{"id":2816,"date":"2012-11-16T11:07:19","date_gmt":"2012-11-16T10:07:19","guid":{"rendered":"http:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=2816"},"modified":"2013-12-28T15:13:40","modified_gmt":"2013-12-28T14:13:40","slug":"erwartung-realitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teehausgeschichten.de\/?p=2816","title":{"rendered":"Erwartung &#8211; Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Nachdem Tarsus und Galwina, ein Ehepaar aus einer alteingesessenen Garether Schreinerfamilie, sich durch pl\u00f6tzlich massiv ausbleibende Kundschaft von Phexens Segen verlassen sahen, beschlossen sie schweren Herzens nach Beratung mit einem Ingerimm\u00adgeweihten ihr Gesch\u00e4ft zu schlie\u00dfen, ihre tragbaren Habseligkeiten mitzunehmen und ihr Gl\u00fcck in einer anderen Stadt zu suchen. Geschichten von einer Stadt weit im S\u00fcden trug der Wind zu ihnen. Jeder h\u00e4tte dort die Chance, sein Schicksal durch Phexens Segen und harte Arbeit selbst in die Hand zu nehmen und sogar in Adelsgefilde aufzusteigen. Ein Schmelztiegel aus Kulturen aller Herren L\u00e4nder bef\u00e4nde sich dort und w\u00fcrde jeden, egal woher, mit offenen Armen empfangen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Also sammelten sie ihr letztes Erspartes zusammen und so machten sich Tarsus samt Frau und seinen drei Kindern Orestas, Drenor und Bregor auf den langen und beschwerlichen Weg in die reichste Stadt Aventuriens, die Perle des S\u00fcdens &#8211; genannt Al&#8217;Anfa.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Vielerlei Gefahren begegneten sie auf dem Weg dorthin; doch diese sollen hier nicht erz\u00e4hlt werden, schlie\u00dflich kamen sie alle nach zwei Monden wohlbehalten dort an. Bei ihrer Ankunft, ersch\u00f6pft und ausge\u00admergelt von der langen Reise, bot sich ihnen ein ganz anderes Bild. Die Stra\u00dfen seien aus Gold, selbst der armste Bettler tr\u00fcge noch ein Diamantenring, so die Geschichten. Doch ihnen wurde nur recht unsanft von der Stadtgarde erkl\u00e4rt, sie k\u00f6nnten in der Gosse schlafen. Desillusioniert verbrachten sie ihre ersten Nacht in der Stadt des Geldes auf hartem, feuchten Pflasterboden.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Die n\u00e4chsten Jahre waren nicht leicht f\u00fcr die Familie. Sie konnten sich jedoch trotz aller Widrigkeiten mit kleineren Reparaturarbeiten in den Slums der Brabaker Baracken \u00fcber Wasser halten, wo sie die Arbeit gegen Nahrung und Gegenst\u00e4nde des allt\u00e4glichen Bedarfs eintauschten. Sie konnten sich sogar eine kleine H\u00fctte mit auf diese Art und Weise zusammengekauften Brettern bauen und im Elend eine kleine Oase beschedenen Luxus&#8216; schaffen. Ein Jahr nach ihrer Ankunft wurde Galwina sogar schwanger und brachte im Jahr 1009 B.F. einen kleinen Sohn zur Welt, den sie auf den Namen Vard&#8217;Han tauften.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Als Vard&#8217;Han f\u00fcnf G\u00f6tterl\u00e4ufe z\u00e4hlte, wurde das Gl\u00fcck der Familie noch einmal auf eine harte Probe gestellt, denn seine Mutter erkrankte an einer schweren unbekannten Krankheit; und der einzige Quacksalber, den sie sich leisten konnten, war nicht imstande, sie zu retten, sodass sich durch ihren Tod ein finsterer Schleier \u00fcber die Familie Vard&#8217;Hans legte. Fortan erzog Tarsus seine Kinder mit harter aber liebender Hand, und sie wuchsen zu stattlichen Recken heran.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">So wuchs Vard&#8217;Han unter \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen in den Slums Al&#8217;Anfas auf. Er half zuhause mit seinen Br\u00fcdern aus, wo er konnte, doch trotz aller Bem\u00fchungen konnte er nicht den tragischen Schicksalsschlag verhindern, den seine Familie an einem hei\u00dfen Rahjatag im Jahre 1021 B.F. ereilte.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Vard&#8217;Han war gerade am Hafen auf der Suche nach Nahrung, als sein Heim von Bluthunden Zornbrechts [skrupellose Sklavenj\u00e4ger Anm. d. Verf.] \u00fcberfallen wurde. Als er an diesem Abend nach Hause kam, sah er schon von weitem eine Rauchs\u00e4ule aufsteigen, die von seinem lichterloh brennenden Heim, seinem Zuhause stammte. Er rannte so schnell er konnte, doch er kam zu sp\u00e4t; Seinen Vater konnte er noch gerade so retten, doch sp\u00e4ter verstarb er, da er zu viel Rauch einatmete. Die H\u00fctte zu Asche verbrannt, machte er nur drei verkohlte Leichen aus, nicht wissend, dass es drei Sklavenj\u00e4ger waren; seine Br\u00fcder befanden sich bereits in den H\u00e4nden der Zornbrechts.