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Teil VI – Die Sehnsucht nach Geborgenheit (2)

Im Kerker von Burg Rabenmund – 22. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag

Kalkarib musste den ganzen Tag im Kerker von Burg Rabenmund an Belzoras Worte denken: Heute Nacht werden wir fliehen. Immer wieder testete er sein verletztes Bein, spannte es an, drehte es und stieß es vorsichtig gegen die Wand, um herauszufinden, wie belastbar es war. Die Verbände mussten zwar dringend gewechselt werden, doch Adellindes Wundversorgung schien wirklich hervorragend zu sein, auch wenn er den Schmerz noch spürte, so würde ihn sein Bein bei einem vermeidlichen Fluchtversuch nicht allzu sehr einschränken. Doch sein Bein war nicht seine einzige Sorge, die ihn den ganzen Tag über quälte. Was, wenn er, oder dieser Radromir, der in der Lage sein soll, das Schloss auf magische Weise zu öffnen, von dem jungen Rabenmund-Spross aus der Kerkerzelle geholt werden. Der Wüstensohn spürte, wie ihm seine Sorgen die Kehle zuschnürten. Nicht, dass er etwa hätte sagen wollen, doch das Unbehagen in ihm wurde immer mächtiger. Der ganze Plan Belzoras hing an einem seidenen Faden und warum waren sie nicht schon früher geflohen, wenn sie in der Lage waren, die Kerkertür zu öffnen? Er traute sich nicht es anzusprechen, denn er wusste, jedes Gespräch mit ihr barg potenziell die Möglichkeit in sich, seine ungewollte, aber lebenssichernde Tarnung auffliegen zu lassen. Irgendwann am Nachmittag wurde ihnen eine große Schüssel Haferbrei hereingereicht, Belzora, die so etwas wie Anführein hier in Kerker war, nahm sie sofort an sich und stellte sie, ohne auch nur ein Wort zu sagen, zuerst vor Kalkarib, ohne dass sich jemand wagte dem zu widersprechen. „Hier, wenn du zuerst davon isst, ist es vielleicht nicht ganz nach deinen Gesetzen, aber besser, als wenn die anderen ihre Finger drin hatten“, sagte sie und setzte sich im Schneidersitz vor ihn hin. Würde sie ihm jetzt etwa beim Essen beobachten? „Danke, ich …“, entgegnete er mit hauchender Stimme, „… habe keinen Hunger.“ Was glatt gelogen war, er hatte sogar einen solchen Hunger, dass er jetzt einen ganzen Feigenbaum hätte leer essen können, aber als er einen Blick in die Schale warf, überkam ihn ein spontaner Würgereiz. Er hatte ohnehin noch nie verstanden, wie diese Mittelreicher diesen Schleim essen konnten, aber den Brei, den er sonst von seinen Mitreisenden kannte, sah wenigstens etwas appetitlicher aus als dieser, der ihn eher an eine Pferdetränke erinnerte, die seit Wochen nicht mehr gewechselt wurde. „Du musst etwas essen.“ Belzoras Worte waren streng, aber dennoch liebevoll, wie die Worte einer Mutter zu ihrem Kind, wenn es krank war und unbedingt etwas essen musste, um wieder gesund zu werden. „Du musst zu Kräften kommen für heute Nacht“, schob sie hinterher und tippte auf den Rand der Schüssel, wobei sie ihn mit ihren blauen Augen so fest anstarrte, dass sich Kalkarib weder traute zu verneinen, noch ihr in die Augen zu schauen. Er musste das Spiel mitspielen, das war klar, und dazu gehörte auch die Flucht aus den Fängen der mittelreichischen Adelsfamilie, die eigentlich auf seiner Seite waren. Er schluckte einen Klos im Hals herunter und holte sich, seinen Ekel beiseite schiebend, etwas von den stückigen Morast aus der Schüssel. Als er es sich in der Mund schob wollte sein Körper es am liebsten sofort wieder ausstoßen, doch er zwang sich es herunterzuschlucken. „So ist es gut, nimm noch etwas.“ Belzoras Lippen formten ein Lächeln. Sie gab einem der anderen ein Zeichen, der sich sofort an die Zellentür begab, um zu lauschen, ob draußen vor der Kerkertür jemand war. Als er den Kopf schüttelte kauerte sich die kräftige Frau auf den Boden und zischte einmal kurz, woraufhin die ganzen Insassen, die überall verstreut lagen begannen sich wie Widergänger zu erheben und um sie zu scharren. Während Kalkarib mit den zweiten ‚Bissen‘ kämpfte, zählte er das erste Mal, wie viele es waren. Aufgrund des kleinen Fensterspalts und der auf- und übereinander liegenden Personen war es ihm bisher schwergefallen. Er zählte, mit sich und Belzora, insgesamt 15 Gefangene. Ob das reichen würde, um eine voll ausgestattete und alarmierte Wachmannschaft zu überwältigen und von einer gesicherten Burg zu entkommen? Er zweifelte daran, doch andererseits blieb ihm nichts anderes übrig, denn auf Rettung zu warten war für ihn keine ernstzunehmende Option. Nach dem zweiten widerlichen Happen vom Brei beschloss Kalkarib die Schüssel an die anderen weiterzugeben und gesellte sich zu der verschwörerischen Runde dazu, angeführt von der blonden Tobrierin, deren schmutzigen Oberschenkelmuskeln in der hockenden Pose noch mehr als sonst zur Geltung kamen. „Der Plan ist folgender …“, begann sie im leisen Tonfall und berichtete detailliert davon, wie sie vorgehen würden. Dabei wurde Kalkarib auch klar, wieso sie nicht schon die letzten Tage versucht hatten zu fliehen: Sie hatten kurz vor Kalkaribs Ankunft vernommen, dass heute, in der Nacht vom 22. auf den 23. Peraine, erneut ein Großteil der bewaffneten Mannschaft ausreiten würde und nur eine Minimalbesatzung auf der Burg zurückbleiben würde. Das heißt, ihre Chancen zu fliehen würden steigen. Dieser Radromir, so schätzte es Kalkarib zumindest ein, musste ein Scharlatan oder soetwas sein, der ein paar kleine Zaubertricks konnte, darunter unter anderem einen, mit dem er Schlösser öffnen konnte. Belzoras Plan war es, die Nachtwache zu überwältigen und zur Rüstkammer zu kommen, um sich und die anderen die bewaffnen. Kalkarib hoffte, dass auch seine Sachen dabei sein würden, denn mit den Waffen der Mittelreicher war er nicht vertraut. Einer von ihnen, ein schlanker Mann, dem an der rechten Hand zwei Finger fehlten und der immer wieder hektisch mit einem Auge zwinkerte, schien den Aufbau der Festung gut zu kennen, denn Belzora erwähnte, dass er schon mal hier war und sie ihm folgen müssten, um zu einem geheimen Ausgang zu kommen. Sie konnten schlecht die Festung über das geschlossene Haupttor verlassen. Das Gitter hochzuziehen und das schwere Holztor zu öffnen, würde zu viel Aufsehen erregen, zumal sie wahrscheinlich zu wenige waren, um dies zu bewerkstelligen. Warum der ‚fingerlose‘ Mann, den Kalkarib gedanklich ‚Halbhand‘ taufte, Burg Rabenmund so gut kannte, dass er sogar den geheimen Ausgang kannte, war ihm schleierhaft, doch im Moment war er eine sehr wichtige Person für den Erfolg ihrer Flucht, weshalb Belzora befahl, dass er auf jeden Fall zu beschützen sei. Er war es auch, der wusste, wo sich die Rüstkammer befand. In verschwörerischem Tonfall schloss Belzora dann die Unterredung: „Das ist der Plan. Denkt daran, egal wer von uns dieser Nacht von dem Rabenmund-Kind ausgewählt wird, muss dichthalten. Wir werden keinen Aufstand wagen, egal wer geholt wird. Wir werden so oder so kurz danach ausbrechen und ihn befreien, also spielt auf Zeit.“ Die Männer und Frauen nickten. Das war ein kluger Schachzug von ihr, dachte sich Kalkarib. So versicherte sie sich, dass der oder diejenige Stillschweigen bewahren würde bei der Folter. Sie sagte das mit einer solchen Überzeugung, dass sich der Novadi nicht sicher war, ob sie wirklich die Wahrheit sagte, oder ob es nur ein Mittel war, um den Fluchtplan sicherzustellen. Es gab also zwei Schlüsselpersonen für den Erfolg, Radromir der Scharlatan, der Schlösser öffnen konnte und ‚Halbhand‘, der wusste, wie der schnellste Weg zur Waffenkammer war und wo sich der geheime Ausgang befindet. Kalkarib prägte sich die Gesichter der beiden gut ein, denn alle anderen waren entbehrlich. Da ertappte er sich bei dem Gedanken, dass das nicht für Belzora galt, denn in seinem Verständnis von Ehre schuldete er ihr etwas. Er war sich nicht sicher was, aber er stand in ihrer Schuld.

Die Stunden bis zum Abend waren zäh wie Trockenfleisch, es fiel Kalkarib schwer, einen klaren Gedanken zu fassen und sich zu fokussieren. Wie er doch die Gebete zu Rastullah vermisste, sie gaben ihm Fokus und Klarheit im Geist, befreiten ihn von liderlichen Gedanken und reinigten seine Seele. Seit Tagen hatte er nun nicht mehr gebetet und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er seinen Gebetsteppich wohl nicht in der Waffenkammer finden würde. Doch wenn er erst einmal draußen sein würde, könnte er sich zum Gebet wenigstens etwas von den anderen zurückziehen, der All-Eine würde es ihm verzeihen. „Kalkarib?“, hörte er die Stimme Belzoras, die ihn aus seinem Gedankenpalast riss. „Ja, was ist?“, sagte er im barschen Tonfall. „Bist du bereit für heute Nacht?“ „Ja, bin ich.“ Was hätte er auch anderes sagen sollen? „Ich meine wegen deinem Bein – kannst du gehen?“, erkundigte sie sich und schien ernsthaft besorgt zu sein. Kalkarib setzte sich auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kerkerwand und sah sie an. Ihr strubbeliges langes Haar umspielte ihr markantes Gesicht und ihre Augen sahen ihn auf eine Weise an, die in ihm gleichwohl Unbehagen und den Drang nach Vertrautheit hervorriefen. Noch immer war ihm nicht klar, was die kräftige Frau in ihm auslöste, noch nie zuvor hatte er für eine andere Person solche Gefühle empfunden. „Es wird gehen, mach dir um mich keine Sorgen“, sagte er im typisch novadischen Akzent und so willensstark er im Moment konnte, denn er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Auch wenn ihm inzwischen klar war, dass sie aus absurd ersthaft persönlichen Interesse fragte und nicht aus takischen Gründen, um herauszufinden, wer das schwächte Glied in der Kette war, so wollte er aus ebenso absurden Gründen ihr gegenüber Stärke demonstrieren. Sie beugte sich plötzlich vor und ihr würzig-weibliches Odeur drang in Kalkaribs Nase, er erstarrte, als sich ihre Gesichter direkt voreiander befanden. Sie wollte ihn küssen und er war erschreckenderweise bereit dafür, doch dann schob sie ihr Gesicht im letzten Moment an dem seinen vorbei, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, wobei ihre langen blonden Haare an seinen Wangen kitzelten und er sofort eine aufsteigende Wärme der Erregung in sich spürte. Er war in dem Moment hellwach und atmete tief aus, während er ihre warme Stimme an seinem Ohr vernahm: „Ich geb auf dich acht. Ich bring dich hier lebend raus.“ Seine Lippen zitterten, als er die Worte vernahm, die Aussicht nach Geborgenheit in ihm wurder größer denn je. Sie tätschelte noch ein letztes Mal zärtlich seine Wange, bevor sie sich zurückzog, um ihre Wadenwickel etwas strammer zu wickeln. Er vermochte nicht zu sagen warum, aber in ihm sprang sein angeborenre ‚Beschützerinstinkt‘ an: ER sollte SIE beschützen, und nicht andersherum. Er musste ihr gegenüber Stärke beweisen, doch er wusste nicht wie. In seinem Zustand war er dazu kaum in der Lage. Doch dann änderste sich adhoc seine Stimmung, als er sich dabei ertappte, wie er daran dachte, sie, die ihm völlig Fremde Tobrierin, zu beschützen. Kalkarib schämte sich, er versuchte an sein Weib, Delia, und an seinen Stammhalter zu denken, er musste die unreinen Gedanken aus seinem Kopf verbannen. So verbrachte er die nächsten Stunden damit an Zuhause zu denken, an El’Trutz und wie friedlich alles sein würde, würde er doch nur mit Delia wieder vereint Zuhause sein können. Doch die Gedanken an Delia und seine Heimat waren nicht von langer Dauer, irgendwann begann er erneut daran zu denken, wie es ihm gelang, Belzora und den Anderen Stärke zu beweisen und in ihm gährte ein Plan.  

Spät am Abend war die Nacht war schon lange über Burg Rabenmund hereingebrochen und der schmale Streifen Licht, der die Kerkerzelle nur spärlich erhellte, war schon längst fort, als Schritte vor der Tür zu vernehmen waren. Sofort machte sich Anspannung breit, denn jeder wusste, dass dieser Moment nicht nur über den Ausgang ihres Fluchtplans entscheiden konnte, sondern auch über das eigene Leben. Sie hörten eine kurze Unterhaltung und das Ausstoßen eines Gelächters, anscheinend war den Wachen zu scherzen zumute. Das Schloss ächzte, als die Wache den Schlüssel herumdrehte und als die Tür aufschwang fiel das erste Mal seit Stunden wieder Licht in die Zelle. Zwei massige Wachen, mit den Händen an ihren Schwertknäufen, schoben sich hinein, dicht gefolgt von dem adrett gekleideten jungen Rabenmund-Sprössling mit den Rabensymbolen auf der Gürtelschnalle. Fast zwei Köpfe war er kleiner als die Wachen, die beim Hereinkommen hier und dort die Insassen beiseitetraten, um dem Jungspund Platz zu machen. Ein jeder verbarg sein Gesicht im Stroh oder blickte zur Wand, als sich der Spross arrogant in der Zelle umsah. Auch Kalkarib schaute weg und konnte nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Sein Gesicht war zu Belzora gedreht und im schwachen Laternenlicht trafen sich ihre Blicke. In ihren Augen spiegelte sich das Licht wider und für einen Moment musste er an den klaren Sternenhimmel in Mhanadistan denken, den er so sehr vermisste. Da wurde ihm schlagartig klar, wie er Stärke zeigen konnte. Während der Jüngling sein nächstes Opfer aussuchte, vergingen die Momente quälend langsam, in denen nur gelegentliches Scharren im Stroh oder ein verängstiges Wimmern zu hören war. Dem Wüstensohn war klar, dass der Rabenmund-Bengel jeden Moment genoss, in dem der kleine Raum mit Angst vor ihm geschwängert war. Doch Kalkarib wusste es besser. Das war nur ein unerfahrener Jungspund und er musste dies den anderen beweisen. Er musste den jungen Mann ansehen, um allen anderen und vorallem Belzora zu zeigen, dass er mutiger war sie, denn er war ein tapferer Streiter Al’Salis, ein stolzer Sohn der Wüste, der sogar schon die Niederhöllen überlebt hatte. Er drehte sich leicht, so dass er ihn direkt anblicken konnte und was er sah, erfüllte seine Erwartungen: Er sah einen jungen und hageren mittelländischen Bengel, der ein süffisantes Lächeln auf den Lippen hatte und dessen Augen den Raum nach dem nächsten Opfer sondierten. Als sich ihre beiden Blicke trafen, zwang sich Kalkarib, den Blick nicht von ihm abzuwenden, denn er, Kalkarib al’Hashinnah, war kein feiger Mann, er war besser als dieser ehrlose Wicht. „Was tust du?“, hörte er zwischen zusammengebissenen Zähnen Belzora zischen, gerade so laut, dass nur er es hören konnte, während sich die schmalen Lippen des Jünglings zu einem süffisanten Lächeln formten. „Den da“, tönte er selbstsicher und streckte einen Finger mit sichtlich sauberen Fingernagel nach ihm aus. Ohne Umschweife machten sich die Wachen daran Kalkarib zu holen und er war bereit dafür, er hatte sich extra so hingelegt, dass er den ersten mit einem Fussfeger ins Straucheln bringen oder gar zu Fall bringen konnte. Den zweiten mussten die anderen übernehmen. Er würde sich nicht feige dem Schicksal ergeben, er war bereit das Heft in die Hand zu nehmen und ehrhaft zu kämpfen. Doch noch ehe er zum Fußfeger ansetzen konnte, war Belzora schon aufgesprungen. Wie konnte sie nur so unmenschlich schnell auf den Beinen sein? Die erste Wache ächzte und brach kurz darauf zusammen, anscheinend hatte sie ihm im Halbdunkel einen mächtigen Tiefschlag in den Unterleib verpasst. Kalkarib wollte aufspringen, ihr helfen, doch der Wachmann stürzte unglücklich, samt des Gewichts seines Kettenhemds, auf seine Beine und sofort schoß ihm gellender Schmerz bis hoch in den hinteren Rücken, der ihn kurzerhand betäubte. Um ihn herum brach ein Tumult aus, den er aufgrund der betäubenden Schmerzen nicht richtig wahrnahm und erst, als er wieder zu sich kam, blickte er zur Tür, wo er sah, wie drei Wachen die betäubte Belzora aus dem Raum schleiften. Kalkarib setzte sich mühevoll auf. Es war zu spät, um zu helfen. Niemand anderes im Raum hatte die Initiative ergriffen, sie alle kauerten sich so dicht sie konnten an die Wände, denn hier war jeder sich selbst der nächste. Der Jüngling verließ als letzter die Kerkerzelle, und trug, und das war für Kalkarib Genugtuung genug, Furcht in den Augen und einen filigranen Dolch in den zittrigen Händen. Also war es eben doch nur ein Kind in feinen Stoffen, dem man zu viel Macht gegeben hatte. Erst, als das Schloss wieder zugeschlossen und es finster in der Zelle war, wurde sich Kalkarib wirklich bewusst, was gerade geschehen war. Belzora, seine einzige Verteidigungslinie und die starke Anführerin des Zellenaufstands war soeben, wegen ihm, aus der Zelle abgeführt worden und somit Opfer ihrer eigenen Worte. Denn sie war es selbst, die wollte, dass es keinen Aufstand gibt, egal wer heute geholt wird. Noch ehe die Stimmung in der Zelle kippte, musste jemand etwas tun und dieser jemand war Kalkarib.  

