{"id":8685,"date":"2020-09-27T15:17:09","date_gmt":"2020-09-27T13:17:09","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8685"},"modified":"2020-09-27T15:17:11","modified_gmt":"2020-09-27T13:17:11","slug":"teil-iv-nebel-des-krieges-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8685","title":{"rendered":"Teil IV \u2013 Nebel des Krieges (2)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"235\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6865133-1576915361-e1600600345130-1024x235.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8679\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6865133-1576915361-e1600600345130-1024x235.png 1024w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6865133-1576915361-e1600600345130-300x69.png 300w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6865133-1576915361-e1600600345130-768x176.png 768w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6865133-1576915361-e1600600345130.png 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>  <strong>Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim &#8211; 18. Peraine, 34 nach Hal \u2013 Zur Praiosstunde<\/strong> <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Sieghelm-Klein.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8322\" width=\"174\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Sieghelm-Klein.png 605w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Sieghelm-Klein-253x300.png 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><figcaption>Ordensmeister<br \/><strong>Sieghelm Gilborn<\/strong><br \/>von Spichbrecher<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Kalkarib-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8598\" width=\"147\" height=\"205\"\/><figcaption>W\u00fcstensohn<br \/><strong>Kalkarib<\/strong><br \/>al&#8217;hashinnah<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Adellinde-Portrait-1-811x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8617\" width=\"167\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Adellinde-Portrait-1-811x1024.png 811w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Adellinde-Portrait-1-238x300.png 238w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Adellinde-Portrait-1-768x969.png 768w, https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Adellinde-Portrait-1.png 1030w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><figcaption>H\u00fcterin der Saat<br \/><strong>Adellinde<\/strong><br \/>Peraine-Geweihte<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>\u201eHier, hier hab ich es gefunden.\u201c<\/em> Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers\n\u00fcberschlug sich, als er mit seinen dreckigen H\u00e4nden auf eine Stelle am Boden\nzeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen,\nder genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. Der von\nLeichengeruch geschw\u00e4ngerte Nebel lag noch immer schwer auf dem Mythraelsfeld\nund hielt dieses fest in seinem Griff. Sie mussten \u00fcber Berge aus Leichen\nsteigen, um diesen, etwas im Firun gelegenen, Schlachtfeldabschnitt zu finden.\nDie zum Teil schon verfaulten K\u00f6rper der zahllosen und zusammengew\u00fcrfelten\nmittell\u00e4ndischen Truppen, die nun den aufgew\u00fchlten und nassen Boden des Feldes\nbedeckten, waren aufgebl\u00e4ht, zerrissen oder von Tieren und Ghulen bis zur\nUnkenntlichkeit zerfleddert worden. Da Sieghelm der einzige der Dreien war, der\ndiesen Anblick kannte, fiel es Kalkarib und Adellinde schwerer als ihm, all\ndiese Eindr\u00fccke zu verarbeiten und auszuhalten. Die H\u00fcterin der Saat musste\nsich unterwegs zwei Mal \u00fcbergeben. Kalkarib und Sieghelm r\u00e4umten ihr die Zeit\nein, sich danach wieder zu ordnen, doch es war ihr sichtbar unangenehm. <\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSchaut her, da ist sie!