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So viel zu tun

Mit eiligen Schritten eilte Jane den markt entgegen. So viel zu tun in so kurzer Zeit. Beim besten Schneider der zu finden war kehrte sie ein. „Hesinde zum gruße guter man ich habe leider einen eiligen Auftrag. Ich benötige zwei tuniken angemessen für die Therme gehalten in den Farben dieses Wappenrocks bis in zwei stunden. Eine für mich selbst und eine weiter für eine Begleiterin von mir deren maße ich hier niedergeschrieben habe.  Oh … und auch noch drei männliche entsprechende .. bekleidungstücke .. die Maße der drei Herren stehen hier ebenfalls drauf. Diese sind aber nur geschätzt last sie also ruhig etwas weiter ausfallen mit einem sanften Stoffgürtel wird das schon passen.“ Ein kleiner recht schwerer Beutel landete auf dem Tisch  “ Das hier sollte ausreichen für die Mühen … schickt es bitte zu dem Zelt des Ordensgroßmeisters vom Orden zum Schutze der Schöpfung auf dem Turnierplatz so schnell ihr könnt. Des weiteren benötige ich ein Kleid für den Ball, hmm meine Begleitern vermutlich auch aber ich werde das noch persöhnlich mit ihr abklähren. Das Kleid muss aber erst zum Ball fertig sein halt also etwas Zeit“

Während der verdutze schneider sich anschickte die Maße zu nehmen dachte Jane über die nächsten schritte nach. „Ich muss heute abend noch den wagen überprüfen.  … Azina finden und erfragen ob sie morgen intresse hat Teil zu nehmen ich hätte sie schon längst fragen müssen aber soviel ablenkungen. … hmm vielleicht sollte ich auch eine Tunika für Thornia anfertigten .. ich wette sie sieht umwerfend darin aus. Ob sie wohl eifersüchtige auf Sieghelm wird wenn sie erfährt wie entblöst er mich gesehen hat?“ Ein leichtes schmunzeln lief über ihre lippen. „Die Pferde sind schon besorgt ich sollte sie trotzdem noch durschcheken ob sie krank sind.“ … sie Blinzelte und lauschte nocheinmal auf die Frage von dem Schneider . „Ja ich denke das dunkle grün würde passend sein für das Kleid aber das Ordenswappen muss mit eingearbeitet sein, vielleicht auf dem Oberarm?“ „Welches Kleid sollte ich wohl morgen tragen … Ich muss unbedingt noch einen Brief an Thornia schreiben. …  Ob sie mich vermist?“ ….

 

Teil I – Ankunft

Sein strenger Blick ging über die gedrungenen Zinnen der Niederrungenfestung. Seine braunen Augen suchten die Ferne ab, so als würden sie ihm zu einer Erkenntnis verhelfen. Am Firmament hingen breite Wolkenfetzen, die im Licht der untergehenden Praiosscheibe selbiges in ein beeindruckes Farbenspektakel aus Orange- und Rottönen tauchten. Der lange Weg hinauf zur Festung war gewunden und zog sich durch eine flache Rodung, auf der nur kleine Hecken wuchsen. Er hatte vor drei Monden veranlasst, dass der Baumbestand rund um die Festung auszudünnen war, damit man einen weiteren Blick ins Land hatte und potenzielle Angreifer schneller auszumachen waren. Dieser Rodung war es nun auch zu verdanken, dass seine Augen einen Reiter erblickten, der sich der Festung näherte. Er brauchte nichts zu tun, die Wachen waren inzwischen ausgebildet genug, um zu wissen, wie man reagierte. Der gestandene Krieger legte nur seine Hände ruhig auf die kalten Zinnen. Es ist kein Bote, dafür ist das Pferd zu stark und der Reiter zu gerüstet. –  schloss er gedanklich aus seiner Beobachtung. Vielleicht ist es ein Soldat aus der Stadt – überlegte er weiter. Doch schon lange war keiner mehr von dort hier hoch geritten. Der Krieger ließ seinen Blick wieder durch die Ferne streifen. Er kniff die Augen etwas zusammen, um zumindest das Gefühl zu haben, besser gucken zu können. Doch das, wonach er Ausschau hielt, konnte er nicht erblicken. Keine Rauchsäulen, keine Banner, keine Lager. Alles ist ruhig. – konstatierte er gedanklich. Vom höchsten Turm der Festung aus konnte man die ganze Baronie überblicken – weit hinunter bis zur Tarnele, nach Hammerschlag und sogar darüber hinaus bis zum Gestüt derer von Rahjaweiden. Alles war ruhig.