Raus aus der Stadt

Als im Flussvater in der Reichskonkressstadt Elenvina der Abend nahte und die Audienz der Helden bei der Königin näher rückt, erhebt sich die Botin Firus mitten im Gespräch im Kreise ihrer Gefährten und unterbricht dieses mit den Worten:

„Ich gehe raus.“

In die fragenden Gesichter ergänzt sie ruhig:

„Raus aus der Stadt. Ich muss ein wenig nachdenken und zu mir kommen. Voltan muss warten.“

Sie macht auf dem Absatz kehrt und gibt Grojesh und Elfenbein ein stummes Zeichen Richtung Tür. Draußen führt ihr Weg sie direkt aus der inzwischen vertrauten Stadt hinaus. Den Hinweis der Stadtwache, dass die Dämmerung bald einsetze, entgegnet sie mit einem wortlosem Nicken und einem kleinen wissenden Lächeln. Da sich die Stadt in einer Flussbiegung befindet, wendet sich sich gen Firun, wo sie in der Ferne einen kleinen Wald erkennen kann. Sie pfeift ein paar Mal laut in die Ebene hinein, bis ein Blaufalke auf ihrer ausgestreckten Hand im Sturzflug landet. Nach kurzer inniger Liebkosung wirft sie ihn lachend in die Luft und rennt was ihre Beine hergeben die Hügel hinauf. Der Wind zerzaust ihr langes Haar. Doch sie achtet nicht darauf. Endlich frei kennt sie kein Halten mehr. Sie fühlt sich wie ein junger Wolf: ungehemmt und wild. Die Reisenden auf der nahen Reichsstraße würdigt sie keines Blickes.

Am Waldrand kommt sie langsam zum Stillstand. Ergriffen starrt sie in das grüne Dämmerlicht und verharrt einen Augenblick lang schweigend. Sie fühlt zunächst nichts. Die wiedererkennende wohltuende Vertrautheit setzt noch nicht ein. Erst als sie ein paar Schritte hineinsetzt, beginnt sie endlich die Geräusche und Gerüche intensiver wahrzunehmen. Das Rascheln der Blätter ist ihr ebenso willkommen, wie der liebliche Gesang der Vögel. Erneut bleibt sie kurz stehen und nimmt die Gegend in sich auf. Dann holt sie ihr grünes Tuch hervor, mit welchem sie manchmal ihre Haare bändigt, und verbindet sich die Augen.

„Die Stadt macht blind.“ Seufzst sie. „Es bedarf der Erinnerung an das Wahrhaftige.“

Erst vorsichtig, dann immer sicherer, wählt sie ihren Weg durch das Dickicht. Dabei meidet sie bewusst die Wildwechsel der heimischen Tierwelt. Elfenbein und Grojesh folgen ihr stumm. Adaque hat es sich auf ihrer Schulter bequem gemacht und zupft an seinem Gefieder. Sie gingen lange, ehe sie zufrieden ist und auf einer kleinen Lichtung halt macht. Sorgfältig sucht sie die Gegend ab. Nichts, wirklich nichts, bleibt ihrem Blick verborgen. Alles erstrahlt für sie in reinem blau und rot. Kein dämonisches lila und kein schwarz des Vortex verunreinigt diesen Ort. Ein wenig fühlt sie selbst sich etwas fremd, denn sie weist außer dem ureigenem rot an gewissen Stellen gelb und weiß auf. Aber ein Blick auf Elfenbein genügt, um sie mild zu stimmen.

Was gibt es reineres als das weiß der Götter? Wir haben jedes Recht hier zu sein. Wobei … wo Licht ist, ist auch Schatten. Das Chaos wird vielleicht von der göttlichen Ordnung angezogen … nein.

Sie schüttelt den Kopft, um diese Gedanken ebenfalls abzuschütteln. Sie ist heute aus einem anderen Grund hier. Sie möchte nachdenken. Und zwar über die Wahl zum Greifenreiter. Sie ist überzeugt davon, dass die Menschen ihren eigenen Weg gehen müssen. Zum Guten oder zum Bösen.

Man muss sie ihre Entscheidung treffen lassen. Ein jeder hat und verdient eine Chance. Vielleicht auch eine Zweite. Und trifft ein Mensch die falsche Entscheidung muss er auch die Konsequenzen tragen. Alles hat Konsequenzen. Auch mein Aufenthalt hier? Vielleicht wird dieser idyllische durch uns Ort entweiht.

Erneut schüttelt sie den Kopf. Sie lacht.

Welch ein absurder Gedanke. Wir sind die Natur.

Plötzlich knackt es neben ihr laut im Gebüsch. Grojesh betritt ebenfalls die Lichtung. In seinen riesigen Händen hält er die Früchte des späten Frühlings für sie bereit.

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Azinas Gedanken

Brief an Boron-Geweihten

 

An den Diener des Raben Bedwyr Küferhilf
Elenvina, 05. ING 1027 BF


Boron zum Gruße Euer Gnaden,

meine Name ist Bothor dylli Memnos und ich erbitte Eure Hilfe. Ich wende mich an Euch, da ich mich für die Dauer des Reichskongresses in Elenvina aufhalte, bevor ich mich weiter gen Firun in Richtung Winhall aufmache. Ich reise im Auftrag seiner Exzellenz dem Raben von Punin und seiner Hochwürden Stygomar von Gareth zum Wohle der Götter, der Kirche und des Reiches. Da ich selber nicht den Segen der Weihung erfahren habe, benötige ich Eure Expertise und Unterstützung in einigen speziellen Fragen. Entschuldigt, dass ich in diesem Schreiben nicht konkreter werde, Ihr werdet es verstehen, sobald wir uns treffen sollten. Ich hoffe, Euch erreicht dieses Schreiben bei Zeiten und Ihr könnt Eure Zeit für mich aufwenden. Es deucht mir, dass es zu Eurem Schaden nicht soll sein.

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Bothor dylli Memnos

Brüderlicher Brief

An den ehrenwerten Kontoristen Phexion Memnos in Grangor
Elenvina, 01. ING 2519 Horas

Mein geliebter Bruder Phexion,

mögen die Götter dir gütig sein. Ich weile derzeit in Elenvina, da die mittelreichischen Hoheiten um meine Präsentia beim Reichskongress baten. Wie du aus diesem Bonmot auslesen kannst, verlief meine Reise nicht ganz, wie gedacht. Allerdings würden die genauen Vorkommnisse die Möglichkeiten eines Scripitissimus überschreiten. Dir sei gesagt, mir geht es körperlich und geistig den Circumstancien entsprechend gut. Außerdem reise ich in durchaus spannender Cliquess. Wie dem jedoch sei, ich würde dich bitten, mir einen kleinen Credit von vielleicht 100 Dukaten zu gewähren. Auf der Reise hatte ich ungeplante Emissionen und werde diese vermutlich auch weiterhin haben.
Ansonsten hoffe ich, dass es dir, deiner geliebten Lanike und den beiden Piccolos gut geht und ihr euch beide bester Gesundheit erfreut. Bitte grüße in deinem nächsten Epistel Vater, Lynkea und Phoroneus herzlich von mir.

Anbei gewähre ich dir mit diesem Schreiben sogleich die Prokuration, den gewährten Credit in voller Höhe sich von meinem Secetarius in Rethis zurückzahlen zu lassen.

Beste Grüße
Bothor

Teil VI – Sehnsucht nach Geborgenheit

Irgendwann und Irgendwo
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Belzora

Zeit – ein Begriff, über den sich Kalkarib noch nie so sehr Gedanken gemacht hatte, wie in den letzten Stunden. Laut Belzora war er nur ein paar Stunden, bevor er das erste Mal aufgewacht war, von seinen Peinigern in die Zelle geworfen worden. Da zu der Zeit noch Licht schien, lag die Vermutung nah, dass es noch der selbe Tag war, wie der, an dem er entführt wurde, sicher war er sich jedoch nicht. Er lag wach, das Schwindelgefühl hatte ihn fürs erste verlassen, zumindest solange er ruhig dalag. Kein Licht drang mehr durch den schmalen Spalt, es musste irgendwann mitten in der Nacht sein. Um ihn herum lagen ein dutzend schnarchender Mitinsassen. Eng an Eng und sogar teils übereinander lagen sie auf dem harten Boden, der mit einer kaum erkennbaren Schicht altem und nassen Strohs bedeckt war. Dank Belzora hatte Kalkarib ein eigenes kleines Plätzchen an der Wand und musste nicht mit den anderen in den Körperkontakt gehen. Im Laufe des Tages hatte Kalkarib einen neuen Höhepunkt an Ekel in seinem Leben erreicht, als er schockiert mitansehen musste, dass der selbe Eimer, aus dem alle Menschen in der Zelle noch am Tage tranken, sich am Ende des Tages entleerten. Auch wenn er sich weggedreht und sich die Ohren zugehalten hatte, so wusste er, dass nur anderthalb Schritt von ihm entfernt ein Eimer voller menschlicher Ausscheidungen stand, den sie nicht einmal abdecken konnten und der deshalb den Raum in eine nicht erträgliche Stinkwolke hüllte, an die er sich zu seiner eigenen Beschämung inzwischen gewöhnt hatte.

Es war tief in der Nacht, während das Madamal einen schwachen Schein durch das schmale Fenster warf, als Kalkarib sich der vollen Tragweite seiner neuen Situation wirklich bewusst wurde. Er war in einem ihm unbekannten, nassen und kalten Kerker gefangen. Seine Peiniger hielten ihn für einen Anhänger Galottas und hatten ihn mit solchen eingesperrt. Er hatte keinen Beweis bei sich, der seine Worte hätte bekräftigen können, dass er eigentlich mit einem mittelländischen Ritter reiste und auf ihrer Seite stand. Er wusste nicht wie es Adellinde und Sieghelm erging, ob sie überhaupt noch am Leben waren und wenn ja, ob sie wussten in welche Not er geraten war und ob sie ihn aus dieser misslichen Lage befreien konnten. Kalkarib schämte sich dafür, aber im Moment war Sieghelm seine einzige Hoffnung auf Rettung. Auch wenn Kalkarib es nur ungern zugab, das Wort des Reichsritters hatte Gewicht in diesem Land und wenn er hier auftauchen und sagen würde: ‚Der dort gehört zu mir‘, dann würde Kalkarib entgegen jeglicher Vorsätze mit Freuden zustimmen und sich von ihm aus diesem Kerker befreien lassen. Im Stillen betete er zu Rastullah, dass er Sieghelm und Adellinde hierher führen würde, um ihn zu befreien. Er wusste nicht, wie lange er hier noch als Schaf im Wolfspelz das Spiel mitspielen konnte und ob sie ihm am Leben lassen würden, wenn herauskommt, dass er eigentlich auf der Seite des Mittelreiches stand. Wie sich das anhört, dachte sich Kalkarib. ‚Auf der Seite des Mittelreichs‘ – er hätte nie von sich gedacht, dass er einst so denken würde. Doch hier im Kerker gab es nur ein ‚die‘ oder ‚wir‘. Er wog seine Chancen ab, ob er Belzora erklären sollte, dass er eigentlich nicht zu Dschafars Truppen gehörte, sondern einfach nur ein Mann aus Mhanadistan war. Doch auf die Frage, was im Rastullahs Namen ein Novadi dann während des Krieges hier zu suchen hatte, fiel ihm keine wasserdichte Antwort ein. Also musste er die Maskerade vorerst weiterspielen, denn ihm bleib keine Wahl – zumal er so den Vorzug hatte, dass solange er es mitspielte, Belzora ihre schützende Hand über ihn hielt. Zumindest solange er noch angeschlagen war, musste er mitspielen, auch wenn sich damit die Entschuldigungen an Rastullah nur noch weiter häuften. Er vermisste seinen Gebetsteppich, zu gerne würde er nun zum Alleinen beten, um auf diese Weise ein wenig Ruhe und Einklang finden zu können. Doch seine Peiniger hatten ihn ihm genommen. ‚Was sind das nur für Unmenschen?‘, fragte er sich und verfluchte sie dafür, dass sie ihm nicht mal seinen Gebetsteppich gelassen hatten. Selbst in den Kerkern in Mhanadistan ließ man den Gefangenen ihre Teppiche – denn niemals würde ein anständiger Novadi auf die Idee kommen, damit etwas anderes anzustellen, als ihn für das Gebet zu nutzen.

