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Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)

Teil XII – Epilog

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Zwischen Eilingshof und Burg Friedstein

Sie waren schon zu hören, noch bevor man sie sah. Der Boden bebte unter den Füßen zweier berittener Lanzen, die gerade in den Weg hinter dem Wäldchen einbogen und von der untergehenden Praiosscheibe weite Schatten auf die Hirsefelder neben sich warfen. Angeführt von einer Kriegerin in leichter Reiterrüstung, die auf einem schwarzen Greifenfurter Kaltblut ritt, näherten sie sich der Niederrungenfestung Friedstein. Als sie einen guten Blick auf das Gemäuer bekamen, hob die Kriegerin den Arm und die zwei Dutzend Reiter kamen binnen von wenigen Lidschlägen zum Stehen, nur die Staubwolke, die sie dabei aufwühlten, flog noch etwas weiter. An die Seite der Kriegerin ritt einer ihrer Männer, ihr engster Berater, und öffnete sein Visier. „Euer Wohlgeboren.“ Seine Stimme klang rau und alt, hatte aber seine militärische Stärke behalten. Im epischen grauen Oberlippenbart des Mannes fing sich der Staub des Weges, als er zu seiner Herrin herüber sah. Diese hatte ebenfalls ihren Helm geöffnet und blickte mit tief ernstem Blick zur Festung. „Niemand hatte erwähnt, dass sich die Festung in einem derart heruntergekommen Zustand befindet“, merkte sie in einem skeptischen Tonfall an und meinte damit den geschliffenen Turm und die zum Teil eingerissenen Wehrmauern. Der schnauzbärtige Berater musste zwinkern, als er sich die Festung ansah, seine Augen waren nicht mehr die besten, aber eine geschliffene Festung erkannte er noch gut genug. „Ich habt Recht, euer Wohlgeboren. Ein katastrophaler Zustand“, bestätigte er, strich sich durch den Bart und schniefte den Staub aus seiner Knollennase. „Für einen Erkundungstrupp ist es zu spät, wenn dort noch jemand ist, hat er uns schon längst kommen hören.“ Lady Brangane legte ihre mit Reiterhandschuhen gekleideten Hände lässig auf das Horn des Sattels und schaute zu ihrem alten Weggefährten herüber. „Und der Büttel Jahan Eiling hätte uns wohl davon berichtet, wenn die Festung angegriffen worden wäre.“ „Ich sage, man hat uns die Wahrheit über den Zustand der Festung vorenthalten, euer Wohlgeboren“, versuchte der alte Kämpfer in militärischem Tonfall zu erklären. Er war von Anfang an nicht von dem Ansinnen seinen Herrin, dem Orden beizutreten, begeistert gewesen und hatte den ganzen Weg hierher nur Schlechtes daran gefunden. „In Nandus Namen, genau darum brauche ich euch, Baltram. Ihr lasst mich hin und wieder meine Befehle und Entscheidungen überdenken.“ „Stets zu Diensten, Lady Brangane“, brummte Baltram zackig. Für einen Moment kehrte Ruhe ein und die beiden Kämpfer sahen sich von weitem Festung Friedstein genauer an, auch wenn für Branganes Berater das Gemäuer nur wie ein verschwommener grauer Fleck aussah. Im Hintergrund nutzen einige der Reiter inzwischen die kleine Pause um einen Schluck aus ihren Wasserschläuchen zu nehmen.

Baltram konnte die anhaltende Stille kaum aushalten, weshalb er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd nach vorne traben ließ, zwei weitere Reiter schossen sofort aus der Lanze zu ihm nach vorne und flankierten ihn schützend. „Dann gehe ich euch mal ankündigen“, rief Baltram noch ungeduldig und war auch schon außer Hörreichweite. Lady Brangane blieb lässig in ihrem Sattel sitzen und blickte ihrem erfahrenen Berater mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinterher.

Wenig später, die Praiosscheibe war inzwischen nur noch ein roter Helm am Firmament, erreichten beide Lanzen die verwüstete Festung. Überall lagen zerfetzte Leichen herum und Unmengen an Abscheulichkeiten lagen teils zusammengekrümmt, teils zerstückelt im Staub des Hofs oder auf den Wehrmauern herum, als wäre der Kampf gerade erst vorbei. Nachdem Baltram seine Herrin an der Festung angekündigt hatte, brauchten sie einen Moment, um die Tore zu öffnen, denn die Torwächter waren ebenfalls tot. Tarnelius, der überlebende Infanterist, interessierte sich sehr für Heraldik, weshalb er das Wappen der Greifenfurterin sofort erkannte und allein aufgrund der Menge der Reiter für echt hielt und sie einließ.

Die zwei Lanzen Berittener durchschritten gerade die offenen Burgtore, als sich ein durch zahlreiches Krächzen ankündigender Schwarm Raben über die Festung flog und überall auf den Zinnen niederließ. Sie deuteten es als ein Wirken Borons und ließen sie gewähren, als sie still verweilten und die Ankunft der zwei Lanzen beobachteten. Der Tod war über diese Festung gekommen, und alle empfanden es nur als recht, dass nun die Boten des Stillen kamen, um die zahlreichen Seelen abzuholen.

Die dumpfe und beklemmende Stimmung, die über der Festung hing, wurde nur gelegentlich von Würgegeräuschen unterbrochen, da ein paar der Reiter die Beherrschung verloren und sich übergeben mussten. Nicht nur wegen des starken Geruchs nach frisch vergossenen Blut oder aufgeschlitzter Eingeweide, sondern auch wegen des rohen und fürchterlichen Grauens, dass hier eben gerade geschehen war. Sofort gab Lady Brangane den Befehl mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Elfa, Tarn und noch zwei weitere überlebende Festungssoldaten organisierten zusammen mit den Reitern, die sich dazu in der Lage empfanden, sofort die Aufräummaßnahmen.

Lady Brangane, Baltram und der Knappe Ingmar fanden sich daraufhin im Rittersaal der Festung ein, der, den Göttern sein Dank, gänzlich verschont geblieben war. Ingmar hatte inzwischen einen Großteil seiner zerschlissenen und störenden Rüstung abgelegt. Er setzte sich mit den beiden weitaus älteren Personen an den Kopf der Rittertafel, er selbst belegte dabei, bewusst oder unbewusst, den Sitz des Burgherrn. Ohne das die Zwei Nachfragen mussten, begann er sofort zu erzählen, was hier geschehen war, ungeschönt und ohne ein einziges Detail auszulassen, schilderte er die Ereignisse von der Ankunft der falschen Brangane, der Entdeckung Halriks, dem Auftauchen des gefallenen Ankers, bis hin zum finalen Kampf auf dem Burgfried. Baltram und Brangane hörten nur zu, sie hatten keine Zwischenfragen, sie warteten nur still ab und ließen sich die unglaubliche Geschichte bis ins Detail erzählen. Ihre Mienen wurden dabei immer missmutiger und ernster. Als Ingmar die falsche Brangane erwähnte, horchten sie beide kurz auf und Baltram nahm sein Notizheft und kritzelte schnell ein paar Worte darauf, um sie seiner Herrin zuzuschieben. Diese nickte nur wissend und lauschte dann weiter den Ausführungen des ehemaligen Knappen.