„Ein Reiter nähert sich!“ rief die Torwache und der Krieger konnte beobachten, wie im Burghof Bewegung aufkam. Der Ruf der Wache drang nur schwach bis zu seinem Turm hinauf. Die Hunde des Zwingers bellten auf und zwei Schützer des Ordens bemannte das offene Tor. Das schwarze Banner des Schutzordens der Schöpfung direkt unter ihm knatterte laut im Wind, als eine Böe aufkam.

Die hölzerne Luke hinter ihm öffnete sich scheppernd. Ein junger schmaler Mann in einer langen und dunkelgrauen Robe stieg empor. Unter seinem Arm hielt er ein dickes Buch fest umklammert und auch einige hastig zusammengesuchte Schriftrollen klemmten zwischen seinem dünnen Oberarm und seiner flachen Brust.

„Ser! Ich habe es gefunden!“ – intonierte der junge Mann außer Atem, offenbar war er den ganzen Weg von der Bibliothek bis hier hoch gerannt. „Tritt näher Halrik“, antworte der Krieger knapp ohne den Blick von dem sich nähernden Reiter zu lassen.

„Ich habe die Abschriften der Bücher aus der alten Senne durchgesehen …“ begann er zu erklären, trat näher an den Rand der Zinnen und prustete noch immer nach Luft. Seine schmalen Schultern bebten und seine Brust flatterte hastig auf und ab. Dem Krieger flog ein kurzes lächeln über die Lippen. Er mochte den jungen Studiosus, wenn man ihn mit einer Aufgabe betraute, konnte man sicher sein, dass er sich voller Inbrunst hineinstürzen würde, bis er zu seiner angemessen Lösung kam. Und wenn er noch kein Ergebnis hatte, dann versicherte er, dass er weiter suchen würde bis er eines haben würde. „ … und sie mit den geborgenen Aufzeichnungen der Kultisten verglichen. Es sieht so aus, als würden die Symbole die wir … oh ein Reiter!“ Der Krieger schnaufte. Was er an dem jungen nicht mochte: Er war sehr leicht abzulenken. „Ser Gneisor, sollten wir nicht der Wache Bescheid geben?“ frug er im Tonfall eines Kindes, dass sich bei seinem Vater erkundigte, ob es nicht besser wäre der Forderung der Wegelagere ‚alles Gold her oder Leben!‘ nachzukommen. Und was der Krieger noch nicht mochte: Dass er sich ständig in Dinge einmischte, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte. „Die Symbole Halrik“, erinnerte ihn der Ordensmarschall der Festung Friedstein im väterlich geduldigen Ton. „Achja, ja – die Symbole.“ bei der Suche nach der richtigen Schriftrolle, plumpsten ihm zwei herunter. Eines rollte er dann hastig auf und zeigte er dem Ordensmarschall. „Wie ihr hier sehen könnt, Ser – stimmen diese Symbole hier überein. Bisher konnten wir noch nicht bestimmen welche Bedeutung sie haben, doch nun wissen wir es!“ Ser Gneisor blickte nur kurz auf die ihm vorgehaltene Schriftrolle, welche ein Wirrwarr aus Kritzeleien, zwiebelförmigen Kreisen, bauchigen Dreiecken und anderen Symbolen enthielt, wie sie jeden Tag in Tsaschulen entstanden. Sein Fokus lag auf dem Reiter der sich näherte – als er kurz vor der Mauer war – erkannte Ser Gneisor, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelte.  „Und dank eurer guten und teuren Ausbildung, für die der Orden jeden Mond aufkommt, seid ihr zu welchem Ergebnis gekommen, Studiosus?“ Ser Gneisor blickte nun in die freudigen Augen des Jungen aus dem Hause Tarnel, die so funkelten, als hätten sie gerade Omas geheime und letzte Keksdose oben auf dem Schrank gefunden. „Das Ergebnis, Ser ist …“ der freudige Blick wich adhoc aus dem zarten Gesicht, denn er wusste, dass die nächsten Worte seinen Herrn nicht erfreuen würden. „Sie haben Sara’kiin herbeigerufen, die Limbusverzehrerin. Das heißt, sie ist hier, Sie ist auf unserer Sphäre.“

