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Teil III – Keine Zeit

Burg Friedsteins Ratskammer war eine kleine Stube, die man auf Geheiß des Ritters zu diesem Zwecke umgebaut hatte. In dem breiten Landhauskamin knisterten Buchenscheite leise vor sich hin. Die kühlen Wände der umgebauten Stube wurden inzwischen von vier langen Bannern des Ordens verziert. Im Licht des Kamins schimmerten die silbrigen Halbmonde und Bluttropfen, so dass man den Eindruck bekam, dass sie aus eigener Kraft leuchten würden. Ein fast ein drittel der Gesamtfläche des Raums einnehmender Buchenholztisch wurde in der Mitte platziert. Studiosus Halrik hatte eine große Ansichtskarte der Baronie darauf ausgebreitet. Die kleine Kommende Friedstein war darauf gut zu erkennen, die zwei Höfe und auch die Niederrungenfestung waren geschnitzte Holzfigürchen, die Halrik zur besseren Veranschaulichung der Lage auf der Karte platziert hatte.

„Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, euch über die Ereignisse und Geheimnisse des Ordens einzuweihen, Lady Brangane“, entschuldigte sich Ser Gneisor bei der neuen Heermeisterin im ruhigen Tonfall. Die Greifenfurterin wusste diese Geste mit einem Nicken schätzen, immerhin war sie erst vor einer halben Stunde auf der Burg angekommen. „Ich danke euch, Marschall. Doch wichtig ist nur, was wir jetzt entscheiden werden.“ Die Ritterin kam schnell zur Sache, das gefiel dem gleichaltrigen Ritter. „Die Späher haben euren Weg, den ihr gekommen seid, mehrmals abgelaufen, Mylady.“ Sprach mit brummiger Stimme Gustav Bieberbart, der nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er der Dienstälteste nichtadelige Soldat hier war, ebenfalls an der Ratsrunde teilnahm, sondern auch, weil er bis zur Ankunft der Ritterin noch selbst der Heermeister war. Er strich sich durch den dichten Bart, lehnte sich vor und deutete dann auf eine Stelle auf der Karte. „Sie berichteten mir, dass – wie auch immer ihr hereingekommen seid – es auf dem gleichen Weg kein Herauskommen gibt. Auch dort gibt es diesen …“, er stutzte kurz, da sich alle noch nicht einig darüber waren, wie man es nennen sollte. Leider gab es keinen Magiekundigen auf der Burg, der dem Phänomen einen fundierten Namen hätte geben können, „ … unsichtbaren Wall“, schloss er und lehnte sich wieder zurück. „Also sind wir eingeschlossen“, fasste Gneisor zusammen. „Alle Späher berichten dasselbe, egal in welche Richtung wir sie schicken – weder Fleisch, Stein, noch Pfeil vermag hindurchzukommen“, ergänzte Gustav. „Haben die Späher den Raben ausfindig machen können?“ Gustav nickte in seinen buschigen Bart hinein. „Jawohl, Ser. Sowohl den Vogel, als auch die Botschaft. Er lag mit einem gebrochenen Genick direkt am unsichtbaren Wall.“ Ein Moment der Stille folgte und alle Anwesenden bekamen den Eindruck, dass das Knistern des Kamins lauter wurde. Ein anhaltend roter Lichtstrahl durchflutete das Zimmer – noch immer war die Praiosscheibe dabei unterzugehen. „Was ist mit den elementaren Dienern der NLP?“ fragte Gneisor in Richtung des Siegelmeisters. Der schmale Halrik zuckte kurz zusammen, als er vom Ritter angesprochen wurde. Entweder, weil er in seinen Gedanken versunken war, oder weil er die militärische Stimme des Ritters fürchtete – oder beides. „Ich … alle … Artefakte die seine Exzellenz für uns hergestellt hat, zeigen keine Wirkung. Als wären die magischen Diener … fort.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Es war für den Marschall ein seltener Anblick; normalerweise hätte Halrik nun darauf verwiesen, dass er noch nicht alle Erwägungen in Betracht gezogen oder noch nicht jedes Buch konsultiert hatte. Die Antwort erschien Gneisor ungewöhnlich endgültig. „Ser, wenn es das ist, was wir vermuten“, setzte Halrik erneut an, „… dann können wir nichts ausrichten. Nur die Auserwählten vermögen die Jenseitigen zu bekämpfen. Wir können … nichts tun.“ Die verzweifelten Worte des jungen Gelehrten stachen Gneisor in die Brust, er musste ihm zustimmen und dennoch konnte und wollte er es nicht wahr haben. „Ich sage euch, was wir NICHT machen werden“, entgegnete Gneisor mit harter Stimme. Er war von sich selbst überrascht, wie überzeugend er klang. „Wir werden bei den Zwölfen auf gar keinen Fall den Bogen ins Korn werfen und aufgeben. Wenn uns die Auserwählten eins gezeigt haben, dann dass es immer einen Weg gibt, auch wenn es anfänglich aussichtslos erscheint.“ Es folgte vom Knistern des Kamins untermalte, ächzend lange Stille. Die Stille und der durch die untergehende Praiosscheibe in roten Licht getauchte Innenraum der Ratskammer tauchte den kleinen Rat in eine bedrückende Untergangsstimmung.

