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Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)

Teil XII – Epilog

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Zwischen Eilingshof und Burg Friedstein

Sie waren schon zu hören, noch bevor man sie sah. Der Boden bebte unter den Füßen zweier berittener Lanzen, die gerade in den Weg hinter dem Wäldchen einbogen und von der untergehenden Praiosscheibe weite Schatten auf die Hirsefelder neben sich warfen. Angeführt von einer Kriegerin in leichter Reiterrüstung, die auf einem schwarzen Greifenfurter Kaltblut ritt, näherten sie sich der Niederrungenfestung Friedstein. Als sie einen guten Blick auf das Gemäuer bekamen, hob die Kriegerin den Arm und die zwei Dutzend Reiter kamen binnen von wenigen Lidschlägen zum Stehen, nur die Staubwolke, die sie dabei aufwühlten, flog noch etwas weiter. An die Seite der Kriegerin ritt einer ihrer Männer, ihr engster Berater, und öffnete sein Visier. „Euer Wohlgeboren.“ Seine Stimme klang rau und alt, hatte aber seine militärische Stärke behalten. Im epischen grauen Oberlippenbart des Mannes fing sich der Staub des Weges, als er zu seiner Herrin herüber sah. Diese hatte ebenfalls ihren Helm geöffnet und blickte mit tief ernstem Blick zur Festung. „Niemand hatte erwähnt, dass sich die Festung in einem derart heruntergekommen Zustand befindet“, merkte sie in einem skeptischen Tonfall an und meinte damit den geschliffenen Turm und die zum Teil eingerissenen Wehrmauern. Der schnauzbärtige Berater musste zwinkern, als er sich die Festung ansah, seine Augen waren nicht mehr die besten, aber eine geschliffene Festung erkannte er noch gut genug. „Ich habt Recht, euer Wohlgeboren. Ein katastrophaler Zustand“, bestätigte er, strich sich durch den Bart und schniefte den Staub aus seiner Knollennase. „Für einen Erkundungstrupp ist es zu spät, wenn dort noch jemand ist, hat er uns schon längst kommen hören.“ Lady Brangane legte ihre mit Reiterhandschuhen gekleideten Hände lässig auf das Horn des Sattels und schaute zu ihrem alten Weggefährten herüber. „Und der Büttel Jahan Eiling hätte uns wohl davon berichtet, wenn die Festung angegriffen worden wäre.“ „Ich sage, man hat uns die Wahrheit über den Zustand der Festung vorenthalten, euer Wohlgeboren“, versuchte der alte Kämpfer in militärischem Tonfall zu erklären. Er war von Anfang an nicht von dem Ansinnen seinen Herrin, dem Orden beizutreten, begeistert gewesen und hatte den ganzen Weg hierher nur Schlechtes daran gefunden. „In Nandus Namen, genau darum brauche ich euch, Baltram. Ihr lasst mich hin und wieder meine Befehle und Entscheidungen überdenken.“ „Stets zu Diensten, Lady Brangane“, brummte Baltram zackig. Für einen Moment kehrte Ruhe ein und die beiden Kämpfer sahen sich von weitem Festung Friedstein genauer an, auch wenn für Branganes Berater das Gemäuer nur wie ein verschwommener grauer Fleck aussah. Im Hintergrund nutzen einige der Reiter inzwischen die kleine Pause um einen Schluck aus ihren Wasserschläuchen zu nehmen.

Baltram konnte die anhaltende Stille kaum aushalten, weshalb er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd nach vorne traben ließ, zwei weitere Reiter schossen sofort aus der Lanze zu ihm nach vorne und flankierten ihn schützend. „Dann gehe ich euch mal ankündigen“, rief Baltram noch ungeduldig und war auch schon außer Hörreichweite. Lady Brangane blieb lässig in ihrem Sattel sitzen und blickte ihrem erfahrenen Berater mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinterher.

Wenig später, die Praiosscheibe war inzwischen nur noch ein roter Helm am Firmament, erreichten beide Lanzen die verwüstete Festung. Überall lagen zerfetzte Leichen herum und Unmengen an Abscheulichkeiten lagen teils zusammengekrümmt, teils zerstückelt im Staub des Hofs oder auf den Wehrmauern herum, als wäre der Kampf gerade erst vorbei. Nachdem Baltram seine Herrin an der Festung angekündigt hatte, brauchten sie einen Moment, um die Tore zu öffnen, denn die Torwächter waren ebenfalls tot. Tarnelius, der überlebende Infanterist, interessierte sich sehr für Heraldik, weshalb er das Wappen der Greifenfurterin sofort erkannte und allein aufgrund der Menge der Reiter für echt hielt und sie einließ.

Die zwei Lanzen Berittener durchschritten gerade die offenen Burgtore, als sich ein durch zahlreiches Krächzen ankündigender Schwarm Raben über die Festung flog und überall auf den Zinnen niederließ. Sie deuteten es als ein Wirken Borons und ließen sie gewähren, als sie still verweilten und die Ankunft der zwei Lanzen beobachteten. Der Tod war über diese Festung gekommen, und alle empfanden es nur als recht, dass nun die Boten des Stillen kamen, um die zahlreichen Seelen abzuholen.

Die dumpfe und beklemmende Stimmung, die über der Festung hing, wurde nur gelegentlich von Würgegeräuschen unterbrochen, da ein paar der Reiter die Beherrschung verloren und sich übergeben mussten. Nicht nur wegen des starken Geruchs nach frisch vergossenen Blut oder aufgeschlitzter Eingeweide, sondern auch wegen des rohen und fürchterlichen Grauens, dass hier eben gerade geschehen war. Sofort gab Lady Brangane den Befehl mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Elfa, Tarn und noch zwei weitere überlebende Festungssoldaten organisierten zusammen mit den Reitern, die sich dazu in der Lage empfanden, sofort die Aufräummaßnahmen.