\u201c,<\/em> krakelte der Mann erneut. Sieghelm\nstieg \u00fcber eine breite Bodenfurche zu ihm her\u00fcber. Auf dem Boden, eingedr\u00fcckt\nund von Schlamm bedeckt, lag eine Frau, die Sieghelm auf Anhieb erkannte, da er\nihr Gesicht, obwohl es blutleer und zerkratzt war, in guter Erinnerung hatte. <em>\u201eOh bei der Leuin\u201c<\/em>, hauchte er traurig. <em>\u201eI-Ich hab es dort von der R\u00fcstung \u2026\u201c\n\u201eSchweig still!\u201c,<\/em> fuhr Sieghelm scharf mit bitterb\u00f6sem Blick zwischen die\nErkl\u00e4rung des Fledderers. <em>\u201eGeh her\u00fcber\nzur Geweihten, wir entscheiden sp\u00e4ter \u00fcber dein Schicksal.\u201c<\/em> Der b\u00e4rtige\nMann nickte so heftig, dass es aus seinem dreckigen und dichten Bart nur so\nrieselte. Sofort nahm er die Beine in die Hand und eilte zu Kalkarib und\nAdellinde her\u00fcber. Sieghelm kniete sich zu der Frau nieder, der Geruch von Tod\nstieg ihm deutlicher denn je in die Nase. Die Frau die dort lag war Lady\nRaulgard aus dem Hause Ochsenhaupt. Sie war eine landlose Ritterin am Hofe\nseines Vaters Parzalon und seines Gro\u00dfvaters Torion II. in Dettenhofen.\nSieghelm erinnert sich noch gut an sie. Zwischen 17 und 21 Hal, bevor er in den\nPagendienst bei Ritters Trautmann ging, lebte er noch am Dettenhofener\nStammsitz. Lady Raulgard stand schon seinem Gro\u00dfvater beratend zur Seite und\nnach dessen Ableben 24 Hal dann seinem Vater. Sieghelm hatte sie als Kind immer\nbewundert. Anfangs f\u00fcr ihr beeindruckendes Schwert, einem Anderthalbh\u00e4nder, das\ner sogar einmal halten durfte. Doch damals war er noch zu schwach, um es heben\nzu k\u00f6nnen. Ihre Worte klingen noch bis heute nach und er h\u00f6rte sie nun erneut,\nals st\u00fcnde sie wieder vor ihm: \u201eJeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur\nein wahrer Krieger wird es zu f\u00fchren wissen.\u201c Sieghelm musste h\u00e4ufig an diesen\nSatz denken. W\u00e4hrend seiner Zeit bei Ritter Trautmann, aber auch w\u00e4hrend seiner\nZeit an der Akademie der Feuerlilien in Rommilys. Er hatte Lady Raulgard ihr\nSchwert nie zum Kampf ziehen sehen, aber in seiner kindlichen Vorstellung,\nkonnte sie anmutig und doch kraftvoll damit umgehen. <em>\u201eWas sagtet ihr?\u201c,<\/em> frug Adellinde, die pl\u00f6tzlich in einem\nrespektvollen Abstand hinter dem Reichsritter stand. Sieghelm, der zuerst nicht\nwusste, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, blickte aus der Hocke zu Adellinde\nnach hinten und sie schloss dann zu ihm auf. Er begann dann zu erkl\u00e4ren: <em>\u201eIch kenne diese Frau, es ist Lady Raulgard\nvom Hofe meines Vaters. Sie muss in der Schlacht ganz dicht bei ihm gewesen\nsein, als sie fiel. Und ich \u2026\u201c, <\/em>er machte eine kurze Atempause,<em> \u201e\u2026 musste nur an einen Leitspruch denken,\nden sie mir als Kind einst mitgab: \u201aJeder Bauer kann ein Schwert halten, aber\nnur ein wahrer Krieger wird es zu f\u00fchren wissen.\u2018\u201c \u201eEin weiser Leitsatz\u201c, <\/em>entgegnete\nsie. <em>\u201eMit eurer Erlaubnis, w\u00fcrde ich\ngerne einen Segen f\u00fcr eure Bekannte sprechen.\u201c <\/em>Adellindes Stimme war zart\nund ihre gro\u00dfen blauen Augen tr\u00e4nten noch immer. Es fiel ihr sichtlich schwer,\nsich auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und es gelang ihr gerade so, die Fassung\nzu bewahren. <em>\u201eJa, bitte tut dies \u2013 sie\nh\u00e4tte bestimmt Nichts dagegen.