{"id":8983,"date":"2022-02-25T15:00:00","date_gmt":"2022-02-25T14:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8983"},"modified":"2022-02-26T10:17:33","modified_gmt":"2022-02-26T09:17:33","slug":"teil-vi-die-sehnsucht-nach-geborgenheit-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8983","title":{"rendered":"Teil VI \u2013 Die Sehnsucht nach Geborgenheit (4)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8728\" width=\"792\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg 612w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506-300x90.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 792px) 100vw, 792px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Burg Rabenmund &#8211; 22. Peraine, 34 nach Hal \u2013 Tief in der Nacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8598\" width=\"150\" height=\"211\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png 683w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1-213x300.png 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den W\u00fcstensohn verstrich die Zeit in den Gem\u00e4uern von Burg Rabenmund qu\u00e4lend langsam. Er war hellwach, seine Sinne gesch\u00e4rft und sein Bein schmerzte nicht mehr. Er kostete jeden Moment aus, denn er wusste, dass der kleinste Fehler das Ende von ihm und den Galottanern bedeuten w\u00fcrde. Die verbliebenden Rabenmunder Gardisten w\u00fcrden nicht lange fackeln und kurzen Prozess mit ihnen machen. Ihr Trupp war inzwischen komplett bewaffnet, doch das sollte eher f\u00fcr ihre weitere Flucht au\u00dferhalb der Festung dienlich sein als hier. Sicherlich, eine Waffe in den H\u00e4nden zu halten w\u00e4re im Moment einer Entdeckung hilfreich, doch sie alle waren in einer miserablen k\u00f6rperlichen Verfassung und in einem desolaten moralischen Zustand. Im Moment \u00fcberwog zwar die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht, doch diese Hoffnung stand \u2013 und das wusste Kalkarib \u2013 auf Messers Schneide.<\/p>\n\n\n\n<p>Halbhand f\u00fchrte die gemischte Gruppe durch die Mauern des Stammsitzes der mittell\u00e4ndischen Familie. Sie gingen eine Wendeltreppe hinab und waren wieder in einem unterirdischen Gang angekommen, als er pl\u00f6tzlich vor einem gro\u00dfen Wandschrank stehen blieb. <em>\u201eHier, hier ist es.\u201c<\/em> Er zuckte wieder mit dem Augenlid und tapste zaghaft auf das Holz, als w\u00e4re es etwas Besonderes, dass man leicht kaputt machen k\u00f6nnte. <em>\u201eWas soll hier sein?\u201c, <\/em>warf Kalkarib im Fl\u00fcsterton ein, denn er konnte beim besten Willen nur kalten Stein und einen h\u00f6lzernen Schrank sehen. <em>\u201eDahinter ist der Geheimgang nach drau\u00dfen\u201c<\/em>, antwortete Halbhand und kaum hatte er es ausgesprochen, machten sich mehrere der Tobrier auch schon daran, ihn anzuheben und vorsichtig zur Seite zu hieven. Kalkarib blinzelte verwirrt und musste erst seine Gedanken sammeln. Hatte Halbhand ihn hinters Licht gef\u00fchrt? Zwar wurde auch in ihm die Freude auf eine gelungene Flucht gr\u00f6\u00dfer, aber entgegen seiner Anweisung, hatte Halbhand sie nicht zu Belzora, sondern zum Fluchttunnel gef\u00fchrt. <em>\u201eHalt! Wartet, wir m\u00fcssen noch Belzora retten.\u201c <\/em>Doch die M\u00e4nner machten keine Anstalten mit ihrem Vorhaben aufzuh\u00f6ren, stattdessen wandte sich Karmold an ihn: <em>\u201eSprich f\u00fcr dich, Novadi \u2013 sie ist schon l\u00e4ngst tot\u201c<\/em>, sagte er im ernsten und d\u00fcsteren Ton, ehe er weitersprach: \u201e<em>Wir sollten machen, dass wir hier rauskommen.