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Tsagefällig

Das Hexenfeuer lodert um den gigantischen Scheiterhaufen, der noch lange brennen soll. Die fröhlichen Hexen singen und tanzen in wilder Ektase drum herum. Selbst Delia ist nun mit dabei nachdem sie und Kalkarib ihren wertvollen Stab zerbrachen und dem Feuer übergaben.

Es scheint, dass sie der Schwesternschaft entsagt. Sie muss ihn wirklich sehr lieben. Obwohl … welche Veränderungen haben wir bei ihr hervorgerufen? Hat Nehazet nicht den Traumkalkarib dazu bewogen von seiner Abkehr abzusehen? Tragen letztlich wir die Schuld an ihrer schicksalshaften Entscheidung? Hoffentlich haben wir ihrem Geist keinen Schaden zugefügt. Ich selbst war in jener Welt langsam dabei den Verstand zu verlieren. Es war einfach zu verwirrend. Die Realität verblasste zusehends. Während Nehazet wie im Wahn alles seinem Willen unterwarf, stach ich Alwine, die Hausherrin des bäuerlichen Herrenhauses, gleich zwei Mal nieder. Ich war fest von einer Falle der Dämonin überzeugt. Sieghelm reagierte darauf übertrieben hysterisch. Im Nachhinein ein gutes Zeichen. Zumindest hatte er den Boden unter den Füßen noch nicht verloren. Der nächste Schock für ihn kam, als ich Kaiser Reto tötete, weil er Travia frevelte. Aber auch er stand kurz danach wieder auf. Ich weiß nicht, was von allen Geschehnissen auf Nehazet zurückzuführen ist. Jedenfalls konnte er Kolkja helfen indem er verfügte, dass seine erste Frau niemals gestorben sei, sondern nur im Koma lag. Ob das für Delias Seelenheil förderlich war, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen sie stattdessen endlich Boron übergeben, als Zeit und Raum zu beeinflussen, so dass sein Wunsch doch noch in Erfüllung ging? Es gibt Dinge, die sollten nicht verändert werden. Es hat einen Sinn, dass es geschah! Aber inwiefern zählen die derischen Weisheiten in solch einer Welt?

Ja, es wurde Zeit, dass wir den Traum verließen. Denn dann tauchte eine sechsjährige Delia auf. Auch hier war ich mir sicher, dass sie die Dämonin sei. Jedoch versprach ich Sieghelm niemanden mehr auf Verdacht zu töten. Und so wartete ich. Geduldig, wie ein Baum die tödliche Lawine erwartet. Beständig und bewusst. … Außerdem war es Delia … *seufz*… Menschen sind so emotional und dumm! Denn tatsächlich offenbarte sie sich draußen als Liv. Sieghelm stellte sich ihr tapfer in den Weg, während Nehazet sie zurück in die Niederhöllen schickte. Delia war gerettet und wieder mit sich selbst vereint. Vollständig. Hat ihr bisher etwas gefehlt? Ich habe nichts bemerkt.

Ihre Aufmerksamkeit wendet sich wieder der Gegenwart zu. Sieghelm befreit sich neben ihr umständlich von seinem Wappenrock. Der arme Rondrian war sichtlich verzweifelt, was ob er es seinem Herrn gleichtun sollte oder nicht. Azina hingegen schaut dem Treiben nur gedankenverloren zu, als der der Herr von Spichbrecher ebenjenes Wappen in das Hexenfeuer wirft. Gierig fraßen die Flammen dieses Opfer.

Was tut er da? Er wirft seine Herkunft weg. Seine Herkunft … möchte er ein anderer sein?

Sie ist ziemlich erschrocken über ihren neuen Gedankengang und zuckt kurz unter ihm zusammen. Ihr Blick fällt dabei auf Nehazet.

Wenigstens scheint Nehazet unverändert. Auch ein Hexenfeuer wird dein Amulett nicht vernichten, lieber Adeptus.

Am Ende ist es mir gelungen, wenigstens eine einzige Veränderung in dem Traum zu bewirken. Zwar war es nicht die prächtige weiße Lederrüstung, aber immerhin habe ich etwas bewirkt. Somit waren die stundenlangen Vorträge von Jane nicht umsonst. Überhaupt habe ich so ein wenig Einblick in die menschliche Psyche erhalten. Nur lehnen Firuns Lehren dergleichen Empfindsamkeiten ab. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Wer es nicht vermag, der fällt. … Aber es schadet jedoch nicht, zu verstehen, was die Menschen bewegt. So kann ihnen geholfen werden sich selbst zu überwinden … du siehst Firun … ein kleiner Teil von mir huldigt deiner schwanengleichen Tochter. ‚Gnade‘ ist ein Wort, welches dir fremd ist. Doch ich besitze sie. Ich verschonte Sefiras Leben bereits zwei Mal. Sie lehrte mich, dass jeder Schwächen hat. Nur liegt es an ihnen selbst damit fertig zu werden und aus den Geschehnissen zu lernen. Lehre nicht mit Groll, lehre mit Nachsicht. Bitte zürne nicht meiner Lektion.

Ich werfe nichts ins Feuer. Ich wünsche mir nichts. Meine Vergangenheit ist bewältigt. Meine Familie in Sicherheit. Meine Fehler sind vergolten. Ich richte meinen Blick auf die Zukunft. Dein Wille geschehe, weißer Jäger.

Was Delia betrifft. So wünsche ich ihr viel Glück. Sie wird diese Phase ihres Lebens überdauern. Was bedeutet schon die Lebensspanne eines gewöhnlichen Menschen für sie? Ich selbst kann nur hoffen, dass mein Erbe nicht vergessen wird. Und dafür streite ich. Für Dere. Für das Leben. Und somit letztlich für die Gnade.

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Azinas Gedanken

Belanglos?

Und wie er etwas präsentiert hat! Er hatte ein drittes Auge! Sogleich verwickelte er Jane einen Disput zur Ergründung der Kräfte. Meinen Einwand, dass wir doch losmüssen, wischte er beiseite. „nicht nötig“ meinte er nur. Ich begann nur nach und nach zu verstehen, was er meinte. Jane erwies sich als sehr begabt in Delias Unterbewusstsein Dinge zu bewirken. So erschuf sie einen Stein der Wasser sprudeln ließ. Leider handelte es sich um Salzwasser, was einer Nachlässigkeit bei der Erschaffung zu verdanken sein dürfte. Ich versuchte es ebenfalls. Nur gelingen wollte es mir nicht. Daraufhin hielt unsere Gelehrte auf dem Weg durch die Wüste einen stundenlangen Vortrag über die Möglichkeiten der Seelenheilkunde. Mäßig interessiert hörte ich zu. Könnte es doch tatsächlich nützlich noch sein, aber so richtig ist das wohl nicht mein Thema. Wer nicht mit sich im Reinen ist, verliert bei der Herausforderung des Lebens gegen sich selbst.