\u201c <\/em>So stellte sich Adellinde an das Kopfende\nder Ritterin, konzentrierte sich kurz und sprach dann einen Peraine-Segen \u00fcber\nder geschundenen K\u00f6rper. W\u00e4hrenddessen suchte Sieghelm das umliegende Feld ab.\nAuch er rang f\u00fcr einen Moment mit den Tr\u00e4nen und wollte sich das nicht anmerken\nlassen. Wenn Lady Raulgard hier lag, w\u00fcrde das bedeuten, dass die Truppen\nseines Vaters hier gewesen sein m\u00fcssen. Sie war stets an dessen Seite\ngeblieben, da sie sich selbst wie eine Art Leibw\u00e4chter gesehen hatte. Sie\nhatten also eine erste Spur aufgenommen, doch auf dem nebeligen Schlachtfeld\nschien es sehr schwierig, weitere Hinweise zu finden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine lange\nZeit suchten alle drei den Bereich um die tote Frau ab. Sieghelm hatte ihnen\nzuvor gesagt nach welchen Farben sie Ausschau halten sollten. Sie fanden zwei\nweitere tote Infanteristen in den Dettenhofener Farben, doch keinen Hinweis auf\nseinen Vater. Das Schlachtfeld war zu aufgew\u00fchlt, um anhand von Spuren deuten\nzu k\u00f6nnen, wohin sich sein Vater mit seinen Truppen bewegt haben k\u00f6nnte.&nbsp; Als sie begannen sich immer weiter voneinander\nzu entfernen, dass sie drohten sich im Nebel zu verlieren, wurde es Kalkarib\nirgendwann zu viel. <em>\u201eDas hat doch keinen\nSinn!\u201c, <\/em>fluchte er im novadischen Akzent. Da er gerade irgendwo alleine im\nNebel \u00fcber einem Haufen Leichen stand, konnten die anderen nur seinen Fluch\nh\u00f6ren, ihn aber nicht sehen. Auch Leutnant Pagol suchte unerm\u00fcdlich mit, doch\nzu viele fremde Ger\u00fcche lagen auf dem Feld, so dass auch seine Nase keine\nF\u00e4hrte aufnehmen konnte. Mit resignierenden Blick stie\u00df der W\u00fcstensohn auf\nSieghelm. <em>\u201eAlles spricht daf\u00fcr, dass euer\nVater &#8211; wenn er noch lebt \u2013 hier nicht gefallen ist. Doch wissen wir nicht in\nwelche Richtung er weiter gezogen ist.\u201c \u201eEr lebt noch, das sp\u00fcre ich\u201c, <\/em>antwortete\nSieghelm im barschen Ton und setzte fort: <em>\u201eDoch\nwas wir brauchen, ist ein Zeichen, eine Spur, ein Wunder \u2026 irgendwas.\u201c <\/em>Keinen\nMoment sp\u00e4ter sahen Kalkarib und Sieghelm den R\u00fccken eines schmalen, ja fast\nschon d\u00fcrren Mannes in langer feiner Robe und Turban auf dem Kopf, der gerade\nan ihnen vorbeirannte. Er eilte leichtf\u00fc\u00dfig \u00fcber die Leichenberge hinweg, als\nw\u00e4ren sie nicht da und gerade als er drohte im Nebel zu verschwinden, sahen die\nbeiden wie der d\u00fcrren Gestalt etwas Gr\u00fcnes aus einer Umh\u00e4ngetasche purzelte und\nzu Boden fiel. Sieghelm und Kalkarib blickten sich einander verdattert an.\nSieghelm rieb sich die Augen, als w\u00fcrde er phantasieren und Kalkarib vollf\u00fchrte\neine bittende Geste zu Rastullah. <em>\u201eHast\ndu das auch gerade gesehen?\u201c<\/em>, frug Sieghelm. <em>\u201eJa, und ich kann es kaum glauben.\u201c \u201eIch auch.\u201c <\/em>Und danach sagten\nbeide gleichzeitig: <em>\u201eIch wusste gar nicht\ndas Nehazet rennen kann!\u201c<\/em> Es war tats\u00e4chlich Magister Nehazet, den sie\nbeide gesehen hatten, oder zumindest bildeten sie sich das beide ein. Sie\neilten sofort zu der Stelle, wo der angebliche Nehazet etwas verloren hatte und\nfanden dort, frisch fallen gelassen, ein am Boden liegendes handgro\u00dfes Blutblatt\nmit einem Zeichen darauf. Gerade als Kalkarib es hochheben wollte, unterbrach\nihn Sieghelm: <em>\u201eHalt! Schau doch \u2026 ist das\n\u2026 ein Pfeil?