{"id":8137,"date":"2018-12-23T14:28:16","date_gmt":"2018-12-23T13:28:16","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8137"},"modified":"2018-12-23T14:42:37","modified_gmt":"2018-12-23T13:42:37","slug":"teil-vi-blut-und-tot-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8137","title":{"rendered":"Teil VI \u2013 Blut und Tot (3)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Bibliothek<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sir-Gneisor-klein.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7950\" style=\"border: 5px solid #000000;\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sir-Gneisor-klein.png\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"117\" \/><\/a>Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umbl\u00e4tterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Ger\u00e4usch vernahm, welches jeder, der B\u00fccher liebte, bis ins Mark ersch\u00fcttern lie\u00df. Durch unachtsames oder zu z\u00fcgiges Umbl\u00e4ttern entstand immer wieder das rei\u00dfende Ger\u00e4usch. Doch in Anbetracht ihrer Situation war es notwendig. <em>Es ist nur eine Abschrift, es ist nur eine Abschrift<\/em> \u2013 dachte sich Halrik jedes Mal wie ein Mantra, das man sich aufsagte, um sich selbst zu beruhigen und zwar jedes Mal, wenn er das Ger\u00e4usch von rei\u00dfendem Papier vernahm. Der Foliant trug den Namen <em>\u201eJenseits der Sph\u00e4ren\u201c<\/em> und hatte keinen bekannten Autor. Es war kein aus einer Feder stammendes Buch oder eine Sammlung verschiedener Abhandlungen \u2013 es war vielmehr eine unsortierte und wie zuf\u00e4llig zusammengeschobene Ansammlung von Tagebucheintr\u00e4gen, Beobachtungen und kurzen Essays. Es gab weder ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis, noch ein Glossar oder Stichwortverzeichnis \u2013 es waren nur sehr viele Seiten kruder Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun hatten. Auch auf dem zweiten Blick ergab nicht jeder Teil einen Sinn. Ein Grundverst\u00e4ndnis vom Vortex musste schon vorhanden sein, um auch nur einen Ansatz verstehen zu k\u00f6nnen, worum es in dem Folianten ging. Es war auch nicht konkret vom Vortex die Rede \u2013 ganz im Gegenteil, das Wort Vortex tauchte kein einziges Mal in dem Buch auf. H\u00e4ufiger war von einem \u201eStrudel\u201c, \u201edem Weltenbaum\u201c oder den \u201eVersto\u00dfenen\u201c die Rede. Dass Sara\u2019kiin die Limbusverschlingerin sich hier in Aventurien befand, war auch eher eine Theorie, die Halrik hatte \u2013 einen genauen Beweis daf\u00fcr hatte er nicht. In drei nicht zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlungen des Buches waren Beschw\u00f6rungsrunen und Symboliken zur Herbeirufung von sogenannten \u201aStrudelbewohnern\u2018 beschrieben worden. In einem gab es sogar konkrete Bilder. Er hatte die Beschreibungen und die Bilder mit den Symbolen verglichen, die Ser Gneisor zusammen mit Geron von Varnyth bei der Eroberung der Festung gemacht hatten. Es gab eine Menge \u00dcbereinstimmungen und Hinweise darauf, dass das Ritual vollzogen wurde. Daraus schloss er, dass sich Saria Fuxfell, die nun unter dem Jenseitigen Namen Sara\u2019kiin bekannt war, herbeigeholt wurde.<\/p>\n<p>Die Seiten flogen genauso wie Halriks Finger \u00fcber einzelne Textpassagen. Er suchte nach Stichw\u00f6rtern, welche vielversprechend klangen: \u201eZur Entschw\u00f6rung der Jenseitigen ist mir nichts bekannt.