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Eine andere Geschichte

Arngrim„Wie nennt man diesen Ort?“ erkundigte sich eine tiefe und raue Stimme. „Die Bauern sagen, man nennt ihn Hartsteen, mein Thane.“ antwortete der andere, etwas jüngere der Beiden. „Hartsteen.“ hauchte der erste, und blickte dabei von dem schaukelnden Wagen hinaus in die Weite des Landes wo am Horizont die rot geziegelten Dächer einer mittelländischen Stadt zu sehen waren. „Dann ist es nicht mehr weit, mein Freund.“ der jüngere schwieg. Das Ziel ihrer Reise war bald erreicht. Die zwei großgewachsenen Männer hatten eine weite Reise hinter sich. Vor einigen Monden waren sie aus dem Jarltum Premjastad aufgebrochen, beginnend im Golf von Prem, über die nostrische Küste bis hinunter in das Mündungsdelta des großen Flusses sind die beiden Männer mit ihrer Otta gefahren. Dort angekommen heuerten sie auf einer Flusskogge an um den Großen Fluss bis nach hinauf nach Ferdok zu fahren, von wo aus sie denn den Avesweg nahmen. Über die Reichstraße 6 erreichten sie Gareth, die Metropole des Mittelreichs. Doch sie verweilten nur kurz in der Reichsstadt, ihr Weg führte sie weiter gen Rahja – oder nach Wesda, wie die Thorwaler zu sagen pflegen.

„Wir werden im Gaimond das Ziel unserer Reise erreichen, ganz wie wir es geplant hatten.“ sprach Mӕdnir, der ältere der beiden. „Ich verstehe noch immer nicht, wieso ihr ausgerechnet diesen Pilgerpfad beschreiten wollt, mein Thane.“ In der Stimme des jüngeren lag Besorgnis um seinen Herrn. Sie hatten eine weite Reise hinter sich gebracht, nur um einen Pilgerpfad zu beschreiten von dessen Existenz sein Herr bis kurz vor der Abreise noch nichts einmal etwas wusste. „Áarngrimr, ihr seid mein Huscarl, und nicht mein Eheweib – ihr müsst meine Entscheidungen nicht verstehen, sondern sie – und genau das habt ihr bisher mit großer Sorgfalt getan – respektieren und umsetzen.“ In Mӕdnirs Stimme lag kein Zorn, dennoch war sie mit harter Tonlage geführt, doch für Áarngimr war dies nichts neues. Áarngrimr Brydason war schon viele Jahre im Dienste Mӕdnirs. Er war ein ausgebildeter Kämpfer und erfahrener Seefahrer. Seine Streitaxt zierten bereits viele Kerben, geschlagen in zahlreichen Schlachten, sowohl auf See als auch an Land. Auch sein großes rundes Schild war gezeichnet von den vielen Hieben, Stichen und eingeschlagenen Pfeilspitzen die es einst abgewehrt hat.

Wieder vergingen mehrere dutzend Schritte, die sich der Karren auf dem die beiden Nordmänner saßen, der Stadt Hartsteen näherte. Ein frischer Wind kam auf und wehte durch das lange Haar der beiden bärtigen Männer. Ihre Gesichter blieben versteinert, denn sie trotzten bereits wesentlich stärkeren Winden. In ihren Augen lag zugleich die tiefe Entschlossenheit und der unerschöpfliche Mut eines Thorwalers. Mӕdnir blickte wieder in die Ferne, während sein tapferer und treuer Huscarl ein wachsames Auge auf die zwei Mittelländer hatte die den Karren lenkten. Nur gelegentlich erlaubte sich der Kämpfer seinen Blick woanders hin schweifen zu lassen. Immer wieder fiel sein Blick dabei auf seinen Herrn, der die letzten Monde sich zu verändern schien. Schon lange hatte er kein Gebet mehr an Swafnir gerichtet, sein Gemüt wurde mit jedem Sonnenuntergang immer launiger und unberechenbarer. Es war nicht an Áarngrimr den Weg seines Thanen zu hinterfragen, trotzdem machte er sich Sorgen um ihn, denn schon viele Winter lang war er nicht nur sein Herr, sondern auch sein treuer Hirdman. „Erleuchtung, Huscarl.“ raunte Mӕdnir plötzlich, ohne das sich die Blicke der beiden trafen. Áarngrimr wusste zuerst nicht wovon sein Gegenüber da sprach, entschied sich dann jedoch nachzufragen. „Wovon sprecht ihr, mein Thane?“ „Ihr wolltet wissen warum ich den Pilgerpfad in Dettenhofen begehen möchte. Der Mann der mir davon erzählte, hatte ihn einst selbst beschritten und er erzählte mir, dass es eine einzigartige Erfahrung gewesen sei – und er aller Widrigkeiten zum Trotz – ihm Erleuchtung gebracht hatte. Es war diese innere Zufriedenheit und Selbstsicherheit in seinen Augen die mich Erschauern ließ. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte meine Axt nicht gegen ihn erheben können – so sehr hatte mich sein Blick erstarren lassen. Als hätte ich Hranngar persönlich ins Angesicht geblickt.“ Mӕdnir machte eine Pause, der Wagen knarzte unter der Last der beiden Männer.  „Darum will ich diese Pilgerreise machen, Áarngrimr. Ich habe das Gefühl, dass mich mein Schicksal dort erwartet.“ Mit diesen Worten sah Mӕdnir wieder Gedankenversunken in die Ferne, während er seine rauen Finger über ein Perlmuttfarbenem Amulett gleiten ließ das unter seine dichten Bart versteckt war.

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