Fast eine halbe Stunde verging und die Praiosscheibe ging inzwischen unter. Zwischendurch entzündeten sie ein paar Kerzen im Rittersaal, um nicht in völliger Dunkelheit weiterreden zu müssen. „ … und dann kamt ihr an die Burgmauer.“ Ingmar nickte zu Baltram, als er seine Erzählung endete. „Es ist ein Segen, dass ihr gerade jetzt kommt, um uns in unserer Not zu helfen. Ich wünschte nur, ihr wärt hier gewesen, bevor der Dämon uns erreichte.“ Schwermütig schloss Ingmar damit seinen Bericht und suchte auf dem Tisch nach einem vollen Krug Wein, um sich die vom Erzählen trocken gewordene Kehle zu befeuchten, doch vergebens, er war leer. „Zuerst möchte ich euch mein Bedauern über den Verlust eures Ritters und Marschalls dieser Festung mitteilen“, begann Brangane, die ihre Hände auf dem Tisch zusammengefaltet hatte. Ihre Brauen waren tief in das Gesicht gezogen und bildeten eine gerade Linie. „Ich danke euch auch für euren umfassenden Bericht, junger Herr. Ihr konntet uns damit helfen, ein Rätzel aufzuklären. Dieser hautwechselnde Dämon muss unter uns gewesen sein und sich als einer meiner Waffenknechte ausgegeben haben. Denn nur so lässt sich erklären, weshalb mein Waffenknecht sich nicht daran erinnern konnte, meine Rüstung mehrmals geputzt zu haben – und das noch, während ich sie an hatte. Allein wenn ich daran denke, dass mich ein Dämon berührt hat, um meine Gestalt anzunehmen, lässt es mich erschaudern.“ Baltram nickte deutlich und nahm dann sein Notizheft zurück. Das war es, was er seiner Herrin aufgeschrieben hatte. „Ich wurde auf Geheiß von Ordensmeister Nehazet hierher überstellt, und ich werde mein Wort halten und mich und meine Mannen dieser Festung zuteilen und … das was davon übrig ist … schützen.“ Brangane rührte dabei mit dem Zeigefinger in der Luft und legte die Hände dann wieder zusammen. „Ich erkenne euch als kommissarischen Verwalter der Feste Friedstein an, da ich als Heermeisterin und nicht als Marschallin hierher bestellt wurde. Ich lege euch nahe, ein Schreiben an Ordensgroßmeister Sieghelm zu verfassen, was ihr mit Sicherheit ohnehin vorhattet. Die Ordensmeister müssen über das hier Geschehene in Kenntnis gesetzt werden – zumal ihr eine wichtige Gefangene im Kerker habt. Die Meister können dann darüber bescheiden, wie es hier in der Feste weitergeht. Bis dahin unterstelle ich meine Männer unter euren Befehl, junger Herr.“ Wenn ihr Berater Baltram etwas gegen die Entscheidung seiner Herrin hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sein epischer grauer Schnauzbart zuckte nur kurz und er strich ihn sich dann seine Knollennase rümpfend glatt. „Eure Weisheit wird nur noch von eurer Ehrenhaftigkeit übertroffen, Lady Brangane“, antwortete Ingmar, der sich an die Lehren über ritterliche Tugenden erinnerte. Baltram, der aufgrund seiner Erfahrung wohl ein besseres Auge für gefüllte Krüge hatte, schnappte sich einen eben solchen vom Tisch und füllte sofort zwei Zinnkelche mit Wein. Brangane bedeutete ihm dabei, dass er sich auch einen eingießen sollte, was er dann dankend tat. Alle drei, beginnend mit der Ritterin erhoben sich aus ihren Stühlen und erhoben ihre Becher. „Auf die Gefallenen, möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein“, toastete Brangane Ingmar zu. Dieser zögerte kurz, da er sofort an Ser Gneisor denken musste, als die Ritterin ‚die Gefallenen‘ erwähnte und für einen kurzen Moment in Melancholie versank. Er wünschte sich, dass er ebenfalls einen Toast aussprechen konnte, doch genau in diesem Moment musste er daran denken, dass ihn sein eigener Ritter in den Tod hatte stürzen lassen. „Auf die Gefallenen“,  brachte er mit bitteren Tonfall über die Lippen. Gemeinsam kippten die drei den schweren Koscher Wein herunter und besiegelten damit ihr weiteres Vorgehen.

Brangane begann sofort ihrem Berater ein paar direkte Anweisungen zu geben, dabei ging es um den geschliffenen Turm und auf der ganzen Festung verteilt liegenden Leichen und Abscheulichkeiten. Ingmar vernahm zwar ihre Worte, doch als er sich wieder in den Burgherrensessel fallen ließ, versank er tief in ihm. Nur am äußeren Rand seiner Wahrnehmung hörte er ein paar Wortbruchstücke, zu sehr war er mit seinen Gedanken und der Verarbeitung der Ereignisse beschäftigt. Ihm wurde klar, dass er gestorben war – zwei Mal. Einmal im Burgfried vor der Bibliothek und einmal zerschellte er auf den äußeren Randklippen des Frieds. Sein eigener Herr, sein vertrauter und langjähriger Ritter, hatte ihn in den Tod stürzen lassen. Er wurde von ihm zugunsten eines Dämons geopfert. Wahrscheinlich hatte Halrik erneut seine Magie eingesetzt, um ihn im Anschluss zu retten. Doch warum ihn und nicht Gneisor oder die zahlreichen anderen Menschen? Diese und noch andere Fragen nagten an ihm, während er in den leeren Zinnbecher starrte und mit der Neige darin herumspielte indem er ihn in der Hand rotieren ließ.

„Kommt, junger Herr – ihr wollt bestimmt ein paar erbauliche Worte an meine – verzeiht – eure Mannen dort draußen richten. Sie können es gut gebrauchen und damit wird es auch offiziell.“ Mit diesen Worten holte Lady Brangane Ingmar aus seinen Gedanken. Baltram und sie waren inzwischen aufgestanden. Wie lange hatte er wohl einfach nur so da gesessen? ‚Erbauliche Worte‘, sagte sie, die könnte er jetzt auch gut gebrauchen, dachte er sich und griff nochmal nach dem Krug Wein. „Geht schon vor, ich komme gleich nach.“ Er goss sich noch einen ordentlichen Schank ein und schaute dann wieder in den Becher, bevor er ihn in einem Zug hinunterstützte. Die beiden Neuankömmlinge blickten sich kurz einander wissend an und Baltram zog dann an dem Arm seiner Herrin, ehe sie etwas sagen konnte. Auf dem Weg nach draußen fühlte sich der alte Schnauzbärtige Kämpfer dem Jungen für einen kurzen Moment tief verbunden. „Gebt ihm den Moment, Herrin“, erklärte er beschwichtigend. Er musste an seine eigene Vergangenheit und die zahlreichen Verluste enger Vertrauter denken. Auch er hatte ihren Tod in zahllosen Schenken danach mit ebenso zahllosen Litern Bier und Wein ertränken müssen. Baltram wusste, dass jedoch nicht jeder wieder aus der Trauer herausfand, manche Narben saßen einfach zu tief. Er beschloss ein Auge auf den Jungen zu haben, anscheinend war dies sein erster herber Verlust.

Teil X – Schicksal (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Die Feldsteine und Brockensplitter des Wehrturms sprengten in alle Richtungen davon. Sara’kiins blauer Zerstörungszauber machte aus dem einst stolzen Turm in Windeseile eine Ruine. Doch die zersprengten Teile des Turms in dem sich Tarn und Elfa befanden, flogen nicht einfach nur zur Seite weg – sie blieben in der Luft hängen als hätte Satinav höchstpersönlich ihnen befohlen nicht weiter zu fliegen. Vidkun, der noch immer in der Form von Brangane war, Gneisor und Ingmar waren inzwischen am Zinnenrand des Burgfrieds angekommen und mussten hilflos mitansehen, wie die Limbusverschlingerin den Wehrturm in Schutt und Asche zerlegte.

„Macht euch bereit, sie wird gleich wieder zu uns kommen“, ermahnte Brangane die anderen mit einem leichten Schnarren in der Stimme. Nachdem der Turm zerstört war, verschwand Sara’kiin wieder, begleitet von einem leisen entropischen Knistern, in einem Vortexspalt. „Macht euch bereit!“, rief Gneisor und eilte mit den anderen zurück zur Mitte des Burgfrieddaches. Sie stellten sich alle drei Rücken an Rücken, die Klingen kampfbereit erhoben, um auf diese Weise so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit verstrich quälend langsam, nur das pfeifende Röcheln vom schwer angeschlagenen Gneisor und das angespannte Atmen des Knappen Ingmar waren zu hören. Von Brangane war kein Laut zu vernehmen, denn Vidkun konzentrierte sich nicht mehr darauf, die perfekte Illusion zu erzeugen, weshalb er es nicht mehr für nötig hielt, ein Atmen eines fleischlichen Wesens zu imitieren. Für einen kurzen Moment musste Gneisor genau darüber nachdenken. Es erschauderte ihn, dass er Seit an Seit mit einem Dämon gegen einen gemeinsamen Feind stritt. Doch im Moment hatte er keine andere Wahl.

Es knisterte wieder und aus einem lilafarbenen Vortexspalt schwebte sie nur einige Schritt von der anderen entfernt heraus, Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Noch immer tödlich Grazil und unheilvoll anmutig, schwebte sie vor den anderen in der Luft. Pechschwarze und zähe Flüssigkeit drang aus den Wunden ihres Oberkörpers und besudelte ihr einst reinweißes Gewand. Die drei Streiter veränderten ihre Kampfformation und stellten sich ihr gegenüber auf – nun hieß es drei gegen eins. „Dieser Kampf ist für dich, Rondra“, murmelte Gneisor und hob seinen Anderthalbhänder, den er nur noch mit einer Hand schwingen konnte, da der andere Arm gebrochenen in einer Schlaufe hing. Obwohl er der Angeschlagenste von allen dreien war, war er doch der Erste, der auf Sara’kiin zuging. Todesmutig stürzte er voran, Ingmar folgte mit seinem Kurzschwert und auch Vidkum flankierte ihn schützend.

