{"id":8727,"date":"2020-12-06T12:00:42","date_gmt":"2020-12-06T11:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8727"},"modified":"2020-12-03T18:02:09","modified_gmt":"2020-12-03T17:02:09","slug":"teil-v-getrennt-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8727","title":{"rendered":"Teil V &#8211; Getrennt (1)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8728\" width=\"855\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506.jpg 612w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Kerker-e1606724800506-300x90.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption>Irgendwann und Irgendwo<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8598\" width=\"161\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png 683w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1-213x300.png 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 161px) 85vw, 161px\" \/><figcaption>W\u00fcstensohn<br \/><strong>Kalkarib<\/strong><br \/> al&#8217;Hashinnah<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schmerz. Schmerzen im Kopf, Nacken und in seinem verletzten Bein veranlassten den jungen W\u00fcstensohn dazu aufzuwachen. Er blinzelte, rieb sich den empfindlichen Nacken und griff an seine Schl\u00e4fe, wo er feuchtes, teils schon trockenes Blut ertastete. \u201aWas war nur geschehen\u2018, fragte er sich und stellte fest, dass er auf einem kalten Strohlager lag, der Boden war feucht und die Steine darunter hart. Er musste in einem Geb\u00e4ude sein. Als er sich umsah, best\u00e4tigte sich sein erster Gedanke: Graue, k\u00fchle Mauern umgaben ihn, er war in einem kleinen Raum, in dem nur durch einen schmalen Schlitz etwas Licht drang. Es gab nur einen einzelnen Lichtstrahl, der eine in der Raummitte stehende kleine h\u00f6lzerne Sch\u00fcssel erhellte. Kalkarib setzte sich auf. Sein Sch\u00e4del brummte, als w\u00e4re er damit gegen eine Wand gerannt und er hatte M\u00fche, der Welt zu befehlen, sich nicht zu drehen. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht allein war, er teilte sich den kleinen Raum mit anderen Personen. Er erschreckte sich so sehr, dass er sich instinktiv, ja fast schon wie ein geschlagenes Tier, an eine der W\u00e4nde zur\u00fcckzog. Noch immer brummte sein Sch\u00e4del und die Gestalten auf der anderen Seite des Raums sa\u00dfen zusammengekauert im Schatten, weshalb er sie kaum erkennen konnte. Hastig suchte er einen Ausgang. Da war eine massive Holzt\u00fcr. Kalkarib nahm all seine Selbstbeherrschung zusammen, sprang an die T\u00fcr und war gewillt sie zu \u00f6ffnen, doch fand er keine Klinke, keinen Griff, nichts. Innerlich verfluchte er das Mittelreich, was bauten sie nur f\u00fcr T\u00fcren, ohne Griffe? <em>\u201eBeruhige dich, Kleiner\u201c, <\/em>raunte eine weibliche, aber harte Stimme durch den kleinen Raum. Er fuhr herum, dr\u00fcckte seinen R\u00fccken gegen die Holzt\u00fcr, doch die Geschwindigkeit mit der er die Drehung vollf\u00fchrte, lie\u00df ihn wieder schwindeln, weshalb er die Quelle der Stimme nicht ausmachen konnte. <em>\u201eSetz dich, du hast ordentlich was abbekommen\u201c<\/em>, h\u00f6rte er die Stimme fortfahren und aus den Gruppe von Personen l\u00f6ste sich eine Frau und trat in den schmalen Lichtstreifen, der durch sie unterbrochen wurde. Das Licht fiel von hinter ihr in den kleinen Raum ein, wodurch er zwar nicht ihr Gesicht, aber durchaus ihre Statur und Kleidung zu erkennen vermochte. Sie war sehr kr\u00e4ftig und ein langer, blonder Zopf hing ihr links \u00fcber die Schulter herab und eine enge zusammengeflickte Lederkleidung umschmeichelte ihre muskul\u00f6sen Rundungen. <em>\u201eW-Wer seid ihr, was wollt ihr von mir?