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Teil XII – Epilog

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Zwischen Eilingshof und Burg Friedstein

Sie waren schon zu hören, noch bevor man sie sah. Der Boden bebte unter den Füßen zweier berittener Lanzen, die gerade in den Weg hinter dem Wäldchen einbogen und von der untergehenden Praiosscheibe weite Schatten auf die Hirsefelder neben sich warfen. Angeführt von einer Kriegerin in leichter Reiterrüstung, die auf einem schwarzen Greifenfurter Kaltblut ritt, näherten sie sich der Niederrungenfestung Friedstein. Als sie einen guten Blick auf das Gemäuer bekamen, hob die Kriegerin den Arm und die zwei Dutzend Reiter kamen binnen von wenigen Lidschlägen zum Stehen, nur die Staubwolke, die sie dabei aufwühlten, flog noch etwas weiter. An die Seite der Kriegerin ritt einer ihrer Männer, ihr engster Berater, und öffnete sein Visier. „Euer Wohlgeboren.“ Seine Stimme klang rau und alt, hatte aber seine militärische Stärke behalten. Im epischen grauen Oberlippenbart des Mannes fing sich der Staub des Weges, als er zu seiner Herrin herüber sah. Diese hatte ebenfalls ihren Helm geöffnet und blickte mit tief ernstem Blick zur Festung. „Niemand hatte erwähnt, dass sich die Festung in einem derart heruntergekommen Zustand befindet“, merkte sie in einem skeptischen Tonfall an und meinte damit den geschliffenen Turm und die zum Teil eingerissenen Wehrmauern. Der schnauzbärtige Berater musste zwinkern, als er sich die Festung ansah, seine Augen waren nicht mehr die besten, aber eine geschliffene Festung erkannte er noch gut genug. „Ich habt Recht, euer Wohlgeboren. Ein katastrophaler Zustand“, bestätigte er, strich sich durch den Bart und schniefte den Staub aus seiner Knollennase. „Für einen Erkundungstrupp ist es zu spät, wenn dort noch jemand ist, hat er uns schon längst kommen hören.“ Lady Brangane legte ihre mit Reiterhandschuhen gekleideten Hände lässig auf das Horn des Sattels und schaute zu ihrem alten Weggefährten herüber. „Und der Büttel Jahan Eiling hätte uns wohl davon berichtet, wenn die Festung angegriffen worden wäre.“ „Ich sage, man hat uns die Wahrheit über den Zustand der Festung vorenthalten, euer Wohlgeboren“, versuchte der alte Kämpfer in militärischem Tonfall zu erklären. Er war von Anfang an nicht von dem Ansinnen seinen Herrin, dem Orden beizutreten, begeistert gewesen und hatte den ganzen Weg hierher nur Schlechtes daran gefunden. „In Nandus Namen, genau darum brauche ich euch, Baltram. Ihr lasst mich hin und wieder meine Befehle und Entscheidungen überdenken.“ „Stets zu Diensten, Lady Brangane“, brummte Baltram zackig. Für einen Moment kehrte Ruhe ein und die beiden Kämpfer sahen sich von weitem Festung Friedstein genauer an, auch wenn für Branganes Berater das Gemäuer nur wie ein verschwommener grauer Fleck aussah. Im Hintergrund nutzen einige der Reiter inzwischen die kleine Pause um einen Schluck aus ihren Wasserschläuchen zu nehmen.

Baltram konnte die anhaltende Stille kaum aushalten, weshalb er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd nach vorne traben ließ, zwei weitere Reiter schossen sofort aus der Lanze zu ihm nach vorne und flankierten ihn schützend. „Dann gehe ich euch mal ankündigen“, rief Baltram noch ungeduldig und war auch schon außer Hörreichweite. Lady Brangane blieb lässig in ihrem Sattel sitzen und blickte ihrem erfahrenen Berater mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinterher.

Wenig später, die Praiosscheibe war inzwischen nur noch ein roter Helm am Firmament, erreichten beide Lanzen die verwüstete Festung. Überall lagen zerfetzte Leichen herum und Unmengen an Abscheulichkeiten lagen teils zusammengekrümmt, teils zerstückelt im Staub des Hofs oder auf den Wehrmauern herum, als wäre der Kampf gerade erst vorbei. Nachdem Baltram seine Herrin an der Festung angekündigt hatte, brauchten sie einen Moment, um die Tore zu öffnen, denn die Torwächter waren ebenfalls tot. Tarnelius, der überlebende Infanterist, interessierte sich sehr für Heraldik, weshalb er das Wappen der Greifenfurterin sofort erkannte und allein aufgrund der Menge der Reiter für echt hielt und sie einließ.

Die zwei Lanzen Berittener durchschritten gerade die offenen Burgtore, als sich ein durch zahlreiches Krächzen ankündigender Schwarm Raben über die Festung flog und überall auf den Zinnen niederließ. Sie deuteten es als ein Wirken Borons und ließen sie gewähren, als sie still verweilten und die Ankunft der zwei Lanzen beobachteten. Der Tod war über diese Festung gekommen, und alle empfanden es nur als recht, dass nun die Boten des Stillen kamen, um die zahlreichen Seelen abzuholen.

Die dumpfe und beklemmende Stimmung, die über der Festung hing, wurde nur gelegentlich von Würgegeräuschen unterbrochen, da ein paar der Reiter die Beherrschung verloren und sich übergeben mussten. Nicht nur wegen des starken Geruchs nach frisch vergossenen Blut oder aufgeschlitzter Eingeweide, sondern auch wegen des rohen und fürchterlichen Grauens, dass hier eben gerade geschehen war. Sofort gab Lady Brangane den Befehl mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Elfa, Tarn und noch zwei weitere überlebende Festungssoldaten organisierten zusammen mit den Reitern, die sich dazu in der Lage empfanden, sofort die Aufräummaßnahmen.

Lady Brangane, Baltram und der Knappe Ingmar fanden sich daraufhin im Rittersaal der Festung ein, der, den Göttern sein Dank, gänzlich verschont geblieben war. Ingmar hatte inzwischen einen Großteil seiner zerschlissenen und störenden Rüstung abgelegt. Er setzte sich mit den beiden weitaus älteren Personen an den Kopf der Rittertafel, er selbst belegte dabei, bewusst oder unbewusst, den Sitz des Burgherrn. Ohne das die Zwei Nachfragen mussten, begann er sofort zu erzählen, was hier geschehen war, ungeschönt und ohne ein einziges Detail auszulassen, schilderte er die Ereignisse von der Ankunft der falschen Brangane, der Entdeckung Halriks, dem Auftauchen des gefallenen Ankers, bis hin zum finalen Kampf auf dem Burgfried. Baltram und Brangane hörten nur zu, sie hatten keine Zwischenfragen, sie warteten nur still ab und ließen sich die unglaubliche Geschichte bis ins Detail erzählen. Ihre Mienen wurden dabei immer missmutiger und ernster. Als Ingmar die falsche Brangane erwähnte, horchten sie beide kurz auf und Baltram nahm sein Notizheft und kritzelte schnell ein paar Worte darauf, um sie seiner Herrin zuzuschieben. Diese nickte nur wissend und lauschte dann weiter den Ausführungen des ehemaligen Knappen.

Fast eine halbe Stunde verging und die Praiosscheibe ging inzwischen unter. Zwischendurch entzündeten sie ein paar Kerzen im Rittersaal, um nicht in völliger Dunkelheit weiterreden zu müssen. „ … und dann kamt ihr an die Burgmauer.“ Ingmar nickte zu Baltram, als er seine Erzählung endete. „Es ist ein Segen, dass ihr gerade jetzt kommt, um uns in unserer Not zu helfen. Ich wünschte nur, ihr wärt hier gewesen, bevor der Dämon uns erreichte.“ Schwermütig schloss Ingmar damit seinen Bericht und suchte auf dem Tisch nach einem vollen Krug Wein, um sich die vom Erzählen trocken gewordene Kehle zu befeuchten, doch vergebens, er war leer. „Zuerst möchte ich euch mein Bedauern über den Verlust eures Ritters und Marschalls dieser Festung mitteilen“, begann Brangane, die ihre Hände auf dem Tisch zusammengefaltet hatte. Ihre Brauen waren tief in das Gesicht gezogen und bildeten eine gerade Linie. „Ich danke euch auch für euren umfassenden Bericht, junger Herr. Ihr konntet uns damit helfen, ein Rätzel aufzuklären. Dieser hautwechselnde Dämon muss unter uns gewesen sein und sich als einer meiner Waffenknechte ausgegeben haben. Denn nur so lässt sich erklären, weshalb mein Waffenknecht sich nicht daran erinnern konnte, meine Rüstung mehrmals geputzt zu haben – und das noch, während ich sie an hatte. Allein wenn ich daran denke, dass mich ein Dämon berührt hat, um meine Gestalt anzunehmen, lässt es mich erschaudern.“ Baltram nickte deutlich und nahm dann sein Notizheft zurück. Das war es, was er seiner Herrin aufgeschrieben hatte. „Ich wurde auf Geheiß von Ordensmeister Nehazet hierher überstellt, und ich werde mein Wort halten und mich und meine Mannen dieser Festung zuteilen und … das was davon übrig ist … schützen.“ Brangane rührte dabei mit dem Zeigefinger in der Luft und legte die Hände dann wieder zusammen. „Ich erkenne euch als kommissarischen Verwalter der Feste Friedstein an, da ich als Heermeisterin und nicht als Marschallin hierher bestellt wurde. Ich lege euch nahe, ein Schreiben an Ordensgroßmeister Sieghelm zu verfassen, was ihr mit Sicherheit ohnehin vorhattet. Die Ordensmeister müssen über das hier Geschehene in Kenntnis gesetzt werden – zumal ihr eine wichtige Gefangene im Kerker habt. Die Meister können dann darüber bescheiden, wie es hier in der Feste weitergeht. Bis dahin unterstelle ich meine Männer unter euren Befehl, junger Herr.“ Wenn ihr Berater Baltram etwas gegen die Entscheidung seiner Herrin hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sein epischer grauer Schnauzbart zuckte nur kurz und er strich ihn sich dann seine Knollennase rümpfend glatt. „Eure Weisheit wird nur noch von eurer Ehrenhaftigkeit übertroffen, Lady Brangane“, antwortete Ingmar, der sich an die Lehren über ritterliche Tugenden erinnerte. Baltram, der aufgrund seiner Erfahrung wohl ein besseres Auge für gefüllte Krüge hatte, schnappte sich einen eben solchen vom Tisch und füllte sofort zwei Zinnkelche mit Wein. Brangane bedeutete ihm dabei, dass er sich auch einen eingießen sollte, was er dann dankend tat. Alle drei, beginnend mit der Ritterin erhoben sich aus ihren Stühlen und erhoben ihre Becher. „Auf die Gefallenen, möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein“, toastete Brangane Ingmar zu. Dieser zögerte kurz, da er sofort an Ser Gneisor denken musste, als die Ritterin ‚die Gefallenen‘ erwähnte und für einen kurzen Moment in Melancholie versank. Er wünschte sich, dass er ebenfalls einen Toast aussprechen konnte, doch genau in diesem Moment musste er daran denken, dass ihn sein eigener Ritter in den Tod hatte stürzen lassen. „Auf die Gefallenen“,  brachte er mit bitteren Tonfall über die Lippen. Gemeinsam kippten die drei den schweren Koscher Wein herunter und besiegelten damit ihr weiteres Vorgehen.

Brangane begann sofort ihrem Berater ein paar direkte Anweisungen zu geben, dabei ging es um den geschliffenen Turm und auf der ganzen Festung verteilt liegenden Leichen und Abscheulichkeiten. Ingmar vernahm zwar ihre Worte, doch als er sich wieder in den Burgherrensessel fallen ließ, versank er tief in ihm. Nur am äußeren Rand seiner Wahrnehmung hörte er ein paar Wortbruchstücke, zu sehr war er mit seinen Gedanken und der Verarbeitung der Ereignisse beschäftigt. Ihm wurde klar, dass er gestorben war – zwei Mal. Einmal im Burgfried vor der Bibliothek und einmal zerschellte er auf den äußeren Randklippen des Frieds. Sein eigener Herr, sein vertrauter und langjähriger Ritter, hatte ihn in den Tod stürzen lassen. Er wurde von ihm zugunsten eines Dämons geopfert. Wahrscheinlich hatte Halrik erneut seine Magie eingesetzt, um ihn im Anschluss zu retten. Doch warum ihn und nicht Gneisor oder die zahlreichen anderen Menschen? Diese und noch andere Fragen nagten an ihm, während er in den leeren Zinnbecher starrte und mit der Neige darin herumspielte indem er ihn in der Hand rotieren ließ.