\u201c<\/em> Das auf dem am Boden liegenden Blutblatt, hatte eine rote\nStelle in der Mitte, dass so aussah wie ein\nPfeil. Sofort blickte Kalkarib durch den Nebel zur Praiosscheibe, um das\nBlutblatt und den Sonnenstand in Zusammenhang zu bringen <em>\u201eEr zeigt Richtung \u2026 wie ihr sagt \u2026 Firun.\u201c<\/em> Euphorisch blickten\nsich die beiden jungen M\u00e4nner einander an. <em>\u201eIch\nwei\u00df nicht, wie er es angestellt hat, aber wir m\u00fcssen dem Magister wohl danken,\nwenn wir ihn wieder sehen\u201c<\/em>, sprach der Reichsritter und l\u00e4chelte dabei\nbreit. Mit einem anspornenden Klopfen auf des W\u00fcstensohns Schulter f\u00fcgte er\nnoch an: <em>\u201eKomm mein Freund, wir haben\nunser Zeichen erhalten und kennen nun die Richtung.\u201c<\/em> <em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nAufbruchsstimmung im Gesicht und Schwung im K\u00f6rper stie\u00dfen die beiden M\u00e4nner\nwieder zu Adellinde, die die Pferde bei sich behielt und zusammen mit Pagol\n\u00fcber den am Boden sitzenden und gefesselten Fledderer wachte. <em>\u201eWir wissen wo es langgeht\u201c,<\/em> prahlte\nSieghelm stolz, als h\u00e4tte er selbst diese Erkenntnis gehabt, als er im Nebel vor\nAdellinde auftauchte. <em>\u201e\u00c4hm, hervorragend.\nEs gibt noch etwas \u00fcber das wir entscheiden m\u00fcssen\u201c, <\/em>antwortete sie. Als\nSieghelm die Z\u00fcgel seines Pferdes in Empfang nahm, war er in eiliger\nAufbruchsstimmung. <em>\u201eAchja? Das k\u00f6nnen wir\nauch unterwegs \u2026\u201c<\/em> Adellinde r\u00e4usperte sich ungew\u00f6hnlich lange und\nlautstark, so dass auch Sieghelm es nicht \u00fcberh\u00f6ren konnte. Er hatte \u00fcber die\nG\u00f6tterl\u00e4ufe hinweg gelernt, dass, wenn das jemand in seinem Umfeld tat, er\nbesser seine aktuelle Handlung z\u00fcgig einstellen und f\u00fcr einen kurzen Moment\nzuh\u00f6ren sollte. Sein Blick traf sich mit dem von Adellinde, die eine nickende\nGeste zu dem am Boden sitzenden Leichenfledderer machte. <em>\u201eOh! Ja\u201c,<\/em> entfleuchte es ihm. Die Priesterin und der Reichsritter\nzogen sich dann zur\u00fcck, um sich auszutauschen. W\u00e4hrenddessen blieb Kalkarib mit\nPagol bei ihrem \u201aGefangenen\u2018. Der junge W\u00fcstensohn konnte ein anfangs ruhiges\nund dann immer hitziger werdendes Gespr\u00e4ch beobachten. Aus der Entfernung sah es\nirgendwie bizarr und gleichzeitig komisch aus, da Sieghelm nicht nur zwei K\u00f6pfe\ngr\u00f6\u00dfer war als die kleine Geweihte, sondern aufgrund seiner Statur und R\u00fcstung\nauch noch zwei Mal so breit wie sie. Er musste an ein M\u00e4rchen denken, dass\nDelia mal ihrem Sohn vorgelesen hatte, dass sie aus der Bibliothek des Magiers\nhatte. Eine horasische Geschichte mit dem Namen \u201aDie Sch\u00f6ne und das Thier\u2018.\nObwohl ihr k\u00f6rperlich in allen Belangen \u00fcberlegen, zeigte Adellinde wie \u201adie\nSch\u00f6ne\u2018 in der Geschichte keine Spur davon, von \u201adem Thier\u2018 eingesch\u00fcchtert zu\nsein. Adellinde wich keinen Fingerbreit von ihrer Position, und das obwohl\nSieghelm mit seinen gro\u00dfen und kr\u00e4ftigen H\u00e4nden, die so gro\u00df waren wie Teller,\nsie m\u00fchelos h\u00e4tte zerquetschen k\u00f6nnen. Sieghelm gestikulierte und fuchtelte\nherum, doch keine seiner Bewegungen kam ihr n\u00e4her als eine Handbreit. Trotz\nseiner Wuchtigkeit schien es so, als h\u00e4tte Adellinde eine unsichtbare und\nsch\u00fctzende Aura um sich, die \u201adas Thier\u2018 nicht zu durchdringen vermochte.\nAdellinde jedoch konnte ohne M\u00fche in seine Aura eindringen, denn erneut legte\nsie w\u00e4hrend einer Tirade aus wilden Fuchteleien ihre zierlichen Zeigefinger auf\nseine Lippen und dr\u00fcckte sie m\u00fchelos zusammen. Er erstarrte in diesem Moment,\nsie sagte abschlie\u00dfend noch etwas zu ihm und verlie\u00df ihn dann, woraufhin \u201adas\nThier\u2018 mit h\u00e4ngenden Schultern hinterhertrottete. Als sie beide wieder bei\nKalkarib ankamen, hatte Sieghelm wieder seine erhabene Haltung angenommen.