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Teil IX – Bestimmung (1)

Burghof

Mit dem Burgfried im Rücken, schwebte der Studiosus zwölf Schritt über dem Boden über dem zentralen Platz. In seiner Linken hielt er noch immer mit Leichtigkeit den dicken aufgeklappten Folianten. Seine rechte Hand streckte er nach der Jenseitigen. Seine Finger formten dabei eine auf sie gerichtete Kralle, als würde er nach ihr greifen wollen. Allem Anschein nach hatte Sara’kiin ihn noch nicht bemerkt, denn sie machte keinerlei Anstalten sich ihm zuzuwenden. In aller Ruhe flüsterte Halrik zwei magische Worte, so langsam und ruhig, als würde er jede Silbe genießen. Seine blauschwarzen Lippen bewegten sich nur wenig, als sie ein kaum hörbares „Liathróid chumhacht“ formten. Zwischen seinen Fingerspitzen begann sich ein rasch vergrößerndes rötliches Schimmern zu formen. Binnen weniger Lidschläge war das Schimmern zu einer rötlichen Lichtkugel herangewachsen, dass an seine Fingerspitzen reichte und das Licht, welches die Kugel ausstrahlte, war stark genug, dass sie nicht nur Halriks graue Robe, sondern auch den Burgfried im Rücken des schlanken Studiosus in ein rötliches Schimmern tauchte. Dann ertönte ein dumpfer Knall und aus der Lichtkugel schoss ein gleißend hellroter und armdicker Strahl in Richtung der Limbusverschlingerin. Als der Strahl den Körper der ehemaligen Eismagierin erreichte, stoben unzählige kleine Lichtfunken in alle Richtungen. Der Strahl traf sie mit der Wucht eines Baustammes und schob sie ruckartig durch die Luft. Der Lichtstrahl hörte nicht auf, Sara’kiin wurde bis an den Rand der Festungsmauern gedrückt, doch dann endete ihre unfreiwillige Reise durch die Luft plötzlich. Eine Wand als blauem Licht drückte sich zwischen den roten Strahl und sie selbst. Die Energie des roten Strahls prasselte in einem langanhaltend dumpfen Ton gegen die unsichtbare Mauer der Zauberin. Das helle Licht und die sich in alle Richtungen verteilenden Lichtfunken überlagerten den Ort des Geschehens so sehr, dass Sara’kiin dahinter verschwand.

Währenddessen am Boden des Burgfrieds, erreichten Sir Gneisor und sein Knappe den am Boden liegenden Metallhaufen von Brangane. „Brangane!?“, brüllte Ser Gneisor ihr, in der Hoffnung, dass sie den Sturz überlebt hatte, zu. Noch ehe der Marschall und sein Knappe die Ritterin erreichten, verwandelte sich unter ihren erschreckten Augen das Metall der Rüstung in eine zähflüssige dunkle Masse. „Was bei Rondra?!“, stieß er aus und hielt seinen Knappen schützend zurück, da dieser gegen ihn gegen gelaufen war. Unter ihren Blicken verwandelte sich der Körper der Frau samt der Rüstung in eine lichtverschluckende schwarze Masse. Dann nahm sie wieder Form an, Arme und Beine bildeten sich, auch die Rüstung und das Schwert nahmen wieder Gestalt an und zuletzt erhielt alles wieder Farbe. Vor den beiden stand wieder Lady Brangane, die keinerlei Kampfspuren davongetragen hatte. „Keine Zeit für lange Erklärungen …“, begann Lady Brangane hastig, deren Stimme leicht schnarrte. „Ich bin nicht die, für die ihr mich gehalten habt.“ Auch wenn Ser Gneisor rechter Arm schwer verletzt war, so ging er trotzdem in eine verteidigende Kampfhaltung über – sein Knappe stellte sich tapfer neben ihm. „Was im Namen der Götter bist du dann und wo ist Lady Brangane?“ brachte der Marschall zwischen zusammengebissenen Zähnen fordernd hervor, da es ihm sichtbar viel Kraft kostete trotz des gebrochenen Arms und der geborstenen Rippen in die Kampfhaltung zu gehen. „Ich bin hier, um die Limbusverschlingerin aufzuhalten, mehr ist jetzt nicht wichtig“, sagte Brangane noch immer mit einem Schnarren in der Stimme, als würden ihre Worte als Erklärung genügen. Gneisor und Brangane musterten sich gegenseitig, so als würden beide ihre Chancen gegenüber dem anderen abschätzen. „Das ist ein Diener des vielgestaltigen Blenders, Ser – wir können dem Ding nicht vertrauen“, rief Ingmar dazwischen. Gneisor überlegte. Es war das erste Mal, dass er einem Dämon und noch dazu einen viergehörten Auge in Auge gegenüberstand. Bei der Schlacht an der Trollpforte, vor sechs Götterläufen, hatte er aus der Entfernung ein paar beschworene Dämonen gesehen, allesamt waren sie von schrecklicher Gestalt. Sie mähten ihre Männer und Frauen zu hunderten nieder. Doch das waren alles Dämonen aus den kriegerischen Domänen. Dieser hier, so sich Gneisor erinnern konnte, war kein Kämpfer, sondern ein Dämon aus Amazeroths Gefolge, ein Genius und Blender und kein Streiter. Doch das machte ihn nicht minder gefährlich. Doch das alles erklärte nicht, wieso er hier war. Gneisor versuchte sich an die Lehrstunden in Hochstieg zu erinnern. Seine Exzellenz Nehazet hatte, noch bevor sie nach Friedstein kamen, ihm und den anderen wichtigen Persönlichkeiten des Ordens über den Sphärenkrieg aufgeklärt. Auch wenn er es damals kaum glauben wollte, so erzählte der Südländer davon, dass auch die Dämonen die Jenseitigen zum Feind hatten und es unter Ihnen ebenfalls Auserwählte geben soll. Amazeroth der Weltenbrenner war einer von ihnen. Sollte etwa dieser Dämon aus Amazaroths Gefolge auch einer sein?

Ehe weitere Worte gewechselt wurden, griff Brangane mit einer Hand zu ihrer Brust. Sie griff in sich hinein, wie eine Hand die in einen Teich hineinlangte. Sie zog aus sich selbst ein ovales Amulett und hielt es den beiden Kämpfern entgegen. Auf dem Amulett war das Zeichen Amazeroths in Zhayad-Ligatur zu sehen. „Ich bin die Auserwählte Iribaars. Und solltet ihr entgegen meiner Erwartung jetzt nicht spontan eure Auserwählte Hesindes aus euren Burgkeller herausholen, so bin ich die einzige hier, die Sara’kiin Einhalt gebieten kann. Also entweder tretet ihr jetzt beiseite und lasst mich meine Arbeit machen oder ihr schluckt eure Vorbehalte herunter und helft mir dabei, eure sterblichen Hintern zu retten.“

Den Göttern gefällig

8. Peraine 1027 n. BF

Gemächlich schreitet Mhanach voran. Ein Glied in der Kette der Gefährten, die sich durch das karg bewaldete Gebiet östlich der schwarzen Sichel bewegt. Auf ihm sitzt die Botin Firuns tief in Gedanken versunken.

Das war sie also. Meine erste Begegnung mit einem Firungeweihten. Er konnte mir nicht helfen. Er hatte offenbar noch kaum Erfahrung. Stattdessen schickt er mich in eine sogenannte Schwitzhütte zur Meditation. Hitze statt Kälte, um Firun nahe zu sein …

Dennoch schweiften meine Gedanken rasch weit weg. Zu einer schneebedeckten kargen Ebene. Es war jedoch nicht kalt. Nicht einmal als ich meine Stiefel auszog. Es zeichnete sich keine Erhebung ab. Eine sehr geordnete Leere. Nur in der Ferne war ein kleiner Wald zu sehen. Doch außer der kleinen Jagdhütte fand sich kein Leben in diesem Wald, keine Spur zeichnete sich ab, nicht ein einziger Hinweis. Im Innern der Hütte hielt sich ein Wesen in Gestalt eines alten Mannes auf, welches sich selbst als Zwischenwesen bezeichnete. Als ein Weisen zwischen Alveranier und Jenseitigem. Als ein Wesen des Ausgleichs.

Er wusste von meinem Wunsch die Weihe Firuns zu erfahren. Er wusste überhaupt alles von uns. Er offenbarte mir, dass ich ja bereits von Firun erwählt sei und ihm daher nicht näher zu kommen ‚brauche‘. Firungeweihte im Allgemeinen schauen zu mir auf, wie die Geschichte im Holz des Tempels bezeuge. Eine Weihe sei für meine Aufgabe daher nicht vorgesehen.

Nein! Bei des Ebers Hauer, das ist nicht wahr!

Ich wollte mit einem Abgesandten Firuns sprechen und nicht mit diesem Wesen, welches mich arglistig zu täuschen versucht. Niemals hätte mich Firun oder einer seiner Abgesandten einfach so empfangen, ohne mich schon auf dem Weg dorthin mit Kälte und Verzicht zu prüfen. Und wie kann es einen Wald ohne Leben geben? Das wäre das Ende allen Seins. Das wäre das Reich Nagrachs! Elender! Steht der Firungeweihte in Gallys bereits unter dämonischem Einfluss? Erstreckt sich die Macht der Schwarzen Lande bereits bis hier? Ich habe das nicht überprüft! Welch eine Schande! Ich war zu sehr mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt.

Wie oft habe ich versucht Kontakt mit Firun aufzunehmen? Ihn gebeten mir zu weisen was ich tun soll? Bin ich seiner Gegenwart unwürdig oder fordert er von mir Selbstbestimmtheit? Scheinbar von den Göttern verlassen, streiten wir für sie. Oder ist es ihnen vielleicht nicht möglich mit uns direkten Kontakt aufzunehmen? Das passt ja alles gut zusammen. Und jetzt soll ich einfach zulassen, dass ein „Wesen des Ausgleichs“ Zweifel in mir säht? Nicht mit mir!