„Kommt, junger Herr – ihr wollt bestimmt ein paar erbauliche Worte an meine – verzeiht – eure Mannen dort draußen richten. Sie können es gut gebrauchen und damit wird es auch offiziell.“ Mit diesen Worten holte Lady Brangane Ingmar aus seinen Gedanken. Baltram und sie waren inzwischen aufgestanden. Wie lange hatte er wohl einfach nur so da gesessen? ‚Erbauliche Worte‘, sagte sie, die könnte er jetzt auch gut gebrauchen, dachte er sich und griff nochmal nach dem Krug Wein. „Geht schon vor, ich komme gleich nach.“ Er goss sich noch einen ordentlichen Schank ein und schaute dann wieder in den Becher, bevor er ihn in einem Zug hinunterstützte. Die beiden Neuankömmlinge blickten sich kurz einander wissend an und Baltram zog dann an dem Arm seiner Herrin, ehe sie etwas sagen konnte. Auf dem Weg nach draußen fühlte sich der alte Schnauzbärtige Kämpfer dem Jungen für einen kurzen Moment tief verbunden. „Gebt ihm den Moment, Herrin“, erklärte er beschwichtigend. Er musste an seine eigene Vergangenheit und die zahlreichen Verluste enger Vertrauter denken. Auch er hatte ihren Tod in zahllosen Schenken danach mit ebenso zahllosen Litern Bier und Wein ertränken müssen. Baltram wusste, dass jedoch nicht jeder wieder aus der Trauer herausfand, manche Narben saßen einfach zu tief. Er beschloss ein Auge auf den Jungen zu haben, anscheinend war dies sein erster herber Verlust.

Teil XI – Leben und Tod (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Aus Vidkuns rechter Hand wuchs ein langes blankes Schwert und er konzentrierte sich darauf, wieder eine einzelne äußere Form anzunehmen. Die brodelnde und schwefelnde Stelle an seiner linken Schulter würde er dennoch nicht verstecken können. Die Gestalt wurde jünger und schlanker, er war nun Anfang 20 Götterläufe jung, trug einen dunkelblauen Gambeson und eine einfache Lederrüstung. Er hatte blondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und auf dem Wappenrock, den er trug, prunkte das Hauswappen von Lady Brangane. Vidkun war nun wieder der junge Knecht, als er die Informationen von der verhüllten Gestalt vor zwei Tagen entgegennahm, er hielt diese Form für diesen Moment am passendsten. Über den Rand der Zinnen erhob sich der vom Vortex verzerrte Halrik, noch immer war sein Gesicht mit dunklen, ja fast schon schwarzen Adern überzogen, der Rest seiner Haut war aschfahl und seine Augen glichen großen Obsidiansteinen. Er schwebte langsam über die Zinnen, während er in seinen Händen vor der Brust den leblosen und zerschundenen Körper des Knappen Ingmar hielt. Seine Rüstteile hingen zerfetzt von ihm herab, ebenso wie Teile seines Körpers, die beim Aufschlag auf die scharfkantigen Felsen von der schieren Wucht des eigenen Gewichts zerschmettert wurden.

„Es ging dir nie um das Wissen, dass du den Spährenbewohnern hier bringst…“, begann Vidkun mit der Stimme des jungen Knechts, die jedoch ein wenig metallisch klang. „…nicht wahr? Es ging dir allein darum, dass ich Sara’kiin vernichte.“ Vidkun hatte Halrik schon als die verhüllte Gestalt aus dem Heuschober erkannt, kurz nachdem er ihm den Dolch in den Rücken gestochen hatte. Vidkuns Kontaktperson und Halrik waren ein und dieselbe Person. Vor zwei Tagen im Heuschober, hatte Halrik Vidkun beauftragt den jungen Studiosus zu retten. Er hatte also seinen eigenen Rettungsplan initiiert, doch Vidkun wäre nicht ein Meister der Blendung, wenn er nicht sofort erkannt hätte, dass es Halrik gar nicht darum ging sich selbst zu retten. Halrik hatte ihn benutzt, ihn getäuscht. In Wahrheit wollte er nur, dass er sich nach Burg Friedstein begab, um Sara’kiin zu stellen und zu vernichten – weil es im Moment niemand anderen gab, der es hätte tun können. Halrik schwebte auf die Planken des Burgfrieds und legte Ingmars zerschlagenen Körper sanft ab. Da er nicht antwortete, sprach er weiter: „Du warst also hier als Sara’kiin diese Burg zerstörte und alle darauf tötete und bist entkommen.“ Er machte eine kurze Pause und sah wie Halrik sich neben den Leichnam kniete und zu ihm aufschaute. „Alle außer mir wurden getötet.“, begann der Studiosus mit sanfter Stimme. „Ich trat gegen sie an, so wie auch dieses Mal. Und sie gewann, ebenfalls wie dieses Mal. Mit meinem Wissen über den Vortex konnte ich beim ersten Mal jedoch entkommen. Ich brauchte dich, um das Geschehene zu verändern.“ Halrik ließe Hände über Ingmar gleiten, als würde er einen Segen vorbereiten. Die Gesichtszüge von Vidkun in Form des jungen blonden Knechts wurden wütend. Er wusste, dass er benutzt wurde, aber das Halrik es auch so ganz unverhohlen zugab, machte ihn noch wütender. „Sie sind auch dieses Mal alle verreckt, es scheint mir nicht so, als hättest du irgendetwas bewirkt oder verändert. Mich für deinen Plan zu benutzen war nutzlos!“ Vidkun spottete ihm und lief aufgeregt auf und ab. Er konnte es noch immer nicht fassen: Er, der Meister des Intrigenspiels, wurde selbst hereingelegt, und das auch noch von einem jungen Fleischling. „Das ist nicht richtig.“, entgegnete Halrik und strich mit den aschfahlen und von schwarzen Adern überzogenen Händen über den zerschundenen Körper des toten Knappen. Für einen kurzen Moment blickte er nach oben, die Vortexkuppel war kurz davor zusammenzubrechen, er musste sich also beeilen, solange die Wortzauberei noch funktionierte. Er bemächtigte sich wieder dieser und sprach den Zauber, den er schon im Innern der Festung gesprochen hatte, erneut: „Ia’chau“ Die zahlreichen Verletzungen im Körper des Jungen schlossen sich, das Blut verschwand, Knochen verbanden sich und auch das Fleisch wuchs wieder zusammen. Das Gesicht des Jungen, was kurz zuvor nur noch ein verunstaltetet Blutklumpen war, war wieder zu erkennen. Es schien fast so, als würde er ruhig schlafen. Die zerfetzte Rüstung des Knappen blieb jedoch so zerstört wie zuvor. Kettenteile blieben zersprungen und die Plattenteile verbeult, doch der Körper des Knappen wurde mittels Halriks Wortzauberei geheilt. Vidkuns Lippen wurden schmal und er schüttelte den Kopf. „Was findest du nur an diesem Jungen?“,platzte es aus ihm heraus, doch dann hat er eine Erkenntnis und er fuhr fort: „Es ging dir um ihn, richtig?“ Während sich Halrik erhob, sah er herüber zu der kopflosen Sara’kiin, dessen Körper sich immer mehr auflöste und ihre wahre Gestalt preisgab. Saria Fuxfell, die Eismagierin, war schon gut zu erkennen. „Er muss leben“, antwortete Halrik knapp und mit einem Tonfall, als würde seine Antwort einfach alles erklären.

Sie beide hörten plötzlich Geräusche aus dem Burgfried unter ihnen. Es waren Stimmen. Halrik und Vidkun sahen sich an. „Anscheinend haben doch noch welche überlebt“, spekulierte Vidkun, der nicht allzu begeistert klang. „Wir müssen nun fort von hier.“ Halriks Stimme erschien endgültig und duldete keinen Widerspruch. „Warte … wo wirst du hin? Du kannst nicht zurück in unsere Sphären. Sie würden sich aufspüren und finden, und du wärst eine Gefahr für alle die dich umgeben“, fragte Vidkun in fast schon besorgtem Tonfall, der sich schon darauf konzentrierte, sich erneut zu verwandeln. Halrik schloss seine obsidianfarbenden Augen und antwortete: „Ich werde im Vortex bleiben, ihn studieren und mich zur rechten Zeit wieder an euch wenden.“ Dann sprach er zwei Worte, die Vidkun nicht vernahm, da er sich gerade verwandelte. Halrik verschwand, er löste sich einfach auf und war hinfort. Vidkun hingegen nahm die Gestalt eines weißköpfigen Adlers an und erhob sich mit zwei mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte, um binnen Lidschlägen durch die immer größer werdenden Spalten in der Vortexkuppel zu verschwinden.

Als er gerade hindurch war, flog die Dachluke des Burgfrieds auf und sowohl Tarn, als auch Elfa, sprangen kampfbereit heraus. „Sie ist fort. Und wer zum Geier ist das?“, stieß Tarnelius im rauen Tonfall aus. Seine Rüstung und sein Wappenrock waren zerschlissen und in seinem Gesicht waren zahlreiche Kratzer. Mit der Spitze seines Schwerts zeigte er auf die am Boden liegende Magierin Saria Fuxfell. Elfa, die ebenfalls einiges abbekommen hatte und einen dicken Verband am linken Arm und um die Hand trug, entspannte ihren Bogen, als sie zu Ser Gneisor ging, um seine Lebenszeichen zu prüfen. Sie legte zwei Finger auf eine Stelle an seinem Hals. „Oh, bei den Göttern. Der ist hinüber.“ Ihre glockenhelle Stimme war dabei keineswegs spöttisch, sie meinte es genau so, wie sie es sagte: Gneisors Seele war schon hinüber gegangen in das Totenreich. „Der hier lebt noch!“, rief Tarn, der gerade Ingmars Lebenszeichen prüfte. „Bei Ingerimm, sieh dir nur seine Rüstung an, komplett zerstört und kein einziger Kratzer – ein Wunder“, fügte er noch an, als er Ingmar an der Schulter ruckelte, um ihn aufzuwecken. Ingmar, der Knappe des Marschalls der Festung, stöhnte, als er rüde aufgeweckt wurde. Er blinzelte und blickte in das von Verletzungen gezeichnete Gesicht des erfahrenen Infanteristen. „Was … wo … ich sollte …“, brachte er schwach und verwirrt hervor. Tarn schloss daraus, dass er wohl mächtig eins auf den Kopf bekommen haben musste und noch etwas verwirrt war. „Ganz ruhig junger Herr, ihr müsst gestürzt sein.“ Tarn wusste nicht, wie viel Wahrheit in seiner Aussage lag. „Ich sollte Tod sein – schon wieder“, hauchte Ingmar und versuchte aufzustehen, doch die zerbeulte Rüstung hinderte ihn daran. Tarn rollte mit den Augen. „Man man man, ihr müsst wohl ganz heftig was abbekommen haben. Ihr phantasiert, junger Herr.“ Tarn reichte dem jungen den Arm, um ihm aufzuhelfen. Er zog ihn hoch, es klapperte, quietschte und kratzte metallisch, als er den Knappen aufrecht hinstellte und noch ein paar Momente stabilisierte. Tarns Blick fiel kurz auf den toten Ritter. Er wusste nicht, ob der Knappe es schon wusste und beschloss es ihm sofort zu sagen. Besser er erfuhr es jetzt, als später. „Ich muss euch etwas sagen, junger Herr … euer Ritter …“, begann er mit so viel Einfühlsamkeit, wie er besaß, da wurde er von Elfas schneidiger Stimme im Befehlston unterbrochen. „Tarn! Lass den Jungen und hilf mir hier.“ Tarnelius prüfte noch kurz, ob es der Knappe schaffte alleine zu stehen und ging dann mit einer entschuldigenden Geste zu Elfa herüber, die mit gespannten Bogen vor der erwachenden Magierin stand. Das Ende ihres Pfeils war dabei auf ihr Gesicht gerichtet. „Nimm ihr den Stab ab.“,befahl sie weiter.Tarn wollte schon protestieren, immerhin wussten sie nicht, wer sie ist, und sie richteten gerade einen Pfeil auf eine Magierin, doch da erkannte auch er sie: „Das ist … das ist …“,stotterte er. „Saria! Die ehemalige Herrin dieser Festung und gefallener Anker Hesindes“, brachte Elfa Tarns Satz mit einer anschließenden Erklärung zu Ende. Sie lag da und hatte sich etwas aufgerichtet, ihr weißer Magierstab lag in Griffreichweite zu ihr, doch Elfa hielt sie in Schach. Tarn näherte sich ihr vorsichtig und fingerte ihr dann den Stab weg. „Was hast du mit ihr vor?“, erkundigte sich Tarn bei Elfa, in seiner Stimme lag Besorgnis. Die Augen der Bogenschützin waren feine Schlitze, als sie auf die Gesichtsmitte der Magierin zielte. Sie antwortete nicht, man sah nur, wie die Wut über all das Verderben, das sie als Sara’kiin über sie gebracht hatte, in ihr hochkochte. Elfas Finger lockerten sich von der Sehne, da hallte plötzlich Ingmars Stimme über den Burgfried: „Sie soll leben!“, quietschend und klappernd schloss er zu den beiden auf. „Sie soll uns Rede und Antwort stehen. Sie weiß mehr über den Vortex, als wir alle, sogar mehr, als die Großmeister. Legt ihr den Praioskragen an, legt sie in metallene Fesseln und bringt sie in den Kerker … und lasst sie nicht aus den Augen.“ „Jawohl, Herr“,antworteten Elfa und Tarn im Gleichklang. Nach dem Tod von Ser Gneisor war er nun wohl der neue Herr von Festung Friedstein.