Ein prächtiges Kamel, was Jane da erschaffen hat. Es reitet sich ganz angenehm, wenngleich natürlich etwas ungewohnt holperig. Aber schnell ist es! Sogar durch den Sand, sodass ich ihm zuliebe darauf verzichtete, mich auf Nehazets gepflasterten Weg zu begeben. Der junge tote Jallal, den Jane zu neuem … Leben … erweckt hatte, lief hinter den anderen her. Er verschwand, als er sich seinem Hügelgrab näherte. Ich verstand, was diese Szene für Delia bedeuten sollte. Wie hin und hergerissen sie sein musste. Auf der einen Seite Kalkarib, der sich von ihr abwendet und auf der anderen Seite das offene Grab Jallals. Ein Zwiespalt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Wir halfen ihr mit beidem abzuschließen und machten ihr Mut, der Zukunft zu begegnen. Welche Auswirkungen werden unsere hiesigen Handlungen haben? Heilen wir tatsächlich Delias Seele, wie Jane behauptet? Lösen wir hier ihre inneren Zerwürfnisse? Ich hatte nicht den Eindruck, dass Delia unter irgendetwas leidet. Außer vielleicht unter ihrer Vergnügungssucht. Aber das ist ja nicht wirklich ein Leiden.

Ich erbot mich im nächtlichen Wald wache zu halten, da ich in dieser Welt nur mäßig von Bedeutung bin. Jane sollte sich ausruhen und ihre geistigen Kräfte schonen. Sie hat noch viel vor sich. Mitten in der Nacht hörte auf einmal lautes Herzklopfen und das Schreien einer Frau. Es kam mir bekannt vor, ich vernahm es schon einmal. Der Versuch, die anderen zu wecken, scheiterte. So ritt ich allein mit Bakkus dem Kreischen entgegen und entdeckte, wie sich fünf Delias an fünf Sefiras zu schaffen machten. Letztere starben gleich mehrere Tode. Nach verrichtetem Werk entschwand Delia im Schatten des Waldes, während die Sefiras sich vereinigten und eine Einzige blutend und wimmernd auf dem Waldboden liegen blieb. Verächtlich starrte ich auf sie hinab. Meine Faust umklammerte den Speer. Und doch … niemand verdient solch ein Schicksal. Ich selbst verschonte Sefira einst nach einem harten Kampf über den Dächern von Fasar, obwohl ich allen Grund hatte sie zu töten. „Nein Delia! Es wurde Zeit dir zu zeigen, was richtig ist. Rache ist keine Lösung. Die Götter werden über sie richten. Nicht wir.“ So begann ich mit den Wundbehandlungen. Danach schleppte ich sie mit Hilfe des Kamels zum Lagerplatz zurück, um gleich darauf einer Boronprozession ansichtig zu werden, die gleich wieder verschwand, als ich das Leben in Sefira prüfte.

Isaria nickte uns aus einem Baum heraus zu. Es schien, dass wir bisher alles richtig machten.

Gen Abend erreichten wir ein Dorf, welches Mahtab ähnelte. Im Gasthaus bewirtete uns auch Tuluf ibn Ali mit allem, was unser Herz begehrte. Vor allem das heiße Bad war unbedingt nötig, auch wenn Nehazet scheinbar den Sinn jeglicher normaler Interaktion abhanden zu kommen droht. Er ist der Ansicht, dass es keinen Grund gibt, zu baden oder zu schlafen, da es sowieso nicht real ist. Ich denke da anders. Es ist so real, wie wir es wollen. Und wenn uns schlafen und baden entspannt, dann ist das so; auch wenn ich mit Ernüchterung feststellen musste, dass ich nicht müde war, als ich versuchte mich an der Stallwand schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen verursachten die anderen einen Mob, der sie daran hinderte das Gasthaus zu verlassen. Ich versuchte die Menge abzulenken, was nur mäßig funktionierte. Jane erschuf sicherlich eine Art Hinterausgang, denn sie kamen von außen heran und bestiegen die bereitgestellten Pferde. Zum Glück konnte ich noch mein Kamel von Sieghelms Wappen befreien, während die anderen jedoch unter seinem Banner ritten. Ich freue mich schon auf Sieghelms Reaktion, wenn er dessen gewahr würde.

Ich verstehe nun, was Nehazet meinte, dass Zeit und Raum hier nicht von Belang seien. Ist hier doch alles unwirklich und surreal. Dennoch. Einen Teil normalen Lebens sollten wir aufrechterhalten, um uns selbst in dieser Traumwelt nicht zu verlieren. Wie leicht kann man abdriften und verloren gehen? Sind meine Freunde am Ende in der Lage, sich loszueisen von der Macht, die sie hier besitzen? Um Jane mache ich mir dabei am meisten Sorgen. War sie doch ganz hysterisch, als sie tatsächlich Magie gewirkt hatte. Man erkannte verborgene Sehnsüchte, die ihr auf Dere verwehrt blieben. Sie ist mit sich selbst nicht im Reinen. Das ist gefährlich.

Wenn ich mir einen Wunsch erfüllen wollen würde, der nur für diese Zeit hier gültig ist. Was wäre dies?

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Azinas Gedanken

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke III

— als Malzan Daske —

Am frühen Morgen des 7. Borons 1026 n. BF schlich sich ein einsamer Phexensjünger aus dem Anwesen Tulachims. Bei sich trug er Fingernägel, Haare und Blut von Adeptus Nehazet ibn Tulachim, einige Haare der Hexe Delia sowie sein eigenes Blut in einer Phiole. Welche Probe von wem genau stammt ist ihm nicht bekannt. Nur, dass sehr wahrscheinlich seine eigene darunter ist. In dem Schreiben zum Auftrag stand etwas von der zweiten Hälfte der Belohnung. Nur mit Mühe konnte er sich und seine Goldgier zurückhalten, in seine alte Lagerstadt gehen und dort auf eine weitere Nachricht zu warten. Zu gefährlich! Stattdessen vernichtete er im Phextempel die Proben mit Hilfe von Feuer vollständig. Auch ließ er sich dort ein Empfehlungsschreiben aus Ferdok über einen gewissen Reonar Wolf ausstellen und hielt fortan Ausschau nach einer passenden Anstellung in einem hochherrschaftlichen Hause. Verborgen auf dem Basar konnte er ein Gespräch mithören und bewarb sich, frisch in neue Kleidung gehüllt, als niedriger Kammerdiener mittelländischer Herrschaften. Die Nachricht über die zweite Hälfte der Belohnung erreichte ihn bisher nicht.