\u201c <\/em>Karmolds Worte trafen Kalkarib wie Dolche direkt ins Herz. Wie konnte er das nur sagen? Er konnte es nicht wissen. Au\u00dferdem war ER der Anf\u00fchrer dieser Gruppe, und nicht Karmold. <em>\u201eWir m\u00fcssen sie retten!\u201c, <\/em>fauchte Kalkarib, packte Karmold an der Schulter und riss ihn herum, er sp\u00fcrte, wie die Wut wieder in ihn hochkochte. Der alte Mann entgegnete ruhig und entschlossen: <em>\u201eWas willst du machen, Novadi? Mich t\u00f6ten? Bei der Herrin der Untoten, wir sind ohnehin schon alle l\u00e4ngst tot \u2013 sie hier auf der Burg zu suchen k\u00e4me dem gleich. Ich f\u00fcr meinen Teil, versuche mein Gl\u00fcck lieber da drau\u00dfen.\u201c <\/em>Und mit diesen Worten riss er seine Schulter unsanft aus Kalkaribs Griff und schaute ihm abwartend an. Unterdessen hatte die Tobrier den Schrank zur Seite gehoben und tats\u00e4chlich kam dahinter ein schmaler, mit Spinnweben behangener Gang zum Vorschein. Der W\u00fcstensohn blickte von Karmold in die Gesichter der anderen, nacheinander suchte er sie vergeblich nach Unterst\u00fctzung ab. In ihren bis auf die Wangenknochen ausgemergelten und schmutzigen Gesichtern lag die pure Angst, kein Feuer loderte in ihnen. Wahrscheinlich w\u00e4ren Sie Kalkarib gefolgt, doch nun, wo sie direkt vor dem Ausgang in die Freiheit standen, war die Aussicht auf diese gr\u00f6\u00dfer, als die frisch entfachte Treue zu einem unbekannten Novadi. Kalkarib wurde in diesem Augenblick schmerzlich bewusst, dass nicht nur Halbhand ihn an der Nase herumgef\u00fchrt hatte, sondern er auch beim besten Willen keine Worte h\u00e4tte finden k\u00f6nnen, die diese M\u00e4nner und Frauen jetzt dazu zu bewegen w\u00fcrden, sich erneut in Todesgefahr f\u00fchr ihn oder Belzora zu begeben. Die Wut ihn ihm wich tiefgehenden Mitgef\u00fchls, welches er f\u00fcr die Tobrier empfand. <em>\u201eDann geht\u201c<\/em>, sagte er kurz angebunden und atmete dabei schwer aus, denn er musste jetzt eine schicksalsvolle Entscheidung f\u00e4llen. <em>\u201eIch werde niemanden aufhalten, doch ich suche Belzora und rette sie. Vielleicht sehen wir uns drau\u00dfen, m\u00f6gen eure G\u00f6tter mit euch sein.\u201c <\/em>Er machte auf dem Absatz kehrt und kein Widerspruch erklang. Seine Gedanken waren bei seiner Besch\u00fctzerin aus der Zelle, die ihm das Leben gerettet hatte. Ohne sie h\u00e4tte er die ersten Tage hier im Kerker nicht \u00fcberlebt. Seine Ehre gebot ihm, das Selbe nun f\u00fcr sie zu tun, ganz gleich wer sie war oder was sie zuvor getan oder nicht getan hatte. Sie hatte es verdient, dass er es wenigstens versuchen w\u00fcrde, sie zu finden und zu retten. <em>\u201eLos kommt, gehen wir\u201c, <\/em>h\u00f6rte er noch Karmold hinter sich sagen, da packte ihn pl\u00f6tzlich jemand an der Schulter und Kalkarib fuhr angespannt herum. Vor ihm standen Yaqi und zu seiner Verwunderung auch der sch\u00fcchterne Scharlatan Radromir. <em>\u201eWarte, ich helfe dir\u201c, <\/em>sagte Yaqi und ihre Worte waren wie Balsam f\u00fcr Kalkaribs Gem\u00fct. Radromir, der mit seiner restlichen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr soziale Interaktion bemerkte, dass auch er etwas aufbauendes sagen sollte, entschied sich mit unsicherer Stimme f\u00fcr: <em>\u201eIch kann euch doch nicht allein gehen lassen, ohne mich w\u00e4ret ihr doch aufgeschmissen.