Man kann seinem Gott nicht nah genug sein! Alle Menschen streben danach. Ich wiederstehe der Versuchung. Ich werde nicht von meinem Ziel ablassen. Nein! Jenseitiger Alveraner! Nein! Fahr in die Niederhöllen oder noch weiter weg! Das war nur ein weiterer Versuch einen Anker zu fällen. Doch ich bleibe standhaft!

Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird Firun mich weihen! Ich finde einen anderen Geweihten, der mir hilft. Oder auch nicht. Dann eben ohne Priester! Nehazet hat mir versprochen, dass wir nach Norden in die Eiswüste ziehen. Tun wir das! Dort werde ich Firun persönlich seinen Speer zu Füßen legen. Kälte und Hunger können mich nicht aufhalten. Und Hitze ist ja wohl ein schlechter Scherz.

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Kurz darauf kämpft die Gruppe gegen einen dämonisch beeinflussten Greifen. Azina sprang auf seinen Rücken und versuchte ihn am Weiterkämpfen zu hindern, als Sieghelm ihm mit einem gewaltigen Streich den Bauch aufschlitzt. Sie wurde zwei Mal schwer von reiner göttlicher Energie getroffen und kann sich nun kaum noch auf den Beinen halten.

Das … war … heftig. Ich fühle mich ganz schwach. Dieser Greif ist ja beim Sterben explodiert. Ich trage keine sichtbaren Wunden davon. Es ist, als ob mich sämtliche Energie verlassen hat. Aber ich nehme keinen Heiltrank. Das fühlt sich falsch an. Ich bin getroffen von göttlicher Energie, das muss mein Körper von allein schaffen.

Nehazet meinte, ich solle die abgeschlagene Kralle sowie einige Federn behalten. Sie seien unempfindlich gegen Magie und können diese beeinträchtigen.

Wir töteten ein göttliches Wesen. Ja, er hat uns angegriffen und ja, wir mussten uns verteidigen. Aber ich bin mir sicher, dass Nehazet eine Möglichkeit gefunden hätte, ihn von seiner dämonischen Beeinflussung zu befreien. Immerhin hat diese Beeinflussung auch Einzug in seinen Kopf gefunden. Und Nehazet findet immer eine Lösung. Wir hätten ihn vereint niederringen können. Dann hätte Nehazet genügend Zeit für die Heilung gehabt. Aber kaum erholte sich Sieghelm von seiner Blendung, hat er nichts Besseres zu tun, als ihn zu töten. Da nützt auch sein Gebet an Praios wenig. Das war voreilig.

Ich trauere um diese göttliche Existenz. Ich erinnere mich wie strahlend schön der Herold in Gareth aussah. Auf diesem armen verwirrten Greifen konnte ich nur einen kurzen Blick werfen, ehe er völlig ausrastete. Zumindest wissen wir nun wahrhaftig, womit wir es zu tun haben. Die Greifen der schwarzen Sichel werden pervertiert. Sein Opfer darf nicht umsonst gewesen sein. Nehazet muss einen Weg finden sie zu heilen. Denn wir können doch unmöglich alle befallenden Greifen schlachten. Vielleicht helfen uns hier wirklich seine wenigen Überreste weiter.

Bitte verzeihe uns diese Sünde. Wir tun es für die anderen Greifen, auf dass ihnen das zugedachte Schicksal erspart bleibe.

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Azinas Gedanken

Teil VIII – Interludium (2)

Vidkun

„Ich erachte die Quelle als unzuverlässig“, raunte Vidkun, während er in stolzer Haltung seine dünnen Arme in die Hüften stemmte. Er war an die zwanzig Götterläufe jung, trug einen Wappenrock in den Farben seiner Herrin, einen dunkelblauen Gambeson und einfache Lederteile zum Schutz gegen einfache Hieb- und Stichwaffen. Seine dünnen blonden Haare fielen ihm zur Hälfte ins Gesicht. Auch wenn er noch sehr jung aussah, so konnte ein aufmerksamer Beobachter in seinen dunkelbraunen Augen einen Charakter ausmachen, der viel älter und erfahrener war, als der Körper, in dem er steckte. Ihm gegenüber stand eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. „Du zweifelst an mir?“, zischte eine weder weiblich noch männlich klingende Stimme unter der Kapuze. „Nicht an dir, sondern an der Glaubwürdigkeit deiner Quelle – aus welchem Grund sollte uns …“, versuchte Vidkun es im beschwichtigenden Tonfall, doch er wurde mit einer abschneidenden Geste der verhüllten Gestalt unterbrochen „ … weil wir den gleichen Feind haben, Vidkun – gerade du solltest das am besten wissen.“ Der Junge wandte sich ab und besah sich den Innenraum des Heuschobers in dem die beiden nun schon einige Momente zusammen standen. Von draußen drang heiteres, unbedarftes Lachen durch die Spalten der Bretter. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Er drehte sich wieder zu der verhüllten Gestalt. „Nun gut, nehmen wir einmal an, dass die Quelle uns nicht hereinlegen will – so wie sie es schon immer getan hat – dann hieße das, dass ich allein etwas gegen ihren gefallenen Anker ausrichten kann. Denn ihre Streiterin befindet sich zur Zeit am Hofe in Gareth und ich trage Iribaars Spiegel.“ „Ganz genau“, bestätigte die Kutte zischend. „Sag es mir noch einmal: Warum in Amazeroths Namen soll ich diesen Haufen unbedeutender Wesen retten?“ Vidkun glaubte so etwas ähnliches wie ein schweres Atmen aus dem Innern der dunklen Kutte hören zu können. „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele weitere Jahre im Dunkeln umherirren.“ Vidkun prustete verächtlich. „Sie sind uns wirklich noch so weit hinterher…“, sprach er und schweifte damit etwas vom Thema ab, als er daran dachte, wie wenig der Orden wusste und wie engstirnig sich dieser Schutzorden bisher in seinen Augen verhalten hatte. Für ihn hatten die Bewohner der 3. Sphäre in der langen Zeit, in der ihr gemeinsamer Feind bekannt war, schlichtweg zu wenig erreicht. Der Orden war seines Erachtens der erste Versuch mit Aussicht, etwas Konstruktives zu werden. Wenn sie doch nur jemanden mit mehr Verstand als Muskelmasse an die Spitze gewählt hätten. Vidkun dachte für einen kurzen Moment darüber nach, ob es vielleicht auch nur ein windiger Zug war, den lenkbaren Ritter zum Oberhaupt zu machen, während die klugen Köpfe aus dem Hintergrund agierten und sich damit selbst nicht zur Zielscheibe machten. Besaßen die Bewohner dieser Sphäre etwa doch mehr Verstand als er ihnen zutraute? Die Kutte nickte nach Vidkuns Aussage. Der junge Knecht setze seinen Gedankengang fort: „Jetzt müssen wir also schon – wie sagt man hier – Amme für sie spielen und ihnen dabei helfen, zu Erkenntnissen zu gelangen, zu denen sie schon vor Jahren selbst hätten kommen sollen?“ Von draußen erklang ein Ruf, so als würde jemand gesucht werden. Die verhüllte Gestalt und Vidkun blickten kurz zur Seitentür des Schobers. „Mach dir keine Sorgen, ich habe dafür gesorgt, dass er tief und fest schläft.“ Vidkun deutete auf eine der Pferdeboxen in denen im Schatten ein junger Mann lag, der genauso aussah wie er. Ein Pferdeknecht der Greifenfurter Ritterin. Vidkun stutzte plötzlich. „Sagtest du in zwei Tagen? Ich hörte wie die Ritterin sagte, dass sie erst in drei Tagen an Burg Friedstein ankommen würden.“ Die Kutte nickte wieder. „Dann bleibt mir wohl keine Zeit. Ändern wir unseren Plan ab. Ich werde mich mit Iribaars Spiegel der Limbusverschlingerin stellen und den Studiosus retten.“ Die Kutte nickte wieder und sprach dann zischend: „Du wirst wohl deine Tarnung vor Ort aufgeben müssen. Die Schutzritter werden es nicht verstehen.“ Vidkar musste grinsen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Ha, meinst du sie würden mir glauben, wenn ich Ihnen sagen würde, dass unsere Quelle ihre Göttin Hesinde ist, welche uns diese Informationen zukommen ließ und uns dazu brachte ihnen zu helfen? So engstirnig wie sie sind, würden sie es nicht verstehen.“ Wieder erklang der Ruf, doch dieses Mal fordernder. „Ich werde mir etwas überlegen, wie ich vor Ihnen in schon zwei Tagen an Burg Friedstein sein kann, ohne dass es auffällt. Wir sehen uns, wenn das alles hier vorbei ist.“ „Der Prächtige wird dich mit Wissen segnen“, zischte die androgyne Gestalt unter der Kutte und löste sich dann in einen verwehenden schwarzen Nebel auf. Vidkun, der in Gestalt des Knappen war, blieb alleine zurück. Er änderte seine Haltung, ging nun etwas gebückter mit zusammengekrümmten Schultern. Viel weniger stolz und selbstsicher, sondern so wie es sich für einen jungen Pferdeknecht gehörte: unterwürfig. „Hey ja, ich komme, Lady Brangane!“, rief er laut, im unsicheren Tonfall, durch die Bretter des Schobers. Vidkun hatte bereits einen Plan.

