{"id":8781,"date":"2020-12-27T12:00:27","date_gmt":"2020-12-27T11:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8781"},"modified":"2022-02-12T20:56:45","modified_gmt":"2022-02-12T19:56:45","slug":"teil-vi-sehnsucht-nach-geborgenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8781","title":{"rendered":"Teil VI &#8211; Sehnsucht nach Geborgenheit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8728\" width=\"738\" height=\"220\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg 612w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506-300x90.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 738px) 100vw, 738px\" \/><figcaption>Irgendwann und Irgendwo<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8598\" width=\"174\" height=\"243\"\/><figcaption>W\u00fcstensohn<br \/><strong>Kalkarib<\/strong><br \/>al&#8217;Hashinnah<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-819x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8755\" width=\"198\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-819x1024.png 819w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-240x300.png 240w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-768x960.png 768w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3.png 1638w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><figcaption><strong>Belzora<\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zeit \u2013 ein Begriff, \u00fcber den sich Kalkarib noch nie so sehr Gedanken gemacht hatte, wie in den letzten Stunden. Laut Belzora war er nur ein paar Stunden, bevor er das erste Mal aufgewacht war, von seinen Peinigern in die Zelle geworfen worden. Da zu der Zeit noch Licht schien, lag die Vermutung nah, dass es noch der selbe Tag war, wie der, an dem er entf\u00fchrt wurde, sicher war er sich jedoch nicht. Er lag wach, das Schwindelgef\u00fchl hatte ihn f\u00fcrs erste verlassen, zumindest solange er ruhig dalag. Kein Licht drang mehr durch den schmalen Spalt, es musste irgendwann mitten in der Nacht sein. Um ihn herum lagen ein dutzend schnarchender Mitinsassen. Eng an Eng und sogar teils \u00fcbereinander lagen sie auf dem harten Boden, der mit einer kaum erkennbaren Schicht altem und nassen Strohs bedeckt war. Dank Belzora hatte Kalkarib ein eigenes kleines Pl\u00e4tzchen an der Wand und musste nicht mit den anderen in den K\u00f6rperkontakt gehen. Im Laufe des Tages hatte Kalkarib einen neuen H\u00f6hepunkt an Ekel in seinem Leben erreicht, als er schockiert mitansehen musste, dass der selbe Eimer, aus dem alle Menschen in der Zelle noch am Tage tranken, sich am Ende des Tages entleerten. Auch wenn er sich weggedreht und sich die Ohren zugehalten hatte, so wusste er, dass nur anderthalb Schritt von ihm entfernt ein Eimer voller menschlicher Ausscheidungen stand, den sie nicht einmal abdecken konnten und der deshalb den Raum in eine nicht ertr\u00e4gliche Stinkwolke h\u00fcllte, an die er sich zu seiner eigenen Besch\u00e4mung inzwischen gew\u00f6hnt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Es war tief in der Nacht, w\u00e4hrend das Madamal einen schwachen Schein durch das schmale Fenster warf, als Kalkarib sich der vollen Tragweite seiner neuen Situation wirklich bewusst wurde. Er war in einem ihm unbekannten, nassen