Der Kampf dreier Schwertträger gegen eine einzelne Stabträgerin wäre unter normalen Umständen wohl rasch erzählt. Doch dies war keine profane Stabträgerin, dies war der gefallene Anker Hesindes – eine gestählte und magische Vortexkriegerin gegen einen schwer angeschlagenen Kämpfer, einem jungen unerfahrenen Burschen und einen nicht gerade kampfaffinen Vertreter aus der Domäne des vielgestaltigen Blenders. Und doch, hätte den Kampf jemand von außen betrachten können, hätte er ihn als anmutigen Tanz der Klingen bezeichnet. Alle drei, Gneisor, Ingmar und Brangane schlugen mit allen Mitteln der Kampfkunst auf Sara’kiin ein, doch ihre unnatürliche Gewandheit, gepaart mit ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit und dem gekonnten Umgang ihres Stabes wich sie dem Großteil der Hiebe aus, lenkte sie mit ihrem Stab im letzten Moment ab oder erlangte sogar eine vorteilhafte Position. Hatte sie erst einmal eine solche erreicht, setzte sie sofort zu einem tötlichen Schlag an – doch fuhr jedes Mal einer der anderen dazwischen, um sich unter Inkaufnahme eigenen Verletzungen dem anderen das Leben zu retten. Im Gegenzug gelang es den dreien trotzdem die Limbusverschlingerin hier und dort zu treffen und zumindest augenscheinlich zu verletzen. Alle drei bekamen dabei jedoch zahlreiche Blessuren und Platzwunden. Niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Tanz der Klingen ging, und hätte die himmliche Leuin es mitansehen können, hätte sie sich diesen Kampf, der einem Gebet an sie gleichkommt, bestimmt nur zu gerne angesehen. Während dieses Gleichstandes, bei dem es keinem der beiden Seiten gelang einen Vorteil zu erkämpfen, beobachtete, ja fast schon studierte der Dämon Amazaroths ihren Widersacher genau. Welcher, wenn nicht ein Dämon der Imitation, war zu einer nahezu perfekten Beobachtungsgabe in der Lage. Vidkun fiel auf, dass Sara’kiin immer wieder versuchte Gneisors Schwäche, den gebrochenen Arm zu ihrem Vorteil auszunutzen. In mitten des Schwerttanzes fasste Vidkun daher den Entschluss, diese Schwäche ihres Mitstreiters, zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wie vier Löwinnen, die umeinander tanzten und stritten, sprangen auch die vier Kämpfer umeinander her und wechselten ständig die Positonen. Nach einer Abfolge mehrere Schläge und Hiebe von Brangane, drehte sie sich so weg, dass sie Gneisors schwache Körperseite öffnete. Sofort machte Sara’kiin eine vorbereitende Bewegung, um diesen Moment der Schwäche zu nutzen, da nutze Brangane ihre von ihm vorhergesehen Bewegung und schlug ihr mit der Fehlschärfe gegen den zackenbewehrten Helm. Ein metallisches Scheppern erklang und für einen sehr kurzen Moment wirkte sie benommen. Doch anscheinend war Branganes Hieb nicht stark genug, noch immer stand Gneisor in einer unvorteilhaften Position da. Ingmar stand zu weit entfernt, um seinem Herrn beizuspringen und Gneisor wäre selbst nicht in der Lagegewesen, sich von dieser Seite zu verteidigen. Sara’kiin schien diese Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie wich einem Hieb von Ingmar aus, drehte sich um die eigene Achse und rotierte mit ihrem Stab so, dass sie Gneisors verzweifelten Streich, sich aus der nachteilhaften Position zu bringen, an ihrem Stab mühelos ablenkte. In den Augen des Marschalls zeichnete sich entsetzte Verzweiflung ab, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war, denn sowohl Ingmar als auch Vidkun konnten ihm in diesem Moment nicht beispringen. Sara’kiin ließ ihren Stab wieder wie eine Windmühle rotieren und schlug dann nach der Seite von Gneisors gebrochenen Arm. Es lag viel Wucht in dem Schlag, es sollte Gneisors letzter Hieb werden, den er einstecken würde. Doch im letzten Moment zog Gneisor den Arm ruckartig aus der Schlinge, packte den Stab und brachte ihn mitten im Bewegungsmoment zum Erstarren. Noch während niemand verstand, was gerade geschah, formte sich auf den Lippen unter Gneisors Bart ein schelmisches Lächeln. Ein schlitzendes Geräusch war zu hören und ein kurzer Ruck durchfuhr Sara’kiins Körper, als eine schmale Klinge in Gneisors rechter Hand zwischen die Unmetallplatten in ihrem Leib stieß. „Stirb endlich!“, fauchte Gneisor mit fremder leicht schnarrender Stimme. Hinter Sara’kiin half Ingmar dem echten Marschall von Burg Friedstein gerade auf die Beine und hielt ihm davon ab, sofort auf Sara’kiin zu stürzen. Er spuckte Blut und hustete beim Versuch stehen zu bleiben. Vidkun hatte, nachdem er die Limbusverschlingerin mit der Fehlschärfe getroffen hatte, sich selbst in die Position von Gneisor gebracht und ihn dafür zur Seite gestoßen. Er hat seinen Platz eingenommen und ihr eine schwache Seite offeriert, die keine war. Vidkun beschloss die Form von Gneisor aufzugeben und verwandelte sich wieder in Matral, dem das süffisante Grinsen im Gesicht eh besser stand. Er presste den schmalen Dolch in seiner rechten Hand noch ein bisschen tiefer und es knackte im Innern des Vortexkriegerin. Ein Zucken durchfuhr ihn – Vidkun hatte endlich die Stelle getroffen die er erreichen wollte.

Erst begann es leise, doch es wurde rasch lauter, so dass es jeder auf dem Burgfried hören konnte. Von Sara’kiin ging ein bedrohliches Surren aus. Matral zog die Klinge aus ihren Körper, wobei ein großer Flatschen schwarzer Flüssigkeit auf den Planken landete. „In Deckung!“, rief er und entfernt sich mit einem beherzten Sprung von ihr. Gneisor, der gerade erst aufgestanden war, war im Moment alles andere als agil und duckte sich nur, während sich Ingmar mit seinem ganzen Körper schützend vor seinem Ritter warf. Binnen eines Lidschlags wurde das Surren so laut, dass es ohrenbetäubend wurde, eine blaue glänzende Aura schwoll um Sara’kiin an, die in einem ohrenbetäubenden entropischen Knall explodierte. Als sich die blaue Aura entlud und das Surren damit endete, stob die Druckwelle bis weit über die Zinnen hinaus.  Ingmar, der mit Abstand der Leichteste war und im Moment die größte Körperfläche bot, wurde von ihr gnadenlos erfasst. Wie eine Puppe, die an Fäden gehalten wird, wurde er durch die Luft gezogen und flog im hohen Bogen bis über die Zinnen.

Als Matral, der sich unter die Zinnen geduckt hatte, wieder die Augen öffnete, war Sara’kiin fort.


Landung in der Stadt des Lichts

Langsam gleitet der Greif hinunter in die gebeutelte Stadt des Lichts. Die fliegende Festung Kholok-Kai ist direkt über ihr abgestürzt. Überall liegen Trümmer herum. Einfache Menschen in Lumpen laufen Seite an Seite mit in Gewändern gekleidete Praiosdiener, um dem Chaos Herr zu werden. Ein Großteil jener Praiosdiener sinkt bei ihrem Anblick bzw. dem Anblick des Greifen ehrfürchtig auf die Knie, als sie von Obaran absteigen. Sanft liebkost sie noch einmal seinen gefiederten Hals. Sie kann ihm noch kurz danken, ehe er sich wieder in die Lüfte schwingt. Ergriffen blickt sie ihm nach. Als sie den Blick wieder nach unten richtet, bemerkt sie sogleich die kleine goldene Feder auf dem Boden. Lächelnd hebt sie sie auf und flechtet sie in ihr Haar. Gleich neben der Feder von Zeitenflug.

Bis zum nächsten Flug, Obaran.