Plötzlich hörte Kalkarib Schritte, die der Kerkertür näher kamen. Aus seinen Gedanken gerissen lauschte er ihnen. Es waren mehrere Personen und sie hielten direkt vor ihrer Kerkertür an. Durch einen sehr kleinen Schlitz in der Tür fiel Fackellicht ins Innere des Kerkers. Kalkarib überlegte, ob er sich vorsichtig hinstellen sollte, um mit den Kerkermeistern zu reden und sich zu erklären. Doch egal wie leise er zu Ihnen sprechen würde, die anderen im Raum würden seine Worte zweifelsohne mitbekommen und die Maskerade hätte ein jähes Ende. Also blieb er liegen, so wach wie man nur sein konnte, denn er verspürte Angst vor dem, was er jetzt kommen mochte. Die Tür wurde aufgesperrt und geöffnet, während das Kerkerinnere nun durch das Fackellicht in Gänze erhellt wurde, wurden seine Mitinsassen zum Teil wach, hielten sich die Hände vor die Augen oder drehten sich weg. Kalkarib blinzelte vorsichtig, um zwar sehen zu können was passierte, aber um nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von seiner Position aus konnte er zwei bewaffnete Wachen ausmachen, die sich in ihm unbekannten Wappenröcken in die Tür schoben. Zwischen ihnen stand ein junger, gerade einmal fünfzehn Sommer zählender Bursche mit neugierigem Blick. Seine Kleidung war ungewöhnlich fein und verziert, seine Stiefel so sauber, dass sich der Fackelschein darin widerspiegelte und sein Gürtel war mit mehreren golden glänzenden Beschlägen punziert, auf denen ein Vogel in verschiedenen Positionen zu sehen war. Kalkaribs Blick fiel auf seine Dolchscheide an dessen Gürtel, in dem ein ebenfalls verzierter und silberner Dolchgriff steckte. Der Junge sah sich neugierig im Kerker um. War er etwa so jemand wie Sieghelm, der nun jemanden, der auf unglückliche Weise hier gelandet war, befreit? Zumindest war dies Kalkaribs erster Gedanke. Der Bursche deutete auf einen Mitgefangenen. „Den das“, sagte er in freudiger Erwartung. Offensichtlich hatte der Busche jemanden wiedererkannt, was Kalkaribs zweiter Gedanke war. Doch als die Wachen den Mann laut protestierend, wimmernd und unter lautem Hilfegeschrei aus der Kerkerzelle schleiften, verwarf Kalkarib seine beiden Gedanken. Alle anderen Insassen sahen hilflos zu, selbst Belzora tat nichts, als der Mann Anfang zwanzig unter offensichtlicher Todesangst aus der Zelle gezerrt wurde. Als die Kerkertür wieder ins Schloss fiel und abgeschlossen wurde, kehrte zuerst keine Stille ein. Der entführte heulte und schrie noch eine Weile – doch die Stimme entfernte sich und irgendwann endete sie abrupt. In der Kerkerzelle war schon vor der Tat eine bedrückende Stimmung, doch nun konnte Kalkarib förmlich spüren, wie sich Angst und Verzweiflung noch tiefer in die Seelen der Männer und Frauen brannte. Kalkarib lag noch eine Weile wach, denn er zermarterte sich den Kopf, was mit dem Gefangenen wohl passierte. Wurde er verhört? Wurde er gefoltert? Oder beides? Wenn er solche Angst hatte, dann war es nicht das erste Mal, dass das passierte und konnte es auch ihn treffen? Was wenn sich die Kerkermeister entschieden IHN rauszuholen? Zumindest wäre er dann mit ihnen alleine und konnte ihnen, ohne Angst enttarnt zu werden, seine ganze Geschichte erzählen – doch würden sie ihm glauben schenken? Zweifel nagte an Kalkarib, und die Angst, hier in der Kerkerzelle sein Ende zu finden, stieg in ihm auf. Er würde sein hübsches Weib und seinen liebevollen Sohn nicht mehr wiedersehen, zudem würden sie in der Ungewissheit leben müssen, was mit ihm passiert war, denn niemand – nicht einmal Sieghelm – konnte wissen, was mit ihm passiert war. Er wusste schließlich selber nicht, wo er sich befand. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass sie ihn aus einer misslichen und hoffnungslosen Situation befreiten. Kalkarib gab die Hoffnung nicht auf, dass er hier lebend rauskam, er wusste nur noch nicht wie. 

Am nächsten Morgen, als die Kerkermeister den Eimer gegen einen – so hoffte er es zumindest – frischen Eimer mit Wasser tauschten, machten sich erstmal alle über das kühle Nass her. Belzora hatte den Wächter tatsächlich gefragt, ob sie für ihren Novadifreund eine Extraschüssel hätten, da er wie sagte wegen seines Glaubens, eine eigene Schüssel bräuchte, was die Wache jedoch verneinte. Kalkarib hatte das mit der Schüssel wegen der Ereignisse der Nacht schon vergessen gehabt, weshalb er umso verwunderter war, dass sich die blonde und kräftige Frau am nächsten Morgen daran erinnerte. Kalkaribs Schwindelgefühl wurde besser, und seine Verletzung am Bein schmerzte auch nicht mehr so sehr. Inzwischen war er sehr froh, dass eine fachkundige Heilerin und nicht er selbst sein Bein versorgt hatte. Rastullah allein wusste, ob es sich unter diesen Bedingungen wohl sonst entzündet hätte. „Geht es dir besser?“, erkundigte sich Belzora und reichte ihm eine Schüssel Wasser, damit er nicht selbst aufstehen musste. Neben ihr wirkte der schlanke Kalkarib wie ein Kind. Ihre Oberarme waren fast so groß, wie die von Sieghelm und ihre Schenkel waren so stark, dass sie damit bestimmt einen ganzen Baumstamm alleine anheben konnte. Kalkarib war immer wieder aufs Neue verwundert, wenn er sich mit ihr direkt neben sich verglich. „Es geht schon besser“, sagte er und trank etwas Wasser, das seinem rauen Hals guttat. Dann fasste er den Mut zu fragen: „Belzora, kannst du mir sagen, was in der Nacht passiert ist? Du hast es doch bestimmt auch mitbekommen.“ Sie lehnte sich gegen die Steinwand und starrte geradeaus. Ihr Blick wurde leer, als sie begann davon zu berichten. „Das geht hier schon seit dem Tag unserer Gefangenname so. Jeden Abend holt er einen von uns raus.“ Sie atmete tief durch und ihre Stimme wurde zittrig. „Manchmal hört man noch stundenlang danach Schreie und manchmal, so wie gestern, wird es schnell still. Keiner von ihnen ist bisher zurückgekehrt. Mögen die Götter über sie wachen.“ Der letzte Satz, den sie nachschob, verwunderte Kalkarib etwas. Erwähnte Sieghelm nicht, dass diese Leute die Dämonen anbeteten? Doch das war im Moment nicht wichtig. „Wer ist er … und wen holt er sich?“, fragte er, denn er wollte einschätzen, ob er es entweder beschleunigen oder verlangsamen wollte ‚ausgewählt‘ zu werden. „Wir sind hier auf Burg Rabenmund, ich dachte, das wüsstest du. Das ist die Stammburg der Familie und der Bursche, der jede Nacht zu uns kommt, ist der aktuelle Burgherr, da alle anderen seiner Familie fort sind – er kann also machen, wonach ihm beliebt.“ Kalkarib schluckte. Der Name Rabenmund sagte ihm etwas, er hatte ihn aus Sieghelms Erzählungen schon mal gehört und er glaubte, dass bei der Frühlingsturney auch welche dabei gewesen sein sollen. Es musste wohl eine bedeutende Familie des Mittelreiches sein, dachte er sich. Das erklärte ihm auch die Vogelmotivik am Gürtel des Jungen – es waren Raben. „Ich kann mich doch nicht an alles erinnern“, log der Wüstensohn und tat so, als würde er noch immer unter Gedächtnisverlust leiden. „Wo liegt diese Burg? Ist sie weit von …“ Dieses Mal hatte Kalkarib den Namen tatsächlich vergessen. „… ähm, diese Burg wo die ganzen Praiosdiener wohnen, entfernt?“ Kalkarib kam sich dämlich vor, er wünschte sich bei Sieghelms Erzählungen öfter zugehört zu haben. In seiner aktuellen Situation hätte es ihm geholfen, mehr über das Land und die Leute zu wissen. Es war jedoch seiner eigene Arroganz und Stolz geschuldet, dass er so gut es ging vermied, mehr darüber zu lernen, denn Kalkarib redete sich stets ein, dass er sich hier nicht lange aufhalten würde und es daher nicht notwendig war, so viel über das Land und die ganzen Adelsfamilien zu wissen. „Sprichst du von Burg Auraleth? Mensch, Kleiner – du hast ganz schön was abbekommen.“ Belzora knuffte ihn vorsichtig an der Schulter, doch auch ihr kumpelhafter Schlag war kräftig genug, um Kalkarib ins Wanken zu bringen. Als Kalkarib nickte, fuhr sie fort: „Die Stammburg der Rabenmund liegt etwa zwei Tagesreisen von Burg Auraleth entfernt.“ Kalkarib traf der Schlag: Zwei Tage?! Er war ganze zwei Tagesreisen von den anderen entfernt? Jetzt war er sich auch nicht mehr sicher, ob er noch am selben Tag im Kerker angekommen war. „Welcher Tag ist heute?“ Kalkaribs Stimme zitterte, als er die Frage stellte. Belzora blickte prüfend zum Fensterschlitz, wo die Sonne wieder den Eimer in der Mitte des Kerkers erhellte. „Heute müsste der 22. des Monats sein.“ Kalkarib versuchte sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen, doch in ihm zerriss etwas. Er wurde am Mittag des 18. entführt – zumindest nach der mittelländischen Zeitrechnung. Das bedeutete, dass schon vier Tage vergangen waren und da weder Sieghelm noch Adellinde hier aufgetaucht waren, konnte das nur bedeuten, dass sie entweder selber in einer Notsituation steckten, ihn noch immer suchten oder ihn für tot erklärt haben. Seine Hoffnung schwand von Moment zu Moment. „Hey Kleiner, mach dir keine unnötigen Sorgen.“ Sie knuffte ihn wieder freundschaftlich, anscheinend hatte er seine Verzweiflung nicht gut genug verborgen. „Ich habe schon einen Plan wie wir hier rauskommen“, flüsterte sie im verschwörerischen Ton und legte ein breites, gewinnendes Lächeln auf. Es war das erste Mal, dass er sie lächeln sah und zu seiner eigenen Verwunderung, sah sie unter der dicken Schicht aus Schmutz und Kratzern im Gesicht gar nicht so schlecht aus. Sie war zwar nicht wirklich sein Typ, aber wenn ihr blondes Haar gewaschen und ihr Körper und Gesicht gepflegt waren, würde sie bestimmt eine ansehnliche Frau sein. Ihr muskulöser Körper irritierte Kalkarib noch immer, denn er machte es ihm leichter sie anzusehen, da er immer wieder vergaß, dass sie eigentlich ein Weib war und er dabei jedes Mal gegen eines der 99 Gesetze verstieß. „Der gute Radromir dort hinten …“, fuhr sie leise fort und zeigte auf einen der Mitgefangenen auf der anderen Seite des Raums, „… kann das Schloss der Tür mittels Zauberei öffnen. Wir überwältigen dann die Wachen und fliehen von dieser verfluchten Festung.“ Als Belzora ‚die Wachen überwältigen‘ erwähnte, drehte sie ihre beiden kräftigen Fäuste übereinander in verschiedene Richtungen. Kalkarib war klar, dass sie mit dieser Geste meinte, sie töten zu wollen. Er hatte kein Problem damit, jemanden umzubringen, doch als ihm klar wurde, dass die Bewohner von Burg Rabenmund eigentlich diejenigen waren, auf deren Seite er stand, wurde ihm unbehaglich bei dem Gedanken. Er entschied sich daher für ein knappes: „Ich verstehe“, und trank den letzten Tropfen Wasser aus der Schüssel aus. „Wir …“, begann Beloza wieder und rücke noch etwas dichter an Kalkarib heran. So dicht, dass sie ihren muskulösen Schenkel auf seinen legte und er ihre Wärme spüren konnte. Sie Griff dabei mit ihrer kräftigen Hand nach seiner inzwischen bärtigen Wange und er spürte ihren heißen Atem an seinem Ohr: „ … werden es in der Nacht der toten Mada tun, und zusammen werden wir von hier entkommen.“ Kalkarib fuhr ein feuriges Kribbeln durch den Körper, als Belzora ihm so unangenehm und gleichwohl erregend nahe kam. Es war lange her, dass er das letzte Mal die Bettstatt mit Delia geteilt hatte. Er wusste nicht warum sich Belzora so sehr um ihn kümmerte und ihn beschützte, aber im Moment war es das Beste für ihn, das Spiel mitzuspielen. Als Belzora von alleine wieder von ihm abließ, drehte er sich zur Seite und blieb noch eine Weile so liegen, denn er spürte eine lange nicht mehr gefühlte Erregung, und das obwohl dieser Ort nach allem stank, was menschliche Körper ausscheiden konnten und förmlich danach schrie, dass dies der schlechteste Ort auf ganz Dere war, um hier Erregung zu spüren. Kalkaribs Welt stand Kopf und er versuchte so stark er nur konnte an seine Frau, sein Kind und seine Heimat in El’Trutz zu denken, damit ihn seine animalischen Gedanken verließen. Er fühlte sich benutzt, beschmutzt, aber auch gleichzeitig so lebendig und beschützt, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Teil VI – Sehnsucht nach Geborgenheit

Teil V – Getrennt (3)

In einem Waldstück nahe des Mythraelsfelds – 18. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Nachmittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Metall von Sieghelms Plattenrüstung schepperte mit jedem Schritt, den er durch das Unterholz tat. Auch wenn er schon so schnell lief, wie er konnte, so war er nicht schnell genug, denn die Untoten folgten ihm noch immer. Im Laufschritt ging er seine Optionen durch: Er konnte sich unterwegs seiner Rüstung nach und nach entledigen, um so an Gewicht zu verlieren und an Geschwindigkeit zu gewinnen, doch würde es ihn nur noch mehr anstrengen und am Ende würde er ohne Rüstung dastehen – was einer Todeserklärung gleich käme. Denn wenn nur ein einziger Hieb oder Pfeil durchkäme, wäre er ohne Verbandszeug nicht in der Lage, die Wunde zu versorgen. Er könnte auch einfach stehen bleiben, zu Atmen kommen und sich den Untoten stellen – zumindest wäre dies rondragefälliger. Doch die Untoten waren zahlreich, zu zahlreich. Auch wenn er ihre genaue Anzahl nicht kannte, er hatte an die drei Dutzend von ihnen gesehen und er wusste nicht, wie viele da noch waren, die er nicht erblickt hatte. Ihre schiere Anzahl machte es unmöglich, denn er war allein und hatte nicht mal ein Schild dabei. Auch wenn es den sicheren Tod bedeutete, so war es zumindest eine Option, die Sieghelm nicht gänzlich aus seinen Gedanken verbannte, denn so würde er wenigstens einen ehrenhaften Tod finden. Nur das ihm der Gegner, der Ort und der Zeitpunkt missfiel. Er musste an den heiligen Hlûthar von den Nordmarken denken, dem Träger des legendären Schwerts Siebenstreich. Auch er starb im Kampf, in einem Kampf an einem Ort und Zeitpunkt, den er sich mit Sicherheit anders vorgestellt hatte. Doch der Heilige der Rondrakirche verstarb auf dem Feldherrenhügel, im Beisein vieler Mitstreiter im Kampf gegen eine Übermacht aus Dämonen, und nicht einsam in einem unbekannten Waldstück gegen ein ‚paar‘ nieder Untote. Den Heldentot, den sich Sieghelm wünschte, stellte er sich anders vor. Also lief er weiter, rannte über Stock und Stein und suchte nach weiteren Optionen. Doch schon bald würde ihm die Puste ausgehen und er würde schlichtweg umfallen. Er nahm sich fest vor, dass er, bevor das passierte, stehen blieb und sich seinem Schicksal stellte. Noch immer hörte er das Rumoren und Gestöhne der zahllosen Untoten hinter sich, die zwar selbst auch nicht die schnellsten waren, aber da er immer langsamer wurde, holten sie allmählich auf.

