„Bisher kam noch niemand lebend von dieser Jagt zurück“ Die Worte der alten Hexe hallen in ihren Ohren wider als sie die Wälder durchforstet. Den Blick stetig auf die Umgebung und den Boden gleichermaßen gerichtet. Bakkus trottet ein wenig voraus und verschwindet hier und da in den Büschen.
Was für ein Biest soll das denn sein? Was für ein Wildschwein tut so etwas? Das kann kein normales Tier sein. Es muss irgendwie pervertiert oder ähnlich beeinflusst sein. Ich sollte mich hüten.
Nach endlosen Tagen vergeblicher Spurensuche findet sie es doch tatsächlich auf einer Lichtung stehend. Geradezu als ob es auf sie gewartet hätte. Es schüttelt wild den haarigen Kopf und stößt ein markerschütterndes Brüllen aus, als es direkt in ihre Richtung schaut. Ein eiskalter Schauer kriecht ihre Arme und ihren Rücken hinauf. Bakkus zieht sich winselnd ein paar Schritte zurück. Unvermittelt stürmt die Bestie auf die junge Aranierin zu. Die Hauer kampferprobt erhoben, bereit sie in ihr zartes Fleisch zu versenken. Azina schlottert und ist versucht zu fliehen, doch ihre Knie geben nach. In diesem Augenblick der Schwäche gibt sie sich einen Ruck und stellt sich todesmutig und mit grimmiger Miene dem näher kommenden Ungeheuer entgegen. Eine weiße Aura der Entschlossenheit strahlt von jeder Faser ihres Körpers aus. Sie hält den leuchtenden Speer stoßbereit mit festem Griff umklammert und erwartet mit ausladender Geste den tödlichen Zusammenprall … doch … plötzlich reißt der riesige Keiler erschrocken die Augen auf. Vor Angst laut quiekend bremst er abrupt ab. Dabei wird das Erdreich so heftig aufgewühlt, dass die Jägerin mit Dreck beworfen wird. Dennoch gelingt es ihr reflexartig nach der linken Flanke ihres Gegners zu stoßen. Blut fließt an der Spitze der Reliquie entlang, als das Wildschwein sich losreißt und davon läuft.
Firun steh mir bei, was war das denn? Fürchtet sich der Frevel vor Gottgesandten? Dies ist meine Chance. Hinterher! Ich danke dir, Herr.
Die Hatz beginnt.
Es fällt Azina nicht schwer, der Spuren zu folgen. Deutlich ist die Bresche, die der Keiler bei seiner Flucht ins Gehölz schlägt. Viel schwerer ist es, das vorgelegte Tempo halten. Aber auch Bakkus ist nicht mehr von seiner Beute abzubringen. Bis zum Rande der Erschöpfung verfolgen sie die Bestie tagelang durch die dunklen Wälder. Dann endlich – an einem steilen Hang stellen sie ihren Gegner. Angst schwelt in seinen roten Augen. Er zittert am ganzen Leib und versucht noch weiter zurück zu weichen. Azina murmelt ein kurzes Gebet und rammt der Bestie mit aller Kraft den Speer genau zwischen die Augen. Geradezu ungehindert gleitet die Spitze der Waffe in den Schädel des Untiers. Es zischt und schwarzer Rauch steigt aus der Wunde empor. Das vermeintliche Schwein quiekt noch einmal grässlich verzerrt und sackt dann in sich zusammen.
„Möge deine alte Seele Frieden finden.“
Erst als sie ihren Ritus beendet hat, schaut sich Azina um. Sie hat in ihrer Konzentration nicht bemerkt, dass sie sich knapp außerhalb des Waldes befindet. Eine kleine Menschenmenge beobachtet sie ehrfürchtig. Ein Raunen geht durch die Menge. Vorsichtig tritt ein alter Mann zu ihr heran und sagt: „Wir sind euch zu großem Dank verpflichtet, Sahiba. Ihr habt uns von dem Dämon befreit, der uns schon seit langem peinigt. Sagt, wie können wir euch danken?“
„Dankt nicht mir, dankt Firun. Verbreitet die Kunde, dass Azina saba Belima, der Bote Firuns, das Untier erschlug … und leiht mir bitte einen Karren samt Esel.“
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Gedanken der Azina