— als Malzan Daske —
Als es geschah, überfiel ihn schlagartig die Erinnerung an jenen Auftrag vom Abend des 6. Boron 1026 n. BF. Ein junger Mann betrat damals sein Versteck. Rasch verschmolz Malzan mit den Schatten. Der Fremde sucht offensichtlich nach etwas. Oder nach jemanden. Da hört er ihn auch schon rufen: „Herr Groti? Hanert Groti?“ Malzan erschreckt. Bei Phex! Wie hat er mich gefunden und woher weiß er wie ich mich hier nenne? Bisher habe ich diesen Namen nur gegenüber Jamarl und seinen dummen Kumpanen erwähnt. Haben sie mich etwa verraten? Innerlich fluchend schleicht er sich an den ahnungslosen Jungen heran. Ein kurzer Sprung und der Kleine hat einen Dolch an der Kehle. Keuchend erschreckt dieser, sodass die Klinge sich leicht in seine Haut einschneidet. Blut fließt in einem schmalen Rinnsal auf seinen Kragen zu. Umso besser, dann weiß er worum es hier geht. Sein Leben. „Was willst du hier? Sprich!“ sagt der Dieb mit grunzender Stimme. „I-I-Ich h-habe eine N-Nachricht für euch …“ „Halt! Hände da lassen wo sie sind!“ Geschickt fischt er die schwere Nachricht aus der Tasche des Jünglings. Er stößt ihn von sich in den Staub und stellt sich in den Schatten. „Wer schickt dich?“ verlangt er zu wissen. „D-Das weiß ich nicht. Bitte lassen Sie mich gehen. Ich soll nur die Nachricht übergeben.“ War ja klar, ein unschuldiger Bote. „OK, geh Junge!“ Das lässt er sich kein zweites Mal sagen. Er springt auf und rennt hinaus. Zur gleichen Zeit schnappt sich Malzan sein Bündel gewinnt rasch an Höhe. Mit der Nachricht verlässt er sein Versteck und macht sich auf den Weg durch die belebten Straßen Khunchoms. Sein Ziel ist der Phextempel. Erst dort wird er die Botschaft öffnen.
Als er sich in einer Nische des Tempels in Sicherheit wähnt. Öffnet er vorsichtig die Schriftrolle. Zuerst fällt ihm das klimpernde Geld auf. Geld! Dann bemerkt er auch die anderen Utensilien. Es handelt sich dabei um menschliche Proben. Je eine Locke schwarzer und roter Haare, einige Fingernägel und zwei Phiolen Blut. Was soll das denn? Da er nur schlecht lesen kann, bittet er einen verschwiegenen Phexdiener gegen bare Münze ihm das Schriftstück vorzulesen:
„Eure Kunstfertigkeit in den Disziplinen des Fuchses beobachte ich nun schon länger, Herr Hanert Groti, ich habe einen Auftrag höchster Eile für euch, der auch in eurem Interesse sein wird, es geht um den phexgefälligen Tausch einiger Gegenstände, die Adresse und besagte Gegenstände liegen bei, sowie auch die Hälfte eures Honorars in blinkender Münze, wenn ihr die Gegenstände erfolgreich vertauscht habt, so werdet ihr für besagte Gegenstände den Rest eures Lohnes erhalten.“
Er hört gut zu und bittet den Vorleser so oft zu wiederholen, bis er es sich eingeprägt hat. Dankend verzieht er sich erneut in eine Nische. Ich werde schon länger beobachtet? Erneut schaut er sich um. Es ist niemand verdächtiges zu sehen. Ein Auftrag von höchster Eile. Die Adresse sagt mir kenne ich. Zeugt sie doch von der Prachtstraße Khunchoms. Nun, einmal anschauen kann ich es mir ja, wenn ich schon beobachtet werde, dann wahrscheinlich auch jetzt.