Dann erst richtet sie ihren Blick auf die sich nunmehr versammelnde Geweihtenschaft, die sie Großteils andächtig anstarrt. Sie überblickt sie Runde und spricht zu allen mit klarer kräftiger Stimme:

„Menschen von Gareth,

ich bin Azina saba Belima, Ordensmeisterin des Schutzordens der Schöpfung und auserwählte Botin Firuns. Gemeinsam mit meinen Gefährten vom Schutzorden der Schöpfung töteten wir den Dämonenkaiser Gaius Cordovan Eslam Galotta! Mit seinem Tod, stürzte auch seine fliegende Festung Kholok-Kai ab. Bedauerlicherweise direkt über der Stadt des Lichts.“

Als dabei einige Menschen missgestimmt reagieren, setzt sie nach:

„Galotta war gerade im Begriff ganz Gareth zu zerstören, so wie er Wehrheim zerstört hat. Denn obwohl wir und ein großes mittelreichisches Heer uns dem endlosen Heerwurm auf dem Mythraelsfeld entgegenstellten und siegten – und obwohl wir den mehrgehörten Dämon, der die fliegende Festung verbarg, bannten – zerstörte die unheilige Magie des Dämonenkaisers das tapfere Wehrheim. Praios ehrte mich, als ich auf dem Greifen Obaran in die Schlacht gegen die fliegende Feste fliegen durfte! Bei Praios, verzagt nicht! Trauert um die Toten und feiert die vielen Überlebenden. Und ich weiß, dass ihr diese großartige Stadt wieder aufbauen werdet!“

Sofort belagern sie sie mit Fragen über ihr Erscheinen, dem Abstürzen der Festung und dem Flug auf dem Greifen. sie beantwortet alle Fragen so gut sie es kann. Bis schließlich der Bote des Lichts Hilberian Grimm von Greifenstein und vom Großen Fluss höchstselbst das Wort unwirsch an sie richtet, um von ihr notwendige Informationen zu erhalten. Zum Beispiel über Dexter Nemrodts Überleben.

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Azinas Landung in der Stadt des Lichts

Verschnaufpause

Sitzen und Durchatmen. Das war alles, was Bothor gerade wollte. Sie sind problemlos zum Hippodrom in das Versteck der K.G.I.A gelangt. Während die anderen ganz aufgeregt darüber disputieren, was Nehazet mit diesem seltsamen Splitter machen soll, hat sich Bothor kurz zurückgezogen, um seinen alten Knochen etwas Ruhe zu gönnen – nicht mehr zu altern macht einen nämlich auch nicht wieder jünger. Was ist heute geschehen? Wie konnte all dies geschehen? Und warum leben sie alle noch? Zur Entspannung schließt er kurz die Augen.

Es war kein idyllischer Morgen gewesen. Das Heer hatte noch vor Sonnenaufgang Aufstellung genommen, ein Sonnenaufgang, den niemand von ihnen je sehen sollte. Dieser Dämon war einfach unvorstellbar riesig gewesen, moralisch gesehen ihr größter Feind. Die Schlacht begann holprig, hatten sie es doch mit äußerst ungewöhnlichen Gegnern zu tun. Ich konnte mich glücklich schätzen, Geron um mich wabern gehabt zu haben. Aber die Truppen hielten stand und kamen gut voran. Bis er kam, der König der Untoten. Bis er kam und in einer beiläufigen Bewegung Rondrasil Löwenherz eben jenes aus der Brust riss. Es ist immerwieder ein Glück, dass solche Situationen in großen Schlachten nur von einem kleinen Teil der Truppen bemerkt werden. Sonst hätte dies gut und gerne zum Niedergang des Heeres führen können. Aber dann kam der Löwe. Und ja, ganz ohne Neid muss ich gestehen, Sieghelm WAR der Löwe dort. Rondra hat wohl gewählt, denn nun war er es, der wie beiläufig mit donnernden Hieben den König vernichtete. Er ist schon ein großer Krieger, bleibt zu hoffen, dass er auch noch ein großer Anführer einst wird.

Der Marsch zum Zentrum des Dämons ging unaufhörlich weiter und es muss angemerkt werden, dass die Truppen des Ordens überraschend gut und standhaft waren. Nicht jeder Haufen bewaffneter Bauern hätte meine Befehle gegen diesen Knochenoger so bedingungslos befolgt. Vier griffen uns an und als ich nach der Vernichtung des meinigen aufsah, um zu ergründen, wo meine Hilfe von Nöten war, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass zu diesem Zeitpunkt auch der letzte gefallen war. Mit durchaus Stolz in der Brust sah ich die junge Azina aufrecht stehen, den toten Körper unter sich und den sich just auflösenden Schädel auf ihrem Speer stecken. Ja, sie brauch noch etwas Führung und bestärkende Worte, aber nur, damit sie lernt welch großartige Frau sie ist und werden kann.

Eigentlich wäre dies schon genug für einen Tag und eine Schlacht gewesen, aber der endlose Heerwurm war nunmal kein alltäglicher Feind. Und wer zweifelt noch an von den Göttern vorgeschriebenen Schicksalen, wenn Razzazor, dieses abscheuliche Etwas von Wesenheit natürlich genau vor uns landet. Ja, es reichte, um diesmal wirklich die Truppen in Panik zu versetzen und einzelne Teile fliehen zu lassen. Kein Vorwurf kann gegen sie hervorgebracht werden. Aber wie selbstverständlich blieben wir standhaft. Ich war unschlüssig, was das rechte Vorgehen wäre, aber als der Geist auf Razzazors Schädel erschien, war alles glasklar. Dieser Geist! Er ist ein beeindruckendes Zeichen, welch unglaubliche Frau Jane ist. Auch wenn sie ihren Körper selbst nicht in Gefahr bringt, so zeugen die Taten, die sie mit dem Geist vollbringt, von ungemeiner Intelligenz, Raffinesse, Kühnheit und Mut. Ja, sie ist die einzig richtige Ordensgroßmeisterin. Warum wurde sie es nur nicht gleich zu Beginn des Ordens? Ich mache Sieghelm keine Vorwürfe, dass er auf dem Weg zu dem Drachen zusammenbrach, auch ich strauchelte. Ich lasse ihm den Glauben, dass Rondra eingriff, auch wenn ich selber daran zweifel. Ich weiß noch immer nicht genau, was geschah. Ich zertrümmerte dieses Amulett, dann traf mich der Schlag und augenblicklich wurde es dunkel um mich. Ich weiß nur noch, dass mein letzter Gedanke war „Razzazor ist würdig mich zu töten“. Aber offensichtlich war dem nicht so, denn ich erwachte nach einem Schwall unverständlicher Emotionen und sah den Drachen am Horizont verschwinden. Scheinbar spielte Tzatan eine nicht unwichtige Rolle, aber Genaueres muss ich noch herausbekommen. Scheinbar wurden auch große Teile unserer Truppen durch sein Feuer vernichtet, während ich bewusstlos war. Doch in der Hektik der Schlacht gab es keine Möglichkeit, sich darum zu kümmern. Wir hatten schließlich eine Mission…

Mit jedem weiteren Schritt in Richtung unseres Ziels wurde das beklemmende Gefühl in meinem Herzen stärker. Wir mussten einfach diesen Dämon vernichten, auch wenn wir wussten, wieviele Todesurteile wir damit sprechen. Aber es galt ein höheres Gut zu bewahren als unser aller Leben. An unserem Ziel angekommen, schlug nun dann die Stunde unseres Magus Nehazet. Da begleiten und beschützen wir eine ganze Horde an Geweihten und dann rollt er seinen Umhang aus, welcher den Dämon einfach verschlingt. Er tut es andauernd. Ganz unscheinbar tun und dann mit einem Fingerschnipsen Dinge vernichten, die einem nicht vernichtbar erscheinen. Er ist mir noch immer ein ungelöstes Rätsel, aber ich empfinde einen tiefsten Respekt vor ihm. Und so geschah, was geschehen musste, der Untergang der Welt brach über uns herein. Erst diese Stürme, dann diese unsäglichen Dornenranken und schlussendlich Feuer und Flammen. Und obwohl Amranblut in meinen Adern fließt, so ließen die Feuerbälle mich verzagen. Und so starb ich heute ein vermeintlich zweites Mal. Auch hier muss ich noch in Erfahrung bringen, was noch weiter geschah.