Er begann sich in der Rolle wohl zu fühlen. Rasch erhielt er das Vertrauen der Herrschaften durch seine charmante und liebevolle Art. Seine wahre Leidenschaft hielt er jedoch zurück. Es gibt künftig noch genug Gelegenheiten. Ein großer Ball soll beispielsweise in naher Zukunft in diesem Hause stattfinden. Da gibt es einiges zu holen. Diebisch freut sich Malzan auf jenen Tag.

Zum Forenspiel.

Delia zu retten

Ich hab es doch geahnt. Die friedliche Stimmung hier im Dorf trügt nur den Schein vor den finsteren Machenschaften im Verborgenen. Eine Dämonin namens Liv hält einen Teil von Delias Seele gefangen und fordert nun den Rest von ihr. Selbstverständlich bin ich bereit für Delia gegen diese Dämonin zu kämpfen. Doch nagen Zweifel an mir. Die Rolle Isarias ist undurchsichtig. Sicher, sie hat mir sehr geholfen und hilft mir weiterhin beim Schutz meiner Familie. Ich bin ihr zu großem Dank verpflichtet. Schon allein daher stürze ich mich für ihre Tochter in den Schlund der Chaos. Von der Zuneigung zu Delia mal abgesehen und von der Erwählung ganz zu schweigen. Und doch … die Art und Weise, wie sich Isaria aufführt ist … unberechenbar. Ihr hohes Alter gestattet es ihr, sich allen anderen erhaben zu führen. Zudem muss sie mehr verschweigen als erzählen, um die Geschicke zu lenken. Ich zweifle nicht an ihrer Aufrichtigkeit und an ihrem guten Willen. Und doch … ist mir nicht wohl bei der ganzen Sache. Dann noch Kalkarib! Dieser Bursche, wie Jane es so richtig aussprach, soll über Delia wachen. Dem Jungen fehlt es an Toleranz und Weitsicht. Engstirnig und emotional ist er. Was Delia an ihm findet ist mir ein Rätsel. Frauen sind für ihn niedrige Geschöpfe, die zu seinen Füßen zu kriechen haben. Pah! Zurecht hat sich Jane aufgeregt. Aber … zumindest Deila scheint ihn ganz durcheinander zu bringen. Seine Gefühle zu ihr sind echt. Was ihn natürlich nicht zu einem besseren Mann macht. Ich sah, wie Isaria ihn ins Gebet nahm. Ob ihm bewusst war, mit wem er dort sprach und vor wem er sich bloß stellte? Aber vielleicht kann er ja lernen. Ja, vielleicht.

Nehazet ist uns allen zuvor gekommen. Fröhlich springt er einfach durch das Tor. Es ist gut, ihn wieder bei uns zu wissen. Jetzt muss ich nur wieder lernen ihm zu vertrauen und ihn einfach machen zu lassen. Dass er Sieghelm und mich allerdings einer Horde Orks ausliefert, war fahrlässig! Er kann uns doch nicht einfach aus der Höhle ausschließen. Das kam einer Opferung an Boron gleich! Das wird ein Nachspiel haben! Ich denke nicht, dass Sieghelm ebenso denkt, wenn ich ihn mir so nach dem Kampf ansehe. Er war ganz versessen darauf, den Anführer persönlich zur Strecke zu bringen, dass er alles andere vergisst. Ich hätte wissen müssen, dass nicht sein konnte, was schien. Manchmal ist überlegen dem sofortigem Handeln vorzuziehen. Nehazet, hat heute seine eigenen Prinzipien im Angesicht der Gefahr verraten und sogleich gehandelt und uns damit in Lebensgefahr gebracht. So wie er in seine Meditation versunken ist, wird er das gerade gründlich durchdenken und uns morgen eine Definition dieser Traumwelt liefern. Das wird uns helfen echte Gefahren zu erkennen und Täuschungen zu durchschauen. Auch ich habe heute vorschnell gehandelt. Ich bin es wohl gewohnt schnell zu reagieren. Auf der Jagd und der Flucht ist das nötig. Aber hier gelten andere Gesetze. Isaria sagte, es seien Prüfungen. Und Prüfungen bieten immer eine Lösung. Mal sehen, was Nehazet morgen präsentiert, wenn die Sonnen aufgehen und ein anderes Licht bieten.

„Komm Bakkus.“ Gemeinsam ziehen sie den Leichnam des Orks aus der Baumhöhle heraus und verdecken ihn notdürftig ein paar Schritt entfernt unter Blättern, Erde und sonstigem leicht Griffigem. Ein kurzes Stoß gebet später begibt sie sich wieder hinter die Illusionären Wände und legt sich in ihre Bettstatt, um sich auszuruhen, nachdem sie und ihre Begleiter etwas zur Stärkung zu sich genommen haben.

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Azinas Gedanken

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke II

— als Malzan Daske —

Als es geschah, überfiel ihn schlagartig die Erinnerung an jenen Auftrag vom Abend des 6. Boron 1026 n. BF. Ein junger Mann betrat damals sein Versteck. Rasch verschmolz Malzan mit den Schatten. Der Fremde sucht offensichtlich nach etwas. Oder nach jemanden. Da hört er ihn auch schon rufen: „Herr Groti? Hanert Groti?“ Malzan erschreckt. Bei Phex! Wie hat er mich gefunden und woher weiß er wie ich mich hier nenne? Bisher habe ich diesen Namen nur gegenüber Jamarl und seinen dummen Kumpanen erwähnt. Haben sie mich etwa verraten? Innerlich fluchend schleicht er sich an den ahnungslosen Jungen heran. Ein kurzer Sprung und der Kleine hat einen Dolch an der Kehle. Keuchend erschreckt dieser, sodass die Klinge sich leicht in seine Haut einschneidet. Blut fließt in einem schmalen Rinnsal auf seinen Kragen zu. Umso besser, dann weiß er worum es hier geht. Sein Leben. „Was willst du hier? Sprich!“ sagt der Dieb mit grunzender Stimme. „I-I-Ich h-habe eine N-Nachricht für euch …“ „Halt! Hände da lassen wo sie sind!“ Geschickt fischt er die schwere Nachricht aus der Tasche des Jünglings. Er stößt ihn von sich in den Staub und stellt sich in den Schatten. „Wer schickt dich?“ verlangt er zu wissen. „D-Das weiß ich nicht. Bitte lassen Sie mich gehen. Ich soll nur die Nachricht übergeben.“ War ja klar, ein unschuldiger Bote. „OK, geh Junge!“ Das lässt er sich kein zweites Mal sagen. Er springt auf und rennt hinaus. Zur gleichen Zeit schnappt sich Malzan sein Bündel gewinnt rasch an Höhe. Mit der Nachricht verlässt er sein Versteck und macht sich auf den Weg durch die belebten Straßen Khunchoms. Sein Ziel ist der Phextempel. Erst dort wird er die Botschaft öffnen.