und kalten Kerker gefangen. Seine Peiniger hielten ihn f\u00fcr einen Anh\u00e4nger Galottas und hatten ihn mit solchen eingesperrt. Er hatte keinen Beweis bei sich, der seine Worte h\u00e4tte bekr\u00e4ftigen k\u00f6nnen, dass er eigentlich mit einem mittell\u00e4ndischen Ritter reiste und auf ihrer Seite stand. Er wusste nicht wie es Adellinde und Sieghelm erging, ob sie \u00fcberhaupt noch am Leben waren und wenn ja, ob sie wussten in welche Not er geraten war und ob sie ihn aus dieser misslichen Lage befreien konnten. Kalkarib sch\u00e4mte sich daf\u00fcr, aber im Moment war Sieghelm seine einzige Hoffnung auf Rettung. Auch wenn Kalkarib es nur ungern zugab, das Wort des Reichsritters hatte Gewicht in diesem Land und wenn er hier auftauchen und sagen w\u00fcrde: <em>\u201aDer dort geh\u00f6rt zu mir\u2018,<\/em> dann w\u00fcrde Kalkarib entgegen jeglicher Vors\u00e4tze mit Freuden zustimmen und sich von ihm aus diesem Kerker befreien lassen. Im Stillen betete er zu Rastullah, dass er Sieghelm und Adellinde hierher f\u00fchren w\u00fcrde, um ihn zu befreien. Er wusste nicht, wie lange er hier noch als Schaf im Wolfspelz das Spiel mitspielen konnte und ob sie ihm am Leben lassen w\u00fcrden, wenn herauskommt, dass er eigentlich auf der Seite des Mittelreiches stand. Wie sich das anh\u00f6rt, dachte sich Kalkarib. <em>\u201aAuf der Seite des Mittelreichs\u2018<\/em> \u2013 er h\u00e4tte nie von sich gedacht, dass er einst so denken w\u00fcrde. Doch hier im Kerker gab es nur ein \u201adie\u2018 oder \u201awir\u2018. Er wog seine Chancen ab, ob er Belzora erkl\u00e4ren sollte, dass er eigentlich nicht zu Dschafars Truppen geh\u00f6rte, sondern einfach nur ein Mann aus Mhanadistan war. Doch auf die Frage, was im Rastullahs Namen ein Novadi dann w\u00e4hrend des Krieges hier zu suchen hatte, fiel ihm keine wasserdichte Antwort ein. Also musste er die Maskerade vorerst weiterspielen, denn ihm bleib keine Wahl \u2013 zumal er so den Vorzug hatte, dass solange er es mitspielte, Belzora ihre sch\u00fctzende Hand \u00fcber ihn hielt. Zumindest solange er noch angeschlagen war, musste er mitspielen, auch wenn sich damit die Entschuldigungen an Rastullah nur noch weiter h\u00e4uften. Er vermisste seinen Gebetsteppich, zu gerne w\u00fcrde er nun zum Alleinen beten, um auf diese Weise ein wenig Ruhe und Einklang finden zu k\u00f6nnen. Doch seine Peiniger hatten ihn ihm genommen. <em>\u201aWas sind das nur f\u00fcr Unmenschen?\u2018<\/em>, fragte er sich und verfluchte sie daf\u00fcr, dass sie ihm nicht mal seinen Gebetsteppich gelassen hatten. Selbst in den Kerkern in Mhanadistan lie\u00df man den Gefangenen ihre Teppiche \u2013 denn niemals w\u00fcrde ein anst\u00e4ndiger Novadi auf die Idee kommen, damit etwas anderes anzustellen, als ihn f\u00fcr das Gebet zu nutzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte Kalkarib Schritte, die der Kerkert\u00fcr n\u00e4her kamen. Aus seinen Gedanken gerissen lauschte er ihnen. Es waren mehrere Personen und sie hielten direkt vor ihrer Kerkert\u00fcr an. Durch einen sehr kleinen Schlitz in der T\u00fcr fiel Fackellicht ins Innere des Kerkers. Kalkarib \u00fcberlegte, ob er sich vorsichtig hinstellen sollte, um mit den Kerkermeistern zu reden und sich zu erkl\u00e4ren. Doch