Burg Friedsteins Ratskammer war eine kleine Stube, die man auf Geheiß des Ritters zu diesem Zwecke umgebaut hatte. In dem breiten Landhauskamin knisterten Buchenscheite leise vor sich hin. Die kühlen Wände der umgebauten Stube wurden inzwischen von vier langen Bannern des Ordens verziert. Im Licht des Kamins schimmerten die silbrigen Halbmonde und Bluttropfen, so dass man den Eindruck bekam, dass sie aus eigener Kraft leuchten würden. Ein fast ein drittel der Gesamtfläche des Raums einnehmender Buchenholztisch wurde in der Mitte platziert. Studiosus Halrik hatte eine große Ansichtskarte der Baronie darauf ausgebreitet. Die kleine Kommende Friedstein war darauf gut zu erkennen, die zwei Höfe und auch die Niederrungenfestung waren geschnitzte Holzfigürchen, die Halrik zur besseren Veranschaulichung der Lage auf der Karte platziert hatte.
„Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, euch über die Ereignisse und Geheimnisse des Ordens einzuweihen, Lady Brangane“, entschuldigte sich Ser Gneisor bei der neuen Heermeisterin im ruhigen Tonfall. Die Greifenfurterin wusste diese Geste mit einem Nicken schätzen, immerhin war sie erst vor einer halben Stunde auf der Burg angekommen. „Ich danke euch, Marschall. Doch wichtig ist nur, was wir jetzt entscheiden werden.“ Die Ritterin kam schnell zur Sache, das gefiel dem gleichaltrigen Ritter. „Die Späher haben euren Weg, den ihr gekommen seid, mehrmals abgelaufen, Mylady.“ Sprach mit brummiger Stimme Gustav Bieberbart, der nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er der Dienstälteste nichtadelige Soldat hier war, ebenfalls an der Ratsrunde teilnahm, sondern auch, weil er bis zur Ankunft der Ritterin noch selbst der Heermeister war. Er strich sich durch den dichten Bart, lehnte sich vor und deutete dann auf eine Stelle auf der Karte. „Sie berichteten mir, dass – wie auch immer ihr hereingekommen seid – es auf dem gleichen Weg kein Herauskommen gibt. Auch dort gibt es diesen …“, er stutzte kurz, da sich alle noch nicht einig darüber waren, wie man es nennen sollte. Leider gab es keinen Magiekundigen auf der Burg, der dem Phänomen einen fundierten Namen hätte geben können, „ … unsichtbaren Wall“, schloss er und lehnte sich wieder zurück. „Also sind wir eingeschlossen“, fasste Gneisor zusammen. „Alle Späher berichten dasselbe, egal in welche Richtung wir sie schicken – weder Fleisch, Stein, noch Pfeil vermag hindurchzukommen“, ergänzte Gustav. „Haben die Späher den Raben ausfindig machen können?“ Gustav nickte in seinen buschigen Bart hinein. „Jawohl, Ser. Sowohl den Vogel, als auch die Botschaft. Er lag mit einem gebrochenen Genick direkt am unsichtbaren Wall.“ Ein Moment der Stille folgte und alle Anwesenden bekamen den Eindruck, dass das Knistern des Kamins lauter wurde. Ein anhaltend roter Lichtstrahl durchflutete das Zimmer – noch immer war die Praiosscheibe dabei unterzugehen. „Was ist mit den elementaren Dienern der NLP?“ fragte Gneisor in Richtung des Siegelmeisters. Der schmale Halrik zuckte kurz zusammen, als er vom Ritter angesprochen wurde. Entweder, weil er in seinen Gedanken versunken war, oder weil er die militärische Stimme des Ritters fürchtete – oder beides. „Ich … alle … Artefakte die seine Exzellenz für uns hergestellt hat, zeigen keine Wirkung. Als wären die magischen Diener … fort.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Es war für den Marschall ein seltener Anblick; normalerweise hätte Halrik nun darauf verwiesen, dass er noch nicht alle Erwägungen in Betracht gezogen oder noch nicht jedes Buch konsultiert hatte. Die Antwort erschien Gneisor ungewöhnlich endgültig. „Ser, wenn es das ist, was wir vermuten“, setzte Halrik erneut an, „… dann können wir nichts ausrichten. Nur die Auserwählten vermögen die Jenseitigen zu bekämpfen. Wir können … nichts tun.“ Die verzweifelten Worte des jungen Gelehrten stachen Gneisor in die Brust, er musste ihm zustimmen und dennoch konnte und wollte er es nicht wahr haben. „Ich sage euch, was wir NICHT machen werden“, entgegnete Gneisor mit harter Stimme. Er war von sich selbst überrascht, wie überzeugend er klang. „Wir werden bei den Zwölfen auf gar keinen Fall den Bogen ins Korn werfen und aufgeben. Wenn uns die Auserwählten eins gezeigt haben, dann dass es immer einen Weg gibt, auch wenn es anfänglich aussichtslos erscheint.“ Es folgte vom Knistern des Kamins untermalte, ächzend lange Stille. Die Stille und der durch die untergehende Praiosscheibe in roten Licht getauchte Innenraum der Ratskammer tauchte den kleinen Rat in eine bedrückende Untergangsstimmung.
