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Teil VI – Blut und Tot (1)

Auf den Wällen – Gustav

Gustav zog mit Wucht sein Schwert aus der Abscheulichkeit heraus. Es schabte dabei zwischen den chitinartigen Panzern entlang und machte ein Geräusch, als wenn man mit einem Wetzstein über die Klinge fahren würde. Von der Schwertspitze tropfte eine schwarze und zähe Flüssigkeit, während sich der ehemalige Heermeister nach dem nächsten Gegner umsah – denn davon gab es genug. Die Wälle wurden Schauplatz eines Gemetzels, zahlreiche Abscheulichkeiten fluteten die Festung und richteten eine horrende Zerstörung an. Auch Gustav blieb davon nicht verschont, Blut rann ihm den linken Oberarm bis zum Handgelenk entlang und spritze bei jeder Bewegung herum. Seinen Helm hatte er gleich der ersten Abscheulichkeit opfern müssen, da eines der krallenbesetzten Mäuler sich darin verbissen hatte und er – Rondra sei Dank – schnell genug den Riemen lösen konnte, um sich somit der drohenden Umklammerung entziehen konnte. Vorsichtig humpelte Gustav den Wehrgang entlang. Mehrere Schnittwunden färbten seinen linken Unterschenkel blutrot – eine der Kreaturen hatte ihn dort mit seinen Krallen erwischt, als er gerade dabei war eines der Wesen den Wall hinunter zu werfen.

Überall um ihn herum hörte und sah man das ungeordnete Kampfgetümmel, zahlreiche Abscheulichkeiten lagen auf den Wällen, im Innenhof oder vor den Wällen zusammengerollt, ihr eigenes Ende anzeigend, herum. Leider sah man auch mehrere tote und entstellte Körper von Kämpfern und Bogenschützen. Die Biester verschwendeten keine Zeit sich nach dem Mord an den toten Körpern ihrer Opfer aufzuhalten, wie es vielleicht Tiere getan hätten, um sich einen ersten Bissen einzuverleiben, sondern sprangen sofort unbeirrt und ohne jeden Anschein von Erschöpfung weiter zum nächsten. Es waren Kreaturen, die nur für diesen Zweck erschaffen wurden – und diesem Zweck gingen sie bis zu ihrem eigenen Ende stoisch nach. Keine Furcht, kein Anzeichen von taxieren, einfach nur blindes Drauflosstürmen und dabei so viel Schaden wie nur eben möglich anrichten. Da sie in der Überzahl waren, bedurfte es daher auch keiner nennenswerten Taktik.

„Gustav!“ rief Rigo, ein Infanterist. Sie Stimme kam von hinter ihm, er machte sofort auf dem Absatz kehrt und brachte sein Schwert in die niedrige Kampfposition. Zwischen Gustav und Rigo krabbelte gerade eine weitere Abscheulichkeit über die Zinnen. Ihr Vorderteil drehte es zu dem rufenden Kämpfer, während es das massige, aber nicht minder gefährliche, Hinterteil Gustav zuwandte. Da hörte Gustav es wieder, das abscheuliche Geräusch, welches diese Biester von sich gaben, wenn sie in die Kampfhaltung übergingen. Es war eine Mischung aus hölzernen Geklapper und metallischem Kratzen, wenn sich die Chitinpanzerplatten untereinander verschoben, um keine Schwachstelle zu offenbaren und die zahlreichen Füße auf den Steinen der Festung ihren Halt suchten. Rigo schlug mit der Wacht eines Ambosszwergischen Felsspalters auf die hauerbesetzten Fangarme ein, die wie Kobraköpfe nach ihm packten. Gustav suchte nach einer Schwachstelle im Panzerrücken, während sich die zwei riesigen Zangen, wie die eines Hirschkäfers, ihm entgegenstreckten. Drei mal stach er auf den Panzer ein, doch seine Klinge kratzte nur klagend über den Panzer. Rigo durchtrennte mit einem wuchtigen Hieb seiner Orknase einen der Fangarme, zähflüssiges schwarzes Blut quoll hervor und spritzte ihm entgegen. Gustav entschied sich für ein gewagtes Manöver, mit einem kräftigen Stampfen stieg er auf eine der Zangen, um das Hinterteil der Kreatur damit am Boden zu fixieren. Er spürte wie die Kraft des Wesens gegen sein Gewicht arbeitete, doch er hielt es an Ort und Stelle. Jetzt konnte die Abscheulichkeit die Panzerplatten nicht mehr verschieben wie es wollte, er beugte sich vor und suchte nach einer Schwachstelle, während er weiterhin auf sein Glück setzte und hier und dort auf die schmalen Ritzen einstach – doch ohne Wirkung. Auf Rigos Seite griff der verbliebende Fangarm nach seinem Standbein. Rigo versuchte den Angriff auszuweichen, doch er war zu langsam. Der Fangarm umklammerte mit einem schmerzvollem Biss sein Unterschenkel und zog mit einer so unsäglichen Kraft daran, dass Rigo ins Straucheln kam. Er rutschte gegen die Zinnen. Während sein Kettenhemd über den Stein wetzte, versuchte er mit der freien Hand seinen Sturz aufzuhalten, Phex sei Dank fanden seine Finger den Fackelhalter und klammerten sich daran fest. Mit Panik drosch Rigo mit der anderen Hand, die noch immer seine letzte Wehr hielt, auf den Kopf der Abscheulichkeit ein. Doch die wuchtige und inzwischen schartige Klinge der Axt kratzte nur scheppernd über den massiven Panzer. Gustav musste jetzt handeln, oder Rigo war verloren. „Verfluchtes Biest!“, stieß er aus und machte mit seinem freien Bein einen Ausfallschritt nach vorne, so dass er fast auf der Kreatur drauf lag. Und da! Da offenbarte sich ihm eine Schwachstelle, zwischen dem Vorder- und dem Hinterteil des Wesens, gab es eine kleine Stelle zwischen dem massiven Kopfpanzer und den lamellenartigen Hinterteil, wo die dünne hautähnliche Struktur hervorblitzte. Gustav zielte mit der Spitze seines Schwerts darauf, doch da spürte er eine Schmerzexplosion in seinem linken Fuß, der Druck den er gebrauchte hatte, um die Zange am Boden zu fixieren, genügte aufgrund seines Ausfallschrittes nicht mehr. Sie hatte sich gelöst und die Zangen, von denen jede die Länge einer Elle hatte, umklammerten Gustavs Fuß und drückten so fest zu, dass das Blut sogar aus dem festen Lederstiefel herausspitzte. Die Schwertspitze fand ihr Ziel. Mühelos durchschlug es die dünne Hautschicht des Wesens und ein schrilles Fiepen zuckte durch den Leib der Abscheulichkeit – es musste so etwas wie Schmerz verspüren, da war er sich ganz sicher. Finger für Finger trieb er mit beiden Händen die Klinge tiefer hinein, eine der Hände hinten auf den Knauf gedrückt, um es besser voran schieben zu können. Es knackte und gluckerte im Innern, doch der, das Bewusstsein raubende, Schmerz in Gustavs Fuß zuckte hoch bis ins Bein – er durfte jetzt nicht das Bewusstsein verlieren! Da knackte es erneut, der Druck am Fuß ließ ruckartig nach und die Kreatur unter Gustav erschlaffte. „Aaaaahhhhh!“, schrie er, jetzt wo die Zangen losgelassen hatten, ließ er zu, dass ihn der Schmerz übermannte. Rigo, der ebenfalls befreit war und dessen Bein eine tiefe klaffende Bisswunde hatte, stieg über den toten Körper der Kreatur hinweg, um Gustav aufzuhelfen. „Du hast mir das Leben gerettet!“, sprach dieser und hob Gustav an den Achseln hoch. Doch sein Fuß hing nur noch unkontrolliert an seinem Bein herab, der Stiefel war vollgelaufen mit Blut und das Leder zerfetzt – er spürte dort nichts mehr, außer einen die Sinne raubenden Schmerz. „Scheiß drauf, Rigo – kämpf weiter!“ der barsche Ton des ehemaligen und jungen Heermeisters überrascht den älteren Kämpfer. Gustav lehnte an die Zinnen und stand nur noch auf einem Bein. Er wurde Kreidebleich. Da bemerkte er, dass sein Schwert noch immer tief im Leib der Abscheulichkeit steckte – er musste es losgelassen haben. „Gib … gib mir mein Schwert.“, stotterte er schmerzerfüllt und streckte seine Hand zitternd in Richtung des Schwertes aus. Rigo tat wie ihm geheißen und zog mit einem Ruck am Heft des Schwerts.

Da wurden beide Kämpfer für einen Moment dunkel, der schwarze Körper einer Abscheulichkeit flog über Gustavs Kopf hinweg. Rigo konnte sich noch rechtzeitig umdrehen, doch das Hauer besetzte Maul der Kreatur stürzte genau in dessen überraschtes Gesicht. Das Knacken und Bersten von Knochen war das letzte, was Gustav von Rigo hörte, als sein Körper samt der Kreatur über die Brüstung flog und in den Innenhof abstürzte. „NEIN!“, brüllte Gustav und der Schmerz in seinem Fuß zuckte wieder in ihm hoch. Doch nicht nur die zwei waren fort, auch Gustavs Schwert – Rigo hatte es wohl im Angesicht des Todes festgehalten und mit in die Tiefe gerissen.

Auf den Wällen – Brangane

Die Ritterin stand zwischen zwei Bogenschützen auf einem der Türme, als die Flut an Abscheulichkeiten über die Festung hereinbrach. Die Bogenschützen ließen auf Kommando der Frau einen Pfeil nach dem anderen von der Sehne. Einer von Ihnen war es auch, der den ersten Treffer landete. Als die Bestien dann begannen die Festungsmauern zu erklimmen, als wären es einfache Sprossenleitern, wusste Brangane, dass kein einfacher Kampf folgen würde, in dem sie von zwei Bogenschützen umgeben war, die aus kurzer Distanz nichts auszurichten vermochten.  Sie waren zwar beide mit Kurzschwertern ausgestattet, doch würden sie damit nicht umgehen können – so viel stand für die Ritterin fest.