Lady Brangane, Baltram und der Knappe Ingmar fanden sich daraufhin im Rittersaal der Festung ein, der, den Göttern sein Dank, gänzlich verschont geblieben war. Ingmar hatte inzwischen einen Großteil seiner zerschlissenen und störenden Rüstung abgelegt. Er setzte sich mit den beiden weitaus älteren Personen an den Kopf der Rittertafel, er selbst belegte dabei, bewusst oder unbewusst, den Sitz des Burgherrn. Ohne das die Zwei Nachfragen mussten, begann er sofort zu erzählen, was hier geschehen war, ungeschönt und ohne ein einziges Detail auszulassen, schilderte er die Ereignisse von der Ankunft der falschen Brangane, der Entdeckung Halriks, dem Auftauchen des gefallenen Ankers, bis hin zum finalen Kampf auf dem Burgfried. Baltram und Brangane hörten nur zu, sie hatten keine Zwischenfragen, sie warteten nur still ab und ließen sich die unglaubliche Geschichte bis ins Detail erzählen. Ihre Mienen wurden dabei immer missmutiger und ernster. Als Ingmar die falsche Brangane erwähnte, horchten sie beide kurz auf und Baltram nahm sein Notizheft und kritzelte schnell ein paar Worte darauf, um sie seiner Herrin zuzuschieben. Diese nickte nur wissend und lauschte dann weiter den Ausführungen des ehemaligen Knappen.

Fast eine halbe Stunde verging und die Praiosscheibe ging inzwischen unter. Zwischendurch entzündeten sie ein paar Kerzen im Rittersaal, um nicht in völliger Dunkelheit weiterreden zu müssen. „ … und dann kamt ihr an die Burgmauer.“ Ingmar nickte zu Baltram, als er seine Erzählung endete. „Es ist ein Segen, dass ihr gerade jetzt kommt, um uns in unserer Not zu helfen. Ich wünschte nur, ihr wärt hier gewesen, bevor der Dämon uns erreichte.“ Schwermütig schloss Ingmar damit seinen Bericht und suchte auf dem Tisch nach einem vollen Krug Wein, um sich die vom Erzählen trocken gewordene Kehle zu befeuchten, doch vergebens, er war leer. „Zuerst möchte ich euch mein Bedauern über den Verlust eures Ritters und Marschalls dieser Festung mitteilen“, begann Brangane, die ihre Hände auf dem Tisch zusammengefaltet hatte. Ihre Brauen waren tief in das Gesicht gezogen und bildeten eine gerade Linie. „Ich danke euch auch für euren umfassenden Bericht, junger Herr. Ihr konntet uns damit helfen, ein Rätzel aufzuklären. Dieser hautwechselnde Dämon muss unter uns gewesen sein und sich als einer meiner Waffenknechte ausgegeben haben. Denn nur so lässt sich erklären, weshalb mein Waffenknecht sich nicht daran erinnern konnte, meine Rüstung mehrmals geputzt zu haben – und das noch, während ich sie an hatte. Allein wenn ich daran denke, dass mich ein Dämon berührt hat, um meine Gestalt anzunehmen, lässt es mich erschaudern.“ Baltram nickte deutlich und nahm dann sein Notizheft zurück. Das war es, was er seiner Herrin aufgeschrieben hatte. „Ich wurde auf Geheiß von Ordensmeister Nehazet hierher überstellt, und ich werde mein Wort halten und mich und meine Mannen dieser Festung zuteilen und … das was davon übrig ist … schützen.“ Brangane rührte dabei mit dem Zeigefinger in der Luft und legte die Hände dann wieder zusammen. „Ich erkenne euch als kommissarischen Verwalter der Feste Friedstein an, da ich als Heermeisterin und nicht als Marschallin hierher bestellt wurde. Ich lege euch nahe, ein Schreiben an Ordensgroßmeister Sieghelm zu verfassen, was ihr mit Sicherheit ohnehin vorhattet. Die Ordensmeister müssen über das hier Geschehene in Kenntnis gesetzt werden – zumal ihr eine wichtige Gefangene im Kerker habt. Die Meister können dann darüber bescheiden, wie es hier in der Feste weitergeht. Bis dahin unterstelle ich meine Männer unter euren Befehl, junger Herr.“ Wenn ihr Berater Baltram etwas gegen die Entscheidung seiner Herrin hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sein epischer grauer Schnauzbart zuckte nur kurz und er strich ihn sich dann seine Knollennase rümpfend glatt. „Eure Weisheit wird nur noch von eurer Ehrenhaftigkeit übertroffen, Lady Brangane“, antwortete Ingmar, der sich an die Lehren über ritterliche Tugenden erinnerte. Baltram, der aufgrund seiner Erfahrung wohl ein besseres Auge für gefüllte Krüge hatte, schnappte sich einen eben solchen vom Tisch und füllte sofort zwei Zinnkelche mit Wein. Brangane bedeutete ihm dabei, dass er sich auch einen eingießen sollte, was er dann dankend tat. Alle drei, beginnend mit der Ritterin erhoben sich aus ihren Stühlen und erhoben ihre Becher. „Auf die Gefallenen, möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein“, toastete Brangane Ingmar zu. Dieser zögerte kurz, da er sofort an Ser Gneisor denken musste, als die Ritterin ‚die Gefallenen‘ erwähnte und für einen kurzen Moment in Melancholie versank. Er wünschte sich, dass er ebenfalls einen Toast aussprechen konnte, doch genau in diesem Moment musste er daran denken, dass ihn sein eigener Ritter in den Tod hatte stürzen lassen. „Auf die Gefallenen“,  brachte er mit bitteren Tonfall über die Lippen. Gemeinsam kippten die drei den schweren Koscher Wein herunter und besiegelten damit ihr weiteres Vorgehen.