Er wusste nicht wie viel Zeit verging und wie lange er durch das Unterholz rannte, ihm kam es wie eine Ewigkeit vor und der Wald wollte einfach nicht enden. In der Entfernung sah er, dass das Gebiet vor ihm hügeliger wurde. Er hoffte dort zu finden wonach er suchte: Eine Höhle. Er brauchte einen Engpass, wo er den Vorteil der Untoten zu seinen Gunsten ausgleichen konnte, wo sie ihm nur einzeln oder zu zweit entgegen treten konnten. Er hoffte, ja flehte in Gedanken um eine wie auch immer geartete Höhle. Die Hoffnung auf einen zu verteidigenden Engpass ließ ihn wieder etwas Hoffnung schöpfen, auch wenn er schon starke Belastungsschmerzen in den Beinen hatte und seine Brust sich anfühlte, als würde dort ein Feuer brennen. Er spürte, wie sich sein Gambeson mit kalten Schweiß füllte und hörte seinen eigenen, immer hektischer werdenden Atem. Er kraxelte um eine Anhöhe, und blickte hoffnungsvoll auf die mehrere Schritt fast vertikal verlaufende Erdschicht, doch außer herausstehenden Wurzeln und einem leichten Überhang war dort nichts, was sich für seinen Plan eignete. Das Gegurgel und Gestöhne der Untoten, die mit jedem Lidschlag an Nähe gewannen, schallte wieder zu ihm herüber. Strauchelnd und stolpernd eilte Sieghelm zu einer anderen Stelle in der Nähe, einem ausgetrockneten Flussbett. Unterwegs verhakte sich sein Schwert in der Scheide in einem Ast, wodurch er wertvolle Zeit verlor, da er es fallen ließ und mühsam ein paar Schritt zurückgehen musste, um es aufzuheben. Er konnte die Schaar untoter Schergen hinter sich schon sehen, sie waren noch nur noch etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt. Er erreichte das ausgetrocknete Flussbett und eilte stets zu den Seiten blickend, die Hoffnung nicht aufgebend irgendwo eine Höhle zu sehen, erschöpft entlang. Ihm rannten die Untoten noch immer hinter her, auch sie stolperten und fielen, doch unermüdlich erhoben sie sich immer wieder und rannten ohne langsamer zu werden weiter. Er rannte so schnell ihm seine erschöpften und ermüdeten Beine trugen. Er machte hunderte, da vielleicht sogar tausende Schritt, da hörte Sieghelm eine innere Stimme, die ihm sagte, dass er stehen bleiben und sich dem Kampf stellen sollte, da keine Höhle kommen würde. Er war bis in alle Maßen erschöpft, doch einfach nur umfallen und sich den Untoten als Futter hingeben wollte er auch nicht. „Bleib … stehen“, keuchte er in seinen Helm hinein und spuckte dabei erschöpft aus. Er musste es seinen Beinen befehlen und er blieb stehen. Er hörte das freudige Stöhnen der Untoten, in der Erwartung, sich gleich an seinem Fleisch laben zu können. Doch so leicht würde der kampferfahrene Reichsritter und Ordensmeister es ihnen nicht machen. Er atmete zwei Mal tief durch, doch eine Brust brannte noch immer. Die Bedingungen waren mehr als ungünstig für einen Kampf gegen eine Überzahl niemals erschöpfender Gegner, doch er hatte keine andere Wahl, also stellte er sich ihr. Er hatte nicht einmal mehr genügend Atem für ein Gebet an Rondra, weshalb er es nur in Gedanken durchging. Er drehte sich um, holte Custoris aus der Scheide und schleuderte selbige zur Seite. Seine Arme waren noch kräftig genug und so schloss er seine Hände um den Griff und hob das Schwert an. Das Leder des Griffs ächzte, so fest packte er es. Ihm rannten, stolperten und torkelten an die dreißig Untote entgegen, die so ausgehungert waren, dass sie sich teils gegenseitig wegdrückten, um ja der erste am Kriegerbuffet zu sein, und die dreißig Untoten waren nur die, die Sieghelm sehen konnte. Sie kamen das Flussbett entlang und über die Hügel herab und Sieghelm stellte sich ihnen für einen finalen Kampf.

Durch den Wald dröhnte nicht verhallender Donner, denn Sieghelm schwang Custoris so schnell er konnte und mit jedem Schwung fuhr es mühelos durch weiches, untotes Fleisch. Die Wellen der Wiedergänger brandeten an Sieghelms nicht endenden Schwertschwung und ihre geschundenen Körper wurden in Stücken und Fetzen zu den Seite des Flussbetts geschleudert, teilgeronnenes Blut spritzte in Fontänen auf den matschigen Boden und das alte Flussbett füllte sich mit Blut. Sieghelm machte dabei langsame und vorsichtige Schritte rückwärts, um immer genügend Distanz zu den Untoten zu bekommen und um nicht zu stürzen, denn es war ihnen vollkommen gleich, ob sie getroffen wurden oder nicht, sie gierten nur nach warmen, lebendigen Menschenfleisch und ließen sich dabei nur von der Klinge des heiligen Anderthalbhänders aufhalten. Der Reichsritter hinterließ eine Schneise aus zerfetzten Körpern, während die Traube um ihn herum immer größer wurde und er immer schneller und unvorsichtiger nach hinten gehen musste, um ihren nach Fleisch gierenden verfaulten Händen entkommen zu können. Sieghelm erreichte eine Stelle, bei der die ehemalige Flussböschung zu seinen Seiten fast so hoch war wie er selbst. Einer der Untoten nutze den Höhenvorteil und sprang von dort direkt zu ihm herab. Seine Ausweichbewegung kam zu spät, der Untote prallte mit voller Wucht gegen ihn und krallte sich mit seinen Händen an seiner Rüstung fest, wodurch Sieghelm ins Straucheln kam und rücklings stolperte. Das Gleichgewicht verlierend, fiel er unter der Last der Untoten, die die Gelegenheit nutzten und sich auf ihn stürzten, nach hinten. Der bisher niemals endende Rondradonner endete abrupt, als Sieghelms Rüstung beim Sturz metallisch aufheulte. Er lag am Boden, war vollkommen erschöpft und auf ihm lagen hungrige Untote, die ihre verfaulten Finger gierig unter seine Rüstungsteile schoben, um ihn gleich in Stücke zu zerreißen. In einem letzten verzweifelten Akt packte er Cursoris mit der einen Hand an der Fehlschärfe und mit der anderen am Griff, um mit der Parierstange zuschlagen zu können. Er blickte durch seinen schmalen Sehschlitz des Helms hindurch und rammte die Parierstange in die weichen und teils augenlosen Köpfe der Untoten direkt über sich. Sie fielen regungslos auf ihn und schränkten ihn noch weiter ein, aber Sieghelm freute sich über jeden Untoten den er noch vernichten konnte, bevor er gleich sterben würde. Es war nur seiner metallenen Ganzkörperrüstung zu verdanken, dass die Untoten nicht ihre Zähne in Sieghelm treiben konnten, denn jede noch so kleine Stelle an seinem Körper war mit mindestens einer Schicht Metall bedeckt. In dem Helm hörte Sieghelm nur noch sich selbst, wie er knurrte, als er sich dem Ende nah seinem Überlebensinstinkt hingab. Er schlug mit der Parierstange zu, schlitzte, mit der Klinge in der Halbhand gehalten, Köpfe auf und rammte mit der Spitze seines Eisenfußes Brustkörbe und Bäuche ein. Kaltes, dickflüssiges Blut floss auf seinen Helm und tropfte durch den schmalen Sehschlitz hindurch in sein Gesicht, was ihm zu allem Überfluss noch die Sicht nahm. Nun hörte er nur noch das Schlitzen und Zerreißen von Fleisch, das wilde und unartikulierte Gestöhnte der Untoten und ein von ihm selbst kommendes alles übertönendes lauter werdendes Knurren. Plötzlich brüllte er, er brüllte so laut er konnte und wollte aufstehen, er wollte hier nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier und schon gar nicht so! Blind und erschöpft, brüllte er wie eine Löwe, schlug weiter und ließ all seine Glieder stets in Bewegung. Custoris biss zu, denn es war der Zahn Rondras und mit jedem Biss zermalmte es einen der zahllosen Wiedergänger. Sieghelm zwang sich die Augen zu öffnen, sein Sichtfeld war verschwommen, ein blutroter Schleier hing darüber und seine Augen brannten – doch konnte er Silhouetten sehen und das musste genügen. Er schlug zu, griff Custoris wieder mit beiden Händen am Griff und hörte sich selbst, wie er aus voller Lunge und Kraft einen animalisch Brüll losließ. Er spürte nur noch Hitze in sich, in allen Gliedern, jeder seiner Muskeln war glühend heiß und arbeitete über jedes Limit hinaus. Er schlitzte und hackte, alles an ihm schmerzte, doch er konnte nicht anders, er wollte hier nicht sterben. Irgendwann ebbte das Stöhnen der Untoten ab und noch immer konnte er nicht richtig sehen, weshalb er auf alles einschlug das ihm zu nahe kam und sich bewegte – Custoris erledigte den Rest.

Später

Schützer
Radulf & Vitus
Ackerknecht

Er hörte eine Stimme. Alles war schwarz. Dann wieder die Stimme. Rief sie ihn? Er spürte nichts. Kein Schmerz, nur Kälte. Unerträglich tiefe Kälte. War er tot? Fühlt sich so Golgaris Flug über das Nirgendmeer an? Dann wieder die Stimme, er hörte seinen Namen. Sieghelm? Warum rief ihn jemand? War es sein Vater, Parzalon? War er jetzt bei ihm, in Rondras Hallen? Wenn doch nur nicht diese Kälte wäre. „Sieghelm?“ Da war sie wieder, die Stimme. Er öffnete die Augen und sah Blut, dickflüssig Blut, das in den aufgeweichten Waldboden sickerte. Inzwischen war es dunkel geworden, die Dämmerung war über den Tag hereingebrochen und die Nacht senkte sich über den Wald. Er hockte am Boden, sah, wie er Custoris hielt, dessen Spitze er tief in den Boden gerammt hatte. Er befand sich in einer typischen Beterposition und seine Glieder waren eisigkalt, um ihn herum lagen Berge aus zerfetzten Untoten, aufgerissen und aufgebrochen. Knochen ragten abstrakt heraus, Bäuche waren geöffnet und verfaultes Gedärm lag blutig überall auf dem Boden verteilt. Ihre Schädel waren eingeschlagen oder abgetrennt, übersäht mit Kratz- und Schlitzspuren. „Ser Sieghelm, könnt ihr mich hören?“ Die Stimme war schüchtern und ängstlich. Sieghelm blickte durch seinen Helmschlitz hindurch auf und sah Flussbettabwärts etwa zehn Schritt von sich entfernt, über zerrisse Untotenkörper hinweg eine Gruppe aus Soldaten in verschiedenfarbigen Wappenröcken. Sie hatten ihre Waffen in ihren Händen und schauten alle besorgt, teils schon angsterfüllt drein. Ganz vorne erblickte er den ihm gut vertrauten schwarzsilbernen Wappenrock des Schutzordens der Schöpfung. Der Mann, der ihn ansprach und einen ungepflegten Drei-Tage-Bart trug, der ein eingefallenes Gesicht umrahmte, war Vitus Ackerknecht, Schützer des Ordens und ein ehemaliger Gardist aus Hochstieg. „Ja, kann ich, Vitus“, sagte Sieghelm, der selbst erstmal realisieren musste, dass er anscheinend noch am Leben war und nicht genau wusste, was geschehen ist und wie er in diese Pose gekommen war. Er versuchte sich zu erheben. Von einem Moment auf den anderen fuhr die Grimmkälte aus ihm und sein ganzer Körper war ein einziger durchdringender Schmerz. „Aaarrgh!“, entfuhr es ihm und sein Körper sackte zusammen und fiel scheppernd zu Boden. „Vitus!“, rief er noch, und das letzte, was er sah, war das besorgte Gesicht des Mannes, dass sich über ihn beugte und wie sich seine Lippen bewegten. Doch er konnte ihn nicht mehr hören, denn die Welt um ihn herum wurde dunkel.

Als Sieghelm das nächste Mal erwachte, befand er sich, seiner Rüstung entledigt, in einer breiten Bettstatt wieder. Ein Feuer knisterte wohlige Wärme verbreitend in seiner unmittelbaren Nähe in einem Kamin. Als er sich bewegen wollte, bemerkte er, dass er mehrere Verbände am Körper trug und seine Arme und Beine an mehreren Stellen schmerzten. Er stöhne bei dem Versuch sich aufzurichten. „Hey, ganz langsam!“, hörte er eine Stimme und versuchte herauszufinden, von wo sie kam. Er war in einem Haus, offensichtlich ein Bauernhaus, ausgestattet mit einfachen Möbeln. Auf einer Anrichte neben ihm stand eine Schüssel mit Wasser, daneben Verbände und eine Tasche mit Wundnähzeug. Zu ihm kam ein neues, aber ebenfalls altbekanntes Gesicht, dass zu Radulf Ackerknecht, dem Bruder Vitus‘ gehörte. Auch er trug einen zerschlissenen Wappenrock des Schutzordens und an der Schlaufe seines Gürtels hing ein Streitkolben. So wie sein Bruder, hatte auch er einen dichten braunen Bart bekommen und in seinen Augen lag die Müdigkeit eines Soldaten, der das Grauen gesehen hatte. „Ihr seid endlich wach, wie fühlt ich euch, Ser?“, erkundigte sich der Anfang dreißigjährige Schützer und ebenfalls ehemalige Korporal Hochstiegs. Sieghelm ging seine Körperteile einzeln durch und da er in jedem einen dumpfen Schmerz verspürte und sich kaum bewegen konnte, entschied er sich für: „Gut, noch ein wenig Taub, aber das wird schon.“ Sieghelm bemerkte, dass seine Stimme belegt war, so als hätte er die letzten Tage nichts anderes getan, als zu schreien. Radulf schmunzelte durch seinen dichten Bart hindurch. „Sehr gut, dann könnt ihr endlich aufstehen und euren Toilettengang alleine bewältigen“, scherzte er und provozierte seinen Herrn damit. „So weit würde ich jetzt nicht gehen“, antwortete Sieghelm knapp und ließ sich mit übertrieben schmerzerfüllten Gesicht zurück auf das Kissen sinken. „Was macht ihr hier?“, schob er noch hinterher und genoss die Wärme der Kohlenpfanne unter seiner Bettdecke. Radulf holte sich einen Schemel heran, und stellte ihn neben Sieghelms Bettstatt. Als er sich setzte strich er sich imaginäre Krümel vom Wappenrock, um etwas Zeit zu gewinnen, um sich seine Worte gut zu überlegen: „Wollt ihr, dass ich beim Marschbefehl in Hochstieg anfange oder soll ich erst nach dem Weltenbrand einsteigen?“ „Weltenbrand“, erwiderte der angeschlagene Reichsritter zackig. „Tja …“, begann der Schützer und schaute sich um, als ob er im an den Wänden nach Worten suchen würde. Dann begann er leise und fast schon im Plauderton zu berichten: „Wir sind aus Hochstieg mit einem Halbregiment, also 260 Mann aufgebrochen. Ich habe gestern das letzte Mal nachgezählt – und ich bin nicht gut in zählen –  da waren wir 45, also knapp ein Banner voll.“ Sieghelm konnte nicht anders, als mit weit aufgeschlagenen Augen zum Schützer zu blicken. Er war schockiert. „Ein Banner? Ich bin mit 5 Bannern und einer Lanze in die Schlacht gezogen …“ Radulf hob hilflos die Arme. „Vielleicht haben noch mehr überlebt, das sind die, die wir nach dem Weltenbrand sammeln konnten. Vielleicht sind einige schon auf eigene Faust auf dem Rückweg oder schlagen sich noch alleine durch.“ Sieghelm atmete tief durch, die Nachricht schockierte ihn. Er versuchte sich an den Moment auf dem Mythraelsfeld zu erinnern. Er hatte gesehen, wie ein paar seiner Männer und Frauen fielen, aber kurz nachdem er Amagomer den Blutigen im rondragefälligen Zweikampf besiegt hatte, stand noch ein Großteil des Regiments auf den Beinen und war wohlauf. „Was ist mit den anderen Bannerführern? Lady Dankhild, Hagen, Jost und diese … diese … wie hieß sie doch gleich …“ Sieghelm schämte sich, ihren Namen vergessen zu haben und erinnerte sich an seinen Schwur, zukünftig jeden seiner kämpfenden Untergebenen beim Namen kennen zu wollen. „… die Anführerin des Warunker Freiwilligenbanners?“ Er rührte hilfesuchend mit der Hand in der Luft, denn mehr konnte er aufgrund der Schmerzen nicht. Radulf machte eine missmutige Miene. „Ich bin mir nicht sicher, ob ihr in eurem gegenwärtigen Zustand …“, setzte der Streitkolbenkämpfer besorgt an, doch Sieghelm schaute ihn missbilligend an, was ihn dazu brachte, seinen Satz selbst zu unterbrechen und erschöpft durchzuatmen. Radulf erhob sich auf seine Schenkel klatschend und ging zum Schrank, um dort etwas aufzunehmen. Er zeigte Sieghelm ein Kette mit Wolfszähnen daran. Mit trauriger und ruhiger Stimme begann er dann zu berichten: „Wir haben Jost auf dem Mythraelsfeld gefunden, er war seinen Verletzungen erlegen. Es muss schon während der Schlacht passiert sein. Diese Kette gehörte ihm.“ Sieghelm blickte traurig auf die Kette, er kannte Jost schon lange. Er war ein erfahrener Soldat und Bogenschütze. Jost, Hagen, Radulf und Sieghelm hatten zusammen an der Trollpforte gekämpft und geblutet, als Sieghelm noch ein Junker und Niemand war. „Lady Dankhild … nun wenn man es genau nimmt, wissen wir es nicht … als Kavallerie waren sie an einem anderen Ort auf dem Schlachtfeld eingesetzt. Ich habe aber erst gestern mit einem Soldaten eines Wehrheimer Banners gesprochen, der meinte, dass er gesehen haben will, wie während des Weltenbrandes eine ganze Lanze Reiter mit unserem Wappen vom Boden verschluckt wurde.“ Radulf pausierte kurz, um das Erzählte sacken zu lassen. „Wir haben die Stelle natürlich abgesucht, aber außer einem großen Spalt im Boden … war da nichts, keine Pferde, kein Banner, kein Hinweis.“ Die beiden Männer fielen in betretenes Schweigen. „Und Hagen?“, brach der Ordensmeister dann die Stille. Hagen war sein treuester und erfahrenster Kämpfer, er war zwar ‚nur‘ ein Gemeiner aus dem Hause Kohlhütten, aber innerhalb des Ordens und aufgrund seiner Verdienste gestand Sieghelm ihm nach der Ordensgründung den Titel eines Schutzritters zu. Radulf atmete tief durch, er schien nicht zu wissen, wie er es sagen sollte. „Hagen … ja … das wissen wir auch nicht. Seine Leute berichten, dass er zu Beginn des Weltenbrandes noch stand, doch als es dann Feuer, Eis und zerstörende Magie regnete und sich der Boden unter unseren Füßen auftat … ward er nicht mehr gesehen. Wir wissen es nicht“, gab Radulf offen zu und war den Tränen nah. Auch Sieghelm war geschockt. Hagen Kohlhütten gehörte zum Siebenerrat in Hochstieg und war sein persönlicher Berater. Er kannte ihn schon, als er noch ein kleiner Junge war. Radulf wischte sich durch das Gesicht, als würde er sich Dreck aus dem Gesicht wischen, um zu verdecken, dass er ein paar Tränen verdrückte. „Achja …“, setzte er dann mit schwacher Stimme an, „Ilene aus Warunk, die Bannerführerin der Freiwilligen hat auch überlebt, sie … ist gerade unterwegs und klappert gerade einen anderen Hof ab, in der Hoffnung, dort noch Überlebende zu finden.“ Sieghelm nickte nur, es war nur ein schwacher Trost, er kannte sie nicht und er ertappte sich dabei wie er sich wünschte, dass er Hagen jederzeit gegen sie eintauschen würde. Denn der Krieg hatte ihn soeben mehrere seiner langjährigen Freunde und Wegbegleiter genommen.