\u201c<\/em> Yaqi und Kalkarib belegten den Scharlatan mit einem fragenden Blick und als dieser sp\u00fcrte, wie sich diese wie Dolche in ihn hineinbohrten, schob er erkl\u00e4rend hinterher: <em>\u201eNa, wegen der Schl\u00f6sser! Keiner von euch kann \u2026 Schl\u00f6sser \u00f6ffnen, ja?\u201c <\/em>Da Radromirs Nervosit\u00e4t von Moment zu Moment immer st\u00e4rker wurde, entschied sich Kalkarib f\u00fcr ein entsch\u00e4rfendes L\u00e4cheln und sagte: <em>\u201eDanke, dass du mitkommst, Radromir. Ich wei\u00df das zu sch\u00e4tzen.\u201c <\/em>Erst jetzt wich langsam die Unsicherheit aus Radromir und w\u00e4hrend er mit dem Finger verlegen in seinen langen Locken spielte, \u00fcberkam auch ihn ein kleines Schmunzeln. W\u00e4hrend Karmold den Gro\u00dfteil der Galottaner durch den Fluchttunnel f\u00fchrte, schlossen sich Kalkarib, Yaqi und Radromir zusammen, um Belzora zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach ihr gestaltete sich jedoch nicht einfach, denn keiner von ihnen wusste, wo sie sie hingebracht hatten. Sie wussten, dass vom tiefsten Kerker, \u00fcber h\u00e4ngende K\u00e4fige auf dem Burghof, bis hin zur h\u00f6chsten Zinne alles m\u00f6glich war. Zudem kam erschwerend hinzu, dass sie sich die ganze Zeit vorsichtig und langsam fortbewegen mussten, um nicht entdeckt zu werden und es zu allem \u00dcberfluss auch noch tiefste Nacht war. Letzteres kam ihrer Heimlichkeit auch zugute, immerhin schlief auch ein Gro\u00dfteil der verbliebenden Burgbesatzung, aber das gleiche konnte auch f\u00fcr Belzora gelten. Fast schon w\u00fcnschte sich Kalkarib, dass sie gerade gefoltert werden w\u00fcrde, dann w\u00fcrde man zumindest wissen, dass sie noch am Leben war und wo sie sich aufhielt. Nach einer Weile des vorsichtigen Suchens war es Radromir, der eine entscheidende Eingebung hatte: <em>\u201eWie w\u00e4re es, wenn wir jemanden fragen?\u201c <\/em>Auch wenn die Frage anfangs \u00e4u\u00dferst d\u00fcmmlich erschien, so war sie doch simpel und zugleich zutreffend, dachte Kalkarib. <em>\u201eHmm, aber wen? Schlafen diese Wachen nicht alle zusammen in einem Raum?\u201c <\/em>Die zwei Wachen vor der Waffenkammer konnten sie nicht mehr fragen, die Galottaner hatten ihre Lebenslichter bereits ausgeblasen, nachdem sie zuerst nur bet\u00e4ubt waren. Kalkarib h\u00e4tte es gerne verhindert, doch dann w\u00e4re seine Tarnung wohl oder \u00fcbel aufgeflogen. <em>\u201eWas ist mit der Kerkerwache?\u201c<\/em>, warf Yaqi ein. Sie hatten die Kerkert\u00fcr wieder geschlossen, als sie alle entkommen waren, damit es der Wache nicht auffallen w\u00fcrde. Erst jetzt fiel Kalkarib ein, dass Yaqi einen der Wachschemel hatte mitgehen lassen und das dessen Verschwinden anscheinend \u2013 zu ihrem Gl\u00fcck \u2013 nicht zu viel Misstrauen bei der Wache hervorgerufen hatte. <em>\u201eDer sollte allein da unten sein, und noch dazu m\u00fcde. Er w\u00e4re ein leichtes Opfer und sollte wissen, wo das Rabenmund-Kind die Gefangenen hinbringt\u201c<\/em>, sagte Kalkarib und bekr\u00e4ftigte damit Yaqis Plan. Vorsichtig schlichen sie daher zur\u00fcck in den Kerker der Burg. Unterwegs mussten sie einer Patrouille ausweichen und w\u00e4ren fast entdeckt worden, doch Kalkarib konnte Radromir noch rechtzeitig zur\u00fcck in