Brangane begann sofort ihrem Berater ein paar direkte Anweisungen zu geben, dabei ging es um den geschliffenen Turm und auf der ganzen Festung verteilt liegenden Leichen und Abscheulichkeiten. Ingmar vernahm zwar ihre Worte, doch als er sich wieder in den Burgherrensessel fallen ließ, versank er tief in ihm. Nur am äußeren Rand seiner Wahrnehmung hörte er ein paar Wortbruchstücke, zu sehr war er mit seinen Gedanken und der Verarbeitung der Ereignisse beschäftigt. Ihm wurde klar, dass er gestorben war – zwei Mal. Einmal im Burgfried vor der Bibliothek und einmal zerschellte er auf den äußeren Randklippen des Frieds. Sein eigener Herr, sein vertrauter und langjähriger Ritter, hatte ihn in den Tod stürzen lassen. Er wurde von ihm zugunsten eines Dämons geopfert. Wahrscheinlich hatte Halrik erneut seine Magie eingesetzt, um ihn im Anschluss zu retten. Doch warum ihn und nicht Gneisor oder die zahlreichen anderen Menschen? Diese und noch andere Fragen nagten an ihm, während er in den leeren Zinnbecher starrte und mit der Neige darin herumspielte indem er ihn in der Hand rotieren ließ.

„Kommt, junger Herr – ihr wollt bestimmt ein paar erbauliche Worte an meine – verzeiht – eure Mannen dort draußen richten. Sie können es gut gebrauchen und damit wird es auch offiziell.“ Mit diesen Worten holte Lady Brangane Ingmar aus seinen Gedanken. Baltram und sie waren inzwischen aufgestanden. Wie lange hatte er wohl einfach nur so da gesessen? ‚Erbauliche Worte‘, sagte sie, die könnte er jetzt auch gut gebrauchen, dachte er sich und griff nochmal nach dem Krug Wein. „Geht schon vor, ich komme gleich nach.“ Er goss sich noch einen ordentlichen Schank ein und schaute dann wieder in den Becher, bevor er ihn in einem Zug hinunterstützte. Die beiden Neuankömmlinge blickten sich kurz einander wissend an und Baltram zog dann an dem Arm seiner Herrin, ehe sie etwas sagen konnte. Auf dem Weg nach draußen fühlte sich der alte Schnauzbärtige Kämpfer dem Jungen für einen kurzen Moment tief verbunden. „Gebt ihm den Moment, Herrin“, erklärte er beschwichtigend. Er musste an seine eigene Vergangenheit und die zahlreichen Verluste enger Vertrauter denken. Auch er hatte ihren Tod in zahllosen Schenken danach mit ebenso zahllosen Litern Bier und Wein ertränken müssen. Baltram wusste, dass jedoch nicht jeder wieder aus der Trauer herausfand, manche Narben saßen einfach zu tief. Er beschloss ein Auge auf den Jungen zu haben, anscheinend war dies sein erster herber Verlust.

Teil X – Schicksal (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Die Feldsteine und Brockensplitter des Wehrturms sprengten in alle Richtungen davon. Sara’kiins blauer Zerstörungszauber machte aus dem einst stolzen Turm in Windeseile eine Ruine. Doch die zersprengten Teile des Turms in dem sich Tarn und Elfa befanden, flogen nicht einfach nur zur Seite weg – sie blieben in der Luft hängen als hätte Satinav höchstpersönlich ihnen befohlen nicht weiter zu fliegen. Vidkun, der noch immer in der Form von Brangane war, Gneisor und Ingmar waren inzwischen am Zinnenrand des Burgfrieds angekommen und mussten hilflos mitansehen, wie die Limbusverschlingerin den Wehrturm in Schutt und Asche zerlegte.

„Macht euch bereit, sie wird gleich wieder zu uns kommen“, ermahnte Brangane die anderen mit einem leichten Schnarren in der Stimme. Nachdem der Turm zerstört war, verschwand Sara’kiin wieder, begleitet von einem leisen entropischen Knistern, in einem Vortexspalt. „Macht euch bereit!“, rief Gneisor und eilte mit den anderen zurück zur Mitte des Burgfrieddaches. Sie stellten sich alle drei Rücken an Rücken, die Klingen kampfbereit erhoben, um auf diese Weise so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit verstrich quälend langsam, nur das pfeifende Röcheln vom schwer angeschlagenen Gneisor und das angespannte Atmen des Knappen Ingmar waren zu hören. Von Brangane war kein Laut zu vernehmen, denn Vidkun konzentrierte sich nicht mehr darauf, die perfekte Illusion zu erzeugen, weshalb er es nicht mehr für nötig hielt, ein Atmen eines fleischlichen Wesens zu imitieren. Für einen kurzen Moment musste Gneisor genau darüber nachdenken. Es erschauderte ihn, dass er Seit an Seit mit einem Dämon gegen einen gemeinsamen Feind stritt. Doch im Moment hatte er keine andere Wahl.

Es knisterte wieder und aus einem lilafarbenen Vortexspalt schwebte sie nur einige Schritt von der anderen entfernt heraus, Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Noch immer tödlich Grazil und unheilvoll anmutig, schwebte sie vor den anderen in der Luft. Pechschwarze und zähe Flüssigkeit drang aus den Wunden ihres Oberkörpers und besudelte ihr einst reinweißes Gewand. Die drei Streiter veränderten ihre Kampfformation und stellten sich ihr gegenüber auf – nun hieß es drei gegen eins. „Dieser Kampf ist für dich, Rondra“, murmelte Gneisor und hob seinen Anderthalbhänder, den er nur noch mit einer Hand schwingen konnte, da der andere Arm gebrochenen in einer Schlaufe hing. Obwohl er der Angeschlagenste von allen dreien war, war er doch der Erste, der auf Sara’kiin zuging. Todesmutig stürzte er voran, Ingmar folgte mit seinem Kurzschwert und auch Vidkum flankierte ihn schützend.