egal wie leise er zu Ihnen sprechen w\u00fcrde, die anderen im Raum w\u00fcrden seine Worte zweifelsohne mitbekommen und die Maskerade h\u00e4tte ein j\u00e4hes Ende. Also blieb er liegen, so wach wie man nur sein konnte, denn er versp\u00fcrte Angst vor dem, was er jetzt kommen mochte. Die T\u00fcr wurde aufgesperrt und ge\u00f6ffnet, w\u00e4hrend das Kerkerinnere nun durch das Fackellicht in G\u00e4nze erhellt wurde, wurden seine Mitinsassen zum Teil wach, hielten sich die H\u00e4nde vor die Augen oder drehten sich weg. Kalkarib blinzelte vorsichtig, um zwar sehen zu k\u00f6nnen was passierte, aber um nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von seiner Position aus konnte er zwei bewaffnete Wachen ausmachen, die sich in ihm unbekannten Wappenr\u00f6cken in die T\u00fcr schoben. Zwischen ihnen stand ein junger, gerade einmal f\u00fcnfzehn Sommer z\u00e4hlender Bursche mit neugierigem Blick. Seine Kleidung war ungew\u00f6hnlich fein und verziert, seine Stiefel so sauber, dass sich der Fackelschein darin widerspiegelte und sein G\u00fcrtel war mit mehreren golden gl\u00e4nzenden Beschl\u00e4gen punziert, auf denen ein Vogel in verschiedenen Positionen zu sehen war. Kalkaribs Blick fiel auf seine Dolchscheide an dessen G\u00fcrtel, in dem ein ebenfalls verzierter und silberner Dolchgriff steckte. Der Junge sah sich neugierig im Kerker um. War er etwa so jemand wie Sieghelm, der nun jemanden, der auf ungl\u00fcckliche Weise hier gelandet war, befreit? Zumindest war dies Kalkaribs erster Gedanke. Der Bursche deutete auf einen Mitgefangenen. <em>\u201eDen das\u201c,<\/em> sagte er in freudiger Erwartung. Offensichtlich hatte der Busche jemanden wiedererkannt, was Kalkaribs zweiter Gedanke war. Doch als die Wachen den Mann laut protestierend, wimmernd und unter lautem Hilfegeschrei aus der Kerkerzelle schleiften, verwarf Kalkarib seine beiden Gedanken. Alle anderen Insassen sahen hilflos zu, selbst Belzora tat nichts, als der Mann Anfang zwanzig unter offensichtlicher Todesangst aus der Zelle gezerrt wurde. Als die Kerkert\u00fcr wieder ins Schloss fiel und abgeschlossen wurde, kehrte zuerst keine Stille ein. Der entf\u00fchrte heulte und schrie noch eine Weile \u2013 doch die Stimme entfernte sich und irgendwann endete sie abrupt. In der Kerkerzelle war schon vor der Tat eine bedr\u00fcckende Stimmung, doch nun konnte Kalkarib f\u00f6rmlich sp\u00fcren, wie sich Angst und Verzweiflung noch tiefer in die Seelen der M\u00e4nner und Frauen brannte. Kalkarib lag noch eine Weile wach, denn er zermarterte sich den Kopf, was mit dem Gefangenen wohl passierte. Wurde er verh\u00f6rt? Wurde er gefoltert? Oder beides? Wenn er solche Angst hatte, dann war es nicht das erste Mal, dass das passierte und konnte es auch ihn treffen? Was wenn sich die Kerkermeister entschieden IHN rauszuholen? Zumindest w\u00e4re er dann mit ihnen alleine und konnte ihnen, ohne Angst enttarnt zu werden, seine ganze Geschichte erz\u00e4hlen \u2013 doch w\u00fcrden sie ihm glauben schenken? Zweifel nagte an Kalkarib, und die Angst, hier in der Kerkerzelle sein Ende zu finden, stieg in ihm auf. Er w\u00fcrde sein h\u00fcbsches Weib und seinen liebevollen Sohn nicht mehr wiedersehen, zudem w\u00fcrden sie in der Ungewissheit leben m\u00fcssen, was mit ihm passiert war, denn niemand \u2013 nicht einmal Sieghelm \u2013 konnte wissen, was mit ihm passiert war. Er wusste schlie\u00dflich selber nicht, wo er sich befand. Allerdings w\u00e4re es nicht das erste Mal, dass sie ihn aus einer misslichen und hoffnungslosen Situation befreiten. Kalkarib gab die Hoffnung nicht auf, dass er hier lebend rauskam, er wusste nur noch nicht wie.