„Stellt euch dort hinten an die innere Brüstung – ich halte sie auf. Schießt, wann immer sich ein Ziel ergibt“, befahl sie den beiden Männern und deutete auf die zum Innenhof gewandten Mauersteine. Die beiden Männer, einer von ihnen erst an die zwanzig Götterläufe und der andere Anfang fünfzig mit dichtem grau meliertem Bart, nickten nur und begaben sich dann in Position. Hastig legten sie wieder Pfeile auf die Sehnen, da kam auch schon die erste Abscheulichkeit über die Zinnen gekrochen. Die hungrigen Mäuler voran, schlängelte es sich über die dicken Steine, während des hölzerne Geklapper der zahllosen Beine am Hinterleib zu hören war. Bragane hielt in der rechten Hand einen mit der Spitznase voran gedrehten Rabenschnabel und in der linken ein stabiles Wappenschild. Die Kreatur kreischte schrill, die Bogenschützen zuckten zusammen, doch Brangane schien nicht beeindruckt und schwang einen kurzen aber heftigen Hieb gegen den Schädel der Kreatur. Wie ein Schmiedehammer, der das glühende Metall unter seinem Hammerkopf formte, verformte sich der massive Kopfpanzer der Abscheulichkeit unter dem Druck der Spitze des Rabenschnabels. Anscheinend mühelos durchschlug er den Kopfschutz der Kreatur. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sagen, dass die Kreatur überrascht zu sein schien, denn für einen kurzen Moment streckte es alle Glieder von sich und macht keinerlei Anstalten sich zu Wehr zu setzen. Noch ehe es aus seiner Starre wieder erwachte, drehte sich Brangane auf der Stelle und zog den Rabenschnabel hinter sich her. Die Kreatur hob vom Boden ab als wäre es um ein vielfaches leichter als es aussah, während der Kopf der Kreatur dabei am Ende des Rabenschnabels hing. Brangane schleuderte das Vieh mit schier übermenschlicher Kraft über die Zinnen zurück über die Außenmauer. Als sich der Haken aus dem Kopf der Kreatur knackend löste und es sich in der Luft wie ein herabfallendes Lindenblatt drehte, schoss schwarzes Blut absurde Kreise ziehend aus ihm heraus.

Die Bogenschützen hatte keine Zeit über das eben Geschehene nachzudenken, sicher war nur, dass sie die Autorität und Kampfkraft der Lady nicht anzweifeln würden. Da krabbelten auch schon zwei weitere über die Zinnen. Brangane schoss sofort auf einem der beiden zu. Die Bogenschützen entschlossen sich instinktiv den anderen zu bearbeiten. Die Pfeile flogen aus naher Distanz auf die Kreatur zu. Ein Pfeil schepperte unwirksam gegen den Panzer, der andere fand sein Ziel zwischen den Lamellenpanzern am Hinterleib. Das Biest zuckte zusammen, doch es war noch nicht besiegt. Währenddessen schlugen die maulbesetzten Fangarme des zweiten Monstrums gegen den Schild der Lady. Ihr erster Hieb hatte das Ziel verfehlt, die Kreatur war ausgewichen und ging ihrerseits zum Angriff über. Brangane wich zurück und pendelte die Schnappmäuler der Fangarme geschickt aus. Da schlug sie zu, der Hammerkopf des Rabenschnabels traf direkt in eines der Fangmäuler und zerfetzte es in hundert kleine fleischige Stücke. Die zwei Abscheulichkeiten flankierten Brangane und drängten sie in eine Ecke. Wieder flogen zwei Pfeile von den Sehnen, doch dieses Mal verfehlten beide ihr Ziel. Lady Brangane schlug erneut mit dem Rabenschnabel wuchtig zu, der Hieb durchschlug den Kopfpanzer der Kreatur – es schepperte und sofort krümmte sich die Kreatur leblos wie eine Assel zusammen. Mit dem Schild musste sich Brangane gleichzeitig der anderen erwehren, sie hatte Mühe sich die Kreatur vom Hals zu halten. Da bäumte sich das Vieh auf, so dass es so groß wurde die Brangane selbst. Die zwei Mäuler schnappten nach ihrem Gesicht, verfehlten jedoch ihr Ziel. Was folgte, war ein gewagtes, aber effizientes Manöver. Brangane schlug mit dem Schild nach dem Wesen. Es pochte, als es gegen die dünneren Panzerplatten am Unterleib der Kreatur schlug – doch Brangane schlug nicht nur, sie schob. Sie schob die Abscheulichkeit gegen die steinernen Zinnen, so dass es dort zwischen diesen und ihrem Schild eingeklemmt war. „Jetzt, schießt!“, befahl sie im ruhigen und bestimmenden Tonfall. Die zwei Bogenschützen brauchten nicht viel zu zielen, am nun offenliegenden Unterleib hatte es kaum Panzer. Die Bogenschützen ließen ihre Pfeile von den Sehnen, beide durchschlugen die dünne Haut und setzen der Abscheulichkeit ein jähes Ende. Als Brangane der Druck von ihrem Schild entfernte, klatschte die Kreatur leblos zu Boden.

Brangane warf einen Blick über die Brüstung in den Innenhof und zum Wehrfried. Die Abscheulichkeiten hatten sich binnen kurzer Zeit bis in den Innenhof vorgearbeitet. Überall kämpften die Verteidiger tapfer gegen die Aggressoren. Branganes Blick ging nach oben, in den Himmel, als würde sie dort etwas erwarten. Ihre steinerne Miene verriet nicht, über was sie sinnierte. „Lady, es kommen weitere!“ rief der junge Bogenschütze und deutete auf die Brüstung. Tatsächlich krabbelten erneut zwei Abscheulichkeiten empor. Doch Branganes Blick ging weiterhin unbeirrt, ja fast schon hypnotisch, zum Himmel. Mit einem Mal fuhr sie herum und schneller als die Bogenschützen ihre Pfeile auf die Sehnen bringen konnten, warf sie die Dachluke des Turms auf und verschwand darin im Treppenabstieg. „Was zum …“ fluchte der ältere Bogenschütze, der es nicht fassen konnte, dass sie Ritterin sie beide alleine ließ. Die Abscheulichkeiten schnellten auf die beiden Männer zu, ein Pfeil flog noch von der Sehne, während der jüngere Bogenschütze sofort nach seinem Kurzschwert griff. Es dauerte nur wenige Lidschläge, da hatten die hungrigen Mäuler und klauenbesetzten Fangzähne der Abscheulichkeiten die Körper beider Bogenschützen bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Sie hatten nicht einmal Zeit für Schreie.

Hinter ihnen am Himmel, direkt über der Festung, öffnete sich ein Riss – rote Blitze zuckten heraus und krochen wie auf einer Oberfläche in unsere Welt hinein. Der Riss öffnete sich weiter und wurde kreisrund. Mit den Füßen voran, senkte sich in diese Welt eine schlanke Gestalt – sie war menschenähnlich – und doch erkennbar anders. In der Hand hielt sie einen gewundenen Stab. Dies war keine Abscheulichkeit, kein niederes Wesen, welches geopfert werden konnte. Dies war Sara’kiin die Limbusverschlingerin.

 

Teil V – Sturm

Auf den Wällen

Der unsichtbare Wall hatte keine große Ausdehnung, man stieß schon nach etwa einhundert Schritten hinter den Außenmauern gegen sie. Überall dort, wo die Späher den Rand ausgemacht hatten, nahm das Unheil ihren Lauf. Die Besatzung der Festung Friedstein musste mitansehen, wie sich am Ereignishorizont der Kuppel schmale Risse in der Erde bildeten, die sich dann zu großen klaffenden Wunden vergrößerten, aus denen, wie aus den Niederhöllen stammenden, rotglühendes und unheiliges Licht begann zu pulsieren. Was die meisten nicht wussten: Es waren nicht die Niederhöllen, es war etwas viel schlimmeres. Rufe des Entsetzens und der Verzweiflung schallten über die kalten Steine der Festung. Und als wären die zerklüfteten Risse in der Erde noch nicht genug, da kletterten aus ihnen auf allen Seiten Wesen hervor, die man nur als ‚Abscheulichkeiten‘ beschreiben konnte. Kleine, gerade einmal ein bis zwei Schritt lange, wurmartige Wesen mit dünnen, raupenartigen Füßen. Der Vorderleib ähnelte einer Mischung aus Skorpion und Spinne, mit hellem, knöchernem Exoskelett und tentakelartigen Auswüchsen, die sowohl Füße, Fühler, aber auch Giftstachel sein konnten. Zwei wuchtige, mehrgelenkige Arme standen nach oben hin in einer Angriffshaltung bereit – doch an Enden waren keine Stachel, sondern Hauer besetzte hungrige Mäuler. Der Hinterleib war eine abstrakte Mischung eines Tausendfüßlers und eines Ohrenkneifers – zahlreiche winzige Beine bewegten die Abscheulichkeit in absurder Geschwindigkeit fort, während das Schwanzende aus zwei langen und scharfkantigen Klauen bestand. Das aus dem Vortex stammende Wesen war eine Ausgeburt, die dazu bestimmt war zu töten, es diente keinem anderen Zweck, daran ließ ihr Aussehen kein Zweifel.

Als dutzende dieser Wesen aus den klaffenden Wunden in der Erde gekrochen kamen und in aberwitziger Geschwindigkeit in Richtung des Walls der Burg krochen, hörte man nur Wimmern und sowohl hastig, als auch ängstlich rezitierte Gebete von den Wällen – alle befürchteten, dass hier und jetzt ihr Ende gekommen war. „Booogenschützen, leeeeegt an!“ brüllte Branganes Stimme über den Wall, als wären es normale Menschen, die dort auf ihre Mauern zustürmten. Erschrocken von dem Befehl taten die zehn Bogenschützen genau das, sie zogen jeweils einen Pfeil aus ihrem Köcher und legten zwischen den Zinnen auf die Abscheulichkeiten an. Ein langer, sehniger Moment verging, in dem alle die Kreaturen herankrabbeln sahen. Ihre Fortbewegung sah keineswegs plump oder tierisch aus, vielmehr grazil und effizient – so als wären sie genau für diesen Zweck erschaffen worden: Den schnellen und zügigen Angriff. Durch ihre Wellenartige Fortbewegung wurde es den Schützen schwer gemacht auf sie anzusetzen und die Bewegung vorauszuahnen. Niemand wusste, ob die eisernen Spitzen der Pfeile überhaupt in der Lage waren die knöchrige Außenstruktur der Wesen zu durchdringen – wenn es überhaupt Knochen waren. Als die Wesen nah genug heran waren, bellte Lady Brangane den Schussbefehl. Die Pfeile verließen im Einklang die Sehnen – sie schwirrten die Mauern hinab in Richtung der Abscheulichkeiten. Alle Männer und Frauen starrten wie gebannt auf die nun folgende Szene – sie hofften und beteten alle, dass der Druck der Bogensehnen, das Eisen der Spitzen und die zusätzliche Kraft der erhöhten Position ausreichten, um die Hülle der Wesen zu durchdringen. Es würde ihnen allen Hoffnung geben, die Hoffnung, dass sie verletzbar und damit besiegbar wären. Innerhalb eines Bruchteils eines Moments wurde darüber entschieden, ob es Hoffnung oder Verzweiflung gab – ob der Sieg greifbar war, oder die unvermeidbare Niederlage bevorstand. Die Pfeile trafen auf die Abscheulichkeiten, ein paar verfehlten ihr Ziel und blieben im Erdreich stecken, einige weitere schepperten wirkungslos auf ihr Außenskelett und prallten im hohe Bogen zur Seite weg, während die krabbelnden Schrecken ihren Weg unbeirrt fortsetzten. Die Besatzung suchte verzweifelt nach wenigstens einem erfolgreichen Pfeil. Wenigstens einer musste doch seinen Weg durch die Panzerplatten hindurch gefunden und eines der Wesen verletzt haben. „Getroffen!“ schrie eine junge Stimme von einem der höheren Türme. Ein junger Bogenschütze von gerade einmal achtzehn Sommern deutete mit dem Ende seines Bogens auf die eine, liegen gebliebene, Abscheulichkeit, die sich wie eine Spinne, die ihr Ende gefunden hatte, sich zusammengedreht und an Ort und Stelle liegen geblieben war. Das federnde Ende eines Pfeils war das einzige, was noch vom Blattschuss zu sehen war. Die Verteidigungsstreitmacht jubilierte, der unausweichliche Kampf war kein hoffnungsloser – man würde ihn gewinnen können. „Leeeegt an!“ kommandierte Lady Brangane von ihrer Position erneut. Zwei oder drei Schüsse würden sie noch haben, bevor die Abscheulichkeiten die Wälle erreichten.