\nZusammen stellten sie sich dann vor den am Boden sitzenden Fledderer, den\nAdellinde im scharfen Ton aufforderte aufzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWir haben entschieden, wie du deine\nsch\u00e4ndlichen Taten wiedergutmachen kannst\u201c,<\/em> verk\u00fcndete die Geweihte einleitend und blickte dann\nzu Sieghelm, der einen Moment brauchte, um sich geistig zu sammeln. <em>\u201eDu hast den Zw\u00f6lfen gefrevelt mit deiner\nTat. Du hast von den Toten genommen, um dich selbst daran zu bereichern, doch\ndu kannst deine Tat wiedergutmachen.\u201c <\/em>Der b\u00e4rtige Mann starrte abwechselnd\ndie beiden ungl\u00e4ubig an, er hatte wohl eher mit einer Hinrichtung gerechnet.\nDann fuhr Sieghelm fort: <em>\u201eIm Namen der\nHerrin Peraine, haben wir entschieden, dass du auf unserem Weg vom Schlachtfeld\nherunter, weiter die Symbole, Ketten, Ringe und Zeichen nimmst \u2013 jedoch unter\nAufsicht der Geweihten \u2013 damit du es mit Anstand und Respekt tust. Du sollst\ndie Last der Wertgegenst\u00e4nde sp\u00fcren und daf\u00fcr arbeiten sie zu tragen \u2013 so will\nes die Herrin Peraine. Wenn wir das Schlachtfeld verlassen, wirst du uns alle\nGegenst\u00e4nde \u00fcbergeben und wir werden sie an die Pferde binden um sie dann im\nn\u00e4chsten Tempel abzugeben. Und du wirst, so du im Schwei\u00dfe deines Angesichts\nausreichend gearbeitet hast, von uns aus deiner Schuld entlassen und wirst zum\nn\u00e4chsten Tempel gehen, um dort um Vergebung f\u00fcr deine Taten zu bitten.\u201c <\/em>Mit\nden letzten Worten schaute Sieghelm wieder zur Priesterin. In seinem Augen lag\nein fragenden Blick, der so viel sagte wie: \u201aHabe ich etwas vergessen?\u2018 Doch\nAdellinde nickte zufrieden. <em>\u201eDas ist zu\ng\u00fctig, Herr!\u201c, <\/em>stotterte der b\u00e4rtige Mann. F\u00fcr einen kurzen Moment flammte\nin Sieghelm ein \u201aJA ist es!\u2018 auf, doch die Hand von Adellinde, die ihn sanft am\nOberarm ber\u00fchrte, hielt ihn zur\u00fcck. <em>&nbsp;\u201eIch danke euch, ich danke euch!\u201c, <\/em>wimmerte\ner gl\u00fccklich<em>,<\/em> fiel auf die Knie und\ngrabschte nach Sieghelms Stiefel, um diese zu k\u00fcssen. <em>\u201eDankt Peraine und bittet sie um Vergebung f\u00fcr eure Taten.\u201c, <\/em>intervenierte\nAdellinde und half ihm wieder auf die Beine. Mit Tr\u00e4nen in den Augen versprach\ner es ihr, w\u00e4hrend Sieghelm angewidert daran denken musste, wie sie mit ihren\nreinen und unschuldigen H\u00e4nden nur diesen r\u00e4udigen Taugenichts anfassen konnte.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit\nsp\u00e4ter waren sie auf dem von Magister Nehazet gezeigten Weg. Adellinde\n\u00fcberwachte, wie der Fledderer, der sich als Hagen aus Waldsend vorstellte, einen\nimmer schwerer werdenden Sack voller Wertgegenst\u00e4nde f\u00fcllte. Doch tat er dies\naugenscheinlich mit Freude und Gl\u00fcckseeligkeit. Sieghelm hinterfragte sich\nselbst, denn w\u00e4re es nach ihm gegangen, w\u00fcrde \u201aHagen\u2018 nun eine Hand fehlen. Er\nfragte sich, ob Adellinde vielleicht doch recht damit hatte, ihn zu\nverschonen.&nbsp; Er ertappte sich dabei, wie\ner sich ein ganz kleines bisschen w\u00fcnschte, dass sie Unrecht behielt und er\nnach der \u201aEntlassung\u2018 keinen Tempel aufsuchen und um Vergebung bitten w\u00fcrde.