\u201c,<\/em> brachte Kalkarib stotternd und mit seinem typisch novadischen Akzent hervor, doch das Reden schmerzte ihn, denn das Brummen in seinem Kopf versetzte ihm einen erneuten stechenden Kopfschmerz. Anstatt zu antworten legte die Frau nur ihre Arme in die H\u00fcften, wodurch ihre beachtlichen Muskeln hervortraten. Kalkarib hatte noch nie eine so kr\u00e4ftige Frau gesehen. <em>\u201eDu hast ordentlich was auf den Kopf bekommen, Kleiner \u2013 setz dich lieber, bevor du noch umf\u00e4llst.\u201c <\/em>In der Stimme der Frau lag etwas M\u00fctterliches, zudem hatte sie einen f\u00fcr Kalkarib unbekannten Akzent. Doch was viel vordergr\u00fcndiger war, war ihr klar erkennbarer Befehlston. Kalkarib, der Schwierigkeiten hatte, die Welt um ihn herum dazu zu bringen sich nicht zu drehen, tastete nach seinem Khunchomer \u2013 doch er war fort. Seine H\u00e4nde suchten weiter, auch Delias Waggif, den sie ihm zu Beginn der Reise mitgegeben hatte,  <br \/>war fort. Zu seinem Schwindelgef\u00fchl gesellte sich nun auch noch das Gef\u00fchl der Ohnmacht. Er lie\u00df sich unter Schmerzen in seinem verletzten Bein an der Holzt\u00fcr zu Boden sinken. Er hatte keine andere Wahl, denn er war in einem Raum mit Fremden eingesperrt und wusste nicht wo er war, geschweige denn, wann er war. <em>\u201eAs\u2019Sali, hilf mir\u201c, <\/em>fl\u00fcsterte er in seiner Muttersprache und der Schmerz in seinem Kopf holte ihn ein. Er sackte in sich zusammen und wurde bewusstlos. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-819x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8755\" width=\"183\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-819x1024.png 819w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-240x300.png 240w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3-768x960.png 768w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Belzora3.png 1638w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 85vw, 183px\" \/><figcaption><strong>Belzora<\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er erwachte, lehnte er an einer anderen Stelle im Raum. Zu den Schmerzen in seinem Nacken und seinen Kopf gestellte sich nun auch noch Schmerzen in seinen Gliedern, zudem hatte er einen trockenen Mund \u2013 denn er hatte l\u00e4nger nichts mehr getrunken. Als er die Augen \u00f6ffnete, sah er wieder nur die Holzschale in der Mitte des Raumes, die noch immer von einem Lichtstrahl erhellt wurde. <em>\u201eAh, du bist endlich wach.\u201c<\/em> Die Frauenstimme mit dem seltsamen Akzent befand sich direkt neben ihm. Er zuckte zusammen, als er bemerkte, dass die Frau neben ihm sa\u00df und wollte sich von ihr entfernen, doch auf der anderen Seite sa\u00df eine andere Gestalt an die selbe Wand gelehnt, so dass er nicht weiter konnte. <em>\u201eWer seid ihr?\u201c, <\/em>fragte er und hielt sich den Kopf, als er fortfuhr: <em>\u201eWo bin ich?\u201c <\/em>Er glaubte die Frau mit dem Zopf neben sich grinsen zu sehen, denn aufgrund der anhaltenden Dunkelheit im Raum konnte er ihr Gesicht nicht richtig sehen. <em>\u201eIch bin Belzora, und wir sind hier zusammen eingesperrt\u201c<\/em>, antwortete sie. <em>\u201eWas? Wo ist \u2026 argh.\u201c <\/em>Kalkaribs Sch\u00e4del explodierte vor Schmerz, als die Worte aus ihm herausplatzten. Es f\u00fchlte sich so an, als h\u00e4tte jemand seinen Sch\u00e4del mit einer Axt gespalten. <em>\u201eRuh dich aus, ich k\u00fcmmern mich um dich\u201c<\/em>, h\u00f6rte er sie sagen, als ihm wieder so schwindelig wurde, dass er ein aufsteigendes \u00dcbelkeitsgef\u00fchl versp\u00fcrte, doch au\u00dfer W\u00fcrgelauten, die seinen Kopfschmerz verschlimmerten, kam nichts \u00fcber seine Lippen. Erneut holte die Dunkelheit Kalkarib ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er tr\u00e4umte von seinem Weib und Kind. In seinen Gedanken war er bei ihnen, hielt seinen Sohn im Arm und befand sich Zuhause in