den Schatten ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gang des Kerkers angekommen, sahen sie die bemitleidenswerte Wache dort allein sitzen. Er sa\u00df auf seinem verbliebenen Schemel, ein angeschnittenes St\u00fcck K\u00e4se und ein abgerissenes St\u00fcck Brot lagen auf dem Tisch und der Oberk\u00f6rper der Wache lag auf dem Rest desselben, anscheinend war er im Sitzen eingeschlafen. <em>\u201eDas wird einfach\u201c, <\/em>gluckste Yaqi freudig und steckte ihr Kurzschwert weg. Sie sprachen sich kurz ab, schlichen sich dann an und zu dritt war es f\u00fcr sie ein leichtes, die schlafende Wache zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Die Wache, ein junger Mann, der gerade einmal im Alter von Kalkarib war, hatte bei der Befragung Todesangst in den Augen und w\u00fcrde ihnen wohl alles verraten. W\u00e4hrend Yaqi und Radromir ihn festhielten, baute Kalkarib sich vor ihm auf, um dann mit seinem st\u00e4rksten Novadi-Akzent zu sagen: <em>\u201eDu verr\u00e4tst mir jetzt, wo der Rabenmund-Bengel die Gefangenen hinbringt, oder ich schw\u00f6re dir, bei Rashdul, dass ich dir was abschneiden werde.\u201c <\/em>Der Akzent entfaltete seine Wirkung, denn Kalkarib wusste, dass dieser f\u00fcr Mittell\u00e4nder angsteinfl\u00f6\u00dfend wirkte. Er legte zudem das Ende seines S\u00e4bels zwischen die Beine der Wache und stocherte damit ein wenig an der sensiblen Stelle herum. Zudem war es wohl sowohl seinem gespielt starken Akzent, als auch der Arroganz der Mittell\u00e4nder geschuldet, dass es niemanden auffiel, dass er \u201aRashdul\u2018, und nicht \u201aRastullah\u2018 sagte. Wenn er schon so eine Scharade innerhalb einer anderen Scharade spielen musste, musste er nicht auch noch den Namen des Alleinen beschmutzen. Dass die \u201aUnsch\u00e4tzbar Alte\u2018, wie man die Stadt in Mhanadistan auch noch nannte, so \u00e4hnlich klang wie seine Gottheit, war au\u00dferdem gerade mehr als dienlich. Mit zitteriger Unterlippe und Tr\u00e4nen in den Augen, war dem junge Wachmann anscheinend nach Kooperation zumute: <em>\u201eD-Die w-werden da \u2026 da \u2026 da hinten hingebracht. Der Gang \u2026 da \u2026\u201c <\/em>er nickte mehrfach in eine Richtung. <em>\u201e\u2026 dort lang. D-d-d-dann die zweite T\u00fcr zur rechten Hand.\u201c <\/em>Kalkarib nahm den S\u00e4bel weg, was schlagartig dazu f\u00fchrte, dass sich der junge Wachmann etwas entspannte. Als Kalkarib sah, wie Yaqi nach ihrem Streitkolben griff, denn f\u00fcr sie waren sie fertig mit ihm, kam ihr Kalkarib zuvor, indem er mit dem Knauf des S\u00e4bels dem Wachmann kurzerhand gegen die Schl\u00e4fe schlug, woraufhin dieser sofort das Bewusstsein verlor und erschlaffte. Yaqi und Radromir legten ihn im Anschluss vorsichtig ab, jedoch eher, um keinen unn\u00f6tigen Laut zu verursachen und nicht um ihn zu schonen. <em>\u201eDann lasst sie uns holen\u201c<\/em>, fl\u00fcsterte Kalkarib und ging nicht weiter auf die Situation eben ein. Gedanklich z\u00e4hlte er die S\u00fcnden, die er beging und Mord sollte nicht dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite T\u00fcr zur rechten Hand, wie der Wachmann sagte, war so unscheinbar wie alle anderen auch und noch dazu unbewacht, was sowohl ein gutes, aber auch ein schlechtes Zeichen sein konnte, dachte Kalkarib. Zu dritt lauschten sie zuerst an ihr, doch vernahmen sie keinen Laut aus dem Innern. Als sie die