„Was treibt zwei Nordmänner an, das Fürstentum Darpatien zu bereisen?“ die belanglose Frage des Wirts war weniger aus echtem Interesse heraus, als vielmehr von dem Bedürfnis ein freundlicher – und vor allem traviagefälliger – Gastgeber zu sein gestellt worden. Zwei Thorwaler, gehüllt in zahlreichen, sich überlappenden Schichten aus dicken Wollstoffen, wolligen verfilzten Tierfellen und wehrhaften – rau bearbeiteten – Plattenteilen saßen sich an einem langen Holztisch gegenüber, an dessen Stirnende ein rundbäuchiger Wirt stand. Dem Wirt viel es schwer zu erkennen wo die lange Behaarung der zwei Männer endete, und wo die Bekleidung begann, beinahe hätte er die Stadtwache gerufen, als diese zwei – ganz nach Banditengesindel aussehenden – stämmigen Männer seine Wirtschaft betreten hatten. Ihre, ihrem Aussehen trotzendem, ruhige und gelassene Art – veranlasste ihn jedoch dazu sie als gut zahlende Kunden einzuschätzen. Der Unterschied zwischen marodierenden Räubern und gut zahlenden Gästen ist hin- und wieder kaum erkennbar. „Wiä sönd äuf de‘ Weg zu äna Pilgaräise, Herr Wirt.“ antwortete Árngrimr, der Huscarl des älteren in seinem besten Garethi. Der Besitzer des Gasthofes musste sich ein schmunzeln verkneifen, als er die lustig klingende Mundart des breitschultrigen Mannes vernahm. „Pilgerreise, ja? Na möge Aves euch begleiten, meine Herren – und Willkommen im stolzen Darpatien, dem arbeitsamen Bullen des Mittelreichs, falls euch noch niemand willkommen geheißen hat. was darf es denn sein?“ Ein verging ein Moment, die zwei Thorwaler sahen sich lediglich gegenseitig an als ob sie in der lage waren mittels Kraft Ihrer Gedanken miteinander zu kommunizieren. „Zwä Vollbiä.“ war dann die bloße Antwort des Huscarls. „Kommt sofort.“ und mit diesen Worten verschwand der Wirt.
Es verstrich wieder etwas Zeit, Mӕdnir Hasgarsson fingerte Gedankenversunken an einem etwas mehr als Dukatengroßen, permuttfarbenen Amulett herum, welches er in seinen Händen offen hin und her gleiten ließ. Seine rauen Finger strichen dabei immer wieder über das eingravierte Symbol, welches darauf zu sehen war. Árngrimr sah seinem Thanen dabei zu, schon seit mehreren Nächten spielt sein Herr mit diesem Ding herum, er hatte jedoch noch nicht die richtigen Worte gefunden ihn danach zu fragen. Im Thorwalschen Pantheon, war das Symbol, welches auf diesem Amulett zu sehen war, eine wesenlose elementare Gottheit des Meeres und Teil der Schöpfungslehre. Für Árngimrs war es also weder etwas unbekanntes, noch etwas frevelhaftes es bei sich zu tragen. Mӕdnir war, so wie Árngimr ein erfahrener Seemann, wieso sollte er also nicht das Symbol des Meeresgottes bei sich tragen? Dennoch – irgendwas war an diesem Ding, was Árngimr nicht gefiel. Er hatte dieses Amulett bis vor wenigen Sonnenaufgängen noch nie bei seinem Herrn gesehen – und er hätte sich mit Sicherheit daran erinnert wenn er es auch irgendeinem Markt oder bei einem Kiepenkerl erworben hätte. Immerhin war er Mӕdnirs erster Thinskari, und wich somit nie von dessen Seite – es sei denn er wollte es so. Árngimr dachte über eine Verbindung nach, die dieses Amulett eventuell mit den immer weniger werdenden Gebeten zu Swafnir haben könnte.