Teil VIII – Interludium (1)

Brangane

Es war an einem schönen Feuertag im Peraine, als die Bewohner vom Eilingshof das ruhige Donnern von zahlreichen herantrabenden Pferdehufen vernahmen. Zwei Lanzen Berittener, in den Dörflern unbekannten Farben, näherten sich. Auf dem trockenen Karrenweg lösten sich von den zahlreichen Hufen der Pferde große Staubwolken, die über die frisch gewachsenen Hirsefelder wehten. Auf dem Hofplatz, der gleichzeitig Treffpunkt und Warenumschlagplatz war, eilte eine ältere Magd geschwind in eines der flachen mit Reet bedeckten Fachwerkhäuser. Zwei Winhaller bellten aufgeregt und flitzten auf dem Hof hin und her. Hastig wurde ein Karren mit leeren Fässern zur Seite geschoben. Die herannahenden Reiter, die aufgereiht wie auf einer Perlenschnur hintereinander ritten, denn der schmale Weg bot nicht mehr Platz, erreichten donnernd den Hof. Sofort scherten die Pferde zu beiden Seiten aus und bildeten die Formation eines Halbkreises. Die Muskeln der Pferde zitterten noch, als der Staub des trockenen Wegs bis in den Hof hineingetragen wurde und Jahan Eiling, der Besitzer des Hofs, nach draußen zu den Berittenen kam. Der Dunst fing sich in seinem schwarzgrau meliertem dichten Bart. Er hielt sich ein geblümtes Tuch vor den Mund, was die ältere Magd hinter ihm nicht tat, weshalb sie im Gegensatz ihm husten musste.

„Beruhige die Hunde“, wies er die die Magd mit ruhiger Stimme an und ging dann auf das Zentrum der Reiterlanzen zu.  Noch während die Winhaller Wolfsjäger energisch bellten, trat Jahan Eiling zu dem schwarzen Greifenfurter Kaltblut mit dem dünnen Aalstrich auf der langen Stirn. Selten hatte Jahan Eiling ein so prächtiges Pferd gesehen, zumal sie nur in der Baronie Hexenhain nahe Greifenfurt – also weit weg von hier – gezüchtet wurden. Mit ruhiger Hand tätschelte er den Kopf des Pferdes, berührte achtsam den weißen Aalstrich und sah dann zum Reiter auf. „Es ist ein langer Ritt von Greifenfurt nach Hammerschlag. Eure Pferde sehen müde aus, gerne könnt ihr hier Rast machen. Doch erlaubt mir die Frage zu stellen, was euch hierher führt?“ Jahan Eilings Stimme war ruhig und sein Tonfall ehrlich interessiert. Seine buschigen Augenbrauen tanzten angestrengt über seinen Augen auf und ab, da sich der aufgewirbelte Staub sich noch immer nicht gelegt hatte und er mühsam zum Reiter aufschauen musste. Wortlos griff der Reiter in seine Satteltasche und fingerte eine Depeschenhülse hervor, um sie dem alten Mann zu reichen. „Ein Schreiben von seiner Exzellenz Nehazet“, beschrieb Jahan Eiling als er die Hülse öffnete. Er las den Inhalt des Schreibens und sagte: „Festung Friedstein befindet sich hinter dem Wäldchen – ihr könnt die Wehrtürme von hier aus schon sehen. Dort könnt ihr auch Sir Gneisor antreffen.“ Jahan Eiling deutete mit einer Hand in Richtung der untergehenden, rot glühenden Praiosscheibe.  „Dies hier ist nur ein einfacher Hof, Lady Brangane.“ Den Namen der Reiterin entnahm er dem Schreiben, welches von seiner Exzellenz Nehazet ibn Tulachim persönlich geschrieben und gesiegelt war. Die Reiterin öffnete das Schutzvisier ihres Helms und vom Vorschein kam das markante Gesicht der jung gebliebenen Kriegerin aus Greifenfurt. „Ich danke dir …“ sie machte eine fragende Pause. „Nennt mich Eiling, Jahan Eiling.“ Der alte Mann lächelte mit einem Mundwinkel. „… Eiling. Das Angebot die Pferde tränken zu lassen, nehme ich dankend an. Wir machen nur kurz Rast und werden dann weiter.“ Zu den zwei Lanzen gewandt sagte sie dann im lauten Befehlston: „Absatteln! Tränkt die Pferde – ihr habt zehn Momente – dann reiten wir weiter.“

Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn stieg ebenfalls von ihrem Pferd ab und übergab Jahan Eiling die Zügel ihres Pferdes. „Gib gut auf sie acht“, intonierte sie. Ihre leichte Reiterrüstung hatte viel Staub und Dreck vom Reiten gefangen und bevor sie Friedstein erreichte, wollte sie wieder ordentlicher aussehen. Mit einem Wink ließ sie einen Waffenknecht herankommen, der ihre Rüstung abputzen sollte. „So sauber wie letztes Mal“, ordnete sie mit befehlsgewohnter Stimme an. Ihr Knecht stutzte, nickte dann und wollte gerade loseilen, um das Rüstungspflegeutensilien zu holen, da bemerkte Lady Brangane seinen Blick und hakte nach: „Was schaust du so, Junge?“ Der junge Knecht, der nur einen simplen Wappenrock in ihren Farben trug, zögerte mit der Antwort. Augenscheinlich war er verunsichert. „Raus mit der Sprache!“, tönte Brangane im scharfen Ton hinterher. „Es … es … es steht mir nicht zu euch zu korrigieren, euer Wohlgeboren, aber ich habe eure Rüstung noch nie gereinigt“, widersprach der Knecht im ehrfürchtigen Ton. Lady Brangane kramte kurz in ihren Gedanken. Sie war sich sicher, dass ihre Rüstung schon einmal, kurz vor Ferdok, von ihrem Knecht gereinigt wurde. „Du hast nahe Ferdok meine Rüstung gereinigt. Daran erinnere ich mich genau. Ich musste die Rüstung nicht einmal ausziehen dafür.“ Der Knecht blickte verwirrt hin und her.  Hatte er es etwa wirklich vergessen? Doch etwas selbstsicherer antwortete er dann: „Nein, Herrin – das war ich nicht.“

Teil VII – Märtyrer (3)

Auf den Wällen – Brangane

Mit flinken Füßen eilte die Kriegerin die steinernen Stufen des Wehrturms hinab. Von oben, durch die Dachluke, tönten noch kurz Schmerzens- und Hilfeschreie, doch die Ritterin eilte unbeirrt weiter.  Sie erreicht eine Zwischenebene, welche als Aufenthaltsstube genutzt wurde. Ein paar Regale, Kisten, Kleidertruhen und Schlafstätten standen hier geordnet auf der Zwischenebene. Der Treppenabgang, der weiter nach unten in den Burghof führte, befand sind auf der anderen Seite des Turmrunds. Also rannte Brangane weiter, vorbei an Kisten und Truhen. Plötzlich brach eine der Türen auf, Holz splitterte ins Innere und flog nur knapp an der Ritterin vorbei. Eine der niederen Abscheulichkeiten quetschte sich flink durch den gedrungenen Eingang herein und begann sofort mit seinem außerderisch schrillen Geschrei. Brangane hatte keine Wahl, die Bestie befand sich zwischen ihr und dem Treppenabgang, also machte sie sich bereit und stellte sich sofort kampfbereit auf. Die Bestie verlor keine Zeit und stürmte instinktiv – wenn man davon ausgeht, dass diese Wesen so etwas wie einen Instinkt besaßen – auf Brangane zu. Diese machte im rechten Zeitpunkt einen Schritt nach vorne und presste mit ihrem Schild gegen die tödlichen Fangarme, wobei es unnatürlich laut schepperte. Dann hieb sie mit ihrem Rabenschnabel zu. Der erste Schlag verfehlte sein Ziel nur knapp und kratzte sinnlos über den Chitinpanzer. Die Bestie schrillte auf, doch Brangane schien es nichts auszumachen. Einer der Fangarme versuchte sich am Schild vorbei zu buxieren, doch Branganes Kampfposition war zu geschickt, um sie zu erreichen. Wieder schlug sie zu, dieses Mal zwischen zwei der wehrhaften Panzerplatten. Es knackte laut, als der lange Dorn des Rabenschnabels ins Innere des Wesens eindrang. Die Abscheulichkeit stieß hölzernes Geklapper aus, ehe es von Branganes Rabenschnabel zur Seite gezerrt und gegen einen Schrank geschleudert wurde. Die Bestie prallte so heftig gegen den Schrank, dass dieser unter seiner Last zusammenbrach und einstürzte. Dutzende Gegenstände, Tonkrüge und kleinere Kisten purzelten heraus, zerbrachen und verursachten ein heilloses Durcheinander, ehe sie den nunmehr leblosen Körper des Wesens bedeckten. Branganes Weg war nun frei, sie hielt sich nicht länger auf und setzte ihren Weg fort.

Eine Ebene tiefer hörte sie wieder das schrille Geschrei und Geklapper einer der skorpionähnlichen Abscheulichkeiten. „Bitte, helft mir!“, schrie eine weibliche Stimme. Der Ruf galt Brangane und kam von einer älteren Stallhelferin die zitternd einen Schürhaken, den sie sich wohl schnell zur Verteidigung gegriffen hatte, vor sich hielt. Die Abscheulichkeit direkt vor ihr schien die ältere Frau zu verhöhnen oder auf den rechten Moment zu warten, denn bis auf den Schürhaken gab es eigentlich keinen Grund zu warten. Branganes Blick ging zur Tür zum Hof, der Weg war frei, denn die Stallhelferin und die Abscheulichkeit waren auf der anderen Seite des Turmrunds. „Herrin, bitte! Hilfe!“ Die Stimme der Frau vibrierte vor Furcht und Verzweiflung im Angesicht ihres drohendes Endes. Brangane verlor keine Zeit und rannte – ohne die Frau eines Blickes zu würdigen – schnurstracks auf die Tür zur. Das Zerreißen von Fleisch und Gelenken, gepaart mit Todesschreien, die in ein blutiges Gegurgel endeten, drangen noch zu den Ohren der Ritterin herüber, ehe sie den Ausgang des Wehrturms erreichte.