T\u00fcr vorsichtig \u00f6ffnen wollten, stellten sie fest, dass sie verschlossen war, was Radromir ins Spiel brachte. Fast schon wie ein eingespieltes Team lehnten sich der W\u00fcstensohn und die junge Frau mit den Schlagenhautbildern am Kopf mit ihren R\u00fccken gegen die Wand und schautet demonstrativ weg. Radromir begann sich erneut die H\u00e4nde zu reiben und sein \u201aDing\u2018 zu machen. Sie h\u00f6rten ihn fl\u00fcstern, es schien fast so, als w\u00fcrde er ein Monolog mit dem Schloss f\u00fchren, bei dem er versuchte, es dazu zu \u201a\u00fcberreden\u2018, sich zu \u00f6ffnen. Es dauerte ein paar Momente und tats\u00e4chlich, das Schloss schnappte auf. Wie ein Diener, der eine h\u00f6hergestellte Person die T\u00fcr aufhielt, machte er einen Schritt zur Seite und verneigte sich mit einer ausladenden Geste vor seinem \u201aHerrn\u2018. Kalkarib trat an die T\u00fcr und dr\u00fcckte sie leise auf. Der Raum, der gerade einmal vier mal vier Schritt gro\u00df war und in dem es nach verschmortem Fleisch und scharfen Urin roch, war nur sp\u00e4rlich erhellt. Auf einer kleinen Anrichte stand eine \u00d6llaterne und auf mehreren hohen Hockern lagern blutverschmierte gusseiserne Instrumente bereit, die Kalkarib zum Teil aus seiner Zeit, als er noch im Stall arbeitete, kannte. Ihm \u00fcberkam sowohl ein Gef\u00fchl der Erleichterung als auch ein Gef\u00fchl der \u00dcbelkeit, als er Belzora in der Mitte des Raumes h\u00e4ngen sah. Mit zwei schmiedeeisernen Ringen an den H\u00e4nden hing sie an der niedrigen Decke. Doch das war l\u00e4ngst nicht das schlimmste. Ihr K\u00f6rper war \u00fcbers\u00e4t mit scheinbar wahllos gesetzten Schnitten und Stichen, \u00fcberall ronn frisches und altes Blut an ihr herab, vermischte sich mit ihrem Schwei\u00df und Dreck zu seiner widerw\u00e4rtig stinkenden dunklen Kruste. Ihr langes blondes Haar klebte an ihr. Trotz ihres erb\u00e4rmlichen Zustands war jeder ihrer massigen und beeindruckenden Muskeln, die ihr K\u00f6rper zu bieten hatte, in einem Zustand der Anspannung. Ihr K\u00f6rper wurde dadurch zu einer einzigen Muskellandschaft aus H\u00fcgeln und T\u00e4lern, die erneut in Kalkarib ein warmes Gl\u00fchen in seiner K\u00f6rpermitte aufkeimen lie\u00df. Er st\u00fcrzte voran, er musste wissen, ob sie noch lebte. Seine H\u00e4nde griffen nach ihrem Kopf und als er sp\u00fcrte, dass noch W\u00e4rme in ihr war, fiel ihm ein Stein von Herzen. <em>\u201eBelzora? Bist du wach?\u201c, <\/em>hauchte er mit sanftem Akzent und suchte sie nach Verletzungen im Gesicht ab, da auch dieses Blutverschmiert war. <em>\u201eHey, kleiner\u201c<\/em>, sagte sie und l\u00e4chelte ihn mit blutigen Z\u00e4hnen und aufgeplatzten Lippen an. <em>\u201eDu siehst furchtbar aus, du musst mehr essen.\u201c <\/em>Belzoras Worte \u00fcberraschten Kalkarib, so dass er zuerst nicht bemerkte, dass sie nur scherzte. Hinter ihm begann Yaqi zu kichern. <em>\u201eDir geht\u2019s anscheinend besser als du aussiehst. Wir sind hier, um dich zu retten\u201c<\/em>, sagte Kalkarib, der das offensichtliche aussprach und nach einer M\u00f6glichkeit suchte, sie zu befreien. Die Handschellen waren mit Schl\u00f6ssern versehen und einen Schl\u00fcssel sah er auf Anhieb nicht. <em>\u201eRadromir, kannst du \u2026?\u201c <\/em>Kalkarib deutete auf die zwei Schl\u00f6sser die Belzoras Handfesseln sicherten. <em>\u201e\u00c4hm, ja \u2026 ich kann es \u2026 versuchen.