\nDenn Sieghelm meinte, dass er dann einfach zur\u00fcck auf das Mythraelsfeld kehren\nwird, um seiner sch\u00e4ndlichen Tat weiter nachzugehen. Doch w\u00fcrden sie es wohl\nnie erfahren, den ihre Queste f\u00fchrte sie in eine andere Richtung. Der Nebel\nbegann sich etwas zu lichten und die Leichen wurden weniger. Gegen sp\u00e4ten\nNachmittag erreichten sie einen Waldesrand. Kahle, teils umgeknickte oder\nzerfetzte Kiefern, F\u00f6hren und Birken standen \u2013 oder eben nicht mehr \u2013 hier\nherum. Der Boden war nicht mehr ganz so aufgew\u00fchlt und der Leichengeruch lie\u00df\nlangsam nach. Inzwischen hatte Hagen einen Sack so gro\u00df, dass er geb\u00fcckt gehen\nmusste und sie alle etwas langsamer vorw\u00e4rts kamen. Er keuchte und hustete,\ndoch schien er angetrieben vom blo\u00dfen \u00dcberlebenswillen sehr motiviert zu sein. <em>\u201eLasst uns hier noch einmal umsehen\u201c,<\/em> befahl\nSieghelm in der Hoffnung, hier einen weiteren Hinweis finden zu k\u00f6nnen.\nInzwischen waren sie so weit gen Firun gelaufen, dass sie hinter den\nzerfransten Baumwipfeln die T\u00fcrme der Festung Auraleth sehen konnten, dem\nStammsitz des Ordens vom Bannstrahl Praios\u2018. <em>\u201eWir m\u00fcssen uns etwa zwei Meilen im Firun von Wehrheim befinden\u201c<\/em>,\nmerkte Sieghelm mit Blick auf die steinernen T\u00fcrme an. Er fragte sich, ob die\nBannstrahler sie noch halten und ob sein Vater dort Obhut gesucht hatte.\nImmerhin w\u00e4re es ein logischer Entschluss, sich hinter die sicheren Mauerringe\nder Festung zur\u00fcckzuziehen. W\u00e4hrend Adellinde bei Hagen blieb, suchten Kalkarib\nund Sieghelm getrennt voneinander vorsichtig die gelichteten Baumreihen nach\nHinweisen ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Kalkarib,\nder noch immer etwas humpelte, da die Verletzung von vor zwei N\u00e4chten ihm etwas\nzu schaffen machte, folgte einer aufgew\u00fchlten Spur bis hinunter zu einem\nFlusslauf. Vorsichtig lie\u00df er sich an den B\u00e4umen den steilen Abhang hinab, um\nsich am Fluss etwas zu erfrischen. Zu seiner \u00dcberraschung war das Wasser des\netwa acht Schritt breiten und flachen Flusses klar, so dass er sich sein\nGesicht damit benetzte, um den Dreck des Schlachtfelds abzusp\u00fclen. Dann\nentdeckte er flussaufw\u00e4rts etwas, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er fand,\nverheddert in den tiefh\u00e4ngenden \u00c4sten einer Kiefer, eine zerfetzte Standarte.\nEr erschrak kurz, als er sie sich n\u00e4her betrachtete, denn sie war mit Blut\nbenetzt und vermeintlich menschliche Eingeweide klebten daran. Doch er erkannte\ndie Farben der Standarte, es waren die des Dettenhofener Siegels, wie sie\nSieghelm ihm beschrieben hatte. F\u00fcr Kalkarib hie\u00df das, dass die die Truppen von\nSieghelms Vater hier entlang gekommen sein m\u00fcssen. Erfrischt vom Fluss und von\ndem Wissen \u00fcber die verhei\u00dfungsvolle Standarte, kletterte er wieder den steilen\nAbhang der Flussuferb\u00f6schung hinauf. Er hielt sich an Wurzeln und \u00c4sten fest,\num sich hochzuziehen. Als er hinter einem Baum hervorkroch und sich hochzog,\ntraf ihn pl\u00f6tzlich die Spitze eines Stiefels an der Schl\u00e4fe. Er sackte\nbesinnungslos zur\u00fcck und fiel zwei Schritt tief auf den harten,\nwurzeldurchzogenen Boden der Flussuferb\u00f6schung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHier, hier hab ich es gefunden.\u201c Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers \u00fcberschlug sich, als er mit seinen dreckigen H\u00e4nden auf eine Stelle am Boden zeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, der genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. 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