Der Geruch von Blut und Schweiß wehte kühl über den Wehrhof, als Brangane ihn erreichte. Hier und dort kämpften auf den Wällen und im Innenhof Infanteristen und Bogenschützen gegen die Abscheulichkeiten. Rötliche Blitze zuckten über das Zentrum des Hofes in etwa zehn Schritt Höhe, als die Gestalt von Sara’kiin dort aus einer Art Riss erschien. Als sie komplett hindurchgeschwebt war, schloss sich der Riss mit einem dumpfen Ton. Sara’kiin, der gefallene Anker Saria Fuxfells, schwebte dort in der Höhe. Schwarzweiße Gewänder hüllten sie ein. An den Füßen, Händen und auf dem Kopf trug sie jedoch dunkelschwarzes zackiges Metall, so dass man weder Gesicht noch andere Stellen ihres Körpers sehen konnte. In der linken Hand hielt sie einen gewundenen weißen Stab mit blauen Einschlüssen. Niemand, außer wohl Sara’kiin selbst, wusste, warum sie dort in der Mitte der Festung schwebte. Wie eine Feldherrin, die über das Schlachtfeld blickte, schien auch sie dort, in sicherem Abstand zu allen, der sicheren Eroberung der Festung Friedstein zuzusehen.

Brangane machte eine paar Schritte ins Zentrum des Hofs, sie musste dabei an zwei Leichen von Abscheulichkeiten vorbei laufen. Ihr Blick ging nach oben, Sara’kiin hatte sie wohl noch nicht entdeckt. „Suchst du mich?! Ich bin hier unten!“, brüllte Brangane so laut sie konnte über den mit Kampflärm gefüllten Hof. Sara’kiins eisenbewehrter Kopf blickte herab und als sie Lady Brangane erblickte, drehte sich ihr Körper in der Luft ihr zu. Das heißt, ihr Schwebezustand verlagerte sich von einer stehenden in eine fast liegende Position. Dann streckte sie ihren weißen Stab aus und eine blau wabernde Kugel der Macht schoss direkt auf Brangane zu. Rasch hob die Ritterin ihr Schild über sich und ging leicht in die Hocke. Als die blaue Kugel auf das Schild prasselte, donnerte eine mächtige Explosion über den Hof. Blaues Licht, feine Blitze und wabernde Energie ergossen sich rund um das Schild, doch Brangane blieb wie durch ein Wunder unbeschadet stehen. Noch ehe sie das Schild senken konnte, flog ein weiterer blauer Energieball heran. Erneut donnerte er auf das Schild der Ritterin und drückte sie tiefer in den Boden des Hofs hinein. Auch dieses Mal waberte blaues Licht kugelartig um sie herum und kleine Blitze zuckten zu den Seiten. Brangane zog ihre Füße aus den Furchen, die der Druck auf ihren Körper verursacht hatte. Sie senkte das Schild, streckte sich und blickte zu Sara’kiin stoisch empor. Mit Hohn in der Stimme rief sie: „Mehr hast du nicht drauf? Ich bin enttäuscht!“

Da ihr Blick auf Sara’kiin gerichtet war, sah Brangane die niedere Abscheulichkeit, die sich ihr rasch näherte, nicht kommen. Mit einem Satz flog sie auf die Ritterin zu und riss sie mit der Wucht eines heraneilenden Stiers um. Das stachelbesetzte Maul biss sich tief in Branganes linke Seite, noch im Flug packten die beiden Fangarme der Bestie die Unterarme der Ritterin und verbissen sich darin. Die Abscheulichkeit kam auf Branganes Körper mehrere Schritt von der Position zuvor entfernt zum Liegen. Während das stachelige Gebiss sich tief in den Torso der Ritterin fraß und sie damit fixierte, zogen die mehrgelenkigen Fangarme ruckartig an ihren Unterarmen. Kein Laut drang aus Branganes Mund, während die Bestie auf ihr begann sie auseinander zu reißen. Doch so sehr die Abscheulichkeit auch zog, die Arme blieben am Körper der Ritterin dran, auch der Rabenschnabel und das Schild blieben stoisch in ihren Händen. Plötzlich krochen schwarze Tentakel, erst kleine und dann größere, um den Körper der Abscheulichkeit und begannen sich über ihr zu treffen, binnen eines einzelnen Lidschlags erwuchs auf dem Chitinpanzer der Bestie eine schwarze Masse, diese wuchs immer weiter und bildete rasch Extremitäten aus. Der Körper Branganes verschwand unter der Bestie, auch ihr Schild und der Hammer waren fort und ein durchweg schwarzer Körper, der einer Frau mit Rabenschnabel und Schild glich, hiebte mit einer gewaltigen Kraft auf den Schädel der Abscheulichkeit ein. Der Panzer zerbrach und die Abscheulichkeit streckte leblos alle Extremitäten von sich. Die schwarze Masse erhob sich und nahm plötzlich Farben an – es war der Körper von Brangane, der dort wieder – ohne jedwede Art der Verletzung – stand. „Ist das alles was du kannst? Komm her und stell dich mir!“, brüllte Brangane, die mit finsteren Blick wieder nach oben schaute, als wäre nichts von Belang passiert.

Sara’kiin schwebte herab und landete einige Schritt entfernt von Brangane auf dem Boden. Ihre Bewegungen waren, trotz ihrer bösartigen Gestalt, fließend und grazil. Anscheinend hatte die ehemalige Magierin des Konzils der Elemente einige ihrer Eigenschaften beibehalten.

„Iribaar und ich haben lange auf diesen Moment gewartet – erfüllen wir unser Schicksal und bringen es zu Ende“, sprach Brangane mit bedeutungsvoller Stimme, ehe sie sich bereit machte gegen den gefallenen Anker der Hesinde zu streiten. Der Kampf, den die beiden ausfechteten, konnte von nur wenigen – und dann auch nur zu Teilen – beobachten werden, da die meisten eher damit beschäftigt waren sich selbst gegen niedere Abscheulichkeiten zu wehren. Sara’kiin, die ihre außerderische Magie einsetzte, wechselte häufig die Position, sie verschwand quasi im Nichts, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie warf zahlreiche blaue Energiebälle, die allesamt an Branganes Schild abprallten. Immer wieder zwang Brangane sie in den Zweikampf, doch diese pendelte ihre Schläge immer wieder mit elfengleicher Grazilität aus. Im Laufe des Gefechts kamen zwei Abscheulichkeiten Sara’kiin zur Hilfe, doch Brangane gelang es, beide mit gezielten Hieben auszuschalten. Irgendwann schaffte die Jenseitige ein Täuschungsmanöver, welches Brangane nicht kommen sah. Sie erschien nach einem Verschwinden nicht wie üblich irgendwo hinter ihr, sondern direkt über ihr. Der weiße, blau durchsetzte Stab traf Brangane am Kopf und brachte sie ins Straucheln. Den winzigen Moment der vorteilhaften Position nutzte Sara’kiin, um einen Bindungszauber auf sie zu werfen und sie damit zu umschließen, ehe sie sich fangen konnte. Dann hob sie Brangane an und schwebte mit ihr in die Höhe, denn Sara’kiin hatte etwas mit ihrer Gefangenen vor.

Teil VII – Märtyrer (2)

Im Innern

Sir Gneisor besah sich den Körper des jungen Studiosus genau. Sein Erscheinungsbild hatte sich drastisch verändert. Seine rosafarbene Haut, die ihn stets jugendlich hat wirken lassen, war einem blassen Teint gewichen, der von dunklen Adern durchzogen war, welche sich sowohl in den Unterarmen als auch am Hals vom Rest der Haut absetzten, wie Steineichenbalken in einem gekalktem andergastischen Fachwerkhaus. Die hellblauen und neugierigen Augen des Abkömmlings des Hauses Tarnel waren ebenfalls dunkel geworden, wie Obsidian, umgeben von einem elfenbeinfarbenden Bett, starrten sie stoisch am Ritter vorbei. Die Gesichtszüge des Jungen schienen im Moment der Gleichgültigkeit erstarrt. Keine Neugier, keine Furcht, kein Schalk und kein jugendhaftes Feuer war mehr im blassen Gesicht zu sehen. Auf dem linken Unterarm des Jungen lag ein aufgeklappter dicker Foliant. Sir Gneisor konnte aufgrund der Lage des Foliants nicht erkennen, um welches Buch es sich handelte.