El\u2019Trutz, im Beisein seiner Sippe. Er vermisste sie. Er war schon viel zu lange von ihnen getrennt. Wieso hatte er sich nur dazu \u00fcberreden lassen, dem arroganten Ritter zu helfen? Was ging ihn dieser Krieg dieses fremden Reiches \u00fcberhaupt an? Er hatte ein wundersch\u00f6nes Weib, so sch\u00f6n wie die Nacht, einen Sohn, so kr\u00e4ftig wie ein L\u00f6we, und eine Familie, so gro\u00df wie seine Liebe zum Alleinen selbst. Oh w\u00e4re er jetzt doch nur bei seinem Weib, k\u00f6nnte sich an ihren Busen dr\u00fccken und sie liebevoll umarmen, um ihre W\u00e4rme zu sp\u00fcren und in sich aufzunehmen. Er war ein w\u00e4rmeliebender Sohn der W\u00fcste und sollte bei ihr sein \u2013 nein falsch \u2013 SIE sollte bei IHM sein. Dieses unheilige Gleichberechtigungsgefasel der Ungl\u00e4ubigen hatte ihn m\u00fcrbe gemacht. Schon sein Bruder Mehmet hatte ihn vor den Ungl\u00e4ubigen gewarnt. <em>\u201eLass dich nicht mit Ihnen ein, denn mit ihren spitzen Zungen machen Sie dich schwach!\u201c<\/em>, hatte er stets gesagt. In seinen Tr\u00e4umen war Kalkarib wieder ein El\u2019Trutz und half zusammen mit seinem Bruder in der Karawanserei. W\u00e4hrend Mehmet, als Erstgeborener zum neuen Karawanenf\u00fchrer ausgebildet wurde, wurde Kalkarib \u2013 als Zweitgeborener \u2013 der Umgang mit der Waffe gelehrt, denn er sollte einst unter der F\u00fchrung seines Bruders die Heimst\u00e4tte besch\u00fctzen. Kalkarib war zufrieden mit seiner Rolle, denn As\u2019Sali wollte es so, ansonsten h\u00e4tte er ihn nicht zum Zweitgeborenen gemacht. Doch Kalkaribs Welt wurde zutiefst ersch\u00fcttert, als Delia in sein Leben trat \u2013 seitdem ist er nur noch auf Reisen, auf der Flucht, verschollen in Raum und Zeit, entf\u00fchrt von einem D\u00e4mon oder in irgendeinem Kampf \u2013 doch in keinem f\u00fcr Rastullah, sondern immer nur in K\u00e4mpfen f\u00fcr andere und fremde G\u00f6tter. Kalkarib hatte in der kurzen Zeit mehr erlebt, als so manch anderer in seinem ganzen Leben, zumindest war es gen\u00fcgend Stoff f\u00fcr eine eigene al\u2019tarikh \u2013 eine Geschichte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Kalkarib das dritte Mal erwachte, war sein Mund trocken, doch der Schmerz in seinem Sch\u00e4del brummte nicht mehr so sehr, ihm war aber immernoch schwindelig und er war zu schwach, um sich von selbst zu erheben. Jemand hob sanft seinen Kopf an und legte ihm ein Gef\u00e4\u00df an die trockenen Lippen. Als etwas Feuchtes seine spr\u00f6den Lippen ber\u00fchrten, \u00fcberkam es ihn, er sog es ein und schluckte es sofort herunter. Das Wasser schmeckte herrlich und er konnte nicht genug davon bekommen. Schluck f\u00fcr Schluck rann seine trockene Kehle hinab, w\u00e4hrend er schwindelig die Decke betrachtete. Als er jeden Tropfen genossen hatte, half ihm die Frau, die ihm zu trinken gegeben hatte, auf und setzte ihn gegen die Wand. Er genoss noch die k\u00fchle Feuchte in seinem Rachen, da sah er, wie die Frau, die Schale, aus der sie ihm zu trinken gegeben hatte, in die Raummitte in das Licht stellte. Es traf ihn wie ein Schlag, denn ihm wurde bewusst, dass aus dieser Holzschale alle hier anwesenden Personen tranken und nun auch seine Lippen diese Holzschale ber\u00fchrten. Ein sehr tief verwurzelter Ekel stieg in ihm auf, am liebsten wollte er das Wasser, das er eben getrunken hatte, sofort wieder ausspucken, doch sein K\u00f6rper brauchte es zu sehr, als das er jetzt wieder ausspeien k\u00f6nnte. Seitdem er mit seinem Weib unterwegs war, a\u00df und trank er nur aus seinem eigenen Essgeschirr, denn so wollte es sein Glaube. Er achtete auch akribisch darauf, dass keine Ungl\u00e4ubigen sein Essgeschirr ber\u00fchrten, auch wenn es sich nicht immer vermeiden lie\u00df. Doch dann entschuldigte er sich beim n\u00e4chsten Gebet