Gneisor, Brangane, Halrik und Gustav starrten gemeinsam angestrengt auf die Karte. Gustav hatte mit Kohlestift die Ausdehnung der ‚Käseglocke‘, die sie umgab, ringförmig eingezeichnet. Die beiden Höfe Eilingshof und Nottelheim waren außerhalb dieses Rings. Es waren also nur sie, alle Bewohner der Burg, darin eingeschlossen. Gneisor musste an die Anzahl der Leute denken, die sich innerhalb des Zaubers befanden: die Tiere einmal ausgeschlossen, waren sie 35 Männer und Frauen – davon etwa zwei dutzend unter Waffen.
„Lady Brangane“, setzte Ser Gneisor im militärisch zackigen Ton erneut an, „ … versetzt die Truppen in Alarmbereitschaft – besprecht euch dafür am besten mit Gustav, eure Fähigkeiten in allen Ehren, aber er weiß, wie hier der Hase läuft und ihr seid erst ein paar Stunden hier.“ Die Ritterin und Gustav nickten sich gegenseitig zu und schon wandte sich der Marschall an Halrik, um das nächste Kommando zu geben: „Halrik, sobald die Truppen alarmiert sind, gebt Lady Brangane einen Abriss über den Vortex, die Jenseitigen und die Ereignisse in Hochstieg – sie muss wissen, womit wir es zutun bekommen.“ „Ja, Ja, Ser!“ Halrik versuchte vergeblich Haltung anzunehmen. Gneisor wusste die kleine Geste zu schätzen und rang sich ein schmales Grinsen ab. „Wir werden vorerst alarmiert bleiben, abwarten und darauf hoffen, dass von außen jemandem unser Dilemma auffällt. So ein unsichtbarer Wall wird nicht lange unbemerkt bleiben. Spätestens morgen früh habe ich den Schulzen von Nottelheim hier auf der Burg erwartet und die Schulzen wissen was zu tun ist, wenn irgendetwas mit uns nicht stimmt.“
So löste sich der Rat auf, Lady Brangane alarmierte zusammen mit Gustav die zwei Rotten. Die Wehrmauern wurden besetzt, das Tor geschlossen und die Späher zurückgeholt. Studiosus Halrik marschierte vor Brangane mit einer sprichwörtlichen Flotte an Büchern und Schriftrollen auf. Der ‚kurze Abriss‘ sollte wohl länger dauern. Ser Gneisor und Knappe Ingmar legten derweil mit gegenseitiger Hilfe ihre Rüstungen in der Marschallskammer an.
„Ser …“ begann Ingmar mit zaghafter Stimme, während Gneisor gerade einen Lederriemen an der Seite des Knappen fester zog „Was beschäftigt dich Ingmar? Solltest du Angst verspüren, dann lass dir gesagt sein, dass dies ganz normal ist.“ Gneisor zog erneut an dem Riemen der Brustplatte des Jungen und wollte gerade zu einer ermutigenden Rede ansetzen, doch Ingmar unterbrach ihn. Er starrte mit Entsetzen in den Augen auf die Wasserkaraffe. „Die Karaffe, mit der ihr vorhin den Lappen befeuchtet habt, um meine Verletzung zu versorgen …“ „Was ist damit?“ Gneisor war zu sehr damit beschäftigt die Rüstung des Jungen anzulegen und hatte gerade keinen Blick dafür. „Der Schatten der Karaffe hat sich seit vorhin nicht weiter bewegt.“