Teil V – Getrennt (3)

Teil V – Getrennt (2)

Burg Auraleth – 18. Peraine, 34 nach Hal – Am Nachmittag
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

Ihre Brust brannte, als sie immer wieder nach oben schaute und die Zinnen von Burg Auraleth näherkommen sah. An oder hinter den Mauern der Praiotenfeste würde sie mit Sicherheit Schutz finden. Oder vielleicht sogar Verstärkung. Ihre Tränen über den plötzlichen Verlust von Hagen hatte sie inzwischen weggewischt, doch noch immer schmerzte sie seine Opferung. Er hatte ihr damit Zeit verschafft, um sich außerhalb der Sichtweite der Untoten zu bringen, aber dennoch gab er sein Leben für ihres – was sie schmerzte. Während sie immer weiter rannte und sich von Baum zu Baum versteckte, um sich immer wieder Mal kontrollierend umzusehen, musste Sie an das Gespräch mit Hagen denken. Sie hatte ihn dazu gebracht sein Handeln zu hinterfragen und für einen kurzen Moment hatte sie eine Verbindung gespürt. Auch wenn der Mann aus Waldsend schmutzig, schäbig und stinkend war, so war unter der Kruste nur eine verirrte Seele, die nach Halt suchte. Und Adellinde gab ihm wieder Halt – nur das eben dieser Halt ihn geradewegs in die Arme Borons getrieben hatte.

Beschirmer
Hagen von Föhrenstieg
Orden vom Bannstrahl Praios

Adellinde erreichte mit dreckigem Saum an der grünen Geweihtenklufft die erste Außenmauer von Burg Auraleth, der schon vor langer Zeit geschliffene erste Festungsring hatte zahlreiche Breschen. Sie waren so groß, dass darin Büsche und Bäume wachsen konnten. Sie kletterte über die mit Moos und Erde überwucherten Steine und lief weiter zum zweiten Festungsring. „Hilfe!“, rief sie außer Atem, doch niemand schien zu antworten. Sie erreichte den zweiten Festungsring, doch auch dieser hatte alte Breschen. Als sie erneut über Steine kletterte, sah sie im Innenhof des zweiten Festungsrings mehrere Leichen liegen. Sie erkannte die weißgoldenen Farben von Geweihten des Götterfürsten und einige Akoluthen – aber auch mehrere zerfetzte Gestalten, die wohl du Galottas Truppen gehört haben müssen. Anscheinend hatte hier vor kurzem ein Kampf stattgefunden und niemand hatte es geschafft die Leichen ordentlich beiseite zu schaffen, geschweige denn sie zu bestatten. Sie blickte hoch zu einem der rauchenden Türme und sendete ein kurzes Stoßgebet zu Praios, dass jemand auf der Festung überlebt haben möge. „So helft mir doch, bitte!“, rief sie wieder, und ihre Stimme überschlug sich, da sie noch immer außer Atem war.

Auf einer Anhöhe gelegen, erblickte sie einen weiteren Festungsring, der jedoch Intakt zu sein schien, nach links und rechts sah sie nur hohe Mauern. Auf den ersten Blick schien Festung Auraleth standgehalten zu haben. Sie erspähte einen Aufweg, zu dem sich immer wieder stolpernd und teilweise kletternd hoch bewegte. Mit schmutziger und zerschlissener Robe erreichte sie den breiten Weg und entdeckte endlich einen der Eingänge zur Festung. Die Tore waren geschlossen und hinter den Mauern stieg dichter Rauch auf. Sie stellte sich erschöpft vor das Tor, wischte sich an ihrer Robe das Gesicht trocken und holte nochmal Luft: „Im Namen des Herrn Praios, hört mich jemand!“, brüllte sie so laut sie konnte. Sie hoffte inständig, dass hinter den Mauen sich noch jemand befand, der ihr wohlgesonnen war. Wenn Festung Auraleth besetzt war und Galottas Schergen herausstürmen würden, hätte Sie nicht mehr die Kraft erneut zu fliehen. Ihre Beine zitterten und ihre Hände waren ganz kalt. Sollten die Götter entscheiden, wie es nun weiter geht, dachte sie sich schicksalsergeben. Tatsächlich öffnete sich eine kleine Pforte in dem mächtigen Tor und ein älterer Mann mit grauem Bart, Kettenhemd und weißem Wappenrock lugte heraus. „Bei den Zwölfen, welch eine Freude euch zu sehen – ich bin Hüterin der Saat Adellinde, ich komme in höchster Not, bitte lasst mich rasch ein!“, stellte sie sich zügig vor und trat näher. Doch als der Mann seinen Schwertknauf nach vorne schob und mit einer Hand daran rumfingerte, blieb sie in respektvollen Abstand stehen. „Dem Himmelrichter zum Gruße, ich bin Hermann der Pförtner – beweist mir zuerst eure Worte, bevor ich euch einlasse!“ Die Antwort des Pförtners verwunderte Adellinde, sie hatte nicht erwartet sich ‚beweisen‘ zu müssen, schon gar nicht vor einem Praioten. Zumal sie auf Anhieb nicht wusste, wie sie das hätte anstellen sollen. „Ähm … wie stellt ihr euch vor, soll ich das tun? Ich bin eine bescheidene Dienerin der Hüterin des Lebens, ich führe nichts von Wert bei mir – ich habe nur meine Robe, mein Glauben und mein Wort.“ Der Pförtner musterte sie. Als sie seine prüfende Blicke auf ihrer dreckigen und zerschlissenen Robe spürte, wurde ihr ein wenig unbehaglich. Sie wünschte sich eine saubere und neue Robe her, am liebsten sogar ein heißes Bad, doch die Umstände machten es ihr unmöglich. Als Hermann der Pförtner zu einer Antwort ansetzte, kam sie ihm zuvor und machte dabei einen mutigen Schritt nach vorne: „Hört zu, Hermann der Pförtner – ich habe nur mein Wort, und ihr seid ein Diener des Herrn des Lichts, der die Wahrheit erkennt, wenn er sie sieht – ich könnte euch jetzt auf Anhieb mehrere Gebete an die Herrin Peraine rezitieren und sogar das ein oder andere Stoßgebet an unseren Götterfürsten, aber ich habe keine Zeit dafür! Ich reise mit dem edlen Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher zu Hochstieg, dem ehrenwerten Sieger der Frühlingsturney – ihr habt bestimmt Kunde davon bekommen. Seine Exzellenz ist in der Nähe und in größter Not, er benötigt sofort eure Hilfe – denn er stellt sich da draußen tapfer gegen die untoten Horden Galottas, die ihr versäumt habt von eurem Land zu tilgen! Und nun lasst mich ein!“ Mit jedem Satz, den sie rausfeuerte, wurde sie nicht nur schneller, sondern auch lauter und bestimmter. Am Ende stand sie kurz vor des Pförtners Nase und blickte ihn vernichtend an. „Hermann, lass die Geweihte ein“, dröhnte eine kräftige Männerstimme von Innen, woraufhin der alte Pförtner sofort demütig Platz machte. Adellinde schlüpfte mit einer kurzen Danksagung hindurch und stand plötzlich vor einer Gruppe aufgesattelter Reiter, angeführt von einem Mann mit rot vernarbten und teils verbundenen Gesicht, so dann man nur eins seiner Augen sehen konnte. Er trug auf seinen Kopf eine weiße Kappe auf der eine goldene Sonne gestickt war und dazu eine in der Praiossonne außergewöhnlich hell glänzende Rüstung mit gelbroten Praiossymbolen darauf. Seine erhabene und autoritäre Erscheinung wurde durch sein markant breites Gesicht und den frisch vernarbten Gesichtszügen noch unterstrichen. Instinktiv machte Adellinde eine leicht verneigende Geste vor dem Mann, der eine Gruppe aus vier weiteren Reitern anführte. „Ich bin Hagen von Föhrenstieg“, begann der Mann vom Pferd herunter mit lauter und anklagender Stimme zu donnern. „Beschirmer der Ordnung der Mittellande und Herr von Burg Auraleth, seit Hochmeister Rapherian von unserem Herrn höchstselbst abberufen wurde.“ Er machte eine kurze Pause um Luft zu holen und fuhr dann langsam mit noch anklagendem Ton fort: „Ihr besitzt eine laute und dreiste Stimme und führt noch dazu eine dreiste Anklage ins Feld … und das für eine Geweihte der gütigen Göttin.“ Adellinde, die sich das erste Mal seit Tagen wieder unter Geweihten befand, vergaß, dass sie es hier mit Praioten zutun hatte. Selbst unter anderen Geweihten, galten sie als herrschsüchtig und gelegentlich überheblich. Sie kramte kurz in ihrer inneren Bibliothek zu Titeln und Rängen und erinnere sich daran, dass ein Beschirmer dem Rang eines Ordensmeisters beim Orden des Bannstrahls Praios‘ gleichkam. Mit einer tiefen entschuldigenden Verneigung setzte sie noch einmal etwas leiser an: „Bitte verzeiht mir meinen unangemessenen Ton, eure Exzellenz. Es liegt mir fern Anklagen zu erheben. Erlaubt mir mich zu erklären. Ich bin aus Perz, mein Tempel dort wurde von Galottas Horden geschändet und geplündert, seine Wohlgeboren Sieghelm von Spichbrecher, hat mich dort gefunden und mitgenommen – seither reise ich mit ihm und helfe ihm bei seiner Queste seinen Vater, Baron Parzalon zu Dettenhofen wiederzufinden.“ Für einen Moment blickte Adellinde auf, doch aufgrund der blendenden Rüstung konnte sie ihn nicht allzu lange ansehen, weshalb sie wieder zum Boden schaute, der genauso aufgewühlt war wie sie. „Im Wald im Rahja, wurden wir von zahllosen Untoten überrascht und wurden getrennt. Er stellte sich ihnen tapfer entgegen, damit ich zu fliehen vermochte.“ Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie von dem anderen ‚Hagen‘ erzählen solle, entschied sich aus taktischen Gründen jedoch dagegen. „Der ehrenwerte Reichsritter und Ordensmeister benötigt eure Hilfe, er steckt in größter Not und ihr seid seine und meine letzte Hoffnung, eure Exzellenz.“ Als Adellindes Schilderung endete, kehrte Stille ein. Sie schaute weiterhin zu Boden, denn sie traute sich nicht dem Mann in die Augen – bzw. in das Auge zu sehen. Sie hoffte die richtigen Worte mit dem richtigen Ton angeschlagen zu haben. Sie wusste, sie würden ihr schon nichts tun, aber sie musste sie irgendwie überzeugen. Da brach der Beschirmer mit lauter Stimme das Schweigen: „Ich kenne den Reichsritter. Er war vor kurzem hier auf Burg Auraleth.“ Jetzt konnte Adellinde nicht anders als verwundert zu ihm aufzuschauen. Zu dem Pförtner gewandt, redete er im Befehlston weiter: „Hermann, öffnet die Tore – wir reiten aus.“ Der alte Pförtner tat wie ihm geheißen, indem er in seiner Wachnische an einem Seil zog, das zum Mechanismus zum Öffnen der Festungstore führte. Ein ganz leises Klingeln war zu hören. Adellinde trat zur Seite, da sie den fünf Reitern Platz machen wollte. Sie war nicht sicher, ob der Beschirmer jetzt ausreiten wollte um Sieghelm zur Hilfe zu eilen, oder ob er ohnehin gerade in eine andere Richtung losreiten wollte. Über Adellinde und der Gruppe Bannstrahler ratterte der Mechanismus los, es knallte laut, als die Ketten auf Metall prasselten und das massive Fallgitter hochgehoben wurde, während der Pförtner zusammen mit vier anderen das Holztor aufstemmte. Als das laute Rasseln der Ketten verklungen war, ritt die Gruppe etwas vor und der Beschirmer hielt sein Ross direkt neben Adellinde an. Ohne sie anzusehen, fragte er sie: „In welche Richtung sagtet ihr, war der Reichsritter?“ Sie schaute auf und konnte von Nahen sehen, dass das Gesicht des Mannes vor kurzem verbrannt wurde. Seine Verbände waren frisch gewechselt, aber unter ihnen lag eine dicke Schicht Brandsalbe, um seine Verletzung zu lindern und die Heilung zu fördern. Adellinde wusste, dass er ungeheuerliche Schmerzen haben musste. Eine Verbrennung dieser Art und in der Größe, würde jeden normalen Menschen mit Fiber an die Bettstatt fesseln, doch Hagen von Föhrenstieg machte nicht den Hauch eines Eindrucks beeinträchtigt zu sein. „In Richtung Rahja, nahe eines Nebenarms der Gernat.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gab der Burgherr seinem Pferd die Sporen und alle fünf Reiter preschten unter lautem Hufengeklapper los. Sie zogen bei ihrem Ritt eine dicke Staubwolke hinter sich her, während Adellinde wieder das metallische Geschepper der Torkette hörte, als das Fallgitter herab gelassen wurde. Am liebsten wäre sie mitgekommen, doch das lag nun außerhalb ihrer Macht. Sie war in Sicherheit – vorerst. Und sie musste darauf vertrauen, dass es den Bannstrahlern gelang, Sieghelm und oder Kalkarib zu finden. Erst jetzt fiel ihr ein, dass Sie den Praioten nichts von dem jungen Novadi erzählt hatte, aber das war wohl auch besser so. Sie würden ganz bestimmt nicht wegen eines einzelnen unbedeutenden Novadis auch nur einen Finger krümmen, so viel wusste sie über die Anhänger des Ordens des Herrn Praios‘.