Gneisor, Brangane, Halrik und Gustav starrten gemeinsam angestrengt auf die Karte. Gustav hatte mit Kohlestift die Ausdehnung der ‚Käseglocke‘, die sie umgab, ringförmig eingezeichnet. Die beiden Höfe Eilingshof und Nottelheim waren außerhalb dieses Rings. Es waren also nur sie, alle Bewohner der Burg, darin eingeschlossen. Gneisor musste an die Anzahl der Leute denken, die sich innerhalb des Zaubers befanden: die Tiere einmal ausgeschlossen, waren sie 35 Männer und Frauen – davon etwa zwei dutzend unter Waffen.

„Lady Brangane“, setzte Ser Gneisor im militärisch zackigen Ton erneut an, „ … versetzt die Truppen in Alarmbereitschaft – besprecht euch dafür am besten mit Gustav, eure Fähigkeiten in allen Ehren, aber er weiß, wie hier der Hase läuft und ihr seid erst ein paar Stunden hier.“ Die Ritterin und Gustav nickten sich gegenseitig zu und schon wandte sich der Marschall an Halrik, um das nächste Kommando zu geben: „Halrik, sobald die Truppen alarmiert sind, gebt Lady Brangane einen Abriss über den Vortex, die Jenseitigen und die Ereignisse in Hochstieg – sie muss wissen, womit wir es zutun bekommen.“ „Ja, Ja, Ser!“ Halrik versuchte vergeblich Haltung anzunehmen. Gneisor wusste die kleine Geste zu schätzen und rang sich ein schmales Grinsen ab. „Wir werden vorerst alarmiert bleiben, abwarten und darauf hoffen, dass von außen jemandem unser Dilemma auffällt. So ein unsichtbarer Wall wird nicht lange unbemerkt bleiben. Spätestens morgen früh habe ich den Schulzen von Nottelheim hier auf der Burg erwartet und die Schulzen wissen was zu tun ist, wenn irgendetwas mit uns nicht stimmt.“

So löste sich der Rat auf, Lady Brangane alarmierte zusammen mit Gustav die zwei Rotten. Die Wehrmauern wurden besetzt, das Tor geschlossen und die Späher zurückgeholt. Studiosus Halrik marschierte vor Brangane mit einer sprichwörtlichen Flotte an Büchern und Schriftrollen auf. Der ‚kurze Abriss‘ sollte wohl länger dauern. Ser Gneisor und Knappe Ingmar legten derweil mit gegenseitiger Hilfe ihre Rüstungen in der Marschallskammer an.