Als er sich in einer Nische des Tempels in Sicherheit wähnt. Öffnet er vorsichtig die Schriftrolle. Zuerst fällt ihm das klimpernde Geld auf. Geld! Dann bemerkt er auch die anderen Utensilien. Es handelt sich dabei um menschliche Proben. Je eine Locke schwarzer und roter Haare, einige Fingernägel und zwei Phiolen Blut. Was soll das denn? Da er nur schlecht lesen kann, bittet er einen verschwiegenen Phexdiener gegen bare Münze ihm das Schriftstück vorzulesen:

„Eure Kunstfertigkeit in den Disziplinen des Fuchses beobachte ich nun schon länger, Herr Hanert Groti, ich habe einen Auftrag höchster Eile für euch, der auch in eurem Interesse sein wird, es geht um den phexgefälligen Tausch einiger Gegenstände, die Adresse und besagte Gegenstände liegen bei, sowie auch die Hälfte eures Honorars in blinkender Münze, wenn ihr die Gegenstände erfolgreich vertauscht habt, so werdet ihr für besagte Gegenstände den Rest  eures Lohnes erhalten.“

Er hört gut zu und bittet den Vorleser so oft zu wiederholen, bis er es sich eingeprägt hat. Dankend verzieht er sich erneut in eine Nische. Ich werde schon länger beobachtet? Erneut schaut er sich um. Es ist niemand verdächtiges zu sehen. Ein Auftrag von höchster Eile. Die Adresse sagt mir kenne ich. Zeugt sie doch von der Prachtstraße Khunchoms. Nun, einmal anschauen kann ich es mir ja, wenn ich schon beobachtet werde, dann wahrscheinlich auch jetzt.

Er macht sich also auf den Weg zu dem Haus von Tulachim ibn Rashim. Dabei gibt er sich auf gewohnte Art und Weise unnahbar. Als er am Haus ankommt, trifft ihn fast der Schlag. Nein. Schon wieder sie. Durch ein Fenster kann er die Gestalten Sieghelms, Janes, Delias, Sulibeths und Nehazet erkennen. Auch ein Mann und eine Frau mittleren Alters sitzt mit ihnen am Tisch. Vorsichtig überwindet er die Mauer und schleicht sich bis unter das Fenster, um zu lauschen. Sie sprechen vor allem von der Abreise nach Zorgan am nächsten Morgen. Ein Auftrag von höchster Eile. Also wahrscheinlich noch vor der Abreise nach Zorgan. Es muss also heute Nacht geschehen! Klasse. Und das Ganze ohne Vorbereitung. Hoffentlich hat Nehazet keine Zauberfallen aufgestellt. Was sollte ich noch gleich tun? Die Gegenstände tauschen. Er besieht sie sich noch einmal genau. Rote Haare … Delia! Und schwarze Haare. hm, da könnten mehrere Personen in Frage kommen. Die übrigen Gegenstände nicht zuordbar. Aber wozu braucht man denn so etwas?

Während er lauscht, sucht er fieberhaft an einer Lösung des Rätsels. Aus den Gesprächen kann er heraushören, dass Nehazet, Sulibeth und Zafia zurück bleiben werden. Dafür wird die alte Frau, Alhina, sie begleiten. Zafia ist nicht mit am Tisch, offenbar ist sie verstimmt wegen der geplatzten Hochzeit mit Nehazet. Hä? Nehazet wollte heiraten. Das ging aber schnell. Und dann noch Zafia…. Zaifa! Das andere Hexenweib! Sie ist es. Sie ist das Ziel. Sie möchte sich an der Gruppe rächen und dafür braucht sie Haare von Nehazet und Delia, sowie Fingernägel von Sieghelm und Blut von Jane! Das ist es. Aber warum habe ich hier zwei Phiolen mit Blut? Hat sie es auch auf die Kleine oder die beiden Älteren abgesehen?“ Vor Schreck der Erkenntnis weiten sich seine Augen.  … der auch in eurem Interesse sein wird … Nein! Hat sie auch mir Blut gestohlen, als ich schwer verwundet bei ihr in der Hütte lag? Zafia …