Adellinde beschloss näher zum Burgried aufzusteigen. Auch wenn sie nun schon die dritte Festungsmauer durchquert hatte, war sie noch immer nicht im Inneren Burgfried angekommen, es gab noch einen weiteren Verteidigungsring, den sie durchqueren musste. Sie nah nun endlich die Quelle der schwarzen Rauchwolke, die Praioten hatten die Leichen der Untoten und die der Toten Söldner und der anderen Geschöpfe aus Galottas Armee zu einem Haufen zusammengetragen und waren dabei, sie dem Feuer zu übergeben. Eine Gruppe Praioten zerrten die leblosen Körper von alten Handkarren und warfen diese auf den großen brennenden Haufen, der höher war, als sie selbst. Adellinde bedeckte ihre Nase aufgrund des dabei entstehenden Gestanks. Doch dann hörte sie ein paar Schreie aus einem Pallas. Instinktiv ging sie hin und entdeckte in der breiten, an der Wehrmauer gelegenen Stallung ein hastig angelegtes Krankenlager. Dutzende, auf den ersten Blick nicht zählbare Mengen an Verletzten, Versehrten und Kranken lagen auf Strohlagern quer und teils schon übereinander verteilt in der Scheune. Sie ging hinein und jeder Dritte griff nach ihr, rief nach ihr, schrie oder wimmerte leise. Es waren nicht nur Praioten, nein, es waren die unterschiedlichsten Leute, größtenteils Soldaten vom Feld, die es lebend vom Mythraelsfeld geschafft hatten, dachte sich Adellinde zuerst. Es waren jedoch auch Stadtbewohner und Bürger dabei. Dann fiel ihr wieder ein, das Wehrheim vom Magnum Opus zerstört wurde und es wohl auch Überlebende von dort waren. Jede ihr bekannte oder nicht bekannte Verletzungsart war vertreten und die Luft des Ortes war gefüllt von Schmerzensschreien und Hilferufen. Adellinde wankte ziellos durch die Scheune, flüsterte hier und dort Stoßgebete für die Verletzten, tupfte fiebernden Leuten die Stirn ab und taumelte dann ziellos weiter. Auch der ganze Pallas war gefüllt mit Verletzten und es gab viel zu wenig Fachkundige, die sich um sie kümmern konnten. Sie wusste nicht genau wie lange, aber sie verbrachte mehrere Stunden dort, kümmerte sich um die Verletzten, half Verbände anzulegen oder zu wechseln, improvisierte selber welche aus ihrem Unterkleid, wusch Wunden aus und stand dem einen oder anderen bei, als dieser zu Boron ging. Bis in den Praiosuntergang hinein blieb sie dort und arbeitete bis zur Erschöpfung. Als sie auf dem Hof des Pallas am Brunnen neues Wasser holte, lehnte sie sich kurz daran, um durchzuatmen, doch ihr Körper zollte Tribut für die harten letzten Tage und sie schlief binnen eines Lidschlags ein.

Teil V – Getrennt (2)

Teil V – Getrennt (1)

Irgendwann und Irgendwo
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Schmerz. Schmerzen im Kopf, Nacken und in seinem verletzten Bein veranlassten den jungen Wüstensohn dazu aufzuwachen. Er blinzelte, rieb sich den empfindlichen Nacken und griff an seine Schläfe, wo er feuchtes, teils schon trockenes Blut ertastete. ‚Was war nur geschehen‘, fragte er sich und stellte fest, dass er auf einem kalten Strohlager lag, der Boden war feucht und die Steine darunter hart. Er musste in einem Gebäude sein. Als er sich umsah, bestätigte sich sein erster Gedanke: Graue, kühle Mauern umgaben ihn, er war in einem kleinen Raum, in dem nur durch einen schmalen Schlitz etwas Licht drang. Es gab nur einen einzelnen Lichtstrahl, der eine in der Raummitte stehende kleine hölzerne Schüssel erhellte. Kalkarib setzte sich auf. Sein Schädel brummte, als wäre er damit gegen eine Wand gerannt und er hatte Mühe, der Welt zu befehlen, sich nicht zu drehen. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht allein war, er teilte sich den kleinen Raum mit anderen Personen. Er erschreckte sich so sehr, dass er sich instinktiv, ja fast schon wie ein geschlagenes Tier, an eine der Wände zurückzog. Noch immer brummte sein Schädel und die Gestalten auf der anderen Seite des Raums saßen zusammengekauert im Schatten, weshalb er sie kaum erkennen konnte. Hastig suchte er einen Ausgang. Da war eine massive Holztür. Kalkarib nahm all seine Selbstbeherrschung zusammen, sprang an die Tür und war gewillt sie zu öffnen, doch fand er keine Klinke, keinen Griff, nichts. Innerlich verfluchte er das Mittelreich, was bauten sie nur für Türen, ohne Griffe? „Beruhige dich, Kleiner“, raunte eine weibliche, aber harte Stimme durch den kleinen Raum. Er fuhr herum, drückte seinen Rücken gegen die Holztür, doch die Geschwindigkeit mit der er die Drehung vollführte, ließ ihn wieder schwindeln, weshalb er die Quelle der Stimme nicht ausmachen konnte. „Setz dich, du hast ordentlich was abbekommen“, hörte er die Stimme fortfahren und aus den Gruppe von Personen löste sich eine Frau und trat in den schmalen Lichtstreifen, der durch sie unterbrochen wurde. Das Licht fiel von hinter ihr in den kleinen Raum ein, wodurch er zwar nicht ihr Gesicht, aber durchaus ihre Statur und Kleidung zu erkennen vermochte. Sie war sehr kräftig und ein langer, blonder Zopf hing ihr links über die Schulter herab und eine enge zusammengeflickte Lederkleidung umschmeichelte ihre muskulösen Rundungen. „W-Wer seid ihr, was wollt ihr von mir?“, brachte Kalkarib stotternd und mit seinem typisch novadischen Akzent hervor, doch das Reden schmerzte ihn, denn das Brummen in seinem Kopf versetzte ihm einen erneuten stechenden Kopfschmerz. Anstatt zu antworten legte die Frau nur ihre Arme in die Hüften, wodurch ihre beachtlichen Muskeln hervortraten. Kalkarib hatte noch nie eine so kräftige Frau gesehen. „Du hast ordentlich was auf den Kopf bekommen, Kleiner – setz dich lieber, bevor du noch umfällst.“ In der Stimme der Frau lag etwas Mütterliches, zudem hatte sie einen für Kalkarib unbekannten Akzent. Doch was viel vordergründiger war, war ihr klar erkennbarer Befehlston. Kalkarib, der Schwierigkeiten hatte, die Welt um ihn herum dazu zu bringen sich nicht zu drehen, tastete nach seinem Khunchomer – doch er war fort. Seine Hände suchten weiter, auch Delias Waggif, den sie ihm zu Beginn der Reise mitgegeben hatte,
war fort. Zu seinem Schwindelgefühl gesellte sich nun auch noch das Gefühl der Ohnmacht. Er ließ sich unter Schmerzen in seinem verletzten Bein an der Holztür zu Boden sinken. Er hatte keine andere Wahl, denn er war in einem Raum mit Fremden eingesperrt und wusste nicht wo er war, geschweige denn, wann er war. „As’Sali, hilf mir“, flüsterte er in seiner Muttersprache und der Schmerz in seinem Kopf holte ihn ein. Er sackte in sich zusammen und wurde bewusstlos.

Belzora

Als er erwachte, lehnte er an einer anderen Stelle im Raum. Zu den Schmerzen in seinem Nacken und seinen Kopf gestellte sich nun auch noch Schmerzen in seinen Gliedern, zudem hatte er einen trockenen Mund – denn er hatte länger nichts mehr getrunken. Als er die Augen öffnete, sah er wieder nur die Holzschale in der Mitte des Raumes, die noch immer von einem Lichtstrahl erhellt wurde. „Ah, du bist endlich wach.“ Die Frauenstimme mit dem seltsamen Akzent befand sich direkt neben ihm. Er zuckte zusammen, als er bemerkte, dass die Frau neben ihm saß und wollte sich von ihr entfernen, doch auf der anderen Seite saß eine andere Gestalt an die selbe Wand gelehnt, so dass er nicht weiter konnte. „Wer seid ihr?“, fragte er und hielt sich den Kopf, als er fortfuhr: „Wo bin ich?“ Er glaubte die Frau mit dem Zopf neben sich grinsen zu sehen, denn aufgrund der anhaltenden Dunkelheit im Raum konnte er ihr Gesicht nicht richtig sehen. „Ich bin Belzora, und wir sind hier zusammen eingesperrt“, antwortete sie. „Was? Wo ist … argh.“ Kalkaribs Schädel explodierte vor Schmerz, als die Worte aus ihm herausplatzten. Es fühlte sich so an, als hätte jemand seinen Schädel mit einer Axt gespalten. „Ruh dich aus, ich kümmern mich um dich“, hörte er sie sagen, als ihm wieder so schwindelig wurde, dass er ein aufsteigendes Übelkeitsgefühl verspürte, doch außer Würgelauten, die seinen Kopfschmerz verschlimmerten, kam nichts über seine Lippen. Erneut holte die Dunkelheit Kalkarib ein.

Er träumte von seinem Weib und Kind. In seinen Gedanken war er bei ihnen, hielt seinen Sohn im Arm und befand sich Zuhause in El’Trutz, im Beisein seiner Sippe. Er vermisste sie. Er war schon viel zu lange von ihnen getrennt. Wieso hatte er sich nur dazu überreden lassen, dem arroganten Ritter zu helfen? Was ging ihn dieser Krieg dieses fremden Reiches überhaupt an? Er hatte ein wunderschönes Weib, so schön wie die Nacht, einen Sohn, so kräftig wie ein Löwe, und eine Familie, so groß wie seine Liebe zum Alleinen selbst. Oh wäre er jetzt doch nur bei seinem Weib, könnte sich an ihren Busen drücken und sie liebevoll umarmen, um ihre Wärme zu spüren und in sich aufzunehmen. Er war ein wärmeliebender Sohn der Wüste und sollte bei ihr sein – nein falsch – SIE sollte bei IHM sein. Dieses unheilige Gleichberechtigungsgefasel der Ungläubigen hatte ihn mürbe gemacht. Schon sein Bruder Mehmet hatte ihn vor den Ungläubigen gewarnt. „Lass dich nicht mit Ihnen ein, denn mit ihren spitzen Zungen machen Sie dich schwach!“, hatte er stets gesagt. In seinen Träumen war Kalkarib wieder ein El’Trutz und half zusammen mit seinem Bruder in der Karawanserei. Während Mehmet, als Erstgeborener zum neuen Karawanenführer ausgebildet wurde, wurde Kalkarib – als Zweitgeborener – der Umgang mit der Waffe gelehrt, denn er sollte einst unter der Führung seines Bruders die Heimstätte beschützen. Kalkarib war zufrieden mit seiner Rolle, denn As’Sali wollte es so, ansonsten hätte er ihn nicht zum Zweitgeborenen gemacht. Doch Kalkaribs Welt wurde zutiefst erschüttert, als Delia in sein Leben trat – seitdem ist er nur noch auf Reisen, auf der Flucht, verschollen in Raum und Zeit, entführt von einem Dämon oder in irgendeinem Kampf – doch in keinem für Rastullah, sondern immer nur in Kämpfen für andere und fremde Götter. Kalkarib hatte in der kurzen Zeit mehr erlebt, als so manch anderer in seinem ganzen Leben, zumindest war es genügend Stoff für eine eigene al’tarikh – eine Geschichte.

