Erschöpft ließ sich Azina auf ihr weiches Bett fallen. Viel ist an diesem Tag passiert. Langsam beginnt sie, die Eindrücke zu verarbeiten:
Bei Firun, was für ein Tag. Er übertrifft sogar noch den gestrigen. Erst erhalte ich von Sieghelm eine überraschende Einladung auf den Ball und dann, als wenn das nicht schon seltsam genug wäre, erhalte ich von der Nehema al Tamerlein ein verzaubertes Armband. Es besitzt in der Tat erstaunliche Kräfte. Zum einen werden meine körperlichen Fähigkeiten drastisch erhöht, sodass ich schneller laufen, zuschlagen, ausweichen und parieren kann. Aber sie warnte mich, es allzu lang zu benutzen, da es mich völlig erschöpfen könnte. Ich werde es bei Gelegenheit testen.
Die andere Fähigkeit stärkt alle meine Sinne, sodass ich besser hören, sehen, tasten und riechen kann. Diese Fähigkeit sollte ich künftig ebenfalls mit Bedacht einsetzen. Als ich sie vorhin beim Einkaufen das erste Mal auf dem Ferdoker Marktplatz einsetzte, überwältigten mich die Eindrücke derart, dass ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf steht. Ich hätte nie gedacht, dass Fisch so dermaßen stinken kann oder dass ein Praioti von einer blendendhellen Aura umgeben ist. Das wirft ein ganz neues Licht auf die Gottesdiener. *lach
Am Abend auf den Ball hatte ich direkt Spaß daran die Leute mit Wein abzufüllen. Nur so konnten wir den Gestaltwandler entdecken, dachten wir. Es war an sich ein schöner Ball. Die Speisen waren vorzüglich, der Wein köstlich und die Dekoration prachtvoll, die Teilnehmer zwar etwas spießig, aber das ist ja so üblich auf solchen Veranstaltungen. Wenn nur nicht diese Zwischenfälle gewesen wären. Erst wurde ein Kaufmann in hoher Position vergiftet, dann verursacht die Schelmin einen Aufruhr im Tanzsaal und anschließend stielt der Gestaltwandler den Hesinde-Ring mit Hilfe des Papageis. Der Kampf war eh unfair. Ich hatte ein Kleid statt meiner Lederrüstung an und nur meine Linkhand statt meinem Khunchomer zur Verfügung. Außerdem war der Gestaltwandler größer als ich und dann war ja noch der zaubernde Papagei. Also umgerechnet 0,5 gegen 3. Da hatte ich keine Chance.
Aus irgendeinem Grund lief der Gestaltwandler nicht weg, so konnte ich ihn, als ich aufwachte, festnehmen lassen. Am nächsten Morgen bekämpften wir ihn in Sieghelms altem Zimmer, nachdem Hr. Spichbrecher aufs Geratewohl die Möbel zertrümmerte. Erst verwandelte er sich in einen Stuhl, dann in ein Schwein und dann sogar in Sieghelm. Ein Schelm, der Ähnlichkeiten zwischen den letzten beiden Gestalten sieht. Obwohl… der Hr. Spichbrecher hat sich heute als außerordentlich fähig erwiesen. Auch seine Art scheint bei den hohen Herrschaften gut anzukommen. Das Einzige, was man ihm heute anlasten kann, ist, das er nicht ein einziges Mal mit mir getanzt hat! Und dabei waren wir zusammen auf dem Ball! Ich habe mir extra ein schönes Kleid gekauft, aber der rondranische Rohling hat es und mich nicht beachtet. Pfff.
Aber was bei den Zwölfen ist mit Nicolo los? Erst meidet er uns und dann erhält er von dem Gestaltwandler in Person des Hrn. Grüntal eine Schriftrolle. Hm, da der Herr Grüntal die Begleitung der Frau Neisbeck war, könnte es sich um etwas Geschäftliches handelt haben. Als wir jedoch in den merkwürdigen klumpigen Überresten des Gestaltwandlers ebenfalls solch eine Schriftrolle entdecken, welche das Duell Sieghelms gegen den willenlosen Obdachlosen malerisch darstellt, überkam mich eine schreckliche Ahnung. Der Stil und die Unterschrift erinnern mich an die verbrannten Bilder aus den schwarzen Landen. Diese Bilder wurden von einem Vampir mit dem Blut seiner Opfer gemalt. Könnte dieser Vampir noch am Leben sein? Beobachtet er uns? Welche Verbindung besteht zu Nicolo? Und stehen beide mit dem Papagei in Verbindung? Müssen wir uns gleich gegen zwei Zauberwesen der Lüfte behaupten?
Firun gib mir Kraft diese dunklen Zeiten zu überstehen. Wenn doch nur Falkie hier gewesen wäre…
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Gedanken der Azina