Der Kampf dreier Schwertträger gegen eine einzelne Stabträgerin wäre unter normalen Umständen wohl rasch erzählt. Doch dies war keine profane Stabträgerin, dies war der gefallene Anker Hesindes – eine gestählte und magische Vortexkriegerin gegen einen schwer angeschlagenen Kämpfer, einem jungen unerfahrenen Burschen und einen nicht gerade kampfaffinen Vertreter aus der Domäne des vielgestaltigen Blenders. Und doch, hätte den Kampf jemand von außen betrachten können, hätte er ihn als anmutigen Tanz der Klingen bezeichnet. Alle drei, Gneisor, Ingmar und Brangane schlugen mit allen Mitteln der Kampfkunst auf Sara’kiin ein, doch ihre unnatürliche Gewandheit, gepaart mit ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit und dem gekonnten Umgang ihres Stabes wich sie dem Großteil der Hiebe aus, lenkte sie mit ihrem Stab im letzten Moment ab oder erlangte sogar eine vorteilhafte Position. Hatte sie erst einmal eine solche erreicht, setzte sie sofort zu einem tötlichen Schlag an – doch fuhr jedes Mal einer der anderen dazwischen, um sich unter Inkaufnahme eigenen Verletzungen dem anderen das Leben zu retten. Im Gegenzug gelang es den dreien trotzdem die Limbusverschlingerin hier und dort zu treffen und zumindest augenscheinlich zu verletzen. Alle drei bekamen dabei jedoch zahlreiche Blessuren und Platzwunden. Niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Tanz der Klingen ging, und hätte die himmliche Leuin es mitansehen können, hätte sie sich diesen Kampf, der einem Gebet an sie gleichkommt, bestimmt nur zu gerne angesehen. Während dieses Gleichstandes, bei dem es keinem der beiden Seiten gelang einen Vorteil zu erkämpfen, beobachtete, ja fast schon studierte der Dämon Amazaroths ihren Widersacher genau. Welcher, wenn nicht ein Dämon der Imitation, war zu einer nahezu perfekten Beobachtungsgabe in der Lage. Vidkun fiel auf, dass Sara’kiin immer wieder versuchte Gneisors Schwäche, den gebrochenen Arm zu ihrem Vorteil auszunutzen. In mitten des Schwerttanzes fasste Vidkun daher den Entschluss, diese Schwäche ihres Mitstreiters, zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wie vier Löwinnen, die umeinander tanzten und stritten, sprangen auch die vier Kämpfer umeinander her und wechselten ständig die Positonen. Nach einer Abfolge mehrere Schläge und Hiebe von Brangane, drehte sie sich so weg, dass sie Gneisors schwache Körperseite öffnete. Sofort machte Sara’kiin eine vorbereitende Bewegung, um diesen Moment der Schwäche zu nutzen, da nutze Brangane ihre von ihm vorhergesehen Bewegung und schlug ihr mit der Fehlschärfe gegen den zackenbewehrten Helm. Ein metallisches Scheppern erklang und für einen sehr kurzen Moment wirkte sie benommen. Doch anscheinend war Branganes Hieb nicht stark genug, noch immer stand Gneisor in einer unvorteilhaften Position da. Ingmar stand zu weit entfernt, um seinem Herrn beizuspringen und Gneisor wäre selbst nicht in der Lagegewesen, sich von dieser Seite zu verteidigen. Sara’kiin schien diese Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie wich einem Hieb von Ingmar aus, drehte sich um die eigene Achse und rotierte mit ihrem Stab so, dass sie Gneisors verzweifelten Streich, sich aus der nachteilhaften Position zu bringen, an ihrem Stab mühelos ablenkte. In den Augen des Marschalls zeichnete sich entsetzte Verzweiflung ab, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war, denn sowohl Ingmar als auch Vidkun konnten ihm in diesem Moment nicht beispringen. Sara’kiin ließ ihren Stab wieder wie eine Windmühle rotieren und schlug dann nach der Seite von Gneisors gebrochenen Arm. Es lag viel Wucht in dem Schlag, es sollte Gneisors letzter Hieb werden, den er einstecken würde. Doch im letzten Moment zog Gneisor den Arm ruckartig aus der Schlinge, packte den Stab und brachte ihn mitten im Bewegungsmoment zum Erstarren. Noch während niemand verstand, was gerade geschah, formte sich auf den Lippen unter Gneisors Bart ein schelmisches Lächeln. Ein schlitzendes Geräusch war zu hören und ein kurzer Ruck durchfuhr Sara’kiins Körper, als eine schmale Klinge in Gneisors rechter Hand zwischen die Unmetallplatten in ihrem Leib stieß. „Stirb endlich!“, fauchte Gneisor mit fremder leicht schnarrender Stimme. Hinter Sara’kiin half Ingmar dem echten Marschall von Burg Friedstein gerade auf die Beine und hielt ihm davon ab, sofort auf Sara’kiin zu stürzen. Er spuckte Blut und hustete beim Versuch stehen zu bleiben. Vidkun hatte, nachdem er die Limbusverschlingerin mit der Fehlschärfe getroffen hatte, sich selbst in die Position von Gneisor gebracht und ihn dafür zur Seite gestoßen. Er hat seinen Platz eingenommen und ihr eine schwache Seite offeriert, die keine war. Vidkun beschloss die Form von Gneisor aufzugeben und verwandelte sich wieder in Matral, dem das süffisante Grinsen im Gesicht eh besser stand. Er presste den schmalen Dolch in seiner rechten Hand noch ein bisschen tiefer und es knackte im Innern des Vortexkriegerin. Ein Zucken durchfuhr ihn – Vidkun hatte endlich die Stelle getroffen die er erreichen wollte.

Erst begann es leise, doch es wurde rasch lauter, so dass es jeder auf dem Burgfried hören konnte. Von Sara’kiin ging ein bedrohliches Surren aus. Matral zog die Klinge aus ihren Körper, wobei ein großer Flatschen schwarzer Flüssigkeit auf den Planken landete. „In Deckung!“, rief er und entfernt sich mit einem beherzten Sprung von ihr. Gneisor, der gerade erst aufgestanden war, war im Moment alles andere als agil und duckte sich nur, während sich Ingmar mit seinem ganzen Körper schützend vor seinem Ritter warf. Binnen eines Lidschlags wurde das Surren so laut, dass es ohrenbetäubend wurde, eine blaue glänzende Aura schwoll um Sara’kiin an, die in einem ohrenbetäubenden entropischen Knall explodierte. Als sich die blaue Aura entlud und das Surren damit endete, stob die Druckwelle bis weit über die Zinnen hinaus.  Ingmar, der mit Abstand der Leichteste war und im Moment die größte Körperfläche bot, wurde von ihr gnadenlos erfasst. Wie eine Puppe, die an Fäden gehalten wird, wurde er durch die Luft gezogen und flog im hohen Bogen bis über die Zinnen.