Im Innern

„Weg da!“ schrie Ser Gneisor und seine Stimme vibrierte förmlich, als er seinem mehrere Schritt entfernten Knappen zubrüllte, während er selbst nach dem Griff seines Anderthalbhänders fingerte. Doch der Knappe tat nicht wie ihm geheißen, tapfer und töricht zugleich stellte er sich der deckenhohen Kreatur, die nicht so aussah wie die, die gerade auf den Wall zukrabbelten, entgegen. Es lief auf zwei Beinen, war so groß wie der Gang hoch war und der ganze Leib war Stachelbesetzt, manche so groß wie die Hauer eines Ebers. Der eine Arm, wenn man es so nennen konnte, war gewaltig, die Schulter so massig wie die eines Ogers und der Unterarm, dessen Finger lange, schwarztriefende Krallen waren, Baumstammgroß. Auf der anderen Seite der Abscheulichkeit waren zwei weitere, fast schon verkümmert wirkende Ärmchen, die sich eine gemeinsame, ebenfalls stachelige Schulter teilten. Der Kopf, ähnlich dem eines Menschenschädels, erwuchs ohne sichtbaren Hals aus dem Oberkörper – vom Oberkiefer bis hin zur Brustmitte, zog sich ein einziges, vor verfluchter Flüssigkeit triefendes und stachelzahnbesetzen Maul. Bis auf den Schädel war der ganze Körper des Kreatur von einer dunklen, fast schwarzen und sehnigen Außenhaut überzogen – keine Haare, Kleidung oder Geschlechtsteile – es war nur dazu erschaffen zu töten.

Ingmar machte einen Satz nach vorne, anscheinend wollte er die Abscheulichkeit überraschen, er holte zum Schlag aus und wahrscheinlich hätte er einem normalen Menschen mit diesem Manöver auch überrascht, doch das jenseitige Wesen war kein Mensch und kam Ingmar zuvor. Es zuckte mit dem ogerartigen Arm und traf Ingmar, noch bevor dieser seinen Hieb vollenden konnte. Der Körper des Jungen wurde mit schmerzender Leichtigkeit durch den Gang geschleudert, sauste an Gneisor und Halrik vorbei und kam an einem Schrank scheppernd zum Erliegen. Sein Kurzschwert glitt klirrend über den Boden, nur knapp an den Beinen des Studiosus vorbei. Dieser war kreidebleich und klammerte sich schützend an seine Bücher. „In die Bibliothek, Los!“ bellte der Marschall mit seiner befehlsgewohnten Stimme und holte den Studiosus damit aus seiner Starre. Dieser verlor keinen Moment, machte auf dem Absatz kehrt und sauste sofort davon. Gneisor hoffte, dass Halrik ihn verstanden hatte und auch wirklich in die Bibliothek eilte. Ein schrilles, aus einer anderen Welt stammendes, hell schepperndes Schreien durchfuhr den Gang der Festung. Er drang bis tief in Fleisch und Bein des Ritters. Ätzende Tropfen gallertartiger Flüssigkeit tropfte vom Maul der Abscheulichkeit herab und flog zusätzlich beim Schrei durch den Gang dem Ritter entgegen. Ser Gneisor knurrte und drehte beide Hände mit einem ledernden Knirschen um den Griff seines Anderthalbhänders, als er ihn in Kampfposition brachte. Er würde nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Knappe, er würde abwarten und wie eine Löwin darauf lauern, den einen tödlichen Hieb ansetzen zu können.

Die Abscheulichkeit kam Ser Gneisor entgegen, mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit brachte es den Ogerarm nach vorne und hieb nach ihm. Ser Gneisor, zwar erwartend, aber überrascht ob der Geschwindigkeit, pendelte den gefährlichen Hieb nur knapp aus. Ihm offenbarte sich die mächtige und stachelbesetzte Schulter des Wesens, das viel größer war als er. Mit tödlicher Präzision und der Wucht eines geübten Kriegers, schlug er auf die Schulter ein. Noch würde er nicht seine ganze Kraft in den Schlag hineinlegen, denn das würde ihn nur aus dem Gleichgewicht bringen. Erst musste er wissen, ob er dem Wesen damit überhaupt Schaden zufügen konnte. Die scharfe Klinge fuhr in die Schulter, zerschlug zwei hauerähnliche Stachel und wetzte dann kaum Schaden zufügend über die äußere Schicht. Dank Ser Gneisors dosiertem Einsatz von Kraft und Schwung gelang es ihm die Wucht abzufangen, so dass er dabei nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Das Wesen wollte den günstigen Moment nutzen. Die beiden, minderwertig wirkenden Ärmchen, versuchten nach ihm zu packen, doch der Marschall sah sie kommen und machte einen Ausfallschritt nach hinten. Er brachte sich damit erneut in Position und in Distanz zu ihnen. Nur knapp kratzten sie über seinen Brustpanzer und zerfetzten dabei den schwarzen Wappenrock. Ser Gneisor war nun weit genug entfernt um nicht mehr überrascht zu werden. Seine kampfgeschulten Augen suchten vergeblich nach Anhaltspunken für die nächste Bewegung des Wesens – auch wenn die äußere Hülle einer Haut mit Muskeln und Sehnen glich, so bewegten sich diese, wenn man es so nennen konnte, nicht wie bei dem eines Wesens aus Fleisch und Blut. Er musste sich also ganz auf seine Reaktionsfähigkeit und seinem Instinkt verlassen. Als die Abscheulichkeit erneut einen Angriff mit dem Ogerarm versuchte, machte Ser Gneisor einen Schritt zurück, verlagerte die Haltung des Schwerts nach oben in den Oberhau und nutze den Moment, um das Ende seiner langen Klinge auf den Schädel des Wesens mit voller Wucht niederfahren zu lassen. Doch er unterschätzte die Reichweite der langen Krallen des starken Arms, sie kratzten über seinen Oberschenkel, durchschlugen das dortige Plattenteil und kratzten bis zu seinem Fleisch hindurch. Ein brennender Schmerz zuckte durch seinen Körper, als er spürte, wie die Krallen seine Muskeln mühelos auftrennten. Im gleichen Moment durchschlugen die letzten fünf Finger der Schwertklinge die Schädelbasis des Wesens. Ein Ton, wie von zerberstenden Knochen erklang, als die Spitze des Schwertes bis in die schwarze Augenhöhle hindurchschmetterte. Ser Gneisor zuckte, trotz der Schmerzen im Bein, zurück. Sein Schlag würde bei jedem Wesen den Tot bedeuten – und genau dies erwartete er auch nun bei der Abscheulichkeit. Der Schädel war zertrümmert, das Wesen taumelte zurück und stieß wieder ein schepperndes Schreien aus. Fall um! – wünschte sich Ser Gneisor und beobachtete das Wesen genau, während er das Brennen in seinem Bein versuchte zu ignorieren. Aller Erwartung zum Trotz blieb die Abscheulichkeit jedoch stehen und wirkte jetzt noch aufbrausender. Erneut kam es auf ihn zu. „An mir kommst du nicht vorbei“, brachte Ser Gneisor stoisch hervor und machte sich wieder kampfbereit, das Schwert im Oberhau, so dass die Spitze der Klinge fast die Decke berührte. „Ich bin bei euch, Ser.“ An Gneisors Seite tauchte der kampfbereite Ingmar auf, dessen Brustplatte eine dicke Delle hatte, anscheinend hatte das Wesen ihn nur mit der stumpfen Prankenseite erwischt und seinen Panzer mächtig verbeult. „Die Leuin steh uns bei“, murmelte der Ritter glücklich darüber, dass sein Knappe noch lebte und nun an seiner Seite stand. Zusammen versperrten sie den Gang, denn unweit hinter Ihnen war der Zugang zur Bibliothek.

In der Bibliothek

Halriks Füße trugen ihn so schnell sie konnten in die Bibliothek. Die schwere Eichentür schlug er hinter sich zu und als er im Innern angekommen war, schob er beide massiven Riegel hektisch in das Schloss. Was er eben gesehen hatte überstieg seine Vorstellungskraft. Er hatte wahrlich schon viel über Dämonen und dämonoide Wesen gelesen und auch Zeichnungen gesehen, doch der Anblick der jenseitigen Abscheulichkeit übertrumpfte alles. „Ganz ruhig, Halrik – atme!“ Der junge Studiosus versuchte sich selbst dazu anzuhalten ruhiger zu werden. Sein Blick wanderte über die Bücherregale zu den Fenstern. Es beruhigte ihn ein wenig, dass sie seit der Übernahme der Festung mit massiven Gittern versehen wurden. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er musste jetzt Ruhe finden, sonst würde er nicht die Folianten und Bücher studieren können. Ser Gneisor sagte, er solle in den Büchern eine Möglichkeit finden, wie sie aus dieser misslichen Lage entkommen konnten. Hastig eilte er zu der Abschrift der alten Senne, aus der er auch die Symbole der Kultisten entziffert hatte. Sie lag aufgeklappt auf einem Bücherständer, so wie er es vorhin zurückgelassen hatte, um dem Marschall zu berichten, dass Sara’kiin auf dieser Sphäre ist. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Was … das kann kein Zufall sein“, dachte er laut, was er immer machte, wenn er alleine in der Bibliothek war. „Genau in dem Moment, in dem ich herausfinde, dass Sara’kiin hier ist, taucht dieser unsichtbare Wall auf – und womöglich auch sie. Das kann kein Zufall sein“, wiederholte er ungläubig. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich beobachtet. War sie etwa hier? Hörte und sah sie, was sie alle taten? Hatte sie nur auf diesen Moment gewartet? Aber warum? Sie hätte auch viel eher angreifen können – welchen Sinn hat es, darauf zu warten, dass die Menschen herausfinden, dass sie hier ist? Zahlreiche Fragen und Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Da ermahnte er sich wieder dazu, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Da hörte er plötzlich Schreie, menschliche Schreie, welche von den Wällen stammen mussten. Er hörte das Geschepper von Klingen und gelegentlich einen kurzen abgerissenen Ruf. Halrik hatte keine Ahnung von Schlachten, er hatte verständlicherweise auch noch nie an einem Kampf teilgenommen, weshalb ihm die typischen Geräusche einer Schlacht unbekannt waren und ihm Furcht einflößten. „Nur kein Druck …“, hauchte er schwach und klammerte sich so fest mit beiden Händen an den Bücherständer, dass seine Knöchel weiß wurden. „So, nun zu dir, du verrätst mir wie wir hier rauskommen, und ich verspreche dir im Anschluss einen schönen Ort mit Ausblick in der Bibliothek“, beschwor er den Folianten. Während draußen die Männer und Frauen um ihr Leben kämpften, hatte er hier in der Bibliothek auch einen Kampf auszutragen. Sie alle gaben draußen ihr Leben, damit er genug Zeit hatte dem Folianten die Geheimnisse zu entlocken, die sie brauchten, um aus dem Schlamassel zu entkommen. Halrik schloss die Augen, konzentrierte sich und hatte nur einen Gedanken: Möge mir Hesinde Erkenntnis geben.

