Tagebucheintrag zum 30. Tsa 1012
Nur noch einmal schlafen. Nur noch einmal Ruhe finden. Nur noch einmal … das Leben genießen – so gilt es zumindest für die anderen. Ich selbst brenne auf den morgigen Tag, denn die Schlacht ist nur noch wenige Stunden entfernt und mit ihr kommt die Erkenntnis. Erkenntnis über Sieg oder Niederlage, Erkenntnis über ein mysteriöses Schriftstück und Erkenntnis darüber, wer von den Göttern abberufen wurde und wer weiter zu kämpfen hat.
Wir werden im Morgengrauen aufstehen und uns kampfbereit machen, schon jetzt spürt man die Nervosität, die Furcht und die Wut, die in den Bäuchen und Köpfen der Männer und Frauen steckt. Die meisten ertränken diese Gefühle in Unmengen von Schmalbier und zahllosen Bechern verlängertem Liebfeldischen. Es ist wohl besser so, denn jeder, der klaren Verstandes wäre, würde jetzt lieber sein kostbarstes Hab und Gut hergeben, um woanders sein zu können, anstatt hier – auf den marschigen Landen der Silkwiesen, nur einen Bollenflug entfernt von einem Heer aus stinkenden Schwarzpelzen, die brennend und marodierend durch unsere kaiserlichen Landen ziehen.
Ich selbst habe mein Testament verfasst, beim Herrn Phex, ich habe wahrlich schon bessere geschrieben – du weißt es – und dies mieses Schriftstück soll nicht mein letztes gewesen sein. Die Schrift krakelig, die Form zum Haare raufen und das Pergament fleckig vom lästigen und nicht mehr aufhören wollenden Schweißtrieb der Hände, welcher mich seit Tagen begleitet. Gesetzt dem Fall mein Testament wird nicht gefunden, so soll der, wer dies Tagebuch findet und liest, wissen, dass ich einige Zeilen darin niederschrieb, dass derjenige, der es findet und an meinen Familiensitz in Dettenhofen überbringt, eine gute Belohnung erhält. Im Moment befindet es sich im Besitz von Gerion Hullheimer, dem persönlichen Buchhalter von Oberst Giesbert Graf von Bruck, dem Anführer des II. Garether Freiwilligenregiments. Mein Angebot, dass ich auch für die Rekruten meines Haufens ein Testament verfasse, wurde dankend abgelehnt. Entweder sind es alle törichte Narren, die glauben alles und jeden zu überleben, oder wahrlich mutige Recken, die denken, wenn man sich einmal mit seinem eigenen Tod befasst es der Herr Boron leichter hat seine Liste abzuarbeiten. Ich bleibe und sehe das Ganze lieber nüchtern, mit klarem und scharfen Verstand. Die meisten dieser Mannen besitzen nicht mehr als das blutbefleckte Gold in ihren Geldkatzen und haben somit auch nicht viel zu verlieren. Im Falle meiner Abberufung gilt es jedoch allerhand abzuwickeln und zu erledigen – immerhin steht und fällt mit mir ein ganzes Handelshaus.
Gestern erreichte mich über Dero, dem kleinen Jungen, von unbekannter Quelle ein nicht unterzeichnetes Schriftstück, welches mir zusicherte nach Greifenfurt geschickt zu werden – so ich diese Schlacht überleben sollte. Dem Federschwung nach zu urteilen ist der Führer des Gänsekiels ein Mann – was die KGIA Agentin Sartassa wohl ausschließt. Doch wer möchte mir in den letzten Stunden vor der Schlacht auf diese Weise Mut machen? Der Graf von Bruck vielleicht? Dieser könnte es mir jedoch selbst sagen, immerhin sehen wir uns fast jeden Abend. Möglicherweise Hauptmann Alrik vom Blautann und vom Berg? Unsere Blicke kreuzten sich gestern kurz, als ich auf dem Weg zum Regimentszelt war. Vielleicht mein Vetter, Prinz Parzalon? Seine Handschrift hätte ich jedoch erkannt – immerhin kenne ich die Schrift seines Lehrers sehr gut, Meister Gasparyn von Varnyth hätte ihm niemals ein derart geschnörkeltes „W“ beigebracht. Oder eventuell doch der Reichserzmarschall Helme Haffax? Doch welchen Grund sollte er haben ausgerechnet mir einen anonymen Brief zu schreiben? Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als bis nach der Schlacht zu warten. Auch wenn es wahrlich anderes gibt worüber ich mich derzeit den Kopf zerbrechen sollte, so verläuft ein Großteil meiner Gedankenkraft dahin, Licht in dies nebulöses Rätsel zu bringen, welches dieses kleine Schriftstück umgibt.
Wie immer schließe ich mein Tagebuch mit dem Gedanken und den Gebeten an Euch, meine geliebte Frau, meine teuerste Tochter und meine verehrte Frau Mutter. Mögen die Götter Euch weiterhin schützen, auf dass Ihr den Widrigkeiten standhaltet, so wie die Mauern Greifenfurts der Belagerung standhalten.