„Ser …“ begann Ingmar mit zaghafter Stimme, während Gneisor gerade einen Lederriemen an der Seite des Knappen fester zog „Was beschäftigt dich Ingmar? Solltest du Angst verspüren, dann lass dir gesagt sein, dass dies ganz normal ist.“ Gneisor zog erneut an dem Riemen der Brustplatte des Jungen und wollte gerade zu einer ermutigenden Rede ansetzen, doch Ingmar unterbrach ihn. Er starrte mit Entsetzen in den Augen auf die Wasserkaraffe.  „Die Karaffe, mit der ihr vorhin den Lappen befeuchtet habt, um meine Verletzung zu versorgen …“ „Was ist damit?“ Gneisor war zu sehr damit beschäftigt die Rüstung des Jungen anzulegen und hatte gerade keinen Blick dafür. „Der Schatten der Karaffe hat sich seit vorhin nicht weiter bewegt.“

Teil II – Dämmerung

Mit einem zügigen Schwung beendet Ser Gneisor den Brief an seine Exzellenz Nehazet ibn Tulachim, welcher zurzeit in Gareth weilt. Der Informationsgehalt der Nachricht ist brisant und – so hofft der Krieger – für ihre Aufgabe nützlich. „Bringt dies dem Siegelmeister, er weiß, was zu tun ist“, befiehlt er dem dabeistehenden Kammerdiener, der nur zu diesem Zweck an der Seite des Schreibtischs des Marschalls in Hab-acht-Stellung gewartet hatte. Der nimmt das Schreiben an sich und verlässt dann zügigen Schrittes die Kammer. Als die Tür zufällt, vergeht keine Sekunde, da klopft es erneut an der Tür.

Gneisors Leben als Ordensmarschall war, seitdem er den Treueschwur geleistet hatte, wesentlich aufregender und zugleich langweiliger geworden. Die meiste Zeit befand er sich genau hier – in der Marschallskammer – schrieb Briefe, beantwortete Anfragen oder sinnierte mit Halrik und Gustav darüber, wie man die umliegenden Ländereien besser bestellen konnte. Als Abwechslung von der Schreibtischtätigkeit,half er ab und an bei der Ausbildung der Rekruten aus – denn Gustav Bieberbart, der Einheimische und ehemalige Gardist der Hammerschläger Stadtwache, war mit dieser Aufgabe gelinde gesagt überfordert. Doch diese, für Gneisor willkommene Abwechslung, würde nun jemand anderes übernehmen. Eine Ritterin von niederem Stand aus Greifenfurt. Im Begleitschreiben, welchen sie mit sich führte, stand, dass sie fortan die Heermeisterin der Kommende sein würde. Sie wurde bei der großen Turney in Gareth von Ser Sieghelm höchstpersönlich für diese Aufgabe rekrutiert. Nun – dachte sich Gneisor – ihre Exzellenzen werden sich schon etwas dabei gedacht haben – und ganz unrecht hatten Sie mit der Entscheidung auch nicht. Eine erfahrene Ritterin vermochte die zwei Rotten besser auszubilden, als ein ehemaliger Stadtgardist von gerade einmal Mitte zwanzig Sommern. Auch wenn dies für Gneisor nun bedeutete, dass sein Leben noch ein wenig langweiliger werden würde.

