie zum Berg. Sehnsüchtig starrt sie in die Ferne.

Der Hippogriff beginnt sich zu regen. Als hätte er ihre Sorge gespürt, geht er in die Knie und senkt das Haupt zu einer eindeutigen Pose. Azina schaut kurz zu Elfenbein und sieht, dass er der gleichen Ansicht ist. Dann gehen die beiden auf das Vogelwesen zu und steigen vor Ehrfurcht zitternd auf seinen Rücken.

Kaum sitzen sie auf, stößt er sich mit einem Ruck vom Boden ab und gewinnt rasch an Höhe. Nach kurzer Zeit hat er die Spitzen der Wolken erreicht. Azina hat Mühe sich und Elfenbein auf dem schwankenden Rücken des Hippogriffen festzuhalten. Verzweifelt krallt sie sich mit den Händen in die Federn an seinem Hals und mit ihren Beinen umklammert sie seine Mitte. Dennoch findet sie die Zeit, an seinem rauen Gefieder vorbei nach unten zu schauen und die atemberaubende Aussicht zu genießen. Etwas Vergleichbares hat sie noch nicht erlebt. Noch nie hat sie Aventurien von so hoch oben gesehen. In der Ferne gen Praios kann sogar sie die vertrauten weiten Ebenen ihrer Heimat Aranien erblicken. Auf einem Plateau des Roten Riesen kann sie hektisches Treiben erkennen. Der Hippogriff fliegt instinktiv darauf zu.

Als sie näher heran fliegen, kann sie eine große Menge Menschen auf dem Gipfel des Berges sehen, die wie Ameisen hektisch aus dem Berg strömen und hin und her wuseln. Auf einmal erzittert der Rote Riese. Sie kann noch nicht unterscheiden, ob das ohrenbetäubende Kreischen vom Berg oder von dem riesigen mehrgliedrigen wurmartigen Dämon stammt, der just aus dem Gestein hervorbricht und sich drohend vor der verängstigten Menge aufbaut. Sie zögert nicht lange und drückt dem Hippogriff mit der einen Hand nach unten, während die Andere Firuns Speer im Sturzflug direkt auf den Dämon wirft. Wie ein blauer Blitz schlägt der Speer des Alten in den Körper des Dämons ein. Dieser kreischt laut auf.

Ja, es war der Schrei des Dämons!! Zufrieden nickt sie innerlich.

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Azinas Gedanken

4 Responses to Azinas Verbleib V

  • Der wandernde Streichelzoo, genannt Heldengruppe, bekommt also tatsächlich einen Ersatz für Bakkus…

    Aber eine, wichtige, Frage stellt sich mir unwillkürlich nachdem lesen deines Beitrages, was für ein Tee bietet Gaman an?
    Wie auch davor, bin ich gespannt wie es weitergeht.

  • Aber nicht irgendeinen Ersatz!

    Im ersten Beitrag steht was von traschbarttee. Aber ob es such der jetzige Tee war, weiß ich nicht. Ist aber möglich. das war der vorerst letzte Beitrag dazu.:-)

  • Oh, werten wollte ich den Ersatz, noch, nicht…
    Wobei es interessant sein dürfte, so einen Wolf in eine Stadt mitzunehmen, wie viele Tiere haben wir jetzt eigentlich in der Gruppe?
    So auf anhieb fallen mir Miri (Janes, meistens, Pferd), Sieghelms Pferd (oder Pferde, strenggenommen), Pagol, hmm wie hieß Delias Katze (wobei, einen Vertrauten mitzuzählen, schon grenzwertig ist), Adaque und nun noch Elfenbein, könnte lustig werden wenn wir (wiedermal) auf Elfen treffen (vielleicht sollten wir Elfenbein noch ein Kauspielzeug, in Form besagten Knochens, schenken?)…
    Also 6+ (die Tiere die mit Sieghelms und Nehazets Ländereien, oder experimenten kommen zähle ich mal jetzt nicht mit, obwohl müsste Delia nicht noch ein Pferd haben, oder zwei?)

    Habe die Erwähnung gefunden, im zweiten Beitrag, ist wie du schreibst, immerhin ein indiz, wenn auch kein Beweis, naja vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit zu einem entsprechenden Gespräch.

    Ich bin schon auf die Integration des neuen Spielgefährten in der Gruppe gespannt.

  • Stimmt, es sind tatsächlich viele Tiere … wenn Azina erst noch einen Leoparden hat…:)

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