\u201c <\/em>Er trat heran und tastete eines der Schl\u00f6sser in Deckenh\u00f6he ab, w\u00e4hrend sich Yaqi und Kalkarib im Raum nach einem banalen Schl\u00fcssel umsahen. <em>\u201eWo sind die anderen?\u201c<\/em>, fragte Belzora nuschelnd, der es schwer fiel deutlich zu sprechen, da ihre Lippen von der Folter angeschwollen waren. <em>\u201eDie sind \u2026 schon vor.\u201c <\/em>Kalkarib entschied sich f\u00fcr die diplomatische Antwort, doch Yaqi schob eine etwas ehrliche Variante hinterher: <em>\u201eKarmold, die feige Sau, hat dich hier h\u00e4ngen lassen und ist abgehauen.\u201c <\/em>Belzora schnaufte wissentlich. Anscheinend war ihr bewusst, dass es unter den ihrigen jemanden gab, der nur darauf gewartet hatte, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen. Kalkarib wurde wieder bewusst, dass er sich hier nicht unter einer Gruppe ehrhafter Vertreter des Mittelreiches befand, sondern unter einem Haufen gefangenen Galottaner, f\u00fcr die Verrat und Heimt\u00fccke Alltag waren. Doch auch unter Solchen konnte man Ehre finden, dachte er sich. Immerhin hatte Belzora ihm grundlos geholfen. Und Yaqi und Radromir waren ebenfalls hier, um ihm zu helfen und sie zu befreien. Anscheinend gab es auch in den dunkelsten Landen einen Funken Licht und Hoffnung. <em>\u201eMeh, ich kann den Schl\u00fcssel nicht finden.\u201c <\/em>\u00e4chzte Yaqi, die gerade in einem Eimer voller blutiger Lumpen gew\u00fchlt hatte. <em>\u201eSucht ihr den hier?\u201c<\/em>, t\u00f6nte eine arrogante und junge Stimme von der T\u00fcr und sofort rutschte Kalkarib das Herz in die Hose. Sie alle erstarrten als sie rumfuhren und zur T\u00fcr schauten, wo zwei ger\u00fcstete Wachen standen, kalten Stahl in den H\u00e4nden, w\u00e4hrend hinter ihnen, gerade so \u00fcber die Schultern hervorguckend, das makellose und blonde Gesicht des Rabenmunder Bengels zu sehen war, der verspielt einen kleinen Schl\u00fcssel in der Hand hielt. Kalkarib hatte instinktiv seinen S\u00e4bel herausgezogen und auch Yaqi hatte ihren Streitkolben schon in der Hand. W\u00e4hrend Radromir noch hastig nach seinen Langdolch, den er in der Waffenkammer hatte mitgehen lassen, fingerte. W\u00e4hrenddessen schoben sich vier bewaffneten Wachen in den Raum und stellten sich nebeneinander auf. Kalkarib wog die taktische Situation ab: Sie waren nur zu dritt, da Belzora keine Hilfe war, ganz im Gegenteil, sie war sogar ein taktischer Nachteil, da sie mitten im Raum blutig von der Decke hing. Hinzukommend waren sie nur sp\u00e4rlich bewaffnet, wohingegen die vier Rabenmunder Wachen allesamt \u00c4xte und Streitkolben hatten. Zu ihrem Gl\u00fcck trug keiner von ihnen Kettenhemden oder andere metallene R\u00fcstungen, da sie auf ihrer eigenen Burg schlie\u00dflich nicht erwarteten auf Feinde zu treffen. Additiv war da noch der Bursche, doch der schien sich im Moment eh rauszuhalten und war nur mit einem Dolch bewaffnet, weshalb Kalkarib, die Situation abwiegend, <em>\u201eLasst uns verhandeln\u201c,<\/em> vorschlug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Burg Rabenmund &#8211; 22. Peraine, 34 nach Hal \u2013 Tief in der Nacht F\u00fcr den W\u00fcstensohn verstrich die Zeit in den Gem\u00e4uern von Burg Rabenmund qu\u00e4lend langsam. Er war hellwach, seine Sinne gesch\u00e4rft und sein Bein schmerzte nicht mehr. 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