Als Matral, der sich unter die Zinnen geduckt hatte, wieder die Augen öffnete, war Sara’kiin fort.


Landung in der Stadt des Lichts

Langsam gleitet der Greif hinunter in die gebeutelte Stadt des Lichts. Die fliegende Festung Kholok-Kai ist direkt über ihr abgestürzt. Überall liegen Trümmer herum. Einfache Menschen in Lumpen laufen Seite an Seite mit in Gewändern gekleidete Praiosdiener, um dem Chaos Herr zu werden. Ein Großteil jener Praiosdiener sinkt bei ihrem Anblick bzw. dem Anblick des Greifen ehrfürchtig auf die Knie, als sie von Obaran absteigen. Sanft liebkost sie noch einmal seinen gefiederten Hals. Sie kann ihm noch kurz danken, ehe er sich wieder in die Lüfte schwingt. Ergriffen blickt sie ihm nach. Als sie den Blick wieder nach unten richtet, bemerkt sie sogleich die kleine goldene Feder auf dem Boden. Lächelnd hebt sie sie auf und flechtet sie in ihr Haar. Gleich neben der Feder von Zeitenflug.

Bis zum nächsten Flug, Obaran.

Dann erst richtet sie ihren Blick auf die sich nunmehr versammelnde Geweihtenschaft, die sie Großteils andächtig anstarrt. Sie überblickt sie Runde und spricht zu allen mit klarer kräftiger Stimme:

„Menschen von Gareth,

ich bin Azina saba Belima, Ordensmeisterin des Schutzordens der Schöpfung und auserwählte Botin Firuns. Gemeinsam mit meinen Gefährten vom Schutzorden der Schöpfung töteten wir den Dämonenkaiser Gaius Cordovan Eslam Galotta! Mit seinem Tod, stürzte auch seine fliegende Festung Kholok-Kai ab. Bedauerlicherweise direkt über der Stadt des Lichts.“

Als dabei einige Menschen missgestimmt reagieren, setzt sie nach:

„Galotta war gerade im Begriff ganz Gareth zu zerstören, so wie er Wehrheim zerstört hat. Denn obwohl wir und ein großes mittelreichisches Heer uns dem endlosen Heerwurm auf dem Mythraelsfeld entgegenstellten und siegten – und obwohl wir den mehrgehörten Dämon, der die fliegende Festung verbarg, bannten – zerstörte die unheilige Magie des Dämonenkaisers das tapfere Wehrheim. Praios ehrte mich, als ich auf dem Greifen Obaran in die Schlacht gegen die fliegende Feste fliegen durfte! Bei Praios, verzagt nicht! Trauert um die Toten und feiert die vielen Überlebenden. Und ich weiß, dass ihr diese großartige Stadt wieder aufbauen werdet!“

Sofort belagern sie sie mit Fragen über ihr Erscheinen, dem Abstürzen der Festung und dem Flug auf dem Greifen. sie beantwortet alle Fragen so gut sie es kann. Bis schließlich der Bote des Lichts Hilberian Grimm von Greifenstein und vom Großen Fluss höchstselbst das Wort unwirsch an sie richtet, um von ihr notwendige Informationen zu erhalten. Zum Beispiel über Dexter Nemrodts Überleben.

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Azinas Landung in der Stadt des Lichts

Verschnaufpause

Sitzen und Durchatmen. Das war alles, was Bothor gerade wollte. Sie sind problemlos zum Hippodrom in das Versteck der K.G.I.A gelangt. Während die anderen ganz aufgeregt darüber disputieren, was Nehazet mit diesem seltsamen Splitter machen soll, hat sich Bothor kurz zurückgezogen, um seinen alten Knochen etwas Ruhe zu gönnen – nicht mehr zu altern macht einen nämlich auch nicht wieder jünger. Was ist heute geschehen? Wie konnte all dies geschehen? Und warum leben sie alle noch? Zur Entspannung schließt er kurz die Augen.

Es war kein idyllischer Morgen gewesen. Das Heer hatte noch vor Sonnenaufgang Aufstellung genommen, ein Sonnenaufgang, den niemand von ihnen je sehen sollte. Dieser Dämon war einfach unvorstellbar riesig gewesen, moralisch gesehen ihr größter Feind. Die Schlacht begann holprig, hatten sie es doch mit äußerst ungewöhnlichen Gegnern zu tun. Ich konnte mich glücklich schätzen, Geron um mich wabern gehabt zu haben. Aber die Truppen hielten stand und kamen gut voran. Bis er kam, der König der Untoten. Bis er kam und in einer beiläufigen Bewegung Rondrasil Löwenherz eben jenes aus der Brust riss. Es ist immerwieder ein Glück, dass solche Situationen in großen Schlachten nur von einem kleinen Teil der Truppen bemerkt werden. Sonst hätte dies gut und gerne zum Niedergang des Heeres führen können. Aber dann kam der Löwe. Und ja, ganz ohne Neid muss ich gestehen, Sieghelm WAR der Löwe dort. Rondra hat wohl gewählt, denn nun war er es, der wie beiläufig mit donnernden Hieben den König vernichtete. Er ist schon ein großer Krieger, bleibt zu hoffen, dass er auch noch ein großer Anführer einst wird.