Als Kalkarib das dritte Mal erwachte, war sein Mund trocken, doch der Schmerz in seinem Schädel brummte nicht mehr so sehr, ihm war aber immernoch schwindelig und er war zu schwach, um sich von selbst zu erheben. Jemand hob sanft seinen Kopf an und legte ihm ein Gefäß an die trockenen Lippen. Als etwas Feuchtes seine spröden Lippen berührten, überkam es ihn, er sog es ein und schluckte es sofort herunter. Das Wasser schmeckte herrlich und er konnte nicht genug davon bekommen. Schluck für Schluck rann seine trockene Kehle hinab, während er schwindelig die Decke betrachtete. Als er jeden Tropfen genossen hatte, half ihm die Frau, die ihm zu trinken gegeben hatte, auf und setzte ihn gegen die Wand. Er genoss noch die kühle Feuchte in seinem Rachen, da sah er, wie die Frau, die Schale, aus der sie ihm zu trinken gegeben hatte, in die Raummitte in das Licht stellte. Es traf ihn wie ein Schlag, denn ihm wurde bewusst, dass aus dieser Holzschale alle hier anwesenden Personen tranken und nun auch seine Lippen diese Holzschale berührten. Ein sehr tief verwurzelter Ekel stieg in ihm auf, am liebsten wollte er das Wasser, das er eben getrunken hatte, sofort wieder ausspucken, doch sein Körper brauchte es zu sehr, als das er jetzt wieder ausspeien könnte. Seitdem er mit seinem Weib unterwegs war, aß und trank er nur aus seinem eigenen Essgeschirr, denn so wollte es sein Glaube. Er achtete auch akribisch darauf, dass keine Ungläubigen sein Essgeschirr berührten, auch wenn es sich nicht immer vermeiden ließ. Doch dann entschuldigte er sich beim nächsten Gebet dafür beim Alleinen und dann war es wieder gut. Da fiel es ihm ein, er musste bestimmt schon mindestens drei Gebete verpasst haben und zu allem Überfluss, wurde ihm sein Gebetsteppich ebenfalls genommen, As’Sali musste bestimmt schon wütend auf ihn sein. In Gedanken legte er sich schon verschiedene Entschuldigungsformulierungen zurecht, dafür dass er die Gebete verpasst hatte, dafür dass er von Geschirr getrunken hatte, dass Ungläubige berührt hatten, dafür, dass er nicht die Frau gemieden hatte und mit ihr Blicke gewechselt hatte, dafür, dass er sich nicht stets eines der 99. Gesetze im Geiste getragen hatte, dafür, dass … seine entschuldigenden Gedanken überschlugen sich und er wurde mitten in ihnen unterbrochen: „Gehörst du zu Dschafars Truppen?“, fragte die Frauenstimme neben ihm. Da Kalkarib aus seinen Gedanken gerissen wurde, hatte er sie nicht ganz verstanden. „Was?“ „Ich fragte, ob du zu Dschafars Truppen gehörst?“, wiederholte sie. Kalkarib wusste nicht, wovon sie da sprach. Er wollte es schon verneinen, da trat einer der anderen Anwesenden ins Licht, um sich die kleine Holzschüssel zu holen. Während er die Schüssel in einen Eimer daneben tunkte, um etwas Wasser herauszuholen, konnte er einen Blick auf den Mann erhaschen. Er war, so wie alle hier, in keinem guten Gesundheitszustand, bärtig und zottelig durch die mangelnde Möglichkeit der Körperpflege und trug mehrere Schichten verschiedenen Lumpen am Körper. Doch unter der Vielzahl der Lumpen entdeckte der Wüstensohn ein Zeichen, dass er von dem Mythraelsfeld nur zu gut kannte: Ein siebenzackiges Kreuz – das Zeichen Galottas. Mit einem Mal spürte Kalkarib, wie sein Herz ihm bis an den Hals schlug und er war von einem Moment auf den anderen hellwach. Er sah die Frau an, deren Gesicht er noch immer nicht so recht erkennen konnte, doch er suchte im Dunkeln bei ihr ebenfalls das Zeichen, und tatsächlich, er wurde fündig. Auf dem Stoff über ihrer Schulter erblickte er das zerfranste, aber noch gut erkennbare siebenstrahlige Zeichen des Dämonenkaisers. Er war in einen Raum mit Gefangenen aus Galottas zersprengten Truppen. Er hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Frau neben ihm wurde langsam ungeduldig. „Ja, ja Dschafar“, brachte er mühevoll hervor, wobei er erneut eines der 99. Gesetze brach. Die Frau seufzte zufrieden. „Dann hattest du mehr Glück, als die anderen von Dschafars Leuten“, begann sie zu erzählen. „Das letzte was ich von ihm gesehen hatte war, dass er von darpatischen Truppen eingekesselt wurde. Ihr habt bis auf den letzten Mann gegen sie gekämpft. Wie konntest du entkommen? Wie ich sehe bist du verletzt worden.“ Die Frau, die sich mal als Belzora vorgestellt hatte, deutete auf seine Verletzung am Bein, die er sich beim Kampf gegen die Söldner nahe Perz zugezogen hatte. Wie ein Blitz durchschoss ihm der Gedanke an Adellinde und Sieghelm. Er fragte sich, ob es ihnen gut gehe und ob sie ebenfalls gefangen genommen wurden. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass Sieghelm niemals in einen Kerker mit Feindes des Reiches gesteckt werden würde, immerhin war er ein Mittelreicher von Rang und Namen. Er fragte sich auch, warum man IHN mit Galottas Truppen zusammen eingesperrt hatte, doch als er an sich herabblickte, seine Schnabelschuhe und seinen Kaftan sah, wurde es ihm klar: Er war hier im Mittelreich ein Ausländer, ein Niemand ohne Rang und Namen. Er erinnerte sich daran, dass Sieghelm davon berichtete hatte, das novadische Söldner auf der Gegenseite mitgekämpft hatten – wahrscheinlich hielten seine Peiniger ihn für einen von ihnen. Doch wer hatte ihn überhaupt gefangen genommen? Er musste es herausfinden und ihnen schleunigst mitteilen, dass er nicht zu denen gehörte. Doch wie sollte er das anstelle, ohne sich dabei selbst zu entlarven? Die Frau stupste ihn an, anscheinend war er schon länger in Gedanken versunken. „Hey Kleiner, ich hab dich was gefragt.“ Kalkarib brauchte schleunigst eine gute und schlüssige Erklärung, er musste seine Maske vorerst aufrechterhalten, um hier wieder lebendig herauszukommen. Da kam ihm ein Gedankenblitz: „Ich weiß es nicht“, begann er mit schmerzverzerrter Stimme und packte sich an den Kopf. „Mein Kopf, ich … muss wohl ganz schön was abbekommen haben.“ Er strich sich dabei über die verkrustete Stelle an der Schlefe, während er so tat, als hätte er das Gedächtnis verloren. Belzora schien sich damit zufrieden zu geben. „Das hast du wirklich. Armer Kleiner … wie heißt du?“ „Ich …“ begann er mit absterbender Stimme. Kalkarib überlegte kurz, ob er sich schnell einen anderen Namen ausdenken sollte, doch eigentlich hatte es keinen Sinn. Sein Name sollte unter diesen Truppen gänzlich unbekannt sein und eine Lüge weniger würde As’sali gefallen. „ … ich heiße Kalkarib.“ Die Frau holte die inzwischen zurückgelegte Holzschale aus der Mitte und holte noch etwas Wasser aus dem Eimer. Ein Mitinsasse stand protestierend auf, doch als Belzora sich ihm nur ihre Muskeln anspannend wortlos entgegen stellte, ließ er sich wieder auf den Hosenboden fallen und sie trat dabei für einen kurzen Moment ins hereinfallende Licht, so dass Kalkarib ihr Gesicht erkennen konnte. Sie hatte markante Züge, ein breites Kinn, einen Höcker auf der Nase der wohl von einem alten Nasenbruch herrührte – ihr Gesicht aber nicht verunstaltete – hohe Wangenknochen, volle Lippen und hellblaue Augen. Kalkarib fiel aufgrund ihres Gebarens auf, dass sie in der Zelle wohl sprichwörtlich die Hosen an hatte. Sie reichte ihm die Holzschale mit Wasser, die Kalkarib zwar widerwillig, aber gespielt freudig annahm. „Ich weiß, deine Leute mögen nicht von Geschirr Fremder speisen … aber sie haben uns alles abgenommen, wir haben nur diese eine“, sagte sie und setzte sich wieder neben ihm. Zur Überraschung des Wüstensohns schein sie seinen Glauben etwas zu kennen und zu respektieren. „Ich frag unsere Knechter mal, ob sie für dich eine extra Schale haben.“ Als Belzora dies sagte, verschluckte sich Kalkarib am Wasser. Er war in allem Maße überrascht, denn seine Gefühle spielten ihm einen Streich. Sie war der Feind! Ja gut, der Feind eines fremden Reichs, aber sie setzte sich für ihn ein?! Was hatte sie vor? Oder war sie doch einfach nur freundlich. Mit nicht mehr ganz so viel Angst um sein Leben, trank Kalkarib die zweite Schale Wasser aus, um die ihm zwar alle im Raum neideten, das konnte er spüren. Doch keiner hatte genug Mumm in den Knochen, um gegen sie etwas zu unternehmen. Er zählte dreizehn Personen in der kleinen Zelle, während er sich neben der massiven Frau mit den gewaltigen Muskeln ziemlich klein vorkam, aber das Gefühl hatte, vorerst in Sicherheit zu sein.

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Ordensmeister kehrte nach erfolgloser Suche zum provisorischen Lager zurück. Adellinde saß dort noch immer zusammen mit Hagen aus Waldsend und sie schienen in ein intensives Gespräch vertieft, weshalb er sie nicht stören wollte. Er ging zu seinem Pferd und nahm einen kräftigen Schank aus seinem Wasserschlauch, denn von dem Leichengestank war seine Kehle ganz trocken geworden. Er überprüfte seine Ausrüstung, ging die Vorräte durch und friemelte hier und dort an seiner Plattenrüstung herum. Der Marsch über das Mythraelsfeld hatte den Glanz von deinem Rüstzeug genommen und er musste sich daran machen, sie wieder auf Vordermann zu bringen. Also packte er sein Putzzeug aus, hockte sich scheppernd auf einen umgefallenen Baumstamm und begann seine Rüstung zu reinigen. Kaum hatte sich der Reichsritter hingesetzt, hüpfte Pagol heran, umschwänzelte dessen Beine und ließ sich dann erschöpft zu seinen eisenbewehrten Füßen nieder. Die Zeit verging quälend langsam. Adellinde unterhielt sich währenddessen immer intensiver mit dem Leichenfledderer. Sieghelm bekam nur ein paar Wortfetzen mit, anscheinend hielt sie ihm keine Predigt, sondern versuchte den Mann dazu zu bewegen, sein Handeln zu hinterfragen. Dieser wiederum hing an ihren Lippen und lauschte sehr aufmerksam ihren Worten. So verstrich die Zeit und während Sieghelm seine Rüstung putzte, fragte er sich immer wieder, ob Kalkarib wohl etwas gefunden haben könnte, dass er jetzt schon so lange wegblieb. Das Gespräch zwischen Hagen und Adellinde unterbrach sie irgendwann mit den Worten: „Ihr müsst darüber nachdenken, ich lasse euch für einen Moment in Ruhe.“  Die zierliche Priesterin ging zum Ritter herüber und setzte sich vorsichtig neben ihn. Sie stöhnte etwas, was Sieghelm dazu veranlasste nachzufragen: „Stimmt etwas nicht?“ Sie schien etwas aus den Gedanken gerissen und zögerte mit der Antwort. „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich musste nur gerade daran denken, dass ich so etwas schon lange nicht mehr getan hatte.“ „Was meint ihr?“ „Diese Art von Unterhaltung. Einer in seinem Glauben wankenden Person durch meine Worte wieder Halt zu geben. Das war eigentlich eine meiner Hauptbeschäftigungen in Perz. Bevor all dies geschah“, schob sie noch hinterher und rührte dabei genervt wirkend mit dem Finger in der Luft. Sieghelm hob seine Augenbrauen und dachte kurz nach, während er seine Unterarmschienen polierte. „Gab es in eurem Ort denn so viele vom rechten Weg Abgekommene?“ Adellindes Augen wurden kugelrund als der Reichsritter fragte. „Oh ihr würdet staunen, wie viele Leute Gareth verlassen hatten, um ihr Glück anderswo zu suchen. Wehrheim ist … war … eine verheißungsvolle Garnisonsstadt, in der man sein Leben stets in den Dienst des Kaisserreichs stellen konnte. Es gab viele rastlose Seelen, die noch nie Gareth verlassen hatten, um in Wehrheim ein neues Leben anzufangen. Doch Aves sei dank, haben sie unterwegs ihr Leben hinterfragt und haben so manches mal bei uns im Tempel halt gemacht, um nach Rat zu suchen.“ Sieghelm unterbrach sie: „Moment, das heißt ihr habt es Ihnen ausgeredet?“ Adellinde war schockiert und legte eine Hand auf ihre Brust. „Es Ihnen ausgeredet? Nein! Peraine ist meine Zeugin, das habe ich nicht. Ganz im Gegenteil!“ Sieghelm atmete erleichtert aus. „Dann ist gut. Ich hatte schon befürchtet ihr …“ „Ich habe Ihnen nur wieder Vertrauen in die Zwölfe und damit erneut Halt im Leben gegeben.“, unterbrach sie den Reichsritter und pulte sich dabei in den Fingernägeln herum. Sieghelm, der das Putzen einstellte, belegte die Priesterin nun mit einem scharfen Blick und holte für einem längeren Satz tief Atem, als direkt hinter ihnen die Pferde plötzlich scheuten. Der wachsame Ritter sprang sofort auf und griff zum Schwert, welches er wegen der Rüstungspflege mit samt der Scheide abgelegt hatte. Auch Pagol sprang auf und sah sich wachsam um. Nur Adellinde blieb blinzelnd und leicht verwirrt sitzen. „Ist bei euch …“ „Pssst!“, zischte Sieghelm sie an, während seine braunen Augen das lichte Waldgebiet absuchten. „Beruhigt die Pferde und macht sie los“, begann er im leisen Tonfall zu erklären. „Kalkarib ist schon lange fort und nur die Götter wissen, was hier noch so durch das Unterholz streicht.“ Mit seinem Anderthalbhänder noch in der Scheide, schritt Sieghelm das provisorische Lager ab und schaute in alle Richtungen, während die Geweihte, wie ihr befohlen, zu den drei Pferden ging und sie versuchte zu beruhigen.

Das Waldstück, in dem sich Sieghelm und seine Gefährten befanden, gehörte zum leicht hügeligen Gebiet des Flusses Gernat. Der flößbare Seitenarm der Dergel befand sich rahjawärts von ihnen, weshalb es in diese Richtung leicht bergab ging. Und aus eben dieser Richtung kommend, sah Sieghelm in der Entfernung Bewegungen durch die Bäume hindurch. „Dort kommt etwas auf uns zu. Macht die Pferde bereit, Adellinde“, raunte Sieghelm ihr erneut zu. Zügig legte er kurz das Schwert ab, schnappte sich seinen Helm und streifte ihn sich über den Kopf. Inzwischen war auch der in seinen Gedanken versunkene Leichenfledderer wieder ‚erwacht‘ und da er den Ritter alarmiert umschauen sah, erhob er sich, war sich jedoch unsicher, was er tun sollte und stand daher nur wie angewurzelt da. Die Geweihte löste die Zügel der Pferde, half Pagol auf seinen Hochsitz und verstaute so schnell und gleichwohl lautlos, wie sie konnte, die Ausrüstung. „Was ist mit Kalkarib?“, rief sie im lauten Flüsterton zu Sieghelm herüber, der Mühe hatte, die Bewegungen im Dickicht auszumachen. „Er wird unserer Fährte folgen müssen“, antwortete er und kniff die Augen zusammen. Da heulte plötzlich in einem ohrenbetäubenden Lärm eines der Pferde auf, stieg in die Lüfte, dass Adellinde, die gerade die Zügel in der Hand hatte, mitgerissen wurde, und fiel dann mit einem lautem rumsen seitlich zu Boden. Die Priesterin hatte Glück und landete wieder auf ihren Beinen und kam nur etwas ins Straucheln. Doch das Pferd hatte zwei Pfeile in der Flanke stecken. Anhand der Position der Pfeile erkannte Sieghelm sofort, dass sie aus einer anderen Richtung als das Flussbett kamen und sie sich daher in unmittelbarer Gefahr befanden. „Hinterhalt!“, rief er und ließ Custoris unter einem kaum hörbaren Donnergrollen aus der Schwertscheide schnellen. Die beiden anderen Pferde wurden plötzlich so aufgeregt, dass es mit ihnen durchging und sie aus dem Stand lostrabten. Adellinde konnte ihre Hand noch in letzter Sekunde aus der Schlaufe des Pferdes holen und wurde somit nicht mitgerissen. „Lauft schnell, in diese Richtung!“, befahl der Ritter im lauten Ton und deutete mit der langen Schwertscheide, die er in seiner Linken hielt, in Richtung Efferd. Adellinde brauchte einen Moment, um sich von dem Schreck zu erholen, doch dann eilte sie los. Auch Hagen nahm die Beine in die Hand und begleitete sie, während sich im Rennen seine Arme und Beine zu überschlagen begannen. Sieghelm, der in einer über fünfzig Stein schweren Metallrüstung stand, wusste, dass es keinen Sinn hatte zu rennen und es nicht nur rondragefällig, sondern auch noch nandusgefällig war, sich langsam fortzubewegen und sich dem Feind zu stellen, anstatt vor ihm zu fliehen. Er hatte die zwei in Richtung Burg Auraleth geschickt, in der Hoffnung, dass dort noch Praioten waren, die Ihnen Schutz bieten konnten oder sie sich zumindest in den zahlreichen geschliffenen Wehrmauern verstecken und Schutz suchen konnten.

Der Ordensmeister musste nicht lange warten, er folgte zwar in zügigen Schritten den anderen, doch rasch kamen aus dem Dickicht mehrere Gestalten hervor. Die Götter hielten für ihn eine weitere Prüfung bereit. Er hatte auf seiner Queste schon gegen Ghule und abtrünnige Söldner kämpfen müssen, doch in Galottas Heerwurm kämpfen noch andere widerwärtige Kreaturen mit. Da der Fäulnis- und Verwesungsgeruch wegen der zahlreichen gefallenen Streiter und der zerstörten Untoten auf dem Mythraelsfeld allgegenwärtig war, war es unmöglich diese Gruppe im Vorhinein auszumachen.  Aus dem Dickicht kamen mehrere Skelette mit Bögen und schartigen Äxten und zum Teil verweste Untote in verrosteten Rüstungsteilen und schartigen Schwertern. Er zählte sechs von Ihnen, die den Hinterhalt gelegt hatten, während sich eine wohl noch größere Anzahl flusswärts befand.