„Eintreten!“ befahl er laut genug, dass die Person auf der anderen Seite der Tür den Ruf vernehmen konnte. Herein kam sein junger Knappe, der sechzehn Sommer zählende Junge aus dem Hause Korninger blieb seinem Herrn auch nach seinem Treueschwur für den Orden ergeben. Er ging sogar noch weiter und trat dem Orden ebenfalls bei. „Ingmar, was kann ich für dich tun?“ Der Umgangston des Ritters wurde sanfter, er pflegte mit seinem Knappen einen sehr freundschaftlichen Umgang auf Augenhöhe. „Entschuldigt bitte die Störung, Ser.“ „Schon gut, Junge – was gibt es?“ antwortete Gneisor knapp und machte eine weiterführende Geste. „Ich ritt, wie ihr es mir aufgetragen hattet, zum Eilingshof …“ begann der Junge stotternd zu berichten, da erblickte Gneisor eine blutende Wunde am Haaransatz des Knappen. Sofort fiel er in die umsorgende väterliche Rolle. Mit einem Satz stand er auf, schnappte sich vom Beistelltisch einen Lappen, tränkte diesen mit Wasser und ging auf seinen Jungen zu. „Bei der Leuin, was ist dir widerfahren, Junge – sprich!“ Während Gneisor den Haaransatz es Jungen untersuchte und mit einem Lappen die blutende Stelle abtupfte, erzählte Ingmar mit zittriger Stimme: „Ich konnte den Eilingshof nicht erreichen, ich ritt auf dem Weg gen Westen – ich kenne ihn sehr gut. An der Stelle wo die Baumreihe beginnt, schlug ich mit meinem Pferd wie gegen eine Mauer. Rosinante … sie …“ Ingmar entfuhr ein Schluchzen, Gneisor ahnte was er sagen würde. „Pscht, ganz ruhig – dich trifft keine Schuld.“ Beruhigte er ihn und drückte ihm väterlich die Schultern. „Berichte was danach geschah.“ Wieder entfuhr dem Knappen ein Schluchzen, dann atmete er tief durch und straffte die junge aber muskulöse Brust. „In der Luft … da … ist eine Mauer. Ich konnte hindurchsehen und auch auf der anderen Seite die Häuser des Eilingshofs in der Ferne sehen. Aber … egal wie weit ich nach links und rechts ging, es war kein Durchkommen. Ich schlug mit dem Knauf meines Schwerts dagegen, nichts passiert … ich versuchte einen Stein hinüber zu werfen, doch der Stein prallte in der Luft ab und fiel zu Boden. Ich …. Versteh das nicht.“ Gneisor durchfuhr ein ungutes und zugleich ahnendes Gefühl. Seine Gedärme verkrampfen und am liebsten wäre er in sich zusammen gesunken und doch musste er jetzt stark bleiben. Er drückte den feuchten Lappen auf die Stelle, an der Ingmar verletzt war und griff sogleich zur Wand wo mehrere Kordeln für verschiedene Dienerklingeln hingen. Er zog an der für den Kammerdiener. Aus der Entfernung war nur ein leises Klingeln zu hören. „Beruhige dich jetzt erstmal. Press den Lappen gegen deine Wunde und setz dich. Die Leuin hat dich beschützt, dass nicht auch dir das widerfuhr was deinem Pferd widerfahren ist“, hörte Gneisor sich selbst sagen, doch für ihn klangen die Worte hohl – er hoffte, dass die Worte für seinen Knappen beruhigender klangen, als für ihn.

Von draußen drang das Licht der untergehenden Praiosscheibe durch das Fenster und hüllte den Krieger und seinen Knappen in eine rotorange Aura. Den Anblick wäre wunderschön gewesen, doch im Moment hatte Gneisor keinen Sinn für Ästhetik. Er schritt nachdenklich auf und ab. Da betrat nach einem Klopfen der Kammerdiener das Dienstzimmer des Marschalls und schaute zuerst verwirrt und dann besorgt zu dem Knappen. Ser Gneisor stockte in seinem Gang und trat dann auf den Kammerdiener zu. „Hast du den Brief schon dem Siegelmeister übergeben?“ Der Diener stutzte verwirrt. „Äh, Ja, Ser – wie ihr befohlen habt.“ „Dann eile zu ihm und sag ihm, dass er den Brief noch nicht abschicken soll.“ Befahl er zackig und deutete auf die Tür. Er wollte sich gerade umdrehen, doch da antwortete der Diener überraschend: „Tut mir leid, Ser, Studiosus Halrik wusste, wie eilig die Sache ist und hat den Raben schon losgeschickt.“ In Gneisor zerbrach etwas. Niemand außer ihm konnte es hören, oder vielmehr spüren. Doch ein kleines bisschen von ihm zersprang in seine kleinsten Einzelteile. Gneisor wusste, dass der Moment irgendwann kommen würde, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass es so früh sein würde.