„Halrik?!“ testete Sir Gneisor mit Vorsicht, aber dennoch fester Stimme an. In der Erwartung eine unwillkommene Reaktion herauf zu beschwören, umklammerte er das Heft seines Anderthalbhänders noch fester. Augenblicklich drehten sich die obsidianfarbenden großen Augen des Jungen zum Ritter. „Sir Gneisor.“ Es lag kein Ausdruck in der unverändert klingenden Stimme. Der Ritter wusste nicht, sollte es seine Frage, eine Feststellung oder gar ein Hilferuf sein. Hinter Gneisor positionierte sich Ingmar, der Knappe des Ritters. Auch er machte sich für einen Kampf bereit. „Halrik, bist du es?“ versuchte es Gneisor erneut, legte jedoch dieses Mal mehr Sanftmut in seine Stimme, so als würde er zu seinem Sohn sprechen. „Ja. Ich bin es“, entgegnete dieser knapp, ohne auch nur einen Hauch von Mimik zu zeigen. „Wir werden noch immer angegriffen und müssen hier raus. Hast du einen Weg gefunden?“ Der Ritter entschied sich, die unwichtigen Teile zu überspringen und gleich zur Sache zu kommen. Womöglich gelang es ihm auf diese Weise zu Halrik durchzudringen. Die Lider des Jungen klapperten mehrmals, als würde er aus einem Tagtraum erwachen. Erschrockene, fast schon ängstliche Mimik flog über sein Gesicht. „Ja, ja … es gibt einen Weg. Friedstein wurde in den Vortex gerissen. So beginnt alles.“ „Wie können wir es rückgängig machen?“ Gneisor lockerte sich etwas, anscheinend war noch genug von Halriks Geist in dem von Dunkelheit durchsetzten Körper. Er fragte sich kurz, ob Halrik wusste, wie er aussah und was mit ihm geschehen war. Doch dann erinnerte er sich an seine eigene Kriegerausbildung. Meist wurden Verletzungen im Rausch des Kampfes einem erst dann bewusst, wenn man darauf hingewiesen wurde. Das Gleiche könnte auch mit Halrik geschehen. Und dieses Risiko konnte und wollte er jetzt nicht eingehen. „Hier im Vortex, sind die Götter abwesend – sie alle. Sie haben keine Macht über diesen Ort, denn sie sind es, die unsere Welt beschneiden und uns die Macht nehmen. Hier … ist die Magie noch frei, denn ALLES ist Magie. Materie, Zeit, Leben … einfach alles … und man kann sie lenken. JEDER kann sie lenken.“ Begeisterung flammte in Halriks dunklen obsidianfarbenden Augen auf, wie ein Kind, dass voller Stolz von seinem ersten Ritt auf einem Steckenpferd berichtet.  „Doch wie hilft uns das, Halrik?“  unterbricht Sir Gneisor die Euphorie des Jungen. Die Gesichtszüge des blassen Halriks erhärten wieder. „Mit … Wortzauberei … wenn man die Worte richtig ausspricht, SIND sie Magie. Ich vermag Burg Friedstein wieder aus dem Vortex nach Dere zurückholen.“ Gneisor glaubte Enttäuschung im letzten Satz des Studiosus zu hören. Der Marschall erkannte: Halriks Geist begann zu korrumpieren. Er musste jetzt an seinen gesunden Menschenverstand und seiner tief innewohnenden Güte appellieren. „Dann rette uns alle, alle die die dir wichtig und teuer sind, und hilf uns, Burg Friedstein und seine Bewohner zu retten!“ „Ja“, hauchte Halrik knapp, und dieses Mal war seine Enttäuschung stark zu spüren, sogar so stark, dass Ingmar es bemerkte. Gneisor hörte, wie sich sein Knappe noch immer nicht gelockert hatte und noch weiter bereit war anzugreifen. „Also gut, was musst … was müssen WIR tun, Halrik?“ Halrik sah nach oben, als könnte er durch die dicken Mauern der Festung hindurchblicken. Vielleicht konnte er es sogar? „Sara’kiin selbst ist der Anker der die Festung hier im Vortex hält – wir müssen sie ausschalten. Dann kann ich uns zurück nach Dere bringen.“ „Dann gehen wir es an, auch wenn uns die Götter hier nicht beistehen können, so können wir trotzdem für sie streiten.“ Die pathetischen Worte des Ritters ließen Halrik kurz zusammenzucken. Dann machten sich die drei auf, den Burgfried zu verlassen. Von draußen drang noch immer leichter Kampflärm, es war also noch nicht vorbei und noch hatte keine Seite gewonnen. Solange es also Menschen gab, die bereit waren ihr Leben geben und ein Schwert zu führen, gab es noch Hoffnung, dachte Gneisor.

Der Marschall, sein Knappe und der Studiosus eilten durch die dunklen Flure des Frieds. Die Tür zum Burghof war offen, im Eingang lag ein Infanterist, sein rechter Arm war ausgerissen und eine dicke Blutlache hatte sich über die Steine ergossen. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen, im Moment seines Todes hatte er wohl mit ansehen müssen, wie ihm sein Arm ausgerissen wurde. Die drei drückten sich am schmalen Eingang an der Leiche des Mannes vorbei nach draußen. Sie hielten alle sofort an, der Lärm des Kampfes war hier viel deutlicher zu hören, als im Innern. Instinktiv stellten sich der Ritter und sein Knappe Kampfbereit um den Studiosus auf. „Dort!“ rief Halrik und deutete in die Luft. In der Mitte des Burghofs schwebte in zehn Schritt Höhe eine abscheuliche Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Stoffe und einem metallenen Helm mit sich nach oben hin verjüngenden Spitzen. Ein blau waberndes Leuchten ging von ihrer Hand aus und hielt die nur wenige Meter von ihr entfernte Ritterin Brangane in einem festen magischen Griff. Die Luft zwischen ihnen vibrierte, so dass alles miteinander verschwamm. „Das ist Sara’kiin“, sagte Halrik fast schon ehrfürchtig, und im gleichen Moment traf sie ein Pfeil von der Seite. Das blaue Band erlosch ruckartig und der Körper von Brangane fiel wie ein nasser Sack zu Boden. „Nein!“ brüllte Gneisor, der sofort seine Kampfposition aufgab und auf sie zueilte noch ehe sie den Boden berührte. Ingmar blickte kurz zwischen Halrik und seinem davoneilenden Ritter hin und her, um dann treu hinter seinem Herrn her zu rennen und Halrik alleine stehen zu lassen. Ein tödliches Scheppern klapperte über den Burghof, als der Körper von Brangane samt ihrer Rüstung auf dem Boden aufkam.

Halrik beleckte mit seiner schwarze Zunge seinen Zeigefinger und blätterte in aller Ruhe eine Seite in dem Folianten um. Sein Blick huschte über die Zeilen und dann sprach er: „Snámhphointe.“

erste Legenden

Schlaflos wälzt sich die Botin Firuns in ihrem Bett hin und her. Gro’jesh grunzt neben ihr vor sich hin und lässt sich nicht stören. Wie klein sie neben ihm ist.

So beginnt es also. Das sind meine ersten Legenden. Geschichten, erzählt von einem Firungeweihten aus Gallys während eines Gottesdienstes. Ich selbst habe sie ihm erst tags zuvor erzählt. Unglaublich, dass bereits vor fünf Götterläufen feststand, dass ich – oder zumindest eine Frau – die Erwählte des Firun wird. War es vorherbestimmt, dass ich scheitere? Dass ich niemals die Gunst einer Familie erlangen würde? Ich hatte mein Ziel aus den Augen verloren. Fern der Heimat schlug ich mich als Glücksritter durch, der mehr Glück als Verstand hatte. Das ist mir heute klar. Eigentlich unglaublich, was einem so widerfährt. Die verderbte Druiden damals hätte mich rasch erledigen können.

Wen hätte es an meiner statt treffen können, wäre ich gestorben? Musste es eine Frau sein? Oder stand von Anfang an fest, dass ich es sein musste? Und wann war der Anfang? Wie lange schon bereitet sich die achte Sphäre auf den Kampf vor. Wie lange wissen die Götter darum? Es ist unwirklich.

Aber ich vertraue auf Firun, dass es richtig ist. Ich bin sein Werkzeug, um den Vortex zu vernichten! Oder um zumindest meinen Teil dazu beizutragen. Mein Leben zu geben. Firun … oder vielleicht eher Ifirn hat ermöglicht, dass … dass ich noch ein anderes Leben führen kann. Ein Anderes.

Rasch hat sie einen Entschluss gefasst. Vorsichtig und leise schleicht sie sich aus der Taverne. Elfenbein begleitet sie auf samtenen Pfoten. Alles liegt ruhig da im Licht des Madamals. Keine menschlichen Schattenwesen treiben hier in der Nacht ihr Unwesen. Zu karg und zu gesichert ist diese Grenzstadt. Doch Azina hat ein Ziel. Schon bald erhebt sich der hölzerne Firunstempel vor ihr. Sie kniet vor seiner Schwelle nieder und wartet. Den Blick zu Boden und in sich gekehrt.

Früh am Morgen, wo Jane nur Gro’jesh im Nachbarbett vorfinden wird, tritt der Firungeweihte vor die Schwelle des Tempels. Interessiert schaut er auf die Tulamidin herab.

„Was ist dein Begehr?“ fragt er sie.

Sie hebt den Blick und starrt ihm herausfordernd in die Augen. Und sie antwortet mit fester Stimme: „Ich möchte eine Geweihte Firuns werden. Was muss ich dafür tun?“

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Azinas Gedanken

Teil VII – Märtyrer (1)

Auf den Wällen – Gustav

Der Kampflärm, die verzweifelten Schreie und das aus einer anderen Welt stammende Gekrächze der Jenseitigen war weniger geworden. Aus irgendeinem Grund, den Gustav nicht verstand, rückten keine Wesen mehr heran. Er und seine verbliebenen, überall auf der Festung verstreuten, Männer und Frauen hatten nur noch mit wenigen Gegner zu tun. Die grauen Steine der Festungsanlage waren inzwischen blutgetränkt. Teils lagen einzelne Körperteile herum, welche von den Abscheulichkeiten kurz zuvor abgerissen und wie kaputtes Tongeschirr weggeworfen wurden. Die kleine Festung Friedstein war Schauplatz eines Massakers geworden.