daf\u00fcr beim Alleinen und dann war es wieder gut. Da fiel es ihm ein, er musste bestimmt schon mindestens drei Gebete verpasst haben und zu allem \u00dcberfluss, wurde ihm sein Gebetsteppich ebenfalls genommen, As\u2019Sali musste bestimmt schon w\u00fctend auf ihn sein. In Gedanken legte er sich schon verschiedene Entschuldigungsformulierungen zurecht, daf\u00fcr dass er die Gebete verpasst hatte, daf\u00fcr dass er von Geschirr getrunken hatte, dass Ungl\u00e4ubige ber\u00fchrt hatten, daf\u00fcr, dass er nicht die Frau gemieden hatte und mit ihr Blicke gewechselt hatte, daf\u00fcr, dass er sich nicht stets eines der 99. Gesetze im Geiste getragen hatte, daf\u00fcr, dass \u2026 seine entschuldigenden Gedanken \u00fcberschlugen sich und er wurde mitten in ihnen unterbrochen: <em>\u201eGeh\u00f6rst du zu Dschafars Truppen?\u201c<\/em>, fragte die Frauenstimme neben ihm. Da Kalkarib aus seinen Gedanken gerissen wurde, hatte er sie nicht ganz verstanden. <em>\u201eWas?\u201c \u201eIch fragte, ob du zu Dschafars Truppen geh\u00f6rst?\u201c<\/em>, wiederholte sie. Kalkarib wusste nicht, wovon sie da sprach. Er wollte es schon verneinen, da trat einer der anderen Anwesenden ins Licht, um sich die kleine Holzsch\u00fcssel zu holen. W\u00e4hrend er die Sch\u00fcssel in einen Eimer daneben tunkte, um etwas Wasser herauszuholen, konnte er einen Blick auf den Mann erhaschen. Er war, so wie alle hier, in keinem guten Gesundheitszustand, b\u00e4rtig und zottelig durch die mangelnde M\u00f6glichkeit der K\u00f6rperpflege und trug mehrere Schichten verschiedenen Lumpen am K\u00f6rper. Doch unter der Vielzahl der Lumpen entdeckte der W\u00fcstensohn ein Zeichen, dass er von dem Mythraelsfeld nur zu gut kannte: Ein siebenzackiges Kreuz \u2013 das Zeichen Galottas. Mit einem Mal sp\u00fcrte Kalkarib, wie sein Herz ihm bis an den Hals schlug und er war von einem Moment auf den anderen hellwach. Er sah die Frau an, deren Gesicht er noch immer nicht so recht erkennen konnte, doch er suchte im Dunkeln bei ihr ebenfalls das Zeichen, und tats\u00e4chlich, er wurde f\u00fcndig. Auf dem Stoff \u00fcber ihrer Schulter erblickte er das zerfranste, aber noch gut erkennbare siebenstrahlige Zeichen des D\u00e4monenkaisers. Er war in einen Raum mit Gefangenen aus Galottas zersprengten Truppen. Er hatte jetzt keine Zeit dar\u00fcber nachzudenken, denn die Frau neben ihm wurde langsam ungeduldig. <em>\u201eJa, ja Dschafar\u201c<\/em>, brachte er m\u00fchevoll hervor, wobei er erneut eines der 99. Gesetze brach. Die Frau seufzte zufrieden. <em>\u201eDann hattest du mehr Gl\u00fcck, als die anderen von Dschafars Leuten\u201c, <\/em>begann sie zu erz\u00e4hlen. <em>\u201eDas letzte was ich von ihm gesehen hatte war, dass er von darpatischen Truppen eingekesselt wurde. Ihr habt bis auf den letzten Mann gegen sie gek\u00e4mpft. Wie konntest du entkommen? Wie ich sehe bist du verletzt worden.\u201c <\/em>Die Frau, die sich mal als Belzora vorgestellt hatte, deutete auf seine Verletzung am Bein, die er sich beim Kampf gegen die S\u00f6ldner nahe Perz zugezogen hatte. Wie ein Blitz durchschoss ihm der Gedanke an Adellinde und Sieghelm. Er fragte sich, ob es ihnen gut gehe und ob sie ebenfalls gefangen genommen wurden. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass Sieghelm niemals in einen Kerker mit Feindes des Reiches gesteckt werden w\u00fcrde, immerhin war er ein Mittelreicher von Rang und Namen. Er fragte sich auch, warum man IHN mit Galottas Truppen zusammen eingesperrt hatte, doch als er an sich herabblickte, seine Schnabelschuhe und seinen Kaftan sah, wurde es ihm klar: Er war hier im Mittelreich ein Ausl\u00e4nder, ein Niemand ohne Rang und Namen. Er erinnerte sich daran, dass Sieghelm davon berichtete hatte, das novadische S\u00f6ldner auf der Gegenseite mitgek\u00e4mpft hatten \u2013 wahrscheinlich hielten seine Peiniger ihn f\u00fcr einen von ihnen. Doch wer hatte ihn \u00fcberhaupt gefangen genommen? Er musste es herausfinden und ihnen schleunigst mitteilen, dass er nicht zu denen geh\u00f6rte. Doch wie sollte er das anstelle, ohne sich dabei selbst zu entlarven? Die Frau stupste ihn an, anscheinend war er schon l\u00e4nger in Gedanken versunken. <em>\u201eHey Kleiner, ich hab dich was gefragt.