{"id":6243,"date":"2015-01-15T11:07:39","date_gmt":"2015-01-15T10:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=6243"},"modified":"2015-01-15T22:48:45","modified_gmt":"2015-01-15T21:48:45","slug":"nur-noch-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=6243","title":{"rendered":"Nur noch einmal &#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tagebucheintrag zum 30. Tsa 1012<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur noch einmal schlafen. Nur noch einmal Ruhe finden. Nur noch einmal &#8230; das Leben genie\u00dfen &#8211; so gilt es zumindest f\u00fcr die anderen. Ich selbst brenne auf den morgigen Tag, denn die Schlacht ist nur noch wenige Stunden entfernt und mit ihr kommt die Erkenntnis. Erkenntnis \u00fcber Sieg oder Niederlage, Erkenntnis \u00fcber ein mysteri\u00f6ses Schriftst\u00fcck und Erkenntnis dar\u00fcber, wer von den G\u00f6ttern abberufen wurde und wer weiter zu k\u00e4mpfen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir werden im Morgengrauen aufstehen und uns kampfbereit machen, schon jetzt sp\u00fcrt man die Nervosit\u00e4t, die Furcht und die Wut, die in den B\u00e4uchen und K\u00f6pfen der M\u00e4nner und Frauen steckt. Die meisten ertr\u00e4nken diese Gef\u00fchle in Unmengen von Schmalbier und zahllosen Bechern verl\u00e4ngertem Liebfeldischen. Es ist wohl besser so, denn jeder, der klaren Verstandes w\u00e4re, w\u00fcrde jetzt lieber sein kostbarstes Hab und Gut hergeben, um woanders sein zu k\u00f6nnen, anstatt hier &#8211; auf den marschigen Landen der Silkwiesen, nur einen Bollenflug entfernt von einem Heer aus stinkenden Schwarzpelzen, die brennend und marodierend durch unsere kaiserlichen Landen ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selbst habe mein Testament verfasst, beim Herrn Phex, ich habe wahrlich schon bessere geschrieben &#8211; du wei\u00dft es &#8211; und dies mieses Schriftst\u00fcck soll nicht mein letztes gewesen sein. Die Schrift krakelig, die Form zum Haare raufen und das Pergament fleckig vom l\u00e4stigen und nicht mehr aufh\u00f6ren wollenden Schwei\u00dftrieb der H\u00e4nde, welcher mich seit Tagen begleitet. Gesetzt dem Fall mein Testament wird nicht gefunden, so soll der, wer dies Tagebuch findet und liest, wissen, dass ich einige Zeilen darin niederschrieb, dass derjenige, der es findet und an meinen Familiensitz in Dettenhofen \u00fcberbringt, eine gute Belohnung erh\u00e4lt. Im Moment befindet es sich im Besitz von Gerion Hullheimer, dem pers\u00f6nlichen Buchhalter von Oberst Giesbert Graf von Bruck, dem Anf\u00fchrer des II. Garether Freiwilligenregiments. Mein Angebot, dass ich auch f\u00fcr die Rekruten meines Haufens ein Testament verfasse, wurde dankend abgelehnt. Entweder sind es alle t\u00f6richte Narren, die glauben alles und jeden zu \u00fcberleben, oder wahrlich mutige Recken, die denken, wenn man sich einmal mit seinem eigenen Tod befasst es der Herr Boron leichter hat seine Liste abzuarbeiten. Ich bleibe und sehe das Ganze lieber n\u00fcchtern, mit klarem und scharfen Verstand. Die meisten dieser Mannen besitzen nicht mehr als das blutbefleckte Gold in ihren Geldkatzen und haben somit auch nicht viel zu verlieren. Im Falle meiner Abberufung gilt es jedoch allerhand abzuwickeln und zu erledigen &#8211; immerhin steht und f\u00e4llt mit mir ein ganzes Handelshaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern erreichte mich \u00fcber Dero, dem kleinen Jungen, von unbekannter Quelle ein nicht unterzeichnetes Schriftst\u00fcck, welches mir zusicherte nach Greifenfurt geschickt zu werden &#8211; so ich diese Schlacht \u00fcberleben sollte. Dem Federschwung nach zu urteilen ist der F\u00fchrer des G\u00e4nsekiels ein Mann &#8211; was die KGIA Agentin Sartassa wohl ausschlie\u00dft. Doch wer m\u00f6chte mir in den letzten Stunden vor der Schlacht auf diese Weise Mut machen? Der Graf von Bruck vielleicht? Dieser k\u00f6nnte es mir jedoch selbst sagen, immerhin sehen wir uns fast jeden Abend. M\u00f6glicherweise Hauptmann Alrik vom Blautann und vom Berg? Unsere Blicke kreuzten sich gestern kurz, als ich auf dem Weg zum Regimentszelt war. Vielleicht mein Vetter, Prinz Parzalon? Seine Handschrift h\u00e4tte ich jedoch erkannt &#8211; immerhin kenne ich die Schrift seines Lehrers sehr gut, Meister Gasparyn von Varnyth h\u00e4tte ihm niemals ein derart geschn\u00f6rkeltes &#8222;W&#8220; beigebracht. Oder eventuell doch der Reichserzmarschall Helme Haffax? Doch welchen Grund sollte er haben ausgerechnet mir einen anonymen Brief zu schreiben? Mir bleibt wohl nichts anderes \u00fcbrig, als bis nach der Schlacht zu warten. Auch wenn es wahrlich anderes gibt wor\u00fcber ich mich derzeit den Kopf zerbrechen sollte, so verl\u00e4uft ein Gro\u00dfteil meiner Gedankenkraft dahin, Licht in dies nebul\u00f6ses R\u00e4tsel zu bringen, welches dieses kleine Schriftst\u00fcck umgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie immer schlie\u00dfe ich mein Tagebuch mit dem Gedanken und den Gebeten an Euch, meine geliebte Frau, meine teuerste Tochter und meine verehrte Frau Mutter. M\u00f6gen die G\u00f6tter Euch weiterhin sch\u00fctzen, auf dass Ihr den Widrigkeiten standhaltet, so wie die Mauern Greifenfurts der Belagerung standhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebucheintrag zum 30. Tsa 1012 Nur noch einmal schlafen. Nur noch einmal Ruhe finden. Nur noch einmal &#8230; das Leben genie\u00dfen &#8211; so gilt es zumindest f\u00fcr die anderen. Ich selbst brenne auf den morgigen Tag, denn die Schlacht ist nur noch wenige Stunden entfernt und mit ihr kommt die Erkenntnis. 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