Gustav, ein junger Infanterist mit dem Namen Tarnelius und eine Bogenschützin mit dem klangvollen Namen Elfa standen im Innern eines Wehrturms zusammen. Tarnelius, den alle nur ‚Tarn‘ nannten und Elfa hatten Gustav aus der unmittelbaren Gefahrensituation gerettet. Sein Fuß, der noch immer stark blutete und nur noch ein matschiger Stumpf war, hinderte ihn daran aktiv in das Kampfgeschehen einzugreifen. So saß Gustav mit den Rücken an die Mauer gelehnt und mit seinem vor schwarzem Saft triefenden Schwert in der Hand zwischen den beiden. Um sie herum lagen die Leichen von fünf jenseitigen Bestien, welche die drei – oder vielmehr die zwei – gemeinsam erledigt hatten. Die Idee, sich in die Enge des Wehrturms zurückzuziehen, kam von Gustav, denn so vermochten sie es aufgrund der dicken Mauern und der beengten Verhältnisse sich taktisch gut aufzustellen, dass sie es immer nur mit einem der Wesen gleichzeitig aufnehmen mussten. „Ich habe nur noch zwei Pfeile im Köcher“, brach Elfa das Schweigen mit einem Blick in ihren Köcher, der an ihrer Hüfte befestigt war. Der Wohklang in ihrer melodischen Stimme wirkte unreal in Anbetracht ihrer momentanen Gefahrensituation. „Ich habe vor der Tür dort einen vollen Köcher gesehen“, antwortete Tarn mit gegensätzlich rauer Stimme. Er vermied es darauf hinzuweisen, dass der volle Köcher zu einem zerfetzten Körper eines Freundes gehört, der dort vor wenigen Augenblicken zu Boron gegangen war. Gustav besah sich seinen blutigen Fuß, es war unmöglich damit zu laufen, doch hier zu bleiben war auch keine Option. Auch wenn sie sie hier vorerst sicher waren – doch draußen waren noch die anderen und es war ihre Aufgabe sie zu beschützen. „Dann gehen wir jetzt da raus. Elfa, reich mir den Besen dort.“ Die Bogenschützin griff nach dem Besen und gab ihn, ohne die Tür aus den Augen zu lassen, an Gustav weiter. Er winkelte das heile Bein an und brach ihn über das Knie – so dass er kürzer wurde. „Tarn, hilf mir hoch.“ Der Infanterist griff Gustav unter den Arm und hievte ihn hoch, Gustav klemmte sich die Borsten des Besens unter die linke Schulter und stützte sich auf den gekürzten Besenstiel auf. Über sein Gesicht fuhr dabei mehrmals ein sichtbarer Schmerz. Es kostete ihm nicht nur viel Mühe und schmerzte, sondern schränkte ihn auch sehr in seiner Bewegungsfähigkeit ein. „Wird es …“, begann Tarn zu fragen. „Es muss gehen“, brachte Gustav zwischen zusammengebissenen Zähnen schmerzverzerrt hervor. „Und jetzt los, erst zum Köcher – und dann nach den anderen sehen.“

Tarn führte den kleinen Trupp an, seinen Schild schützend voran. Gleich darauf folgt Elfa, die geschmeidig im Seitschritt hinter dem kräftigen Infanteristen hinterher glitt und dabei die ganze Zeit einen Pfeil auf der Sehne behielt. Gustav bildete die Nachhut. Sie kamen nach draußen, gleich wurde der Kampflärm wieder lauter. Sie stiegen dabei über die blutigen Überreste eines Bogenschützen. Elfa zog in einer flüssigen Bewegung mehrere Pfeile aus den Köcher und schob sie in den ihrigen. Da hörten alle drei ein zischendes Kreischen in ihrer direkten Nähe. Gustav blickte instinktiv hoch, auf den Zinnen des Wehrturms, direkt über Ihnen, lauerte eine sprungbereite Abscheulichkeit. „Verfluchte Scheiße!“, fluchte er lautstark, denn das letzte war er sah war, dass das Wesen auf ihn herabstürzte und es dunkel wurde. Gustav bekam einen heftigen Schlag gegen den Kopf und sank benommen zu Boden. Er hörte noch dumpf, wie Tarn Kommandos rief. Auch die angenehme Stimme von Elfa vernahm er, doch ihm selbst war schwindelig vor Schmerzen. Als er wenige Augenblicke später wieder zu sich kam, sah er, wie Tarn und Elfa auf der Festungsbrüstung gegen die Abscheulichkeit kämpften. Die Bogenschützin hockte zwischen zwei Zinnen auf der Mauer und ließ gerade einen Pfeil von der Sehne, während Tarn mit Schwert und Schild sich gegen das Biest erwehrte. Ein Pfeil steckte schon im Rumpf – lange konnte Gustav nicht weggetreten gewesen sein. Er war fest entschlossen zu helfen, mit der Hand tastete er nach dem Besenstiel. Phex sei Dank fand er ihn auch. Mit aller verbliebenden Kraft hievte er sich an der Außenmauer und mit Hilfe des Steckens empor. Wieder durchfuhr ihn ein zuckender Schmerz als er instinktiv versuchte seinen zerstörten Fuß zu belasten. Elfas Finger fuhren von der Sehne, der Pfeil surrte durch die Luft und traf das Biest zwischen zwei Panzerplatten und verschwand fast gänzlich darin. Die Abscheulichkeit kreischte, Tarn trennte mit einem schwungvollen Hieb einen der Fangarme ab, schwarzer Saft drang aus der Wunde und tränkte seinen Wappenrock und das Vieh kam zum Erliegen, ehe Gustav herankam.

„Gut gemacht. Wir müssen …“, begann Gustav, doch dann sah er, wie sowohl Tarn als auch Elfa erschrocken ins Zentrum der Festungsanlage blickten. Dort, in der Mitte von Burg Friedstein, schwebte in zehn Schritt Höhe, einer schlanke Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Kleider. Der Stoff, so es denn Stoff war, wallte ebenfalls schwebend in der Luft an ihr herab. Der Kopf steckte in einem schwarzen, helmartigen Gebilde mit sich nach oben hin verjüngenden Zacken.  In der rechten Hand hielt das Wesen einen gewundenen Stab, während die linke Hand wie eine Klaue geformt war. Ein hellblau flimmerndes Zauberband ging von der Krallen aus und waberte zu einer anderen Person herüber, welche ebenfalls schwebte. Dort, in der Luft fixiert, war Brangane. Ihre Arme und Beine lagen an ihrem Körper und wirkten wie dort festgebunden, dennoch hielt sie ihren Anderhalbhänder noch immer fest. Das bläulich glühende Band bildete um Brangane herum so etwas wie eine feste Fessel, die sie umschlungen hatte. „Was bei allen Göttern …“, entfuhr es Tarn. „Elfa, denkst du, du kannst das Wesen dort von hier aus treffen?“  „Ja, mit Sicherheit“, entgegnete sie Gustav selbstsicher. „Dann nimm sie unter Beschuss. Tarn – sei ihr Schild und achte darauf, dass sich ihr keines dieser Mistviecher auflauert. Wir müssen Brangane helfen.“ Tarnelius positionierte sich neu, Elfa legte einen Pfeil auf die Sehne und begann zu zielen. Gustav war dazu verdammt Zaungast zu sein und zuzusehen. Er versuchte Branganes Situation besser einzuschätzen und kniff die Augen etwas zusammen. Zu seinem Erschrecken sah er, dass sich die Ritterin nicht nur im Zaubergriff des Wesens befand, sondern auch kleine schwarze Pusteln und Tentakel auf ihr befanden, die Zauberweberin begann wohl ihren Körper zu deformieren.

Der Pfeil surrte von Elfas Bogensehne und traf wie von Firun höchst selbst gelenkt im unteren Rücken von Sara’kiin ein. Fast schon unerwartet, erlosch das bläulich glühende Zauberband, woraufhin Brangane wie von einem Seil losgeschnitten zu Boden fiel. Daran hatte Gustav nicht gedacht, zehn Schritt sauste die gerüstete Ritterin in die Tiefe. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, als die drei sahen wie die an die 100 Stein wiegende Frau inklusive Rüstungsteilen tödlich fiel. Es schepperte Laut als sie auf dem Boden aufschlug. Kettenteile barsten, Nieten sprangen und Plattenpanzer verkeilten sich. Gustav stockte der Atem. Es musste schon an ein Wunder grenzen, dass Lady Brangane diesen Sturz überlebte. Doch es blieb keine Zeit daran zu denken, denn Sara’kiin wandte sich, als würde sie sich zu einer lästigen Fliege herumdrehen, den dreien zu. Elfa, die entweder feist oder toll war, hatte jedoch schon den nächsten Pfeil von der Sehne gelassen. Doch dieses Mal prallte er lautlos von einer unsichtbaren Zauberkugel ab, die Sara’kiin umbarg.  „Wir haben seine volle Aufmerksamkeit“, tönte Elfa mit glockenheller Stimme, der jetzt auch noch der Schalk im Nacken stand. Sara’kiin streckte den dreien ihren Stab zu, ein blaues Pulsieren ging von dem Stab aus und dann gebar dieser eine dunkelblaue Kugel der Macht, welche auf die drei zuflog. Das Folgende geschah alles binnen eines einzigen Lidschlags. Gustav drückte sich gegen die Mauer des Wehrturms, Tarn sprang in die andere Richtung zur Seite und Elfa machte einen Satz nach hinten und ließ sich hinter die Zinnen fallen. Die blaue Kugel der Macht traf die Burgzinnen und löste eine verheerende Sprengung aus. Mehrere Steine zerplatzten und schossen als kleine Geschosse in alle Richtungen. Gustav wurde von mehreren kleinen Stücken getroffen, eine Flut aus kleinen Steinen spickte und traktierte ihn an allen Stellen seines Körpers. Der Schmerz, den die unzähligen Treffer verursachten, als sie seine Rüstung und sein Fleisch durchschnitten, war unbeschreiblich hell und präsent. Warmes Blut sickerte über seine Augen, er blinzelte. Er sah noch, wie ein großes Stück der Festungsmauer herausgesprengt war. Elfa, die sich hinter die Zinnen hat fallen lassen, musste herabgestürzt und unten ihr Ende gefunden haben – Tarnelius lag auf dem Rücken und regte sich nicht. Der allumfassende Schmerz raubte ihm die verbliebene Kraft. Er sackte auf die Knie und fiel ungebremst vornüber auf die Splitter der Festungsmauer. Den dabei verursachten Schmerz spürte er schon gar nicht mehr, denn er hatte die Augen geschlossen und sich der nahenden Umarmung Borons hingegeben. Sein letzter Gedanke galt Thalionmel, das löwengesichtige Zedernholzamulett um seinen Hals lag direkt unter seiner blutigen Wange. Es war das letzte, was Gustav Biberbart spürte.