Teil IV – Momentum

Die Praiosscheibe hing weit hinter den Wolkenfetzen und ließ diese so rot aufglühen, dass man den Eindruck bekam, dass der Himmel bluten würde. Überall auf den Zinnen der Festungsmauern hatten die Bogenschützen und frisch ausgebildeten Infanteristen ihren Platz gefunden. Gustav schritt die Reihen der jungen und alten Soldaten und Rekruten ab. Er spürte, dass viele von Ihnen Angst hatten – sie wussten zu wenig und gleichzeitig zu viel, um keine Angst zu haben. Auch Gustav war nicht in alle Geheimnisse eingeweiht worden, doch eins war ihm klar – denn er hatte sich oft mit dem schmalen Studiosus unterhalten, der sehr redselig über die Jenseitigen war – wenn wirklich der Vortex für diesen Wall verantwortlich war, dann war mit dem, was folgte, nicht zu spaßen. Gustav ertappte sich dabei, wie er an seinem Glücksbringer herumfingerte, den er als Amulett um seinen Hals zu hängen hatte. Es war eine kleine Schnitzerei aus Zedernholz, die eine löwengesichtige Frau zeigte – die Heilige Thalionmel. Gustav hatte das Figürchen mal auf dem Markt in Hammerschlag erstanden. Ein Krämer aus dem Ausland hatte sie ihm verkauft. Hilf mir Thalionmel und lass mich heute nicht sterben, doch wenn es sein muss, dann ehrenhaft bei der Verteidigung gegen einen übermächtigen Gegner – so wie du einst. Gustavs stilles Gebet ging rasch. In einem der kleinen Wehrtürme umschloss er die kleine Figur mit der ganzen Hand und hielt für einen Moment inne. Dann ging er weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er wollte nicht, dass die Soldaten sehen, wie er betete, denn er glaubte, dass würde ihnen ihr Vertrauen ihn ihn rauben.

Gustav erreichte die Position, an der Lady Brangane Posten bezogen hatte. Er sah noch, wie der in grau gehüllte Studiosus sich verneigte und rücklinks ehrfürchtig den Platz räumte. Offenbar war der ‚kurze Exkurs‘ gerade beendet worden. „Ich kann nachempfinden wie euch nun zumute ist, MyLady“, brummte Gustav im Versuch, sich mit ihr zu verbrüdern und versuchte unter seinem dichten Bart ein Lächeln zu zeigen, doch vergebens. Gustav spielte auf den Moment an, als auch er den ‚kleinen Exkurs‘ über den Vortex von Halrik bekommen hatte. Ihm war danach schwindelig geworden – und zu allem Überfluss wurde auch noch sein Weltbild durcheinander gebracht. So recht wollte er all das jedoch nicht glauben, denn immerhin gab es keine handfesten Beweise dafür. Selbst jetzt zweifelte er am Wahrheitsgehalt dieser ganzen Vortexgeschichte. Ja, er gestand sich ein, dass es Dinge gab, die seinen Geist überstiegen, aber dass es irgendwo eine Kraft gab, die so mächtig war, dass sich die Götter davor fürchteten, das bezweifelte er. Auch jetzt war er sich noch nicht sicher – vielleicht hatte dieser seltsame Wall nur wieder etwas mit einem misslungenen Zauber zu tun. Die Festung Friedstein war schon einmal von einem misslungenen Zauber gebeutelt worden, warum nicht auch dieses Mal? „Beim heiligen Pferdeschwanz Yppolitas, du weißt nicht, wie mir zumute ist“, entgegnete Lady Brangane trocken im neutralen Tonfall, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Gustav wusste nicht, wie er diese Antwort bewerten sollte und entschied sich daher für ein ergebenen und einfaches: „Wie ihr wünscht, MyLady.“

Gustav blickte über die gedrungenen Zinnen hinüber zum Firmament, der Anblick der roten Wolken und der glühenden, fast untergegangenen Praiosscheibe war berauschend. Doch dann traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Die Wolkenfetzen, sie sahen vorhin genauso aus. Hastig suchte er die ferne nach Hinweisen ab, ob sich etwas verändert hatte. Doch sowohl die Praiosscheibe, als auch die Wolken, sahen noch genauso aus, wie zu dem Zeitpunkt, als er in der Ratskammer stand. Durch das Fenster der Ratskammer hatte er vom Kartentisch aus einen guten Blick nach draußen – und das gesamte Firmament hatte sich nicht ein bisschen verändert. „Beschissene Magie“, entfleuchte es ihm. Brangane sah ihn nur mit einem fragenden Blick an. „Die Praiosscheibe“,  begann er zu erklären, „… sie hat sich seit vorhin nicht bewegt. Der ganze scheiß Himmel hat sich nicht bewegt. Die Wolken sehen noch genauso aus, wie vorhin, als wir in die Ratskammer gegangen sind.“ Gustavs bürgerlich fäkaler Ausdruck schien Lady Brangane nicht zu stören, sie blickte nur ihrerseits zum Firmament „Ich kenne mich damit nicht so aus, aber du hast recht.“ Antwortete sie. Gustav nickte ihr – oder vielmehr sich selbst – zustimmen zu. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, was genau Brangane mit ‚damit kenne ich mich nicht aus‘ meinen konnte, wurde die Ruhe durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Sichtung!“

Etwa zur selben Zeit eilten Ser Gneisor und der junge Knappe Ingmar scheppernd durch die Treppengänge der Wehrfrieds. Die Erkenntnis, dass sich die Außenwelt seit dem unsichtbaren Wall nicht weiter bewegt hatte, hatte Ser Gneisor die Hoffnung genommen, dass Hilfe von außen kommen würde und ihn hektisch werden lassen. ‚Abwarten‘ war nun nicht mehr die Strategie, sondern Handeln – irgendetwas – und wenn es das falsche war. Aber sie mussten etwas tun. Wenn die Außenwelt sich nicht veränderte, das Innere aber schon, waren sie in einer anderen Zeit gefangen. In voller Plattenrüstung waren die beiden Männer nicht ganz so schnell unterwegs, doch dafür umso lauter. Bei ihrem Weg nach unten rannten sie fast einen Diener über den Haufen. „Entschuldigung!“, rief Ingmar noch kurz, als das silberne Tablett des Dieners nicht minder scheppernd zu Boden fiel. Sein Anstand befahl es ihm, auch wenn es in Anbetracht der Situation und seines Standes nicht nötig war. Gneisor eilte voraus, er erreichte gerade den letzten Treppenabsatz, als er mit der ganzen Wucht seines Gewichts, plus das seiner Rüstung, gegen etwas gegen schepperte. Doch Gneisor hatte mehr Bewegungsmoment als das getroffene Objekt. Der Ritter kam nur kurz ins Straucheln, fing sich dann aber an einem massiven Fackelhalter ab. Bücher und Pergamentrollen stoben unkontrolliert durch den Gang – die in eine graue Robe gehüllt Gestalt flog mit der Wucht eines Baumstamms der von einem Stapel rollte gegen – den Göttern sei Dank – weiches Kanapee im Gang. Es rumpelte und schepperte, einzelne Blätter aus den Büchern zerrissen in der Luft und gingen wie Federn langsam nieder. „Aaaauuu!“, quiekte Halrik, der mit Schmerzen in allen Gliedern zu Boden sank. Ingmar sauste an seinem Herrn vorbei, er eilte zu Halrik und half ihm auf. „Bei der Leuin, geht es euch gut?“, erkundigte er sich besorgt. „Auu! Die Leuin hat rein gar nichts damit zu tun!“, keifte Halrik in einem ungewohnt aggressiven Ton zurück, doch ein leichtes Wimmern hing noch in seinem Unerton. „Entschuldigt euch lieber bei der Herrin des Wissens, dass ihr so ein heilloses Durcheinander verursacht habt. Seht euch das an!“ Seine eigene Prellung ignorierend, stürzte sich Halrik auf die zerfledderten Pergamentrollen und zerknautschen Ledereinbände. Auch Ser Gneisor hatte sich wieder gefangen und hob eins der Bücher auf. Seine Finger tasteten über einen zerdrückten Buchrücken. „Halrik, du musst die Abschrift aus der alten Senne weiter durchsehen – wir haben ein Problem“, begann der Marschall. „Die Abschrift ist, Hesinde sei Dank, gut verschlossen und sicher vor marodierenden Rittern in der Bibliothek.“ Ser Gneisor blickte verdattert zu dem Studiosus. Hatte der Junge ihn etwa gerade angefahren? Er lernte heute ganz neue Seiten des jungen Gelehrten kennen. Ser Gneisor entschloss sich, den Seitenhieb zu übergehen, es gab jetzt weitaus wichtigeres. „Ich komme gleich zur Sache, der Raum und die Zeit um uns herum wurden angehalten. Die Praiosscheibe bewegt sich nicht mehr. Wir können ergo auf keine Hilfe von außen hoffen. Du musst in den alten Schriften nachsehen, ob darin etwas dergleichen schon einmal erwähnt wurde und wie wir es beenden können.“ Während Ingmar weiter beim Einsammeln der Schriftrollen half, streckte sich Halrik langsam hoch, den Schmerz in seiner Hüfte weiter ignorierend. Sein Blick traf den des Ritters. „Im Namen der Zwölfe … das ist …“ „Lösbar!“, warf Gneisor ein, noch bevor Halrik antworten konnte. „Und du bist unser einziger Mann hier, der diese Schrift lesen und die Bücher entziffern kann – DU – Halrik – wirst uns hier rausholen.“ Ser Gneisor trat auf den Gelehrten zu und legte seine in Plattenhandschuhe gehüllten Hände auf dessen schmale Schultern, die darunter verschwanden. Der Blick des Ritters durchdrang die äußere dünne Hülle Halriks und traf ihn direkt ins Mark.