Teil XI – Leben und Tod (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Kurz zuvor im Innern des Burgfrieds

Lady Branganes Füße flogen die steinernen Stufen den Burgfrieds hoch. Die Schnelligkeit mit der die voll gerüstete Frau über die Treppenstufen hinter sich ließ, erschien unnatürlich. Einen Absatz tiefer hörte sie den schwer verletzten Ser Gneisor keuchen und japsen. Er war trotz der Hilfe seines Knappen viel zu langsam. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ brüllte sie und ihre Stimme hallte im Treppenaufgang mehrmals wieder. Einen kurzen Moment hielt sie an, lehnte sich über das Geländer und wartete auf eine Antwort, doch sie blieb aus. Sie musste weiter, sie hatte keine Zeit zu verlieren und der schwer verletzte Fleischsack wäre ohnehin keine Hilfe im Kampf gegen Sara’kiin. Sie hatte eine Mission: Sie musste Halrik retten. Er war – so hatte es die verhüllte Gestalt gesagt – wichtig für die Bewohner der 3. Spähre. Brangane, oder besser gesagt Vidkun, war ein Quitslinga, ein Dämon der Imitation aus der Domäne Amazeroths. Wenn er etwas sehr gut, ja fast schon perfekt konnte, dann war es Beobachten und Imitieren, weshalb er nicht nur eine geradezu perfekte Auffassungsgabe, sondern auch eine ausgesprochen gutes Gedächtnis hatte. Während Branganes Füße wieder über die Treppenstufen schnellten, erinnerte er sich jedes Wort seines Auftraggebers:  „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele Jahre im Dunkeln umherirren.“

Sie erreichte die oberste Etage des Burgfrieds, nun trennte sie nur noch eine Leiter von dem Dachebene, von dem aus sie Halrik am besten erreichen konnte. „Ich muss ihn retten“ – immer wieder schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf, doch wie sie das anstellen sollte, war ihr noch nicht klar. Während sie die Leiter erklomm, wurde es draußen still. Der magische Kampf zwischen Sara’kiin und dem Studiosus pausierte wohl, oder war er gar beendet? War sie etwa zu spät? Der Studiosus konnte nicht gewonnen haben, denn er war nicht derjenige, der Sara’kiin besiegen konnte. Er konnte sie schwächen, ja, aber nicht besiegen. Das vermochten nur sie und die Auserwählte Hesindes. Die Stille bedeutete also nichts Gutes. Entweder hatte Sara’kiin den jungen Mann in Stücke gerissen, oder Halrik war es gelungen sie für einen kurzen Moment zu Schwächen, doch dann, befand er sich in noch größerer Gefahr, denn dann wog er sich in trügerischer Sicherheit. Egal was geschehen war, sie musste zügig weiter.

Vorsichtig drückte sie die Dachluke auf und lugte zwischen dem schmalen Spalt hindurch. Sie erblickte den Studiosus, er stand in seiner grauen Kutte mit dem Rücken zu ihr auf dem Burgfried und reckte seine Arme einen Kelch formend gen Kuppel. Von Sara’kiin war keine Spur. Es war Halrik also für einen kurzen Moment gelungen sie zu schwächen und nun nahm er arrogant an, dass er sie besiegt habe – dieser mittelländische Hundsfott. Angereichert mit der Macht des Vortex aber trotzdem beschränkt durch den Geist eines naiven Kindes. Wieder hallten die Worte der verhüllten Gestalt in ihrem Kopf wieder: Du musst ihn retten! Doch wie sollte sie das anstellen? Sie musste ihn vor Sara’kiin schützen, und das konnte sie nur, indem sie die Limbusverschlingerin besiegte. Denn im Moment war ER für sie zwar keine Bedrohung, aber dennoch ein sehr lästiger Störenfried, dem sie sich mit Sicherheit als erstes zuwenden würde.

Vorsichtig und vollkommen lautlos schob Brangane die Dachluke etwas weiter auf. Währenddessen begann Halrik zu sprechen: „Ausghairm banna áit.“ Blitzartige Gebilde zuckten über den Kuppelrand, als er die Worte mit hoch erhobenen Armen aussprach. Vidkun wusste, jetzt war der Moment gekommen an dem er etwas tun musste. Sara’kiin würde sich die Zauberei des Jungen nicht lange mitansehen und in Kürze wieder erscheinen. Er konnte sich aber auch nicht Sara’kiin offen stellen – er war kein Kämpfer, sondern ein listenreicher Blender der aus dem Verborgenen agiert. Außerdem, selbst wenn er sich ihr in Gestalt von Brangane stellen würde, wäre er aus Sicht von Sara’kiin noch immer nicht der gefährlichste Gegner und ihre Angriffe würden sich weiter auf Halrik richten. Da hatte der Dämon plötzlich einen Gedankenblitz: Was, wenn er Halrik aus dem Spiel nehmen würde, wie eine Figur die man vom Brett nehmen würde, um nicht zur Zielscheibe des Gegners zu werden?

Als Brangane öffnete Vidkun die Dachluke, und als Matral, dem gefallenen Anker Borons, schloss er sie wieder. Vidkun war nun in gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. An Stelle des Bihänders der Kriegerin, war dort nun ein schlanker, nadelartiger Dolch in seiner rechten Hand. Auch wenn Vidkun selbst keinerlei Organe besaß, so kannte er sich mit ihnen sehr gut aus. Er wusste genau, welche Organe wichtig zum Überleben waren, wo die sich befanden, wie sie sich im Innern wandten und was passierte, wenn man sie gezielt punktierte. Auch wenn sich Halriks Körper aufgrund des Einflusses des Vortex inzwischen verändert hatte, so mussten seine Organe noch immer die gleichen Funktionen haben, wie zuvor. Um Halrik zu retten war Vidkun gezwungen ihn vorübergehend auszuschalten. Und damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe! Er würde Halrik nicht nur sprichwörtlich ‚vom Brett nehmen‘, er würde der Limbusverschlingerin sogar vortäuschen, auf ihrer Seite zu sein. Vielleicht würde sie den Köder schlucken und es würde ihm gelingen, nah genug an sie heran zu kommen, um bei ihr einen tödlichen Stich zu setzen. „Ausghairm banna áit“, sprach Halrik zum zweiten Mal und die Blitze am Rand der Kuppel wurden immer größer. Der Junge war wirklich talentiert – dachte sich Vidkun und schaute sich seinen Rücken sehr genau an. Mit den Augen sezierte er ihn und legte eine Route fest, die sein schlanker Dolch nehmen musste, um ihn so zu verletzten, dass es so aussah, als ob er tödlich verletzt worden wäre, er den Stich aber überleben würde. Es bedurfte also einem Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Nur einen halben Fingerbreit zu tief, oder zu weit rechts, links, oben oder unten gestochen, und Halrik würde bei Bewusstsein bleiben, oder schlimmer noch: sterben.

Halrik setzte zum dritten mal an: „Ausghairm ban …“ Da stach Vidkun in der Form von Matral dem Jungen ruckartig von hinten in den Rücken. Die schlanke Klinge fuhr mühelos durch dessen Körper und trat vorne wieder aus. Der Dolch verursachte ein ganz leises matallischess Kratzen, als er durch die Brust de Jungen, vorbei an Rippen, fuhr und dabei dessen Lunge an einer fatalen Stelle punktierte. Matral zog an dem Dolch und er flutsche mühelos aus dem Körper des Studiosus heraus. Die Klinge hatte seiner Meinung nach den richtigen Weg genommen, Halrik musste also in Kürze zusammenbrechen – die Verletzung war schwer genug, um ihn sofort auszuschalten, doch würde er sie überleben, was Vidkun Zeit gab, sich zuerst um Sara’kiin zu kümmern.

Halrik ließ still die Arme sinken und drehte sich nach seinem Peiniger um. Vidkuns Darstellung von Matral war so, dass sein Gesicht vollkommen verhüllt war und er auf dem Kopf einen mit metallischen Zacken gekrönten Helm trug – so wie alle Jenseitigen Anker. Er hatte also keine für außenstehende erkennbaren Augen, und doch trafen sich für einen kurzen Moment der Blick von Halrik, dessen Augen obsidianfarbene Steine waren und Matral, der das Gesicht des Jungen nun das erste Mal erblickte und es sofort wiedererkannte. Das Gedächtnis eines Quitlinga-Dämons, vergaß nämlich nie ein Gesicht, auch wenn es so verunstaltet war, wie das von Halrik.

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.

Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Vidkuns Plan war aufgegangen, die Limbusverschlingerin sah ihn als einer der ihren an und Halrik war vorrübergehend ausgeschaltet, und so Amazeroth will, würde er auch trotz ihres Hiebs lange genug überleben, dass er genug Zeit hatte, den gefallenen Anker Hesindes zu vernichten. Matrals Blick ruhte jedoch noch immer auf dem zerschundenden Körper des Jungen, auch wenn sein Plan funktionierte, musste er erstmal verstehen, wie es sein konnte, dass Halrik die Person war, für die er ihn hielt.

Teil XI – Leben und Tod (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochselstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Durch den von der blauen Explosion ausgehenden Druck flog der Knappe Ingmar hoch über die Zinnen des Burgfrieds. Er hatte sich schützend vor seinen Ritter geworfen, da er wusste, dass dieser die Druckwelle aufgrund seiner Verletzungen nicht aushalten würde. Noch im Flug muss Ingmar an die Worte seines Herrn denken – war er wirklich dort unten in den Gängen des Burgfrieds gestorben? Hatte Halrik ihn wiederbelebt? Es waren die Gedanken eines Jungen, der sein Leben in den letzten Momenten vor seinem Tode an sich vorbeiziehen sah. Ingmars Körper beschrieb eine hohe Flugkurve, weshalb er nicht sofort über die Zinnen stürzte, zuerst schlug er samt seiner Rüstung scheppernd auf der Kante einer Zinne auf, Knochen brachen und dumpfer Schmerz brachte Ingmar bis an den Rand der Ohnmacht. Ohne Kontrolle über seinen Körper rutsche er über den Rand hinweg und stürzte in die Tiefe. Dort waren nur spitze Felsen und scharfkantiges Geröll … niemand der hier herabfallen würde, würde den Sturz überleben. Ingmar sah die Felsen näher kommen, da wurde sein Fall ruckartig unterbrochen. Am äußeren Rand seiner Wahrnehmung, denn Ingmar war aufgrund der Schmerzen noch immer kurz vor der Ohnmacht, hörte er die Stimme seinen Herrn. Er konnte seine Worte nicht verstehen. War es etwa so? Stirbt man auf diese Weise? Sehr langsam und mit den Worten der Menschen in den Ohren, die einem wichtig waren? Doch die Stimme wurde lauter und Ingmars Besinnung kehrte zurück. „Nimm, meinen Arm!“, brüllte Gneisor blubbernd. Ingmar blickte durch verschwommene Augen nach oben. Der Marschall hatte Ingmar am linken Arm gepackt und lugte mit hochroten Kopf und bluttriefenden Mund zwischen den Zinnen hervor. Mit seinem nicht gebrochenen Arm war es Gneisor irgendwie gelungen, rechtzeitig zu den Zinnen zu kommen und Ingmars tödlichen Sturz in die Tiefen zu verhindern. Seine Brust klemmte er hinter die Kante und hielt den Jungen somit in der Luft. Doch Gneisor war zu schwer verletzt, um Ingmar alleine hoch zu ziehen. „Ich lass dich nicht erneut sterben, Junge!“ Gneisors Worte wurden begleitet von zahlreichen Blutspritzern, die auf den Knappen hernieder regneten.