Der Marsch zum Zentrum des Dämons ging unaufhörlich weiter und es muss angemerkt werden, dass die Truppen des Ordens überraschend gut und standhaft waren. Nicht jeder Haufen bewaffneter Bauern hätte meine Befehle gegen diesen Knochenoger so bedingungslos befolgt. Vier griffen uns an und als ich nach der Vernichtung des meinigen aufsah, um zu ergründen, wo meine Hilfe von Nöten war, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass zu diesem Zeitpunkt auch der letzte gefallen war. Mit durchaus Stolz in der Brust sah ich die junge Azina aufrecht stehen, den toten Körper unter sich und den sich just auflösenden Schädel auf ihrem Speer stecken. Ja, sie brauch noch etwas Führung und bestärkende Worte, aber nur, damit sie lernt welch großartige Frau sie ist und werden kann.

Eigentlich wäre dies schon genug für einen Tag und eine Schlacht gewesen, aber der endlose Heerwurm war nunmal kein alltäglicher Feind. Und wer zweifelt noch an von den Göttern vorgeschriebenen Schicksalen, wenn Razzazor, dieses abscheuliche Etwas von Wesenheit natürlich genau vor uns landet. Ja, es reichte, um diesmal wirklich die Truppen in Panik zu versetzen und einzelne Teile fliehen zu lassen. Kein Vorwurf kann gegen sie hervorgebracht werden. Aber wie selbstverständlich blieben wir standhaft. Ich war unschlüssig, was das rechte Vorgehen wäre, aber als der Geist auf Razzazors Schädel erschien, war alles glasklar. Dieser Geist! Er ist ein beeindruckendes Zeichen, welch unglaubliche Frau Jane ist. Auch wenn sie ihren Körper selbst nicht in Gefahr bringt, so zeugen die Taten, die sie mit dem Geist vollbringt, von ungemeiner Intelligenz, Raffinesse, Kühnheit und Mut. Ja, sie ist die einzig richtige Ordensgroßmeisterin. Warum wurde sie es nur nicht gleich zu Beginn des Ordens? Ich mache Sieghelm keine Vorwürfe, dass er auf dem Weg zu dem Drachen zusammenbrach, auch ich strauchelte. Ich lasse ihm den Glauben, dass Rondra eingriff, auch wenn ich selber daran zweifel. Ich weiß noch immer nicht genau, was geschah. Ich zertrümmerte dieses Amulett, dann traf mich der Schlag und augenblicklich wurde es dunkel um mich. Ich weiß nur noch, dass mein letzter Gedanke war „Razzazor ist würdig mich zu töten“. Aber offensichtlich war dem nicht so, denn ich erwachte nach einem Schwall unverständlicher Emotionen und sah den Drachen am Horizont verschwinden. Scheinbar spielte Tzatan eine nicht unwichtige Rolle, aber Genaueres muss ich noch herausbekommen. Scheinbar wurden auch große Teile unserer Truppen durch sein Feuer vernichtet, während ich bewusstlos war. Doch in der Hektik der Schlacht gab es keine Möglichkeit, sich darum zu kümmern. Wir hatten schließlich eine Mission…

Mit jedem weiteren Schritt in Richtung unseres Ziels wurde das beklemmende Gefühl in meinem Herzen stärker. Wir mussten einfach diesen Dämon vernichten, auch wenn wir wussten, wieviele Todesurteile wir damit sprechen. Aber es galt ein höheres Gut zu bewahren als unser aller Leben. An unserem Ziel angekommen, schlug nun dann die Stunde unseres Magus Nehazet. Da begleiten und beschützen wir eine ganze Horde an Geweihten und dann rollt er seinen Umhang aus, welcher den Dämon einfach verschlingt. Er tut es andauernd. Ganz unscheinbar tun und dann mit einem Fingerschnipsen Dinge vernichten, die einem nicht vernichtbar erscheinen. Er ist mir noch immer ein ungelöstes Rätsel, aber ich empfinde einen tiefsten Respekt vor ihm. Und so geschah, was geschehen musste, der Untergang der Welt brach über uns herein. Erst diese Stürme, dann diese unsäglichen Dornenranken und schlussendlich Feuer und Flammen. Und obwohl Amranblut in meinen Adern fließt, so ließen die Feuerbälle mich verzagen. Und so starb ich heute ein vermeintlich zweites Mal. Auch hier muss ich noch in Erfahrung bringen, was noch weiter geschah.

Denn auch der Rest befand sich später auf der Fliegenden Festung wieder, allerdings deutlich unbeschadeter, als Fräulein Peddersen und ich. Dass wir das überlebt haben… Sieghelm dieser Narr. Ein Inbegriff dafür, wie gefährlich übermäßiger Mut ist. Aber ich muss auch mich selbst schelten. Ich habe mich zu Dingen hinreißen lassen, die äußerst unschicklich waren. Hatte ich Angst? Ich habe in meinem Leben schon so viel erlebt, so viele Gefühle gespürt, aber das war heute alles zu viel, einfach zu viel. Aber schlussendlich gilt nur, dass Galotta tot ist, endgültig tot. Leider ist die Festung über Gareth herabgefallen und nicht vor seinen Mauern, aber im Vergleich zum Weltuntergang nur ein kleiner Schaden. Dexter Nemrod hat überlebt, die werte Delia und ihr Mann auch, das ist gut. Nur meine geliebte Waffe leider nicht, ich muss einen Guten Waffenmacher finden, den besten.

