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Wache für eine Freundin

Spichbrecher-Wappen-Weiß„Es gibt die Zeit des Kämpfens, und es gibt die Zeit des Rast – letztere ist nun für Euch gekommen, Azina.“ Sieghelms Worte dulden keinen Einspruch, während er seine schwer blutende Freundin in seinen starken Armen hält und vorsichtig auf die Holzbank gleiten lässt. Azina schließt die Augen, ihr Kampf ist vorbei, der Junker wird über sie wachen. Sieghelm presst seine großen Hände auf die kleine Schulter seiner eisigen Weggefährtin. Ihr warmes Blut dringt dabei zwischen seinen Fingern hervor und tränkt seine Hände in Rondrarot.

Rondrian, der fleißige Waffenknecht des Streiters war bereits auf dem Weg zum Wundarzt. Sieghelm und Azina würden so einen kurzen intimen Moment miteinander haben – einen Moment an den sich Azina nicht erinnert wird, denn sie hatte sich schon längst gestattet in den sicheren Armen ihres Freundes ihr Bewusstsein zu verlieren. Sieghelms Blick fiel auf die ergrauten, leicht bläulich schimmernden Strähnen in ihrem Haar, während ihr Kopf auf seinem Oberschenkel ruhte. Den Runenspeer fest umklammert, blieb sie selbst im Angesicht des Todes standhaft – sie würde den gar beeindruckenden Speer nicht noch einmal verlieren.

„Bleib Standhaft, meine kleine tapfere Botin Firuns … “ hauchte Sieghelm, der dieser Titel soeben in den Sinn gekommen war. Andächtig legte der Darpate sein Kinn auf die Brust, schloss die Augen und konzentrierte sich auf das warme sprudelnde Blut zwischen seinen Händen. Der Körper der jungen Aranierin war inzwischen stark ausgekühlt – was kein gutes Zeichen war, auch nicht für eine Dienerin Firuns. „Weißer Jäger, Herr des Winters und grimmiger Prüfer – sieh herab auf deine Dienerin. Als Botin deiner Lehre hat sie sich gegen einen übermächtigen Gegner gestellt, und sich dabei selbst überwunden. Denn selbst im Angesicht des Todes hat sie sich nicht gestattet zu wanken, denn allein Dein ist ihr Wille. Du bist ihre unerschöpfliche Kraft, dir allein gebührt die Ehre ihres Sieges über sich selbst. Gestatte deiner Botin nun zu rasten – dein Werk ist vollbracht.“

Gefolgt von einem kühlen Windhauch, der selbst Sieghelm für einen kurzen Moment frösteln ließ, sah er wieder auf, zwischen den Zelten näherte sich mit schnellen Schritten der Wundarzt. Der Hauptmann schnaufte mit einer Mischung aus Erleichterung und Traurigkeit, gleich würde seine Wacht vorbei sein und der schlanke Heiler würde die junge Botin Firuns übernehmen. Nie hatte der Junker jene Nacht in Ferdok vergessen, in der er beinahe ums Leben gekommen war, nur dank des beherzten Eingreifens der jungen Tulamidin war er noch am Leben. Sieghelm schuldete ihr sein Leben, und niemals zuvor fühlte er sich einer anderen Person so sehr verpflichtet wie in diesem Moment. Auch wenn Azina und Sieghelm auf den ersten Blick nur wenig Gemeinsamkeiten hatten, so verband sie im inneren mehr als nur die gemeinsame Karmalqueste. Beide waren sie Streiter vom ganzen Herzen, doch während die eine ihren Kampf gegen sich selbst zu schlagen hatte, stritt der andere gegen die Gefahren von außen. Das Leben ist für beide ein ewiger Kampf – und für beide gab es nichts ehrvolleres als in einem solchem Kampf sein Leben zu lassen. Doch heute, sollte dieser Tag nicht gekommen sein.

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