Als die Pferde gesattelt waren und auch Ludevicos treuer Esel, da murmelte der andergastsche Händler der Gruppe zu: „Ich muss noch kurz etwas erledigen.“ Dann nahm er aus seiner Satteltasche eine hölzerne runde und längliche Schatulle heraus und verschwand damit zügigen Schrittes im Gasthaus. Dort angekommen, musste er sich erst ein wenig an die Dunkelheit gewöhnen, denn draußen hatte die Praiosscheibe den Hof in ein helles Licht getaucht, das trotz des kalten Wintertages etwas angenehme Wärme verbreitete. Hier drinnen spendete ein traviagefälliges Kaminfeuer wohlige Wärme; das war ihm auch wesentlich lieber. Im Gastraum befand sich, das bemerkte er, als sich die Stube von fast vollkommener Dunkelheit in ein Dämmerlicht verwandelte, nur noch Thalania, die ihn zunächst verwundert, dann freundlich anschaute. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch Ludevico unterbrach sie gleich mit einem Kopfschütteln und lächelte ihr zu. Sie zuckte nur kurz mit den Schultern und fuhr fort, die Gaststube zu reinigen, nun, da der große Gästepulk, der sie ja nunmal waren, einmal das Haus verließ. Ludevico ging auf das Kaminfeuer zu, nachdem er sich sicher war, dass die Magd ihn nicht weiter beachtete. Er öffnete die Schatulle, holte raschelnd das Pergament, das er die Nacht zuvor so sorgfältig schrieb, heraus und ließ es ohne Zögern in die Flammen fallen. Es knisterte heftig, als die Flammen sich durch die trockene Schweinehaut fraßen. Er blieb noch ein wenig vorm Feuer stehen, sichergehend, dass auch der letzte Rest vom Schriftstück verbrannte und kehrte dann mit der leeren Schatulle nach draußen zurück. Die anderen schauten ihn erwartungsvoll an. Er meinte nur: „Wir können dann los.“
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Sie waren gerade ein paar Stunden unterwegs, es war ein wunderschöner Wintertag. Die Praiosscheibe schien, eine leichte Brise spielte mit Ludevicos unter seinem grauen Filzhut hervorschauendem Haar. Auf den Tannenspitzen glänzten von der Ferne einige zu Eis gefrorene Wassertropfen, sodass es schien, als funkelten die Sterne bei Tage. Ein Lächeln zauberte sich auf Ludevicos Gesicht, ließ sich von der Gruppe ein wenig zurückfallen und geriet ins Grübeln.
Ja, das waren so andere Gesellen, als die gekaufte Söldnergruppe, die sich kurz vor Hillhaus einfach so TROTZ BEZAHLUNG aus dem Staub machten und im Stich ließen. Einfach so nach dem Nachtlager verlassen worden bin ich. Die Pferde Hatten sie auch mitgenommen. Der Gedanke daran lässt mich vor Wut fast bersten!
Ein zarter Windhauch fegte ein wenig liegengebliebenen Schnee von einer Tanne direkt in seinen Nacken. Nach einigem Gefluche und Getöse befreite sich der Händler vom Übel, schüttelte sich kurz und besann sich wieder auf seine Gedanken.
Auch wenn mir der Almadaner viel zu voll mit Rondrastolz und praiotischer Rechtsauffassung war, so band ihn das doch allzu vorzüglich an mich. Er hatte sich als nützlicher Verbündeter erwiesen. Für einen Schwertgesellen war er erstaunlich gewieft und schien Kopf vor Herz durchs Leben zu gehen. Hoffen wir, dass, sollte das alles vorbei sein, sich eine Gelegenheit ergibt, ihn dauerhaft zu binden. Nützliche Leute sind hierzulande rar, so musste ich mit bedauern feststellen. Und von der handvoll nützlicher gibt es einen Finger voll zuverlässiger, die ihn nicht gleich bei der besten Gelegenheit verraten. Ja, Rondrigo hatte seinen Wert bewiesen.
Sie passierten eine kleine Furt, das Wasser sprudelte Gurgelnd und Glucksend über die Steine und streichte über die am Rand des Flusses hängenden Eisplatten, die noch dort hingen, scheinbar wartend, bis dass Taue oder der Fluss selbst sie mitrissen.