Der Wind ließ das Banner der Ordens wieder erneut knattern. Ein langer Moment verging. Ser Gneisor wusste, dass er diese Kunde an die Auserwählten schicken musste. Die Eiselementaristin Saria Fuxfell, die ehemalige Trägerin des Amuletts der Hesinde, war gefallen und nicht gestorben. „Bist du dir wirklich sicher?“ Ser Gneisor musste einfach nochmal nachfragen, obwohl er wusste, dass, wenn Halrik etwas postulierte, es so sicher war wie das Schweigen im Borontempel. „Ja, Ser.“ Antwortete er leise. „Soll ich eine Nachricht an Herrn Nehazet schicken?“ „Nein, ich werde die Nachricht selbst aufsetzen.“ Was Ser Gneisor nicht sehen konnte war, dass Halrik nur bestätigend nickte und dann seinerseits ebenfalls einen Blick über die Zinnen riskierte. Die Reiterin war inzwischen im Burghof angekommen und blickte geraden den Turm empor. Die Blicke des Ordensmarschalls und der neuen Schutzritterin und Heermeisterin der Ordensfestung trafen sich aus der Ferne. Unten im Hof übergab die greifenfurter Ritterin die Zügel ihres Pferdes an den Stallknecht. An einen Schützer gewandt befahl sie dann: „Geht zum Ordensmarschall und berichtet ihm, dass Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn, Ritterin aus Greifenfurt hier ist, um ihren Dienst als Heermeisterin der Komturei anzutreten.“

10. Friskenmond – Avahütt

Es ist der Abend des 10. Friskenmonds 2655 nach Jurgas Landung. Magister Grönte sitzt am Mittelfeuer des Grasodenhauses des kleines Weilers. Selbst jetzt, eine Stunde nachdem sein Mündel begonnen hatte eine Orklende anbraten zu wollen, liegt der unangenehm beißende Geruch noch immer in der Luft. Jasper riecht kurz – ohne das es die anderen mitbekommen – an seinem weißen Reisegwand. Wie soll ich diesen Geruch nur wieder raus bekommen? Womöglich muss ich mich da wirklich des Sapefacta-Cantus behelfen – denkt er sich und verzieht für einen Moment angewidert das Gesicht. Nur ungerne würde er für einen so banalen Fall zu einem Zauber greifen wollen.

Behände greift der Magister in seine lederne Tragetasche und holt ein grün eingebundenes Diarium und einen kleinen Griffel heraus, den er in einer kleinen Birkenholzschachtel aufbewahrt hatte. Vorsichtig klappt er das inzwischen in die Jahre gekommene Diarium auf, schlägt die Beine übereinander, um das Buch darauf sorgsam ablegen zu können, und beginnt darin zu blättern. Ein schmales Lächeln macht sich unter seinem dichten braunen Bart breit, als Jasper seine alten Diariumseinträge überfliegt. Die Einnerung an die Zeit, als er zusammen mit Hetmann Tronde auf der Otta Isnendevind nach Albernia aufgebrochen war, versetzt den schmalen Magier in eine wohlige Woge der angenehmen Erinnerungen. Ihm entfährt sogar ein kurzer Ton des angenehmen Glücksgefühls, den zu seinem Glück niemand mitbekommen hat, da alle um ihn herum zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt waren.