\u201c <\/em>Kalkarib brauchte schleunigst eine gute und schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung, er musste seine Maske vorerst aufrechterhalten, um hier wieder lebendig herauszukommen. Da kam ihm ein Gedankenblitz: <em>\u201eIch wei\u00df es nicht<\/em>\u201c, begann er mit schmerzverzerrter Stimme und packte sich an den Kopf. <em>\u201eMein Kopf, ich \u2026 muss wohl ganz sch\u00f6n was abbekommen haben.\u201c <\/em>Er strich sich dabei \u00fcber die verkrustete Stelle an der Schlefe, w\u00e4hrend er so tat, als h\u00e4tte er das Ged\u00e4chtnis verloren. Belzora schien sich damit zufrieden zu geben. <em>\u201eDas hast du wirklich. Armer Kleiner \u2026 wie hei\u00dft du?\u201c \u201eIch \u2026\u201c <\/em>begann er mit absterbender Stimme. Kalkarib \u00fcberlegte kurz, ob er sich schnell einen anderen Namen ausdenken sollte, doch eigentlich hatte es keinen Sinn. Sein Name sollte unter diesen Truppen g\u00e4nzlich unbekannt sein und eine L\u00fcge weniger w\u00fcrde As\u2019sali gefallen. <em>\u201e \u2026 ich hei\u00dfe Kalkarib.\u201c <\/em>Die Frau holte die inzwischen zur\u00fcckgelegte Holzschale aus der Mitte und holte noch etwas Wasser aus dem Eimer. Ein Mitinsasse stand protestierend auf, doch als Belzora sich ihm nur ihre Muskeln anspannend wortlos entgegen stellte, lie\u00df er sich wieder auf den Hosenboden fallen und sie trat dabei f\u00fcr einen kurzen Moment ins hereinfallende Licht, so dass Kalkarib ihr Gesicht erkennen konnte. Sie hatte markante Z\u00fcge, ein breites Kinn, einen H\u00f6cker auf der Nase der wohl von einem alten Nasenbruch herr\u00fchrte &#8211; ihr Gesicht aber nicht verunstaltete &#8211; hohe Wangenknochen, volle Lippen und hellblaue Augen. Kalkarib fiel aufgrund ihres Gebarens auf, dass sie in der Zelle wohl sprichw\u00f6rtlich die Hosen an hatte. Sie reichte ihm die Holzschale mit Wasser, die Kalkarib zwar widerwillig, aber gespielt freudig annahm. <em>\u201eIch wei\u00df, deine Leute m\u00f6gen nicht von Geschirr Fremder speisen \u2026 aber sie haben uns alles abgenommen, wir haben nur diese eine\u201c<\/em>, sagte sie und setzte sich wieder neben ihm. Zur \u00dcberraschung des W\u00fcstensohns schein sie seinen Glauben etwas zu kennen und zu respektieren. <em>\u201eIch frag unsere Knechter mal, ob sie f\u00fcr dich eine extra Schale haben.\u201c<\/em> Als Belzora dies sagte, verschluckte sich Kalkarib am Wasser. Er war in allem Ma\u00dfe \u00fcberrascht, denn seine Gef\u00fchle spielten ihm einen Streich. Sie war der Feind! Ja gut, der Feind eines fremden Reichs, aber sie setzte sich f\u00fcr ihn ein?! Was hatte sie vor? Oder war sie doch einfach nur freundlich. Mit nicht mehr ganz so viel Angst um sein Leben, trank Kalkarib die zweite Schale Wasser aus, um die ihm zwar alle im Raum neideten, das konnte er sp\u00fcren. Doch keiner hatte genug Mumm in den Knochen, um gegen sie etwas zu unternehmen. Er z\u00e4hlte dreizehn Personen in der kleinen Zelle, w\u00e4hrend er sich neben der massiven Frau mit den gewaltigen Muskeln ziemlich klein vorkam, aber das Gef\u00fchl hatte, vorerst in Sicherheit zu sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schmerz. Schmerzen im Kopf, Nacken und in seinem verletzten Bein veranlassten den jungen W\u00fcstensohn dazu aufzuwachen. 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