Button

So viel zutun!

Die schwere holzvertäfelte Doppeltür der Magistratenstube fällt erneut ins Schloss. Ein fahler Windzug lässt die drei breiten Kerzen auf dem Schreibpult des Mannes, der vor kurzem die Geschäfte in der Stadt übernommen hat, gespenstig flackern. Der mit roter aranischer Seide, die er selbst einst aus dem exotischen Süden von einer Handelsreise mitgebracht hatte, bespannte Mohagonistuhl des Magistraten knarzt, als sich der alternde Patrizier wieder hinein gleiten lässt. Ein langer erschöpfender Seufzer entfährt Stordans Kehle. „So viel zutun …“ haucht er und schaut über die zahlreichen, sich stapelnden Dokumente, Bücher, Schriftrollen und Pergamente auf seinem Schreibpult, als wären sie eine Aveskarte, auf der geschrieben steht welcher Route man folgen muss um zum gewünschten Ziel zu kommen.

„In zwei Tagen wird der Usurpator die Festung und Stadt verlassen, es bleibt nicht mehr viel Zeit um den Widerstand aufzubauen um Greifenfurt zurück zu erobern. Er wird einige Tage fort sein – gut – aber der beste Moment ist kurz nach seiner Abreise, so dass der Bevölkerung ausreichend Zeit bleibt um sich auf seine Rückkehr vorzubereiten.“

Ein dumpfes Pochen hallt durch die Amtsstuben. „Herein!“ brüllt Stordan über die Unterlagen und Pergamente hinweg. Das aufstehen spart er sich inzwischen. Vier Männer treten ein, Beilunker Botenreiter, sie sollen je ein Schreiben an die Kontormeister nach Perricum, Zorgan und Vinsalt bringen. Die Geschäfte müssen wiederaufgenommen werden, ob Krieg oder Frieden – der Handel darf nicht stagnieren. Stirbt der Handel, stirbt auch das Land. „… und ihr, bringt dieses Schreiben Meister Tsadan Oberndorfer vom Spichbrecher Handelskontor in Zorgan im Stadtteil Zorrigan. Reitet so schnell ihr und euer Pferd es können!“ Seine Worte sind hart und bestimmend, die Männer verlassen die Stuben und noch ehe das Flackern der Kerzen aufgehört hat, ertönt erneut das pochende Klopfen. „Irgan …“ beginnt er rasch. “ … legt alles dorthin, ich habe weitere Erlasse für euch die ihr zu Pergament bringen müsst.“ Der Stadtschreiber läd ächzend drei dicke Bücher aus der Bibliothek auf der Eichenholzanrichte ab. Alles was er finden konnte über dn Henker und seine Vergangenheit.

„Die Nornpforte, die Schanze und das Greifenberger Tor müssen verschlossen werden! Wenn nur das Südtor offen bleibt, kann ich die Ein- und Ausfuhr an Waren und Menschen besser kontrollieren. Ich brauche dringend Leute denen ich vertrauen kann und die ein geschultes Auge besitzen. Sie müssen gleichsam fähig sein den orkischen Torwachen vorzuspielen nur einfache Gardisten zu sein, als auch so vertrauenswürdig, dass sie nur mir Bericht erstatten. Wo bekomme ich die nur her? Auch Lysandras Söldner können so besser in die Stadt geschleust werden. Zudem ist – nach der Rückeroberung der Stadt – dann nur noch ein Tor zu verbarrikadieren. Wie argumentiere ich vor dem Usurpator? Ein bevorstehender mittelländischer Angriff? Klingt gut – das werden sie Orks schlucken und hält die Bevölkerung im Glauben an eine Rückeroberung. Zwei Boronsfliegen mit einer Klappe – Feqs ich danke dir für diese Eingebung!“

„Wie ist euer Name?“ fragt Stordan die junge und grazile Frau die hinter ihm aufgetaucht war. „Ela ist mein Name.“ antwortet sie mit ruhiger Stimme. „Nehmt dort euren Platz ein … nein nicht dort … dort!“ Stordan wirft ihr einen letzten Blick zu und wendet sich dann wieder den Stadtgeschäften zu. Sie Stundenkerze brennt unermüdlich weiter …

„Ich habe ihm mein Essen überlassen, obwohl ich ahnte, dass es vergiftet war … armer Rukus. Zehn Dukaten und ein paar Blumen sind das einzige was ich im Moment tun kann um seine Witwe zu entschädigen. Wie lange war er eigentlich in meinen Diensten? Vier? Fünf oder waren es sechs Götterläufe? Verphext … was wusste ich eigentlich über ihn? Ich muss mir zukünftig mehr Zeit für meine Angestellten nehmen. Travia verzeih mir – ich hätte ihn nicht von dem Essen dass für mich bestimmt war kosten lassen dürfen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Achja, ich war in Gedanken bei den Stadterlässen, den Schreiben an die Kontormeister und an die Liste der Wideständler. Wer bei Belzhorash versucht eigentlich mich zu vergiften? Diese Magd ist nur eine Handlangerin – Clarissa? Gombet? Darrag? – keine Zeit darüber nachzudenken … es ist noch so viel zutun.“

Die Doppelflügelige Tür schwingt auf, Lumin und Asleif treten ein, sie berichten von einer unterirdischen Höhle mit Wasserfall und … moment … nein … das war die Marschällin. Wer sitzt da gerade vor mir und warum sind sie hier? „Wofür bezahle ich euch eigentlich!“ fährt es mit voller Wut aus Stordan heraus. Adern treten dabei pulsierend aus seinem Hals und auf seiner Stirn hervor. Die schwere goldene Kette des Magistraten erzittert als die Emotion aus ihm herausbricht. „Ihr berichtet mir nur Dinge, von denen ich schon seit Stunden Kenntnis habe!“ fährt er etwas ruhiger fort. Seine Finger krallen sich in das Mohagoni des Stuhles, so dass seine Knöchel beginnen weiß zu werden. Am liebsten würde er noch viel mehr herausbrüllen, denn etwas in ihm kämpft mit sich selbst, doch irgendwas hält ihn zurück. Die Fassung kehrt  wie von magischer Hand zurück. „Hier … geht zu dieser Adresse, folgt diesem Pfad und sucht dort nach einem Geweihten. Ein Priester der Gebenden Göttin und Ardach sollten dort zu finden sein – bringt mir einen davon – lebend!“ Der Magistrat schiebt eine Abschrift eines Wegeplans den beiden Migranten zu. Sie verlassen verdrossen die Amtsstuben, es ist noch viel zutun …

„Über Jahrhunderte hinweg … diese Namensgleichheit … bei Phex, das kann kein Zufall sein! ‚Das hohle Bein, das ist geheim‘ … die Brohms? Die Brohms! Irgendwo hier muss es sein.“

Ein Fach schwingt lautlos auf, zwergische Arbeit, ganz sicher! Eine alte Schriftrolle ist darin zu sehen. Mit seinem Dolch hebt Stordan es vorsichtig aus seinem Versteck. Mit einer weiten Bewegung schiebt er dutzende Bücher und Pergamente von Arbeitspult zur Seite. Bedächtig rollt er es auf, und liest die Worte aus dem 30. Regierungsjahr des Kaisers Alrik. Der schwache flackernde Schein der fast schon heruntergebrannten Kerzen offenbart ein weiteres Rätsel. „Was … oh Götter … so viel zutun.“

 

Schreibe einen Kommentar