Denn auch der Rest befand sich später auf der Fliegenden Festung wieder, allerdings deutlich unbeschadeter, als Fräulein Peddersen und ich. Dass wir das überlebt haben… Sieghelm dieser Narr. Ein Inbegriff dafür, wie gefährlich übermäßiger Mut ist. Aber ich muss auch mich selbst schelten. Ich habe mich zu Dingen hinreißen lassen, die äußerst unschicklich waren. Hatte ich Angst? Ich habe in meinem Leben schon so viel erlebt, so viele Gefühle gespürt, aber das war heute alles zu viel, einfach zu viel. Aber schlussendlich gilt nur, dass Galotta tot ist, endgültig tot. Leider ist die Festung über Gareth herabgefallen und nicht vor seinen Mauern, aber im Vergleich zum Weltuntergang nur ein kleiner Schaden. Dexter Nemrod hat überlebt, die werte Delia und ihr Mann auch, das ist gut. Nur meine geliebte Waffe leider nicht, ich muss einen Guten Waffenmacher finden, den besten.

Und trotzdem ist das Mittelreich in größter Gefahr. Rohaja soll verschwunden sein und Enmer, nun, sie wird für den Rest ihres Lebens gezeichnet sein, egal wie schnell wir sie retten sollten. Und Razzazor ist noch nicht vernichtet. Es wartet noch viel Arbeit auf uns. Jetzt, das ist nur eine Verschnaufpause…

Flug auf einem Greifen – ein Traum wird wahr

14. Peraine 1027 n. BF

Ein Licht blitzt vor dem Hintergrund der schwarzen fliegenden Festung auf. Diejenigen die auf dem Boden staunend nach oben blicken, können sehen, wie sich ein Greif aus der Feste Kholak-Kai befreit und anmutig einige Flügelschläge nach oben steigt, ehe er sich langsam in weiten Kreisen den Ruinen von Gareth nähert. So als würde er den Moment so lange wie möglich auskosten wollen. Auf seinen Rücken sitzen ein großer Trollzacker mit einem schlichten Holzspeer in der Pranke, ein riesiger weißer Wolf, der ängstlich den Boden herbeisehnt und eine kleine ganz in Leder und Fellen gekleidete junge Frau. Sie schlingt ihre Arme um den gefiedertes Hals vor ihr, während sie entrückt in die Ferne schaut. Die Freude, die ihrem Gesicht abzulesen ist, überstrahlt selbst das Leuchten des heiligen Greifen. Denn sie und ihre Gefährten in der Rettungskapsel haben gerade den Dämonenkaiser Gaius Cordovan Eslam Galotta besiegt und somit seine fliegende Festung über Gareth zum Abstürzen gebraucht. Doch die Gefühle für diesen Sieg lassen sich am ehesten mit ‚Erleichterung‘ beschreiben. Erleichterung, dass sie es überlebt haben. Und dass sie die finstere Macht zurückgeschlagen haben, die danach trachtete das Mittelreich zu vernichten und damit ganz Aventurien ins Chaos zu stürzen.

Die Freude jedoch, die die Botin Firuns bei diesem Flug empfindet, fußt auf jenem Wesen, das sich ihr so bereitwillig als Reittier anbot. Es war der Greif Obaran, dessen Seele sie vor kurzem in der Schwarzen Sichel vor der Schändung retteten. Er war der Hochherold der Praios-Kirche, der sie zurück nach Wehrheim in den Kampf gegen den unendlichen Heerwurm schickte. Er überlies ihnen Araschar, sein kostbares Greifenschwert. Mit ihm konnte letztlich der Leib Galottas in seinem eigenen Thronsaal hoch über den Wolken, noch mit der vergifteten Tasse Tee in der Hand, durchstoßen werden. Das Erstaunen über die plötzliche Wendung der Ereignisse wird noch eine Weile auf seinem leblosen Gesicht zu erkennen sein.

Die junge Tulamidin ist stolz. Stolz auf sie alle. Aber vor allem stolz auf sich selbst. Sie ist erneut über sich hinausgewachsen. Sie hat wie viele andere in der Schlacht vor Wehrheim tapfer gekämpft und viele untote Diener vernichtet. Sie hat dem Magnus Opus getrotzt: sie hat die peitschenden Winde mit der Macht ihres Willens und ihres Glaubens widerstanden und damit viele andere tapfere Kämpfer vor dem sicheren Tod bewahrt. Sie entwich den Feuerbällen und den Flammensäulen. Und sie entkam dem Auseinanderbrechen der Erde. Die Gargoyle, die die Überlebenden für die Versorgung der Lebensadern, der bereits weiterziehenden Festung einsammelten, vernichtete sie. Ihren unbeugsamen Willen sich allem Dämonischen zu widersetzen, belohnte Praois mit dem letzten Erscheinen von Obaran, der sie der Festung hinterhertrug, damit sie ihren Gefährten im Kampf gegen Galotta beistehen konnte.

Es ist nun ein berauschendes Gefühl so hoch oben zu fliegen. So kurzzeitig befreit von aller Last zu sein. Sie kann gar nicht genug davon bekommen, wie der Wind ihre schwarzen Haare wild umherfliegen lässt und ihr eiskalt unter die Lederrüstung zieht. Doch das macht ihr nichts aus. Sie genießt die unendliche Freiheit dieses göttlichen Augenblicks. Neben ihr – nur 50 Schritt entfernt – stürzt die siebengezackte Feste Kholok-Kai unaufhaltbar in die Tiefe. Unvermittelt lässt ein spitzer Schrei, neben ihr, sie herumschnellen. Adaque, ihr treuer Falke fliegt an ihrer Seite. Lachend krault sie im Flug seinen Bauch. Eine letzte Firunsbrise aus dem Norden scheint ihr mitzuteilen: Gut gemacht, meine Auserwählte.

Und auch Praois, der himmlische Richter, scheint zufrieden mit ihr zu sein. Sie badet in seinem Licht. Sie streckt die Arme weit von sich; den Runenspeer in ihrer Rechten. Und sie schreit ihre Gefühle in die weite Welt hinaus.

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Azinas Triumphflug

Kampf vor Wehrheim

14. Peraine 1027 n. BF

Razzazor fliegt gen Rahja. Geschlagen. Zumindest vorerst. Er schwor blutige Rache. Einen Götterlauf gab er dem Leben Zeit, ehe er wiederkehren und alles vernichten wird. Azina nahm sich einen Augenblick Zeit ihm nachzuschauen. Trotzt der mentalen Macht, die der Heptarch auf sie niederdrückt. Als der schwarze Knochendrache die fliegende Festung passiert, bleibt Azinas Blick an dessen Unterseite hängen, wo noch vor wenigen Stunden ein roter Lichtstrahl die Erde berühte. Das Licht der Liebe. Das Licht der Rahja.

Was Delia wohl durchmachen wird? In Bothors Traum kämpft sie dort oben ganz allein in einem dunklen Kerker um das Leben Kalkaribs. Nicht, dass ich Kalkarib eine Träne nachweinen würde. Aber Delia liebt ihn nun einmal. Und trotz aller Pein schafft sie es dennoch uns allen hier unten auf dem schrecklichen Schlachtfeld eine mentale Botschaft mit einem Lichtstrahl der Liebe Rahjas zu schicken. Er durchbrach die Wolke. Er durchbrach Rahastes! Was mag sie das gekostet haben? Nun ist es an uns, zu ihr zu gelangen und sie beide zu retten. Doch wie? Noch schwebt Rahastes nach wie vor am Himmel und verbirgt die Stadt. Noch ahnen die tapferen Verteidiger nicht, was sie erwarten wird. Ich kann nur hoffen, dass viele Menschen in den Heimen Travias Zuflucht finden. Doch was ist mit den mutigen Seelen um uns herum? Wer wird sie retten, die so tapfer für andere streiten? Die stetig und mit dem Mut der Verzweiflung die ganze unheilige Verderbnis immer wieder und wieder abwehren. Sie widerstehen unsagbarem Schrecken. Der Fäulnisgeruch macht einem das Atmen schwer. Und wenn der Nebenmann sich plötzlich umdreht und im Wahnsinn die eigenen Leute abschlachtet, frage ich mich, warum sie nicht alle schreiend davonlaufen.

Ich fürchte niemand kann sie retten. Und uns auch nicht. Wir spielen hier nur eine kleine Rolle und hoffen, dass die Götter uns gnädig sind. Rondrasil Löwenbrand, der Heermeister der Rondra, erhielt diese Gnade offenbar nicht. Er ist gefallen durch den „König der Untoten“. Dieser riss ihm einfach das Herz aus der Brust. Doch Sieghelm hat diesen ‚König‘ vernichtet. Kurz darauf ist dann Razzasor gelandet. Direkt vor uns. Sieghelm sackte sofort zu Boden. Als stärksten Kämpfer wird der Drache ihn … SIEGHELM!

Es kommt Bewegung in die Botin Firuns. Rasch begibt sie sich zu ihrem Ordensgroßmeister und überprüft seine Vitalfunktionen.