Ich?! Ausgerechnet ich soll für die Rettung aller verantwortlich sein? – Durchschoss ein Gedanke den Studiosus. Gneisors Worte packten Halriks Ehrgeiz am Kragen und schüttelten ihn wach. „Ich muss in die Bibliothek.“ sagte er ernst. Ser Gneisor war froh, den Knaben wieder auf Spur gebracht zu haben und nickte ihm anerkennend zu. „Geh, wir werden draußen bei der …“ begann Ser Gneisor, doch er wurde vom Ruf des Knappen unterbrochen. „SER!“ die Stimme des Knappen vibrierte förmlich. Halrik und Gneisor blickten erschrocken zu ihm, er stand ein paar Schritt neben Ihnen in Richtung eines Fensters. Der Knappe ließ die Pergamente und Schriftrollen fallen und griff gerade nach seinem Kurzschwert. Das rotorange Licht im Gang verfinsterte sich, als sich ein mächtiges, abscheuliches Wesen durch die Fensteröffnung drückte.

Teil III – Keine Zeit

Burg Friedsteins Ratskammer war eine kleine Stube, die man auf Geheiß des Ritters zu diesem Zwecke umgebaut hatte. In dem breiten Landhauskamin knisterten Buchenscheite leise vor sich hin. Die kühlen Wände der umgebauten Stube wurden inzwischen von vier langen Bannern des Ordens verziert. Im Licht des Kamins schimmerten die silbrigen Halbmonde und Bluttropfen, so dass man den Eindruck bekam, dass sie aus eigener Kraft leuchten würden. Ein fast ein drittel der Gesamtfläche des Raums einnehmender Buchenholztisch wurde in der Mitte platziert. Studiosus Halrik hatte eine große Ansichtskarte der Baronie darauf ausgebreitet. Die kleine Kommende Friedstein war darauf gut zu erkennen, die zwei Höfe und auch die Niederrungenfestung waren geschnitzte Holzfigürchen, die Halrik zur besseren Veranschaulichung der Lage auf der Karte platziert hatte.

„Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, euch über die Ereignisse und Geheimnisse des Ordens einzuweihen, Lady Brangane“, entschuldigte sich Ser Gneisor bei der neuen Heermeisterin im ruhigen Tonfall. Die Greifenfurterin wusste diese Geste mit einem Nicken schätzen, immerhin war sie erst vor einer halben Stunde auf der Burg angekommen. „Ich danke euch, Marschall. Doch wichtig ist nur, was wir jetzt entscheiden werden.“ Die Ritterin kam schnell zur Sache, das gefiel dem gleichaltrigen Ritter. „Die Späher haben euren Weg, den ihr gekommen seid, mehrmals abgelaufen, Mylady.“ Sprach mit brummiger Stimme Gustav Bieberbart, der nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er der Dienstälteste nichtadelige Soldat hier war, ebenfalls an der Ratsrunde teilnahm, sondern auch, weil er bis zur Ankunft der Ritterin noch selbst der Heermeister war. Er strich sich durch den dichten Bart, lehnte sich vor und deutete dann auf eine Stelle auf der Karte. „Sie berichteten mir, dass – wie auch immer ihr hereingekommen seid – es auf dem gleichen Weg kein Herauskommen gibt. Auch dort gibt es diesen …“, er stutzte kurz, da sich alle noch nicht einig darüber waren, wie man es nennen sollte. Leider gab es keinen Magiekundigen auf der Burg, der dem Phänomen einen fundierten Namen hätte geben können, „ … unsichtbaren Wall“, schloss er und lehnte sich wieder zurück. „Also sind wir eingeschlossen“, fasste Gneisor zusammen. „Alle Späher berichten dasselbe, egal in welche Richtung wir sie schicken – weder Fleisch, Stein, noch Pfeil vermag hindurchzukommen“, ergänzte Gustav. „Haben die Späher den Raben ausfindig machen können?“ Gustav nickte in seinen buschigen Bart hinein. „Jawohl, Ser. Sowohl den Vogel, als auch die Botschaft. Er lag mit einem gebrochenen Genick direkt am unsichtbaren Wall.“ Ein Moment der Stille folgte und alle Anwesenden bekamen den Eindruck, dass das Knistern des Kamins lauter wurde. Ein anhaltend roter Lichtstrahl durchflutete das Zimmer – noch immer war die Praiosscheibe dabei unterzugehen. „Was ist mit den elementaren Dienern der NLP?“ fragte Gneisor in Richtung des Siegelmeisters. Der schmale Halrik zuckte kurz zusammen, als er vom Ritter angesprochen wurde. Entweder, weil er in seinen Gedanken versunken war, oder weil er die militärische Stimme des Ritters fürchtete – oder beides. „Ich … alle … Artefakte die seine Exzellenz für uns hergestellt hat, zeigen keine Wirkung. Als wären die magischen Diener … fort.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Es war für den Marschall ein seltener Anblick; normalerweise hätte Halrik nun darauf verwiesen, dass er noch nicht alle Erwägungen in Betracht gezogen oder noch nicht jedes Buch konsultiert hatte. Die Antwort erschien Gneisor ungewöhnlich endgültig. „Ser, wenn es das ist, was wir vermuten“, setzte Halrik erneut an, „… dann können wir nichts ausrichten. Nur die Auserwählten vermögen die Jenseitigen zu bekämpfen. Wir können … nichts tun.“ Die verzweifelten Worte des jungen Gelehrten stachen Gneisor in die Brust, er musste ihm zustimmen und dennoch konnte und wollte er es nicht wahr haben. „Ich sage euch, was wir NICHT machen werden“, entgegnete Gneisor mit harter Stimme. Er war von sich selbst überrascht, wie überzeugend er klang. „Wir werden bei den Zwölfen auf gar keinen Fall den Bogen ins Korn werfen und aufgeben. Wenn uns die Auserwählten eins gezeigt haben, dann dass es immer einen Weg gibt, auch wenn es anfänglich aussichtslos erscheint.“ Es folgte vom Knistern des Kamins untermalte, ächzend lange Stille. Die Stille und der durch die untergehende Praiosscheibe in roten Licht getauchte Innenraum der Ratskammer tauchte den kleinen Rat in eine bedrückende Untergangsstimmung.

Gneisor, Brangane, Halrik und Gustav starrten gemeinsam angestrengt auf die Karte. Gustav hatte mit Kohlestift die Ausdehnung der ‚Käseglocke‘, die sie umgab, ringförmig eingezeichnet. Die beiden Höfe Eilingshof und Nottelheim waren außerhalb dieses Rings. Es waren also nur sie, alle Bewohner der Burg, darin eingeschlossen. Gneisor musste an die Anzahl der Leute denken, die sich innerhalb des Zaubers befanden: die Tiere einmal ausgeschlossen, waren sie 35 Männer und Frauen – davon etwa zwei dutzend unter Waffen.

„Lady Brangane“, setzte Ser Gneisor im militärisch zackigen Ton erneut an, „ … versetzt die Truppen in Alarmbereitschaft – besprecht euch dafür am besten mit Gustav, eure Fähigkeiten in allen Ehren, aber er weiß, wie hier der Hase läuft und ihr seid erst ein paar Stunden hier.“ Die Ritterin und Gustav nickten sich gegenseitig zu und schon wandte sich der Marschall an Halrik, um das nächste Kommando zu geben: „Halrik, sobald die Truppen alarmiert sind, gebt Lady Brangane einen Abriss über den Vortex, die Jenseitigen und die Ereignisse in Hochstieg – sie muss wissen, womit wir es zutun bekommen.“ „Ja, Ja, Ser!“ Halrik versuchte vergeblich Haltung anzunehmen. Gneisor wusste die kleine Geste zu schätzen und rang sich ein schmales Grinsen ab. „Wir werden vorerst alarmiert bleiben, abwarten und darauf hoffen, dass von außen jemandem unser Dilemma auffällt. So ein unsichtbarer Wall wird nicht lange unbemerkt bleiben. Spätestens morgen früh habe ich den Schulzen von Nottelheim hier auf der Burg erwartet und die Schulzen wissen was zu tun ist, wenn irgendetwas mit uns nicht stimmt.“

So löste sich der Rat auf, Lady Brangane alarmierte zusammen mit Gustav die zwei Rotten. Die Wehrmauern wurden besetzt, das Tor geschlossen und die Späher zurückgeholt. Studiosus Halrik marschierte vor Brangane mit einer sprichwörtlichen Flotte an Büchern und Schriftrollen auf. Der ‚kurze Abriss‘ sollte wohl länger dauern. Ser Gneisor und Knappe Ingmar legten derweil mit gegenseitiger Hilfe ihre Rüstungen in der Marschallskammer an.

„Ser …“ begann Ingmar mit zaghafter Stimme, während Gneisor gerade einen Lederriemen an der Seite des Knappen fester zog „Was beschäftigt dich Ingmar? Solltest du Angst verspüren, dann lass dir gesagt sein, dass dies ganz normal ist.“ Gneisor zog erneut an dem Riemen der Brustplatte des Jungen und wollte gerade zu einer ermutigenden Rede ansetzen, doch Ingmar unterbrach ihn. Er starrte mit Entsetzen in den Augen auf die Wasserkaraffe.  „Die Karaffe, mit der ihr vorhin den Lappen befeuchtet habt, um meine Verletzung zu versorgen …“ „Was ist damit?“ Gneisor war zu sehr damit beschäftigt die Rüstung des Jungen anzulegen und hatte gerade keinen Blick dafür. „Der Schatten der Karaffe hat sich seit vorhin nicht weiter bewegt.“

Teil II – Dämmerung

Mit einem zügigen Schwung beendet Ser Gneisor den Brief an seine Exzellenz Nehazet ibn Tulachim, welcher zurzeit in Gareth weilt. Der Informationsgehalt der Nachricht ist brisant und – so hofft der Krieger – für ihre Aufgabe nützlich. „Bringt dies dem Siegelmeister, er weiß, was zu tun ist“, befiehlt er dem dabeistehenden Kammerdiener, der nur zu diesem Zweck an der Seite des Schreibtischs des Marschalls in Hab-acht-Stellung gewartet hatte. Der nimmt das Schreiben an sich und verlässt dann zügigen Schrittes die Kammer. Als die Tür zufällt, vergeht keine Sekunde, da klopft es erneut an der Tür.

Gneisors Leben als Ordensmarschall war, seitdem er den Treueschwur geleistet hatte, wesentlich aufregender und zugleich langweiliger geworden. Die meiste Zeit befand er sich genau hier – in der Marschallskammer – schrieb Briefe, beantwortete Anfragen oder sinnierte mit Halrik und Gustav darüber, wie man die umliegenden Ländereien besser bestellen konnte. Als Abwechslung von der Schreibtischtätigkeit,half er ab und an bei der Ausbildung der Rekruten aus – denn Gustav Bieberbart, der Einheimische und ehemalige Gardist der Hammerschläger Stadtwache, war mit dieser Aufgabe gelinde gesagt überfordert. Doch diese, für Gneisor willkommene Abwechslung, würde nun jemand anderes übernehmen. Eine Ritterin von niederem Stand aus Greifenfurt. Im Begleitschreiben, welchen sie mit sich führte, stand, dass sie fortan die Heermeisterin der Kommende sein würde. Sie wurde bei der großen Turney in Gareth von Ser Sieghelm höchstpersönlich für diese Aufgabe rekrutiert. Nun – dachte sich Gneisor – ihre Exzellenzen werden sich schon etwas dabei gedacht haben – und ganz unrecht hatten Sie mit der Entscheidung auch nicht. Eine erfahrene Ritterin vermochte die zwei Rotten besser auszubilden, als ein ehemaliger Stadtgardist von gerade einmal Mitte zwanzig Sommern. Auch wenn dies für Gneisor nun bedeutete, dass sein Leben noch ein wenig langweiliger werden würde.