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Ohne Kenntnis, wer f\u00fcr diese Katastrophe verantwortlich war [n\u00e4mlich sein Bruder Orestas, der einen ersten unkontrollierten Ausbruch seiner arkanen Kr\u00e4fte erlebte; Anm. d. Verf.], rannte er den ganzen Abend weinend und verzweifelt durch die Stra\u00dfen Al&#8217;Anfas. Die Umgebung verschwamm unter den Tr\u00e4nen w\u00e4hrend er durch die Stra\u00dfen st\u00fcrmte. Und er rannte und rannte, bis das Licht des Tages sich in die D\u00e4mmerung zum Dunkel der Nacht verkehrte und seine Lungen brannten, wie mit Glut gef\u00fcllt und er keuchend und schluchzend auf die Knie fiel. Er hockte noch lange im Halbdunkel, bis seine Augen trockneten. Als er sich umsah, wohin er denn in seinem Wahn gerannt war, vernahm er nur ihm unbekannte Strukturen; in diesem Teil der Stadt war er noch nie gewesen.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Im fahlen Licht des Madamals, das gerade aufging, vernahm er die Strukturen reich geschm\u00fcckter H\u00e4user; Marmor wechselte sich mit silbrig gl\u00e4nzenden Kuppeln ab. Die gro\u00dfen Villen schienen sich gegenseitig in ihrer Detailtreue \u00fcberbieten zu wollen, denn eines war pr\u00e4chtiger ausgestattet als das andere. Der junge Al&#8217;Anfaner bemerkte, dass er an einer Kreuzung kniete, die von einem rautenf\u00f6rmig konstruierten runden Holzgestell umrundet war, das von Rosen umrankt wurde. Als er seinen Blick weiter schweifen lie\u00df, sah er, dass in den Viertelkreisen, die von mit feinem Mosaik gepflastertem Weg und dem Rosengatter geformt wurden, leicht angerundete Marmorb\u00e4nke standen. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-size: small;\">Pl\u00f6tzlich durchfuhr in ein eiskalter Schauder, als er realisierte, dass auf einer dieser B\u00e4nke eine Gestalt sa\u00df. Es war offenbar ein junger Mann mit langer schwarzer Kutte, sein Gesicht teils von einer Kapuze verh\u00fcllt. Am Rand der Kapuze schauten ein paar lange dunkle Haarstr\u00e4hnen heraus. Die Augen hatten einen ernsten Blick und seine Haut war bleich. Doch irgendwie f\u00fchlte Vard&#8217;Han, dass ihm von dieser Person keine Gefahr drohte, sie wirkte wie ein alter vertrauter, auch wenn er ihm noch nie begegnet war. Die gestalt musterte ihn noch kurz, dann erhob er sich und sprach mit tiefer sanfter Stimme: \u201eIch denke, wir haben einander genug gemustert, nicht wahr? Eigentlich sollte hier niemand unbefugtes herumwandern, aber wenn die Garde dich bisher nicht bemerkt hat, bringt es wohl auch nichts, sie nun zu rufen, findest du nicht auch?\u201c Vard&#8217;Han nickte nur verst\u00f6rt und nach einigem Z\u00f6gern. \u201eDie H\u00f6flichkeit gebietet es wohl, dass wir einander vorstellen. Du kannst mich Amir nennen.\u201c Dabei schritt Amir l\u00e4chelnd auf ihn zu und reichte dem immernoch auf dem Boden knienden Vard&#8217;Han die Hand. Hastig rieb er sich seine dreckigen Handfl\u00e4chen an seinem nicht unbedingt saubereren Lumpen ab und reichte der schm\u00e4chtigen Gestalt die rechte Hand, die ihm mit einem erstaunlich kr\u00e4ftigen Zug hinaufhalf.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">Du hast mir immernoch nicht deinen Namen verraten.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">V-v-v-vard&#8217;han\u201c stammelte ebendieser.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">Nun, Vard&#8217;Han, ich denke, du solltest mir erz\u00e4hlen, was dich hierherbringt. Lass uns doch dabei ein wenig spazieren gehen. Ich genie\u00dfe meine freie Zeit immer sehr, und ein kleiner Spaziergang an lauen Sommerabenden l\u00e4sst einen die eigenen Sorgen immer ein wenig vergessen, findest du nicht?\u201c<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Tarsus und Galwina, ein Ehepaar aus einer alteingesessenen Garether Schreinerfamilie, sich durch pl\u00f6tzlich massiv ausbleibende Kundschaft von Phexens Segen verlassen sahen, beschlossen sie schweren Herzens nach Beratung mit einem Ingerimm\u00adgeweihten ihr Gesch\u00e4ft zu schlie\u00dfen, ihre tragbaren Habseligkeiten mitzunehmen und ihr Gl\u00fcck in einer anderen Stadt zu suchen. 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