Malzan wartet bis alle im Haus sich auf ihr Zimmer begeben haben. Er versucht herauszufinden, wer in welches Zimmer geht und wo sich Zafia befindet. Aber ohne Erfolg. Als es im Anwesen ruhig scheint, bricht er ein. Etwas ängstlich wartet er auf die Feuerbälle, denen er ausweichen muss. Aber nichts geschieht. Uff. Noch einmal Glück gehabt. Als er die Treppe hochschleicht stößt er in der Kurve mit jemand zusammen. Beide purzeln sie ineinander in die Ecke. Noch ehe die andere kleine Person einen Laut von sich geben kann, hält Malzan ihr den Mund zu. Sie windet sich in seinen Armen und versucht sich loszureißen. Doch er ist stärker und hält sie fest. „Psst. Ich bin es. Goswin. Ich lasse dich los, wenn du versprichst, nicht zu schreien oder anderweitig Lärm zu machen. Vertrau mir. Ich möchte euch nichts tun, ich muss nur etwas holen.“ Nach kurzem Zögern nickt Sulibeth. Er gibt sich ihr zu Erkennen und gemeinsam gehen sie runter in einen Raum, der sich als Bibliothek entpuppt. „Was tust du denn hier, und warum bist du weg gewesen?“ fragt die Kleine misstrauisch. Malzan schaut sie an und überlegt. Das Mädchen ist schlau. Vielleicht kann sie mir helfen. Er deutet ihr sich zu setzen und setzt sich in einen Schemel. Er legt seine komplette Überzeugungskraft in seine Worte und seine Stimme: „Du musst wissen Sulibeth; ich musste dringend fort. Ich hatte noch viel zu erledigen. Aber ich hasse Abschiede, weißt du. Da wird immer so viel geweint und alles. Das ist nichts für mich. Und nun ist mir eingefallen, dass ich bei Zafia etwas vergessen habe, als sie mich behandelt hat. Ich dachte, ich hole es schnell.“ Mit zusammengekniffenen Augen schaut sie ihn an und überdenkt seine Worte. „Nun gut, Goswin. Ich glaube dir. Aber du musst auch mir helfen, damit ich dir helfe.“ Kleines Biest! denkt er, sagen tut er jedoch: „Wobei soll ich dir denn helfen?“ „Ich suche ein Rätsel für Fräulein Peddersen. Ich werde hier in Khunchom bleiben, während sie weiterreist. Und ich möchte ihr ein Rätsel aufgeben, dass sie nicht so schnell lösen wird, damit sie an mich denkt.“ Schmunzelnd stimmt er der dem Handel zu. „OK, ich helfe dir bei der Suche. Also, wo ist Zafias Zimmer?“ Sulibeth hat ihm kaum den Weg beschrieben, als er sich schon auf den Weg macht. Aber nicht bevor er das Versprechen wiederholt hat, zurück zu kommen und ihr zu helfen. Erneut schleicht er die Treppe hoch. Dieses Mal darauf bedacht mit niemanden zusammenzustoßen. Eine weitere Bitte kann er nicht erfüllen. Als er das Schloss zu dem Zimmer der Hexe öffnet, sieht er sofort, dass Sulibeth Recht hatte. Das ist Zafias Zimmer. Hier sieht es aus, wie in einer Hexenküche. Sogleich macht er sich auf die Suche nach den Gegenständen. Lange muss er suchen, denn sie sind gut verborgen und offensichtlich sehr wertvoll. Vor dem Austausch zögert er. Warum sollte ich dem Auftrag entsprechen? Warum soll ich sie austauschen? Wem beschere ich damit Unheil? Das Ganze stinkt zum Himmel! Phex, was soll ich tun? Handel ist Handel oder? Egal, unter welchen Bedingungen. Ich bin nicht verantwortlich für ihre Taten. Außerdem würde sie es noch vor der Abreise der Gruppe merken und einen Weg finden, um sich neue … Zutaten … zu besorgen. Mit flinken Fingern tauscht er die Gegenstände. Er muss sich enorm zusammenreißen, um nicht ein paar von den verkorkten Fläschchen einzustecken. Sie würde es merken!

Ihm ist nicht bewusst, wie sehr Phex, ihm in dieser Nacht holt war. Im Dienste für das große Ganze.

Erleichtert zieht er die Tür zur Bibliothek hinter sich zu uns atmet ein paar Mal ruhig ein und aus. Handel ist Handel. Ich helfe der Kleinen bei ihrem Rätsel. Es stellt sich heraus, dass Malzan Sulibeth keine sonderlich große Hilfe ist, da er nicht gut lesen kann. Also wird er kurzerhand auf die Tätigkeit des Buchträgers reduziert. Der Morgen beginnt zu grauen und Malzan wird mulmig zu Mute. Als Sulibeth gerade dabei ist einige Bücher aufzuarbeiten läuft er nervös die Regale entlang. Ein glänzendes Buch mit kreisrunden Verzierungen erregt seine Aufmerksamkeit. Er fischt es heraus und legt es Sulibeth hin. Sie blättert ein paar Seiten durch und schreit irgendwann leise auf: „Das ist es! So etwas habe ich gesucht!“ Geschwind rennt sie mit dem Buch zum Schreibpult und verfasst eine Nachricht auf Bosparano:

„Wenn der Mann den Bären trifft, offenbart sich, dank heiliger Schrift, was weder Mensch noch Bärchen ist. – Sulibeth.“

Als sich das Mädchen freudestrahlend umdreht, um Goswin zu danken. Ist er bereits verschwunden. „Er mag also wirklich keine Abschiede.“ Sagt sie perplex.

Zurück in der Gegenwart.

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke I

— als Malzan Daske —

Ab 21. Travia 1026 n. BF

Ungesehen verschwindet er in der khunchomer Menschenmenge. Seine Kameraden Jane Peddersen, Sieghelm von Spichbrecher, Delia und Nehazet ibn Tulachim lässt er sich zusammensammelnd am Hafen zurück. Er sieht sich nicht um. Keine Träne des Abschieds verlässt seine starren Augen. “Nein Leute. Es ist zu gefährlich für euch mit mir gesehen zu werden. Ihr seid tapfere und aufrechte Frauen und Männer. Ihr verdient die Unbescholtenheit. Ich habe Großes vor und ihr währt nur eine Last für mich. Euer Gerechtigkeitswahn gereicht Praios zur Ehre. Ich aber bediene mich Phexens Pfaden.“ denkt er sich während er zum nächstbesten Gasthaus schlendert.

Zum Drachentöter. Eine recht heruntergekommene Spelunke direkt am Hafen. Der Wirt Tuluf ibn Taref schenkt ihm auf Anfrage ein Garetisches Helles ein. Provokativ stellt er sich mit seinem Bier mit dem Rücken zum Tresen und begutachtet das Gesindel. Bereit jederzeit seinen Dolch zu ziehen, ein paar Kehlen durchzuschneiden und zu verschwinden, sollte ihm einer ungemütlich werden. Er hält Ausschau nach passendem Material. Einer unterbelichteten Kontaktperson zum Khunchomer Untergrund. Und er findet einen, der von den anderen mit Jamarl angesprochen wird. Sie reden über belanglose Angelegenheiten, wie die Brüste der Frauen auf dem Markt, die geradezu zum Stehlen einladen, und spielen irgendein Kartenspiel. Er bestellt noch ein Bier und wartet ab. Vom Wirt weiß er, dass die Männer oft hier herkommen, um ihren „Verdienst“ zu versaufen. Harmlose Strolche nennt er sie. Interessant.

Malzan drückt Tuluf einige Münzen in die Hand und geht auf sein Zimmer ein Stockwerk höher und überdenkt seine Situation. Sein tulamidisch ist sehr schlecht. Er nimmt sich vor, es zunächst so schnell wie möglich zu verbessern, um hier zu Recht zu finden. Er verbringt die nächsten Tage damit sich in der Stadt und vor allem auf dem Basar umzuschauen und alle Eindrücke aufzunehmen, Gassen zu erkunden und nach Nützlichem Ausschau zu halten. Bei einer guten Gelegenheit stielt er zur Stadt passende unauffällige Kleidung. Dank seiner herausragenden Anpassungsfähigkeiten gelingt es ihm schnell sich zu Recht zu finden.