Jasper schlägt eine leere Seite auf, lässt den Griffel zwischen seinen Fingern rotieren und schaut hinüber zu Hakon und Swafleif. Der junge Ifirndiener lauscht dem Barden gerade bei einer Anekdote über eine Heldengruppe im vierten Orkensturm. Neben Hakon sitzen da noch zwei der jugendlichen Sprösslinge des Dorfes die ebenfalls an Swafleifs Lippen hängen. Eigentlich wollte Jasper gerade anfangen seinen Tagebucheintrag zu verfassen, doch er gibt sich dem Drang hin, dem Mann mit der Harfe zu beobachten – nicht aus irgendeinem romantischen Interesse heraus – sondern eher aus einem forschenden Drang heraus. Ein interessantes Exemplar der thorwalschen Bardenkunst – dachte er sich. Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, weshalb jemand wie er mit jemanden wie Alrik gemeinsam reist und sie miteinander umgehen, als wären sie Freunde. Die zwei sind ein ungleiches Paar, Swafleif ist Redegewand – gut, typisch für einen Thorwaler auch überaus prahlerisch – aber er ist rhetorisch versiert, was ihm seine Kunst auch nahelegt. Die Lyrik und der Gesang machen ihn wohl zu einem Schöngeist, der im Körper eines grobschlächtigen ‚Seeräubers‘ gefangen ist. Immerhin achtet er deutlich stärker als andere Exemplare seiner Art auf sein Erscheinungsbild. Er geziemt sich zu waschen, seinen Bart zu pflegen und auf die Sauberkeit seiner Kleidung zu achten. Jasper musste daran denken, als er Swafleif dabei beobachtet hatte, wie er akribisch kleinere Flecken in seinen Kleidern versuchte zu entfernen. Der Magier lächelte kurz. Als Magier hatte auch er ein gewisses Maß an Eitelkeit, doch bei einem Thorwaler hatte er diesen Charakterzug noch nie beobachten können. Er wäre eine hervorragende Charakterstudie, wenn ich mehr Zeit dafür hätte  – überlegt sich Jasper und lässt seinen Blick weiter schweifen.

Sein forschender Blick bleibt auf der schlanken, in enger Lederkleidung gehüllten Halbelfin hängen. Sie selbst nennt sich Katrina – Jasper vermutete – dass es nicht ihr richtiger Name ist. Gestalten wie sie pflegen selten ihren wahren Namen, geschweige denn überhaupt je die Wahrheit, zu sagen. Ihr elfisches Erbe vermachte ihr Fähigkeiten, mit denen sie nicht geizt. Sie ist flink, drahtig und behände im Umgang mit kurzen Klingen. Ob sie wohl auch magische Fähigkeiten besitzt? Vielleicht sogar welche, von denen sie noch keine Kenntnis hat? – Jaspers buschige Brauen senkten sich ein wenig. Erneut fingert er in seiner lederne Tragetasche hinein und holt einen kleinen Flachmann hervor. Kurz gönnt sich Magister Grönte eine Nase des köstlichen Meskinnes, bevor er sich einen kräftigen Schluck davon zu Gemüte führt. Der Geschmack der Heimat. Wohlige Erinnerungsfragmente an die kühlen Tage in Norburg durchschießen seine Gedanken. Er denkt an die Schwestern des Hexenzirkels mit denen er gelegentlich abends beisammen saß und bei einer Kräuterpfeife über die Götter und die Welt philosophierte. Manchmal gesellte sich zu der Runde ein Elf – auch wenn er stets die Pfeife ablehnte – so war er ein interessanter und gutaussehender Charakter. Jasper verlor sich damals manchmal in seinen großen Augen und stellte sich vor, mit ihm gemeinsam durch die Wälder zu pirschen. Noch ein Schluck Meskinnes rinnt Jaspers Kehle hinab. Ach hätte ich mich damals doch nur getraut – durchschoss ihn der Gedanke in Bezug auf den Elfen, den er mit dem kühlen Schnaps versuchte auszulöschen. Jasper erinnert sich an die Worte des Elfen, dass ihr Blut stets magisch ist und es dies selbst in unreinen Nachkommen bleibt. Nun – dachte der Weißmagier weiter – ich werde es wohl noch herausfinden.

