21. Travia 1029 B.F., Hafen von Al’Anfa
Es war ein früher Traviamorgen in der Stadt. Die Praiosscheibe würde erst in einer Stunde hinter dem Horizont hervorkommen und das Schwarz der Nacht wich langsam einem Saphirblau. Der Nebel, der sich von den Ausläufern des Flusses Hanfla her über die Stadt wälzte, erweckte den Eindruck eines riesigen, geisthaften Wesens, das die Stadt zu umarmen versuchte.
Obwohl der Dschungel vom Hafen aus noch Meilen entfert war, vernahm man hier erst ein Quäken eines Vogels, dann setzte ein weiterer ein, dann noch einer, bis es nach und nach wie eine Aufführung eines Orchesters anmutete, das durch den Nebel gedämpft bis an die Ohren der wenigen Händler stieß, die langsam begannen, ihre Stände aufzubauen. Die Stadtgarde räumte schon einige über Nacht flüchtig aus ein paar Brettern errichtete Behausungen unter Gepolter, um für den Markt Platz zu schaffen; deren Bewohner hörte man aus der Ferne protestieren, doch nach ein paar dumpfen Schlägen räumten sie wortlos das Feld.
In einer Gasse näherte sich ein Reiter den Hafenanlagen, den der Nebel nur widerwillig freizugeben schien. Das Klickern der Pferdehufe und das leise Schaben von Kettenrüstung auf Stahlplatten, nur leicht gedämpft durch den darüber liegenden, vom Nebel klammen Mantel, mischte sich mit den restlichen Stimmen des Orchesters.
Der Reiter bemerkte die Szenerie am Marktplatz und wenn er darüber nachdachte, dass es ihm und seiner Familie früher ähnlich erging, machte sich in Vard’Han eine Mischung aus Zufriedenheit, Erleichterung und Trauer breit. Zufriedenheit darüber, es in wenigen Götterläufen von einem Straßenjungen aus der niedersten Bevölkerungsschicht zu einem angesehenen Mitglied der Rabengarde und damit der Stadt Al’Anfa geschafft zu haben; Erleichterung, diesem elendigen Dasein endlich entflohen zu sein; und Mitleid mit all den Freunden, die er zurücklassen musste.
Sein Blick schweifte noch ein wenig über die nebelverhüllten Behausungen, die aus der Ferne wie von einem Weißen Seidentuch bedeckte Kisten anmuteten, atmete noch einmal tief durch, sich bewusst, dass er die Stadt, die er so lange seine Heimat nannte, nun für eine lange Zeit nicht wiedersehen würde.
Als der Reiter sich weiter dem großen dunklen Objekt näherte, zeichneten sich immer mehr die Umrisse ab und gleich einem großen Seeungeheuer, das auf ahnungslose Landbewohner wartete, schälte sich eine schwarze Triere der Golgariklasse aus dem Nebel. Ihr großes schwarzes Segel überragte die Hafengebäude knapp und die vielen Ruder, die aus ihrem Rumpf ragten, verliehen ihrdas Aussehen eines Hundertfüßers in Übergröße.
An der Landungsbrücke vernahm Vard’Han zwei Gestalten, die ihm offenbar entgegenschauten. Er steuerte sein Pferd in Ihre Richtung, bis er in ihre nur allzu vertrauten Gesichter blickte. Es waren ein Mann und eine Halbelfin; der erste von beiden in eine schlichte schwarze Kutte gehüllt. Vard’Han sagte nichts, lächelte jedoch beiden kurz zu und nickte Ihnen entgegen, mit dem Mann einen längeren wissenden Blick tauschend.
„Boron mit euch, junger Vard’Han,“ sprach eine weibliche Stimme, die sich als die der Halbelfin Amira Honak, der Kommandantin der Rabengarde entpuppte. „Ich hoffe, ihr seid euch der Wichtigkeit eures Auftrags bewusst. Die … Agenten haben euch sicher schon instruiert. Es ist bereits alles erledigt; die Reisekosten legt euch das Haus Honak aus. Nichtsdestotrotz solltet Ihr euch darauf vorbereiten, die angefallenen Kosten zurückzuerstatten. In anbetracht des Ruhmes, den Ihr vor allem auch in den Augen des Götterfürsten erlangen könnt, ein vergleichbar geringer Aufwand. Eure Kontaktpersonen werden einen dunklen Kragen tragen, auf dem ein mit seidenem Faden ein Stern aufgestickt ist und sich mit der Losung ‚Der Rabe fliegt auch Nachts noch gut‘ zu erkennen geben. Am zielort sucht Ihr die Taverne ‚Zum fetten Schinken‘ auf. Bis ihr dort seid, ist Zurückhaltung das oberste Gebot.“ Sie reichte ihm ein kleines Buch. „Hier habt Ihr eine kleine Lektüre für die Reise, sofern Ihr dazu kommt. Sie wird euch helfen, euch am Zielort zurechtzufinden. Alles gute für euch und möge der Schweigsame eure Schritte lenken und, wenn nötig, verhüllen.“
Er nahm das Buch an sich, nickte nur kurz lächelnd den beiden zu und lenkte die Schritte seines Pferdes auf das Schiff, das auch nur wenige Augenblicke später die Perle des Südens hinter sich ließ. In der Bucht von Al’Anfa vereinte es sich mit einer Flotte von etwa einem Dutzend Schiffen und brach in Richtung Port Corrad auf. Vard’Han ging in Gedanken noch einmal seinen Reiseweg durch, als sich der Himmel von Osten her in ein von Rottönen geprägtes Gemälde verwandelte.
Er würde mit der Triere bis Port Corrad fahren, vorher einen kleinen Zwischenhalt in Port Zornbrecht machen, und die Seidenkaravane ein Stück des Weges nach Mengbilla begleiten. Das wäre der einfachste Teil des Weges, da er sich erstens noch auf dem Gebiet des Rabenpaktes befindet und außerdem die Seidenkaravane die am stärksten Am westlichen Rande Loch Harodrôls entlang würde er über Drôl, Neetha und Methumis auf dem Landweg weiter nach Grangor reisen und dort sollte eine Handelsbarkte ihn mit nach Havena nehmen, von wo aus er über Honingen und Winhall nach Andergast reisen wird. Dort kann besagter Informant namens Travian ihm hoffentlich genauere Hinweise geben.
Dann fiel ihm das Buch wieder ein, das Amira ihm gab und er holte es aus einer Seitentasche seines treuen Pferdes, dem das leichte Schaukeln der Triere nichts auszumachen schien. Das Buch war in mit Wachs getränktes Leinentuch geschlagen. Als er es auspackte, las er den Titel. „Andehrgast fyr den noigirigen Raisenden“ von Traviano di Fellonis. Da er wohl den nächsten Tag auf dem Schiff verbringen würde und nichts zu tun hatte, er kannte sich mit Schiffsverkehr nicht aus, öffnete er den dünnen Einband und begann zu lesen.