{"id":8048,"date":"2018-11-16T14:42:41","date_gmt":"2018-11-16T13:42:41","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8048"},"modified":"2018-11-16T15:56:22","modified_gmt":"2018-11-16T14:56:22","slug":"teil-iv-momentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8048","title":{"rendered":"Teil IV \u2013 Momentum"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sir-Gneisor-klein.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7950 \" style=\"border: 5px solid #000000;\" src=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Sir-Gneisor-klein.png\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"117\" \/><\/a>Die Praiosscheibe hing weit hinter den Wolkenfetzen und lie\u00df diese so rot aufgl\u00fchen, dass man den Eindruck bekam, dass der Himmel bluten w\u00fcrde. \u00dcberall auf den Zinnen der Festungsmauern hatten die Bogensch\u00fctzen und frisch ausgebildeten Infanteristen ihren Platz gefunden. Gustav schritt die Reihen der jungen und alten Soldaten und Rekruten ab. Er sp\u00fcrte, dass viele von Ihnen Angst hatten \u2013 sie wussten zu wenig und gleichzeitig zu viel, um keine Angst zu haben. Auch Gustav war nicht in alle Geheimnisse eingeweiht worden, doch eins war ihm klar \u2013 denn er hatte sich oft mit dem schmalen Studiosus unterhalten, der sehr redselig \u00fcber die Jenseitigen war \u2013 wenn wirklich der Vortex f\u00fcr diesen Wall verantwortlich war, dann war mit dem, was folgte, nicht zu spa\u00dfen. Gustav ertappte sich dabei, wie er an seinem Gl\u00fccksbringer herumfingerte, den er als Amulett um seinen Hals zu h\u00e4ngen hatte. Es war eine kleine Schnitzerei aus Zedernholz, die eine l\u00f6wengesichtige Frau zeigte \u2013 die Heilige Thalionmel. Gustav hatte das Fig\u00fcrchen mal auf dem Markt in Hammerschlag erstanden. Ein Kr\u00e4mer aus dem Ausland hatte sie ihm verkauft. <em>Hilf mir Thalionmel und lass mich heute nicht sterben, doch wenn es sein muss, dann ehrenhaft bei der Verteidigung gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Gegner \u2013 so wie du einst.<\/em> Gustavs stilles Gebet ging rasch. In einem der kleinen Wehrt\u00fcrme umschloss er die kleine Figur mit der ganzen Hand und hielt f\u00fcr einen Moment inne. Dann ging er weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er wollte nicht, dass die Soldaten sehen, wie er betete, denn er glaubte, dass w\u00fcrde ihnen ihr Vertrauen ihn ihn rauben.<\/p>\n<p>Gustav erreichte die Position, an der Lady Brangane Posten bezogen hatte. Er sah noch, wie der in grau geh\u00fcllte Studiosus sich verneigte und r\u00fccklinks ehrf\u00fcrchtig den Platz r\u00e4umte. Offenbar war der \u201akurze Exkurs\u2018 gerade beendet worden. <em>\u201eIch kann nachempfinden wie euch nun zumute ist, MyLady\u201c, <\/em>brummte Gustav im Versuch, sich mit ihr zu verbr\u00fcdern und versuchte unter seinem dichten Bart ein L\u00e4cheln zu zeigen, doch vergebens. Gustav spielte auf den Moment an, als auch er den \u201akleinen Exkurs\u2018 \u00fcber den Vortex von Halrik bekommen hatte. Ihm war danach schwindelig geworden \u2013 und zu allem \u00dcberfluss wurde auch noch sein Weltbild durcheinander gebracht. So recht wollte er all das jedoch nicht glauben, denn immerhin gab es keine handfesten Beweise daf\u00fcr. Selbst jetzt zweifelte er am Wahrheitsgehalt dieser ganzen Vortexgeschichte. Ja, er gestand sich ein, dass es Dinge gab, die seinen Geist \u00fcberstiegen, aber dass es irgendwo eine Kraft gab, die so m\u00e4chtig war, dass sich die G\u00f6tter davor f\u00fcrchteten, das bezweifelte er. Auch jetzt war er sich noch nicht sicher \u2013 vielleicht hatte dieser seltsame Wall nur wieder etwas mit einem misslungenen Zauber zu tun. Die Festung Friedstein war schon einmal von einem misslungenen Zauber gebeutelt worden, warum nicht auch dieses Mal? <em>\u201eBeim heiligen Pferdeschwanz Yppolitas, du wei\u00dft nicht, wie mir zumute ist\u201c,<\/em> entgegnete Lady Brangane trocken im neutralen Tonfall, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Gustav wusste nicht, wie er diese Antwort bewerten sollte und entschied sich daher f\u00fcr ein ergebenen und einfaches: <em>\u201eWie ihr w\u00fcnscht, MyLady.