Und trotzdem ist das Mittelreich in größter Gefahr. Rohaja soll verschwunden sein und Enmer, nun, sie wird für den Rest ihres Lebens gezeichnet sein, egal wie schnell wir sie retten sollten. Und Razzazor ist noch nicht vernichtet. Es wartet noch viel Arbeit auf uns. Jetzt, das ist nur eine Verschnaufpause…

Flug auf einem Greifen – ein Traum wird wahr

14. Peraine 1027 n. BF

Ein Licht blitzt vor dem Hintergrund der schwarzen fliegenden Festung auf. Diejenigen die auf dem Boden staunend nach oben blicken, können sehen, wie sich ein Greif aus der Feste Kholak-Kai befreit und anmutig einige Flügelschläge nach oben steigt, ehe er sich langsam in weiten Kreisen den Ruinen von Gareth nähert. So als würde er den Moment so lange wie möglich auskosten wollen. Auf seinen Rücken sitzen ein großer Trollzacker mit einem schlichten Holzspeer in der Pranke, ein riesiger weißer Wolf, der ängstlich den Boden herbeisehnt und eine kleine ganz in Leder und Fellen gekleidete junge Frau. Sie schlingt ihre Arme um den gefiedertes Hals vor ihr, während sie entrückt in die Ferne schaut. Die Freude, die ihrem Gesicht abzulesen ist, überstrahlt selbst das Leuchten des heiligen Greifen. Denn sie und ihre Gefährten in der Rettungskapsel haben gerade den Dämonenkaiser Gaius Cordovan Eslam Galotta besiegt und somit seine fliegende Festung über Gareth zum Abstürzen gebraucht. Doch die Gefühle für diesen Sieg lassen sich am ehesten mit ‚Erleichterung‘ beschreiben. Erleichterung, dass sie es überlebt haben. Und dass sie die finstere Macht zurückgeschlagen haben, die danach trachtete das Mittelreich zu vernichten und damit ganz Aventurien ins Chaos zu stürzen.

Die Freude jedoch, die die Botin Firuns bei diesem Flug empfindet, fußt auf jenem Wesen, das sich ihr so bereitwillig als Reittier anbot. Es war der Greif Obaran, dessen Seele sie vor kurzem in der Schwarzen Sichel vor der Schändung retteten. Er war der Hochherold der Praios-Kirche, der sie zurück nach Wehrheim in den Kampf gegen den unendlichen Heerwurm schickte. Er überlies ihnen Araschar, sein kostbares Greifenschwert. Mit ihm konnte letztlich der Leib Galottas in seinem eigenen Thronsaal hoch über den Wolken, noch mit der vergifteten Tasse Tee in der Hand, durchstoßen werden. Das Erstaunen über die plötzliche Wendung der Ereignisse wird noch eine Weile auf seinem leblosen Gesicht zu erkennen sein.

Die junge Tulamidin ist stolz. Stolz auf sie alle. Aber vor allem stolz auf sich selbst. Sie ist erneut über sich hinausgewachsen. Sie hat wie viele andere in der Schlacht vor Wehrheim tapfer gekämpft und viele untote Diener vernichtet. Sie hat dem Magnus Opus getrotzt: sie hat die peitschenden Winde mit der Macht ihres Willens und ihres Glaubens widerstanden und damit viele andere tapfere Kämpfer vor dem sicheren Tod bewahrt. Sie entwich den Feuerbällen und den Flammensäulen. Und sie entkam dem Auseinanderbrechen der Erde. Die Gargoyle, die die Überlebenden für die Versorgung der Lebensadern, der bereits weiterziehenden Festung einsammelten, vernichtete sie. Ihren unbeugsamen Willen sich allem Dämonischen zu widersetzen, belohnte Praois mit dem letzten Erscheinen von Obaran, der sie der Festung hinterhertrug, damit sie ihren Gefährten im Kampf gegen Galotta beistehen konnte.

Es ist nun ein berauschendes Gefühl so hoch oben zu fliegen. So kurzzeitig befreit von aller Last zu sein. Sie kann gar nicht genug davon bekommen, wie der Wind ihre schwarzen Haare wild umherfliegen lässt und ihr eiskalt unter die Lederrüstung zieht. Doch das macht ihr nichts aus. Sie genießt die unendliche Freiheit dieses göttlichen Augenblicks. Neben ihr – nur 50 Schritt entfernt – stürzt die siebengezackte Feste Kholok-Kai unaufhaltbar in die Tiefe. Unvermittelt lässt ein spitzer Schrei, neben ihr, sie herumschnellen. Adaque, ihr treuer Falke fliegt an ihrer Seite. Lachend krault sie im Flug seinen Bauch. Eine letzte Firunsbrise aus dem Norden scheint ihr mitzuteilen: Gut gemacht, meine Auserwählte.

Und auch Praois, der himmlische Richter, scheint zufrieden mit ihr zu sein. Sie badet in seinem Licht. Sie streckt die Arme weit von sich; den Runenspeer in ihrer Rechten. Und sie schreit ihre Gefühle in die weite Welt hinaus.

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Azinas Triumphflug

Kampf vor Wehrheim

14. Peraine 1027 n. BF

Razzazor fliegt gen Rahja. Geschlagen. Zumindest vorerst. Er schwor blutige Rache. Einen Götterlauf gab er dem Leben Zeit, ehe er wiederkehren und alles vernichten wird. Azina nahm sich einen Augenblick Zeit ihm nachzuschauen. Trotzt der mentalen Macht, die der Heptarch auf sie niederdrückt. Als der schwarze Knochendrache die fliegende Festung passiert, bleibt Azinas Blick an dessen Unterseite hängen, wo noch vor wenigen Stunden ein roter Lichtstrahl die Erde berühte. Das Licht der Liebe. Das Licht der Rahja.

Was Delia wohl durchmachen wird? In Bothors Traum kämpft sie dort oben ganz allein in einem dunklen Kerker um das Leben Kalkaribs. Nicht, dass ich Kalkarib eine Träne nachweinen würde. Aber Delia liebt ihn nun einmal. Und trotz aller Pein schafft sie es dennoch uns allen hier unten auf dem schrecklichen Schlachtfeld eine mentale Botschaft mit einem Lichtstrahl der Liebe Rahjas zu schicken. Er durchbrach die Wolke. Er durchbrach Rahastes! Was mag sie das gekostet haben? Nun ist es an uns, zu ihr zu gelangen und sie beide zu retten. Doch wie? Noch schwebt Rahastes nach wie vor am Himmel und verbirgt die Stadt. Noch ahnen die tapferen Verteidiger nicht, was sie erwarten wird. Ich kann nur hoffen, dass viele Menschen in den Heimen Travias Zuflucht finden. Doch was ist mit den mutigen Seelen um uns herum? Wer wird sie retten, die so tapfer für andere streiten? Die stetig und mit dem Mut der Verzweiflung die ganze unheilige Verderbnis immer wieder und wieder abwehren. Sie widerstehen unsagbarem Schrecken. Der Fäulnisgeruch macht einem das Atmen schwer. Und wenn der Nebenmann sich plötzlich umdreht und im Wahnsinn die eigenen Leute abschlachtet, frage ich mich, warum sie nicht alle schreiend davonlaufen.