Ingmar sah, wie die Umrisse seines Ritters plötzlich bläulich aufglommen. Er rief seinem Herrn zu: „Ser! Hinter euch!“ Auch Ingmar musste husten, der Aufprall auf den Zinnen hatte ihn mehrere Rippen gekostet und nun fiel auch ihm das Atmen schwer. Den Arm den Gneisor zu packen bekam war ebenfalls gebrochen – er spürte ihn schon gar nicht mehr. Gneisor lugte hinter sich, und was er sah, ließ ihn verzweifeln. Aus irgendeinem Grund hatte Sara’kiin Matrals letzten Stich überlebt, sie schwebte einen halben Schritt in der Luft, überall aus ihr heraus quoll – ja quasi floss – die schwarze Flüssigkeit. Mit einer Geste hielt sie Vidkun in der Form von Matral einige Schritt von sich entfernt in einer glitzernden blauen, jedoch stark flackernden Kugel in der Luft gefangen. Sie war stark angeschlagen, das sah man ihr an. Sara’kiins Körperhaltung war gekrümmt und ihr Zauber flackerte, doch noch hatte sie nicht genug und Vidkun würde sich nicht alleine aus dieser Position befreien können. Zu allem Überfluss begann die Limbusverschlingerin am Ende ihres Stabes eine blaue Kugel der Macht gedeihen zu lassen. Gneisor war sofort klar, dass war eine dieser Angriffe mit der sie den Wehrturm zerstört hatte. Solch vernichtende Magie wäre selbst für einen Dämon aus der Domäne Amazeroths tödlich.

Der Marschall der Feste musste über das Schicksal entscheiden. Wenn er seinen treuen Knappen dabei half, sich wieder hoch zu ziehen, würde er dafür im Gegenzug Vidkun nicht retten können. Sara’kiin würde, wenn auch geschwächt, mit einem einzelnen Angriff den Dämon in Stücke reißen. Doch wenn er dem Dämon helfen wollte, musste er Ingmar los- und in den sicheren Tod stürzen lassen.  Er müsste einen geliebten und gottesfürchtigen Menschen opfern, um einen mehrgehörnten Dämon zu retten. Gneisor sah zwischen der immer bedrohlicher werdenden Szene zwischen Vidkun und Sara’kiin und seinem Knappen hin und her, der gerade versuchte mit dem anderen Arm nach ihm zu greifen. Das Schicksal lag wortwörtlich in seinen Händen.

Zuvor, kurz nachdem die blaue Kugel aus Licht explodierte und eine Druckwelle über den Burgfried ging, hatte sich Vidkun in Form von Matral unter die Zinnen gekauert. Die Druckwelle erfasste ihn und drückte ihn weiter in die Ecke zwischen Planken und Stein. Doch die Welle ging zu großen Teilen über ihn hinweg und so blieb er unverletzt. Als er wieder aufschaute, war Sara’kiin fort. Gneisor rannte gerade zum Rand der Wehrmauer, wo mit einem ohrenbetäubenden Scheppern Ingmar nieder ging und dann über die Brüstung in den sicheren Tod rutschte. Aus einem ihm unbekannten Instinkt heraus, sprang Vidkun auf, um Gneisor und Ingmar zur Hilfe zu eilen. Blind sprang er Ihnen entgegen, doch kurz bevor er Gneisor erreichte, wurden seine Füße vom Boden abgehoben und ein eiskalter Griff umschlang seinen ganzen Körper. Das blaue Licht erfasste ihn, zog ihn zurück, fort von Gneisor und Ingmar und hob ihn in die Luft. Als sich sein Körper in der Luft langsam drehte, sah er sie: Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Wie konnte er nur so dumm und unaufmerksam sein, dachte er sich. Ganz so schnell, würde eine Vortexkriegerin nicht sterben, es würde schon noch etwas mehr brauchen. Er ärgerte sich über sich selbst. Wenn er nicht blindlings hätte helfen wollen, sondern fokussiert geblieben wäre, dann wäre ihm dieser Fehler nicht passiert und er hätte Sara’kiins Wiedererscheinen rechtzeitig bemerkt. Doch nun ist es zu spät, sie mag zwar schwer angeschlagen sein, doch noch hatte sie nicht genug und von seiner Position aus würde er nichts unternehmen können. Da sah er, wie die ehemalige Eismagierin begann, einen blauen Ball aus Licht am Ende ihres Stabes zu formen. Ihm wurde rasch klar, dass dies sein Ende sein würde. Noch nie in der Geschichte seiner Existenz hatte ein Wesen dieser Sphäre einem Dämon geholfen, geschweige denn ihm das Leben gerettet. Auf Gneisor konnte er also nicht zählen. Vidkun schloss die Augen, er wollte Sara’kiin nicht die Genugtuung geben in seine verzweifelten Augen zu blicken, während sie ihn mittels ihres Zaubers in tausend Stücke zerriss.

Das Knistern der Macht, das von der blauen Kugel ausging, wurde immer lauter, als Vidkun beschloss, die Augen zu schließen und sich seinem Schicksal zu ergeben. Er hörte, wie sich die zerstörerische Kraft von ihrem Stab löste und auf ihn zubrauste. Er spürte, wie zersetzende und zerstörende Kraft seine Schulter traf und auflöste. Der Ruck war so heftig, dass er nach hinten gerissen wurde und das Gefühl hatte, zu fallen. Das zersetzende Gefühl breitete sich aus, da schlug er plötzlich auf den Planken des Burgfrieds auf. Er war kurz benommen, wusste nicht wie er die Eindrücke einordnen sollte. Blinzelnd öffnete er nach einem Moment die Augen, seine Schulter blubberte und dampfe, es roch nach Schwefel und sie zersetzte sich nach und nach, aber ihm erschien in Anbetracht der Situation seine Verletzung als zu gering für das, was er eigentlich erwartete. Der Wind trug einen langen, dünner werdenden und markerschütternden Schrei über den Wehrfried, Vidkun erkannte ihn: Es war der vom in den Tod fallenden Knappen Ingmar. Vidkuns Augen schauten durch gelblichen, schwefelhaltigen Rauch hindurch als er sah, wie Gneisor, mit dem Willen einer Löwin, sein Anderthalbhänder durch die Luft schwang. Vor ihm kniete Sara’kiin, ihr linker Arm lag abgetrennt, ihren Stab noch immer in der Hand haltend, am Boden und des Ritters Hieb fuhr mit allerletzter Kraft auf ihren Hals herab. Die Klinge schnitt sauber durch ihren weißen Mantel und ihren Hals, wie eine heißes Messer durch ein Stück Gänseschmalz. Ihr Kopf flog trudelnd durch die Luft und landete pochend auf den Planken. Durch den Schwung der Klinge, die unerbittlich weiter ging, wurde Gneisor herum geschleudert und umgerissen. Er hatte so viel Schwung in diesen finalen Hieb gelegt, dass er ihn nicht kontrollieren konnte. Er fiel wie ein nasser Sack zu Boden und blieb in seiner eigenen Blutlache liegen. Vidkun, dessen Schulter sich immernoch zersetzte und gelblich dampfe, erhob sich langsam. Seine unterschiedlichen Formen verschwammen nun miteinander. Teile seines Körpers waren Matral, andere
wiederum Brangane und wieder andere zeigten Gneisor. Nur das Gesicht blieb größtenteils das von Brangane, als er zum Marschall herüberschlurfte. Vidkun konnte nicht fassen, was dieser Mensch getan hatte. Er hatte Ingmar, seinen treuen Knappen, geopfert, um ihn zu retten.

Der kopflose Körper von Sara’kiin war zur Seite gekippt und lag nun regungslos auf den Planken – sie war endlich besiegt. Vidkun wusste, dass er ihr Herz zwar perforiert und er damit den tödlichen Stich gesetzt hatte, doch war sie dadurch nicht sofort besiegt. Ihr Vortexherz ließ sie noch ein paar Schläge lang weiter agieren, was ihr allerdings – wie man sah – genug Zeit gab, noch zu einem letzten Angriff über zu gehen. Gneisors Rettungstat war, wenn auch sehr heroisch anmutend und wahrscheinlich einmalig in der Geschichte, dumm und sinnlos. Sie wäre ohnehin binnen weniger Lidschläge gestorben, auch wenn sie ihn selbst noch dabei mitgenommen hätte. Und wäre Vidkun hier gestorben, wäre es für immer – denn von dieser Vortexebene hätte er nicht auf die Dämonensphäre zurückkehren können.

Mit nach Schwefel dampfender sowie Blasen schlagender Schulter und sich ständig verändernder Gestalt stelle sich Vidkun über den am Boden liegenden Marschall. Dieser von den Göttern gesegnete Krieger war noch immer am Leben, doch sein Funke, war kurz davor zu erlischen. Er spuckte Blut und das Rasseln, das aus seinen Lungen drang, wurde immer nasser, er war kurz vor seinem Ende. Vidkun sah ihn an, das Gesicht von Brangane zeigte eine Mischung aus Wut und Mitleid. „Du dämlicher Fleischsack. Warum müsst ihr Rondrianer euch immer als die Helden aufspielen, sag es mir!?“ Gneisors Blick suchte Vidkun, es schien, als wäre Bishdariel gerade dabei ihn abzuholen. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er etwas sagen, doch außer einem feuchten Husten brachte er nichts mehr hervor. Vidkun konnte nicht anders, er musste es einfach fragen. Er musste es wissen, bevor er starb. Er kniete sich zu ihm herunter und packte ihn am Kragen. „Warum hast du das Leben deines Knappen gegen meins gegeben?“ Der Blick des Marschalls traf den von Vidkun, und in seinem letzten klaren Moment, huschte ihm ein blutiges, aber dennoch süffisantes Grinsen über die Lippen. Fast sah es so aus, als würde Gneisor die Kraft aufbringen etwas zu sagen, doch kein Laut drang über seine Lippen. „WARUM?!“, brüllte Vidkun ihn mit metallisch schnarrender Stimme an. Ganz langsam verflog Gneisors Grinsen. Er schloss die Augen, sein Atem verflachte sich und sein Körper erschlaffte. Als Vidkun ihn losließ, war es totenstill.

Sein Blick ging zu Sara’kiin, ihre Vortexgestalt begann sich aufzulösen, was ein gutes Zeichen war, denn es bedeutete, dass sich auch die Zeitkuppel, in der sie sich befanden, auflösen würde. Er blickte zum Horizont – und tatsächlich – überall waren leuchtende Flecken zu sehen. Die Vortexglobule begann sich allmählich aufzulösen. Wenn Vidkun eine Lunge gehabt hätte, wäre ihm jedoch genau in diesem Moment der Atem gestockt, denn erst jetzt fiel ihm auf, dass Studiosus Halriks Körper fort war. Sofort wuchs aus Vidkuns rechter Hand ein langes blankes Schwert. Der Kampf war gewonnen, doch die Schlacht war anscheinend noch nicht vorbei.

Teil X – Schicksal (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Die Feldsteine und Brockensplitter des Wehrturms sprengten in alle Richtungen davon. Sara’kiins blauer Zerstörungszauber machte aus dem einst stolzen Turm in Windeseile eine Ruine. Doch die zersprengten Teile des Turms in dem sich Tarn und Elfa befanden, flogen nicht einfach nur zur Seite weg – sie blieben in der Luft hängen als hätte Satinav höchstpersönlich ihnen befohlen nicht weiter zu fliegen. Vidkun, der noch immer in der Form von Brangane war, Gneisor und Ingmar waren inzwischen am Zinnenrand des Burgfrieds angekommen und mussten hilflos mitansehen, wie die Limbusverschlingerin den Wehrturm in Schutt und Asche zerlegte.

„Macht euch bereit, sie wird gleich wieder zu uns kommen“, ermahnte Brangane die anderen mit einem leichten Schnarren in der Stimme. Nachdem der Turm zerstört war, verschwand Sara’kiin wieder, begleitet von einem leisen entropischen Knistern, in einem Vortexspalt. „Macht euch bereit!“, rief Gneisor und eilte mit den anderen zurück zur Mitte des Burgfrieddaches. Sie stellten sich alle drei Rücken an Rücken, die Klingen kampfbereit erhoben, um auf diese Weise so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit verstrich quälend langsam, nur das pfeifende Röcheln vom schwer angeschlagenen Gneisor und das angespannte Atmen des Knappen Ingmar waren zu hören. Von Brangane war kein Laut zu vernehmen, denn Vidkun konzentrierte sich nicht mehr darauf, die perfekte Illusion zu erzeugen, weshalb er es nicht mehr für nötig hielt, ein Atmen eines fleischlichen Wesens zu imitieren. Für einen kurzen Moment musste Gneisor genau darüber nachdenken. Es erschauderte ihn, dass er Seit an Seit mit einem Dämon gegen einen gemeinsamen Feind stritt. Doch im Moment hatte er keine andere Wahl.