Reise nach Rommilys – Teil IV „Die Hard“

Die Nacht in Hardfurten verlief ruhig, Traviahold ist dort immerhin ein bekanntes Gesicht, aber nicht von der Bedeutung wie in Kohlhütten oder Hochstieg. Am nächsten Morgen reiste er in großer Aufregung ab. Seit seiner Reise zu den Sennen der Rondrakirche war dies das erste Mal, dass er die Komturei Hochstieg verließ und sich in die unsicheren Gefilde der Baronie Dettenhofen begab. Einerseits konnte er sich beim Namenlosen nicht vorstellen, dass sein Vater oder sein ältester Bruder etwas gegen ihn unternehmen würden, er war immerhin ein inzwischen hochangesehendes Mitglied der örtlichen Traviakirche, nichtsdestotrotz wollte er die Baronie schnellstmöglich durchqueren, da ihm nicht nach einer Begegnung mit Vater und Bruder zu Mute war. Und doch legte sich ein Schmerz um sein Herz, da es ihm danach verlangte, seine geliebte Mutter Gwynna wiederzusehen. Die intriganten Erzählungen von seiner Schwiegermutter Lady Wulfgrid, der Schwester seiner Mutter – also seiner Tante, ließen nichts Gutes bezüglich des Gemütsbefindens seiner Mutter erahnen. Aber Lady Wulfgrid konnte seinen Vater noch nie leiden, wie ihm seine Erinnerung meinen ließ.

Den Vormittag folgte Traviahold der Hard flussabwärts bis nach Hardfelden, einem kleinen Dorfe, in dem sich die Wege aus Hochstieg und dem Wolfskopfkloster vereinen. Er saß gemütlich an einem Tisch vor der kleinen Taverne und genoss die Sonne, als ein „Traviahold?“ ihn aus seinen Gedanken riss. Er öffnete die Augen und schaute sich um. Lange musste er nicht suchen, denn eine Geweihte der Herrin Travia kam mit großen Augen und Schritten auf ihn zu. Traviahold musste kurz überlegen, bis er seine Gegenüber erkannte. „Sieglinde!“, rief er aus, „Wie schön dich wiederzusehen!“ Er stand auf und beide Geweihte umarmten sich, bevor sie sich wieder setzten. „Was machst du denn hier? Man hört ja so allerlei Gerüchte über dich in der Mark!“ Die Überraschung stand Traviahold ins Gesicht geschrieben. „Gerüchte? Über mich? Was denn für Gerüchte?“ „Vermutlich stimmen die meisten wie üblich nicht, aber es heißt, du hättest einen Dämon erschlagen, bist in den Traviabund eingetreten, hast einen außerkirchlichen Orden gegründet und stehst einem Tempel vor.“ „Kloster.“ „Wiebitte?“ „Ich bin Prior eines Klosters“, lacht Traviahold. „Und es ist erschreckend, dass die Gerüchte allesamt wahr sind, also zumindest war ich bei all dem dabei.“ Sieglinde schaut ihn mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. „Jetzt schau nicht so, ich selber liege so manche Nacht wach und warte darauf, dass ich aus dem Traum erwache und wieder als einfacher Geweihter in unserer Klosterkammer erwache. Aber bisher geht dieser Traum Tag für Tag weiter.“ „Dann hast du die Gnade der zweiten Weihe erfahren?“ „An dem Tag meines Traviabundes vom Praetoren-Paar Trondbald und Helfwiege.“ „Ich kenne die beiden, habe sie aber seit einiger Zeit nicht mehr in Rommilys gesehen.“ „Nun, wenn du sie wiedersehen willst, musst du in mein Kloster bei Hochstieg kommen, sie sind ihm beigetreten.“ „Bei den Göttern! Du musst sie ja mächtig beeindruckt haben!“ „Ich weiß ehrlich nicht, ob wirklich ich der Grund war. Ach, es war eine ereignisreiche Zeit, es fällt schwer, das alles zu erklären. Aber ich bin glücklich derzeit.“ „Bei der großen Mutter, dass ist doch das wichtigste! Aber schade, dass du plötzlich schon im Traviabund stehst“, meint Sieglinde mit leicht verzerrtem Grinsen. Traviahold schaut skeptisch. „Darpatia, meine Frau, ist eine gute Frau. Mir persönlich etwas zu sehr Rondra zugeneigt, aber was soll ich von einer Feuerlilie erwarten!? Allerdings steckt hinter dem Bund auch sehr viel Politik, so ehrlich kann ich sein. Aber sie schenkt mir bald ein Kind, wie viel besser kann die Große Mutter zeigen, dass sie einverstanden ist?“ „Du wirst Vater? Glückwunsch! Aber dann wird es wohl endgültig nichts mit uns als Hohes Ehepaar?“ Traviahold lacht laut auf, doch bricht er plötzlich ab. „Du meinst das ernst?“ Sieglinde zuckt mit den Schultern. „Es gab da mal eine junge Novizin, die in stillen Momenten über eine solche Zukunft sinnierte, statt ihren Studien nachzugehen“, antwortet Sieglinde leise mit sich rötenden Wangen. „Ich ahnte ja nichts! Warum… Also, du hättest doch mal was sagen können!“ „Haha! Ich? Was mehr, als Freundschaft, konnte ich, die kleine Sieglinde aus Fischerdorf, erwarten mit Traviahold, dem Sohn des Barons von Dettenhofen, dem designierten Klostervorsteher, dem der nie dem Abort säubern musste!?“ „Was? War das wirklich so? Ich habe das nie so wahrgenommen!“ „Hast du dich nie gefragt, warum du immer als erster für die wichtigen und spannenden Aufgaben ausgewählt wurdest?“ „Nein, muss ich zugeben. Ich dachte, ich dachte, die Geweihten sehen in mit ein Potential, dass sie bei euch, warum auch immer, nicht gesehen haben.“ „Tut mir leid Herr Prior, ich wollte euch nicht verärgern. Wenn ihr mich entschuldigt, ich muss weiter, will ich heute noch das Kloster erreichen. Es war nett euch mal wieder gesehen zu haben“, sprach Sieglinde und stand auf. „Was? Wie? Warte doch!“ Doch Sieglinde war raschen Schrittes bei ihrem Pferd und ritt, ohne sich ein letztes Mal umzusehen, von dannen. Traviahold schaute ihr bestürzt hinterher. Nach einigen Momenten riss er sich aus der Starre, packe seine zwölf Sachen zusammen und machte sich ebenfalls wieder auf den Weg, jedoch in die andere Richtung.

Es war schon kurz von Torschließung, als er nach Stunden des nachdenklichen Ritts in Dettenhofen ankam. Ursprünglich wollte er noch weiter nach Hardmund, doch hatte ihn das mittägliche Gespräch zu sehr aus dem Konzept gebracht. Er kehrte in einem kleinen Gasthof Nahe des Praiostores ein, in der Hoffnung möglichst nicht erkannt zu werden. So nahm er sein Abendmahl auch nicht im Gastraum ein, sondern ließ es sich auf sein Zimmer bringen. Er schlief diese Nacht sehr schlecht, er hinterfragte seine gesamte Ausbildung und schämte sich dafür, wegen seiner Herkunft bevorzugt geworden zu sein, denn je mehr er nachdachte, desto mehr wurde ihm klar, dass Sieglinde mit allem Recht gehabt hat.

Teil VI – Blut und Tot (3)

Bibliothek

Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umblätterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Geräusch vernahm, welches jeder, der Bücher liebte, bis ins Mark erschüttern ließ. Durch unachtsames oder zu zügiges Umblättern entstand immer wieder das reißende Geräusch. Doch in Anbetracht ihrer Situation war es notwendig. Es ist nur eine Abschrift, es ist nur eine Abschrift – dachte sich Halrik jedes Mal wie ein Mantra, das man sich aufsagte, um sich selbst zu beruhigen und zwar jedes Mal, wenn er das Geräusch von reißendem Papier vernahm. Der Foliant trug den Namen „Jenseits der Sphären“ und hatte keinen bekannten Autor. Es war kein aus einer Feder stammendes Buch oder eine Sammlung verschiedener Abhandlungen – es war vielmehr eine unsortierte und wie zufällig zusammengeschobene Ansammlung von Tagebucheinträgen, Beobachtungen und kurzen Essays. Es gab weder ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis, noch ein Glossar oder Stichwortverzeichnis – es waren nur sehr viele Seiten kruder Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun hatten. Auch auf dem zweiten Blick ergab nicht jeder Teil einen Sinn. Ein Grundverständnis vom Vortex musste schon vorhanden sein, um auch nur einen Ansatz verstehen zu können, worum es in dem Folianten ging. Es war auch nicht konkret vom Vortex die Rede – ganz im Gegenteil, das Wort Vortex tauchte kein einziges Mal in dem Buch auf. Häufiger war von einem „Strudel“, „dem Weltenbaum“ oder den „Verstoßenen“ die Rede. Dass Sara’kiin die Limbusverschlingerin sich hier in Aventurien befand, war auch eher eine Theorie, die Halrik hatte – einen genauen Beweis dafür hatte er nicht. In drei nicht zusammenhängenden Erzählungen des Buches waren Beschwörungsrunen und Symboliken zur Herbeirufung von sogenannten ‚Strudelbewohnern‘ beschrieben worden. In einem gab es sogar konkrete Bilder. Er hatte die Beschreibungen und die Bilder mit den Symbolen verglichen, die Ser Gneisor zusammen mit Geron von Varnyth bei der Eroberung der Festung gemacht hatten. Es gab eine Menge Übereinstimmungen und Hinweise darauf, dass das Ritual vollzogen wurde. Daraus schloss er, dass sich Saria Fuxfell, die nun unter dem Jenseitigen Namen Sara’kiin bekannt war, herbeigeholt wurde.