 „In Namen der leuenköpfigen Göttin, Herrin Rondra, ich stehe hier – dein Streiter – und ersuche dich erneut um deinen Beistand“, begann er in absichtlich lauten Ton, um die Untoten auf sich zu lenken, während Adellinde das Weite suchte. Sieghelm musste hilflos mitansehen, wie die zwei skelettierten Bogenschützen Pfeile aus ihren Köchern holten und auf die Sehnen ihrer knarzigen Bögen legten, denn er war noch zu weit von ihnen entfernt und außerdem waren da noch die vier Nahkämpfer, die einen Ansturm unmöglich machten. Leider hatte er kein Schild, denn das war mit dem Pferd durchgegangen. Er hatte nur sich, Custoris und seinen Glauben an Rondra – was Sieghelm genügte. Der erste Pfeil schoss zischend an Sieghelm vorbei, Rondra sei dank waren Untote miserable Bogenschützen. Der zweite flog direkt auf ihn zu, doch mit einem beherzten Hüpfer zur Seite brachte er sich aus der Schussbahn. „Herrin sieh her, ich werde nicht wanken, während ich Thargunitoths Gezücht zerschlage. Denn du bist bei mir.“ Sieghelm nutzte das Überraschungsmoment, auch wenn die Untoten wohl nicht in der Lage waren, sich überraschen zu lassen, aber zumindest hatte er dann den Vorteil, schneller bei den Bogenschützen sein zu können. Er rannte schlagartig auf sie zu und wurde unterwegs von einem Untoten in rostiger und zerfledderter Kettenrüstung und einer Handaxt abgefangen. Schon in der Bewegung schwang Sieghelm Cursoris und ein Donner ertönte, als der mächtige Schwung glatt den morschen Holzstil der Axt samt Oberkörper des Untoten Dieners mühelos durchschlug. Eine Untote Bäuerin mit einem nagelbewährten Kantholz schlug halbherzig von der Seite zu, als Sieghelm an ihr vorbeistürmte, wobei die rostigen Nägel wirkungslos über Sieghelms Plattenrüstung kratzten. Der Ritter war nicht aufzuhalten und noch ehe einer der Bogenschützen den zweiten Pfeil auf die Sehne gelegt hatte, schlug Sieghelm erneut zu. Mühelos und fast ohne Widerstand durchschlug das Schwert die magisch erhobenen Knochen, die bei ihrem Weg zum Boden in ihre Einzelteile zerfielen. Mit einem rostigen Breitschwert und einem verblichenen Wappenschild bewaffnet trat ihm ein untoter Soldat entgegen. Im von Fäulnis durchzogenen Gesicht des ehemaligen Gardisten aus Warunk, was Sieghelm an den Fetzen seines Wappenrocks erkannte, tummelten sich zahlreiche Maden – was Sieghelm für einen kurzen Moment erschaudern ließ, als er in die augenlosen Löcher im madenzerfressenen Schädel des Gardisten blickte. Sieghelm holte aus und hatte die Gunst des ersten Schlags, da sein Bihänder mehr Reichweite hatte als das rostige Schwert des Untoten. Mit einem feuchten Kratzen wehrte der Untote Gardist den Schlag mit dem Wappenschild ab, wobei ein Stück davon abplatzte. Aus dem Augenwinkel sah Sieghelm wieder die untote Bäuerin in Schlagdistanz kommen, weshalb er zu einem riskanten Manöver ansetzte. Mit der Linken, in der sich noch immer die Schwertscheide befand, stach er beherzt nach der Bäuerin, während er mit der Rechten einen schwungvollen Hieb nach dem Gardisten schwang. Die metallene Spitze der Schwertscheide bohrte sich mühelos in den weichen Schädel der Frau und blieb darin stecken, während Sieghelms Schwerthieb von dem Gardisten erneut mit dem morschen Schild abgewehrt wurde. Da bekam der Reichsritter einen kräftigen Stoß gegen den Rücken, das Metall heulte auf und gab nach. Er spürte einen ihn aus dem Gleichgewicht bringenden Faustschlag gegen sein Schulterblatt. Ein Pfeil hatte aus nächster Nähe seine Plattenrüstung durchschlagen und war in den darunter liegenden Kettenteilen hängen geblieben. Die im Pfeil enthaltene Kraft entlud sich dann als heftiger Faustschlag in das Schulterblatt des Streiters. Sieghelm kam leicht ins Wanken, konnte aber nun endlich sein Schwert mit zwei Händen packen um seinen ganzen Vorteil auszuspielen. Dennoch musste er aus einer unvorteilhaften Position zwei gute Schläge des Gardisten abwehren, was ihm nur mühevoll gelang. Mit flinken Füßen umtänzelte er anschließend den Warunker, um ihn zwischen sich und dem Bogenschützen zu bringen. Der letzte Nahkämpfer stellte sich neben den Gardisten, auch diesen musterte Sieghelm kurz, um seine Kampffähigkeit einschätzen zu können. Es war zu seiner Verwunderung ein nur leicht verwester Leichnam eines Tulamiden. Die leichten und bunten, jedoch etwas verblichenen und matschbedeckten Stoffe, der Turban und das krumme Schwert, welches er in seinen Händen hielt, waren eindeutige Hinweise. Plötzlich musste, auch wenn er kein Tulamide war, Sieghelm an Kalkarib denken und daran, was ihm wohl zugestoßen war oder ob er sich in Sicherheit bringen konnte. Er hoffte, dass es dem Sohn der Wüste gut ging, doch im Moment hatte Sieghelm ganz andere Sorgen. Der Warunker Gardist und der untote Tulamide begannen ein Feuerwerk aus kurzen Schlägen auf Sieghelm regnen zu lassen, den meisten davon wich Sieghelm aus, indem er kontrolliert zurückging. Währenddessen lauerte auf eine gute Gelegenheit. Als der Tulamide mit seinem Säbel einmal zu weit ausgeholt hatte, zuckte Sieghelm aus der Oberhau Position einmal mit dem Anderthalbhänder kurz herab, binnen eines Lidschlags durchschlug die Spitze des Schwerts den zerfledderten Turban und spaltete den Kopf des Untoten. Blut und Hirn spritzte in alle Richtungen und der Leichnam brach zusammen, so dass nur noch der untote Gardist und der eine Bogenschütze standen. Ein Pfeil zuckt plötzlich über die Schulter des Gardisten und  streifte Sieghelm am Helm. Er musste sich beeilen, irgendwann würde ein Pfeil ihn treffen. Erneut hob der Ordensmeister das Schwert in den Oberhau und deutete einen Schlag von oben an, der Gardist tat es ihm gleich und brachte sein inzwischen löchriges Schild ebenfalls nach oben. Darauf hatte Sieghelm gewartet, er schlug zu und zwang den Gardisten zur oberen Abwehr, doch der Schwerthieb war nur eine Ablenkung, die wirkliche Gefahr drohte von Sieghelms Fuß, den er mit aller Kraft voran in den Bauch des Untoten trieb. Hätte der Untote noch einem Atem gehabt, hätte er ihn jetzt wohl verlassen, denn der Gardist flog mit Wucht nach hinten und landete auf dem Rücken und verlor dabei sein rostiges Schwert. Sieghelm setzte nach und stach mit der Spitze über ihn stehend in den Brustkorb. Es knirschte und blubberte feucht, als der weiche Oberkörper nachgab, denn das Kettenhemd blieb stabil und wurde ins Innere des vermoderten Körpers gedrückt. Dann setzte er zu einem Sprint an und schoss auf dem Bogenschützen zu. Der Hieb, der das Skelett in seine Einzelteile zerlegte, war dann nur noch Formsache.

Schwer atmend überblickte Sieghelm das Kampffeld, er hatte den Hinterhalt besiegt, doch eine große Schar weiterer Leichname, Untoter und Skelette war im Anmarsch. Einige Pfeile schlugen rund um ihn ein oder purzelten wirkungslos, weil von den Ästen der Bäume abgelenkt, von oben heran. Sofort zog er schmatzend die Schwertscheide aus dem Kopf der ehemaligen Bäuerin und nahm die Beine in die Hand. Er hatte noch immer einen Pfeil im Rücken stecken, was ihm beim Rennen behinderte. Doch zum Glück knickten unterwegs die sich überlappenden Metallteile am Rücken den Pfeil ab, doch der Druck im Rücken blieb. Er hatte jedoch keine Zeit, sich jetzt darum zu kümmern. Er versuchte Adellinde und den Leichenfledderer zu erspähen, doch die Beiden waren schon außer Sicht. Da dachte Sieghelm an den Leutnant: Wo war er? War er mit den beiden mitgerannt, um sie zu beschützten? Das letzte Mal, als er ihn gesehen hatte, lag er zu seinen Füßen und bei dem Kampf eben war er nicht dabei. Er hoffte das es ihm und allen anderen gut ging, denn er war nun alleine, auf sich gestellt und noch längst nicht in Sicherheit. Er rannte so schnell es in der Plattenrüstung möglich war – denn der Gegner war ihm zahlenmäßig zu sehr überlegen. Zudem würde er nicht die Ausdauer haben, ewig zu rennen – denn die Untoten – wenn sie auch langsam waren, würden niemals erschöpfen.

Sieghelm hörte sich im Innern des Helms unterwegs schwer atmen, seine Brust brannte, doch er wusste, er musste Distanz zwischen sich und die Untotenschar bringen. Leider verlor er unterwegs seinen einzigen Orientierungspunkt aus den Augen, die Zinnen von Burg Auraleth, weshalb er nicht wusste, in welche Richtung er rannte. Er musste schnell etwas finden, wo er einen taktischen Vorteil bekam und sich etwas verschnaufen konnte. Doch die nur leicht hügelige Ebene war viel zu flach für eine Engstelle, Höhlen konnte er auch nicht ausmachen und der Wald zu licht, um sich im Unterholz zu verstecken.

Währenddessen eilten auch Adellinde und Hagen stolpernd durch den Wald. Sie folgten den weit entfernten Festungsmauern von Burg Auraleth, in dessen Richtung sie Sieghelm geschickt hatte. „Komm schon, lauft weiter! Glaubt an euch!“, rief sie ihm außer Atem zu. Doch der Fledderer schien nicht bei bester Gesundheit und Kondition zu sein und hustete unterwegs ungesund. Zumal er immer wieder anhalten musste, um durchzuatmen. Währenddessen schaute sich Adellinde hektisch nach dem Reichsritter um, sie wollte ihn nicht verlieren, war er ihr in den kurzen Zeit doch irgendwie ans Herz gewachsen. Durch den lichten Wald hindurch hörte sie jedoch nur das Geschepper der Untoten, die durch das Unterholz marodierten. „Wir müssen weiter!“, trieb sie Hagen an. „Ich kann nicht mehr“, hustete er und stützte sich auf seinen Knien ab. „Wenn wir bleiben, sterben wir!“, schrie sie ihn an und sah, dass bestimmt ein dutzend Untoter gerade über die Spitze eines Hügels auf sie zu eilten. „Das … ist mir gleich“, antwortete er und spuckte aus. „Was redet ihr da! Los, kommt weiter!“ Adellinde versuchte dem Mann, ihrem Ekel vor seinem Körpergeruch zum Trotz, unter den Arm zu greifen und weiter zu ziehen, doch er entzog sich ihrem Griff. „Lasst mich! Ich … werde hier bleiben … und sie aufhalten.“ „Bei der gütigen Göttin, redet nicht so einen Unsinn daher! Ihr würdet sterben! Ihr habt ja nichtmal eine …“ Adellinde hatte den Satz nicht mal zuende gesprochen, da zog der Fledderer einen Langdolch aus seinen Schaftstiefel. Für einen ganz kurzen Moment rutschte Adellinde das Herz in die Hose, wollte er sie jetzt und hier abstechen? Doch als sich Hagen umdrehte, wurde ihr bewusst, dass der lebenstolle Mann aus Waldsend vor hatte, sich mit dem Dolch den Untoten entgegen zu stellen. „Ich verschaffe euch etwas Zeit … nun lauft schon.“ Adellinde zögerte. Sie kannte den Mann nicht. Sie hatte mit ihm nur geredet und nun wollte er sich für sie opfern?! Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Ihre Lippen zitterten und ihr wurde ganz kalt bei dem Gedanken daran. „Ich danke euch, Euer Gnaden … und nun lauft endlich!“ Für mehr war keine Zeit, ein letzter Blick und Adellinde eilte wieder los. Ihr liefen die Tränen, als sie unterwegs hörte, wie Hagen die Untoten beschimpfte, um etwas Zeit für Sie zu gewinnen. Sie blickte nicht zurück, sie wusste, dass er dort gerade starb – sein Leben gab – für sie. Mit Tränen in den Augen rannte sie so lange sie konnte.

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

die Kraft des Geistes oder des Willens

In den letzten Tagen verweilt Azina viel in ihren Gedanken. Nachdem die Feste gefallen ist und Galotta besiegt, räumen sie die Trümmer des Reiches fort und beschäftigen sich mit allerlei Dingen, die jedoch nicht ihre volle Aufmerksamkeit erlangen. Selbst die Aufdeckung des Paktierers konnte sie nicht dauerhaft von den Sorgen um ihre Situation ablenken Einzig dem Gefäß der Seelen, dem verhängnisvollen Henkersbeil, richtet sie ihren scharfen Blick. Und doch treibt sie etwas anderes um.

Wie viel Kraft benötigen wir im Kampf gegen den Vortex? Und wie viel vermögen uns die Götter zu geben? Nehazet ist überzeugt davon, dass wir unsere gegebenen Fähigkeiten trainieren können. Sie abrufen können, wann immer wir es wünschen. Als würden sie von einem selbst stammen. Das mag wohl in seiner Magietheorie funktionieren. Er birgt große astrale Kraft. Doch die karmale Kraft stammt doch von den Göttern. So funktioniert doch die Macht der Geweihten. Nun muss ich immer wieder an dieses Zwischenwesen denken. Es behauptete, wir seien mehr als die Geweihten. Was meint es damit?

Warum wurden wir auserwählt? Was ist unsere Bestimmung? Warum können wir fallen? Und warum ist es so wichtig, dass wir es nicht tun? Tragen wir selbst eine Art Kraft in uns die wichtig für unsere Spähre ist? Oder gab uns jemand diese Kraft den Frieden zu stören*. Und wer gab uns diese Kraft? Die Götter selbst, die Hoffnung in uns setzen? Oder gab sie uns der Feind, der ebenfalls seine verdorbene Hoffnung in uns setzt? Reine Seelen verderben die Macht. Oder dergleichen. Sind wir des Guten oder des Schlechten Diener? Und welchen Einfluss haben wir auf unsere Bestimmung? Ach, alles ist so ungewiss.

Ich weiß nur, dass ich auf keinen Fall möchte, dass unsere Welt untergeht. Ja, sie hat auch ihre schlechten Seiten. Die Missgunst, der Neid, all das Töten und den Spott. Doch auf ihr befindet sich sehr viel Schönes und hier leben viele gute Menschen. Doch allein schon die fazinierende Natur ist es wert erhalten zu bleiben. Das kann ich mit Gewissheit sagen. Die Schöpfung ist großartig. Und diese schützen wir. Weise ist der Name unseres Ordens. Es umfasst alles sein.

Wie kann ich meinen Anteil an dem Schutz verbessern? Die anderen haben alle ihre herausragenden Eigenschaften. Sie verstehen sich in der Ordens- und der Armeeführung oder der Magie und des Wissens. Doch was kann ich? Ich weiß, wie man in der Wildnis überlebt. Hervorragend! Da muss doch mehr möglich sein. Denn noch ist Aventurien kein unwirtlicher Ort, sodass sich diese Fähigkeiten voll entfalten könnten. Nie soll es ein solcher werden. Wir streiten dafür, dass es nicht dazu kommt, dass meine Fähigkeiten des Überlebens in karger Umgebung einmal entscheidend für den Fortbestand unserer Sphäre sein werden.

Nehmen wir nun einmal an, die Kraft steckt in uns oder in unseren heiligen Gegenständen. Wo genau ist zunächst einerlei. Was braucht es, um diese Macht zu entfesseln? Gelassenheit? Mut? Wut? Oder Willenskraft, wie Nehazet sage würde. Den Willen etwas tun zu wollen und zu können. Als Garnan mich meine mächtigen Fähigkeiten, wie die zweite Sicht oder das Eisschild, lehrte, tat er dies, indem er mich meinen Geist auf auf die Umgebung einstimmen ließ. Mich ganz auf meine wahre Natur zu besinnen und meinen Geist der Umgebung anzupassen. Der Umgebung anpassen. Das war nur bei der Lehre zur Sicht. Ich musste die Umwelt ganz besonders wahrnehmen, sie in mich aufnehmen. Oder meinen Geist über alles hinaus ausdehnen. Je nachdem, was ich mit diesen Kräften tue, ich muss ich stets mehr als meine Gedanken darauf zu richten. Ich muss es mir nicht nur vorstellen, was ich tun möchte, ich muss auch eine Art Geisteskraft darauf richten. Das funktioniert zumindest bei der zweiten Sicht. Während des Gezeitensturmes funktionierte es über den starken Willen, als ich den Eisschild über mehrere Menschen zugleich legen konnte, ich wollte es unbedingt. Es scheint mir eine andere Art von Geisteskraft zu sein.

Danach habe ich es oft versucht, leider mit nur mäßigem oder keinem Erfolg. So auch bei der Axt des Henkers, die viele Seelen gefangen hält oder beim öffnen des Limbus, um Nehazet zu befreien. Vielleicht ist mein Wille auch einfach zu schwach. Weniger denken, mehr fokussieren oder fließen lassen. Ist Wille und Geist das gleiche? Was zeichnet Stärke aus? Und wie kann man sie trainieren? Muss sie hart und beständig werden können oder muss sie sich ganz der Sache hingeben, sie ausfüllen können? Beides ist beim Entstehen des Eises gegeben.

Ich werde von nun an viel öfter meditieren und meinen eigenen Weg zur Quelle der Kraft finden.

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Azinas Gedanken

*stammt aus dem Buch, das ich gerade lese: Die Chroniken des Thomas Covenant