Er macht sich also auf den Weg zu dem Haus von Tulachim ibn Rashim. Dabei gibt er sich auf gewohnte Art und Weise unnahbar. Als er am Haus ankommt, trifft ihn fast der Schlag. Nein. Schon wieder sie. Durch ein Fenster kann er die Gestalten Sieghelms, Janes, Delias, Sulibeths und Nehazet erkennen. Auch ein Mann und eine Frau mittleren Alters sitzt mit ihnen am Tisch. Vorsichtig überwindet er die Mauer und schleicht sich bis unter das Fenster, um zu lauschen. Sie sprechen vor allem von der Abreise nach Zorgan am nächsten Morgen. Ein Auftrag von höchster Eile. Also wahrscheinlich noch vor der Abreise nach Zorgan. Es muss also heute Nacht geschehen! Klasse. Und das Ganze ohne Vorbereitung. Hoffentlich hat Nehazet keine Zauberfallen aufgestellt. Was sollte ich noch gleich tun? Die Gegenstände tauschen. Er besieht sie sich noch einmal genau. Rote Haare … Delia! Und schwarze Haare. hm, da könnten mehrere Personen in Frage kommen. Die übrigen Gegenstände nicht zuordbar. Aber wozu braucht man denn so etwas?
Während er lauscht, sucht er fieberhaft an einer Lösung des Rätsels. Aus den Gesprächen kann er heraushören, dass Nehazet, Sulibeth und Zafia zurück bleiben werden. Dafür wird die alte Frau, Alhina, sie begleiten. Zafia ist nicht mit am Tisch, offenbar ist sie verstimmt wegen der geplatzten Hochzeit mit Nehazet. Hä? Nehazet wollte heiraten. Das ging aber schnell. Und dann noch Zafia…. Zaifa! Das andere Hexenweib! Sie ist es. Sie ist das Ziel. Sie möchte sich an der Gruppe rächen und dafür braucht sie Haare von Nehazet und Delia, sowie Fingernägel von Sieghelm und Blut von Jane! Das ist es. Aber warum habe ich hier zwei Phiolen mit Blut? Hat sie es auch auf die Kleine oder die beiden Älteren abgesehen?“ Vor Schreck der Erkenntnis weiten sich seine Augen. … der auch in eurem Interesse sein wird … Nein! Hat sie auch mir Blut gestohlen, als ich schwer verwundet bei ihr in der Hütte lag? Zafia …
Malzan wartet bis alle im Haus sich auf ihr Zimmer begeben haben. Er versucht herauszufinden, wer in welches Zimmer geht und wo sich Zafia befindet. Aber ohne Erfolg. Als es im Anwesen ruhig scheint, bricht er ein. Etwas ängstlich wartet er auf die Feuerbälle, denen er ausweichen muss. Aber nichts geschieht. Uff. Noch einmal Glück gehabt. Als er die Treppe hochschleicht stößt er in der Kurve mit jemand zusammen. Beide purzeln sie ineinander in die Ecke. Noch ehe die andere kleine Person einen Laut von sich geben kann, hält Malzan ihr den Mund zu. Sie windet sich in seinen Armen und versucht sich loszureißen. Doch er ist stärker und hält sie fest. „Psst. Ich bin es. Goswin. Ich lasse dich los, wenn du versprichst, nicht zu schreien oder anderweitig Lärm zu machen. Vertrau mir. Ich möchte euch nichts tun, ich muss nur etwas holen.“ Nach kurzem Zögern nickt Sulibeth. Er gibt sich ihr zu Erkennen und gemeinsam gehen sie runter in einen Raum, der sich als Bibliothek entpuppt. „Was tust du denn hier, und warum bist du weg gewesen?“ fragt die Kleine misstrauisch. Malzan schaut sie an und überlegt. Das Mädchen ist schlau. Vielleicht kann sie mir helfen. Er deutet ihr sich zu setzen und setzt sich in einen Schemel. Er legt seine komplette Überzeugungskraft in seine Worte und seine Stimme: „Du musst wissen Sulibeth; ich musste dringend fort. Ich hatte noch viel zu erledigen. Aber ich hasse Abschiede, weißt du. Da wird immer so viel geweint und alles. Das ist nichts für mich. Und nun ist mir eingefallen, dass ich bei Zafia etwas vergessen habe, als sie mich behandelt hat. Ich dachte, ich hole es schnell.