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Wenn die See ruft…

Dunkel war das Haus und still. Die einzigen Geräusche in der Nacht kamen vom Nieselregen, der gegen die Scheiben traf und vom Wind, der das Holz knarzen ließ. Delphinion lag wach in seinem Bett, seine Gedanken waren aufgewühlt wie die stürmische See. Der Zustand Greifenfurts hatte ihn sehr mitgenommen, immerhin waren alle Geweihten schrecklich niedergemetzelt worden. Der Streit am Abend mit Stordan hat ihm dann den Rest gegeben. Was soll er machen? Was sollen SIE machen? Wie soll das jemand wissen? Sie befinden sich in einer Situation, die es seit Göttergedenken nicht gab. Somit gab es auch keinerlei relevante Referenzen, was sie tun könnten. Eine schreckliche Situation.

Plötzlich steht Delphinion auf, nimmt seine spärlichen Sachen und begibt sich nach unten in die Küche. Es gibt nur einen, den er um Rat fragen kann: Seinen Herrn. Trotz seiner Unergründlichkeit die einzige Konstante seines Lebens. Nur mit seinem Speer, aber wieder mit seiner Robe geht er in den Innenhof und setzt sich im Regen auf den Rand des Brunnens.

„Zu uns hinauf, Astateon, sende Dein Sinnen, auf uns hinab senke Deine Gabe! Öffne Deine Pforten für eine Ahnung Deiner Gestade und sende Deinem göttlichen Diener einen Möwenschrei, auf das er wisse, wohin ihn die Strömung zu leiten vermag!“

Kaum hatte er die aurelianischen Worte zu sprechen beendet, als eine Möwe schreiend sich vor ihm nieder ließ und ihn mit stechenden Augen anblickte. Wie ein Blitz durchfuhr ihn der Blick und er sprang sofort auf, rannte in die Küche und holte seine Sachen. Als er in dem Türrahmen stand und in den Hof blickte, sah er die Möwe ruhig in der Luft schweben. Langsam drehte er sich um und ging wieder zum Küchentisch. Ganz ohne Nachricht konnte er nicht verschwinden und so nahm er Pergament und Tinte und schrieb nieder:

„Wenn die See ruft und die Möwe den Weg zeigt kann der Seemann nicht bleiben sondern muss den Anker lichten. Ahoi“

Als er wieder in den Hof trat schwebte die Möwe langsam über den Bretterzaun in die dunkle Gasse hinein. Ohne zu zögern schwang sich Delphinion über den Zaun hinterher und ging in die schwarze Nacht hinein…

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