Die Seiten flogen genauso wie Halriks Finger über einzelne Textpassagen. Er suchte nach Stichwörtern, welche vielversprechend klangen: „Zur Entschwörung der Jenseitigen ist mir nichts bekannt.“ Der Finger flog weiter: „ … der Schleier zwischen den Welten ist löchrig, niemand vermochte …“ Seiten wurden hastig geblättert, Papier riss: „ … wir zeichneten ein neuneckiges Zauberzeichen und in jede Ecke …“ Der Finger rutschte bis ans Ende des Absatzes: „ … in die neunte Ecke das Symbol der Kraft. Was uns fehlte, war …“ Erneut suchten Halriks Finger die Ecke um die Seite umzublättern. Ein brennender Schmerz fuhr in seinen Finger. Er besah ihn sich, Blut quoll aus dem Zeigefinger hervor, denn er hatte sich am Papier geschnitten. Normalerweise hätte er jetzt – die Seiten schützend – nach einem Verband gesucht, doch dafür hatte er keine Zeit. „Hesinde verzeih mir“, murmelte er und blätterte die Seiten um, dabei beschmierte er alles was er anfasste mit seinem Blut.

Plötzlich hörte er durch die Bibliothekstür Kampfgeräuschte. Er zuckte kurz auf und blicke herüber, sie waren so laut, dass er dachte, dass die Jenseitigen schon hinter ihm standen. Doch die Tür war unversehrt – noch. Es war Ser Gneisors Stimme, die er hinter der Tür vernehmen konnte. Sie opferten dort draußen ihr Leben, um mich zu schützen. Halriks Flut an Gedanken hörte nicht auf. Er musste jetzt etwas finden und zwar sofort. Rote Linien zogen sich wild über die Seiten, als Halrik weiter nach Anhaltspunkten suchte und dabei sein Blut quer über die Abschrift verschmierte. Der Schmerz zu wissen, dass er dabei das Buch verschandelte, wich dem Schmerz, der in ihm aufkam, als ihm immer mehr bewusst wurde, dass ihm die Zeit davonrannte und alle sterben würden. Halrik blätterte erneut um und überflog die Zeilen. „ … dort ist Magie allgegenwärtig …“ eine Blutrote Linie zog sich quer über die Seite. „ … denn alles dort IST Magie – Grenzenlos“ Halrik konnte nicht anders, er wusste nicht wie das helfen sollte, trotzdem las er weiter, als wäre da eine Stimme in ihm die ihm sagte: Das ist es! Er las die Seite zu Ende, Wort für Wort, jede Zeile verschlang er und nahm sie in sich auf. Auch die nächste Seite las er durch – er verdrängte dabei die immer lauter werdenden Kampfgeräusche. Er gab sich ganz dem Inhalt des Buches hin und verlor sich darin. Zeit und Geschehen um ihn herum wurden Bedeutungslos. Plötzlich ergab alles einen Sinn, sollte es wirklich so einfach sein? Er schlang beide Arme unter den Folianten, hob ihn an und bewegte sich zur Bibliothekstür. Von draußen vernahm er immer lauter werdendes metallisches Scheppern. Er öffnete die Bibliothekstür und schritt mit dem Folianten hinaus auf den Gang.

Zu Halriks Füßen lag Ser Gneisor, seine Rüstung war verbeult und zerkratzt. Blut quoll aus mehreren Stellen an seiner Rüstung hervor. Fünf Schritt entfernt erblickte er die schwarze Abscheulichkeit, die beiden Kämpfer hatten ihr schwer zugesetzt. Zwei Arme fehlten und der schädelähnliche Teil war zersplittert, aber dennoch hatte es kein bisschen von seiner furchteinflößenden Aura und tödlichen Kampfkraft verloren. Das vertikale Maul des Wesens flatterte schwarze Klumpen verspritzend auf, als es einen gellenden Schrei ausstieß. Halrik atmete. Zwischen zusammengedrückten Lippen, zog er kühle, nach Eisen schmeckende Luft ein. Er füllte seine Lungen, bis sie ganz voll waren. Sein Blick fixierte das Vortexwesen. Es kam näher und holte mit seinem Oger ähnlichen Arm zum Schlag aus. Halrik legte den Foliant auf den linken Arm, während er die rechte, blutverschmierte, Hand hob. Die Handfläche dem Wesen entgegen streckend, wartete er noch einen Moment. Das Vortexwesen war nun nah genug, um ihn zu erreichen. Der Ogerarm holte aus und sauste ihm mit aller Kraft entgegen. Halrik sprach mit ruhiger Stimme: „Ta‘rian!“ Der Arm des Abscheulichkeit schlug mit voller Wucht ein, es schepperte und knisterte, doch Halrik blieb unversehrt. Der Arm des Wesens schlug mit der Kraft von drei Ochsen gegen Halriks Hand und prallte dort ab, als hätte es gegen eine Wand geschlagen. Die Abscheulichkeit taumelte einen Schritt von der Gegenwucht zurück, es war jedoch entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Erneut holte es aus. Halrik änderte die Haltung seiner Hand und formte einen Trichter. Er sprach: „Croen tân!“ Noch ehe die Abscheulichkeit erneut zuschlagen konnte, leckten plötzlich dunkelrote Flammen aus der schwarzen Außenhaut des Wesens heraus. Es sah aus wie Feuer und doch war es keins. Die gesamte Oberfläche des Vortexwesens war von einem Moment auf den anderen davon überzogen – er unterbrach seinen Angriff und schrie schrill auf.  Es taumelte hilflos zurück. Halrik machte einen entschlossenen Schritt auf das Wesen zu. Die Form seiner Hand änderte sich erneut. Er sprach: „Dyrnu!“ Ein dumpfes und lautes Pochen durchdrang den Flur, als die Abscheulichkeit, wie von einem rollenden Baumstamm getroffen, nach hinten geschleudert wurde und prasselnd zu Boden ging. Die dunkelroten Flammen hinterließen auf ihrem Flugweg kleine glühende Kügelchen in der Luft die binnen eines Lidschlags verglommen. Halrik ging weiter voran. Erneut sprach er: „Dyrnu!“ – doch dieses Mal etwas lauter. Das Vortexwesen hatte keine Zeit sich zu erholen, erneut wurde es wie eine Puppe, die an einem Faden gezogen wurde, durch die Luft geschleudert und bis hindurch zum Fenster gestoßen. Das Mauerwerk dort zerbrach von der Wucht, die das Wesen mit sich brachte. Fels- und Mauersteine zerstoben in alle Richtungen – doch anstatt gemäß ihrer eigentlichen physikalischen Eigenschaften herunter zu fallen, blieben sie alle in der Luft hängen und verharrten an Ort und Stelle und die brennende Abscheulichkeit mit ihnen.

Halrik ging langsam weiter und stand nun neben Ingmar. Das Gesicht des Knappen war aufgeschnitten und nicht mehr zu erkennen. Reglos lehnte er direkt neben ihm an der Mauer. Der Studiosus wandte sich ihm zu, kniete sich hin und besah sich das Gesicht des Jungen. Dann strich er mit seiner Hand über die blutverschmierten Haare des Knappen und sprach dabei „Ia‘chau“. Binnen einen Lidschlags schlossen sich die tiefen Verletzungen in seinem Gesicht, das Blut verschwand, als würde es wie von einem Schwamm aufgezogen werden und die gesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Halrik erhob sich und drehte sich wieder zu der Abscheulichkeit, die noch immer außerhalb der Festung, von schwebenden Felsenteilen umgebend, schwebend verharrte und brannte.

Ingmar erwachte, er zog erstmal viel Luft in seine Lungen und öffnete die Augen. Er musste sich erst orientieren und sah sich um. Er musste einen Moment weggetreten sein, dachte er sich und suchte nach Orientierung. Da sah er seinen Herrn nur einige Schritt weiter am Boden liegen. „Ser!“ rief er besorgt und rappelte sich hastig auf. Als er ihn erreichte, erwachte auch Ser Gneisor gerade aus seiner Besinnungslosigkeit. „Ser! Was ist geschehen? Wo ist das Vortexwesen?“ sprach Ingmar hektisch und zog an Gneisors Arm um ihn aufzuhelfen. „Was bei Golgari … Ingmar?!“ Gneisor starrte seinen Knappen an, als hätte er gerade eben einen Toten gesehen und zog unwillkürlich seinen Arm zurück. Gneisor musste daran denken, dass wenn man stirbt, einem nahestehende und ebenfalls tote Personen, einem beim Übergang helfen wollen. „Nein Boron, noch nicht!“ rief Gneisor trotzig und versuchte sich selbst aufzurappeln, doch sein rechter Arm, der abstrakt vom Unterarmgelenk abstand, hinderte ihn daran. Ein pochend heißer Schmerz fuhr bis hoch in seine Schulter und sagte ihm ganz deutlich: Du bist noch nicht tot. „Ingmar … du … dir geht es gut, bei den Zwölfen!“ Gneisors überraschter Blick irritierte Ingmar. „Ihr müsst aufstehen, Ser … ich helfe euch.“ Ingmar überging die Aussage und zog erneut am heilen Arm des Marschalls. Dieses Mal ließ er sich helfen und beide Männer erhoben sich. Gneisor versuchte seine Gedanken zu ordnen, er war sich sicher, dass er Ingmar hatte sterben sehen – oder hatte er sich etwa geirrt? Sein Blick suchte sein Schwert. Er unterdrückte seinen Schmerz im rechten Arm und machte ein paar Schritt den Gang entlang, wo er seinen Anderthalbhänder liegen sah. Er bückte sich danach und griff mit der linken Hand nach dem Heft des Schwerts.

Da stand er plötzlich vor Ihnen, als wäre er aus dem nichts aufgetaucht. Studiosus Halrik, in der linken einen dicken Foliant haltend und die rechte darauf gelegt. „Halrik! Du lebst … wo ist … “  platze es aus Ser Gneisor heraus, der erst mitten im Satz realisierte, dass sich der schmale Studiosus verändert hatte. Beide Männer hielten Inne und Ser Gneisor packte den Heft des Schwerts fester.