“ Mit zusammengekniffenen Augen schaut sie ihn an und überdenkt seine Worte. „Nun gut, Goswin. Ich glaube dir. Aber du musst auch mir helfen, damit ich dir helfe.“ Kleines Biest! denkt er, sagen tut er jedoch: „Wobei soll ich dir denn helfen?“ „Ich suche ein Rätsel für Fräulein Peddersen. Ich werde hier in Khunchom bleiben, während sie weiterreist. Und ich möchte ihr ein Rätsel aufgeben, dass sie nicht so schnell lösen wird, damit sie an mich denkt.“ Schmunzelnd stimmt er der dem Handel zu. „OK, ich helfe dir bei der Suche. Also, wo ist Zafias Zimmer?“ Sulibeth hat ihm kaum den Weg beschrieben, als er sich schon auf den Weg macht. Aber nicht bevor er das Versprechen wiederholt hat, zurück zu kommen und ihr zu helfen. Erneut schleicht er die Treppe hoch. Dieses Mal darauf bedacht mit niemanden zusammenzustoßen. Eine weitere Bitte kann er nicht erfüllen. Als er das Schloss zu dem Zimmer der Hexe öffnet, sieht er sofort, dass Sulibeth Recht hatte. Das ist Zafias Zimmer. Hier sieht es aus, wie in einer Hexenküche. Sogleich macht er sich auf die Suche nach den Gegenständen. Lange muss er suchen, denn sie sind gut verborgen und offensichtlich sehr wertvoll. Vor dem Austausch zögert er. Warum sollte ich dem Auftrag entsprechen? Warum soll ich sie austauschen? Wem beschere ich damit Unheil? Das Ganze stinkt zum Himmel! Phex, was soll ich tun? Handel ist Handel oder? Egal, unter welchen Bedingungen. Ich bin nicht verantwortlich für ihre Taten. Außerdem würde sie es noch vor der Abreise der Gruppe merken und einen Weg finden, um sich neue … Zutaten … zu besorgen. Mit flinken Fingern tauscht er die Gegenstände. Er muss sich enorm zusammenreißen, um nicht ein paar von den verkorkten Fläschchen einzustecken. Sie würde es merken!
Ihm ist nicht bewusst, wie sehr Phex, ihm in dieser Nacht holt war. Im Dienste für das große Ganze.
Erleichtert zieht er die Tür zur Bibliothek hinter sich zu uns atmet ein paar Mal ruhig ein und aus. Handel ist Handel. Ich helfe der Kleinen bei ihrem Rätsel. Es stellt sich heraus, dass Malzan Sulibeth keine sonderlich große Hilfe ist, da er nicht gut lesen kann. Also wird er kurzerhand auf die Tätigkeit des Buchträgers reduziert. Der Morgen beginnt zu grauen und Malzan wird mulmig zu Mute. Als Sulibeth gerade dabei ist einige Bücher aufzuarbeiten läuft er nervös die Regale entlang. Ein glänzendes Buch mit kreisrunden Verzierungen erregt seine Aufmerksamkeit. Er fischt es heraus und legt es Sulibeth hin. Sie blättert ein paar Seiten durch und schreit irgendwann leise auf: „Das ist es! So etwas habe ich gesucht!“ Geschwind rennt sie mit dem Buch zum Schreibpult und verfasst eine Nachricht auf Bosparano:
„Wenn der Mann den Bären trifft, offenbart sich, dank heiliger Schrift, was weder Mensch noch Bärchen ist. – Sulibeth.“
Als sich das Mädchen freudestrahlend umdreht, um Goswin zu danken. Ist er bereits verschwunden. „Er mag also wirklich keine Abschiede.“ Sagt sie perplex.
Zurück in der Gegenwart.