Irgendwann wagt er sich an den Münzhändler, den er bereits vor einigen Tagen ausgemacht hat. Er möchte die Münzen aus der Krypta versilbern oder besser gesagt, vergolden. Ärgerlich ist, dass bereits Fräulein Peddersen da war und ihre geschenkten Münzen verkauft hat, sodass Malzan nur noch einen Bruchteil des ehemaligen Wertes annehmen muss. “Argh! So viel Mühe umsonst, ich hätte sie ihr stehlen sollen!“ flucht er innerlich. Aber dennoch kann er seine Barschaft erheblich aufbessern. Nicht, dass es ihm irgendwie an etwas mangeln würde. Aber so kann er seiner zweitliebsten Beschäftigung nachgehen: Geld ausgeben! Er spendiert Lokalrunden in verschiedenen Tavernen, kauft sich wertvolle Duftöle und Speisen, nimmt die Dienste der exklusiven Freudenhäuser in Anspruch und spendet den Bedürftigen. Als sich seine Barschaft langsam dem Ende neigt, beschließt er Jamarl in gebrochenen tulamidisch anzusprechen und seine Dienste anzubieten. Überzeugen konnte er ihn, als er ihm eröffnete, dass er wisse, wo sich ihr Versteck befindet, zu dem sie in der Nacht trunken torkeln. Dass er sie nicht verraten habe, sei Beweis genug für seine … Gesinnung. Misstrauisch, aber zufriedengestellt, darf er die Bande begleiten.

Als sie in dem Versteck ankommen bemerkt er schnell, dass zwei Gefangene vor Ort sind. Für sie soll Lösegeld erpresst werden, das am nächsten Tag bezahlt würde. Um die Aktion nicht zu gefährden, wird Malzan, der sich inzwischen Hanert Groti nennt, angewiesen doch im Schlafsaal zu warten, bis die Sache beendet ist. Am Abend des nächsten Tages streiten sich die Strolche gerade über die Verteilung der Beute, als die Geräusche abrupt verstummen. Alarmiert schaut er aus dem Schlafsaal und findet seine neuen Kameraden erstarrt im Hauptraum stehen. Vom Südeingang hört er Geräusche und zögert keine Sekunde. “Tut mir Leid Leute, Phex sei euch hold.“ Und schleicht am Rande der Wand entlang zum anderen Ausgang. Keinen Augenblick zu früh, denn sogleich betritt eine wohlbekannte Gruppe von Helden den Hauptraum und überwältigt die Schurken. Malzan hat genug gesehen und verschwindet aus der Kanalisation.

Nach diesem Fiasko entscheidet er sich, seine Vorgehensweise zu ändern. Zunächst sucht er sich ein geeignetes Versteck. Er muss lange danach suchen. Ganz Khunchom scheint bereits belegt zu sein. Das anhaltende Gauklerfest mit seinen vielen Feiernden erschwert die Suche nach einem geeigneten leeren Platz zusätzlich. Doch er wird schließlich fündig und richtet sich ein. Von nun an unternimmt er kleinere Raubzüge am Tage, indem er in der Menschenmenge die Kaufleute bestielt. Nebenbei holt er weitere Erkundungen ein, die er nutzt, um nachts in Villen und Anwesen einzubrechen und kostbare Gegenstände zu rauben. Normalerweise nimmt er lediglich, was er zum Leben benötigt, aber er sucht die Herausforderung und einen Sinn in seinem Leben. Ewig wird er sich hier sowieso nicht aufhalten. Er hat noch mehrere offene Rechnungen in Gareth zu begleichen. Doch dafür muss er noch viel trainieren und das tut er.

Die geraubten Wertgegenstände verbirgt er einige Tage lang in seinem Versteck und bringt sie anschließend zurück zu ihren Besitzern. Das beschert ihm innerhalb kürzester Zeit einen gemischten Ruf in ganz Khunchom überall wird über den mysteriösen Dieb gesprochen. Er selbst schürt bei seinen Einkäufen die Gerüchte noch zusätzlich. Sowohl Stadtgarde als auch Untergrund sind auf der Suche nach ihm, um ihn entweder zu verhaften oder zu Diensten zu machen. Malzan genießt das gefährliche Spiel. Bis eines Tages etwas Unerwartetes geschah.

Eine kleine Jagd

Ein hübsches Dörfchen dieses Mathab. Vor allem die Häuser um die Bäume sehen interessant aus. Ob hier Elfen wohnen oder die Häuse von Elfischer Bauweise inspiriert wurden? Zumindest liegt das Dorf mitten im Wald. Das gefällt mir gut. Hier lässt es sich bestimmt wunderbar leben. Ich sehe schon, die anderen gehen ins Gasthaus; da werden sie in Sicherheit sein. Nun kann ich mich in Ruhe hier umsehen. Noch etwa drei Stunden bis es dunkel wird, also ausreichend Zeit, um eine kleine Pirsch zu wagen.

Azina pfeift einmal kräftig und signalisiert Adaque und Bakkus den Beginn der Jagd. Vorsichtig schleicht die junge Jägerin durch den Wald zu dessen Randgebiet und hält Ausschau nach kleiner Beute. Nachdem sie sich orientiert und mit der Umgebung vertraut gemacht hat, findet sie mit Leichtigkeit die hiesigen Wildwechsel und folgt ihnen zu einem Kaninchenbau. Sie schaut sich sorgfältig um und wirft Adaque kräftig in die Luft. Er kreist ein paar Mal lautlos über der offenen Feldfläche und stößt mit einem schrillen Schrei steil nach unten. Seine scharfen Krallen bohren sich in das ahnungslose Kaninchen und halten es fest. Aufgefordert von seiner Herrin rennt Bakkus zu der überwältigten Beute. Die Aranierin schaut dem kleinen Showkampf zwischen dem Blaufalken und dem schwarzen Nivesischen Steppenhund einen Augenblick zu. Ein verstohlenes Lächeln umspielt dabei ihre Lippen. Ein weiterer Pfiff ertönt und Adaque erhebt sich anmutig in die Luft. Sanft lässt er sich auf den ausgestreckten Arm der Tierbändigerin nieder und empfängt seine Belohnung, während Bakkus das Kaninchen zu ihr trägt. Stumm vollzieht sie den Jagdritus, Ehrt die Beute und dankt für das Opfer.

Vielen Dank, kleines Wesen. Möge deine Seele in Firuns Jagdgründe eingehen und dort Vollkommenheit vorfinden.

„Kommt meine Freunde, gehen wir zurück. Ein Festmahl erwartet uns.“

Vor dem kleinen knisternden Feuer am Rande des Dorfes hängt das Kaninchen an einem Stock. Sorgfältig wendet sie es bis Bakkus dem wunderbaren Duft kaum noch widerstehen kann. Das grob abgezogene Fell liegt unverarbeitet daneben auf dem Boden. Kritisch mustert Azina den Pelz.