\u201c Der Finger flog weiter: \u201e \u2026 der Schleier zwischen den Welten ist l\u00f6chrig, niemand vermochte \u2026\u201c Seiten wurden hastig gebl\u00e4ttert, Papier riss: \u201e \u2026 wir zeichneten ein neuneckiges Zauberzeichen und in jede Ecke \u2026\u201c Der Finger rutschte bis ans Ende des Absatzes: \u201e \u2026 in die neunte Ecke das Symbol der Kraft. Was uns fehlte, war \u2026\u201c Erneut suchten Halriks Finger die Ecke um die Seite umzubl\u00e4ttern. Ein brennender Schmerz fuhr in seinen Finger. Er besah ihn sich, Blut quoll aus dem Zeigefinger hervor, denn er hatte sich am Papier geschnitten. Normalerweise h\u00e4tte er jetzt \u2013 die Seiten sch\u00fctzend \u2013 nach einem Verband gesucht, doch daf\u00fcr hatte er keine Zeit. <em>\u201eHesinde verzeih mir\u201c<\/em>, murmelte er und bl\u00e4tterte die Seiten um, dabei beschmierte er alles was er anfasste mit seinem Blut.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er durch die Bibliothekst\u00fcr Kampfger\u00e4uschte. Er zuckte kurz auf und blicke her\u00fcber, sie waren so laut, dass er dachte, dass die Jenseitigen schon hinter ihm standen. Doch die T\u00fcr war unversehrt &#8211; noch. Es war Ser Gneisors Stimme, die er hinter der T\u00fcr vernehmen konnte. <em>Sie opferten dort drau\u00dfen ihr Leben, um mich zu sch\u00fctzen. <\/em>Halriks Flut an Gedanken h\u00f6rte nicht auf. Er musste jetzt etwas finden und zwar sofort. Rote Linien zogen sich wild \u00fcber die Seiten, als Halrik weiter nach Anhaltspunkten suchte und dabei sein Blut quer \u00fcber die Abschrift verschmierte. Der Schmerz zu wissen, dass er dabei das Buch verschandelte, wich dem Schmerz, der in ihm aufkam, als ihm immer mehr bewusst wurde, dass ihm die Zeit davonrannte und alle sterben w\u00fcrden. Halrik bl\u00e4tterte erneut um und \u00fcberflog die Zeilen. \u201e \u2026 dort ist Magie allgegenw\u00e4rtig \u2026\u201c eine Blutrote Linie zog sich quer \u00fcber die Seite. \u201e \u2026 denn alles dort IST Magie &#8211; Grenzenlos\u201c Halrik konnte nicht anders, er wusste nicht wie das helfen sollte, trotzdem las er weiter, als w\u00e4re da eine Stimme in ihm die ihm sagte: Das ist es! Er las die Seite zu Ende, Wort f\u00fcr Wort, jede Zeile verschlang er und nahm sie in sich auf. Auch die n\u00e4chste Seite las er durch \u2013 er verdr\u00e4ngte dabei die immer lauter werdenden Kampfger\u00e4usche. Er gab sich ganz dem Inhalt des Buches hin und verlor sich darin. Zeit und Geschehen um ihn herum wurden Bedeutungslos. Pl\u00f6tzlich ergab alles einen Sinn, sollte es wirklich so einfach sein? Er schlang beide Arme unter den Folianten, hob ihn an und bewegte sich zur Bibliothekst\u00fcr. Von drau\u00dfen vernahm er immer lauter werdendes metallisches Scheppern. Er \u00f6ffnete die Bibliothekst\u00fcr und schritt mit dem Folianten hinaus auf den Gang.