„Eintreten!“ befahl er laut genug, dass die Person auf der anderen Seite der Tür den Ruf vernehmen konnte. Herein kam sein junger Knappe, der sechzehn Sommer zählende Junge aus dem Hause Korninger blieb seinem Herrn auch nach seinem Treueschwur für den Orden ergeben. Er ging sogar noch weiter und trat dem Orden ebenfalls bei. „Ingmar, was kann ich für dich tun?“ Der Umgangston des Ritters wurde sanfter, er pflegte mit seinem Knappen einen sehr freundschaftlichen Umgang auf Augenhöhe. „Entschuldigt bitte die Störung, Ser.“ „Schon gut, Junge – was gibt es?“ antwortete Gneisor knapp und machte eine weiterführende Geste. „Ich ritt, wie ihr es mir aufgetragen hattet, zum Eilingshof …“ begann der Junge stotternd zu berichten, da erblickte Gneisor eine blutende Wunde am Haaransatz des Knappen. Sofort fiel er in die umsorgende väterliche Rolle. Mit einem Satz stand er auf, schnappte sich vom Beistelltisch einen Lappen, tränkte diesen mit Wasser und ging auf seinen Jungen zu. „Bei der Leuin, was ist dir widerfahren, Junge – sprich!“ Während Gneisor den Haaransatz es Jungen untersuchte und mit einem Lappen die blutende Stelle abtupfte, erzählte Ingmar mit zittriger Stimme: „Ich konnte den Eilingshof nicht erreichen, ich ritt auf dem Weg gen Westen – ich kenne ihn sehr gut. An der Stelle wo die Baumreihe beginnt, schlug ich mit meinem Pferd wie gegen eine Mauer. Rosinante … sie …“ Ingmar entfuhr ein Schluchzen, Gneisor ahnte was er sagen würde. „Pscht, ganz ruhig – dich trifft keine Schuld.“ Beruhigte er ihn und drückte ihm väterlich die Schultern. „Berichte was danach geschah.“ Wieder entfuhr dem Knappen ein Schluchzen, dann atmete er tief durch und straffte die junge aber muskulöse Brust. „In der Luft … da … ist eine Mauer. Ich konnte hindurchsehen und auch auf der anderen Seite die Häuser des Eilingshofs in der Ferne sehen. Aber … egal wie weit ich nach links und rechts ging, es war kein Durchkommen. Ich schlug mit dem Knauf meines Schwerts dagegen, nichts passiert … ich versuchte einen Stein hinüber zu werfen, doch der Stein prallte in der Luft ab und fiel zu Boden. Ich …. Versteh das nicht.“ Gneisor durchfuhr ein ungutes und zugleich ahnendes Gefühl. Seine Gedärme verkrampfen und am liebsten wäre er in sich zusammen gesunken und doch musste er jetzt stark bleiben. Er drückte den feuchten Lappen auf die Stelle, an der Ingmar verletzt war und griff sogleich zur Wand wo mehrere Kordeln für verschiedene Dienerklingeln hingen. Er zog an der für den Kammerdiener. Aus der Entfernung war nur ein leises Klingeln zu hören. „Beruhige dich jetzt erstmal. Press den Lappen gegen deine Wunde und setz dich. Die Leuin hat dich beschützt, dass nicht auch dir das widerfuhr was deinem Pferd widerfahren ist“, hörte Gneisor sich selbst sagen, doch für ihn klangen die Worte hohl – er hoffte, dass die Worte für seinen Knappen beruhigender klangen, als für ihn.

Von draußen drang das Licht der untergehenden Praiosscheibe durch das Fenster und hüllte den Krieger und seinen Knappen in eine rotorange Aura. Den Anblick wäre wunderschön gewesen, doch im Moment hatte Gneisor keinen Sinn für Ästhetik. Er schritt nachdenklich auf und ab. Da betrat nach einem Klopfen der Kammerdiener das Dienstzimmer des Marschalls und schaute zuerst verwirrt und dann besorgt zu dem Knappen. Ser Gneisor stockte in seinem Gang und trat dann auf den Kammerdiener zu. „Hast du den Brief schon dem Siegelmeister übergeben?“ Der Diener stutzte verwirrt. „Äh, Ja, Ser – wie ihr befohlen habt.“ „Dann eile zu ihm und sag ihm, dass er den Brief noch nicht abschicken soll.“ Befahl er zackig und deutete auf die Tür. Er wollte sich gerade umdrehen, doch da antwortete der Diener überraschend: „Tut mir leid, Ser, Studiosus Halrik wusste, wie eilig die Sache ist und hat den Raben schon losgeschickt.“ In Gneisor zerbrach etwas. Niemand außer ihm konnte es hören, oder vielmehr spüren. Doch ein kleines bisschen von ihm zersprang in seine kleinsten Einzelteile. Gneisor wusste, dass der Moment irgendwann kommen würde, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass es so früh sein würde.

„Ruf den Kleinen Rat zusammen, sofort!“ befahl er ruhig und bestimmend. „Schnell!“

Teil I – Ankunft

Sein strenger Blick ging über die gedrungenen Zinnen der Niederrungenfestung. Seine braunen Augen suchten die Ferne ab, so als würden sie ihm zu einer Erkenntnis verhelfen. Am Firmament hingen breite Wolkenfetzen, die im Licht der untergehenden Praiosscheibe selbiges in ein beeindruckes Farbenspektakel aus Orange- und Rottönen tauchten. Der lange Weg hinauf zur Festung war gewunden und zog sich durch eine flache Rodung, auf der nur kleine Hecken wuchsen. Er hatte vor drei Monden veranlasst, dass der Baumbestand rund um die Festung auszudünnen war, damit man einen weiteren Blick ins Land hatte und potenzielle Angreifer schneller auszumachen waren. Dieser Rodung war es nun auch zu verdanken, dass seine Augen einen Reiter erblickten, der sich der Festung näherte. Er brauchte nichts zu tun, die Wachen waren inzwischen ausgebildet genug, um zu wissen, wie man reagierte. Der gestandene Krieger legte nur seine Hände ruhig auf die kalten Zinnen. Es ist kein Bote, dafür ist das Pferd zu stark und der Reiter zu gerüstet. –  schloss er gedanklich aus seiner Beobachtung. Vielleicht ist es ein Soldat aus der Stadt – überlegte er weiter. Doch schon lange war keiner mehr von dort hier hoch geritten. Der Krieger ließ seinen Blick wieder durch die Ferne streifen. Er kniff die Augen etwas zusammen, um zumindest das Gefühl zu haben, besser gucken zu können. Doch das, wonach er Ausschau hielt, konnte er nicht erblicken. Keine Rauchsäulen, keine Banner, keine Lager. Alles ist ruhig. – konstatierte er gedanklich. Vom höchsten Turm der Festung aus konnte man die ganze Baronie überblicken – weit hinunter bis zur Tarnele, nach Hammerschlag und sogar darüber hinaus bis zum Gestüt derer von Rahjaweiden. Alles war ruhig.

„Ein Reiter nähert sich!“ rief die Torwache und der Krieger konnte beobachten, wie im Burghof Bewegung aufkam. Der Ruf der Wache drang nur schwach bis zu seinem Turm hinauf. Die Hunde des Zwingers bellten auf und zwei Schützer des Ordens bemannte das offene Tor. Das schwarze Banner des Schutzordens der Schöpfung direkt unter ihm knatterte laut im Wind, als eine Böe aufkam.

Die hölzerne Luke hinter ihm öffnete sich scheppernd. Ein junger schmaler Mann in einer langen und dunkelgrauen Robe stieg empor. Unter seinem Arm hielt er ein dickes Buch fest umklammert und auch einige hastig zusammengesuchte Schriftrollen klemmten zwischen seinem dünnen Oberarm und seiner flachen Brust.

„Ser! Ich habe es gefunden!“ – intonierte der junge Mann außer Atem, offenbar war er den ganzen Weg von der Bibliothek bis hier hoch gerannt. „Tritt näher Halrik“, antworte der Krieger knapp ohne den Blick von dem sich nähernden Reiter zu lassen.

„Ich habe die Abschriften der Bücher aus der alten Senne durchgesehen …“ begann er zu erklären, trat näher an den Rand der Zinnen und prustete noch immer nach Luft. Seine schmalen Schultern bebten und seine Brust flatterte hastig auf und ab. Dem Krieger flog ein kurzes lächeln über die Lippen. Er mochte den jungen Studiosus, wenn man ihn mit einer Aufgabe betraute, konnte man sicher sein, dass er sich voller Inbrunst hineinstürzen würde, bis er zu seiner angemessen Lösung kam. Und wenn er noch kein Ergebnis hatte, dann versicherte er, dass er weiter suchen würde bis er eines haben würde. „ … und sie mit den geborgenen Aufzeichnungen der Kultisten verglichen. Es sieht so aus, als würden die Symbole die wir … oh ein Reiter!“ Der Krieger schnaufte. Was er an dem jungen nicht mochte: Er war sehr leicht abzulenken. „Ser Gneisor, sollten wir nicht der Wache Bescheid geben?“ frug er im Tonfall eines Kindes, dass sich bei seinem Vater erkundigte, ob es nicht besser wäre der Forderung der Wegelagere ‚alles Gold her oder Leben!‘ nachzukommen. Und was der Krieger noch nicht mochte: Dass er sich ständig in Dinge einmischte, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte. „Die Symbole Halrik“, erinnerte ihn der Ordensmarschall der Festung Friedstein im väterlich geduldigen Ton. „Achja, ja – die Symbole.“ bei der Suche nach der richtigen Schriftrolle, plumpsten ihm zwei herunter. Eines rollte er dann hastig auf und zeigte er dem Ordensmarschall. „Wie ihr hier sehen könnt, Ser – stimmen diese Symbole hier überein. Bisher konnten wir noch nicht bestimmen welche Bedeutung sie haben, doch nun wissen wir es!“ Ser Gneisor blickte nur kurz auf die ihm vorgehaltene Schriftrolle, welche ein Wirrwarr aus Kritzeleien, zwiebelförmigen Kreisen, bauchigen Dreiecken und anderen Symbolen enthielt, wie sie jeden Tag in Tsaschulen entstanden. Sein Fokus lag auf dem Reiter der sich näherte – als er kurz vor der Mauer war – erkannte Ser Gneisor, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelte.  „Und dank eurer guten und teuren Ausbildung, für die der Orden jeden Mond aufkommt, seid ihr zu welchem Ergebnis gekommen, Studiosus?“ Ser Gneisor blickte nun in die freudigen Augen des Jungen aus dem Hause Tarnel, die so funkelten, als hätten sie gerade Omas geheime und letzte Keksdose oben auf dem Schrank gefunden. „Das Ergebnis, Ser ist …“ der freudige Blick wich adhoc aus dem zarten Gesicht, denn er wusste, dass die nächsten Worte seinen Herrn nicht erfreuen würden. „Sie haben Sara’kiin herbeigerufen, die Limbusverzehrerin. Das heißt, sie ist hier, Sie ist auf unserer Sphäre.“