Ja, das ist ein regelrechtes Konzert! Ich sollte wohl öfters in der Natur unterwegs sein. Die Bäume natürlich, die so herrlich durch Peraines Gabe wuchsen, und sich dann ohne viel zutun in bares Gold verwandelten, haben natürlich ihren Nutzen. Doch der erholsame Effekt der baren Natur auf das Wohlbefinden? Hmmm, ob man das zu Geld machen kann? Ludevico holte ein Pergament aus der Satteltasche, kritzelte mit einem Griffel etwas darauf und verstaute das ganze wieder. Ich werde später darüber nachdenken. Kam nicht diese Hebamme irgendwo hier aus der Nähe? Ich muss sie bei Gelegenheit einmal fragen. Sie hat mich von allen am meisten überrascht. Ich dachte nicht, dass in einem – vor allem WEIBLICHEN – Wesen so viel Potenzial und Anmut steckt. Noch nie habe ich eine Frau so wahrgenommen. Erst Mutter, die nun ihre gerechte Strafe für ihr Handeln abbekam, dann Lysandra . Hach, Lysandra, warum musstest du mich so hintergehen? Nun gut, Jugendsünden. Aber Mara hatte dieses Bescheidene. Sie wollte mich nicht gleich kontrollieren, und sie war nicht an meinem Geld interessiert. Natürlich kann das auch eine ganz ausgephexte Sache sein. Aber ich kenne Menschen. Die meisten jedenfalls. Ich sah den plötzlichen Stolz in ihren Augen. Hatte sie etwa noch nie für Ihre vorzüglichen Leistungen Geld genommen? Ich habe ja die Auflistung gesehen. Ich kenne mich zwar mit den Preisen bei Heilern nicht so gut aus, doch es kam mir vor, als hätte sie mir einen großen Rabatt gegeben. Ich hätte es alles umsonst haben können. Der Verlust des Geldes schmerzt schon, doch mir kommt es vor, das sei es wert gewesen. In ihr hat sich ein Tor geöffnet. Vielleicht nur ein bisschen. Doch scheinen sich dahinter für sie interessante Dinge zu befinden. Reitet und bewegt sie nun nicht anders? Mir kommt es vor, als sei sie um ein paar Finger gewachsen. Auf sein Gesicht zauberte sich erneut ein Lächeln. Er konnte mit seiner Arbeit hier zufrieden sein. Denn trotz der Verzögerung hatte ihn die Gesellschaft um einiges vorangebracht. Behindert hatte ihn nur Aimos, doch hoffentlich hat sich das jetzt gelegt. Hätte es sich wohl auch früher, wenn er ihm die Befreiung aus dem Elfendorf entlohnt hätte. Vergangen ist vergangen, den Blick sollte man in die Zukunft richten! Wenn Phex ihm hold ist, sehen sie sich über lang sowieso nicht wieder.
Hm zu dem Edlen aus Havena kann ich mir keine so rechte Meinung bilden. War er am Anfang noch voller Trauer und verständlicherweise abweisend, so legte sich das zunehmends. Sehr geliebt zu haben schien er ihn ja wohl nicht. Etwas sprunghaft und affektiert. Also mir ist das ja nichts, Männer miteinander. Ihm schauderte bei dem Gedanken. Aber sollen sie nur, solange sie mich nicht einbeziehen. Ich habe ja sogar zu dem Esel ein besseres Verhältnis als zu ihm. Ja, du hast mir gute Dienste geleistet, Grauer. Sollst auch in Winhall ordentlich viel Heu bekommen. Ich schaue, ob man sich um dich kümmert. Nicht einmal gebockt hast du. Und um dich wird sich ordentlich gekümmert!
Während sie weiterritten, veränderte sich die Landschaft unmerklich. Die noch vereinzelt herumstehenden Eichen wichen zunehmends den Tannen und hier und da sah man das Sonnenlicht, das sich an einzelnen Tümpeln brach, die in der Gegend verteilt waren. Der Tag war jedoch noch jung und Winhall weit. Ludevico ließ den Grauen wieder zur Gruppe aufschließen und suchte das Gespräch.