Es knisterte wieder und aus einem lilafarbenen Vortexspalt schwebte sie nur einige Schritt von der anderen entfernt heraus, Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Noch immer tödlich Grazil und unheilvoll anmutig, schwebte sie vor den anderen in der Luft. Pechschwarze und zähe Flüssigkeit drang aus den Wunden ihres Oberkörpers und besudelte ihr einst reinweißes Gewand. Die drei Streiter veränderten ihre Kampfformation und stellten sich ihr gegenüber auf – nun hieß es drei gegen eins. „Dieser Kampf ist für dich, Rondra“, murmelte Gneisor und hob seinen Anderthalbhänder, den er nur noch mit einer Hand schwingen konnte, da der andere Arm gebrochenen in einer Schlaufe hing. Obwohl er der Angeschlagenste von allen dreien war, war er doch der Erste, der auf Sara’kiin zuging. Todesmutig stürzte er voran, Ingmar folgte mit seinem Kurzschwert und auch Vidkum flankierte ihn schützend.

Der Kampf dreier Schwertträger gegen eine einzelne Stabträgerin wäre unter normalen Umständen wohl rasch erzählt. Doch dies war keine profane Stabträgerin, dies war der gefallene Anker Hesindes – eine gestählte und magische Vortexkriegerin gegen einen schwer angeschlagenen Kämpfer, einem jungen unerfahrenen Burschen und einen nicht gerade kampfaffinen Vertreter aus der Domäne des vielgestaltigen Blenders. Und doch, hätte den Kampf jemand von außen betrachten können, hätte er ihn als anmutigen Tanz der Klingen bezeichnet. Alle drei, Gneisor, Ingmar und Brangane schlugen mit allen Mitteln der Kampfkunst auf Sara’kiin ein, doch ihre unnatürliche Gewandheit, gepaart mit ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit und dem gekonnten Umgang ihres Stabes wich sie dem Großteil der Hiebe aus, lenkte sie mit ihrem Stab im letzten Moment ab oder erlangte sogar eine vorteilhafte Position. Hatte sie erst einmal eine solche erreicht, setzte sie sofort zu einem tötlichen Schlag an – doch fuhr jedes Mal einer der anderen dazwischen, um sich unter Inkaufnahme eigenen Verletzungen dem anderen das Leben zu retten. Im Gegenzug gelang es den dreien trotzdem die Limbusverschlingerin hier und dort zu treffen und zumindest augenscheinlich zu verletzen. Alle drei bekamen dabei jedoch zahlreiche Blessuren und Platzwunden. Niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Tanz der Klingen ging, und hätte die himmliche Leuin es mitansehen können, hätte sie sich diesen Kampf, der einem Gebet an sie gleichkommt, bestimmt nur zu gerne angesehen. Während dieses Gleichstandes, bei dem es keinem der beiden Seiten gelang einen Vorteil zu erkämpfen, beobachtete, ja fast schon studierte der Dämon Amazaroths ihren Widersacher genau. Welcher, wenn nicht ein Dämon der Imitation, war zu einer nahezu perfekten Beobachtungsgabe in der Lage. Vidkun fiel auf, dass Sara’kiin immer wieder versuchte Gneisors Schwäche, den gebrochenen Arm zu ihrem Vorteil auszunutzen. In mitten des Schwerttanzes fasste Vidkun daher den Entschluss, diese Schwäche ihres Mitstreiters, zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wie vier Löwinnen, die umeinander tanzten und stritten, sprangen auch die vier Kämpfer umeinander her und wechselten ständig die Positonen. Nach einer Abfolge mehrere Schläge und Hiebe von Brangane, drehte sie sich so weg, dass sie Gneisors schwache Körperseite öffnete. Sofort machte Sara’kiin eine vorbereitende Bewegung, um diesen Moment der Schwäche zu nutzen, da nutze Brangane ihre von ihm vorhergesehen Bewegung und schlug ihr mit der Fehlschärfe gegen den zackenbewehrten Helm. Ein metallisches Scheppern erklang und für einen sehr kurzen Moment wirkte sie benommen. Doch anscheinend war Branganes Hieb nicht stark genug, noch immer stand Gneisor in einer unvorteilhaften Position da. Ingmar stand zu weit entfernt, um seinem Herrn beizuspringen und Gneisor wäre selbst nicht in der Lagegewesen, sich von dieser Seite zu verteidigen. Sara’kiin schien diese Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie wich einem Hieb von Ingmar aus, drehte sich um die eigene Achse und rotierte mit ihrem Stab so, dass sie Gneisors verzweifelten Streich, sich aus der nachteilhaften Position zu bringen, an ihrem Stab mühelos ablenkte. In den Augen des Marschalls zeichnete sich entsetzte Verzweiflung ab, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war, denn sowohl Ingmar als auch Vidkun konnten ihm in diesem Moment nicht beispringen. Sara’kiin ließ ihren Stab wieder wie eine Windmühle rotieren und schlug dann nach der Seite von Gneisors gebrochenen Arm. Es lag viel Wucht in dem Schlag, es sollte Gneisors letzter Hieb werden, den er einstecken würde. Doch im letzten Moment zog Gneisor den Arm ruckartig aus der Schlinge, packte den Stab und brachte ihn mitten im Bewegungsmoment zum Erstarren. Noch während niemand verstand, was gerade geschah, formte sich auf den Lippen unter Gneisors Bart ein schelmisches Lächeln. Ein schlitzendes Geräusch war zu hören und ein kurzer Ruck durchfuhr Sara’kiins Körper, als eine schmale Klinge in Gneisors rechter Hand zwischen die Unmetallplatten in ihrem Leib stieß. „Stirb endlich!“, fauchte Gneisor mit fremder leicht schnarrender Stimme. Hinter Sara’kiin half Ingmar dem echten Marschall von Burg Friedstein gerade auf die Beine und hielt ihm davon ab, sofort auf Sara’kiin zu stürzen. Er spuckte Blut und hustete beim Versuch stehen zu bleiben. Vidkun hatte, nachdem er die Limbusverschlingerin mit der Fehlschärfe getroffen hatte, sich selbst in die Position von Gneisor gebracht und ihn dafür zur Seite gestoßen. Er hat seinen Platz eingenommen und ihr eine schwache Seite offeriert, die keine war. Vidkun beschloss die Form von Gneisor aufzugeben und verwandelte sich wieder in Matral, dem das süffisante Grinsen im Gesicht eh besser stand. Er presste den schmalen Dolch in seiner rechten Hand noch ein bisschen tiefer und es knackte im Innern des Vortexkriegerin. Ein Zucken durchfuhr ihn – Vidkun hatte endlich die Stelle getroffen die er erreichen wollte.

Erst begann es leise, doch es wurde rasch lauter, so dass es jeder auf dem Burgfried hören konnte. Von Sara’kiin ging ein bedrohliches Surren aus. Matral zog die Klinge aus ihren Körper, wobei ein großer Flatschen schwarzer Flüssigkeit auf den Planken landete. „In Deckung!“, rief er und entfernt sich mit einem beherzten Sprung von ihr. Gneisor, der gerade erst aufgestanden war, war im Moment alles andere als agil und duckte sich nur, während sich Ingmar mit seinem ganzen Körper schützend vor seinem Ritter warf. Binnen eines Lidschlags wurde das Surren so laut, dass es ohrenbetäubend wurde, eine blaue glänzende Aura schwoll um Sara’kiin an, die in einem ohrenbetäubenden entropischen Knall explodierte. Als sich die blaue Aura entlud und das Surren damit endete, stob die Druckwelle bis weit über die Zinnen hinaus.  Ingmar, der mit Abstand der Leichteste war und im Moment die größte Körperfläche bot, wurde von ihr gnadenlos erfasst. Wie eine Puppe, die an Fäden gehalten wird, wurde er durch die Luft gezogen und flog im hohen Bogen bis über die Zinnen.

Als Matral, der sich unter die Zinnen geduckt hatte, wieder die Augen öffnete, war Sara’kiin fort.


Teil X – Schicksal (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

„Du verschandelst dir dein schickes Kleidchen“, spottete Vidkun mit Branganes Stimme. Seine Lippen formten ein hämischen Grinsen, als er mit der Spitze des Anderthalbhänders auf die linke Seite von Sara’kiin zeigte. Noch immer trat eine dicke schwarze Flüssigkeit aus, Vidkun hatte sie schwer verletzt, doch sein tödlicher Stich wurde von irgendetwas in ihrem Innern vom Herz abgelenkt. Die Limbusverschlingerin zeigte keine Regung auf Vidkuns Versuch, sie zu provozieren. Sie hob die linke Hand, welche begann in Gänze blau zu leuchten. Vidkun, der noch immer die Gestalt von Brangane hatte, wusste, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, zum Angriff über zu gehen. Er stieß sich auf den Hacken ab und mit dem Schwert voran eilte er auf sie zu. Sara’kiin machte mit der linken Hand eine Bewegung, die man nur als ‚Ausschütteln‘ bezeichnen konnte. Mit voneinander abgespreizten Fingern schüttelte sie ihre blau lumineszierende Hand aus, von der sich fünf fingergroße spitze und eisige Zapfen lösten und in Richtung Vidkun schossen. Dieser hob jedoch das Schwert, so dass drei der Zapfen gegen die Klinge und die Parierstange prasselten, doch zwei gingen durch, einer flog nur knapp an seiner Schulter vorbei, doch der fünfte traf ihn in die linke Schulter. Vidkun nahm Schwung und hieb zu. Die Klinge knallte auf den Stab und schabte an ihm entlang. Sara’kiin drehte sich um die eigene Achse, nutze den aufgenommenen Schwung und ließ den Stab rotieren. Vom abgelenkten Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht, richtete sich Vidkun neu aus. Sara’kiins Stab surrte horizontal durch die Luft und schepperte auf seinen linken Rippenbogen, so stark, dass der Brustharnisch zerbeulte. Im gleichen Moment schlug Vidkun erneut zu, das Schwert ging auf ihr nieder und als sie sich erneut wegdrehte, spritzten schwarze Tropfen ihren Bluts umher. Sara’kiin erwartete einen weiteren Schwerthieb, doch im letzten Moment verlagerte Vidkun das Gewicht des Schwertes und schlug aus kurzer Distanz mit der Parierstange nach ihr. Die Stange traf sie am Kopf, ee klonkte metallisch, wie bei einer kleinen Glocke und sie taumelte nach hinten. Vidkun setzte nach, verwandelte in Windeleile sein Anderthalbhänder wieder in einen kurzen schmalen Dolch und suchte die verwundbare Stelle. Er überbrückte die Distanz mit einem beherzten Sprung und stach zu. Er traf, doch nicht das was er wollte. Im letzten Moment hatte Sara’kiin sich wieder gefangen und mit ihrem Stab lenkte sie die Klinge ab. Die Spitze zerschnitt ihr die rechte Brust und wieder einen Teil ihrer Kleidung. Dicke Tropfen schwarzen Blutes schossen Vidkun ins Gesicht. Er blinzelte und für einen kurzen Moment wurde er blind, er wusste, dass er sie verfehlte hatte und musste wieder Distanz gewinnen. Sara’kiin schlug mit ihrer Faust gegen den blauen Zapfen, der in seiner Schulter steckte und trieb diesen damit noch tiefer in ihn hinein. Ein lauter Schmerzensschrei erklang aus Branganes Mund, der keineswegs weiblich, sondern viel dunkler und rauer klang. Denn es war Vidkun, der dort von einer Schmerzenswelle erfasst wurde. Sara’kiin verschwendete keinen Moment, sie nutze Vidkuns schwachen Moment aus und richtete ihre Hand wieder Trichterförmig auf ihn aus, welche dann begann blau zu glimmen. Vidkuns Körper löste sich erneut vom Boden. Wissend darum, was geschehen würde, verwandelte er seinen kurzen Dolch in eine lange Klinge und schlug damit seitwärts ungezielt vor sich umher. Die Spitze des Anderthalbhänders verfehlte Sara’kiin dabei nur knapp. Gepackt von Sara’kiins Schwerelosigkeitszauber, würde er nichts ausrichten können. „Du verdammtes Biest!“, keuchte seine düstere und hohl klingende Stimme, da er seine Kraft nun nicht mehr dafür aufwandte die perfekte Illusion von Brangane aufrecht zu halten. Tief in seiner linken Schulter steckte der blau leuchtende Zapfen, von ihm ausgehend zogen sich schwarze Adern wie dunkle Wurzeln über seinen Körper, dabei machten sie zwischen Kleidung, Haut und Rüstung keinen Unterschied, denn auf magischer Ebene betrachtet, war es eh alles Vidkuns Körper.

