Einige Jahre später nach dem 13. Peraine 1027 n. BF
Der Blick Azinas, schwanger vor Erinnerungen, ruht einen Augenblick auf den erwartungsvollen Gesichtern ihrer Kinder. Vor ihrem inneren Augen sah sie jedoch die längst vergangenen Ereignisse vor sich, als wären sie erst gestern geschehen.
Wir lagerten in Wehrheim. Einen Tagesmarsch von uns entfernt walzte sich ein unendlicher Heerwurm durch das damalige Darpatien direkt auf uns zu. Eine Wolke, schwärzer noch als Rauch, gab den untoten Horden Schutz vor der Praiosscheibe: Rahastes, der Plagende, verdirbt das Land dort wohin sein Schatten fällt. Seine Nekromanten schänden die Gefallenen, die sich daraufhin dem Heer anschließen. Ganze Boronsanger wurden entweiht.
Ich weiß nicht mehr, wann uns die Erkenntnis einholte, dass Wehrheim verloren war. Ich selbst befürchtete es bereits beim Anblick des mehrgehörnten Dämons. Doch gab mir Dexters „Wunder“ Hoffnung. Rahastes konnte gebannt werden! Wir befahlen dem Großinquisitor der Feste Auralet, dass er uns das Plagenknäul aushändigen solle, damit Nemrods Wunder geschehen konnte.
Doch Bothor dylli Memnos träumte in der Nacht zum 13. Peraine 1027 n. BF erneut eine Zukunftsvision seines erwählten Gottes. Er sah, was Rahastes vor unseren Blicken verbarg: Er sah eine schwarze fliegende Festung. Um sie herum schwirrten Irrhalken, riesige Fledermäuse und sogar der schwarze Knochendrache. Er sah wie unser schwer angeschlagenes Heer neben Hügeln von faulenden Leibern furchtsam nach oben starrte.
Er sah, wie aus der fliegenden Feste ein dämonischer Wind entströmte, sah, wie die Reste unserer Truppen hinweggefegt wurde, sah wie Wehrheim in einem einzigen Atemstoß vernichtet wurde.
Als er erwachte, erstattete er Dexter Nemrod umgehend Bericht. Doch dieser wusste es. Er wusste was passieren wird! Er bezeichnete Wehrheim als Puffer für Gareth. Das stolze Wehrheim. Das ach so stolze Darpatien als Puffer für die Hauptstadt des Mittelreiches. Tausende werden sterben, um noch mehr tausend retten zu können.
Er bat Bothor und den Orden Stillschweigen zu bewahren.
…
Wie würdet ihr reagieren, würdet ihr so kurz vor der Schlacht solch eine Aussicht erhalten? Was tätet ihr in der knappen Zeit, die euch gegeben ist? Seid ihr blinde Helden oder seid ihr Menschen vom Schlage Dexter Nemrods, deren kühle Überlegenheit zwar viele Menschen retten könnte, aber zugleich vielen anderen den sicheren Tod bringen wird. Wer hat schon solch eine Wahl? Wir hatten sie!
Aber manchmal ist es besser, nichts zu wissen. Dann bleibt das Gewissen stumm.
Man reift jedoch auch nicht zur Legende.
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Azinas Erzählungen