„Ruf den Kleinen Rat zusammen, sofort!“ befahl er ruhig und bestimmend. „Schnell!“

Teil I – Ankunft

Sein strenger Blick ging über die gedrungenen Zinnen der Niederrungenfestung. Seine braunen Augen suchten die Ferne ab, so als würden sie ihm zu einer Erkenntnis verhelfen. Am Firmament hingen breite Wolkenfetzen, die im Licht der untergehenden Praiosscheibe selbiges in ein beeindruckes Farbenspektakel aus Orange- und Rottönen tauchten. Der lange Weg hinauf zur Festung war gewunden und zog sich durch eine flache Rodung, auf der nur kleine Hecken wuchsen. Er hatte vor drei Monden veranlasst, dass der Baumbestand rund um die Festung auszudünnen war, damit man einen weiteren Blick ins Land hatte und potenzielle Angreifer schneller auszumachen waren. Dieser Rodung war es nun auch zu verdanken, dass seine Augen einen Reiter erblickten, der sich der Festung näherte. Er brauchte nichts zu tun, die Wachen waren inzwischen ausgebildet genug, um zu wissen, wie man reagierte. Der gestandene Krieger legte nur seine Hände ruhig auf die kalten Zinnen. Es ist kein Bote, dafür ist das Pferd zu stark und der Reiter zu gerüstet. –  schloss er gedanklich aus seiner Beobachtung. Vielleicht ist es ein Soldat aus der Stadt – überlegte er weiter. Doch schon lange war keiner mehr von dort hier hoch geritten. Der Krieger ließ seinen Blick wieder durch die Ferne streifen. Er kniff die Augen etwas zusammen, um zumindest das Gefühl zu haben, besser gucken zu können. Doch das, wonach er Ausschau hielt, konnte er nicht erblicken. Keine Rauchsäulen, keine Banner, keine Lager. Alles ist ruhig. – konstatierte er gedanklich. Vom höchsten Turm der Festung aus konnte man die ganze Baronie überblicken – weit hinunter bis zur Tarnele, nach Hammerschlag und sogar darüber hinaus bis zum Gestüt derer von Rahjaweiden. Alles war ruhig.

„Ein Reiter nähert sich!“ rief die Torwache und der Krieger konnte beobachten, wie im Burghof Bewegung aufkam. Der Ruf der Wache drang nur schwach bis zu seinem Turm hinauf. Die Hunde des Zwingers bellten auf und zwei Schützer des Ordens bemannte das offene Tor. Das schwarze Banner des Schutzordens der Schöpfung direkt unter ihm knatterte laut im Wind, als eine Böe aufkam.

Die hölzerne Luke hinter ihm öffnete sich scheppernd. Ein junger schmaler Mann in einer langen und dunkelgrauen Robe stieg empor. Unter seinem Arm hielt er ein dickes Buch fest umklammert und auch einige hastig zusammengesuchte Schriftrollen klemmten zwischen seinem dünnen Oberarm und seiner flachen Brust.

„Ser! Ich habe es gefunden!“ – intonierte der junge Mann außer Atem, offenbar war er den ganzen Weg von der Bibliothek bis hier hoch gerannt. „Tritt näher Halrik“, antworte der Krieger knapp ohne den Blick von dem sich nähernden Reiter zu lassen.