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Gustav blickte \u00fcber die gedrungenen Zinnen hin\u00fcber zum Firmament, der Anblick der roten Wolken und der gl\u00fchenden, fast untergegangenen Praiosscheibe war berauschend. Doch dann traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Die Wolkenfetzen, sie sahen vorhin genauso aus. Hastig suchte er die ferne nach Hinweisen ab, ob sich etwas ver\u00e4ndert hatte. Doch sowohl die Praiosscheibe, als auch die Wolken, sahen noch genauso aus, wie zu dem Zeitpunkt, als er in der Ratskammer stand. Durch das Fenster der Ratskammer hatte er vom Kartentisch aus einen guten Blick nach drau\u00dfen \u2013 und das gesamte Firmament hatte sich nicht ein bisschen ver\u00e4ndert. <em>\u201eBeschissene Magie\u201c, <\/em>entfleuchte es ihm. Brangane sah ihn nur mit einem fragenden Blick an. <em>\u201eDie Praiosscheibe\u201c,\u00a0 <\/em>begann er zu erkl\u00e4ren,<em> \u201e\u2026 sie hat sich seit vorhin nicht bewegt. Der ganze schei\u00df Himmel hat sich nicht bewegt. Die Wolken sehen noch genauso aus, wie vorhin, als wir in die Ratskammer gegangen sind.\u201c <\/em>Gustavs b\u00fcrgerlich f\u00e4kaler Ausdruck schien Lady Brangane nicht zu st\u00f6ren, sie blickte nur ihrerseits zum Firmament <em>\u201eIch kenne mich damit nicht so aus, aber du hast recht.\u201c <\/em>Antwortete sie. Gustav nickte ihr \u2013 oder vielmehr sich selbst \u2013 zustimmen zu. Noch ehe er dar\u00fcber nachdenken konnte, was genau Brangane mit \u201adamit kenne ich mich nicht aus\u2018 meinen konnte, wurde die Ruhe durch einen gellenden Schrei unterbrochen: <em>\u201eSichtung!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Etwa zur selben Zeit eilten Ser Gneisor und der junge Knappe Ingmar scheppernd durch die Treppeng\u00e4nge der Wehrfrieds. Die Erkenntnis, dass sich die Au\u00dfenwelt seit dem unsichtbaren Wall nicht weiter bewegt hatte, hatte Ser Gneisor die Hoffnung genommen, dass Hilfe von au\u00dfen kommen w\u00fcrde und ihn hektisch werden lassen. \u201aAbwarten\u2018 war nun nicht mehr die Strategie, sondern Handeln \u2013 irgendetwas \u2013 und wenn es das falsche war. Aber sie mussten etwas tun. Wenn die Au\u00dfenwelt sich nicht ver\u00e4nderte, das Innere aber schon, waren sie in einer anderen Zeit gefangen. In voller Plattenr\u00fcstung waren die beiden M\u00e4nner nicht ganz so schnell unterwegs, doch daf\u00fcr umso lauter. Bei ihrem Weg nach unten rannten sie fast einen Diener \u00fcber den Haufen. <em>\u201eEntschuldigung!\u201c, <\/em>rief Ingmar noch kurz, als das silberne Tablett des Dieners nicht minder scheppernd zu Boden fiel. Sein Anstand befahl es ihm, auch wenn es in Anbetracht der Situation und seines Standes nicht n\u00f6tig war. Gneisor eilte voraus, er erreichte gerade den letzten Treppenabsatz, als er mit der ganzen Wucht seines Gewichts, plus das seiner R\u00fcstung, gegen etwas gegen schepperte. Doch Gneisor hatte mehr Bewegungsmoment als das getroffene Objekt. Der Ritter kam nur kurz ins Straucheln, fing sich dann aber an einem massiven Fackelhalter ab. B\u00fccher und Pergamentrollen stoben unkontrolliert durch den Gang \u2013 die in eine graue Robe geh\u00fcllt Gestalt flog mit der Wucht eines Baumstamms der von einem Stapel rollte gegen \u2013 den G\u00f6ttern sei Dank \u2013 weiches Kanapee im Gang. Es rumpelte und schepperte, einzelne Bl\u00e4tter aus den B\u00fcchern zerrissen in der Luft und gingen wie Federn langsam nieder. <em>\u201eAaaauuu!\u201c, <\/em>quiekte Halrik, der mit Schmerzen in allen Gliedern zu Boden sank. Ingmar sauste an seinem Herrn vorbei, er eilte zu Halrik und half ihm auf. <em>\u201eBei der Leuin, geht es euch gut?\u201c, <\/em>erkundigte er sich besorgt. <em>\u201eAuu! Die Leuin hat rein gar nichts damit zu tun!\u201c, <\/em>keifte Halrik in einem ungewohnt aggressiven Ton zur\u00fcck, doch ein leichtes Wimmern hing noch in seinem Unerton. <em>\u201eEntschuldigt euch lieber bei der Herrin des Wissens, dass ihr so ein heilloses Durcheinander verursacht habt. Seht euch das an!