„Stellt eure Frage, Huscarl.“ brummte es aus Mӕdnirs Bart plötzlich heraus. Árngimr zögerte. Seine Ausbildung und sein Trygdar-Eider hinderten ihn daran seinem Thanen gegenüber neugierig zu sein. „Verzeiht, mein Thane – ich spüre wie mir Frenjara’s eisiger Atem bis ins Mark bläst wenn ich euch mit eurem Amulett herumspielen sehe.“ Unter dem Bart des älteren Thorwalers hätte man ein kurzen lächeln sehen können, wenn der Bart nicht so Dicht gewesen wäre. „Ihr erwähnt den eiskalten Wind der Weisheit, der von den Nivesenlanden her kommt und frostig über das Meer der sieben Winde weht.“ antwortet Mӕdnir mit bedeutungsschwangerer Stimme. „Ich beneide euch, Árngimr – ich wünschte auch ich könnte ihn spüren. Denn trüge Frenjara die Weisheit mit sich nach der ich suche, dann wäre ich bereits am Ziel meiner Reise.“ Die kryptische Antwort seines Herrn verwirrte den Huscarl, nur leicht ließ er den Kopf senken – kaum sichtbar – doch Mӕdnir wußte die sparsame Gestik seines ergebenen und langjährigen Waffenbruders inzwischen gut zu deuten. „Ich weiß dass es unnötig ist es zu erwähnen, denn ihr seid nicht nur mein Huscarl, sondern auch mein erster Thinskari – und mein Freund.“ Und mit diesen Worten blickte Mӕdnir Árngrimr direkt in die Augen „Du mußt mir vertrauen, Árngimr! Efferd hat zu mir gesprochen – zuerst dachte ich es wäre der Wächter über Land und Meer, unser Herr über Leben und Tod , der Herr Firun der zu mir sprach – doch es war Efferd, und er war mehr als nur eine wesenlose Gottheit, Árngrimr – ich weiß das mag nach Hranngar’schem Gerede klingen in deinen Ohren, doch ich sage dir – so leibhaftig wie Swafnir in uns allen ist und wir ihn bei jeder Welle die gegen den Rumpf unserer Otta schlägt spüren, so leibhaftig hab ich Efferd gespürt, er ist hier … hier bei mir. Und er wacht über mich.“ Mit diesen Worten krachten zwei überschäumende Bierhumpen auf den Tisch zwischen die beiden Männer. „Zwei Vollbier, wohl bekomms‘!“ tönt der Wirt und lässt die zwei auch schon wieder alleine, ohne zu wissen dass er eben in ein eine Offenbarung hineingeplatzt war. „Ah, endlich!“ platzt es auch Mӕdnir heraus, der sein Ansprache im Angesicht des Biers vergessen zu haben scheint und es sofort zu seiner trockenen Kehle führt. Árngrimr hingegen war fassungslos. Er musste sich dazu zwingen ebenfalls zu dem Bierhumpen zu greifen. Er traute seinen Ohren kaum, ich hatte mit vielem gerechnet, doch nicht damit. Andere wären jetzt vor Fassungslosigkeit von der Bank gefallen oder hätten sich in einer Glaubensdiskussion ergossen, doch nicht Árngrimr – der treue Huscarl Mӕdnir Hasgarssons. Er würde nicht seinen Eid brechen, selbst wenn er seinem Herrn dafür auf den Grund des Meeres folgen musste.
Was die beiden Thorwaler nicht mitbekommen hatten, war ein weiterer Mann – ein Mittelländer, der zwei Tische weiter saß. Er hatte langes, zu einem Topf gebundenes braunes Haar, einen gepflegten Oberlippenbart und ein wehrhafte und blankpolierte leichte Plattenrüstung schützte seinen agilen Körper. Nur zufällig hatte er das Gespräch der beiden Thorwaler mitbekommen. Er konnte Thorwalsch, und da keine anderen Gäste anwesend waren, vernahm er das Gespräch der beiden Ausländer recht klar. Zuerst interessierte ihm das Gefasel der beiden nicht, doch irgendwann wurde er hellhörig. Spätestens beim Anblick des permuttfarbenen Amuletts gingen die Finger des jungen Schwertgesellen zu seinem Hals, an dessen Stelle einst etwas ähnliches baumelte. Ein Amulett aus Eisen, welches dort nun schon seit längerem fehlte. „Darf es für euch noch etwas sein, Herr Bodiak?“ wollte der Wirt wissen. „Für mich noch ein Bier, bitte – Herr Wirt – und noch zwei weitere für diese beiden Herren dort drüben, ich bin in Stimmung zwei geschätzte Freunde des Waffenganges auf ein Bier einzuladen.“ antworte der Schwertgeselle mit lächelnd freundlicher Miene.
(Anm.d.Autors: Ich habe den Vornamen von „Áarngrimr“ in „Árngrimr“ geändert, es ist noch die selbe Person, nur diesmal ist die Schreibweise korrekter.)