„Ich habe die Abschriften der Bücher aus der alten Senne durchgesehen …“ begann er zu erklären, trat näher an den Rand der Zinnen und prustete noch immer nach Luft. Seine schmalen Schultern bebten und seine Brust flatterte hastig auf und ab. Dem Krieger flog ein kurzes lächeln über die Lippen. Er mochte den jungen Studiosus, wenn man ihn mit einer Aufgabe betraute, konnte man sicher sein, dass er sich voller Inbrunst hineinstürzen würde, bis er zu seiner angemessen Lösung kam. Und wenn er noch kein Ergebnis hatte, dann versicherte er, dass er weiter suchen würde bis er eines haben würde. „ … und sie mit den geborgenen Aufzeichnungen der Kultisten verglichen. Es sieht so aus, als würden die Symbole die wir … oh ein Reiter!“ Der Krieger schnaufte. Was er an dem jungen nicht mochte: Er war sehr leicht abzulenken. „Ser Gneisor, sollten wir nicht der Wache Bescheid geben?“ frug er im Tonfall eines Kindes, dass sich bei seinem Vater erkundigte, ob es nicht besser wäre der Forderung der Wegelagere ‚alles Gold her oder Leben!‘ nachzukommen. Und was der Krieger noch nicht mochte: Dass er sich ständig in Dinge einmischte, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte. „Die Symbole Halrik“, erinnerte ihn der Ordensmarschall der Festung Friedstein im väterlich geduldigen Ton. „Achja, ja – die Symbole.“ bei der Suche nach der richtigen Schriftrolle, plumpsten ihm zwei herunter. Eines rollte er dann hastig auf und zeigte er dem Ordensmarschall. „Wie ihr hier sehen könnt, Ser – stimmen diese Symbole hier überein. Bisher konnten wir noch nicht bestimmen welche Bedeutung sie haben, doch nun wissen wir es!“ Ser Gneisor blickte nur kurz auf die ihm vorgehaltene Schriftrolle, welche ein Wirrwarr aus Kritzeleien, zwiebelförmigen Kreisen, bauchigen Dreiecken und anderen Symbolen enthielt, wie sie jeden Tag in Tsaschulen entstanden. Sein Fokus lag auf dem Reiter der sich näherte – als er kurz vor der Mauer war – erkannte Ser Gneisor, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelte.  „Und dank eurer guten und teuren Ausbildung, für die der Orden jeden Mond aufkommt, seid ihr zu welchem Ergebnis gekommen, Studiosus?“ Ser Gneisor blickte nun in die freudigen Augen des Jungen aus dem Hause Tarnel, die so funkelten, als hätten sie gerade Omas geheime und letzte Keksdose oben auf dem Schrank gefunden. „Das Ergebnis, Ser ist …“ der freudige Blick wich adhoc aus dem zarten Gesicht, denn er wusste, dass die nächsten Worte seinen Herrn nicht erfreuen würden. „Sie haben Sara’kiin herbeigerufen, die Limbusverzehrerin. Das heißt, sie ist hier, Sie ist auf unserer Sphäre.“

Der Wind ließ das Banner der Ordens wieder erneut knattern. Ein langer Moment verging. Ser Gneisor wusste, dass er diese Kunde an die Auserwählten schicken musste. Die Eiselementaristin Saria Fuxfell, die ehemalige Trägerin des Amuletts der Hesinde, war gefallen und nicht gestorben. „Bist du dir wirklich sicher?“ Ser Gneisor musste einfach nochmal nachfragen, obwohl er wusste, dass, wenn Halrik etwas postulierte, es so sicher war wie das Schweigen im Borontempel. „Ja, Ser.“ Antwortete er leise. „Soll ich eine Nachricht an Herrn Nehazet schicken?“ „Nein, ich werde die Nachricht selbst aufsetzen.“ Was Ser Gneisor nicht sehen konnte war, dass Halrik nur bestätigend nickte und dann seinerseits ebenfalls einen Blick über die Zinnen riskierte. Die Reiterin war inzwischen im Burghof angekommen und blickte geraden den Turm empor. Die Blicke des Ordensmarschalls und der neuen Schutzritterin und Heermeisterin der Ordensfestung trafen sich aus der Ferne. Unten im Hof übergab die greifenfurter Ritterin die Zügel ihres Pferdes an den Stallknecht. An einen Schützer gewandt befahl sie dann: „Geht zum Ordensmarschall und berichtet ihm, dass Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn, Ritterin aus Greifenfurt hier ist, um ihren Dienst als Heermeisterin der Komturei anzutreten.“