Welch Schande es verkommen zu lassen. Das kann man doch bestimmt besser abziehen und nutzen. „Hier Kleiner, nimm die Vorderläufe.“ *ratsch* Delia hat vorhin etwas von einer Jägerin namens Fiona gesagt. *kau* Ich werde sie morgen in aller Früh aufsuchen und um Rat fragen. „Hier Adaque, du hast es dir verdient!“ Vielleicht zeigt sie mir ein paar Dinge in Sachen Beutenverarbeitung. Eine Einnahmequelle ist wichtig, um unser Überleben zu sichern.

Nun sollten wir versuchen ein wenig zu schlafen. Wer weiß, was morgen alles passiert. Welche Überraschung Delia und Isaria für uns bereithalten. „Komm her Bakkus, die Nächte sind kühl.“

Im Licht der Sterne sieht Azina, noch bevor ihr die Augen zufallen, wie die inzwischen allzu bekannte gestreifte Katze durch das ruhige Dorf zum Gasthaus schleicht und in einer Nische hineinschlüpft.

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Azinas Gedanken

Die Zweite Reise

Wir sind aufgebrochen. Eine neue Reise beginnt. Zwei Götterläufe nach meinem ersten Aufbruch aus Baburin. Diesmal jedoch ist alles anders. Dieses Mal gehe ich gestärkt. Dieses Mal gehe ich mit dem Segen der Zurückgebliebenen. Sei es meine Familie, die gut versorgt ist oder sei es die Rondrakirche, die von unserem Auftrag weiß und Sieghelm endlich das Schwert der Queste in einer beeindruckenden Zeremonie überreichte. Ja, sogar Ferujas Segen erhielt ich, als ich versprach, ihren Sohn – meinen künftigen Ehemann – Muhalla zu suchen. Ein guter Rat – danke Onkel Omar. Gern hätte ich dir meine Freunde vorgestellt, aber du musstest leider geschäftlich fort.

Ich werde meiner Familie Ehre bereiten. Meine alte Schande ist getilgt. Die Nachricht wird auch Fasar erreichen. Tante Tulmirya wird stolz sein.

Mama, Papa. Grämt euch nicht. Ich weiß, ihr schafft es, unser Haus erneut zum Wohlstand zu führen. Die Vorarbeit ist getan, die Herde wächst. Mezzek wird euch helfen, auch Alhina und Rafid sind noch bei euch. Erzieht mir Arima zu einer starken selbstbewussten Frau. Der Hexenzirkel wird über euch wachen. Versorgt ihre Abgesandten gut und ihr seid vor politischen und geschäftlichen Machenschaften sicher geschützt. Und solltet ihr je meine Hilfe brauchen, wisst ihr, wie ihr mich benachrichtigen könnt. Es schmerzt mich, euch erneut zurück lassen zu müssen, aber euer Leben ist nicht das meinige. Werdet froh und glücklich.

Wer weiß, wann ich das nächste Mal nach Aranien kommen werde. Zunächst begleite ich Delia zu ihrer Mutter und anschließend Sieghelm in seine Heimat Darpatien. Danach versuche ich gen Firun in die Rote Sichel zu gelangen. Ich habe von Fahrenden Händlern Gerüchte gehört, dass dort Hippogriffe zu finden seien. Sollte es mir gelingen, eines der Eier zu finden, könnte ich es möglicherweise ausbrüten und aufziehen. Vielleicht gelingt es mir sogar zu fliegen. Die Feinde der Welt werden nirgends vor uns sicher sein! Wir werden sie bis ans Ende der Welt jagen und zur Strecke bringen!

Wie sagte die Meisterin der Senne? „Viel wird von uns verlangt.“ Setzen die Götter unser Leben ein, um Aventurien zu retten? Sind wir ein Spielball der Alveraner?

ICH BIN BEREIT!!

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Azinas Gedanken

Baburin rückt näher

Azina steht, in einfacher Arbeitskleidung auf dem Feld und hält gegen die aufgehende Sonne blinzelnd inne, um Mezzek dabei zu beobachten, wie er das Vieh auf die Weide treibt. Mit einem Stock bewaffnet ruft er den Tieren zu, wohin sie sollen. Bakkus springt ihm hilfreich zur Seite und kläfft verspielt die Rinder an.

Was sollten wir nur ohne dich machen. Gut machst du deine Arbeit. Wenig Lohn forderst du dafür. Es ist erst ein paar Tage her, seid du auf unserer Schwelle standst und Arbeit erbatest. Meinen Ruhm hast du gepriesen. Meinem Großmut gehuldigt. Drei Tage habe ich dich auf unserer Türschwelle warten lassen. Drei Tage bei Wind und Wetter. Unerbittlich harrest du aus. Das hat mich imponiert. So habe ich dich willkommen geheißen und dich aufgenommen; mit der Bedingung, hart zu arbeiten. Du lernst schnell und bist fleißig. Dir steht eine gute Zukunft bevor.

Wo nur Muhalla bleibt? Es ist gut, dass er noch nicht eingetroffen ist. Viel ist noch zu erledigen. Auch kann es heißen, dass er sich bereits auf einem Abenteuer befindet und lernt was Freiheit ist. Die Hochzeit wurde bereits verschoben, bis er eintrifft und einige Formalitäten erledigt sind. Wie er wohl sein mag?

Still widmet sich die Firunsgläubige wieder der Feldarbeit.

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„Huch!!!“ Keuchend erwacht sie aus ihrem Traum, nein ihrer Vision. Suchend schaut sie sich um. Die sonst eher flüchtigen Gedanken Traumbilder haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Traumwandlerisch steht sie auf und schaut entsetzt in den verzierten Spiegel. Ihre Augen sind blutunterlaufen. Sie zuckt vor Schreck zusammen. Erst jetzt bemerkt sie den gewaltigen Sturm der draußen tobt. Es donnert und kracht ohrenbetäubend. Ihr Trommelfell droht auf einmal zu zerbersten. Es scheint, als statte die Donnernde höchst persönlich Aranien – nein IHR – einen Besuch ab.

Erinnere dich!

„Was?“ Suchend schaut sie sich um.

Erinnere dich!

„… ja, ich, ich erinnere mich! Ein Gefäß und eine Blume in der Hand des Überbringers. Rondra, was möchtest du mir sagen?“

Es donnert. Ein Blitz schlägt direkt vor ihrem Fenster ein.

Würdig!

„Ich verstehe! Ja, ich werde es tun!“ schreit sie gegen den Sturm an.