Der Wind ließ das Banner der Ordens wieder erneut knattern. Ein langer Moment verging. Ser Gneisor wusste, dass er diese Kunde an die Auserwählten schicken musste. Die Eiselementaristin Saria Fuxfell, die ehemalige Trägerin des Amuletts der Hesinde, war gefallen und nicht gestorben. „Bist du dir wirklich sicher?“ Ser Gneisor musste einfach nochmal nachfragen, obwohl er wusste, dass, wenn Halrik etwas postulierte, es so sicher war wie das Schweigen im Borontempel. „Ja, Ser.“ Antwortete er leise. „Soll ich eine Nachricht an Herrn Nehazet schicken?“ „Nein, ich werde die Nachricht selbst aufsetzen.“ Was Ser Gneisor nicht sehen konnte war, dass Halrik nur bestätigend nickte und dann seinerseits ebenfalls einen Blick über die Zinnen riskierte. Die Reiterin war inzwischen im Burghof angekommen und blickte geraden den Turm empor. Die Blicke des Ordensmarschalls und der neuen Schutzritterin und Heermeisterin der Ordensfestung trafen sich aus der Ferne. Unten im Hof übergab die greifenfurter Ritterin die Zügel ihres Pferdes an den Stallknecht. An einen Schützer gewandt befahl sie dann: „Geht zum Ordensmarschall und berichtet ihm, dass Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn, Ritterin aus Greifenfurt hier ist, um ihren Dienst als Heermeisterin der Komturei anzutreten.“

Die 12 Gebote des Arn

 

In ganz Greifenfurt, ist folgende „Anweisung“ ausgehangen, um der Bevölkerung zu helfen, sicher durch die Namenlosen Tage zu kommen:

  1. Erhebe dich bei Praiosaufgang mit dem rechten Beine, da du sonst das Unglück an den Hacken hast
  2. Zur waschung nehme nur die rechte Hand, denn mit der linken, verunreinigst du dich
  3. Wenn du dich hast gestoßen, klopfe zügig drei mal auf Holz, am besten von der Eiche, der Buche oder der Esche
  4. Begegnest du einer Elster, so sollst du sie mit „Zum Gruße, wie geht es eurem Gatten?“ grüßen, denn die Elster ist die Botin Travias.
  5. Stelle keine Taschen auf den Boden, denn sonst kriecht das böse hinein
  6. Erblickest du ein Weib oder eine Magd mit einer Lücke in der Zahnreihe, so lege die rechte Hand auf deine Brust und knirsche mit den Zähnen – auf dass du den Zahnlingen und Drudenköpfen zeigst, dass du keine Angst vor ihnen hast.
  7. Lasse keine angebissenen Arangen, Peraineäpfel oder andere Früchte angebissen herumstehen, denn dies ist Verschwendung, und Verschwendung lockt Dämonen an.
  8. Lasse kein Laib Brot falsch herum auf dem Tische liegen, denn es lockt den Namenlosen an
  9. Lasse keine Messer oder Klingen in dies Tagen schärfen, denn nichts darf geschnitten werden mit einer Unheil Klinge
  10. Lege oder stelle keine vier, denn die vier steckt drei Mal in der zwölfe und ist die 3 schon halbe zahl des Namenlosen
  11. Schüre das Feuer im Kamine nicht mehr als zwölf mal am Tage, denn sonst kehren Feuerlinge und Dämonen in dein Heim
  12. Bei jedem Verlassen deines Hauses, blickst du in eine spiegelnde Oberfläche und zeigest deinem eigen Spiegelbild die Zunge, denn nur so bist du gewiss, dass phexensens Schabernack noch bei dir ist, und dich kein Dämon kann beherrschen.

Kommunikationsprobleme

„Wat quatschen de piekfeinen Männekieken denn so?“ erkundigt sich Arn Wachmann, als er sich mit ans Lagerfeuer setzt. „Keine Ahnung“ antwortet einer von Lysandras Männern. „Du hast doch mehr mit Ihnen zu schaffen.“ Die zwei gehören schon länger ihrem Trupp an und sind zusammen mit der ersten Kohorte in die Stadt gekommen. Es sind zwei junge und kräftige Männer, beide tragen gerade einfach gewebte Tuniken und fleckige Wollmäntel – wohl noch ein Überbleibsel der Tarnung um unbemerkt in die Stadt eingeschleust zu werden. „Meenste die quatschen imma so fülle?“ Arns quietschende Stimme, die nun wahrlich kein Ohrenschmeichler ist, lässt die Augen der beiden Männer leicht zusammenkneifen. „Das sind Adelige, Gelehrte und Geweihte … die quatschen immer viel … machen tun wir es dann.“ antwortet der mit dem gepflegten Vollbart von beiden. „Soll ick euch ma wat sagen?“ Arn lehnt sich dabei mit verschwörerischen Blick zu den beiden herüber. Den Männern ist anzusehen, dass sie es am liebsten hätten, dass ihr Gegenüber gar nichts sagt. „Was denn?“ schnauft der andere erschöpft. „Ick gloob, der Jeweihte is nich janz reene, bei dem krieg’ick ne Jänsepelle.“ Die beiden Mannen brauchen erst einen Moment, um zu verstehen was Arn in seinem harten Dialekt zu ihnen sprach. Der Blick der beiden wurde dunkler und skeptischer. „Welcher Geweihter?“ fragt der eine. „Meinst du die Geweihte der gebenden Göttin?“ der andere. „Nee! Den da hinten meen ick!“ Beide sahen nun kurz – auffällig unauffällig – zu der Gruppe der palavernden Männer herüber. „Der Elf in der Kutte?“ fragt der erste. „Die Ritterin ist eine Rondrageweihte?“ der andere. Arn seufste. Seide beiden Gegenüber sind wohl recht begriffsstutzig, dachte er sich. „Schnallt ihr dit nich?“ platzt es dann aus ihm heraus. „Ick meen den rothaarigen männekieken da hinten!“ „Ach den!“ rufen beide im Augenblick der Erkenntnis. Ein Moment der nachdenklichen stille folgt. „Und der ist dreckig?“ fragt dann der Bärtige wieder. Wieder ein Moment der Stille in dem nur das Knistern des Lagerfeuers zu hören war. „Wa?“ grunzt Arn, der inzwischen genervt war von seinen Gesprächspartnern. Doch dann ging ihm ein Licht auf. „Ach, nee – der is‘ nich janz reene – nich janz sauber – der is‘ überkandidelt!“ Die beiden Männer nickten bedächtig. „Aha!“ erklang es dann im Chor. „Was ist denn mit dem?“ Arn seufzte wieder – inzwischen hatte er keine Luft mehr mit den beiden zu reden. „Ach verjesst et … „

Es ist ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann

Der Aufprall war hart, in seiner linken Hand breitet sich ein pochender Schmerz aus. Auch das linke Bein tut ihm weh, doch die Zehen lassen sich noch bewegen – anscheinend nicht ganz so schlimm. Wohingegen die Finger der linken Hand kaum mehr spürbar sind. „Verphext …“ stöhnt der alte Händler und versucht sich von dem feuchten Felsenboden aufzustemmen. „Ahhrgh!“ – Es bleibt bei einem Versuch, denn zu den Schmerzen im Bein und in der Hand kommt noch ein weiterer hinzu der ihm seines Atems beraubt. Ein brennenden Feuer durchflutet seinen Oberkörper, offenbar wurden bei dem Sturz einige seiner Rippen gebrochen. „Rontja? Kannst du mich hören?“ prustet er leise zwischen den Zähnen hindurch, doch eine Antwort bleibt aus. Er ist allein, alleine mit der Dunkelheit. Mögen die Götter dir beistehen, teure Nichte – hier unten bist du sicherer als über der Grasnarbe – denkt er sich und unternimmt erneut einen Versuch aufzustehen. Unter Aufbringung all seiner Kräfte gelingt es ihm dieses Mal auch.

Vorsichtig tastet er nach seiner linken Hand. Die Finger sind bereits taub, das Gelenk dick – etwas ragt an einer Stelle heraus wo nichts herausragen sollte. Gebrochen. Zum Glück ist es nur die linke Hand – denkt er und verbringt der Arm in eine Schonhaltung. Er tastet sich hinab zum Bein, es schmerzt – doch der Knochen scheint intakt zu sein. Es wird gehen … es MUSS gehen. Der Dolch scheint verloren, aber sein Familienschwert ist noch bei ihm und sein Schwertarm unverletzt. „Dann wollen wir Mal …“ stöhnt Stordan und schleppt sich humpelnd durch die Dunkelheit. Angetrieben von dem Gedanken seine Frau Gylvana zu Retten verdrängt er den körperlichen Schmerz, nichts wird ihn aufhalten können. Und wenn es nötig wird, würde er sogar mit Boron persönlich um sein Leben feilschen. Nur um sich ein paar letzte Momente zu erhandeln um die notwendigen Dinge ins Rollen zu bringen um seine Frau aus den Fängen Sharaz’Gatais zu befreien. Da verspürt er plötzlich wieder diesen seltsamen Ruf in seinem Geist: „Komm zu uns“. Für einen kurzen Moment bleibt er stehen und kneift die Augen zusammen. Er konzentriert sich auf diese Stimme – sie würde ihn schon dorthin bringen wo er hin wollte. Erneut verdrängte er den aufkeimenden Schmerz in seinen Gliedern. Nicht seine Fähigkeiten als Kämpfer werden jetzt gefragt sein, sondern sein Geschick als Händler. Und da erblickte er sie auch schon, die leuchtenden Augenpaare – sie waren unmittelbar vor ihm. Er zählte drei davon – zu viele für einen Kampf in seinem Zustand, an einem Ort an dem sie bevorteilt waren. Doch ihre Anwesenheit verunsicherte ihn nicht, ganz im Gegenteil, er war froh sie so schnell gefunden zu haben. Oder waren sie es die ihn gefunden haben? „Im Namen der Zwölfe, ihr Diener Warsews des niemals alternden …“ spricht Stordan mit fester Stimme und lässt dabei sein Familienschwert aus der Scheide schnellen. “ … ihr werdet mich anhören oder meine Praiosgeweihte Klinge wird eure Körper zerfetzen ehe ihr auch nur in meine Nähe kommt!“ Durch das Surren des scharfen Stahls, welches durch den Gang schellt, weichen die Augenpaare verunsichert zurück. Sie spüren die Macht die in der Klinge wohnt – denkt sich Stordan wissend, als er die Reaktion der Augenpaare zur Kenntnis nimmt. Jetzt nur nicht zaghaft werden! – fährt ihm durch den Kopf, während die Spitze seiner Klinge auf die Wiedergänger zeigt. „Bringt mich zu eurem Meister – lebend bin ihm hundertfach mehr wert als Tod.“

Momente später, in einer sehr dunklen, nassfeuchten unterirdischen Kammer steht Stordan von Sprichbrecher vor ihm, dem Henker Greifenfurts. Stordan ist zwar einen ganzen Kopf größer als er, doch seine Erscheinung ist dennoch mächtig. Umringt von etwa einem Dutzend weiteren niederen Anhängern, richtet sich der Großmeister des Kontors auf – der folgende Handel würde wohl der schwerwiegendste und zugleich schrecklichste sein, den er je abzuschließen hatte.

