Azina sitzt an ihrem Feuer vor dem Warnturm mitten in den Trollzacken und starrt in die Flammen. Elfenbein hat sein noch blutverschmiertes Maul in ihren Schoß gelegt. In Gedanken versunken krault sie ihm hinter den Ohren, während das Bärenfleisch am Stock vor sich hin brutzelt.
Es scheint, als habe ich die letzten zwei Tage verschlafen. Wie konnte mir die Veränderung von Kalkarib entgehen? Nun ja, er hat sehr viel gebetet. Sehr viel. Und des nächtens war Delia bei ihm und hat wer weiß was mit ihm getrieben. Sie haben nun noch etwas gemeinsam. Sie tragen beide dämonisches Wirken in sich. Sie sind beide eine Gefahr für alle. Kalkarib noch mehr als sie.
Er denkt, er sei hier Gast. Ich denke, er steht unter Arrest! Zumindest bis Nehazet eine Lösung für das Problem hat. Ich hoffe, er arbeitet fieberhaft daran. Nicht, dass es uns wieder in die Stadt zieht. Nein. Aber ich habe Garnan ein Versprechen gegeben. Und das will ich halten. Muss ich halten.
Und wenn er gastfreundlich hätte sein wollen, so hätte er nach meiner ersten freundlichen Aufforderung sein Lager abbauen und nicht seinen Besitzanspruch auf das Bett unterstreichen sollen, wie er es getan hat, in dem er seelenruhig seinen Teppich dort verstaute. Gastfreundschaft heißt, für andere auf etwas verzichten. Habe ich ihnen nicht selbstlos das warme Zimmer für die Nächte überlassen? Er selbst verzichtet auf nichts. Er bekommt alles was er braucht, ohne etwas zu tun. Essen, Kleidung, ein Bett, Zeit und meine Wache. Wer wäre zur Stelle gewesen, hätte sich etwas aus ihm gelöst. Wer hätte ihm geholfen? Niemand. Er wäre allein. Er wäre womöglich schon längst tot, wäre ich nicht bei ihm geblieben.
Ich habe nicht übel Lust auf ihn zu fluchen, diesem armseligen Wurm.
Was er sich einbildet so mit mir zu sprechen? Antwortet nicht direkt auf meine Bitten, verweigert den Disput. Ignoriert mich einfach. Mistkerl. Hat sich kein Stück geändert. Immer noch der gleiche Emporkömmling! Man sollte meinen, er wäre nun ein wenig demütiger. Jetzt wo wir ihn gleich zweimal aus unendlichen Qualen befreit haben. Aber nein. Nicht der Herr mit seinem Wasserkännchen.
Noch dazu ist er hoch gefährlich! Ich hätte ihn und das lila Geschwür in ihm sofort töten sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte! Es ist ein Privileg noch am Leben zu sein! Und nun das. So dankt man für das Leben, das einem geschenkt!
Und doch … wer bin ich, dass ich über Tod und Leben zu entscheiden hätte? Er scheint zumindest stabil zu sein. Ich gebe mich geschlagen. Sieghelm kennt die Situation und weiß, in welcher Gefahr er sich befindet. Und offenbar ist es ihm gleich. So soll es auch mir sein. Nur werde ich keinen Finger mehr für den Sohn der Wüste krumm machen. Soll der Dämon doch seine Eier zermalmen!
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Azinas Gedanken