Wieder donnert es gewaltig, bevor der Sturm langsam verebbt und in strömenden Regen übergeht.

Die Tür zu ihrem Gemach wird aufgestoßen. „Herrin – verzeiht – ihr habt gebrüllt.“

„Es geht mir gut. Bitte geh wieder zu Bett. Morgen wird ein anstrengender Tag.“

„Jawohl, Herrin.

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Endlich sind wir vereint Liebster. Bitte lass mich bei dir bleiben?“ Mit freucht schimmernden Augen schaut Radajana zu ihrem Muhalla auf. In ihrem Blick immer noch das hoffnungsvolle Flehen.

Ach Rada. Was machen wir denn nur? … Bis Baburin sind ja noch ein paar Tage, vielleicht fällt uns noch etwas ein. Oder vielleicht haben diese Glücksritter eine Idee, was man machen könnte. Offensichtlich wollen auch sie nicht, dass diese Hochzeit stattfindet. Wenn meine Mutter nur nicht so stur wäre, dann könnte ich sie vielleicht überzeugen.“ Fest schließt er die Arme um seine Scharlatanin.

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Ich frage mich noch immer, warum ihr das getan habt?“ schimpft Sefira. Sie läuft vor Feruja mit fuchtelnden Armen auf und ab. „Ihr wisst genau, was sie mir einst angetan hat!“ „Und was sie mir in Fasar abverlangt hat“ denkt sie im Stillen noch hinzu.

Mäßigt euch!“ wirft Feruja ihrer Adoptivtochter entgegen. „Es ist eine Schande wie ihr euch aufführt! Wie ich die Familie führe, ist meine Sache! Vergesst nicht, wem ihr alles zu verdanken habt. Setzt euch und trinkt euren Tee!

Mühsam beherrscht setzt sich die aufgebrachte Sefira auf einen weichen Schemel und nippt an ihrem Tee.

Wie kann sie es wagen? Wie kann sie nur? Was hat sie vor?

Wissend lächelt die ehrwürdige Frau in sich hinein.

Die letzte Reise

Sehnsüchtig schaut Muhalla ibn Hamar in die Ferne. Am Bug der Reling gelehnt blickt er gen Praios. Seine Gedanken gleiten fort von diesem Ort. Mit einer Hand hält der Edle geistesabwesend seinen Turban fest. Der Wind zerrt an ihm, so wie er an seiner Seele zerrt. Zerrissen ist sein Herz. Schmerz steht in seinem Gesicht geschrieben. Gut, dass es niemand bemerkt. In der anderen Hand presst der den Brief seiner Mutter fest zusammen.

„Eine firungefällige Tulamidin? Was hat sich Mutter dabei nur gedacht? Ist sie denn von Sinnen, die alte Närrin. Was soll ich mit dieser Frau nur anfangen? Sie wird mit mir nicht glücklich sein. Zu Hause einsperren muss ich sie, wo sie doch frei sein möchte. … Nun, mir geht es ähnlich. Ich hoffe, die Maske der Arroganz verbirgt meine Gedanken an sie … ach Rada …

*seufzend schüttelt Muhalla den Kopf*

Interessant diese Geschichten des von Rotwassers. Das Buch habe ich bereits ausgelesen. Die Schreibe mag besser möglich sein, aber die Abenteuer sind dafür umso erzählungsreicher. Gern schlösse ich mich ihm an, um die Welt zu entdecken. So viel gibt es noch zusehen, so viele Handel sind noch zu schließen. Ist mein Geschick darin nicht besser als das Vermögen meiner Familie vor Ort zu verwalten? Soll das doch mein Bruder mit seiner Frau machen. Obwohl. Wenn ich den Ausführungen der Sahiba Delia Glauben schenken darf, sind die Praktiken Sefiras zu überprüfen.

… später …

„Dieser Wichtigtuer! Was fällt ihm eigentlich ein?“

Wütend stiefelt Muhalla in seinem Zimmer im Gasthaus zum grünen Spiegelkapfen in der befestigten Hafenstadt Mendlicum auf und ab.

„Er ist hier fremd. Und ich erlaubte ihm, mich zu begleiten. Nichts weiß er von meinen Fähigkeiten. Nichts! Plump waren seine Versuche mich dazu zu überreden, doch eher auf Abenteuer zu gehen als Azina zu ehelichen. Durch ihn gewarnt sehe ich nun auch die Bemühungen der Sahiba Delia mit anderen Augen. Nun liegt mir der Zweck ihrer Anwesendheit offen. Ablenken sollen sie mich. Steckt gar Azina selbst dahinter? Warum sollte sie dies wollen? Erst eine Hochzeit mit mir arrangieren und dann so etwas. Ich werde sie vor meinem Urteil selbst befragen.“

„Beremosch!“

„Ja, Herr?“

„Lasst die Diener kommen, wir ziehen für diese Nacht in ein anderes Gasthaus. Morgen werden wir beratschlagen, was wir für eine solche Abenteuerreise alles benötigen. Ihr habt doch sicherlich schon einiges an Erfahrung auf diesem Gebiet.“

„Ein wenig. Ich sollte schon dafür sorgen können, dass wir nicht verhungern und verdursten. Seid ihr sicher, dass ihr dies tun wollt?“

„Ja, Beremosch, ich bin mir sicher. Die Werte Azina wird sich noch ein wenig gedulden müssen. Schwer wird es ihr sicher nicht fallen.“

„Wie ihr wünscht, Herr.“

 

—–

Einige Stunden zuvor nahe Baburin:

„Was soll das heißen, ihr könnt nicht? Natürlich könnt ihr. Ich bürge dafür. Verkauft mir das Vieh. Ihr werdet es nicht bereuen. Unsere neue kleine Herde benötigt noch Zuwachs für die Zucht. Das vierte Kälbchen des nächsten Jahres soll euch gehören. Zusätzlich zur Bezahlung des Bullen.“

„Ich weiß nicht recht …“

„Nun, ihr habt doch sicherlich von meiner anstehenden Hochzeit mit Muhalla ibn Hammar as Sarjabaran gehört? Oder von dem toten Dämonenschwein? Ihr möchtet mich doch nicht verärgern, indem ihr mir das Vieh vorenthaltet?“

*bedrohlich blitzen ihre Augen so eisblau wie der Speer in ihren Händen als sie grimmig die Mine anspannt*

„Nein Herrin ..“

„Nun, dann sind wir uns ja einig.“ Lächelnd zieht sie den Bullen aus dem Gatter. „Ich danke euch. Firun stehe euch bei, so wie ich es tue.“