„Was ist es für ein Angebot, dass ihr mir unterbreitet wollt – Herr Magistrat?“ spricht der Mann mit dem Namen Zerwas mit dunkler und ruhiger Stimme, während seine letzten Worte von etwas Spott begleitet wurden. Des Henkers Richtschwert trug er bei sich, immer bereit den letzten Streich zu vollführen. Stordan atmete so tief ein und aus wie es ihm seine gebrochenen Rippen erlaubten. Schweiß rann an seinen Schläfen lang, zum einen vor Anstrengung ob seiner schweren Verletzungen, und zum anderen ob des schweren bevorstehenden Handels. „Ihr – Namenloses Wesen – habt etwas das ich brauche. Und ich habe etwas, dass ihr braucht.“ stellte Stordan fest und sah, dass die Augen des Henkers begannen zu funkeln. „Und was soll das sein?“ entgegnete dieser gelassen, doch Stordans geschultes Patriziergehör bemerkte einen Hauch Interesse in dessen Stimme. Auch wenn ihn in letzter Zeit vieles verlassen hatte, aber sein Instinkt schien ihm wohl erhalten geblieben. „Seit 500 Götterläufen seid ihr nun schon die Geißel dieser Stadt.“ beginnt Stordan selbstsicher seine wohl überlegte offerte. “ … und wohin hat euch das geführt? Ihr seid ein sehr mächtiges Wesen, mit einem enormen Potenzial – doch seht euch um? Ihr scharrt euch nach so langer Zeit noch immer mit euren willenlosen Dienern in feuchte Keller – und immer wieder ist es den Menschen gelungen, trotz eurer Macht, euch festzusetzen. Das ihr hier steht und mit mir redet, ist nur das Verdienst eines Haufens nichtsahnender Orks die zufällig über euch ein Blutbad anrichteten. Die Schwarzpelze werden schon bald nicht mehr die Kontrolle in der Stadt haben. Mit ihnen wird auch eure Macht schwinden. Sobald sie vertrieben sind, werden eure Lakaien vernichtet und ihr … schon bald wieder tief unter einem Tempel eingemauert werden.“ Stordan konnte ein nervöses zucken in den Augen des Henkers sehen, er hatte wohl nicht mit dieser offensiven Taktik des Händlers gerechnet, und auch nicht damit, dass dieser so viel über ihn wusste. „Was ist euer Angebot, sterblicher!“ dröhnt es dem Mund des Henkers. „Bringt mir mein Weib unversehrt aus dem Kerker der Feste – und ich werde eure kleine, regional begrenzte Blutsaugersippe über die Landesgrenzen hinaus expandieren lassen! Wehrheim, Gareth, Perricum, das Land der ersten Sonne, das Horasreich – ich habe die logistischen Mittel euch und eurer lichtscheues Gesindel sicher in jede Stadt der bekannten Welt zu bringen. Ihr braucht mich … oder ihr werdet wieder für die nächsten zwei-dreihundert Jahre als dekorativer Steinsockel in irgendeinem Tempel enden. Beim Namenlosen … es ist ein Angebot, dass ihr nicht ablehnen könnt.“

So viel zutun!

Die schwere holzvertäfelte Doppeltür der Magistratenstube fällt erneut ins Schloss. Ein fahler Windzug lässt die drei breiten Kerzen auf dem Schreibpult des Mannes, der vor kurzem die Geschäfte in der Stadt übernommen hat, gespenstig flackern. Der mit roter aranischer Seide, die er selbst einst aus dem exotischen Süden von einer Handelsreise mitgebracht hatte, bespannte Mohagonistuhl des Magistraten knarzt, als sich der alternde Patrizier wieder hinein gleiten lässt. Ein langer erschöpfender Seufzer entfährt Stordans Kehle. „So viel zutun …“ haucht er und schaut über die zahlreichen, sich stapelnden Dokumente, Bücher, Schriftrollen und Pergamente auf seinem Schreibpult, als wären sie eine Aveskarte, auf der geschrieben steht welcher Route man folgen muss um zum gewünschten Ziel zu kommen.

„In zwei Tagen wird der Usurpator die Festung und Stadt verlassen, es bleibt nicht mehr viel Zeit um den Widerstand aufzubauen um Greifenfurt zurück zu erobern. Er wird einige Tage fort sein – gut – aber der beste Moment ist kurz nach seiner Abreise, so dass der Bevölkerung ausreichend Zeit bleibt um sich auf seine Rückkehr vorzubereiten.“

Ein dumpfes Pochen hallt durch die Amtsstuben. „Herein!“ brüllt Stordan über die Unterlagen und Pergamente hinweg. Das aufstehen spart er sich inzwischen. Vier Männer treten ein, Beilunker Botenreiter, sie sollen je ein Schreiben an die Kontormeister nach Perricum, Zorgan und Vinsalt bringen. Die Geschäfte müssen wiederaufgenommen werden, ob Krieg oder Frieden – der Handel darf nicht stagnieren. Stirbt der Handel, stirbt auch das Land. „… und ihr, bringt dieses Schreiben Meister Tsadan Oberndorfer vom Spichbrecher Handelskontor in Zorgan im Stadtteil Zorrigan. Reitet so schnell ihr und euer Pferd es können!“ Seine Worte sind hart und bestimmend, die Männer verlassen die Stuben und noch ehe das Flackern der Kerzen aufgehört hat, ertönt erneut das pochende Klopfen. „Irgan …“ beginnt er rasch. “ … legt alles dorthin, ich habe weitere Erlasse für euch die ihr zu Pergament bringen müsst.“ Der Stadtschreiber läd ächzend drei dicke Bücher aus der Bibliothek auf der Eichenholzanrichte ab. Alles was er finden konnte über dn Henker und seine Vergangenheit.

„Die Nornpforte, die Schanze und das Greifenberger Tor müssen verschlossen werden! Wenn nur das Südtor offen bleibt, kann ich die Ein- und Ausfuhr an Waren und Menschen besser kontrollieren. Ich brauche dringend Leute denen ich vertrauen kann und die ein geschultes Auge besitzen. Sie müssen gleichsam fähig sein den orkischen Torwachen vorzuspielen nur einfache Gardisten zu sein, als auch so vertrauenswürdig, dass sie nur mir Bericht erstatten. Wo bekomme ich die nur her? Auch Lysandras Söldner können so besser in die Stadt geschleust werden. Zudem ist – nach der Rückeroberung der Stadt – dann nur noch ein Tor zu verbarrikadieren. Wie argumentiere ich vor dem Usurpator? Ein bevorstehender mittelländischer Angriff? Klingt gut – das werden sie Orks schlucken und hält die Bevölkerung im Glauben an eine Rückeroberung. Zwei Boronsfliegen mit einer Klappe – Feqs ich danke dir für diese Eingebung!“

„Wie ist euer Name?“ fragt Stordan die junge und grazile Frau die hinter ihm aufgetaucht war. „Ela ist mein Name.“ antwortet sie mit ruhiger Stimme. „Nehmt dort euren Platz ein … nein nicht dort … dort!“ Stordan wirft ihr einen letzten Blick zu und wendet sich dann wieder den Stadtgeschäften zu. Sie Stundenkerze brennt unermüdlich weiter …

„Ich habe ihm mein Essen überlassen, obwohl ich ahnte, dass es vergiftet war … armer Rukus. Zehn Dukaten und ein paar Blumen sind das einzige was ich im Moment tun kann um seine Witwe zu entschädigen. Wie lange war er eigentlich in meinen Diensten? Vier? Fünf oder waren es sechs Götterläufe? Verphext … was wusste ich eigentlich über ihn? Ich muss mir zukünftig mehr Zeit für meine Angestellten nehmen. Travia verzeih mir – ich hätte ihn nicht von dem Essen dass für mich bestimmt war kosten lassen dürfen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Achja, ich war in Gedanken bei den Stadterlässen, den Schreiben an die Kontormeister und an die Liste der Wideständler. Wer bei Belzhorash versucht eigentlich mich zu vergiften? Diese Magd ist nur eine Handlangerin – Clarissa? Gombet? Darrag? – keine Zeit darüber nachzudenken … es ist noch so viel zutun.“

Die Doppelflügelige Tür schwingt auf, Lumin und Asleif treten ein, sie berichten von einer unterirdischen Höhle mit Wasserfall und … moment … nein … das war die Marschällin. Wer sitzt da gerade vor mir und warum sind sie hier? „Wofür bezahle ich euch eigentlich!“ fährt es mit voller Wut aus Stordan heraus. Adern treten dabei pulsierend aus seinem Hals und auf seiner Stirn hervor. Die schwere goldene Kette des Magistraten erzittert als die Emotion aus ihm herausbricht. „Ihr berichtet mir nur Dinge, von denen ich schon seit Stunden Kenntnis habe!“ fährt er etwas ruhiger fort. Seine Finger krallen sich in das Mohagoni des Stuhles, so dass seine Knöchel beginnen weiß zu werden. Am liebsten würde er noch viel mehr herausbrüllen, denn etwas in ihm kämpft mit sich selbst, doch irgendwas hält ihn zurück. Die Fassung kehrt  wie von magischer Hand zurück. „Hier … geht zu dieser Adresse, folgt diesem Pfad und sucht dort nach einem Geweihten. Ein Priester der Gebenden Göttin und Ardach sollten dort zu finden sein – bringt mir einen davon – lebend!“ Der Magistrat schiebt eine Abschrift eines Wegeplans den beiden Migranten zu. Sie verlassen verdrossen die Amtsstuben, es ist noch viel zutun …

„Über Jahrhunderte hinweg … diese Namensgleichheit … bei Phex, das kann kein Zufall sein! ‚Das hohle Bein, das ist geheim‘ … die Brohms? Die Brohms! Irgendwo hier muss es sein.“

Ein Fach schwingt lautlos auf, zwergische Arbeit, ganz sicher! Eine alte Schriftrolle ist darin zu sehen. Mit seinem Dolch hebt Stordan es vorsichtig aus seinem Versteck. Mit einer weiten Bewegung schiebt er dutzende Bücher und Pergamente von Arbeitspult zur Seite. Bedächtig rollt er es auf, und liest die Worte aus dem 30. Regierungsjahr des Kaisers Alrik. Der schwache flackernde Schein der fast schon heruntergebrannten Kerzen offenbart ein weiteres Rätsel. „Was … oh Götter … so viel zutun.“