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, als die Kerkermeister den Eimer gegen einen \u2013 so hoffte er es zumindest \u2013 frischen Eimer mit Wasser tauschten, machten sich erstmal alle \u00fcber das k\u00fchle Nass her. Belzora hatte den W\u00e4chter tats\u00e4chlich gefragt, ob sie f\u00fcr ihren <em>Novadifreund <\/em>eine Extrasch\u00fcssel h\u00e4tten, da er wie sagte <em>wegen seines Glaubens, eine eigene Sch\u00fcssel br\u00e4uchte<\/em>, was die Wache jedoch verneinte. Kalkarib hatte das mit der Sch\u00fcssel wegen der Ereignisse der Nacht schon vergessen gehabt, weshalb er umso verwunderter war, dass sich die blonde und kr\u00e4ftige Frau am n\u00e4chsten Morgen daran erinnerte. Kalkaribs Schwindelgef\u00fchl wurde besser, und seine Verletzung am Bein schmerzte auch nicht mehr so sehr. Inzwischen war er sehr froh, dass eine fachkundige Heilerin und nicht er selbst sein Bein versorgt hatte. Rastullah allein wusste, ob es sich unter diesen Bedingungen wohl sonst entz\u00fcndet h\u00e4tte. <em>\u201eGeht es dir besser?\u201c<\/em>, erkundigte sich Belzora und reichte ihm eine Sch\u00fcssel Wasser, damit er nicht selbst aufstehen musste. Neben ihr wirkte der schlanke Kalkarib wie ein Kind. Ihre Oberarme waren fast so gro\u00df, wie die von Sieghelm und ihre Schenkel waren so stark, dass sie damit bestimmt einen ganzen Baumstamm alleine anheben konnte. Kalkarib war immer wieder aufs Neue verwundert, wenn er sich mit ihr direkt neben sich verglich. <em>\u201eEs geht schon besser\u201c<\/em>, sagte er und trank etwas Wasser, das seinem rauen Hals guttat. Dann fasste er den Mut zu fragen: <em>\u201eBelzora, kannst du mir sagen, was in der Nacht passiert ist? Du hast es doch bestimmt auch mitbekommen.\u201c <\/em>Sie lehnte sich gegen die Steinwand und starrte geradeaus. Ihr Blick wurde leer, als sie begann davon zu berichten. <em>\u201eDas geht hier schon seit dem Tag unserer Gefangenname so. Jeden Abend holt er einen von uns raus.\u201c <\/em>Sie atmete tief durch und ihre Stimme wurde zittrig. <em>\u201eManchmal h\u00f6rt man noch stundenlang danach Schreie und manchmal, so wie gestern, wird es schnell still. Keiner von ihnen ist bisher zur\u00fcckgekehrt. M\u00f6gen die G\u00f6tter \u00fcber sie wachen.\u201c <\/em>Der letzte Satz, den sie nachschob, verwunderte Kalkarib etwas. Erw\u00e4hnte Sieghelm nicht, dass diese Leute die D\u00e4monen anbeteten? Doch das war im Moment nicht wichtig. <em>\u201eWer ist er \u2026 und wen holt er sich?\u201c,<\/em> fragte er, denn er wollte einsch\u00e4tzen, ob er es entweder beschleunigen oder verlangsamen wollte \u201aausgew\u00e4hlt\u2018 zu werden. <em>\u201eWir sind hier auf Burg Rabenmund, ich dachte, das w\u00fcsstest du. Das ist die Stammburg der Familie und der Bursche, der jede Nacht zu uns kommt, ist der aktuelle Burgherr, da alle anderen seiner Familie fort sind \u2013 er kann also machen, wonach ihm beliebt.