Vidkun vernahm wieder ein metallisches Scheppern, er spürte wie der Schwerelosigkeitszauber von ihm abfiel und er erneut zu Boden stürzte, doch dieses Mal nicht so hoch wie bei letzten Mal. Trotzdem schlug er mit einer großen Wucht auf den hölzernen Planken auf, so dass es laut krachte. Als er die Augen öffnete, landete neben ihm ein verbeulter Pfeil. Ein kurzes Lächeln flog über seine Lippen. Diese Bogenschützin war wahrlich ein Segen für ihn, weshalb er beschloss, sie später zu verschonen. Als er die Augen hob, war Sara’kiin mit dem Rücken zu ihm gewandt. Der Pfeil musste sie mehr ins Strauchelt gebracht haben, als er zuerst annahm. Doch das Geschenk nahm er gerne an. Der Anderthalbhänder verwandelte sich wieder in den kurzen Dolch, als sich Vidkun aufrichtete, um sie von hinten zu überraschen. Da tauchte eine lange Klinge über Sara’kiins Kopf auf und schlug mit großer Gewalt in ihrer Schulter ein. Ein männlicher Kampfschrei dröhnte über den Burgfried und hinter Sara’kiin kamen Gneisor und Ingmar zum Vorschein. Vidkun verlor keine Zeit darüber nachzudenken, wie bei Amazeroths Willen es der angeschlagene Krieger doch hier hoch geschafft hatte. Mit einem Satz schoss Vidkun nach vorne und presste sich dicht hinten an Sara’kiins Körper. Mit der Klinge in der linken Hand stach er erneut unter ihrem Rippenbogen zu, er suchte einen Weg zu ihrem Herzen. Vidkun lenkte und drückte das Heft der Klinge gleichzeitig, während sich die schmale Klinge durch ihr Inneres bohrte. Die Spitze traf die Stelle von der sie das letzte Mal abgelenkt wurde, doch dieses Mal war er vorbereitet und er drehte das Heft so, dass er daran vorbeikam. Da donnerte Gneisor Anderthalbhänder auf Sara’kiins Brust, ihr Körper wurde von der Wucht heruntergedrückt und zu Boden geschleudert. „NEIN!“ entfuhr es Vidkun wütend, als seine Klinge – kurz vor dem Ziel – aus ihr heraus rutschte. Sara’kiin fiel, doch sie fiel nicht zu Boden, sie verschwand darin, denn im Boden öffnete sich ein Spalt und verschluckte sie. Ehe die anderen reagieren konnten, war sie verschwunden. „Du Idiot!“, bellte Vidkun mit dunkler dämonischer Stimme dem Marschall zu, dem der Schweiß auf den Stirn stand. „Ich hatte sie fast, misch dich nicht ein du nutzloser Fleischhaufen!“, polterte er weiter, griff sich an den blauen Zapfen in seiner Schulter und riss ihn mit einem metallisch hohlen Schmerzenschrei aus sich heraus. Kaum hatte er ihn weggeschleudert, verging er sofort. „Gern geschehen“, antwortete Gneisor mit schwacher pfeifender Stimme und hustete sofort etwas Blut. Er hatte Mühe aufrecht zu stehen, die Klinge hielt er halbhoch mit einer Hand, denn sein anderer Arm war gebrochen und hing in einer improvisierten Schlaufe. Ingmar kam hinter seinem Herrn zum Vorschein, auch er war Kampfbereit, doch auch ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er sah sich suchend um.

„Wo ist sie hin?“, fragte Ingmar. „Im Limbus, oder dem, was dem Limbus gleich kommt hier im Vortex. Keine Sorge, sie taucht gleicht wieder auf. Sie kann da nicht allzu lange bleiben.“ In Vidkuns metallischer Stimme lag Spott, als auch er sich zu den anderen begab. Instinktiv bildeten die drei einen Kampfkreis, bei dem sie die Rücken einander zu wandten. „Wie habt ihr den Fleischsack hier herauf geschafft? Da ist eine beschissene Leiter.“ „Ich habe mit den Kisten eine Treppe gebaut.“ Ingmars Antwort erstaunte Vidkun so sehr, dass er sich dieses Mal ein spottendes Kommentar verkniff. „Schluss jetzt!“, brüllte Gneisor pfeifend, der ob der lauten Stimme gleich wieder Blut hustete. „Wenn du das hier überlebst, könntest du in Vinsalt als Bühnenkünstler auftreten: Der Fleischsack mit der verschluckten Pfeife. Das wird ein riesen Erfolg!“ Stille folgte, trotz den bissigen Kommentars. Die Ruhe zerriss, als sie eine Explosion hörten. Sofort eilten alle zum Rand, um an den Zinnen herunter zu blicken. Sara’kiin schwebte in luftige Höhe und warf mehrere Zauber auf den Wehrturm direkt neben ihnen. Mit jedem Treffer explodierte erneut ein Teil von ihm. Steine flogen am Stück und zersplittert über dem ganzen Wehrhof. Der Turm, auf dem Tarnelius und Elfa waren, wurde von Sara’kiin in Kürze niedergerissen – von den beiden fehlte jede Spur.

Teil X – Schicksal (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.
Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Sara’kiin ließ ihren Stab noch zwei mal rotieren und endete dann ruckartig in einer eleganten Haltung hinter ihrem Handgelenk. Matrals Kopf war in Richtung des Studiosus gedreht. Von seiner schlanken und kurzen Klinge tropfte noch immer dessen Blut auf das Holz. Aus irgendeinem Grund wandte er seinen Blick nicht von ihm ab. Im Innern des dunklen metallischen Helms, den Matral trug, waren keine Augen oder geschweige denn irgendeine Mimik zu sehen, die Aufschlüsse hätten geben können, über das, was im Kopf des gefallenen Ankers vorging. Sein Blick ruhte auf dem Jungen, der jedoch keineswegs mehr wie der junge Studiosus Halrik aussah. Seine gesamte Gestalt hatte sich seit seinem ersten Vortexzauber verwandelt. Seine Haut war aschfahl, überzogen von fingerdicken schwarzen Adern, sein Haar so dünn, dass es silbrig glänzte und seine Augen so groß und dunkel wie Obsidiansteine. Doch warum ruhte Matrals Blick auf seinem gebrochenen Körper? Empfand er eine abartige Version von Genugtuung? War es der prüfende Blick des Mörders auf sein Opfer, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot war? Matrals Körper bewegte sich nicht von der Stelle, und doch drehte er sich im Innern der tiefschwarzen Kleidung. Sein Körper schien sich in Richtung Halrik zu wenden und loszueilen. Doch dann verharrte er in dem Bewegungsmoment. Es schien als hätte er instiktiv auf ihn zu eilen wollen, doch noch ehe er den ersten Schritt machen konnte, hielt er sich selbst an Ort und Stelle fest.

Plötzlich schepperte ein metallischer Ton über die oberste Stelle der Festung, gefolgt von einem unkontrolliert driftenden Pfeil, der über die Zinnen trudelte. Matrals Momentum unterbrach und sein Kopf wandte sich zum Ursprung des Geräusches. Vor ihm neigte sich Sara’kiin leicht zur Seite, eine kleine, kaum erkennbare glänzende Scharte war auf ihrem metallischen Zackenhelm zu sehen, der noch weiter abgeknickt war als der Rest ihres Körpers. Da surrte ein zweiter Pfeil heran und verfehlte sie nur knapp. Er schoss an ihr vorbei und flog ungehindert auf der anderen Seite wieder herab. Die Limbusverschlingerin fing sich und streckte sich wieder. In einer anmutigen Bewegung ließ sie ihren Stab um ihre eigene Körperachse rotieren und schwebte nur eine Handbreit über den Boden in die Richtung des Urspungs der Pfeile zum Rand der Zinnen gegenüber von Halrik.

„Wir haben wieder seine Aufmerksamkeit“, intonierte die glockenhelle Stimme der Bogenschützin Elfa, als sie ihren nächsten Pfeil auf die Sehne legte. Da sie nicht wusste, dass Sara’kiin ursprünglich eine ‚Sie‘ war, und mal davon abgesehen, dass man nicht weiß, ob es im Vortex so etwas wie Geschlechter gab, sah sie Sara’kiin weiterhin als ‚Er‘ an. Neben ihr stand der deutlich gezeichnete Infanterist Tarnelius mit einer breite Platzwunde über dem linken Auge. Auch er hielt einen Bogen in der Hand, doch seine kräftigen Finger hatten es schwerer, mit den filigranen Pfeilen zu hantieren, als die schmalen und flinken seiner Kameradin. „Scheiß Pfeile“, meckerte Tarn mit tiefer Stimme, da er Schwierigkeiten hatte, den Pfeil einzunocken. Elfas zweiter Pfeil surrte los. Die zwei hatten die Explosion überlebt, wenn auch beide sichtlich angeschlagen waren. Sie standen auf einem Wehrturm, der etwa fünf Schritt niedriger war, als der höchste Punkt der Festung, auf der sich die Jenseitigen befanden. Elfas zweiter Pfeil hätte, so er denn seine Flugbahn hätte fortsetzen können, erneut Sara’kiins Kopf getroffen, doch nur wenige Fingerbreit davor schlug er gegen ein blau aufglitzerndes Schild und trudelte dann zerbrochen hinab. Während die Bogenschützin ihren dritten Pfeil aus dem Köcher fischte, gelang es dem Infanteristen endlich seinen zweiten einzunocken. „Er ist wieder geschützt“, seufzte Elfa, setzte aber ihr Handeln unbeeindruckt fort. Sara’kiin streckte ihnen ihren Stab entgegen, an dessen Ende erneut eine blaue Kugel entstand. „Achtung!“, brüllte Tarn, als er begann auf sie zu zielen und sah, was sie vor hatte. Aufgrund des Winkels konnten Elfa und Tarnelius nur den Oberkörper der Magierin sehen, da der Rest hinter den Zinnen verborgen war. Hinter dem schwarzweißen Gewand tauchte eine weitere, sehr dunkle Gestalt auf, die ebenfalls wie ein Jenseitiger aussah: Matral.
Die blaue Kugel am Ende des Stabes löste sich von ihm und flog zügig auf Elfa und Tarnelius zu. „Jetzt!“, rief die Schützin. Tarn und sie machten einen kleinen Sprung und tauchten ins Innere des Turms hinab. Sie hatten die Luke offen gelassen und sich direkt hinter ihr gestellt, um rasch in Deckung gehen zu können. Über ihnen wurde für einen kurzen Moment alles in ein helles Blau gehüllt. Sie hörten, wie die Kugel über sie hinweg sauste, während beide eine Ebene tiefer im Wehrturm landeten und nach oben blickten. Die erwartete verheerende Detonation blieb aus. Fragend blickten sich beide einander an, doch dann ertönte sie, jedoch klang sie so, als wäre sie viel weiter weg und ihr Turm blieb, zu ihrer Überraschung, unbeschadet. Die Magierin musste sie schlichtweg verfehlt haben. „Daneben?!“, war Tarns kurzer Kommentar, in seiner Stimme lag sowohl Verwunderung, als auch Erleichterung. Elfa vergeudete keinen Moment, sprang an die Leiter und kletterte erneut nach oben. „Los, wieder hoch!“

Es machte ein metallisches Schaben, so als würde man mit einer scharfen Klinge über einen Wetzstein fahren, als Matral seine kurze und schlanke Klinge aus Sara’kiin heraus zog. Beim schwungvollen Ruck spritzte eine schwarze Flüssigkeit heraus und befleckte damit den weißen Teil ihres Gewands. Er nutzte das Überraschungsmoment und stach erneut zu, beim ersten Mal hatte er ihr den schmalen Dolch von hinten dort hinein getrieben, wo Menschen ihren unteren rechten Rippenbogen hatten. Doch sein Stich wurde in ihrem Innern von irgendetwas abgelenkt, eigentlich wollte er die Stelle treffen, wo Menschen ihr Herz hatten, doch stieß die Spitze des Dolchs gegen irgendetwas gegen und wurde somit abgelenkt. Dieses Mal veränderte er den Eintrittswinkel etwas, doch Sara’kiin bewegte sich so schnell und gleichwohl anmutig, dass seine Klinge sie gänzlich verfehlte und nur ihr Gewand zerschnitt. Sein metallischer Faustpanzer pochte nutzlos gegen ihre Flanke. Er sah die Bewegung des bereits in Rotation gebrachten Stabes zu spät kommen, er wollte sich noch ducken, doch traf er ihn von vorne gegen den Helm. Es schepperte laut, Matrals Kopf wurde nach hinten weggerissen und sein Körper folgte ihm. Er wurde mehrere Schritt durch die Luft geschleudert und ruderte mit seinen Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Tatsächlich fing er sich und blieb mit kratzenden Stiefeln auf den Planken stehen. Sara’kiin, aus deren Flanke eine schwarze und ölige Flüssigkeit quoll, drehte sich zu ihm um. Erneut ließ sie den Stab in einer aberwitzigen Geschwindigkeit um ihren eigenen Körper rotieren, um dann schlagartig in einer Kampfbereiten Haltung zum Stillstand zu kommen.