 

Schwarz wie die Nacht

Auf dem Tunierplatz konnte er noch die Fassung wahren, doch je weiter er sich von ihm entfernte, desto erschrockener wichen die Leute ihm aus. Sein grimmiger, wutgefüllter Blick vermied es, das sich jemand gemüßigt fühlte ihn anzusprechen. Als er in seinem Zelt ankam, warf Bothor wütend sein Pailos fort und legte fluchend seine Rüstung ab. Wie konnte es sein, dass ihn seine Mutter Rondra so sehr im Stich ließ? Seit 27 Götterläufen dient er ihr nun schon und das war ihr Dank dafür!? Ihn zu blamieren!? Dies war kein ehrenhafter Zweikampf, den er gegen ihren Auserwählten verloren hat – Bothor war schon vor dem Kampf klar gewesen, dass es schwer werden würde gegen Sieghelm. Er ist ein würdiger Auserwählter der Leuin und ein sehr guter Kämpfer. Aber die Hauptfrau der Nordmärker Garde? Der Marschall Garethiens? Der Graf zu Yaquirtal? Die Königin des vermaledaiten Mittelreiches! Sie alle waren schlussendlich chancenlos gegen ihn gewesen. Aber gegen Sieghelm? Er fühlte sich schlechter, als nach seinem ersten Amphorenkampf während der Ausbildung, als er nach dem ersten Treffer das Gleichgewicht verlor und sich nicht länger auf den Amphoren halten konnte. In den 20 Jahren danach ist ihm nie wieder so etwas peinliches widerfahren – bis heute.

Inzwischen hat sich Bothor seiner Rüstung entledigt und kleidet sich in den wenigen schwarzen Stoff, den er besitzt, inklusive dem Wappenrock des Ordens. Die Kapuze tief in das Gesicht gezogen verlässt er Zelt und die alte Residenz. Als nächtlicher Schatten am Tage läuft er durch die Straßen Gareths, bis er den Tempel der Herrin Rondra erreicht. Regungslos steht er in der Pforte. Er möchte laut in den Tempel brüllen, doch nur in seinem Kopf klagt er sie an. Wenn du nicht mehr meine Herrin Mutter sein möchtest, bin ich nicht mehr dein Sohn! Er reißt sich eine Kette vom Hals, lässt sie aus der Hand gleiten und wendet sich vom Tempel ab. Wie von selbst führen ihn seine Schritte durch die Stadt, seine Gedanken sind dunkel und leer wie die Schwärze der Nacht. Als er das nächste Mal wieder klar seine Umgebung wahrnimmt steht er vor dem Altar des Tempels des Schwarzen Lichts. „Ihr da!“, blafft er etwas zu laut einen der Geweihten an. „Schickt den Hüter des Raben zu mir!“, befiehlt er deutlich flüsternder aber immernoch bestimmt. Dann wendet er sich dem Altar zu und spricht still zu ihm. Boron, Herr des Todes, Wächter über den Schlaf. Lass mich dein Diener sein, für den du mich erwählt hast, führe mich durch die Dunkelheit der Ewigkeit meines Seins, erweitere meinen Geist durch die Weisheit deiner Rabenschwingen. Ich, Bothor, bin dein Auserwählter, bis in deine Hallen!