<\/p>\n<p>Zu Halriks F\u00fc\u00dfen lag Ser Gneisor, seine R\u00fcstung war verbeult und zerkratzt. Blut quoll aus mehreren Stellen an seiner R\u00fcstung hervor. F\u00fcnf Schritt entfernt erblickte er die schwarze Abscheulichkeit, die beiden K\u00e4mpfer hatten ihr schwer zugesetzt. Zwei Arme fehlten und der sch\u00e4del\u00e4hnliche Teil war zersplittert, aber dennoch hatte es kein bisschen von seiner furchteinfl\u00f6\u00dfenden Aura und t\u00f6dlichen Kampfkraft verloren. Das vertikale Maul des Wesens flatterte schwarze Klumpen verspritzend auf, als es einen gellenden Schrei ausstie\u00df. Halrik atmete. Zwischen zusammengedr\u00fcckten Lippen, zog er k\u00fchle, nach Eisen schmeckende Luft ein. Er f\u00fcllte seine Lungen, bis sie ganz voll waren. Sein Blick fixierte das Vortexwesen. Es kam n\u00e4her und holte mit seinem Oger \u00e4hnlichen Arm zum Schlag aus. Halrik legte den Foliant auf den linken Arm, w\u00e4hrend er die rechte, blutverschmierte, Hand hob. Die Handfl\u00e4che dem Wesen entgegen streckend, wartete er noch einen Moment. Das Vortexwesen war nun nah genug, um ihn zu erreichen. Der Ogerarm holte aus und sauste ihm mit aller Kraft entgegen. Halrik sprach mit ruhiger Stimme: <em>\u201eTa\u2018rian!\u201c <\/em>Der Arm des Abscheulichkeit schlug mit voller Wucht ein, es schepperte und knisterte, doch Halrik blieb unversehrt. Der Arm des Wesens schlug mit der Kraft von drei Ochsen gegen Halriks Hand und prallte dort ab, als h\u00e4tte es gegen eine Wand geschlagen. Die Abscheulichkeit taumelte einen Schritt von der Gegenwucht zur\u00fcck, es war jedoch entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Erneut holte es aus. Halrik \u00e4nderte die Haltung seiner Hand und formte einen Trichter. Er sprach: <em>\u201eCroen t\u00e2n!\u201c <\/em>Noch ehe die Abscheulichkeit erneut zuschlagen konnte, leckten pl\u00f6tzlich dunkelrote Flammen aus der schwarzen Au\u00dfenhaut des Wesens heraus. Es sah aus wie Feuer und doch war es keins. Die gesamte Oberfl\u00e4che des Vortexwesens war von einem Moment auf den anderen davon \u00fcberzogen \u2013 er unterbrach seinen Angriff und schrie schrill auf.\u00a0 Es taumelte hilflos zur\u00fcck. Halrik machte einen entschlossenen Schritt auf das Wesen zu. Die Form seiner Hand \u00e4nderte sich erneut. Er sprach: <em>\u201eDyrnu!\u201c <\/em>Ein dumpfes und lautes Pochen durchdrang den Flur, als die Abscheulichkeit, wie von einem rollenden Baumstamm getroffen, nach hinten geschleudert wurde und prasselnd zu Boden ging. Die dunkelroten Flammen hinterlie\u00dfen auf ihrem Flugweg kleine gl\u00fchende K\u00fcgelchen in der Luft die binnen eines Lidschlags verglommen. Halrik ging weiter voran. Erneut sprach er: <em>\u201eDyrnu!\u201c<\/em> \u2013 doch dieses Mal etwas lauter. Das Vortexwesen hatte keine Zeit sich zu erholen, erneut wurde es wie eine Puppe, die an einem Faden gezogen wurde, durch die Luft geschleudert und bis hindurch zum Fenster gesto\u00dfen. Das Mauerwerk dort zerbrach von der Wucht, die das Wesen mit sich brachte. Fels- und Mauersteine zerstoben in alle Richtungen \u2013 doch anstatt gem\u00e4\u00df ihrer eigentlichen physikalischen Eigenschaften herunter zu fallen, blieben sie alle in der Luft h\u00e4ngen und verharrten an Ort und Stelle und die brennende Abscheulichkeit mit ihnen.