Er ist nur ohnmächtig. Rondra sei Dank. Sie hält ihre schützende Hand über ihn. Eine starke Macht muss ihn niedergerungen haben. Sonst hätte er nicht den Kampf gegen Razzazor gescheut, den nun Jane, Bothor und … BOTHOR!

„Passt auf ihn auf.“ Herrscht sie im Vorbeigehen einige Männer an, die immer noch erleichtert dem fliehenden Drachen nachglotzen. Sie eilt an Bothors Seite. Sein Zustand lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass er dringend einen Heiltrank von Nehaezt braucht. Behutsam flößt sie ihm einen solchen ein. Erst danach beginnt sie mit der Untersuchung.

Um dich steht es schlecht mein Freund. Ich sah, wie der Schwanz dich traf. Ein gewaltiger Hieb. Ein Wunder, dass du noch lebst. Du standest direkt vor seinen Krallen und hast auf seinen Kiefer eingeschlagen. Und ich wagte mich kaum in die Nähe des Drachen. Wie tollkühn kann ein Mann sein? Oder wie dumm? Sie unterdrückt ihre Tränen und verbindet behelfsmäßig seine schlimmsten Verletzungen und richtet seine Knochen, auf dass der Heiltrank sein Übriges täte. Noch bei Bothor knieend krault sie Elfenbein hinter den Ohren. Sein dreckverschmiertes Maul lässt ihn gräulich aussehen. Sie legt ihren Kopf in den Nacken und blickt erneut dem fliehenden Drachen nach. Er ist nicht mehr zu sehen.

Wir haben gegen Razzazor, den schwarzen Knochendrachen, gekämpft und haben es überlebt …

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Azinas Gedanken

Bestimmung

14. Peraine 1027 n. BF

Der gute Bothor spricht weise Worte. Worte geformt mit vielen Jahren Erfahrung. Er versteht es, einem Mut zu machen – Wir sind Helden. Wir sind Erwählte. Wir sind mächtig. Mächtig durch die Gaben, die uns unsere Götter gaben – Vertrauen wir also auf sie. Auf, dass sie uns unseren Weg weisen. Selbst wenn wir es in unserer Schlichtheit nicht bemerken.

Ich reite hier mit einigen tapferen Recken dem Heerwurm entgegen. Wagen uns nah an seine Ausläufer heran. Fast schon können wir mit einem Speerwurf die ersten Plagen unschädlich machen. Und doch halten wir uns zurück. Unsere Aufgabe ist zunächst das Spähen. Nichts weiter. Wir würden vernichtet, sollten wir uns aus der Deckung wagen. Denn auch der Himmel ist nicht unser. Praios‘ Antlitz ist hier nicht allgegenwärtig.

Wenn es denn an der Zeit ist, frage ich mich, wo mein Platz in dieser Schlacht sesin wird? Soll ich weiter in sicherer Entfernung um das feindliche Heer herumreiten? Auf meiner bisherigen Reise seit meinem Aufbruch aus Aranien vor gut vier Götterläufen, kämpfte ich lediglich in kleineren Gefechten. Kein Vergleich zu dieser Masse an Feinden vor uns. Schrecken an Schrecken. Unzählige giftmäulige Ghule, wie ich auf Hochstieg lediglich einen einzigen hinter Gittern tötete. Hunderte halb verfaulte wandelnde Leichname. Klappernde Skelette mit tiefen leeren Augenhöhlen. Doch auch ein paar Menschen befinden sich im Gefolge des Grauens. Jene zumindest weiß ich zu verletzen. Kopf und Herz sind ihre Schwachpunkte. Doch wie tötet man etwas, das bereits tot ist? Muss man sie in Stücke hacken, bis sie endlich ihre letzte Ruhe finden?

Ich kämpfe nicht in geordneten Reihen oder in wilder Meute an der Front. Nein, mein Schlachtfeld ist ein Anderes. Kein Klappern der Schilde. Kein Gestampfe auf dem Feld. Nein. Meine Bestimmung ist die Jagd! Nicht nur Hirsch oder Bär. Auch Träume von Erfolg und Wahnsinn.

Sogar eine solche Armee birgt empfindliche Ziele. Wer beschwört und kontrolliert Rahastes und all jene willenlosen Diener? Wer? Wo sind jene Magier, die der Feldmarschall erwähnte? Dort vorne, in der Mitte des Heeres, steigt verdächtiger Rauch auf. Rauch, der die Wolke nährt. Dort scheint mein Ziel zu sein. Nur wie dort herankommen? Wie empfindlich sind diese widernatürlichen Kreaturen wirklich? Vermag mein Speer wirklich jene Wunder vollbringen, von denen Bothor so schwärmte?

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Azinas Gedanken

Gassi in Wehrheim – Teil II

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Ordensgroßmeister

Sie kamen an einer Kreuzung an, ihnen entgegen rumpelte schweres Gerät. Drei große Rotzen wurden mit Hilfe von Bullen über die breite Reichsstraße gezogen, während die Wehrheimer Bürger souverän auswichen. Hinter den Rotzen folgten zwei Banner Lanzerinnen, welche Sieghelm sofort erkannte. Es waren die Farben der Ferdoker Garde, angeführt von der Marschallin Angunde von Falkenhag. Die Koscherin war bekannt dafür hauptsächlich Frauen in ihrer Garde aufzunehmen. Sie war eine rondrianische Kriegerin durch und durch. Auch wenn Sieghelm ihr nie persönlich begegnet war, so hatte er schon viel über ihr Kampfgeschick gehört. Während Sieghelm wie ein Schaulustiger den heranrumpelden Rotzen und den Lanzerinnen zusah sah, schlüpfte Pagol in eine Seitengasse, er wollte wohl nicht unter die Stiefel – oder die Räder kommen. Als er Laut gab und wartend zu Sieghelm blickte, folgte dieser überrascht dem Leutnant. „Hast du gesehen Pagol, das war Angunde von Falkenhag, sie …“ begann er euphorisch zu beschreiben, doch als er den missbilligenden Blick seines Hundes sah, unterbrach er sich. Sie waren in eine schmalere und nicht ganz so stark belebte Straße eingebogen. Ein rascher Blick offenbarte, dass sie wohl hinter die Brauerei geraten waren, tiefe und breite Häuserbögen zogen sich hier längst entlang. Der Brauerei verkaufte hier direkt aus dem Haus ihr gutes Helles, doch in den Morgenstunden war hier kaum etwas los.