Eine denkwürdige Begegnung

Der Bergkönig hatte gerade das Zelt verlassen und einen verstörten Gewinner des Turniers für Schwere Waffen zurückgelassen, als Schützer Rarik, der kauzige Krieger aus dem Hause Prutz, von seinem Posten vor dem Zelt hinein kam. Sieghelm hatte die Botschaft, dass das Bankett in die Thermen verlegt wurde, noch nicht ganz verdaut, da wurde er von seinem ergebenen Soldaten angesprochen: „Mein Herr, dort ist jemand vor dem Zelt, der euch sprechen möchte.“ Sieghelm stutzte und sah Rarik fragend an. „Hat er oder sie es nicht für nötig gehalten, sich vorzustellen?“ wollte er in einem fast schon belehrenden Tonfall wissen. „Nein mein Herr – er sagte nur, er möchte zu …“ Rarik unterbrach sich und schluckte, denn was er jetzt aussprechen musste, fiel ihm schwer über die Lippen zu bringen. „ … verzeiht mir Sir, aber dies sind nicht meine Worte, sondern die des Herrn draußen vor dem Zelt“, entschuldigte sich Rarik, der sichtlich beschämt war und herumdruckste es auszusprechen. Sieghelm senkte die Brauen, schüttelte die Verwirrung ab und streckte die Brust heraus. So hatte er seinen Schützer noch nie erlebt. „Sprich Rarik …“ sagte er dann im ruhigen aber befehlenden Tonfall. „Der Herr sagte …“ setzte der bärtige Schützer mit dünnerer Stimme erneut an, „ … er möchte zu Sieghelm Ochsenschwanz“. Sieghelm durchfuhr ein zuckender Schmerz im unteren Rücken. Ein Schmerz, den er schon lange nicht mehr gespürt und längst vergessen hatte. Unwillkürlich schob er beide Beine etwas breiter auseinander und verlagerte sein Gesicht gleichmäßig darauf. Sein Gesicht zeigte für einen kurzem Moment Entsetzen, gefolgt von einem noch kürzeren Moment der Freude, nur um dann in Ausdruck der freudigen Überraschung zu verharren. „Lass ihn ein, Rarik“, intonierte er. Rarik brauchte einen Moment um die Aussage seines Herrn zu verarbeiten. „Jawohl, Sir.“ Rarik deutete eine knappe Verneigung an und ging rückwärts aus dem Zelt heraus.

Nachdem der Schützer das Zelt verlassen hatte, blickte sich Sieghelm wie ein Kind, dass kurz bevor die Eltern ins Zimmer kamen noch zügig das letzte unaufgeräumte Spielzeug unter das Bett schieben musste, hektisch im eigenen Lagerzelt um. Er unterdrückte das Verlangen, den hastig hingeworfenen Wappenrock auf der Bank zusammenlegen zu wollen, und konzentrierte sich auf seine Haltung. Er war jetzt Ordensgroßmeister vom Orden zum Schutze der Schöpfung, es gab keinen Grund für ihn sich wie dereinst zu verhalten. Er musste sich wahrlich nicht verstecken. Er rief sich in Erinnerung, dass er gerade das Turnier der Schweren Waffen gewonnen hatte – nicht irgendein Turnier – sondern das alljährliche stattfindende Turnier in Gareth. Jeder, wirklich jeder Krieger, der was auf sich hält, träumte davon. Jeder Krieger war schon mindestens einmal dabei und hatte die ganzen Kämpfer bewundert, wie sie mit all den Waffen umgingen und sich gegenseitig im rondragefälligen Zweikampf miteinander duellierten. Und nicht nur das, Sieghelm hatte auch die Tjost, den Lanzenganz zu Pferd, gewonnen und er führte nun in der Gesamtwertung. Im Moment war er der größte und umjubelteste Krieger des ganzen Mittelreichs, zudem stand noch der Ritterschlag zum Reichsritter aus – eine der höchsten Ehren, die man als Absolvent einer mittelländischen Kriegerakademie bekommen konnte. Der Ritterschlag würde von der Regentin höchstpersönlich durchgeführt werden. Sieghelm hatte jeden Grund dazu stolz auf sich zu sein – und dann betrat ER das Zelt.

In das schwarze Zelt des Ordens kam ein gealterter, sehniger Krieger in einem schwarzroten Wappenrock. Ein grauer Haarkranz umspielte sein bares Haupt, welches von zahlreichen Narben übersäht war. Die ebenfalls grauen Brauen waren buschig und die Falten in seinem Gesicht waren in den letzten Götterläufen zu tiefen Furchen geworden. Auf seinem Wappenrock war die rotbrennende Lilie der Kriegerakademie der Feuerlilien zu Rommilys zu sehen. Ein Anderhalbhänder, dessen halbrunder Knauf und die schlichte Parierstange Sieghelm nur noch allzu schmerzlich in Erinnerung geblieben sind, hing fest auf seinem Rücken.

„In Feuer geboren, eure Exzellenz.“ sprach der Mann in einem tiefen Tonfall, welcher über die Jahre noch tiefer geworden war. In seiner Stimme war keine Spur von Bitterkeit oder Missgunst zu hören, was er sagte, meinte er ernst.