Ich fürchte niemand kann sie retten. Und uns auch nicht. Wir spielen hier nur eine kleine Rolle und hoffen, dass die Götter uns gnädig sind. Rondrasil Löwenbrand, der Heermeister der Rondra, erhielt diese Gnade offenbar nicht. Er ist gefallen durch den „König der Untoten“. Dieser riss ihm einfach das Herz aus der Brust. Doch Sieghelm hat diesen ‚König‘ vernichtet. Kurz darauf ist dann Razzasor gelandet. Direkt vor uns. Sieghelm sackte sofort zu Boden. Als stärksten Kämpfer wird der Drache ihn … SIEGHELM!

Es kommt Bewegung in die Botin Firuns. Rasch begibt sie sich zu ihrem Ordensgroßmeister und überprüft seine Vitalfunktionen.

Er ist nur ohnmächtig. Rondra sei Dank. Sie hält ihre schützende Hand über ihn. Eine starke Macht muss ihn niedergerungen haben. Sonst hätte er nicht den Kampf gegen Razzazor gescheut, den nun Jane, Bothor und … BOTHOR!

„Passt auf ihn auf.“ Herrscht sie im Vorbeigehen einige Männer an, die immer noch erleichtert dem fliehenden Drachen nachglotzen. Sie eilt an Bothors Seite. Sein Zustand lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass er dringend einen Heiltrank von Nehaezt braucht. Behutsam flößt sie ihm einen solchen ein. Erst danach beginnt sie mit der Untersuchung.

Um dich steht es schlecht mein Freund. Ich sah, wie der Schwanz dich traf. Ein gewaltiger Hieb. Ein Wunder, dass du noch lebst. Du standest direkt vor seinen Krallen und hast auf seinen Kiefer eingeschlagen. Und ich wagte mich kaum in die Nähe des Drachen. Wie tollkühn kann ein Mann sein? Oder wie dumm? Sie unterdrückt ihre Tränen und verbindet behelfsmäßig seine schlimmsten Verletzungen und richtet seine Knochen, auf dass der Heiltrank sein Übriges täte. Noch bei Bothor knieend krault sie Elfenbein hinter den Ohren. Sein dreckverschmiertes Maul lässt ihn gräulich aussehen. Sie legt ihren Kopf in den Nacken und blickt erneut dem fliehenden Drachen nach. Er ist nicht mehr zu sehen.

Wir haben gegen Razzazor, den schwarzen Knochendrachen, gekämpft und haben es überlebt …

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Azinas Gedanken

Bestimmung

14. Peraine 1027 n. BF

Der gute Bothor spricht weise Worte. Worte geformt mit vielen Jahren Erfahrung. Er versteht es, einem Mut zu machen – Wir sind Helden. Wir sind Erwählte. Wir sind mächtig. Mächtig durch die Gaben, die uns unsere Götter gaben – Vertrauen wir also auf sie. Auf, dass sie uns unseren Weg weisen. Selbst wenn wir es in unserer Schlichtheit nicht bemerken.

Ich reite hier mit einigen tapferen Recken dem Heerwurm entgegen. Wagen uns nah an seine Ausläufer heran. Fast schon können wir mit einem Speerwurf die ersten Plagen unschädlich machen. Und doch halten wir uns zurück. Unsere Aufgabe ist zunächst das Spähen. Nichts weiter. Wir würden vernichtet, sollten wir uns aus der Deckung wagen. Denn auch der Himmel ist nicht unser. Praios‘ Antlitz ist hier nicht allgegenwärtig.

Wenn es denn an der Zeit ist, frage ich mich, wo mein Platz in dieser Schlacht sesin wird? Soll ich weiter in sicherer Entfernung um das feindliche Heer herumreiten? Auf meiner bisherigen Reise seit meinem Aufbruch aus Aranien vor gut vier Götterläufen, kämpfte ich lediglich in kleineren Gefechten. Kein Vergleich zu dieser Masse an Feinden vor uns. Schrecken an Schrecken. Unzählige giftmäulige Ghule, wie ich auf Hochstieg lediglich einen einzigen hinter Gittern tötete. Hunderte halb verfaulte wandelnde Leichname. Klappernde Skelette mit tiefen leeren Augenhöhlen. Doch auch ein paar Menschen befinden sich im Gefolge des Grauens. Jene zumindest weiß ich zu verletzen. Kopf und Herz sind ihre Schwachpunkte. Doch wie tötet man etwas, das bereits tot ist? Muss man sie in Stücke hacken, bis sie endlich ihre letzte Ruhe finden?

Ich kämpfe nicht in geordneten Reihen oder in wilder Meute an der Front. Nein, mein Schlachtfeld ist ein Anderes. Kein Klappern der Schilde. Kein Gestampfe auf dem Feld. Nein. Meine Bestimmung ist die Jagd! Nicht nur Hirsch oder Bär. Auch Träume von Erfolg und Wahnsinn.

Sogar eine solche Armee birgt empfindliche Ziele. Wer beschwört und kontrolliert Rahastes und all jene willenlosen Diener? Wer? Wo sind jene Magier, die der Feldmarschall erwähnte? Dort vorne, in der Mitte des Heeres, steigt verdächtiger Rauch auf. Rauch, der die Wolke nährt. Dort scheint mein Ziel zu sein. Nur wie dort herankommen? Wie empfindlich sind diese widernatürlichen Kreaturen wirklich? Vermag mein Speer wirklich jene Wunder vollbringen, von denen Bothor so schwärmte?

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Azinas Gedanken