<\/p>\n<p>Halrik ging langsam weiter und stand nun neben Ingmar. Das Gesicht des Knappen war aufgeschnitten und nicht mehr zu erkennen. Reglos lehnte er direkt neben ihm an der Mauer. Der Studiosus wandte sich ihm zu, kniete sich hin und besah sich das Gesicht des Jungen. Dann strich er mit seiner Hand \u00fcber die blutverschmierten Haare des Knappen und sprach dabei <em>\u201eIa\u2018chau\u201c. <\/em>Binnen einen Lidschlags schlossen sich die tiefen Verletzungen in seinem Gesicht, das Blut verschwand, als w\u00fcrde es wie von einem Schwamm aufgezogen werden und die gesunde Gesichtsfarbe kehrte zur\u00fcck. Halrik erhob sich und drehte sich wieder zu der Abscheulichkeit, die noch immer au\u00dferhalb der Festung, von schwebenden Felsenteilen umgebend, schwebend verharrte und brannte.<\/p>\n<p>Ingmar erwachte, er zog erstmal viel Luft in seine Lungen und \u00f6ffnete die Augen. Er musste sich erst orientieren und sah sich um. Er musste einen Moment weggetreten sein, dachte er sich und suchte nach Orientierung. Da sah er seinen Herrn nur einige Schritt weiter am Boden liegen. <em>\u201eSer!\u201c<\/em> rief er besorgt und rappelte sich hastig auf. Als er ihn erreichte, erwachte auch Ser Gneisor gerade aus seiner Besinnungslosigkeit. <em>\u201eSer! Was ist geschehen? Wo ist das Vortexwesen?\u201c<\/em> sprach Ingmar hektisch und zog an Gneisors Arm um ihn aufzuhelfen. <em>\u201eWas bei Golgari \u2026 Ingmar?!\u201c<\/em> Gneisor starrte seinen Knappen an, als h\u00e4tte er gerade eben einen Toten gesehen und zog unwillk\u00fcrlich seinen Arm zur\u00fcck. Gneisor musste daran denken, dass wenn man stirbt, einem nahestehende und ebenfalls tote Personen, einem beim \u00dcbergang helfen wollen. <em>\u201eNein Boron, noch nicht!\u201c<\/em> rief Gneisor trotzig und versuchte sich selbst aufzurappeln, doch sein rechter Arm, der abstrakt vom Unterarmgelenk abstand, hinderte ihn daran. Ein pochend hei\u00dfer Schmerz fuhr bis hoch in seine Schulter und sagte ihm ganz deutlich: Du bist noch nicht tot. <em>\u201eIngmar \u2026 du \u2026 dir geht es gut, bei den Zw\u00f6lfen!\u201c<\/em> Gneisors \u00fcberraschter Blick irritierte Ingmar. <em>\u201eIhr m\u00fcsst aufstehen, Ser \u2026 ich helfe euch.\u201c <\/em>Ingmar \u00fcberging die Aussage und zog erneut am heilen Arm des Marschalls. Dieses Mal lie\u00df er sich helfen und beide M\u00e4nner erhoben sich. Gneisor versuchte seine Gedanken zu ordnen, er war sich sicher, dass er Ingmar hatte sterben sehen \u2013 oder hatte er sich etwa geirrt? Sein Blick suchte sein Schwert. Er unterdr\u00fcckte seinen Schmerz im rechten Arm und machte ein paar Schritt den Gang entlang, wo er seinen Anderthalbh\u00e4nder liegen sah. Er b\u00fcckte sich danach und griff mit der linken Hand nach dem Heft des Schwerts.<\/p>\n<p>Da stand er pl\u00f6tzlich vor Ihnen, als w\u00e4re er aus dem nichts aufgetaucht. Studiosus Halrik, in der linken einen dicken Foliant haltend und die rechte darauf gelegt. <em>\u201eHalrik! Du lebst \u2026 wo ist \u2026 \u201c<\/em>\u00a0 platze es aus Ser Gneisor heraus, der erst mitten im Satz realisierte, dass sich der schmale Studiosus ver\u00e4ndert hatte. Beide M\u00e4nner hielten Inne und Ser Gneisor packte den Heft des Schwerts fester.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bibliothek Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umbl\u00e4tterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Ger\u00e4usch vernahm, welches jeder, der B\u00fccher liebte, bis ins Mark ersch\u00fcttern lie\u00df. Durch unachtsames oder zu z\u00fcgiges Umbl\u00e4ttern entstand immer wieder das rei\u00dfende Ger\u00e4usch. 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