Nachdem sich Matral gefangen hatte, änderte auch er seine Haltung. Er schob die linke Schulter und das linke Bein vor, drehte seinen Oberkörper ein und bot somit weniger Angriffsfläche. Seine Hände umschlossen beide das Heft des Dolchs und er hielt ihn so vor sich, als wäre es ein großes Schwert – was in Anbetracht der Tatsache, dass er einen kurzen Dolch in seinen Panzerhänden hielt, jedoch lächerlich aussah. Plötzlich schlug die dunkle und enge Kleidung von Matral so etwas ähnliches wie Blasen, zuerst waren es nur ganz wenige, doch innerhalb eines Lidschlags wurden es dutzende, und zwar auf seinem ganzen Körper, die gesamte Oberfläche und auch der kurze Dolch des gefallenen Ankers des Boron veränderte sich. Der kurze Dolch wuchs brodelnd an, wurde länger und massiger. Kontur, Farbe und Material verschwommen miteinander und verwandelten sich. Farben erschienen, das Metall wich einer menschlichen Hautoberfläche und unter dieser brodelnden Masse kam das sehnige Erscheinungsbild von Brangane aus Greifenfurt zum Vorschein. Als der Verwandlungprozess abgeschlossen war, stand sie in einer, für einen Kämpfer mit Anderhalbhänder, typischen Haltung dar. Ein verschmitztes Grinsen flog ihr über die Lippen. Sie trug wieder die für sie typische glänzende Plattenrüstung, den blauroten Wappenrock ihres Hauses und langes, zu einem strengen Zopf gebundenes, dunkelbraunes Haar. Mit Schalk in der Stimme sprach sie: „Überraschung.“

Branganes, oder vielmehr Vidkuns Artefakt verstärkte dem eines Quitslinga eigene Fähigkeit des Gestaltwandelns um ein vielfaches. Ein Quitslinga konnte zwar eine ihm beliebigen äußere Form annehmen, doch blieb sein Körper im Innern weiterhin eine zähflüssige Masse, die nur durch eine Veränderte Außenhaut in Form gehalten wurde. Trennte man Körperteile ab oder würde man ihn einer magischen Visitation unterziehen, würde man sein wahres Ich erkennen. Iribaars Spiegel gab ihm jedoch die Macht, jedem genau das zu zeigen, was er oder sie glauben und sehen wollte, bis in die absolute Perfektion. Es würde jeder Untersuchung standhalten, sowohl profan, magisch als auch klerikal, denn es veränderte nicht nur ihn, sondern die Wahrnehmung des Beobachters – in diesem Fall – sogar die der Jenseitigen. Iribaars Spiegel ließ ihn als den perfekten gefallenen Anker des Boron erscheinen, und das nicht nur äußerlich. Erst als Vidkun Sara’kiin den Dolch in die Seite stach, zerbrach die perfekte Illusion von Matral, wurde inkonsistent, denn kein Jenseitiger würde einen anderen Jenseitigen angreifen.

So standen sie sich nun Gegenüber: Sara’kiin, die Limbusverschlingerin, der gefallene Anker Hesindes und auf der anderen Seite Vidkun, der Auserwählte Amazeroths. Ein ungleiches Paar, die eine bewandert in der Magie und dazu fähig den Limbus ganz nach ihrem Belieben für ihre Zwecke zu nutzen, und der andere ein Wesen der Verhüllung, ein Meister der Täuschung und Tarnung, der die Wahrnehmung eines jeden Wesens nach seinen Wünschen beeinflussen konnte.

Teil IX – Bestimmung (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Gneisor

Ser Gneisor, sein Knappe Ingmar und der wie Brangane aussehende Dämon standen gemeinsam im Zentrum des Burghofs. Über ihnen prasselte ein rubinfarbener Strahl aus Magie gegen eine blau schimmernde Wand, die die Limbusverzehrerin schützte. Langsam aber sicher stemmte sie sich über ihnen dem Strahl entgegen und die drei unter ihr konnten die Szenerie gut beobachten. „Halrik scheint sie gut hinzuhalten. Wenn du wirklich das kannst, was du behauptest, dann sag uns, wie wir dir dabei helfen können!“, intonierte Ser Gneisor. Er verließ die Kampfhaltung und deutete auf das Spektakel über ihnen. „Was euer Gelehrter da vollbringt ist gewaltig, doch ist er im Umgang mit der Vortexmagie noch zu unerfahren, um Sara’kiin besiegen zu können“, antwortete Brangane im Plauderton. Alle drei blickten nach oben, direkt über Ihnen sahen sie, wie Sara’kiin mit der einen Hand – in der sich auch ihr Stab befand – von sich gestreckt die magische Wand aufrecht hielt und mit der anderen Hand einige zackige Gesten formte. „Was tut sie da?“, entfuhr es Ingmar. Die Antwort auf seine Frage folgte auf dem Fuße. Direkt hinter ihr öffnete sich ein vertikaler Spalt in der Luft, gerade groß genug für sie selbst. Geschwind schlüpfte sie hindurch und verschwand, als ihr Stab als letztes den Spalt passierte, schloss er sich hinter ihr wieder. Wohin sie verschwand und ob sie dank Halriks Zauber Schaden genommen hatte, war nicht ersichtlich. Die magische blaue Wand zerbarst in tausend kleine sich auflösende Splitter, unter dem anhaltenden Druck des roten Strahls. Die dabei entstehende Druckwelle drückte Ingmar, Brangane und Gneisor wie Zinnsoldaten unter der Last eines Stiefels zu Boden. Der Marschall, der mit angebrochenen Rippen und einem gebrochenen Arm schon schwer genug angeschlagen war und noch dazu Probleme beim Atmen hatte, wurde so heftig zu Boden gedrückt, dass er erneut die Besinnung verlor.

Wie aus sehr weiter Entfernung hörte er eine Stimme. Sie war so weit fort, dass er sie weder einer Person zuordnen konnte, noch dass er ihren Inhalt verstand. Schmerz glimmte, wie ein an einem heißen Praiostag frisch abgebrannter trockener Weizenacker, in seiner Brust. Ihm war schwindelig, nur mit Mühe gelang es ihm ganz langsam die Lider zu öffnen. Er bewegte sich, was er an den klappernden Schritten festmachte, die immer lauter wurden. Und daran, dass der Schmerz in seiner Brust in immer wiederkehrenden regelmäßigen Intervallen kam. „Er hält uns nur auf“, hörte er eine Stimme sagen, die klar weiblich klang. „Ohne ihn wären wir schon alle tot – auch du schuldest es ihm“, sagte im unerschütterlichen Tonfall eine jüngere Stimme, die Gneisor seinem Knappen zuordnen konnte. „Ich schulde ihm gar nichts! Ich mache das nur, damit ich einen weiteren Fleischsack zwischen mir und Sara’kiin habe, der geopfert werden kann“, polterte der Dämon in Gestalt der Ritterin zurück. Inzwischen wurde Gneisor klar, dass sie Stimme zu Brangane gehörte. Und jetzt bemerkte er auch, in welcher Haltung er sich befand. Er wurde von ihr, oder besser gesagt, ‚es‘, über der Schulter getragen! Der Dämon musste über gewaltige Kraft verfügen, denn Gneisor trug noch seine komplette Rüstung. Zusammen genommen, wogen er und seine Rüsung über 100 Stein. „Der ‚Fleischsack‘ kann wieder alleine gehen“, hauchte er mit hohler Stimme aus. Sofort machte Brangane halt und setzte den Ritter ruckartig ab. Ingmar übergab seinem Ritter sofort wieder seinen Anderhalbhänder. Gneisor sah sich um, sie befanden sich im Burgfried auf einer mittleren Etage eines Treppenabsatzes. „Wie geht es euch, Ser?“, erkundigte sich Ingmar im besorgten Ton. Gneisor nickte nur in Richtung des Jungen, für mehr war jetzt keine Zeit – und sein Zustand war in Anbetracht ihrer Situation auch mehr als irrelevant. Hastig, wohl etwas zu hastig, zog er Luft ein, woraufhin das Feuer in seiner Brust wieder stärker wurde. Als er ausatmete, hörte er ein leises Pfeifen. Ihm selbst war bewusst, was bedeutete, eine oder mehrere seiner Rippen hatten seine Lunge durchbohrt und diese füllte sich nun nach und nach mit seinem eigenen Blut. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, bis er nicht mehr atmen und einfach tot umfallen würde. „Wir müssen weiter. Vorran!“ Brangane und Ingmar verloren keine Zeit und eilten sofort los, sie hatten allem Anschein nach ein Ziel und der Marschall folgte ihnen, so gut er konnte. Er konnte und wollte nicht einfach an seinem eigenen Blut ersticken, sondern wenn. dann in einem rondrianischen Kampf fallen.

Die Treppe innerhalb des Burgfrieds stellte sich für den Ritter als schwerste und vielleicht auch letzte Hürde in seinem Leben heraus. Mit jeder Stufe brannte das Feuer in ihm so heiß, dass er glaubte innerlich zu verbrennen. Er spuckte unterwegs mehrmals Blut, stolperte und kratzte mit den Rüstungsteilen gegen die Wände und Treppenabsätze. Ingmar, der aufgrund seiner Treue zu seinem Herrn nicht anders konnte, ließ sich zurückfallen und half ihm, indem er ihn stützte. Brangane machte keine Anstalten noch einmal zurück zu sehen und nach den beiden zu schauen und die beiden Männer hatten zu viel Stolz, um einen Dämon um Hilfe zu bitten. Sie beide wusste,n wie das hier für den Marschall enden würde, doch beide waren auch rondrianisch genug, um nicht aufzugeben. Denn noch gab es hier Feinde und noch hatten sie im Namen der himmlischen Leuin einen Auftrag zu erfüllen. Und nichts würde Ingmar mehr das Herz brechen, als seinen Herrn auf einer Treppe sterben zu sehen. Wenn er schon unbedingt zu Boron gehen musste, dann doch wenigstens in einem Zweikampf, und dabei wollte er ihm helfen. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, schallte Branganes Stimme auffordernd von weiter oben durch den Treppenaufgang. „Ich lasse euch hier nicht zurück, Ser!“, brachte Ingmar unmissverständlich zwischen zusammengebissenen Zähnen zu seinem Herrn hervor, während sein Kopf zur Stütze unter Gneisors linken Arm hing. Der Knappe erahnte nämlich schon, welchen pathetischer ‚Lass mich zurück und geht ohne mich weiter‘-Unsinn in den Augen seines Herrn aufblitzte. Gneisors Gesicht war ein einziger Wasserfall, sein sonst so ordentlicher Bart, eine feuchte Wand aus zerrissenen Lianen, an dessen unteren Enden überall Tropfen hingen. Unter seinem nassen Bart kam ein kurzes Grinsen hervor. „Ingmar … das würde … ich dir doch … nie antun. Hier … zu sterben“, flapste er. „Ihr solltet besser nicht reden, Herr.“ Stille folgte, in denen sie wieder fünf Stufen schafften. „Ich sah dich sterben … Ingmar.“ Der Knappe antwortete nicht, da er nicht wusste worauf sein Ritter hinaus wollte. „Vorhin, vor der … Bibliothek … das Ding … hat dein Gesicht … aufgeschlitzt wie eine Arange … du bist leblos … zu Boden … gefallen.“ Gneisor hustete feucht und spuckte wieder einen Flatschen Blut aus. Ingmars Augen wurden tellergroß, er wusste nicht, wovon er da redete, er konnte sich nicht daran erinnern. „Halrik … er … muss dich … geheilt haben.“ Sie erreichten die letzte Etage. Es war ein kleiner Raum, voll mit Fässern voller Pfeile, Bogenständern und ein paar flachen und hohen Kisten mit Wimpeln und allerlei anderem Tand. Ingmar verstand nicht, warum sein Herr ihm das erzählte oder ob er begann zu halluzinieren.
Von Brangane war keine Spur zu sehen. Sie musste wohl schon die Leiter nach ober zur offenen Dachluke genommen haben. Die beiden blickten zur Leiter, zeitgleich war ihnen bewusst, dass Ser Gneisor es in seinem Zustand da nicht herauf schaffen würde.