„Lass mich doch einfach glücklich sein.“ schoss es aus Sieghelm heraus, der endlich Ansprach worauf Pagol schon seit der Garnison hinauswollte. „Alle sagen immer ich sei so angespannt und wirke unglücklich und missmutig … ja ich kriege das Geflüster durchaus mit.“ schickte er noch schnell hinterher. „Da werd ich doch wohl auch Mal … glücklich sein dürfen.“ verteidigte er sich erneut, von Pagol kam kein Widerspruch. Etwas widerwillig stieß Sieghelm einen Kiesel auf dem Pflaster mit seinem Stiefel an. „Es …“ seine Stimme wurde leiser und tragender. “ … ist gestern etwas eingetreten, worauf ich seit über zehn Götterläufen schmerzlich warten musste.“ Das erste Mal sah Pagol seinen Herrn fragend an, kurz nachdem er an einem leeren Bierfass geschnüffelt hatte. „Ich werde dafür wohl etwas ausholen müssen.“ Erneut zog er tief Luft durch seine Nüstern. Sein Blick ging gen Himmel, wo die weißen Wolken den blauen Himmel verdeckten. „Es war ebenfalls an einem frischen Peraine-Tag, ich sollte zum Schildknappen meines Ritters ernannt werden. Anlässlich dieser Feier war Trautmann nach Dettenhofen zu unserem Stammsitz zurückgekehrt um den Tag mit meiner Familie zu feiern. Alle waren da – zumindest kam es mir damals so vor. Meine Eltern, Mutter Gwynna und Vater Parzalon, Bruder Traviahold, Bruder Torald, Tante Sieglinde mit ihrem Mann Baltram, Oheim Melcher – ja sogar Tante Leonore war extra aus Rommilys angereist und hatte sich von den Mephaliten für eine paar Tage frei genommen. Ach … und … ja, Großvater Torion der Gütige. Wir alle wussten noch nicht, dass Boron ihn bald zu sich holen würde.“ Sieghelm schluckte kurz und wurde wehmütig als er seinen Großvater erwähnte. Erneut stieß er den Kiesel mit der Spitze seines Stiefels über die Pflastersteine. „Sie waren alle da, es sollte eine schöne Feier werden. Trautmann hatte sie alle kommen lassen und kümmerte sich ohne mein Wissen um die Feierlichkeiten. Wir waren in unserem Anwesen in Dettenhofen, alles war geschmückt mit Frühlingsblüten, Tante Sieglinde hatte extra mehrere Rondrawimpel gestickt und aufhängen lassen. Sie hatte meinen Namen eingestickt. Ich kann mich noch genau daran erinnern.“ Sieghelm spurte mit den Händen dem Schriftzug nach. „Sieghelm der Schildknappe“ – das lustige war, sie stickte anstatt des ‚d‘ in Schildknappe ein ‚t‘ – und das gleich sechs Mal.“ Sieghelm musste kurz lachen „Sie hatte schon immer Schwierigkeiten beim schreiben, wohl auch der Grund warum sie mir immer Bilder schickte anstatt Briefe zu schreiben.“ Pagol gab laut, als er hinter ein paar abgestellten Fässern mit frischen Pfeilen hervorkam weil er dort eine Maus gesehen hatte. Erneut zog Sieghelm laut Luft ein und setzte dann seine Erzählung fort: „Es hätte ein perfekter Tag werden können. Doch Torion, mein älterer Bruder, hatte an dem Tag keine Lust daran teilzunehmen. Er hatte irgendeinen ‚wichtigen‘ und ‚unaufschiebbaren‘ Termin im Magistrat, es ging wohl um irgendeine Prüfung. Ich hörte wie Vater und Mutter miteinander diskutierten. Mutter bezog meinen Standpunkt, dass dies doch mein Tag sei und dass sich mein Bruder auch mal unterordnen könne. Doch mein Vater ergriff für meinen Bruder Partei. Er sagte so etwas wie ‚er solle wie ein Erstgeborener erzogen werden‘ und ‚das er sich seinem kleinen Bruder nicht unterzuordnen habe‘. Es sei ‚Praios Wille‘. Kurzum … mein Vater war zusammen mit Torion nicht bei der Feierlichkeit dabei. Die Stimmung war wegen ihrer Abwesenheit nicht so gut. Keiner Sprach darüber, dass mein eigener Vater bei meiner wichtigen Ernennung zum Schildknappen nicht dabei war und es lieber vorzog seinem Erstgeborenen zu Unterstützen. Der einzige der sich traute etwas zu sagen war Großvater. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er es als ‚beschämend für die ganze Familie‘ bezeichnete. Des Anstands wegen stimmte ihm jedoch niemand zu – nicht einmal Mutter.“ Beim dritten Tritt gegen den Kiesel klonkte lautstark er gegen eine Häuserwand und verschwand dann in einem Abflusskanal. Pagol wetzte in dem Versuch ihn zu retten hinterher, doch er war nicht schnell genug. Traurig blickt er zu seinem Herrchen

„An dem Tag, diesem für mich so wichtigen Tag … war ich anfangs so stolz auf mich, dass Trautmann mich zum Schildknappen nahm. Doch Vater ruinierte ihn mir, indem er mir zeigte, dass er nicht stolz auf mich war. Sein Erstgeborener war ihm wichtiger. Da wurde mir klar, dass die Knappschaft nur eine Geste war um mich abzuschieben, er wollte mich fort haben, weg von seinem perfekten Erstgeborenen. Ich war wütend, mitten in der ‚Feier‘ die eh keine war, warf ich eine Schüssel mit Suppe wütend auf den Boden, so stark, dass selbst Jahre später die Spritzer davon im zweiten Stock an den Wänden zu sehen waren.“ Sieghelm schloss zu Pagol auf, erneut kamen sie an eine Kreuzung. Vor ihnen marschierten gerade wieder einige Banner durch die Stadt in Richtung Rahja. Vor ihnen klapperten im zackig militärischen Schritt schwer gerüstete Infanteristen über die Straße. Es waren Rondrageweihte und Laienbrüder, angeführt von Rondriana Siebenstreich, der Meisterin des Bundes der Senne der Mittellande. Pagol setzte sich und machte instinktiv ‚Männchen‘. Ein paar Momente beobachteten die beiden stumm wie die Rondrakieger mit ihren Rondrakämmen an ihnen vorbeizogen. Auch Sieghelm nahm Haltung an, bis zu dem Moment an dem sie sie passiert hatten. Dann setzte er mit hängenden Schultern fort: „An dem Abend hatte ich mich etwas geschworen, wie mir nun bewusst geworden ist, ich habe mir geschworen an mir zu arbeiten und zwar härter als zuvor und noch härter als mein Bruder. Ich wollte meinen Vater einen Grund geben stolz auf mich zu sein, mit etwas, dass ich mit meiner eigenen Arbeit geleistet hatte, und nicht, was mir in die Wiege gelegt wurde. Das muss wohl auch der Grund sein, warum ich später die Versuche meines Vaters mich in den Gänseritter-Orden zu geben ablehnte. Es wäre wieder etwas gewesen, was nicht ich selbst vollbracht hätte. Versteht du mich?“ Schloss Sieghelm seine Erzählung mit einer überraschenden Frage. Der Leutnand blieb adhoc stehen, fast wäre er über seine kurzen Beine gestolpert. Er blickte hin- und her, so als würde er grübeln. Dann gab er zustimmend laut. „Ja du hast recht, ich bin diesem Versprechen was ich mir unbewusst gegeben hatte, mein ganzes Leben hinterher gerannt. Und dieser Druck … dieser …“ Sieghelm formte mit einer Hand eine Klaue und legte sie sich symbolisch um den Hals. “ … enorme Druck schnürte mich ein und nahm mir die Luft. Ich musste immer besser sein, immer noch etwas mehr erreichen. Für … ja ihn … für meinen Vater. Damit er endlich stolz auf mich sein kann.“ Mit Druck prustete der Ordensgroßmeister all seine Luft aus. Sofort entspannten sich seine Muskeln und sein Rücken wurde gerader.„Gestern im Heerlagerzelt unter dem Banner Dettenhofens und meiner Familie, wurde ich noch einmal in meine Kindheit versetzt. Ich kam mir so winzig vor … da … passierte das Unerwartete.“ Sieghelm hielt an, ein frischer Peraine-Wind erfasste ihn und Pagol und pfiff durch die Straße. Sieghelm sah Pagol mit feuchten an und sagte: „Vater sagte, er sei stolz auf mich.“

Gassi in Wehrheim – Teil I

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Ordensgroßmeister

Es war der frühe Morgen des 13. Peraine 1027 nach Bosparans Fall, als Sieghelm zusammen mit seinem Leutnant seine Stube auf Burg Karmaleth verließ. Es wehte ein seicht frischer Wind durch die Gassen der Stadt. Es war einer dieser Peraine-Tage, die eine Aussicht darauf gaben, dass der Frühling angekommen war und es bald wärmer werden würde. Sieghelm, dem die morgendliche frische nicht ausmachte, ja die er sogar begrüßte, war nur in seiner schwarzen gefütterten Unterkleidung für die Tür gegangen, welche er stets unter seiner Rüstung trug. Zahllose an seiner Unterkleidung befestigte Nestelbänder flatterten im morgendlichen Wind, sobald er durch eine Wehe schritt. Er hatte Burg Karmaleth verlassen und war in die Straßen Wehrheims gegangen um der Stadt dabei zuzusehen wie sie erwachte. Auch wenn eine große Armee aus dem Dämonenkaiserreich Transylien vor der Tür stand, so gingen die Wehrheimer darpatisch stoisch ihrem täglichen Geschäft nach.

Sieghelm musste kurz anhalten als er und Leutnant Pagol an einem Zuckerbäcker vorbeikamen, der dabei war seine tägliche Auslage vorzubereiten. Warme und knackfrische Zimtschnecken, Zuckerkränze und Wehrheimer Batzen verbreiteten einen angenehm süßen Duft in der schmalen Gasse. Pagol war hellauf begeistert und bekam mit dem Kommentar ‚Ach der ist aber niedlich‘ vom Zuckerbäcker ein kleines Stück von einem dieser köstlichen Wehrheimer Batzen, was Sieghelm gar nicht gefiel. Aber Pagol hatte auch all seine ihm gegebenen Fähigkeiten ausgeschöpft als er quiekend jämmerlich jaulte als hätte er seit Monden nichts mehr richtiges zu Essen bekommen, nur um sich direkt danach wie eine Rommilyser Landjägerwurst im Staub hin- und her zu wälzen und sich vom Zuckerbäcker am Wamst kraulen zu lassen. „Einen prächtigen Morgen, edler Herr!“ wünschte ihm der Bäcker fröhlich mit seinem mehligen Händen und seinen deutlich von der eigenen Auslage rund gewordenen Bauch, als er den Leutnant fütterte. „Auch dir einen guten Morgen, Bäcker.“ entgegnete Sieghelm nur und schnalzte dann mit der Zunge, was das Zeichen für Pagol war wieder bei Fuß zu kommen.