\u201c <\/em>Kalkarib schluckte. Der Name Rabenmund sagte ihm etwas, er hatte ihn aus Sieghelms Erz\u00e4hlungen schon mal geh\u00f6rt und er glaubte, dass bei der Fr\u00fchlingsturney auch welche dabei gewesen sein sollen. Es musste wohl eine bedeutende Familie des Mittelreiches sein, dachte er sich. Das erkl\u00e4rte ihm auch die Vogelmotivik am G\u00fcrtel des Jungen \u2013 es waren Raben. <em>\u201eIch kann mich doch nicht an alles erinnern\u201c<\/em>, log der W\u00fcstensohn und tat so, als w\u00fcrde er noch immer unter Ged\u00e4chtnisverlust leiden. <em>\u201eWo liegt diese Burg? Ist sie weit von \u2026<\/em>\u201c Dieses Mal hatte Kalkarib den Namen tats\u00e4chlich vergessen. <em>\u201e\u2026 \u00e4hm, diese Burg wo die ganzen Praiosdiener wohnen, entfernt?\u201c <\/em>Kalkarib kam sich d\u00e4mlich vor, er w\u00fcnschte sich bei Sieghelms Erz\u00e4hlungen \u00f6fter zugeh\u00f6rt zu haben. In seiner aktuellen Situation h\u00e4tte es ihm geholfen, mehr \u00fcber das Land und die Leute zu wissen. Es war jedoch seiner eigene Arroganz und Stolz geschuldet, dass er so gut es ging vermied, mehr dar\u00fcber zu lernen, denn Kalkarib redete sich stets ein, dass er sich hier nicht lange aufhalten w\u00fcrde und es daher nicht notwendig war, so viel \u00fcber das Land und die ganzen Adelsfamilien zu wissen. <em>\u201eSprichst du von Burg Auraleth? Mensch, Kleiner \u2013 du hast ganz sch\u00f6n was abbekommen.\u201c <\/em>Belzora knuffte ihn vorsichtig an der Schulter, doch auch ihr kumpelhafter Schlag war kr\u00e4ftig genug, um Kalkarib ins Wanken zu bringen. Als Kalkarib nickte, fuhr sie fort: <em>\u201eDie Stammburg der Rabenmund liegt etwa zwei Tagesreisen von Burg Auraleth entfernt.\u201c <\/em>Kalkarib traf der Schlag: Zwei Tage?! Er war ganze zwei Tagesreisen von den anderen entfernt? Jetzt war er sich auch nicht mehr sicher, ob er noch am selben Tag im Kerker angekommen war. <em>\u201eWelcher Tag ist heute?\u201c <\/em>Kalkaribs Stimme zitterte, als er die Frage stellte. Belzora blickte pr\u00fcfend zum Fensterschlitz, wo die Sonne wieder den Eimer in der Mitte des Kerkers erhellte. <em>\u201eHeute m\u00fcsste der 22. des Monats sein.\u201c <\/em>Kalkarib versuchte sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen, doch in ihm zerriss etwas. Er wurde am Mittag des 18. entf\u00fchrt \u2013 zumindest nach der mittell\u00e4ndischen Zeitrechnung. Das bedeutete, dass schon vier Tage vergangen waren und da weder Sieghelm noch Adellinde hier aufgetaucht waren, konnte das nur bedeuten, dass sie entweder selber in einer Notsituation steckten, ihn noch immer suchten oder ihn f\u00fcr tot erkl\u00e4rt haben. Seine Hoffnung schwand von Moment zu Moment. <em>\u201eHey Kleiner, mach dir keine unn\u00f6tigen Sorgen.