Teil IX – Bestimmung (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Halrik

Die Kraft der puren und ungezügelten Magie, die aus Halriks beschworener rötlicher Lichtkugel in seine Hand schoss, wurde nicht schwächer. Sie hielt an, fünf Sekunden, zehn Sekunden, fünfzehn Sekunden … ein permanenter gleißender Strahl, so funkelnd rot, dass man ihn für einen einzigen riesigen Rubin hätte halten können. Nur an der Stelle, an der er auf das bläuliche Schimmern des magischen Schildes traf, zerfaserte er wie ein im Sturmwind flatternder Wimpel zu allen Seiten aus – und das Schild kam näher. Die Limbusverschlingerin, die aufgrund der spektakulären Vereinigung von aufeinanderprasselnder Magie kaum mehr zu sehen war, drückte den roten Strahl langsam, Schritt für Schritt, immer weiter zurück. Dann, wie ein Lichtstrahl der plötzlich eine seit Stunden anhaltende dicke Wolkendecke durchbrach, zerbarst das blaue Magieschild in abertausende kleine bis zum verschwinden glimmende kleine Splitter. Der rote Lichtstrahl konnte nun seinen Weg ungehindert fortsetzen, prallte mit voller Wucht gegen einen dahinter liegenden Wehrturm und binnen eines Lidschlags explodierte er in einer gewaltigen und lauten Explosion. Zerborstene Feldsteine, Mörtel, Holzsplitter und zerfetzte Balken wurden mit einer unbeschreiblichen Wucht aus der Festungsanlage herauskatapultiert. Nichts davon flog, trotz der gewaltigen Kraft des Lichtsstrahls in den Innenraum der Festung. Als dieser dann hindurch war und seinen Weg nun bis an den Ereignishorizont der Kuppel fortsetzten konnte, war der komplette obere Teil der Wehrturms abgerissen und regnete als als zerfetzte Stein- und Holzmasse im Außenbereich der Festung ab. Dann endete der Zauber abrupt. Der rubinfarbene Strahl endete und auch sein magisches Surren verschwand. Halrik senkte seine nunmehr leere Hand, von Sara’kiin war nichts mehr zu sehen, sie war in der gewaltigen Kraft des Zaubers aufgelöst worden. Der junge Studiosus war kaum mehr zu erkennen. Seine Haut war aschfahl und durchzogen von tiefschwarzen fingerdicken Adern, in seinen Augen war kein Weiß mehr zu sehen und sein Haar so schütt, dass es nur noch als ein silbriges Glitzern auf einem ansonsten kahlen Haupt zu erahnen war.

Es kehrte Ruhe ein auf Festung Friedstein. Kein Todes- oder Kampfgeschrei mehr, kein Klackern oder schrilles Zirpen von Abscheulichkeiten. Halrik überblickte von seiner erhöhten Position den Burghof, in dem mehrere Leichen und tote jenseitige Geschöpfe lagen. Er hatte es geschafft, Sara’kiin die Limbusverschlingerin war besiegt, oder gebannt – ganz egal – sie war fort und das allein zählte. Doch noch waren sie nicht sicher, denn sie waren noch immer in der Zeit gefangen, solange sie sich im Innern der Kuppel befanden. Doch eins nach dem anderen. Halrik dreht sich in der Luft und schwebte auf den höchsten Punkt der Festung. Es war die selbe Position, bei der die Katastrophe heute ihren Lauf genommen hatte, als er – zusammen mit seinen Büchern – auf Ser Gneisor stieß und ihm von seiner Erkenntnis berichtete, dass Sara’kiin sich hier auf der Sphäre befindet. Genau dort, wo alles ihren schrecklichen Verlauf nahm, sollte es auch enden – dachte er sich und ließ sich auf dem obersten Turm der Niederrungenfestung nieder.
Er füllte seine Lungen noch einmal mit Luft, die geschwängert war von den Gerüchen nach menschlichem Blut, der zähflüssigen Masse, die in den Körpern der Abscheulichkeiten steckte, die nach Schwefel roch und dem Geruch nach Ozon. Letzterer war durch die ungezügelte Magie entstanden, die er erzeugt hatte. Dann hob er seine Arme in die Höhe und formte damit einen Kelch. Sein Zauber würde sich gegen den unsichtbaren Wall richten, um diesen Ort wieder dem Vortex zu entreißen: „Ausghairm banna áit.“ sprach er aus. Seine Worte kamen dabei ganz natürlich über seine inzwischen pechschwarzen Lippen. Weit über ihm, am Ereignishorizont, zuckten plötzlich Blitzartige Gebilde über den Kuppelrand. Sein Zauber zeigte Wirkung. Halrik wurde lauter: „Ausghairm banna áit!“ Wieder zuckten Blitze, die Risse in dem Membran hinterließen, über den Kuppelrand. Sein Zauber half, er würde ihn nur noch ein paar mal wiederholen müssen und dann wäre die Kuppel zerstört. Erneut setzte er an: „Ausghairm ban …“ Halriks Stimme versagte plötzlich mitten im Wort in einem hellen Krächzen. Da er nicht wusste warum, versuchte er es erneut, doch kein Ton drang aus seinem Mund, dafür schossen ihm aber tiefrote Spritzer über die Lippen, die er vor sich in die Luft versprühte. Verwundert blickte er den Tropfen hinterher. Was war geschehen? – fragte er sich. Hatte er etwa zu viel Magie verwendet? Aber das war unmöglich – schoss es ihm wieder durch den Kopf. Ein Ruck fuhr ihm durch den Körper, verwundert blickte er an sich herab und senkte die Arme. Ein spitzes, vor Blut triefendes Stück Unmetall ragte aus seiner Brust heraus. Er spürte keinen Schmerz, nur einen sanften, kaum spürbaren Druck. Begleitet von einem metallischen Kratzen, das über Knochen fuhr, zuckte das Stück Unmetall wieder aus seinem Körper heraus. Halrik dreht sich um und vor ihm stand ein jenseitiges Geschöpf. Der Körper gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. Nur die Hände, die Füße und der Kopf waren eingehüllt in dunkles Metall. Zacken und dunkle Sigillen waren daran eingearbeitet, im rechten Panzerhandschuh lag eine kurze, dolchartige und filigran dünne Klinge, von der Blut – sein Blut – tropfte. Halrik wollte etwas sagen, er nahm all seine Kraft zusammen, um gegen den Pfropfen an Blut in seinem Hals anzukämpfen. Er hüstelte und gurgelte und dann spuckte er einen Klumpen zähflüssigen Blutes aus. Mit absterbenden Stimme brachte er mit letzter Kraft hervor: „Matral?!“

Teil IX – Bestimmung (1)

Burghof

Mit dem Burgfried im Rücken, schwebte der Studiosus zwölf Schritt über dem Boden über dem zentralen Platz. In seiner Linken hielt er noch immer mit Leichtigkeit den dicken aufgeklappten Folianten. Seine rechte Hand streckte er nach der Jenseitigen. Seine Finger formten dabei eine auf sie gerichtete Kralle, als würde er nach ihr greifen wollen. Allem Anschein nach hatte Sara’kiin ihn noch nicht bemerkt, denn sie machte keinerlei Anstalten sich ihm zuzuwenden. In aller Ruhe flüsterte Halrik zwei magische Worte, so langsam und ruhig, als würde er jede Silbe genießen. Seine blauschwarzen Lippen bewegten sich nur wenig, als sie ein kaum hörbares „Liathróid chumhacht“ formten. Zwischen seinen Fingerspitzen begann sich ein rasch vergrößerndes rötliches Schimmern zu formen. Binnen weniger Lidschläge war das Schimmern zu einer rötlichen Lichtkugel herangewachsen, dass an seine Fingerspitzen reichte und das Licht, welches die Kugel ausstrahlte, war stark genug, dass sie nicht nur Halriks graue Robe, sondern auch den Burgfried im Rücken des schlanken Studiosus in ein rötliches Schimmern tauchte. Dann ertönte ein dumpfer Knall und aus der Lichtkugel schoss ein gleißend hellroter und armdicker Strahl in Richtung der Limbusverschlingerin. Als der Strahl den Körper der ehemaligen Eismagierin erreichte, stoben unzählige kleine Lichtfunken in alle Richtungen. Der Strahl traf sie mit der Wucht eines Baustammes und schob sie ruckartig durch die Luft. Der Lichtstrahl hörte nicht auf, Sara’kiin wurde bis an den Rand der Festungsmauern gedrückt, doch dann endete ihre unfreiwillige Reise durch die Luft plötzlich. Eine Wand als blauem Licht drückte sich zwischen den roten Strahl und sie selbst. Die Energie des roten Strahls prasselte in einem langanhaltend dumpfen Ton gegen die unsichtbare Mauer der Zauberin. Das helle Licht und die sich in alle Richtungen verteilenden Lichtfunken überlagerten den Ort des Geschehens so sehr, dass Sara’kiin dahinter verschwand.

Währenddessen am Boden des Burgfrieds, erreichten Sir Gneisor und sein Knappe den am Boden liegenden Metallhaufen von Brangane. „Brangane!?“, brüllte Ser Gneisor ihr, in der Hoffnung, dass sie den Sturz überlebt hatte, zu. Noch ehe der Marschall und sein Knappe die Ritterin erreichten, verwandelte sich unter ihren erschreckten Augen das Metall der Rüstung in eine zähflüssige dunkle Masse. „Was bei Rondra?!“, stieß er aus und hielt seinen Knappen schützend zurück, da dieser gegen ihn gegen gelaufen war. Unter ihren Blicken verwandelte sich der Körper der Frau samt der Rüstung in eine lichtverschluckende schwarze Masse. Dann nahm sie wieder Form an, Arme und Beine bildeten sich, auch die Rüstung und das Schwert nahmen wieder Gestalt an und zuletzt erhielt alles wieder Farbe. Vor den beiden stand wieder Lady Brangane, die keinerlei Kampfspuren davongetragen hatte. „Keine Zeit für lange Erklärungen …“, begann Lady Brangane hastig, deren Stimme leicht schnarrte. „Ich bin nicht die, für die ihr mich gehalten habt.“ Auch wenn Ser Gneisor rechter Arm schwer verletzt war, so ging er trotzdem in eine verteidigende Kampfhaltung über – sein Knappe stellte sich tapfer neben ihm. „Was im Namen der Götter bist du dann und wo ist Lady Brangane?“ brachte der Marschall zwischen zusammengebissenen Zähnen fordernd hervor, da es ihm sichtbar viel Kraft kostete trotz des gebrochenen Arms und der geborstenen Rippen in die Kampfhaltung zu gehen. „Ich bin hier, um die Limbusverschlingerin aufzuhalten, mehr ist jetzt nicht wichtig“, sagte Brangane noch immer mit einem Schnarren in der Stimme, als würden ihre Worte als Erklärung genügen. Gneisor und Brangane musterten sich gegenseitig, so als würden beide ihre Chancen gegenüber dem anderen abschätzen. „Das ist ein Diener des vielgestaltigen Blenders, Ser – wir können dem Ding nicht vertrauen“, rief Ingmar dazwischen. Gneisor überlegte. Es war das erste Mal, dass er einem Dämon und noch dazu einen viergehörten Auge in Auge gegenüberstand. Bei der Schlacht an der Trollpforte, vor sechs Götterläufen, hatte er aus der Entfernung ein paar beschworene Dämonen gesehen, allesamt waren sie von schrecklicher Gestalt. Sie mähten ihre Männer und Frauen zu hunderten nieder. Doch das waren alles Dämonen aus den kriegerischen Domänen. Dieser hier, so sich Gneisor erinnern konnte, war kein Kämpfer, sondern ein Dämon aus Amazeroths Gefolge, ein Genius und Blender und kein Streiter. Doch das machte ihn nicht minder gefährlich. Doch das alles erklärte nicht, wieso er hier war. Gneisor versuchte sich an die Lehrstunden in Hochstieg zu erinnern. Seine Exzellenz Nehazet hatte, noch bevor sie nach Friedstein kamen, ihm und den anderen wichtigen Persönlichkeiten des Ordens über den Sphärenkrieg aufgeklärt. Auch wenn er es damals kaum glauben wollte, so erzählte der Südländer davon, dass auch die Dämonen die Jenseitigen zum Feind hatten und es unter Ihnen ebenfalls Auserwählte geben soll. Amazeroth der Weltenbrenner war einer von ihnen. Sollte etwa dieser Dämon aus Amazaroths Gefolge auch einer sein?

Ehe weitere Worte gewechselt wurden, griff Brangane mit einer Hand zu ihrer Brust. Sie griff in sich hinein, wie eine Hand die in einen Teich hineinlangte. Sie zog aus sich selbst ein ovales Amulett und hielt es den beiden Kämpfern entgegen. Auf dem Amulett war das Zeichen Amazeroths in Zhayad-Ligatur zu sehen. „Ich bin die Auserwählte Iribaars. Und solltet ihr entgegen meiner Erwartung jetzt nicht spontan eure Auserwählte Hesindes aus euren Burgkeller herausholen, so bin ich die einzige hier, die Sara’kiin Einhalt gebieten kann. Also entweder tretet ihr jetzt beiseite und lasst mich meine Arbeit machen oder ihr schluckt eure Vorbehalte herunter und helft mir dabei, eure sterblichen Hintern zu retten.“