Als Pagol wieder zu Sieghelm aufgeschlossen hatte, fragte er: „Sieh dir nur diese Straßenzüge an, Pagol – sind sie nicht prächtig?“ Die beiden liefen aus einer Seitengasse auf eine der rechtwinklig angeordneten großen Hauptstraßen zu. Große, teils drei oder vierstöckige Prachtbauten drängten sich dicht an dich aneinander. Kaufmannshäuser, Läden, Handwerker und wehrhafte Kasernen gingen ohne Platz zu verschwenden ineinander über. Hier kreuzten sich die Reichsstraßen 1 und 2, die am meisten genutzten und am besten ausgebautesten Straßen des gesamten bekannten Reichs. Wehrheim war, neben Gareth, der Nabel der Welt – zumindest aus Sicht eines jeden Wehrheimer Bürgers. Pagol reckte sein Köpfchen nach oben und betrachtete wohlwollend die bunt bemalten Gebäudefassaden. Auch wenn es noch sehr früh war, so waren die beiden Reichsstraßen immer belebt. Handwerker, Kaufmänner und Bürger liefen zielstrebig hin- und her. Einige Fuhrwerke standen am Rande der Straßen und kräftige Männer und Frauen hieften Säcke, Fässer und Kisten entweder herauf – oder herunter. Sieghelm und Pagol kamen an einer Gruppe Kaufmännern vorbei, die aufgeregt miteinander diskutierten. Einer von Ihnen hielt eine feine silberne Reisewaage und balancierte darauf etwas. „Drei Silber je Unze, und keinen Deut mehr!“ rief er. „Das ist nicht annehmbar. Bei den Oberburgheimers bekomme ich vier Silber, ihr wollt mich übervorteilen!“ Doch Sieghelm interessierte sich nicht dafür. Freute sich jedoch, wie selbstverständlich die Wehrheimer weiter ihren Geschäften nachgingen. Für einen Wehrheimer Bürger zählte es zur Normalität, dass Heere und Dämonen vor der Tür standen. Man saß soetwas einfach aus – und warum sollte man sich die Zeit die man saß nicht mit etwas Sinn stiftenden verbringen?

Pagol sah Sieghelm forschend an, so hatte er seinen Herrn noch nie gesehen. Er schritt leichtfüßig über die Pflaster der Reichsstraße. Blickte hie- und dort nach links und rechts, schmunzelte ab und an und – wenn man ganz genau hinhörte (und das konnte Pagol nunmal besser als alle anderen) – konnte man sogar ein melodisches Summen vernehmen. Pagol gab besorgt laut und sofort sah Sieghelm ihn an. „Was denn? Ist es nicht ein schöner morgen, Pagol?“ Sieghelm eher rhetorisch gemeinte Frage, ließ Pagol kalt. Er fixierte ihn mit einem durchdringend fragenden Blick. „Ich werde doch auch mal glücklich sein dürfen.“ argumentierte er aus der defensive heraus, doch Pagol ließ nicht locker. Sie umrundeten ein Fuhrwerk. dass mit großen ovalen Fässern, die leer aus dem großen Gasthaus ‚Bei Mutter Travine‘ gerollt werden, beladen wird. Sieghelm holte tief Luft, ein Zeichen dafür, dass er wohl zu einer längeren Erklärung ansetzte. „Wir stehen kurz vor einer bedeutenden und großen Schlacht. Nicht so groß wie die vor fünf Götterläufen, aber trotzdem, groß. Fast fünftausend Söhne und Töchter Darpatiens lagern auf dem Mythraelsfeld vor den Toren der Stadt und fast genauso viele Heerschaaren des Dämonenkaiserreichs laufen rastlos auf uns zu. Sie werden wohl in kürze den Dergel überqueren und in bälde kommt es zur Schlacht. Wir werden einen nicht unerheblichen Anteil daran haben. Ich werde unser Halbregiment – unser eigenes – ins Feld führen und bis ins Zentrum des gegnerischen Heerwurms vorstoßen lassen um ein Ei … kein normales Ei … dorthin zu bringen um eine Art Entzauberung stattfinden zu lassen. Die letzten beiden Jahre waren … sehr ereignisreich und hätte man mir dies vor zwei Götterläufen gesagt, hätte ich gelacht.“ Inzwischen standen sie vor einer der Stadtkasernen, zwei müde Nachtwachen kurz vor Wachwechsel hingen dort vor dem Kasernentor. Da sie den Ordensgroßmeister nicht erkannten, machten sie auch keinerlei Anstalten Haltung anzunehmen. Vom Innern des Kasernenhofs her schallten gebrüllte Kommandos auf die Reichsstraße. Pagol, der den längeren Monolog seines Herrchens nutzte um sich an der steinernen Kasernenmauer zu erleichtern, schüttelte seine kurzen Beine und starrte Sieghelm dann wieder an. Einer der Wachen, erwachte aus seiner lethargischen Haltung als er mitbekam, dass sich der Dachshund an der Kasernenmauer erleichterte. Sofort versetzte er sich selbst in eine belehrendere Haltung und stiefelte wie ein Lehrer der seine Schüler beim Spicken erwischt hatte zu Sieghelm und Pagol herüber. Er musterte Sieghelm kurz von unten nach oben, doch außer einen großen kräftigen Mann in schwarzer Unterkleidung mit lächerlich vielen Nästelbändern konnte er nicht erblicken. „Entschuldigen Sie, ist das ihr Dachshund?“ frug der Gardist mit anklagender Stimme. Sieghelm blinzelte als er in seinem Gedanken unterbrochen wurde und sah zu dem Gardisten mit den dicken Tränensäcken. „Ja, gibt es ein Problem?“ Sieghelm stemmte die Fäuste in die Hüfte und reckte seine Brust. Er war etwas größer und viel kräftiger als die Torwache. Als der andere Gardist bemerkte, dass sein Wachkamerad entgegen jeglicher Vernunft kurz vor Wachwechsel plötzlich einen Anfall von praiotischem Ordnungswahn zu entwickeln schien, erschrak er und war für den nächsten Moment in seinem inneren moralischen Kampf gefangen der da hieß: Wachstube und Auffälligkeitsbericht schreiben oder … Bett. „Ja, denn ihr Hund hat gegen die Kasernenmauer gepisst – und streng genommen ist das …“ begann die Torwache anklagend. „Streng genommen hast du auch nicht nur den Hauch einer Ahnung mit wem du es hier zutun hast, Torwache.“ Das letzte Wort dehnte Sieghelm so in die länge dass es schmerzte, zudem klang es so, als würde er es ausspucken wollen. Während der eine Gardist noch immer in seinem inneren moralischen Konflikt gefangen war, und der andere gerade die höchst selbstzerstörerische ‚Wer seid ihr denn?‘-Frage stellen wollte, holte Sieghelm erneut tief Luft um der der Torwache vorweg zu kommen. „Ich bin Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, Ordensgroß …“ den Rest kennt Ihr bereits und ich erspare ihn Euch. Springen wir zum letzten Teil: “ … und das ist Leutnant Pagol, und selbst dieser Dachshund steht im Rang über dir, wenn der Leutnant also gegen eure Kasernenmauer zu … urinieren … gedenkt, dann tut er dies nicht in der Absicht sie herabzuwürdigen, sondern um sie zu veredeln.“ Die andere Torwache hatte sich inzwischen für das ‚Bett‘ entschieden und war wie von Sumus Leib verschluckt. Das einzige was man noch hören konnte war das laute Schlucken des Gardisten. Mit fiepsend dünner Stimme brachte er dann abbrechend hervor: „Einen angenehmen Tag noch, euer edler Herr Reichsritter.“ „Euch auch, Torwache.“ entgegnete Sieghelm mit überspitzt freundlichem Ton, drehte sich um, schnalzte mit der Zunge und ging.

„Also Pagol, wo waren wir?“ Die beiden gingen weiter auf der belebten Reichsstraße und wurden von einer frischen Windböe erfasst. Pagol tapste neben seinem Herrn und blickte ihn wieder durchdringend an, denn noch immer war Sieghelm ihm eine Erklärung schuldig geblieben.