\u201c <\/em>Sie knuffte ihn wieder freundschaftlich, anscheinend hatte er seine Verzweiflung nicht gut genug verborgen. <em>\u201eIch habe schon einen Plan wie wir hier rauskommen\u201c, <\/em>fl\u00fcsterte sie im verschw\u00f6rerischen Ton und legte ein breites, gewinnendes L\u00e4cheln auf. Es war das erste Mal, dass er sie l\u00e4cheln sah und zu seiner eigenen Verwunderung, sah sie unter der dicken Schicht aus Schmutz und Kratzern im Gesicht gar nicht so schlecht aus. Sie war zwar nicht wirklich sein Typ, aber wenn ihr blondes Haar gewaschen und ihr K\u00f6rper und Gesicht gepflegt waren, w\u00fcrde sie bestimmt eine ansehnliche Frau sein. Ihr muskul\u00f6ser K\u00f6rper irritierte Kalkarib noch immer, denn er machte es ihm leichter sie anzusehen, da er immer wieder verga\u00df, dass sie eigentlich ein Weib war und er dabei jedes Mal gegen eines der 99 Gesetze verstie\u00df. <em>\u201eDer gute Radromir dort hinten \u2026\u201c,<\/em> fuhr sie leise fort und zeigte auf einen der Mitgefangenen auf der anderen Seite des Raums, <em>\u201e\u2026 kann das Schloss der T\u00fcr mittels Zauberei \u00f6ffnen. Wir \u00fcberw\u00e4ltigen dann die Wachen und fliehen von dieser verfluchten Festung.\u201c <\/em>Als Belzora \u201adie Wachen \u00fcberw\u00e4ltigen\u2018 erw\u00e4hnte, drehte sie ihre beiden kr\u00e4ftigen F\u00e4uste \u00fcbereinander in verschiedene Richtungen. Kalkarib war klar, dass sie mit dieser Geste meinte, sie t\u00f6ten zu wollen. Er hatte kein Problem damit, jemanden umzubringen, doch als ihm klar wurde, dass die Bewohner von Burg Rabenmund eigentlich diejenigen waren, auf deren Seite er stand, wurde ihm unbehaglich bei dem Gedanken. Er entschied sich daher f\u00fcr ein knappes: <em>\u201eIch verstehe\u201c<\/em>, und trank den letzten Tropfen Wasser aus der Sch\u00fcssel aus. <em>\u201eWir \u2026\u201c<\/em>, begann Beloza wieder und r\u00fccke noch etwas dichter an Kalkarib heran. So dicht, dass sie ihren muskul\u00f6sen Schenkel auf seinen legte und er ihre W\u00e4rme sp\u00fcren konnte. Sie Griff dabei mit ihrer kr\u00e4ftigen Hand nach seiner inzwischen b\u00e4rtigen Wange und er sp\u00fcrte ihren hei\u00dfen Atem an seinem Ohr: <em>\u201e \u2026 werden es in der Nacht der toten Mada tun, und zusammen werden wir von hier entkommen.\u201c <\/em>Kalkarib fuhr ein feuriges Kribbeln durch den K\u00f6rper, als Belzora ihm so unangenehm und gleichwohl erregend nahe kam. Es war lange her, dass er das letzte Mal die Bettstatt mit Delia geteilt hatte. Er wusste nicht warum sich Belzora so sehr um ihn k\u00fcmmerte und ihn besch\u00fctzte, aber im Moment war es das Beste f\u00fcr ihn, das Spiel mitzuspielen. Als Belzora von alleine wieder von ihm ablie\u00df, drehte er sich zur Seite und blieb noch eine Weile so liegen, denn er sp\u00fcrte eine lange nicht mehr gef\u00fchlte Erregung, und das obwohl dieser Ort nach allem stank, was menschliche K\u00f6rper ausscheiden konnten und f\u00f6rmlich danach schrie, dass dies der schlechteste Ort auf ganz Dere war, um hier Erregung zu sp\u00fcren. Kalkaribs Welt stand Kopf und er versuchte so stark er nur konnte an seine Frau, sein Kind und seine Heimat in El\u2019Trutz zu denken, damit ihn seine animalischen Gedanken verlie\u00dfen. Er f\u00fchlte sich benutzt, beschmutzt, aber auch gleichzeitig so lebendig und besch\u00fctzt, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit \u2013 ein Begriff, \u00fcber den sich Kalkarib noch nie so sehr Gedanken gemacht hatte, wie in den letzten Stunden. Laut Belzora war er nur ein paar Stunden, bevor er das erste Mal aufgewacht war, von seinen Peinigern in die Zelle geworfen worden. 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