\u201c <\/em>Seine eigene Prellung ignorierend, st\u00fcrzte sich Halrik auf die zerfledderten Pergamentrollen und zerknautschen Ledereinb\u00e4nde. Auch Ser Gneisor hatte sich wieder gefangen und hob eins der B\u00fccher auf. Seine Finger tasteten \u00fcber einen zerdr\u00fcckten Buchr\u00fccken. <em>\u201eHalrik, du musst die Abschrift aus der alten Senne weiter durchsehen \u2013 wir haben ein Problem\u201c, b<\/em>egann der Marschall. <em>\u201eDie Abschrift ist, Hesinde sei Dank, gut verschlossen und sicher vor marodierenden Rittern in der Bibliothek.\u201c <\/em>Ser Gneisor blickte verdattert zu dem Studiosus. Hatte der Junge ihn etwa gerade angefahren? Er lernte heute ganz neue Seiten des jungen Gelehrten kennen. Ser Gneisor entschloss sich, den Seitenhieb zu \u00fcbergehen, es gab jetzt weitaus wichtigeres. <em>\u201eIch komme gleich zur Sache, der Raum und die Zeit um uns herum wurden angehalten. Die Praiosscheibe bewegt sich nicht mehr. Wir k\u00f6nnen ergo auf keine Hilfe von au\u00dfen hoffen. Du musst in den alten Schriften nachsehen, ob darin etwas dergleichen schon einmal erw\u00e4hnt wurde und wie wir es beenden k\u00f6nnen.\u201c <\/em>W\u00e4hrend Ingmar weiter beim Einsammeln der Schriftrollen half, streckte sich Halrik langsam hoch, den Schmerz in seiner H\u00fcfte weiter ignorierend. Sein Blick traf den des Ritters. <em>\u201eIm Namen der Zw\u00f6lfe \u2026 das ist \u2026\u201c \u201eL\u00f6sbar!\u201c, <\/em>warf Gneisor ein, noch bevor Halrik antworten konnte. <em>\u201eUnd du bist unser einziger Mann hier, der diese Schrift lesen und die B\u00fccher entziffern kann \u2013 DU \u2013 Halrik \u2013 wirst uns hier rausholen.\u201c <\/em>Ser Gneisor trat auf den Gelehrten zu und legte seine in Plattenhandschuhe geh\u00fcllten H\u00e4nde auf dessen schmale Schultern, die darunter verschwanden. Der Blick des Ritters durchdrang die \u00e4u\u00dfere d\u00fcnne H\u00fclle Halriks und traf ihn direkt ins Mark.<\/p>\n<p><em>Ich?!<\/em> <em>Ausgerechnet ich soll f\u00fcr die Rettung aller verantwortlich sein?<\/em> &#8211; Durchschoss ein Gedanke den Studiosus. Gneisors Worte packten Halriks Ehrgeiz am Kragen und sch\u00fcttelten ihn wach. <em>\u201eIch muss in die Bibliothek.\u201c <\/em>sagte er ernst. Ser Gneisor war froh, den Knaben wieder auf Spur gebracht zu haben und nickte ihm anerkennend zu. <em>\u201eGeh, wir werden drau\u00dfen bei der \u2026\u201c <\/em>begann Ser Gneisor, doch er wurde vom Ruf des Knappen unterbrochen. <em>\u201eSER!\u201c<\/em> die Stimme des Knappen vibrierte f\u00f6rmlich. Halrik und Gneisor blickten erschrocken zu ihm, er stand ein paar Schritt neben Ihnen in Richtung eines Fensters. Der Knappe lie\u00df die Pergamente und Schriftrollen fallen und griff gerade nach seinem Kurzschwert. Das rotorange Licht im Gang verfinsterte sich, als sich ein m\u00e4chtiges, abscheuliches Wesen durch die Fenster\u00f6ffnung dr\u00fcckte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Praiosscheibe hing weit hinter den Wolkenfetzen und lie\u00df diese so rot aufgl\u00fchen, dass man den Eindruck bekam, dass der Himmel bluten w\u00fcrde. \u00dcberall auf den Zinnen der Festungsmauern hatten die Bogensch\u00fctzen und frisch ausgebildeten Infanteristen ihren Platz gefunden. Gustav schritt die Reihen der jungen und alten Soldaten und Rekruten ab. Er sp\u00fcrte, dass viele &hellip; <a href=\"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=8048\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eTeil IV \u2013 Momentum\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[96,95],"class_list":["post-8048","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gruppe-teehaus","tag-friedstein","tag-schicksalspfade-ii"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8048","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8048"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8051,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8048\/revisions\/8051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}