„In Feuer gehärtet.“ antwortete Sieghelm mit so fester Stimme wie es ihm möglich war, denn diese Begrüßungsfloskel war ihm noch gut in Erinnerung geblieben. „Es ist mir eine Ehre, euch nach so langer Zeit wiederzusehen, Meister Perainor.“ Der alte Mann war kein geringerer als Sieghelms alter Schwertmeister Perainor G. von Bregelsaum, Ausbilder für den Waffengang mit dem Anderthalbhänder an der Feuerlilienakademie. Perainors Blick wanderte innerhalb einer Sekunde durch den gesamten Zeltinnenraum. Sieghelm fühlte sich in seine alte Stube an der Akademie zurückversetzt. Damals wie heute gehörte es zum Teil der Ausbildung, dass die Schwertmeister auch für den ritterlich-traviagefälligen Umgang mit der eigenen Stube und der eigener Ausrüstung der angehenden Krieger zuständig waren. Sieghelm schossen sofort mehrere Makel durch den Kopf: Der Wappenrock liegt nicht ordentlich zusammen, der unsortierte Waffenständer, die Beinschienen sind nicht poliert, auf den Stiefeln ist Schmutz, die Schwertscheide hängt nicht … „Ich bin hier, um euch zu eurem Sieg zu gratulieren.“ Sieghelms Gedankenstrang wurde jäh unterbrochen. Der Schwertmeister trat einen Schritt auf Sieghelm zu und reichte ihm die rechte Hand und dessen Unterarm zum Rittergruß. In den ganzen vier Götterläufen, die er an der Akademie war, hatte er niemals den Rittergruß vom Schwertmeister angeboten bekommen.  Er blickte auf die ledernen Handschuhe des grau gewordenen Schwertmeisters – es waren immer noch dieselben wie damals – fein gegerbtes und zweimal gehärtetes Ziegenbauchleder. Wenn man damit einen Schlag mit dem Handrücken bekam, hatte man noch Tage danach die Nähte und Nieten als Abdruck im Gesicht. Sieghelm musste seinem Arm befehlen nach dem Unterarm des Schwertmeisters zu greifen, irgendetwas in ihm widersetze sich. Die Pranken der beiden Krieger umschlossen sich und ein lauter Knall durchdrang das Zelt als gegerbtes Leder aufeinander prallte. „Ich …“ hörte sich Sieghelm sagen „ … danke euch, Meister.“ Berauscht von dem Moment, war Sieghelm nicht Herr seiner Gedanken. Vor ihm stand sein alter Schwertmeister, härtester Ausbilder und größter Feind.

„Spart euch das ‚Meister‘ – die Ausbildung ist seit fünf Götterläufen beendet. Ich habe eure Kämpfe beobachtet – ihr schlackert auf euren Beinen noch immer wie ein Ochsenschwanz umher. Ich habe in den vier Jahren die ihr Schüler an der Akademie wart, vergeblich versucht euch das auszutreiben.“ Ein kurzes und süffisantes Lächeln umspielt die Lippen des Schwertmeisters. Erneut korrigiert Sieghelm seine Beinhaltung und versucht damit vergeblich der  ‚Ochsenschwanzhaltung‘ entgegenzuwirken. „ … doch offensichtlich …“ Setzt Perainor fort „ … begründet ihr damit euren ganz eigenen und offensichtlich erfolgreichen Kampfstil.“

Draußen vor dem Zelt musste sich Schützer Prutz ein lautes Lachen verkneifen, als er das Gespräche im Inneren des Zeltes verfolgte. Unter keinen, absolut gar keinen Umständen dürfe jemals jemand davon erfahren. Niemand dürfe es jemals hören, denn dann würde Sieghelms Kampfstil als die „Ochsenschwanzhaltung“ in die Geschichte eingehen. Dann kam plötzlich Knappe Perainius von einem Botengang zurück. „Hey Perainius!“ rief Rarik im Flüsterton und grinste dabei verschwörerisch. „Hör mal, ich muss dir etwas erzählen.“